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Einmal die Welt und wieder zurück - Heimkehr nach Menek'Ur

Verfasst: Donnerstag 30. Mai 2013, 05:54
von Kari Yazir
Malerisch lag sie da, die Küstenstadt Thenos mit ihren vielen kleinen, aus Stein gehauenen, Häusern, welche auf verschiedenen, terrassenförmigen Ebenen über dem Dreh- und Angelpunkt der Stadt thronten; dem Hafen. Schiffe ankerten in den Docks, Waren wurden verlagert, getauscht oder geliefert, Seemänner aus allen möglichen Nationen schwitzten inmitten der hoch am Himmel scheinenden Sonne, begleitet vom Schrei der Möwen. Es war ein malerischer Tag, fast als wäre er aus einem Märchen entliehen worden. Der Himmel war blau, ein paar vereinzelte, dünne Wolken fanden sich am Himmel und die salzige Luft erfüllte die Lungen der Bewohner und Besucher. Aus aller Länder fanden sich hier Menschen und andere Völker aller Gesinnungen und Gruppierungen ein; sei es nun die Gruppe Horterasgläubiger, welche bereits seit einigen Tagen in der Hafentaverne ihr Quartier bezogen hatten oder die Spieltruppe aus den südlichen Gefilden. Thenos war eine lebendige Stadt, eine friedliche Stadt – ein Frieden der streng eingehalten wurde zugunsten der Neutralität des Handels.


Das rege Treiben am Hafen wurde an diesem Morgen von einem aufmerksamen Augenpaar beobachtet. Auf einer Terrasse welche zu einem der vielen Häusern gehörte stand sie und betrachtete die vielen verschiedenen Punkte dort unten; zu weit entfernt um Details zu erkennen, doch immer noch interessant genug um jeden Morgen diesen Anblick zu genießen. Die braungrünen Augen gehörten zu einer Frau, welche der frischen Zeit ihrer Zwanziger mittlerweile entwachsen war, und so mischte sich zu dem allgemeinen Interesse in ihrem Blick eine Prise Nachdenklichkeit. Der schlanke Körper war an das Geländer vor ihr gelehnt, die bronzene Hautfarbe, welche schon mehr in das Dunkle überging, war bedeckt von einer einfachen Stofftunika welche genug Schutz vor dreisten Blicken bot, zeitgleich aber ihrem Körper genug Frische schenkte um nicht die ganze Zeit zu schwitzen. Ihr rötlich-braunes Haar fiel sachte um die Schultern und die nackten Füße spielten mit dem Boden aus feinem Stein. Sie atmete einmal tief ein, genoss die morgendliche kühle Brise die noch wehte und versuchte sie in ihrem Körper zu bannen; der Nachmittag würde wieder um einiges heißer werden.


Seit nunmehr drei Monden genoss sie den Anblick, den Thenos ihr bot, Tag für Tag. Nie wurde er ihr zu öde oder zu gewohnt; genieße den Moment solange er anhält - verinnerliche was du magst, wer weiß wann du jemals zurückkehrst – ein Motto welches ihr Leben nun seit Jahren prägte. Ein Leben, welches von Reisen und einer stetigen Unrast geprägt war. Nie war sie lange an einem Ort, immer zog es sie ab einem bestimmten Punkt weiter in das Unbekannte und Neue. Wie oft hatte sie schon Unverständnis für diese Art des Lebens geerntet? Wahrlich zu oft, und doch: wenn sie ihr ganzes Leben Revue passieren ließ, so hätte es niemals anders kommen können.

Sie schloss die Augen für einen Moment und genoss die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, als sich Schritte hinter ihr näherten und zwei braun gebrannte Hände sich von hinten um ihre Hüfte schlangen, kräftig aber doch sanft, und ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.



„Du bist wach. Ich hatte mich schon gefragt wann du endlich aufstehst“ sprach sie mit einem schelmischen Grinsen und drehte sich herum um auf einen athletisch gebauten Körper zu blicken. Der Mann vor ihr war ein Krieger durch und durch: seine Haltung, die Muskeln, die wenigen sichtbaren Narben und der intensive aber liebevolle Blick; all die Dinge die den Menekaner vor ihr als eben dies auszeichneten. Die Kleidung hingegen entsprach eher der ihrer; weit und praktisch. Seine kurzen, schwarzen Haare waren noch zerzaust vom Schlaf und sie musste sich etwas auf die Zehenspitzen stellen um ihm einen Kuss auf die Lippen zu geben.


