Vom Streunen und Wundern
Verfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 14:23
Vom Streunen und Wundern
Der Ausbruch aus dem Hexenhaus
Blinzelnd schlug er die Augen auf und sah sich um. Wo war er nur gelandet? Er konnte sich im ersten Moment kaum erinnern. Es war warm und er lag auf weichen Fellen unter einer Decke. Glut knackte im Kamin und malte zuckende Schatten an die Wände.
Er setzte sich langsam auf und fuhr sich mit den schmutzigen Händen durch das mausbraune, zerzauste Haar. Blinzelnd und mit einem letzten großen Gähnen wollte er sich in dem fremden Raum umgucken, als sein Blick auf die Frau fiel, die da an die Wand gelehnt schlief. Da fiel es ihm alles wieder ein. Der Platz im Stall, das Fell von Luca, die fremde Frau die ihn eingeladen hatte. Er hatte eigentlich gar nicht mitgehen wollen, aber sie hatte so nett und auch traurig geschaut. Er war viel zu müde gewesen, um so vorsichtig wie sonst zu sein.
Ängstlich und ganz leise um die nette Frau nicht zu wecken stand er auf – irgendwas mit „N“ hieß sie. Wie er. Aber der ganze Name fiel ihm nicht ein. Er kannte sie eigentlich gar nicht, was wenn sie wie die Hexen aus den Geschichten war? Was wenn sie ihn ins Haus gelockt hatte um ihn dann zu braten? Immer wildere Geschichten fielen ihm ein. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals als er seine Sachen zusammensammelte und ganz langsam und leise die Treppe hinauf stieg.
Aus dem Wust aus Bündel und dreckigen Fell, welchen er mit den dürren Armen fest an sich gepresst hielt, fiel der kleine Stoffbär auf die Stufen und kullerte herab bis auf den Boden.
Am oberen Ende der Kellertreppe angekommen, linste er vorsichtig durch den Raum. Er war leer. Schnell huschte er zur Türe und versuchte sie aufzuzudrücken. Erst ganz vorsichtig, dann energischer, aber sie blieb zu. Ihm stiegen schon die Tränen in die Augen und ängstlich sah er immerwieder zur Kellertreppe. Ihm war ganz schlecht vor Angst. Die ganzen Geschichten wirbelten in seinem Kopf herum und machten aus dem harmlosen kleinen Häuschen ein Hexenhaus. Sein Blick fiel auf das geschlossene Fenster neben der Türe. Ganz leise und mit zitternden Händen versuchte er es aufzudrücken – und tatsächlich, es ging auf. Erleichtert und mit Tränen auf den Wangen schob er sein Bündel zuerst hinaus um dann mühsam hinterher zu klettern. Die kleine Bank auf der andren Seite machte es ihm einfacher und bis auf leicht aufgeschürfte Knie, war der Fluchtversuch erfolgreich. Schnell raffte er seine Sachen zusammen und rannte los. Wohin wusste er noch nicht, aber irgendwohin, wo die Türen nicht geschlossen waren.
Kurz durchzuckte ihn der Gedanke, was die Frau wohl denken würde, wenn sie gar keine Hexe war. Würde sie wütend sein? Oder traurig? Sein schlechtes Gewissen regte sich. Vielleicht würde er sie einfach beobachten in der nächsten Zeit und dann würde er ja wissen ob sie eine Hexe war oder nicht.