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Vom einfachen Gemüt

Verfasst: Dienstag 9. Juli 2013, 19:01
von Fidelias Erlengrund
        • Wem Sie will rechte Gunst erweisen
          Den schickt Sie in die weite Welt,
          dem will Sie Ihre Wunder weisen
          in Berg und Tal und Strom und Feld.
Es war heiß, als ich das erste Mal seit Wochen den Fuß auf festen Boden setzte. Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt und drückte erbarmungslos die Hitze ins Dorf, wo diese sich staute und das Atmen zudem erschwerte, trotz lauer Brise von der See her.
Unglaublich. Der Kapitän sollte Recht behalten mit seiner Einschätzung, dass ich zunächst mit einer wankenden Erde unter mir zu rechnen hatte.
„So ist es meist, wenn man zu lang auf See war“, hatte er mir erklärt.
Landkrank nannte er das. Ich hatte ihm nicht glauben wollen, es für Seemannsgarn gehalten. Jetzt kämpfte ich mit meinem Gleichgewicht und der aufkommenden Übelkeit. Es war ungefähr so, wie in den ersten Tagen auf dem Schiff. Nur wurde es dort seekrank genannt. Insgeheim fragte ich mich, was die Götter sich dabei dachten, ihre Diener mit derartigem zu quälen. Ich setzte mich eine Weile auf einen der Poller, an denen die Schiffe festgemacht wurden, mein spärliches Reisegepäck neben mir auf dem Steg.

Für eine Weile ließ ich das Dorf auf mich wirken, an dem wir angelegt hatten. Es war nicht der Ort, an den ich reisen hatte wollen, beschloss aber nach mehreren Wochen auf See den Rest des Wegs lieber zu Fuß fortzusetzen. Laufen war ich gewohnt. Im Freien zu übernachten ebenso. Auf der Jagd nach einem bestimmten Wild war man oftmals tagelang unterwegs. Es kümmerte mich wenig, wenn es regnete, oder ob die Sonne schien. Für alles gab es eine Lösung. Entweder baute man sich selbst einen trockenen Lagerplatz, oder man fand einen. Oder man suchte den Wald auf, um der sonnigen Hitze zu entfliehen. Möglichkeiten gab es genug. Man musste nur findig genug sein.
Als ich mich meinte genug an das Schwanken der Welt gewöhnt zu haben, stand ich wieder auf, hob noch einmal grüßend die Hand gen Schiff und machte mich auf den Weg. Ich hatte nur eine grobe Vorstellung, wo ich lang musste, also fragte ich den Nächstbesten freundlich nach der Richtung, in die ich mich für mein Ziel zu wenden hatte. Natürlich hatte ich einiges von dem Kapitän gehört über das Dorf, ihn fleißig ausgefragt, was mich erwartete, und so war ich vorsichtig und wachsam. Es war gut möglich, dass ich an die falsche Person geriet mit meiner Frage. Also wählte ich einen der Händler aus, die sicherlich eher auf ein gutes Geschäft hofften, als darauf irgendwen zu vergraulen. Mit meiner Einschätzung sollte ich auch Recht behalten.
„Kommt bald wieder, Herr!“ rief er mir noch nach. „Aber sicher“, entgegnete ich gut gelaunt, und ging meiner Wege. Mein erster Gang führte mich nach Schwingenstein. Ich stand eine Weile da und bewunderte das Kloster und die Kirche davor. Zumindest tat ich das solange, bis die Wachen mich schon fast bösartig anstarrten, weil ich derart auf dem Vorplatz herumlungerte. Vielleicht kam ich in einigen Tagen nochmal her, um mich auch in die Kirche hinein zu begeben. Auf See gab es nicht so viele Möglichkeiten einen geweihten Platz der Herrin aufzusuchen. Ich war es Ihr schon viel zu lange schuldig geblieben mich mal blicken zu lassen.