„Es ist ja nicht so als dass ich dich nicht gebeten hätte noch etwas bei mir zu bleiben als du aufgestanden bist“ erwiderte er lächelnd und stellte sich dann neben die kleinere Menekanerin um auf den Hafen herabzuschauen. „Wie geht es dir an diesem Morgen, meine Natifah?“ fragte er sanft und beobachtete sie von der Seite.


„Ich denke an unsere Abla. Glaubst du sie ist bereits angekommen?“ und zu seiner Überraschung spiegelte sich für einen kurzen Moment so etwas wie eine gewisse Sorge in den Augen seiner Frau.


„Ja, ich denke alsbald dürfte das Schiff angekommen sein. Mach dir keine Sorgen, Rani. Meine Fidah wird sich bestens um sie kümmern.“


„Wenn nicht Khalida, wer dann?“ erwiderte sie mit einem nostalgischen Lächen. „Es ist auch nicht so dass mir dies in irgendeiner Weise Sorgen bereiten würde. Ich wüsste nur gerne dass sie Menek'ur heil und sicher erreicht hat. Es kann viel passieren.“ und damit war das Lächeln für den Moment verstorben; er wusste was sie dachte, woran sie dachte.


„Sie wird sicher ankommen. Sie hat die Intelligenz und die freche Zunge ihrer Mara, was soll da schon passieren?“ fragte er mit einem Grinsen und wie er erhofft hatte, konnte er ihr ein ebensolches entlocken.


„Und trotz allem hat sie immer noch den kühlen Verstand ihres Radeh. Du hast recht Nadir, Lalita wird ankommen.“ sie nickte erneut und wandte sich ihm dann zu „was den heutigen Tag aber nur bedingt einfacher macht. Du bestehst immer noch darauf, richtig?“ und nun wurde ihr Blick schlagartig ernst als sie ihren Mann ins Auge fasste.


So manch einer hätte den Blick vielleicht abgewandt, hätte versucht zu beschwichtigen, doch nicht Nadir Hilal Yazir, Bruder der dickköpfigen und stoischen Khalida Yazir, einer ihrer besten Freundinnen damals in Menek'Ur. „Aiwa. Wir haben darüber gesprochen, Kari. Die Reise in den Osten ist lang und auch gefährlich, außerdem wurde die Einladung nur mir persönlich ausgesprochen und in dieser Hinsicht sind sie recht klar. Ich weiß dass du auf dich aufpassen kannst; all die Jahre die wir zusammen gereist sind haben es bewiesen, aber das ist etwas anderes.“


Kari erwiderte den Blick, unterbrach den Kontakt zwischen beiden nicht einen Moment, doch dann nickte sie. „Aiwa, ich weiß. Trotz allem muss es mir nicht gefallen von meinem Ranim getrennt zu sein, jedenfalls nicht so lange.“


„Wir waren immer wieder voneinander getrennt ehe Lalita das Licht der Welt erblickte.“ erwiderte er sanft und strich ihr zärtlich über die Wange.


„Mag sein, aber nicht so lange. Wir reden hier von einer Zeit die über mehrere Mondläufe hinausgeht.“ sie hasste es wehleidig zu sein und eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, die Sache ohne Wiederworte zu akzeptieren. Doch nun waren all diese Vorsätze gebrochen und sie musste fast schon eine Träne unterdrücken. Nadir und sie waren sicher nicht das Paradebeispiel einer guten Beziehung – allen voran nicht nach den menekanischen Bräuchen und Traditionen. Andererseits unterschieden sich die beiden in dieser Weise schon vor ihrer Zusammenkunft von eben diesen. Beide hatten sich damals weit entfernt Menek'Urs kennengelernt und seitdem waren sie rastlos auf der Reise; etwas was sie von Anfang an verbunden hatte. Ihre Beziehung war innig und doch locker, sie vertrauten einander und schränkten sich nicht gegenseitig ein; sie waren Herz und Seele gewesen und immer öfters hatte Kari lächelnd behauptet, dass Eluive selbst ihre Liebe gesegnet hätte. Nun von Nadir für eine solch lange Zeit loszulassen war nichts Falsches, es war nur nicht einfach.


