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Zwischen Leben und Tod

Verfasst: Dienstag 4. Juni 2013, 00:16
von Kiara Thanel
Oftmals schlägt das Leben seltsame Wege ein. Besonders das von Kiara, welches bisher nie wirklich als rosig zu bezeichnen war. Zorn erfüllte die junge Frau und brachte sie dazu, fast ihr ganzes Heim zu zerstören. Der Schnaps und das Wildkraut trugen ihren Teil dazu bei. Ihre Gedanken kreisten dauerhaft um die letzten Geschehnisse und auch die aus ihrer Kindheit. Sie wollte nicht mehr als ein unbeschwertes Leben führen. Tun und lassen was sie wollte und... glücklich sein. 'Glücklich'..., schallte es in Kiaras Gedanken wider, woraufhin sie bitter lachen musste. Was war das überhaupt, dieses 'Glücklich sein'? In Wahrheit kannte Kiara die Bedeutung dieses Wortes nicht. In einem kurzen Abschnitt ihres Lebens lernte sie das ihr so fremde Gefühl kennen. Die Phase dieses 'Glücklich seins', hielt gerade so lange an wie das Leben einer Eintagsfliege. Nach und nach wurde dieses Gefühl zerstört. Kiara selbst hatte gut dazu beigetragen.

Während der Schnaps und das Kraut ihr bei der Zerstörung ihres Zuhause halfen, schossen ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Doch was ihr gerade noch fehlte, war das Erscheinen von Aki. Als sie sich an den hasserfüllten Blick und seinen Wunsch nach ihren Tod erinnerte, keimte ein weiteres mal blinde Wut in ihr auf. Sie schnappte sich einen, der noch Heil gebliebenen Teller und bewarf ihn mit diesen. Sogar die kleine Kerze auf dem kleinen Beistelltisch musste daran glauben und prallte an seiner Brust ab. Bevor sie zum nächsten Gegenstand greifen konnte, stand er bereits vor ihr und starrte sie voller Hass an. Das verdammte Kraut war in Verbindung mit Alkohol keine gute Mischung gewesen. Es benebelte ihre Sinne und lies ihre Reaktionszeit langsamer werden. Erst erwartete sie bereits eine schallende Ohrfeige oder sogar noch schlimmeres. Doch was stattdessen kam, bereitete ihr mehr Schmerz wie der Schlag eines Schwertes. Das sie ihr Heim zerstörte war das eine und war Aki, als auch Kiara, vollkommen gleich. Was Kiara jedoch traf war, als er ihr eiskalt in ihr Gesicht sagte, dass er ihr zutrauen würde Leona abzustechen. Sicher, sie verstand Aki was das anging. Kiara würde genauso reagieren, wenn es um Leon ginge. Und dennoch trafen sie seine Worte und liessen sie innerlich bluten. Es schien nun entgültig zu sein. Egal was Kiara sagen oder machen würde, glauben würde man ihr nicht. Noch bevor sie sich doch dafür entschloss Aki für seine Worte einen Dolch in die Brust zu rammen oder seine Kehle aufzuschlitzen, ergriff die junge Kriegerin die Flucht.

