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Flügelschlag - Ein Tagebuch

Verfasst: Freitag 7. Juni 2013, 18:53
von Meryna Shia Flavyr
Sie wollte nicht so recht daran glauben, dass ein Mensch in der Lage war, solcherlei Dinge zu tun. Ja, sie wollte sich nicht einmal eingestehen, dass das Blut ausreichen konnte, um die Kontrolle zu übernehmen. Es war nur ein kleiner Schnitt und trotzdem erinnerte sie das Pulsieren während des Heilens immer wieder daran, dass es nun einmal tatsächlich geschehen war. Sein spitzer Finger hatte in Ihre dünne Haut geritzt, hatte Ihr Blut aufgenommen und es im Anschluss konsumiert. Es war nur ein kleiner Tropfen, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und trotzdem musste sie sich allmählich eingestehen, dass das Gespräch mit der Matriarchin Ihr Sorgen machte: Was, wenn er tatsächlich auf den Gedanken kam es gegen sie zu verwenden? Wenn er tatsächlich Magie einsetzte, die in den weitesten Teilen des Landes noch vollkommen unerforscht und unergründet war?

Und so zog sie ein kleines, schmales Büchlein aus Ihrem Schrank, um einmal sorgsam über den in Leinen gebundenen Buchrücken zu streichen. Das Tagebuch war eine Bitte der Matriarchin gewesen, um nachvollziehen zu können, ob sich innerhalb der nächsten Wochen etwas an Ihrem Verhalten verändern würde. Sie sollte sich nicht verändern, sondern stets so handeln, wie sie es auch sonst tun würde, hatte Angelica gesagt. Aber wollte sie der Leitung der Arcana tatsächlich ein Buch vorlegen, das Aufschluss über Ihre tiefsten Gefühle und Gedanken gab? Würde sie sich andererseits damit in Lebensgefahr begeben und riskieren, dass Ihr Leben nur mehr an einem seidenen Faden hing? Es musste einen Mittelweg geben. Einen Weg, der es Ihr ermöglichte ehrlich zu sein, ohne das Innerste zu offenbaren.

Bald schon ließ sie die Feder über die erste Buchseite kratzen, um mit dem ersten Eintrag zu beginnen:


  • 7. Schwalbenkunft 256

    Nachdem sowohl der Inhalt des Gespräches mit Angelica, als auch mit Darian mich nicht so recht schlafen lassen wollte, habe ich mich bereits vor dem Morgengrauen auf den Weg gemacht, um Nachforschungen anzustellen. Ich habe mit Sicherheit drei Stunden in der Bibliothek Adorans und auch Bajards verbracht, um Informationen über die Rabendiener zu bekommen. Die Nachforschungen, wie auch das anschließende Essen in der Taverne bei Hamlin verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle.

    So gesättigt wie ich war hat mich die Müdigkeit dann doch noch eingeholt, weswegen ich mich auf eine Waldlichtung in der Nähe von Bajards zurückgezogen habe, um dort ein wenig zu ruhen. Die Träume waren seltsam: Zerrbilder meiner eigenen Person, eine Echse, die mich durch die Straßen von Adoran hetzte und eine Halskette, die einen Anhänger in Form eines Ankers hatte. Ich sehe einen Zusammenhang, aber glücklicherweise nicht im Bezug auf den Rabendiener.

    Ich habe herausgefunden, dass es Wanzen gibt, die den Paarungsakt vollziehen, indem sie Hintern an Hintern an Bäumen hin- und wieder hinabklettern. Wie skurril. Sie sind Rot wie das Feuer, daher auch Ihr Name: Feuerwanze. Trennt man sie mit einem spitzen Stein voneinander, leben sie weiter, setzen den Akt aber nicht fort. Ob man sie dadurch verstümmelt?