„Meine Natifah, die Zeit wird wie im Fluge vergehen. Du selbst hast deine Ziele und Wege und ehe wir uns versehen, halten wir einander wieder in den Armen. Versprich mir nur dass du vorsichtig sein wirst, wie auch ich dir dieses Versprechen gebe.“ er gab ihr einen Kuss auf die Stirne und lächelte sie mit diesem warmen und herzlichen Lächeln an, dass sowohl sie als auch ihre Tochter an ihm so zu lieben gelernt hatte.


„Aiwa, ich verspreche es dir. Und ich werde deine Schwester von dir grüßen, wenn ich Menek'ur wieder betrete. Doch nun lass uns die letzten Stunden zusammen genießen. Dein Schiff fährt in kaum mehr als einem halben Tag und ich will die Zeit auskosten.“



Als die Sonne am Horizont verschwand und den Himmel für kurze Zeit in ein rötliches Licht färbte, stand sie erneut auf der Terrasse und sah zum Horizont wo das Schiff, auf dem Nadir nun war, mittlerweile verschwunden war. Sie war stark gewesen, hatte keine Träne in seiner Gegenwart vergossen und selbst als sie zurück in ihrem Gastheim war, waren nur ein paar Tränen ihre Wange hinunter geflossen. Ihr Ranim würde zurückkehren, sie würden sich wiedersehen und so war es kein Abschied auf Ewigkeit. Sie konnte ihm nicht einmal böse sein; es lag in seiner, wie auch in ihrer Art. Seit Jahren schon hatten sie die Welt bereist, die unterschiedlichsten Orte besucht und selbst die Geburt ihrer Tochter Lalita hatte diesen Umstand nicht lange ändern können. „Frei, wie die Vögel“ hatte ein Barde aus Varuna einmal gesungen und er hatte Recht. Umso seltsamer waren die derzeitigen Umstände. Erst hatten beide Eltern beschlossen, dass ihre Tochter ihre beider Heimat Menek'Ur endlich mit eigenen Augen sehen sollte, dass sie erfahren sollte, wo die Wiege und die Stärke ihres Volkes lag. Lalita war nun einige Wochen bereits weg und nun war es Nadir, von dem sie sich trennen musste. Nun, zumindest von ihrer Tochter würde sie nicht mehr so lange getrennt sein wie von ihrem Mann.

Als Nadir ihr damals offenbart hatte, dass er gen Osten reisen würde um der Einladung eines alten und sehr respektierten Freundes zu folgen, hatte sich Kari die Frage gestellt, welchen Weg das Schicksal nun für sie offen hatte. Bis vor einigen Tagen war diese Frage im Raum gestanden, ehe sie den Wink erkannt hatte. Sie würde Lalita folgen; sie würde zurück nach Menek'ur kehren, den Ort den sie Heimat genannt hatte, der Ort, den sie damals hatte aus eigener Scham verlassen müssen. Viele, viele Jahre waren seitdem vergangen und auch wenn sie nur wenig von Zuhause mitbekommen hatte, so wusste sie doch, dass ihre Rückkehr mittlerweile keine gravierenden Folgen mit sich ziehen würde; nicht wenn Khalida tatsächlich immer noch in der Wüstenstadt lebte. Dazu kam noch die Tatsache, dass sie seit ihrer Hochzeit eine Yazir war – sie trug den Namen einer geachteten Familie. Doch bevor sie zurückkehren würde, gab es noch einige Dinge zu erledigen; Dinge, die sie ihrer Tochter und ihres Ehemannes wegen nicht weiter verfolgen konnte, Dinge, die in der Vergangenheit unerledigt geblieben waren.


Und so würde sie Thenos bald wieder verlassen und erneut ihre Reise antreten. Eine Reise die ein Endziel hatte: Menek'Ur. Ein Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. Sie würde wieder nach Hause zurückkehren, sie, Kari Falah Yazir würde wieder die Schönheit der Wüstenstadt erleben. Nach mehr als über einem Jahrzehnt.