Die einzige Familie die der erfahrenen Schwertkämpferin geblieben war, war ihr Bruder Leon. Obwohl Kiara ihm einen Dolch an die Kehle gehalten hatte, blickte er sie, wie schon von Kindertagen an, liebevoll an und hielt sie fest in seinen Armen. Leon gab ihr das Gefühl von Geborgenheit und das Gefühl lebendig zu sein. Seid ihrer Kindheit, hatten die beiden Geschwister nur sich. Liebe und Zuneigung von ihren Eltern gab es kaum. Ihr Bruder war der einzige zu dem sie noch gehen konnte und würde. Von ihm hatte sie erfahren, dass im Lichtenreich Adoran scheinbar eine Feierlichkeit stattfand. Sie nutzte die Chance und stieg in die erst beste Kutsche. Als der Kutscher los fuhr, zogen lauter Bilder, Erinnerungen und Gedanken kleine Kreise in ihr. Dazu gehörten auch ein paar unangenehme Geschehnisse. Aki war es der sie vor sich selbst gerettet hatte. Er war es der sie zum Priester brachte. Und doch glaubte er ihr kein Wort und blickte sie an, als sei sie Krathor selbst. Hätte Aki sie doch lieber in dem Käfig verotten lassen sollen oder noch besser.. hätte er Kiara doch lieber gleich umgebracht, anstatt sie zum Priester zu bringen! Sie verstand Aki und wollte auf Abstand gehen.. wollte das Land verlassen, um seinen Hass nicht jeden Tag aufs' neue aufkeimen zu lassen. Wahrscheinlich glaubte er, dass sie das nur tun wollte, um ihn ein weiteres mal zu verletzen. Vielleicht hätte Kiara, Raphael gegenüber doch willig sein sollen und ihn zum Mann nehmen sollen. Raphael hätte sie gewiss schon längst in die ewigen Jagdgründe geschickt und sie von ihrem Leid erlöst. Allein das Kiara an Raphael dachte, zeugte von einem gewissen Drogenrausch und lies sie erahnen, wie sehr sie eigentlich am Ende war. Das ständige Leiden, war für die junge Frau wie ein nie enden wollender Alptraum. Auf dem Weg zu Leon hatte sie noch eine Flasche Schnaps angebrochen und eine Rolle Wildkraut geraucht. Wie erhofft war Leon nicht zuhause. Kiara wusste nun, was zu tun war. Mit viel Mühe schrieb sie einige Zeilen auf ein Pergament und leerte die Flasche langsam. Als sich auch der Alkohol dem Ende zuneigte, warf sie das leere Glas, achtlos gegen die Wand. Ein mulmiges Gefühl kam zum Rausch hinzu und wurde immer mehr zur Angst. Ihr ganzer Körper, der anfang vom Alkohol betäubt war, begann zu kribbeln. Langsam zog Kiara einen Dolch aus der Halterung, von der Innenseite ihres Stiefels heraus und betrachtete für wenige Herzschläge, ihr Ebenbild, auf dem glänzenden Metall. Noch bevor die Furcht sie überfiel, stach sie zu. Das dunkelblaue Kleid färbte sich schwarz und bildete einen großen Fleck, auf dem sich vollsaugenden Stoff. Blut rann über ihre Handrücken, bis hin zu ihren Fingerknöchel und fiel in schweren, roten Tropfen auf den Boden. Alles verschwamm vor ihren Augen und wurde mit einem mal schwarz. Ein dumpfer Schlag ertönte, als der Körper zu Boden fiel. Der Fleck auf dem Kleid wurde größer und immer mehr sog sich der Stoff mit dem Lebenssaft voll. Eine ungewöhnliche kälte umschmeichelte den Körper und lies ihn blass werden. Müdigkeit machte sich in dem Körper breit und lud heimtückisch zum schlafen ein. Es würde nicht mehr lange dauern, ehe sie ihren Frieden fand. Wie mehr Zeit verging, desto kleiner wurde ihre Hoffnung. Ein Flüstern war in weiter ferne zu hören. Es war als würde der Wind in sanften klängen zu ihr sprechen. Langsam breitete sich eine sanfte und angenehme Wärme in ihren Körper aus.

Fand sie endlich ihren Frieden?


Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,
Nur ein Gefühl, empfunden eben;
Und dennoch spricht es stets darein,
Und dennoch stört es dich zu leben.

Wenn du es andern klagen willst,
So kannst du's nicht in Worte fassen.
Du sagst dir selber: "Es ist nichts!"
Und dennoch will es dich nicht lassen.

So seltsam fremd wird dir die Welt,
Und leis verlässt dich alles Hoffen,
Bist du es endlich, endlich weißt,
Dass dich des Todes Pfeil getroffen.

Verfasst: Dienstag 4. Juni 2013, 15:33
von Gast
Nichtsahnend kehrte der Akoluth nach Hause zurück. Davor war er beim Fest in Adoran. Er hatte zum ersten Mal den König gesehen und bekannte Gesichter wiedergetroffen. Korporal Talianna wurde ebenso begrüßt, wie die kleine Naischa. Selbst Imara und Livailien fanden sich auf dem Festplatz ein, die er des Öfteren am Klostergelände Schwingensteins sah. Der Abend war ereignisreich und fröhlich. Wenngleich der schüchterne Leon Abstand von Menschenmassen, Trubel und lauten Stimmen nahm, freute er sich über die Heiterkeit. Er sah das Lichtenthal vereint: Priester und Gläubige an der Seite von Regimentssoldaten und Königstreuen. Langsam wirkte es für den jungen Klosterschüler so, als würde der Osten zur selben, starken Einigkeit gelangen, wie der Westen es lange Zeit vorgemacht hatte. "Unsere Einigkeit ist die stärkste Waffe." Azyrs Worte hallten durch seinen Kopf. Ein Name, der ihm Unbehagen bereitete. Nun wären sie Feinde gewesen, eindeutige Feinde. Akoluth und Rabendiener.