    Meryna

Verfasst: Samstag 8. Juni 2013, 16:43
von Drakhon Sokarth
Das stete unruhige Knistern der Flammen erfüllte die kleine schmucklose Kammer. Der schwere Rauch, aufsteigend aus dem rot glimmenden Kohlenbecken, lag dicht wie ein Leichentuch in der Luft. Das unangenehme hohe scharren von Stahl auf Stahl schneidet durch die Dunkelheit wann immer sich die ineinander gelegten Handschuhe gegeneinander verschieben.
Bist du dekadent geworden?, Wieder und wieder schnitt der Gedanke, seine Meditation störend durch seinen Geist. Riss ihn aus den tiefen des süßen Vergessens.
Nein, du dienst noch immer doch aus Aufopferung wurde Geschäftigkeit und aus Geschäftigkeit, Routine. Sklaven, Banditen, Hausierer dankbare Opfer und waren ihre Seelen nicht eben so sättigend?
Eine Bewegung im Rauch riss ihn aus seinen Gedanken. In trockener, stickiger Hitze bewegten sich die Schwaden in einen steten Reigen. Doch die Bewegungen waren nicht willkürlich, ein grotesker Tanz leidender Gesichter und windender Körper, Erinnerungen, Schatten.
Hast du dich selbst vergessen, verloren in den Schreien deiner Opfer, berauscht von ihrem Schmerz, die jagt ging dir ab., und doch weckte die bloße Erinnerung an den metallischen Geschmack auf seiner Zunge etwas in ihm, etwas dass begann sich unter der staubigen Decke der Jahre in denen es vergessen wurde, zu regen. Noch spürte er das Blut in seinem Körper, den schwachen fremden Funken, den Puls der nicht der seine war doch die Flame war bereits im Begriff zu erlöschen, und begann sich seinem Griff zu entziehen, doch noch brannte sie heiß.
Haben sie uns schon vergessen, Den Schmerz, das Leid, die Krankheiten. Zu was waren wir geworden? Was sahen die Menschen noch in den Kindern des Raben, Schreckgestalten von denen man den Kindern am Nachtlager erzählt?, er hatte sich der Welt entfremdet und die Augen vor ihr verschlossen.
Ein Schemen, ein Bildnis hielt seinen Blick im Nebel gefangen. Ein Gesicht so stolz, so unerschrocken, so ungewohnt. Die zeit des Erwachens war längst angebrochen und die ersten Kinder folgten bereits dem mit schwarzen Federn gepflasterten Weg. Es war an der Zeit, den Winterschlaf zu beenden.

Der fünfeckige aus Knochenmehl geformte Stern in dessen Zentrum er saß, breitete sich um ihn herum aus, eingefasst in einen Kreis zieren zahllose okkulte Runen die fünf Arme. Seine Stimme, ein steter monotoner Singsang, eine Hymne an seinen Herren ein Lob auf seine Macht und Großzügigkeit. Seine Gedanken waren klar, sein Geist leer. Und für einen Moment erstarb seine Stimme ehe sie sich von neuem erhob.
„Blut ist Leben, in Blut werden wir geboren in Blut aus dieser Welt gerissen. Dein Diener fordert eine Seele, schenke ihm deine Gunst. Lautlos gleiten deine Schwingen durch die Nacht, ungesehen wanderst du durch die Schatten, schleichst dich in die Herzen und die Träume.“
Einen Moment lang unterbrach er sich, lauschte dem Echo seiner eigenen Worte und beobachtete den aufwallenden Tanz des dichter werdenden Rauchs. Noch lange rezitierte er verfallen in einen unwirklichen melodischen Singsang. Erst zur Geisterstunde klangen seine Worte ab, Stille legte sich über die kleine Kammer, das Ritual war beendet der Funke aufgezehrt. Das Netz war gesponnen und nun hieß es warten. Die Neugier der Menschen ist groß, oftmals größer als ihre Furcht oder Vorsicht es würde sich zeigen...


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Und so gleiten, auf lautlosen Schwingen, trügerische Träume durch die Nacht, dunkel und beklemmend. Ruinen, tot und doch voll Leben. Bäume, verdreht und entlaubt. Schatten und Flüstern. Doch eines haben sie alle gemein die rottenden Mauern des einst so stolzen Südtors Varunas. Ihr Weg führt sie ungesehen durch das Mondlicht, dem Funken folgend, der schwachen Fährte des Pulsschlag der Träumerin.



... ein leises, dumpfes klicken war alles was die schwere Metalltür von sich gab als er sie hinter sich ins Schloss fallen ließ. Auf dem kleinen Tisch vor der Kammer lag noch immer das Buch welcher er hier zurückgelassen hatte. Er nahm es auf suchte den Absatz an welchem er endete, ein seltsames Lächeln umspielte seine Lippen als er die Worte nocheinmal lass. Doch das lächeln verblasste als er aus dem Lichtkegel trat und dem stillen Korridor folgt.


Es fliegen im Abend tief über die Ähren
Die Scharen von mächtigen Raben,
Wie Geheimnisse lautlos, die sich begraben,
Wie Gedanken, die sich im Zwielicht mehren.

Und es hängen die Ähren zum Straßengraben,
Als ob sie Sehnsucht nach Menschen haben.
Es steht noch ein Mäher im Klee, im dunkeln;
Du hörst nicht die Sense, du siehst nur ein Funkeln.

Es huscht noch ein Vogel schnell in die Hecke,
Die Feldwege schlängeln sich hinter Verstecke,
Die Raben kreisen und machen Runden,
Tauchen unter und sind in der Erde verschwunden.
[1]


[1] Gedicht von Max Dauthendey