Verfasst: Donnerstag 30. Mai 2013, 12:18
von Kari Yazir
Erinnerungen alter Tage und eine Dankbarkeit fürs Leben



Zwei Wochen später war die Zeit gekommen, und anstatt auf der Terrasse im sonnigen Thenos zu stehen, befand sich Kari nun an Deck eines kleinen Passagierschiffes welches ihr nächstes Ziel ansteuerte. Die Sonne war bereits vor Stunden hinterm Horizont verschwunden und die Sterne glänzten hoch oben am klaren Himmel. Die einfache Stoffkleidung war einer warmen Robe gewichen in welche sich die Menekanerin eingewickelt hatte und nun das Funkeln hoch oben am Firmament betrachtete. Ein schmales Lächeln stahl sich auf ihre Lippen und ein inneres Wohlgefühl machte sich beim Anblick dieser absoluten Schönheit über ihr breit. Ganz gleich wo sie im Laufe ihres Lebens gewesen war, egal wie unwirtlich ein Ort auch sein konnte, die Sterne waren immer stetige Begleiter der Reisenden. Wie oft hatte sie schon in Nadirs Armen unter dem freien Himmel gelegen? Schweigend hatten sie beide das Schauspiel in der Dunkelheit beobachtet welches Fantasie und Lust anzuregen vermochte? Ja, jene Nächte, in denen sie an seiner Seite einschlief würde sie sehr vermissen – doch war es nur ein Grund mehr sich auf das Wiedersehen mit ihrem Rani zu freuen.

Doch auch lange bevor sie Nadir getroffen hatte und die beiden sich ineinander verliebt hatten, waren die Sterne ein stetiger Quell von Trost und Schönheit für sie gewesen. Allen voran in ihren jungen Kindestagen, jener Zeit die von einem Moment auf den anderen beendet wurde. Das Lächeln schwand von Karis Lippen und für einen Moment legte sich ein Schatten über den sonst ruhigen und entspannten Blick. Sie war damals noch ein Kind gewesen, jung aber talentiert, jemand der in der Lage war unauffällig zu sein, jemand der geschickt war, und so hatte sie trotz ihres kindlichen Alters einen Auftrag erhalten um etwas aufzuspüren – ein Erbstück der Familie Omar. Der Auftrag an sich war kein Problem gewesen, sie sollte jemanden verfolgen, in den Schatten bleiben und dann zurückkehren um den Aufenthaltsort des Stückes mitzuteilen. Das Problem stellte sich im Endeffekt als ein ganz anderes heraus: Karis eigener Übermut war es der sie in Schwierigkeiten brachte. Anstatt zurückzukehren und die Krieger zur Unterstützung hinzuzuholen hatte sie geglaubt das Schmuckstück ohne Hilfe zu ergattern, dass sie geschickt genug gewesen wäre – nun, sie war es nicht gewesen und durfte dies teuer bezahlen.
Jahre der Gefangenschaft, ihre eigene Familie in dem Glauben sie sei tot und sie selbst war gezwungen als Handlangerin für Räuber und Verbrecher zu dienen. Eine Diebin, ein „Mitglied“ ihrer Gruppe, wie sie immer sagten, auf Lebzeiten und wahrscheinlich wäre sie dort auch irgendwann gestorben. Doch das Schicksal hatte Kari zugelächelt und ihr eine zweite Chance gegeben, eine zweite Chance mit dem Namen „Markus“, ein Söldner der dafür sorgte, dass Kari letztendlich flüchten konnte und ihr die Rückkehr nach Menek'Ur ermöglicht wurde. Was aus dem Söldner geworden war, der sein Leben damals für sie aufs Spiel gesetzt hatte, das hatte Kari niemals erfahren, doch sie war frei gewesen, frei und auf dem Weg nach Hause.


Die Heimkehr zu ihrer Cousine Asiya war Balsam für das junge Mädchen gewesen und die Zeit auf Menek'ur schien eine friedliche und schöne Zeit für die junge Menekanerin einzuläuten. Kari schaffte es ihren Wert in der Gesellschaft zu beweisen und fand Geborgenheit in der Obhut ihrer Familie und Freunden, allen voran Khalida welche zu einer ihrer engsten Freundinnen wurde. Das Leben war schön, es war gut gewesen, doch wie so oft sollte sich auch dies ändern. Heute konnte Kari sich nicht mehr vollkommen erinnern was der Auslöser damals gewesen war, doch es kam zu Unruhen innerhalb des menekanischen Volkes. Ein Teil der Bewohner Menek'Urs wurden unzufrieden mit dem Emir, es begann unter der Oberfläche an immer mehr Stellen zu brodeln und irgendwann ging es soweit, dass sich Brüder und Schwester gegeneinander zu wenden schienen. Kari, damals noch gezeichnet von den Jahren fernab ihrer Heimat, hatte dies alles nicht weiter eskalieren sehen wollen; sie wollte nicht dass sich eines Tages die Menschen die sie liebte vielleicht gegeneinander wandten – und so hatte sie aus Angst, aus Ungewissheit und auch aus Vorsicht Menek'ur verlassen, sich einem anderen Leben zugewandt, eines, welches sich als lange und rastlos entpuppen sollte – und als eine wunderbare Zeit in ihrem Leben.