Leon kniff die Augen zu, und durch ein Kopfschütteln versuchte er den störenden Gedanken zu vertreiben. Auf dem Heimweg in Richtung Berchgard - er hatte Imara bis zur Kreuzung begleitet, an der sie nach Schwingenstein aufbrach -, malte er sich das nächste Wiedersehen mit dem Kra'Thor-Diener aus. Welchen Grund hätte er haben sollen, der ihn am Leben ließ? Jegliche Tugendhaftigkeit würde bei ihm versagen. Konnte er Mitgefühl, einem Rabendiener gegenüber, walten lassen? Schließlich waren diese Wesen an ihrem Meister gebunden. Eine Zerstörung des Bundes würde ihren Tod bedeuten. Sie hatten keine andere Wahl. "Genug", rief er sich in den Kopf. Das schlechte Gefühl blieb jedoch. Jetzt, wo er sich für eine Seite entschieden hatte, musste er damit rechnen, dass das Wort in einem Konflikt versagen würde. Es blieb ihm keine andere Wahl, als sich im Kampf zu schulen. Ein Lethar, der auf dem Schlachtfeld vor ihm stünde, hätte sicherlich keine Geduld für ein stärkendes Gebet.

Vor der heimischen Haustüre in Berchgard angekommen, führte Leon den Schlüssel ins Loch. Ein metallenes Klicken erfolgte und er betrat unter dem leisen Quietschen der Holztür das Zuhause. Seine Miene verzog sich, als ihm der beißende Gestank von Schnaps und Wildkraut in die Nase stieg. Rauchwerk war er generell abgeneigt, ebenso dem Alkohol. Durch den dichten Nebel sah er die Silhouette einer Frau, im eigenen Blut auf dem Boden liegend. Er wollte seinen Augen nicht trauen, blinzelte mehrmals und eilte auf sie zu. "Bei Temora. Bitte nicht! Kiara!" Er ging auf die Knie, ungeachtet des vielen Blutes, und hob den Oberkörper seiner Schwester an. Das Herz pochte in seiner Brust, der Magen hatte sich verkrampft und Tränen stiegen ihm in die Augen. Unter aller Nervosität zog er vorsichtig den Dolch aus ihren Rippen, hemmte unbeholfen den Blutstrom mit einem dicken Tuch und schloss sie in die Arme. "Warum tust du mir das an!? Du bist die einzige Familie, die ich noch habe. Geh' nicht weg. Bitte, geh' nicht weg. Lass' mich nicht allein'!" Weinend wog er den Körper der geliebten, älteren Schwester an den seinen und das Gefühl, nutzlos zu sein, wollte ihn übermannen. Er konnte für Kiara nichts mehr tun. Das Blut auf dem Boden signalisierte ihm, dass es zu spät war. Sie hatte zu viel verloren. "Oh gütige Herrin Temora. Ich bitte Dich, mich zu erhören. Deinen treuen Diener Leon. Ich liebe meine Schwester. Bitte, nimm sie mir nicht weg. Ich flehe Dich an, barmherzige Lichtbringerin, gib mir die Kraft ihre Wunden zu versorgen, ihr Leben zu retten." Beten war das Einzige, was ihm übrig blieb. Einige Herzschläge lang geschah nichts. Stille erfüllte den Raum. Leon hörte lediglich sein hektisches Atmen unter dem starken Pulsieren seines Herzens und spürte die Tränen über seine Wangen gleiten. Er schloss die Augen, in stiller Hoffnung, und hielt Kiaras blassen Leib eng in seinen Armen.

Plötzlich begann sein Leib zu glühen. Er fühlte sich so, als wäre der Baum des Lichts in seiner Nähe. Ein herrliches Gefühl von Wärme, Hoffnung, Geborgenheit. Das Licht, das Leons Körper umhüllt hatte, schien auf Kiara überzugehen. Er sah ihren Leib zucken, und sie tat einen ruckartigen Atemzug. "L... Le... Leon", hauchte sie dem jüngeren Bruder kraftlos zu. Ihre Fingerspitzen bewegten sich. Der junge Priester blinzelte kurz, dann schmiegte er Kiara mit einem versonnenen, erleichterten Lächeln wieder an sich. "Ich danke Dir, gütige Herrin", formten seine Lippen tonlos. Er hob sie vorsichtig an, brachte seine Schwester zu Bett, und zog ihr das blutverschmierte Kleid aus. Sorgsam reinigte er ihren Körper vom Blut. Tatsächlich schien der Blutstrom gehemmt, jedoch war es nicht vorbei. Er musste weiterhin hoffen. Temora hielt Kiara fest, ergriff ihren Arm, um sie mit zitternder Hand vor dem Abgrund des Todes zu bewahren. Sie hing an der Klippe...

