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Ankunft und Verlust

Verfasst: Sonntag 2. Juni 2013, 15:36
von Gast
Ankunft und Verlust

Die Abreise lag inzwischen fünf Jahre zurück und Imraan war damals aus gutem Grund aufgebrochen, so wie es Eluive von ihm verlangte. Das hat er sich zumindest bis zum heutigen Zeitpunkt eingeredet. Leider war es wohl nicht immer Eluive, die ihn leitete. Es kam oft genug vor, dass auch sein eigener Verstand ihn ab und an zu unsinnigen Unternehmungen leitete, die überhaupt nichts mit einer Queste, einer Wegfindung oder einer Ansammlung an Erfahrung zutun hatte. Manchmal war es auch einfach eine Flucht vor schwierigen Situationen. Die Trauer über den Verlust von Aasim und Safiya, die Verbannung aufgrund seiner großen Liebe. Flucht war hier seine Lösung. Einen trauernden Omar konnte das Volk zu seiner Zeit wirklich nicht gebrauchen und so konnte sich auch Rashad damals einen eigenen Namen machen, ohne Einfluss seines Onkels und einer Vorgabe in seiner Erziehung. Es wurden damals die sieben Sachen zusammengepackt, das Schild auf den Rücken geschnallt und nur ein kurzer Abschiedsbrief bei Rashad hinterlassen. Für das restliche Volk waren seine Worte zu persönlich, zu verletzt würde er wirken. Einen verletzlichen und trauernden Omar konnten die Menekaner wirklich nicht gebrauchen.

Der einzige Menekaner auf seiner Reise, war seiner persönlicher Diener "Mustafa", der nicht von seiner Seite weichte und ihm, nach zwanzig Sommern Dienstzeit, wirklich jeden Wunsch von den Augen ablesen konnte. Weiterhin war natürlich sein bester Freund, sein Ratgeber und sein Schutzschild stets bei ihm. Der Dschinn Radschish hatte sich bereits vor sieben Sommern für ihn gezeigt und war seither nicht gewichen. Es war ein gutes Gefühl einen eigenen Schutzdschinn für sich zu wissen. Ein bisschen war er somit auch dem Lied der Eluive näher und konnte, wenn auch im einfachsten Sinne, in manchen der hiesigen Magier hineindenken, diese zumindest besser verstehen. Die restliche Truppe war eine bunte Truppe aus sechs Matrosen und einem Kapitän. Diese kamen vom Festland und hatten ohnehin ihre festen Transportwege. Imraan wollte auf seine Reise keine Menekaner mitnehmen, die dann ihrer Familie fehlen würden. Das Leid in deren Augen würde er nicht ertragen können. Trotzdem hatte er sich mit jedem einzelnen früher oder später angefreundet, ob das nun der Laute spielende Gustaf war oder der introvertierte Franjus, der nur dann etwas sagte, wenn entweder einer über Bord ging, oder wenn der Streit um das letzte Stück Kalbfleisch begann. Man musste eben jeden richtig behandeln und individuell auf die Charaktere eingehen. Das war für Imraan täglich eine eigene kleine Aufgabe und Prüfung und das war schwierig, da er aufgrund seinem Bezug zu einem Dschinn, für die anderen also eine Art unsichtbarer Geist, anfangs sehr skeptisch und abergläubisch betrachtet wurde.

Das erste Jahr war noch schwierig auf See und er spürte lange noch jede einzelne Welle im ganzen Körper, der Schlaf war nur kurz und niemals vollends erholsam, die Tage waren hart und lang. Mustafa hatte in seinem hohen Alter wohl andere Probleme und Imraan musste ihm bei den einfachsten Aufgaben immer wieder helfen. Glücklicherweise war es ein kleines und wendiges Schiff, weswegen sie oft genug nicht mal von Piraten beachtet wurden und dann in den seltenen Fällen doch relativ eilig fliehen konnten. So Eluive nicht auf seiner Seite war, war es doch oftmals Radschish, der ihn mit bestem Willen und seiner Macht Beistand um das Schiff eben auf seine Art schneller voran zu treiben. Die nächsten Jahre hatte er die See hinter sich gelassen und bereiste fremde Inselgruppen, um dort Pflanzen, Tiere und andere Völker kennen zu lernen. Glücklicherweise kannte Mustafa viele davon bereits, einiges mehr konnte er sich dann aus Büchern rauspicken. Dabei wurden Neuigkeiten dokumentiert und sowohl in Schriften erfasst, als auch kleine Proben direkt in diversen Kisten und Ledertaschen verstaut. Eine Aufgabe hatte er bekanntlich nicht und doch wollte er etwas mitbringen, so er nach Hause zurück kehren wollte oder durfte.