„Land in Sicht! Wir haben den Hafen von Dalindorf erreicht!“ eine Stimme holte die Menekanerin aus ihren Gedanken zurück. All die Sorgen der damaligen Zeit, all ihre Fehler – sie spielten heute keine Rolle mehr. Es gab damals nur wenige die tatsächlich von ihrer Rolle in all den Tumulten gewusst hatten und wenn sie zurückkehren würde, so würde sie als eine Yazir Menek'ur betreten, als eine Unschuldige Frau. Doch bevor dies soweit war, gab es noch einiges zu erledigen, und Dalindorf war eines ihrer Zwischenziele.
Als das Schiff näher an die Dock kam, verschwand die Menekanerin unter Deck in ihre Kajüte, packte ihre Sachen und legte sich ihren seidenen Schleier ums Gesicht. Kari achtete die Tradition ihres Volkes wann immer es ging, auch wenn es immer wieder genügend Situationen gab, in denen sie selbst vor Fremden den Schleier ablegte; meistens dann wenn sich so manche Situation entschärfen ließ oder die Umstände es nicht anders zuließen. „Traditionen zu ehren ist wichtig, vergesse das niemals. Es wird jedoch auch Momente in deinem Leben geben, in denen du diese Traditionen nicht so genau nehmen können wirst, egal wie sehr du möchtest; alleine deswegen weil wir hier nicht auf Menek'Ur“ . Jene Worte hatte Kari mehrmals an ihre Tochter Lalita gerichtet und auch wenn sie und Nadir sich einig waren, dass ihre Tochter nach den Regeln und Traditionen ihres Volks erzogen werden sollte, so konnte Kari niemals die Tatsache ignorieren, dass sie nicht Zuhause lebten, sondern immer an anderen Orten. Für heute jedoch war es mehr als angebracht den Schleier zu tragen, denn in Dalindorf war es sicher nicht in einer etwas exotischeren Rolle aufzutreten.

Drei Tage hatte es seit ihrer Ankunft gedauert bis sie an die gewünschten Informationen gekommen war. Das, was sie suchte war zwar nicht außergewöhnlich, doch die Insel auf welcher das kleine Dörfchen stand war groß und war zeitgleich dafür bekannt dass diejenigen hierher kamen, die mit ihrer Vergangenheit abschließen wollten. Doch einem Beutel voller prasselnder Münzen kann wenig widerstehen, und so stand die Menekanerin an diesem sonnigen Morgen vor einer kleinen Hütte, welche gut drei Stunden zu Fuß von Dalindorf zu finden war. Die Hütte war sorgfältig aufgebaut gewesen, das Holz war von solider Natur und der Zimmermann schien sein Werk zu verstehen, denn auch wenn die Hütte nicht sonderlich groß war, sie würde Wind und Wetter widerstehen und sie bot sicherlich genug Platz für eine Person; jener Person die sie suchte.
Langsamen Schrittes trat sie näher, Robe und Schleier etwas enger ziehend, den Blick auf die Holztüre der Hütte gerichtet, welche sich langsam zu öffnen begann, je näher sie kam; der Besitzer hatte sie also bemerkt, sehr gut. Die Gestalt welche nun vor Kari stand war die eines alten Mannes. Sein Haar war grau, seine Haltung zwar krumm aber stolz und noch immer zierten Muskeln den gealterten Körper. Wahrlich, er war gealtert, jedoch erkannte sie ihn wieder, wie damals vor fast zwei Jahrzehnten.

Der Alte kniff die Augen misstrauisch zusammen. „Was wollt ihr? Hier draußen gibt’s nichts!“ schnappte er und beäugte die verschleierte Frau misstrauisch. Konnte es sein dass er noch nichts ahnte? Vielleicht war dem tatsächlich so, denn damals hatte er sie unter anderen Umständen erlebt – unter den ihrigen.

„Ich grüße euch, Markus. Ich weiß dass es seltsam klingen mag, aber wir kennen uns.“ ihre Stimme war ruhig, die grünbraunen Augen fest auf ihn gerichtet, und dann erkannte sie dass sich etwas in seiner Mimik veränderte.