Verfasst: Donnerstag 6. Juni 2013, 23:09
von Kiara Thanel
Drei Tage liegt Kiara nun mit hohen Fieber im Bett. Die Wunde hatte sich bereits entzündet und immer wieder wurde Kiara von Schüttelfrost geplagt. Immer schwächer wurde ihr Körper und auch ihre Seele. Das einzige was sie wollte war in Frieden zu ruhen. Doch statt dem erhofften Frieden hing sie verzweifelt an einer Klippe und wurde von etwas gehalten, was nicht ersichtlich war. Schlechte Träume plagten Kiara. Um sie herum erschienen ihr viele, bekannte Gesichter. Von den lebenden, als auch von den toten. Mit einem mal stürzte sie in die Tiefe, bis kein Licht mehr durch die Dunkelheit kam. Der Spalt wurde immer schmaler, ehe sie auf einer Klippe landete. Doch trotz des tiefen sturzes fühlte sie keinen Schmerz. Verwirrt lies sie den Blick schweifen. Stimmen hallten durch die ganze Schlucht. Alle hatten sie allein gelassen. Von all den Stimmen wurde die junge Frau verspottet oder machten sie nieder. 'Du bist eine Schande für unsere Familie!', kam es von ihren Vater und seine Statur kam aus dem Schatten heraus. Aus einer der Ecken trat Raphael heraus und schmiegte sich von hinten an sie. 'Endlich bist du Mein!', flüsterte er ihr besitzergreifend zu. Ein Schatten huschte umher und hauchte nah an ihrem Ohr, 'Du bist ganz alleine'. Es war Luninara von der die Stimme kam. Aki und Leona erschienen und schauten sie voller Hass und Boshaftigkeit an. 'Wir haben dich alle belogen und betrogen. Du hast niemanden!'. Eine weitere Stimme erklang. Es war die eines fremden. Ein Schemen trat hervor und kniete sich zu ihr nieder. Es war der dreiste Kerl, der einfach an Leons Haus klopfte, ohne ihn auch nur zu kennen. Einfach so klopfte er an. Er bewegte sich nah an ihr Ohr und flüsterte ihr zu, 'Du wirst immer alleine sein.'. Verzweifelt presste Kiara ihre Hände auf die Ohren und schrie die Schemen, von denen sie umkreist wurde an. 'Nein! Verschwindet! Ich will doch nur meinen Frieden!'.

Immer wieder befand sie sich in einem wechselspiel von eisiger kälte und dem Gefühl von etwas warmen umgriffen zu werden. Ihre Gedanken schweiften zu Leon zurück. Kiara wusste, dass es ihm gegenüber nicht fair war, ihn alleine zu lassen. Sie war längst nicht so stark wie sie dachte. Um genau zu sein war Leon sogar stärker als seine ältere Schwester. Egal wie oft Leon stürzte, erhob er sich doch immer wieder und kämpfte weiter. Seine Schwester hingegen neigte dazu, sich zurück zu ziehen. Auf in die Einsamkeit. Das Leben war schon seltsam. Man hat noch nicht einmal die Wahl. Man wird geboren und zeigt entweder Stärke oder Schwäche. Eine Wahl hatte Kiara. Sie nutzte sie und nun? Hing sie an einem Ort fest und wusste weder ob sie noch am Leben war oder bereits tod. Frieden wollte sie. Einfach nur Frieden und das Gefühl, endlich von allen befreit zu sein. Kein schlechtes Gewissen mehr, keine Streitereien, kein Rabendiener und niemanden der Kiara weiterhin hassen würde.


Eines Tages

werden wir Körper haben
deren Leichtigkeit die Schmetterlinge neiden
mit einer Vollkommenheit
die die Engel staunen lehrt

wir werden Körper haben
von Licht umschmeichelt
von Sonne durchstrahlt
wir werden lächelnde Weite sein
und wir werden diejenigen sein
die sich zärtlich
an die warme Erde schmiegen
die lustvoll das Wasser umarmen
die lachend im Feuer tanzen
und kraftvoll mit den Winden fliegen

wir werden dazu gehören
unsagbar schön
unendlich leicht

kein Schmerz und keine Narben
kein Hinken und Stolpern
keine Lähmung, kein Sterben
und keine Träne wird mehr sein

und dieses Fest
werden wir feiern
mit all jenen
die uns trotzdem
dennoch oder gerade darum liebten
und unsere Schönheit immer schon ahnten
ein Fest ohne Ende