Mit der Zeit fühlte er aber dennoch, wie sein Dschinn mehr und mehr an Kraft verlor umso länger sie von der Heimat entfernt waren. Ebenso spürte er selbst, wie er mehr und mehr die Traditionen der Menekaner fallen ließ und selbst seine Aussprache der Handelssprache wurde immer besser, während ihm im Menekanischen immer mehr Wörter fehlten und ihn oftmals überlegen ließen. Von Kampf zu Kampf hatte die Rüstung nun mehr Dellen und der Säbel wurde nach und nach stumpfer. Die Schmiede die er auf seinem Weg traf waren zwar begabt aber mit den Säbeln des Menekaners tatsächlich völlig unerfahren. So musste Imraan teilweise ausweichen und andere Rüstungsteile nehmen, oder sogar ein Langschwert führen. Bei einem Überfall und einer hastigen Flucht hatte er sogar seinen Schild verloren, weswegen er ein wesentlich unhandlicheres Schild führen musste. Trotzdem war hier die emotionale Belastung schwerwiegender, dass die Ausrüstung nicht aus seiner Heimat kam, als die Tatsache dass sie ihm weder angepasst war noch, dass er gar nicht richtig damit umgehen konnte. Seine Bewegungen waren eingeschränkt und er wirkt damit auch steifer.

Im letzten Jahr seiner Reise wurde Mustafa wesentlich schwächer und auch sein Verstand war nicht mehr der, auf den sich Imraan sonst immer verlassen konnte. Er hatte immer wieder etwas vergessen, Dokumente am Lagerplatz liegen lassen, während sie dann weitergezogen sind, manchmal hat er sogar das Füttern der Packtiere vernachlässigt. Imraan schmerzt es in der Seele seinen alten Freund so zu sehen. Er war ihm mehr ein Vater, als es sein leiblicher war und wenn Imraan etwas fürchtete, dann war es wohl der Verlust. Trotzdem konnte er sich irgendwann ausmalen und auch darauf vorbereiten. Das Grab hatte er sich schon einige Wochen zuvor im Stillen ausgesucht. Die letzte Erkältung hatte Mustafa trotz energischer Gegenwehr nicht mehr überstanden. Der Husten war laut und kam tief aus den Lungen, der Brustkorb war heiß, der Schweiß rann durch die Kleidung. Es war leider kein Heiler in der Nähe, die üblichen Heilkräuter hatten keine Wirkung. Hier war es an Eluive und Eluive entschied, ihn zurück in ihren Schoß zu sich zu ziehen. Der Flecken war direkt an einer Klippe, den er für Mustafa ausgesucht hatte. Er mochte das Meer, den Sand und das Volk der Menekaner. Seine Liebe für Imraan war stets aufopferungsvoll und so wollte sich auch Imraan angemessen verabschieden. Es dauerte Tage bis er den Toten zurück zu der Klippe trug und es dauerte einen weiteren Tag, bis er mit Tränen in den Augen das Grab ausgehoben hatte. Umso mehr er inzwischen verloren hatte, desto weniger Tränen floßen inzwischen. Er hatte eine Art Schutzschicht aufgebaut, das merkte er selbst und war sicherlich nicht geplant. Diesmal wurde Mustafas alter Turban auf dem Grab abgelegt und nochmals kniete er sich vor dem Grab hin, um dann den Oberkörper weit nach vorne zu neigen. Das Gebet gen Eluive war im Geiste gesprochen und er hoffte, dass Mustafa sicher in ihrem Schoß aufgenommen worden. "Schlafe wohl und ruhe in ihrem Schoß, Freund, Bruder und Vater, Sohn der Falah", sprach er schließlich und bettete nochmals die rechte Hand auf dem Grab. Es war eine absolute Schande, dass er ihn nicht auf Menek'Ur verabschieden konnte und an passender Stelle seinen Leib niederbetten.

Den Tag darauf hatte er auch das Band zu Radschish verloren. Sein Dschinn hatte sich von ihm verabschiedet und mit einem Nachbeben an Wut und Enttäuschung wurde er zurück gelassen. Er wusste ganz genau, dass der Dschinn seinen guten Grund hatte und er wollte wohl einzig und alleine wieder in die Heimat zurückkehren. Er wusste auch, dass es ihm selbst helfen würde. Er durfte nicht mehr fliehen vor Trauer und seiner Angst. Diesmal galt es die Probleme beim Schopf zu packen und immer dran zu bleiben. Er fasste sich nochmals ein Herz und suchte sich dann eine Möglichkeit für einen Rückweg. Offenbar hatte es hier Neuigkeiten gegeben. Es gab nicht mehr das Menek'Ur, das er so sehr liebte. Es gab wohl auch keinen Rashad mehr, der ihm noch von Aasim und Safiya geblieben war.

Als er an der Karawanserei stand, blickte er auf fremde Mauern, ein fremdes Haupttor und lernte im Laufe der ersten zwei Tage schon viele neue Gesichter kennen. So sehr er es auch versuchte sich wieder heimisch zu fühlen, war es ihm doch wirklich nicht einfach. In erster Linie war es ihm doch wichtig sein Lächeln aufzusetzen und sich entsprechend seinem Stand zu präsentieren. Trotzdem war er wohl immernoch innerlich zerrüttet und so würde es auch bleiben, bis er seinen alten Freund, Radschish wiederfinden würde. Dies setzte er sich als sein primäres Ziel und er hatte fast das Gefühl, dass das nur ginge, wenn er seine Heimat wieder als Heimat schätzte.