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Helle und dunkle Schatten oder:Die Frau mit den trüben Augen

Verfasst: Sonntag 7. Juli 2013, 09:47
von Tanisha Delon
„Bist du blind?“

„Nein, nicht direkt. Ich sehe nur sehr, sehr schlecht“

„Wie schlecht? Ich mein, mit den Augen kannst du doch nichts sehen! Die sind ja ganz trübe und haben keinen Glanz und gar nichts!“

„Ich sehe Schemen. Wo du gerade vor mir stehst sehe ich deine Umrisse, die grobe Ahnung von deiner Gestalt, mehr aber auch nicht. Ich kann keine Farben erkennen, nicht die Details deines Gesichts oder deiner Kleidung. Meine Welt besteht aus Schatten unterschiedlicher Stärke.“

„Und wie ist das passiert?“

„Das wissen nur die Götter, glaube ich.“


Gespräche wie dieses waren nicht selten und immer lief es, natürlich, auf die eine Frage hinaus. Es war ja auch abzusehen, wenn man die Gestalt in Form einer jungen Frau betrachtete, die in den meisten Fällen an den Rändern einer Straße oder eines Weges kauerte und dort Passanten um eine kleine Spende bat. Jeder der nah genug war, blickte sofort auf ihre Augen, ein Umstand, den Tanisha so zwar nicht wirklich mitbekam, ihn sich aber mehr gut vorstellen konnte. Jene zwei trüben, milchigen Dinger welche in ihren Augenhöhlen ruhten und sich trotz allem immer noch bewegten und mit ihrem letzten bisschen Kraft der absoluten Blindheit trotzten. Tanisha war nicht blind, das war ein Umstand auf den sie fest beharrte und der ihr noch ein bisschen stolz gab im Bezug auf ein Leben ohne irgendwelche Hilfsmaßnahmen wie ein Stock oder dergleichen. Sie war in der Lage zu „sehen“, wenn auch nur wenige Meter vorwärts und auch nur in Form von groben Schemen, aber sie konnte die Wellt noch erkennen.

Einst war dieser Umstand anders gewesen. Vor Jahren, als sie noch mehr Mädchen als Frau gewesen war, hatte sie alles in strahlenden Farben erlebt; die ganze Schönheit der Schöpfung Eluives. Tanisha hatte Pläne gehabt, wollte hinaus in die Welt ziehen, das kämpfen lernen und „Gutes tun“. Wie herrlich naiv sie doch damals noch gewesen war; die Welt war noch perfekt gewesen, bis „es“ langsam begann. „Es“, dieses eine Wort beschrieb den Umstand für Tanisha so gut es ging, denn sie konnte all dem keinen Namen geben und doch; das Resultat fand sich in nach einem jahrelangen und schleichenden Prozess in ihren jetzigen Augen; und keiner hatte ihr wirklich erklären können wieso es so gekommen war.
Aus Plänen waren nun plötzlich Illusionen geworden, aus Hoffnungen nicht mehr als etwas Asche und so hatte sie sich wenigstens vorgenommen einen ihrer Träume zu leben; zu reisen und die Welt zu begehen. Letzteres stellte sich mit der Zeit als immer schwieriger heraus. Natürlich lernte Tanisha mit ihrer eingeschränkten Sicht zu leben und die Tatsache, dass sie zumindest noch erkennen konnte, dass da jemand vor ihr stand, machte alles ja noch ertragbar, doch trotz allem war sie nun in den Augen vieler jemand anderes. Jemand Bedürftiges, eine „arme Seele“, auch wenn Tanisha sich so heute nicht mehr selbst bezeichnen würde. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden und versuchte das Beste aus ihrer Zeit zu machen. Wenn ihre Augen auch immer schwächer wurden, so war sie doch am Leben und solange sie noch wenigstens dunkle Flecken in der Landschaft sehen konnte, war es ihr doch immer noch möglich sich Bilder anhand ihrer Erinnerungen zu basteln.

Mittlerweile hatte sie ihr Pfad nach Adoran geführt; einer Stadt, die vielleicht eine warme Mahlzeit und ein paar klingende Münzen versprach. Tanisha war vorgegangen wie eh und je: Eine gut begangene Straße suchen, sich am Rand niederlassen und dann zögerlich die Leute fragen. Niemals war sie aufdringlich oder warf sich gar jammernd irgendjemanden zu Füßen und flehte um Geld. Das brachte in den meisten Fällen nichts und dafür war sich die junge Frau auch zu stolz. Sie mochte zwar betteln, doch achtete sie auf sich. Ihr Äußeres versuchte sie, trotz der kleinen Schwierigkeiten ihres eingeschränkten Sichtfelds, immer gepflegt zu halten so gut es ging und jeglich die lumpige Kleidung war es, die offen aufzeigte, wie wenig sie eigentlich besaß.
Adoran versprach auf den ersten Blick ein lohnender Ort zu sein … wäre die allererste Person die sie angebettelt hatte nicht ein Mitglied der Garde gewesen. Dieser hatte sie zwar auf eine warme Mahlzeit eingeladen, ein Umstand über den Tanisha mehr als glücklich gewesen war, denn ihr Magen hatte bereits gut geknurrt, er hatte ihr jedoch auch klargemacht, dass Bettelei nicht gerne gesehen wurde – welch Überraschung. Ihre Aussichten auf einen Erfolg in Adoran waren plötzlich rapide gesunken, was jedoch nicht bedeuten würde, dass sie nun von einem Moment auf den anderen das Betteln hier aufgeben würde; sie musste nur vorsichtiger sein; sich mehr auf ihre anderen Sinne verlassen. Gleich aufzugeben kam ihr nicht in den Sinn, und auch wenn sie dem Korporal, Vaughain war sein Name wenn sie sich recht erinnerte, mehr als dankbar war, so wäre sie heute wohl nicht am Leben wenn sie bei jedem verbot sofort gekuscht und die Stadt verlassen hätte. Der Korporal hatte noch das Kloster erwähnt, wo Bedürftige Hilfe finden konnten; doch nach Tanisha Erfahrung war es immer ein zweischneidiges Schwert sich von Gläubigern einer Gottheit helfen zu lassen; ganz gleich wie gut es gemeint war. Letztendlich glaubte sie an die Güte der Menschen, und nicht die einer Gottheit die so fern und unerreichbar war für sie.

Was auch immer sie in der nahen Zukunft erwarten würde, sie war zuversichtlich dass Gerimor es wert war für einige Zeit hier zu verweilen. Und wer weiß, vielleicht würde sich ja die eine oder andere Bekanntschaft ergeben, vielleicht würde sie auch wieder etwas mehr vom Glück geküsst werden. Die Zeit würde es zeigen – und davon hatte sie mehr als genug.