so ist es uns verheißen

Verfasst: Freitag 7. Juni 2013, 15:22
von Gast
Der schweigsame Mann in Klosternähe hatte Leon Unbehagen bereitet. Er wusste nicht, welches Anliegen er hatte, jedoch spürte der junge Akoluth eine vertraute Antipathie ihm gegenüber. Aus den Augenwinkeln sah der Blondschopf dem Fremden nach, ebenso argwöhnisch. Sein Verdacht schärfte sich, als man von Rabendienern am Klosterplatz sprach. Man hatte es auf Marri abgesehen. Bisher musste Leon beschützt werden. Seine ältere Schwester hatte ihn aus mancher brenzligen Situation helfen können. Er selbst war jedoch zu schwach dafür, und sein Magen verkrampfte sich, als der Kriegerveteran Garrett ihn bat, auf Marri aufzupassen, wenn er es nicht konnte. Wie in Trance verließ Leon den Klosterplatz, und schritt mit geneigtem Kopf davon. "Muss stärker werden. Unbedingt," sprach er gedankenverloren zu sich selbst. Der Unheilsberg sollte sein Ziel sein. "Junger Herr, soll ich Euch begleiten?", fragte ihn eine Klosterwache, doch er antwortete nicht.

Die erste Hürde im Berginneren war überwunden. Leon hatte sich gerüstet, und über die Schwierigkeiten geseufzt, die Kettenrüstung anzulegen. Mit Morgenstern und Drachenschild in den Händen neigte er den Kopf und sprach ein ruhiges Gebet: "Oh gütige Herrin Temora. Ich bitte Dich, Deinen treuen Diener zu erhören. Gib mir die Kraft, das Dunkle aus dem Berg zu verbannen, und zu überleben." Ein Gefühl der Hoffnung breitete sich in seinem Inneren aus, und er sah seinen Brustkorb unmerklich aufleuchten. Mit einem entschiedenen Nicken betrat er den inneren Bergpfad, und schlug die geflügelten Affenwesen nieder, die gierig kichernd ihre Krallen nach dem potentiellen Opfer wetzten. Selbst der Anblick des monströsen Blutes hatte noch nicht für eine Gewöhnung gesorgt; der Akoluth musste weiterhin üben. Nur knapp riss er den Drachenschild hoch, um einen kopfgroßen Stein abzuwehren - Zweiköpfe kreuzten seinen Weg, es wurde gefährlicher. Seine rechte Hand begann zu leuchten, und Temora entsandt ihm ihre Hilfe. Erneut sprach Leon ein stummes Gebet, während er defensiv agierte und damit beschäftigt war, einen Stein nach dem anderen zähneknirschend abzuwehren. Sein linker Arm, der Schildarm schmerzte: "Temora, erneut bitte ich Dich um Deinen göttlichen Segen. Möge Dein Licht unsere Feinde verzehren und zurück in die Dunkelheit führen." Die Zweiköpfe hatten Mühe, vor dem Licht zurückzuweichen. Blut glitt über ihre Körper, obwohl sie nicht verletzt wurden, und die beiden meterhohen Wesen fielen vor dem heiligen Einfluss.

Trolle und Orks gesellten sich den Zweiköpfen als Gefahren hinzu. Zitternd, jedoch um Tapferkeit bemüht, schlug sich der Akoluth bis zu den Zyklopen durch. Sein Schildarm brannte vor Schmerzen und seine Schulter, die einst vom Rabendiener Drakhon durchbohrt wurde, kündigte ebenfalls ein unheilvolles Ziehen an. Die Faust des Zyklopen hatte jene Stelle getroffen und den Priesterschüler wuchtig gegen eine Wand geschlagen. Ein leises Knirschen von Knochen sorgte dafür, dass er seinen Körper nach und nach erschöpft werden spürte. "Ich muss... unbedingt... stärker werden", hauchte er zu sich selbst, biss die Zähne zusammen und richtete sich mühsam auf. Mit dem Anflug von Zorn wurde der hämisch lachende Zyklop angesehen, der sich langsamen Schrittes, die Fäuste aneinander schlagend, näherte. Abermals erfüllte Leon ein Licht. Er konnte sich sämtliches Wirken seiner Herrin als Akoluth noch nicht erklären, vieles schien einfach zu geschehen. Der Zyklop riss mit geweiteten Augen einen Arm hoch, und hielt sich die Augen zu. Er heulte, offenbar vor Schmerzen, auf und wich zwei Schritte zurück. Leon nutzte die fehlende Deckung, stoß einen wütenden Kampfschrei aus, und rammte die von dicken Stacheln überzogene Kugel seines Morgensterns tief in den Bauch des Monsters. Als er die Waffe zurücknahm, strömten Blut und Eingeweide aus dem riesigen Körper; der meterhohe Zyklop fiel mit einem letzten Röcheln unter einem echoenden Aufprall zu Boden. Leon wurde beim Anblick der blutigen Waffe und dem Geruch von Blut und Fleisch schlecht. Er musste aufstoßen, und bemerkte unter dem vor Schmerzen glühenden Leib, dass er keine Kraft mehr hatte. Er verließ die Höhle, legte im nahen, dichten Waldstück seine Rüstung ab, und schritt taumelnd in Richtung Berchgard zurück.