„Ich bezweifle dass ich ein mysteriöses, verschleiertes Weib kenne. Wer seid ihr?“ knurrte er und wollte schon nach einer Tasche an seinem Gurt greifen, ehe er innehielt und sich sein Mienenspiel gänzlich veränderte. Die Fremde begann vor seinen Augen den Schleier auszuziehen und selbst nach all diesen Jahren schien er sie zu erkennen. „Du?“ es war mehr ein Hauchen, ein Flüstern. „Wieso …?“

„Ich habe niemals meinem Lebensretter danken können. Ich habe dir niemals in die Augen sehen und sagen können, wie dankbar ich dir bin, wie sehr du mein Leben in eine andere Bahn gelenkt hast. Du hast ein junges Mädchen, ein Kind, gerettet und dich selbst in Gefahr gebracht. Heute kommt das Mädchen als Frau zurück um dir zu danken.“ Karis Stimme sollte ruhig sein, doch sie zitterte leicht. Bilder von damals schossen ihr wieder in Erinnerung, Bilder die sie seit damals nicht mehr so klar abrufen konnte. Bilder die sie zeitweise vergessen hatte.

Markus, ehemaliger Söldner und Bandit lächelte schwach und machte eine einladende Geste „Komm rein ...“



Noch in der gleichen Nacht verließ Kari die Insel mit dem nächsten Schiff. Markus und sie hatten bis in die späten Stunden miteinander gesprochen; Dinge ausgesprochen, die von der Seele der Menekanerin mussten und ihr nun ein wenig mehr inneren Frieden schenkten. Der alte Söldner hatte all die Zeit überlebt, eine Tatsache die Kari glücklich machte – denn zu lange hatte sie gefürchtet dass ein Mensch wegen ihrem Übermut mit dem Leben zahlen musste. Und selbst als sie vor gut drei Jahren die ersten Spuren von Markus gefunden hatte und nach ihm zu forschen begann, war die Erleichterung über sein Überleben nicht ansatzweise so groß wie an diesem einen Tag. Die erste Zwischenstation auf ihrem Weg nach Menek'ur war abgehakt – nun würde es weitergehen, doch zuvor hatte sie eine längere Seereise von fast zwei Wochen vor sich.

Verfasst: Donnerstag 30. Mai 2013, 15:21
von Kari Yazir
Die Liebe des Lebens und ein Neubeginn

Den Kopf gegen das Kissen gedrückt, die Augen geschlossen und tief ein- und ausatmend lag sie da. Im Moment war es wichtig dass sie auf keinen Fall die Augen öffnete, denn ansonsten hätte sie mit ansehen müssen wie gefährlich das Passagierschiff in den unbarmherzigen Wogen hin und her geschaukelt wurde. Einmal mehr dankte Kari im Stillen der Tatsache, dass sie in ihrem Leben so viel Zeit mit reisen verbracht hatte, denn ansonsten würde sie nun wahrscheinlich wie viele andere Passagiere im großen Mittelraum um das große Fass sitzen, in welches jeder sich abwechselnd übergab. Der Gestank drang zum Glück noch nicht in ihre eigene Kabine vor, es hätte ihr wahrscheinlich den Rest gegeben.
Die Hälfte der Schiffsfahrt hatte sie bereits hinter sich gebracht, nur noch knapp sechs Tage und sie würde Valenir erreichen, eine „Oase“ der See, wie sich die Stadt, welche sich von der Größe her mit dem alten Varuna messen konnte, gerne selbst bezeichnete. Eine Oase war jener Ort ganz sicher nicht aber er war wichtig für Kari, in zweierlei Hinsicht. Neben der Tatsache dass sie dort eine alte Schuld zu begleichen hatte, war dies der Ort an dem sie ihren Ehemann kennengelernt hatte, der Ort an dem Nadir und sich zum ersten mal in die Augen geblickt hatten und darin erkannt hatten dass sie füreinander bestimmt waren – jedenfalls war dies die Version die sie ihrer Tochter immer wieder erzählt hatten.