        • Die Bächlein von den Bergen springen,
          die Lerchen schwirren hoch vor Lust;
          was sollt ich nicht mit ihnen singen
          aus voller Kehl und frischer Brust?
Ich bummelte durch die beschauliche Siedlung und sah mich neugierig um. Obschon es mehr einem Dorf glich, gab es hier offenbar auch herrschaftlichere Behausungen, viel zu fein für unsereins. Nichts desto trotz hatte die Klostersiedlung durchaus ihren ganz eigenen Charme, der mir schon gefiel.
Ich erfrischte mich an dem Brunnen, als ich vorbeikam und verweilte dort einige Augenblicke. Eilig hatte ich es nicht. Es gab niemanden, der mich erwartete. Den Apfel, den ich mir unterwegs vor einem der herrschaftlicheren Häuser gemopst hatte, Temora vergelte es mir, verzehrte ich ebenfalls und stillte damit den ersten Hunger. Der Tag gefiel mir. Bislang war er friedlich und freundlich verlaufen. Nach gut einem halben Stundenglas Rast, las ich meine Tasche auf und schulterte sie, um weiter zu gehen. Sehr weit kam ich allerdings nicht. Gleich zwei Häuser weiter hörte ich zufriedene Schafe blöken, mittig in der winzigen Herde, stand eine junge Frau, die sich gerade redlich um die Tiere bemühte. Ein netter Anblick, der mir gut gefiel. Sehr malerisch mit den Bäumen dahinter. Vielleicht etwas für ein Stück gutes Holz, dass das Bild bereit war wiederzugeben, wenn man es betrachtete. Ich sollte mal wieder schnitzen.
„Schöne Schafe habt Ihr da“, bekundete ich. Ein freundliches Wort gab das nächste, es folgte eine kleine Arbeit, die sich leicht verrichten ließ für mich, und im Austausch dazu erhielt ich einen Satz neue Kleider, die besser waren als die Lumpen, die ich bei und an mir trug. Vielleicht war das auch mitunter der Grund, warum die Wachen so ungeduldig wurden, als ich das Kloster bewunderte. Natürlich war mir klar, dass sie keine Bittsteller abwiesen, aber gern gesehen waren sie nicht.
Was gäbe ich darum die Fertigkeit zu beherrschen meine Sachen zu flicken. Dann sähen sie vermutlich heute nicht so alatarerbärmlich aus. Einerlei. Das freundliche Fräulein schickte die Herrin, ich besaß neue Kleidung, die noch dazu praktisch war und nicht mit Tand versehen war, mit dem ich ohnedies nichts anzufangen wusste. Es schien mir ganz so, als könnte mich das junge Ding gut einschätzen, zumindest was die Wahl der Kleidung anging. Ich bedankte mich herzlich, verstaute meine neue Habe in meiner Tasche und versprach alsbald die Gegenleistung dafür zu erbringen.

        • Der Göttin treu lass ich nur walten,
          der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
          und Erd und Himmel will erhalten,
          hat auch mein Sach aufs Best bestellt.
Ich kehrte zunächst zurück ins Fischerdorf, suchte mir eine Unterkunft, die ich mir mit meinen spärlichen Münzen noch leisten konnte, und gab mich dort für einige Stunden der Rast hin. Etwas erfrischt und um einiges ausgeruhter verließ ich das Zimmerchen einiges später wieder, um endgültig aufzubrechen zu meinem gewählten Ziel. Am Dorfausgang sah ich ein Mädchen stehen, die ihrer Kleidung entsprechend entweder verarmt war oder aber ihre Eltern wert darauf legten, die guten Sachen nicht zu ruinieren, wenn sie draußen spielte. Ich bot ihr einen Apfel an, den ich noch bei mir trug und lächelte, setzte meinen Weg dann fort.
Nicht gerade um Heimlichkeit bemüht, folgte sie mir einfach nach und fragte, wohin mich mein Weg führte. Ich sagte es ihr, und sie lief mir weiter hinterher. Was ich dort, wo ich hinwollte, vorhätte, folgte wenig später die Frage. Abermals gab ich freundlich Auskunft, warum nicht. In der Stadt dann trennten sich unsere Wege. Ihren Namen hatte ich nicht erfahren, aber wohl das Gefühl, dass die Kleine zumindest ein wenig Vertrauen fasste, nachdem ein Reiter am Stadttor uns beinahe über den Haufen geritten hätte in seiner Eile, und ich erst einmal nachsah, ob ihr etwas fehlte und den jungen Mann zu Pferde mahnte, seine Zeitnot auf die Wege außerhalb der Stadt zu verlegen, wenn er nicht wollte, dass harmlose und unschuldige Passanten zu Schaden kamen. Er entschuldigte sich, erkundigte sich höflich, ob es niemandem an etwas fehlte, dann zogen sowohl wir, als auch er unserer Wege.
Vielleicht sah ich das Kind mal wieder, ich nahm mir jedenfalls vor einen Apfel dabei zu haben, sollte es sich fügen.

Mein Weg führte mich in ein beachtliches Gebäude. Vermutlich würde ich mich darin verlaufen, wenn es ganz übel verlief. Allerdings hatte ich das Glück, dass nach Eintritt in den Palast, denn so wirkte die massive Größe auf mich, nur wenig Türen von dem Gang fortführten. Bei einer Türe erfolgte keine Reaktion, die zweite brachte mir ein freundliches „Herein“ ein.
Ich betrat also die Räumlichkeit dahinter, schloss leise die Türe und sah mich einem jungen Ding gegenüber, die mich interessiert anschaute. Höflichkeiten fanden ihren Austausch, die Frage folgte, die kommen musste: „Was ist Euer Begehr?“ „Eine neue Heimat zu finden, gedenke ich“, lautete die Antwort, und es folgte ein längeres anregendes Gespräch mit positivem Ausgang für mich, auch wenn ich mich noch in Geduld fassen musste, bis das Pergament mich erreichen sollte, welches ich erhoffte direkt zu erhalten. Aber wie die Geschicke der Welt eben manches Mal lagen, war es so einfach nicht.

Eine Nachricht sollte ich erhalten, also ging ich fortan täglich bei dem Hauswirt der Herberge an der Brücke vorbei und erkundigte mich, ob bereits eine solche für mich eingetroffen sei, und enttäuscht wieder fort, wenn er verneinte.