Er schüttelte beschwichtigend den Kopf, als die Wachen ihn nach seinem Befinden fragten. Kiara hatte er unter seinem Ehrgeiz vernachlässigt. Er wollte schnell nach Hause, um nach ihr zu sehen. Eine schlechte Nachricht jagte die nächste, und er wusste, dass seine geliebte Schwester im Sterben lag. Kaum, dass er sein Schlafzimmer betreten hatte, sah er sie unter den dicken Felldecken. Sie atmete schwer, Schweiß bedeckte ihre Stirn und sie murmelte hin und wieder Unverständliches im Fiebertraum. Tatsächlich glühte ihre Stirn als Leon seine gegen die der Schwester lehnte, und ihr abschließend einen Kuss auf die Wange hauchte. Kalte Tücher hatte er ihr um die Waden gewickelt und auf die Stirn gelegt. Ein altes Mittel, das die Geschwister von der Mutter wussten, gegen Fieber. Rasch erwärmten sich die Tücher und Leon wechselte sie aus, warf neues Holz ins nahe Feuer des kleinen Schlafzimmerkamins und schwang, sich zu der älteren Schwester legend, die Arme um ihren Körper. Er war erschöpft, die Knochen schmerzten, schloss die Augen, und betete für ihr Wohl. Sie musste kämpfen, durchhalten, es war noch nicht vorbei. "Bitte halt' durch, Kiara. Ich bin in der Lage, mein Leben für deines zu opfern. Und das würde ich jederzeit tun."

Verfasst: Dienstag 11. Juni 2013, 23:39
von Kiara Thanel
Wie lange war Kiara nun hier? Die Schemen, welche solange um sie herum schwirrten verblassten von Tag zu Tag. Oder waren diese Tage gar keine Tage? Es war schrecklich in unwissenheit zu leben. Und so langsam war sie es leid hier zu sein. Wo Kiara sich befand, war ihr immernoch ein Rätsel. Das letzte woran sie sich erinnern konnte, war das sie den Dolch aus einer Halterung zog, um sich diesen ins Herz zu rammen. Also musste sie wohl tot sein. Aber sah so das Leben nach dem Tod aus? Ist alles ein endloser, schwarzer Raum, bestehend aus nichts? War das ihre Strafe, für all ihre Sünden? Dafür, dass sie die Menschen, welche sie am meisten liebte, verletzt hatte? Es war wohl eine gerechte Strafe, die Ewigkeit in Einsamkeit zu verbringen.

Ein Schmerz durchfuhr Kiaras Körper schlagartig. Es fühlte sich an, als würde sie sich den Dolch wieder und wieder zwischen die Rippen rammen. Keuchend ging sie zu Boden und spürte wie sich der Rabenschwarze Boden unter ihren Füßen auflöste. Kiara kannte das Gefühl, in die tiefe zu stürzen und verschloss die Augen. Doch der Schmerz in ihrer Brust lies ihr die Galle aufsteigen. Ein unangenehmes Piepsen war in ihren Ohren und wurde lauter und lauter. Die Schatten, die sie verspottet hatten, umkreisten sie und warfen ihr hasserfüllte Blicke zu. 'Du bist einsam und wirst es immer sein!', kam es von allen Seiten. Der Schmerz wurde immer heftiger und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie riss die Augen auf und schreckte hoch. Kiara befand sich in einem Raum. Die Wände bestanden aus hellen Holz und in der Ecke war ein kleiner Kamin, in dessen Öffnung ein paar Holzscheitel brannten. Das Bett in dem Kiara nun saß kam ihr bekannt vor. Es war das von Leon! Eine angenehme wärme, machte sich in dem kleinen Zimmer breit. Und doch fröstelte es den jungen und kraftlosen Leib.

Als Kiara ihre Finger an die Rippen legte, spürte sie einen dicken Verband unter dem Stoff ihrer Kleidung. Immer wieder schossen ihr einige Fragen durch den Kopf.. Wie lange war sie bereits hier? Waren es Stunden, Tage..? Oder sogar Wochen? Und.. weshalb war sie noch am Leben? Leon musste wohl früher Heim gekehrt sein, als sie dachte. Fluchend rollte sie sich aus dem Bett und fluchte nochmehr, als sie eine erneute Flut von Schmerzen in die Knie zwang. Auf allen vieren, schaute Kiara auf ihre Hände und bemerkte die beängstigende blässe ihrer Haut. Vereinzelte Schweißtropfen landeten auf ihren Handrücken und unter leisen keuchen, stieß sie die Luft, hörbar aus. Sie musste unter allen Umständen nach Rahal. Leise öffnete sie die Tür zur Küche und schaute durch einen schmalen Schlitz. Niemand schien da zu sein, also nahm sie ihre ganze Kraft zusammen und raffte sich, an der Wand abstützend, auf. Leon war wohl im Kloster. Das schlechte Gewissen meldete sich bei Kiara, als sie daran dachte, welche Sorgen sich Leon wohl gemacht hatte. Sicher war er jetzt im Kloster und würde für sie Beten. Weshalb war Kiara auch so dumm und hatte versucht sich im Haus ihres Bruder umzubringen?

Kiaras Zeitgefühl war vollkommen aus den Fugen geraten. Sie konnte noch nicht einmal sagen, wie lange sie zur Kutsche brauchte. Kiara warf dem Kutscher einen kleinen Beutel zu und sagte ihm, er solle sie nach Bajard bringen. Erleichtert setzte sie sich hin. Der Schmerz war enorm und lies den Körper zittern und sie flach atmen. Nun begann sich auch ihr Kopf zu drehen und mit, in den Kopf gelegten Nacken, döste sie ein, bis sie schliesslich vom Kutscher geweckt wurde. Er fragte nach Kiaras wohlbefinden, doch so stur wie sie nun einmal war, versicherte sie ihm, dass es ihr gut ging. Schlechter konnte ihr Lüge nicht sein. Als würde man es ihr nicht ansehen! Nachdem die junge Frau sich vor Bajard an das kleine Lagerfeuer setzte, fuhr der Kutscher verunsichert davon. Eine frische Briese wehte um ihre Nase und mit geschlossenen Augen, dachte sie an eine Flasche Rum. Den würde sie brauchen, wenn sie die Schmerzen loswerden wollte. Gleich würde sie wieder zuhause sein. Zuhause... War sie dort eigentlich noch.. zuhause? Sicher. Das Haus gehörte zwar Kiara, doch wirklich heimisch war es nicht. Ausser von dem Kamin gab es keine Wärme in dem großen Haus. Und sie war sich auch nicht sicher, wie sie auf Aki und Leona reagieren würde. Ein mulmiges machte sich in ihr breit, ehe sie von einem leisen knacken aus ihren Gedanken geholt wurde. Eine männliche Gestalt stand vor ihr und erhob die Stimme. 'Verwundert mich dich hier zu sehen', meinte er, als er dabei mit seinen Fingern durch den dichten Bart fuhr. Kiara presste ihre Hände auf die Bandagen und musste sich ein schmerzhaftes lachen verkneiffen.

Leonardo stand vor ihr. Der Bart zeigte ihr, dass sie wohl wirklich lange ohne Bewusstsein, im Bett lag. Als sie ihn das erste und somit auch das letzte mal sah, hatte er nicht diesen Bart. Sein Gesicht war vollkommen glatt rassiert und ließen sein Gesicht wie die eines jungen Buben wirken. Nach einem kurzen Wortwechsel, stiegen die beiden in eine Kutsche, auf den Weg nach Rahal. Leonardo half ihr und bot ihr stützend den Arm an. Für gewöhnlich würde Kiara das Angebot ablehnen, doch das eine mal würde sie sich wohl überwinden müssen. Kiara zeigte ihm den Barbier und lehnte sich, solange er sich in dem Laden befand, an die kühle Steinmauer. Zufrieden kam Leonardo heraus. Inzwischen wurde der Schmerz unerträglich und so kam es dazu das sie mit Leonardo zu ihrem Haus gingen. Erschrocken musste sie feststellen, dass er Aki kannte. Schlagartig verkrampfte sich ihr Magen und ihr wurde schlecht. Leonardo hatte ihr erzählt, dass Aki ihm seine Rüstung angefertigt hatte und mit einem unwohlen Gefühl, öffnete sie die Tür zu ihrem Wohnberreich. Das Chaos, welches sie angerichtet hatte, war immernoch da. Der zerbrochene Topf und die Erde auf den Treppen. Oben knirschten Glassplitter unter ihren Füßen. Kiara bemerkte den Blick von Leonardo. Sie hatte ihm erklärt, dass sie einen kleinen Wutanfall hatte. Ja.. einen kleinen.