Das junge Mädchen sollte ich in diesen Tagen noch einmal wieder treffen. Anstatt aber meinen Apfel an sie zu überreichen, erhielt ich im Gegenzug zum ersten Obststück einen frischgepflückten Pfirsich.
„Damit sind wir jetzt quitt“, versicherte sie mir. Die Kleine amüsierte mich mit ihrer unbedarften Art, in der sie schilderte, dass sie ganz viele Früchte verkaufen wollte, um sich später einmal ein eigenes Haus erwerben zu können. Drolliges Ding. Und offenbar sehr erfolgreich darin Unterschlupf zu finden. Denn wie ich herausfand wohnte sie nicht etwa bei ihren Eltern, sondern bei Freunden, wie sie sagte. Gut so. Ich war es zufrieden, auch wenn ich selbst noch keine Bleibe mein Eigen nennen konnte. Aber mit der Zeit würde sich das schon finden.
Nach der kleinen erfreulichen Begegnung zog ich wieder meiner Wege, um mich kundig zu machen, wo hier die Wildwechsel verliefen, und mich mit der Gegend vertraut zu machen. Ich hatte etwas Proviant dabei und das Nötigste, was ich brauchte, falls ich im Freien übernachten sollte. Falls es denn allzu spät wurde für einen Rückweg in die Stadt, wollte ich nicht ganz ohne da stehen.
Ein kleines Liedchen pfeifend verzog ich mich in den Wald und dachte nochmals zurück an den Tag, an dem ich die Stadt das erste Mal in meinem Leben betreten hatte, oder vielmehr an den Abend danach.

In der Stadt hatte ich von einem Geschichtenabend gehört und nach vielfachem Nachfragen, wo das Lamm denn zu finden sei, fand ich auch den Weg dorthin. Als ich eintrat, war die Geschichte zu meinem Bedauern schon in vollem Gange. Ich hatte also den Anfang verpasst. Nun gut, war es wie es war, ich suchte mir auf Anraten der Wirtin einen Platz und lauschte zunächst einmal ihren getreulich aufgezählten Regeln für den Abend. Die verwirrten mich ehrlich gesagt zunehmend, aber wer neu war in den Landen, der versuchte sich ja bestmöglich anzupassen und sich mit den Sitten vertraut zu machen. Auch wenn mir diese reichlich cabezianisch vorkamen.
Ich suchte mir also einen Platz, setzte mich hin und bekam wenig später schon eine köstliche Pilzsuppe, etwas Brot und ein Getränk gereicht. Es erfüllte mich ein wenig mit Unwohlsein, da ich mir die Mahlzeit mit Sicherheit nicht mehr leisten konnte, was ich auch der Wirtin direkt gesagt hatte, auch, dass ich nur zum Zuhören gekommen war, aber scheinbar schien es sie wenig zu kümmern. Ich schuldete am Ende des Abends also etwas und würde mir dafür wohl etwas einfallen lassen müssen. Nun gut, sei es drum.
Während ich der Geschichte lauschte, sah ich mich unter den Gästen im Schankraum um. Auch die Damen und den Herren am Tisch nahm ich beiläufig in Augenschein. Unter den Gästen entdeckte ich sogar ein bekanntes Gesicht, nämlich das der freundlichen Schneiderin. Ebenso hielt sich ein Südländer im Schankraum auf und lauschte der Geschichte.
Neben mir hörte ich das beständige Geräusch, wenn ein Schreibutensil über Pergament fuhr. Die Rothaarige neben mir schrieb die ganze Zeit über die Geschichte eifrig mit, die der Erzähler zum Besten gab. Vielleicht notierte sie aber auch etwas anderes. So genau konnte ich das nicht sehen von meinem Platz aus.
Irgendwann kamen wir ins Gespräch, sehr gedämpft, um niemanden zu hören. Sie war ganz offenbar eine sehr ungnädige Zuhörerin, hielt sie doch vieles von der Erzählung für vorhersehbar. Scheinbar hatte sie, ganz im Gegensatz zu mir, ein eher brummiges Gemüt, der Humor fehlte allerdings nicht. Ich musste nur manches Mal genauer hinsehen, um ihn in dem, was sie so sagte und zeigte, zu finden. Anfangs fiel es mir noch schwer, hielt aber mit unerschütterlicher guter Laune dagegen, irgendwann war es mehr eine gemeinsame unerschütterlich gute Laune. Der restliche Abend verlief in meinen Augen angenehm und sehr unterhaltsam.

Und nun schritt ich auf dem Pfad dahin, den das Wild gerne nahm, und hielt nach dem Damwild Ausschau, um es eine Weile zu beobachten. Ich hatte noch nicht vor die Jagd zu eröffnen, auch wenn ich gutes Leder benötigte als Entlohnung für die Mühe der Schneiderin. Erst einmal hieß es noch immer die Gegend kennenlernen und auch die einheimischen Tiere. Natürlich war ihr grundlegendes Verhalten nicht anders als dort, wo ich herkam, aber trotzdem hatten auch Tiere ihre kleinen Eigenheiten. Mein Ansinnen war es, diese Eigenheiten herauszufinden und für mich zu nutzen.