In der Küche fischte Kiara zwei Flaschen aus dem Korb, brachte sie zum Tisch und nahm Platz. Er hatte es sich bereits bequem gemacht und beide zogen, nachdem die junge Frau dem Gast das erste Glas hingestellt hatte, den Korken mit den Zähnen herraus. Nach einer Weile döste Leonardo kurzerhand ein. Beinahe einen Stundenlauf, beobachtete Kiara ihn und wirkte tatsächlich amüsiert. Wie ruhig er beim Schlafen wirkte. Kiara erinnerte sich zurück. Sie war bei Leon zuhause und spät am Abend klopfte es mit einem mal an der Tür. Kiara hatte sich an die Wand gelehnt und hatte hohes Fieber. Und als Leon die Tür öffnete stand er da. Einfach so. Einen so dreisten Menschen hatte sie nun wirklich noch nicht erlebt, waren ihre ersten Gedanken. Doch als Leon den fremden herein gelassen hatte, stellte Kiara fest, dass er doch ein angenehme Gesellschaft war. Sie hatten sogar beide die Zeit vergessen. Leon war schon längst im Bett, während sich Leonardo und Kiara sich bis spät in die Nacht unterhalten hatten.

Langsam kehrte Kiara aus ihren Gedanken zurück. Die Zeit verging wie im Flug und die Sonne war bereits untergegangen. Beide scherzten und tranken die Flaschen leer. Es tat gut, nach so langer Zeit wieder Freude empfinden zu können. Ein Tropfen, so rot wie Blut, formte sich auf ihrem Handrücken, als sie die Hand, wie gewohnt, vor ihre Lippen hielt, nachdem sie sich ein leises lachen verkniffen hatte. Schlagartig schweiften ihre Gedanken ab und gleichsam auch die Stimmung. Eine warme Hand umgriff sanft ihr Handgelenk und holte sie in die Realität zurück. Leonardos Lippen brührten ihre kalte Haut und entfernten den feinen Tropfen. Kiaras Herz schlug ihr bis zum Hals. Was.. war geschehen? Die Wärme, die ihr zuteil wurde, raubte ihr den Atem. Obwohl der Alkohol den Schmerz vorrübergehend betäubt hatte, gewann er wieder die Oberhand. Und obwohl Kiara blass wie eine Leiche war, schien ihr, ihr verbliebenes Blut in die Wangen zu schiessen. Kiara zog ihre Hand langsam zurück und merkte wie sie leicht zu zittern begann. Ihre Gedanken schweiften erneut zurück. Sie vermisste die Zeit, bevor ihre dunkele Seite zum Vorschein kam. Die Zeit, als alles noch in Ordnung war. Mit den Handflächen reibt sie sich zügig über ihr Gesicht. Kiara war vollkommen überfordert mit der Situation und ihr schienen jegliche Worte zu fehlen. 'Keine Sorgen, hab die Hand ja dran gelassen.', kam es plötzlich und zerriss die kurze Stille. 'Oder war es ehe das?', fragte Leonardo und ehe sich Kiara versehen konnte, hatte er sich auch schon am Tisch abgestützt und vorgebeugt. Reaktionsartig zuckte die junge Kriegerin zurück. Doch das hinderte Leonardo nicht daran, ihr mit dem Gesicht zu folgen, bis beide Gesichter, kaum zwei Finger breit, von einander entfernt waren. In Kiaras Kopf drehte sich alles. Ein reines Chaos. Und nach wenigen Worten hatte er die Barriere zwischen den beiden zerbrochen.

Es verging einige Zeit bis sich beide dazu bewegten wieder nach Berchgard aufzubrechen. Für einen Augenblick gingen sie in den Keller herunter und aus der untersten Truhe zog Kiara einen Beutel herraus. Leonardo schien das matte Licht und das rauschen des kleinen Wasserfalles zu gefallen. Ein weiteres mal näherte er sich ihr, hauchte ihr leise ein paar Worte zu und wandte sich um. Gerade noch rechtzeitig bekamen sie eine freie Kutsche. Vollkommen erschöpft von der Reise, brachte er die erschöpfte und geschwächte Frau, zum Haus ihres Bruders und verabschiedete sich. Kiara legte den Beutel weg und legte sich in das leere, kühle Bett. Wie müde sie auch war, konnte sie dennoch nicht einschlafen. Immer wieder kreisten seine Worte in ihren Gedanken herum. 'In meiner Anwesenheit, wird dir niemand etwas antun.' Diese Worte kamen ihr so bekannt vor. Doch was sie wollte, war nicht jemand der sie beschützt. Nein... Sie wollte jemanden der sie liebt und es ihr zeigte. Die ganze Nacht lag sie im Bett und ließ ihren Gedanken freien lauf.