„Mara, bitte erzähl mir doch noch einmal wie du Radeh kennengelernt hast!“ wie oft hatte sie diese Frage schon zu hören bekommen und jedesmal hatte Kari der kleinen Lalita die Geschichte davon erzählt, wie beide sich in einer Taverne getroffen hatten und es die große Liebe auf den ersten Blick war, eine Verheißung für die Ewigkeit.
Dass es nicht ganz so einfach war, das verschwiegen Kari gerne und sie rechnete es Nadir ein ums andere mal hoch an, dass er seine Frau selbst heute nicht unterbrach, wo ihrer beider Tochter schon fast erwachsen war. Kari lächelte schmal und dachte an jene Zeit zurück, jener stürmischen und Wilden Phase in ihrem Leben. Valenir war die erste große Station in ihrem neuen Leben fernab von Menek'Ur gewesen. Kari war damals noch immer sehr jung, ungestüm und wild; sie hatte ihre Heimat hinter sich gelassen und nun wollte sie all jene Grenzen übertreten die sie selbst immer eingehalten hatte. Heute wusste die Menekanerin dass ihr Benehmen in dieser Zeit alles andere als richtig war und nie wieder würde sie sich so benehmen wie damals, doch sie war auch nötig gewesen, sie war wichtig, denn ansonsten wäre sie Nadir niemals über den Weg gelaufen.


„Mein Kind, genieße das Schöne. Ganz gleich ob in einer Pflanze, einem Tier, einem Mann oder einer Frau. Es ist nichts falsches daran, dass du die Schöpfung Eluives respektierst und dich an ihrer Perfektion erfreust. So du also etwas Schönes siehst, dann nehme den Moment in dir auf, genieße ihn und behalte ihn für immer im Kopf. Wer weiß wann du ihn in dieser Weise wieder erleben wirst.“ jene Worte hatte Karis Mutter ihrer Tochter immer wieder eingebleucht und auch Kari versuchte ihre Tochter dazu zu animieren, dass sie die Schönheit dieser Welt bewusst wahrnehmen sollte. Damals jedoch hatte Kari diese Worte etwas sehr eigenwillig zu ihren Gunsten uminterpretiert. Valenir war für sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich ein kleines Juwel, wild und ungebändigt, so wie sie sich in dieser Zeit fühlte. Sie trug keinen Schleier, sie zeigte ihre Schönheit offen und sie genoss die weltlichen Freuden in Form von Wein und guten Speisen. Und so war es auch an diesem Abend, als sie in einer Taverne mit dem Namen „Zum Mondjuwel“ saß, gebettet auf verschiedenen Sitzkissen und sich in der Anmut und Eleganz einer Tänzerin verlor, ihre Schönheit, ihre Bewegungen und ihre Perfektion in sich aufsog und sich fragte, ob dies nicht vielleicht ein Leben für sie wäre. Die Tatsache dass die Frau wenig Kleidung an ihrem Leib trug störte sie damals wenig, wie sie heute fast schon amüsiert feststellen musste; wahrlich ein Umstand der für sie heute nicht mehr in dieser Form in Frage käme.

Das Schicksal hatte es jedoch auch gewollt dass an diesem gleichen Tag ein anderer Menekaner die Taverne besuchte und das Schauspiel der Tänzerin betrachtete, wenn auch nicht so sehr, wie er plötzlich sein Augenmerk auf die junge Menekanerin gerichtet hatte. Nadir hatte ihr mehrmals gesagt dass sie ihm sofort aufgefallen war – und zwar alles andere als positiv an diesem Abend. Alleine von der Vernunft her hätte er sich von jener Menekanerin, die sich so gehen ließ, abgestoßen fühlen sollen, sie ignorieren oder sie gar öffentlich zur Rede stellen – doch das tat er nicht. Er hatte sie beobachtet und als sie irgendwann betrunken aus der Taverne stolperte, nur um sich an der erstbesten Ecke zu übergeben, hatte er sie unter den Schultern gegriffen und ihr aufgeholfen. Dies war das erste mal dass sich Kari Falah und Nadir Yazir gegenseitig in die Augen sahen und es sollte nicht das letzte mal sein.


Natürlich war es keine wirkliche Liebe auf den ersten Blick gewesen, dafür war die junge Menekanerin an jenem Abend zu betrunken und Nadir trotz allem nicht gerade angetan von der Alkoholfahne die ihm entgegenwehte, doch der deutlich ältere Menekaner schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben über die junge Menekanerin zu wachen, anfangs noch deutlich zu Karis Missgunst, hatte sie doch ihre Heimat und den damit verbundenen Trennungsschmerz erst einmal im Alkohol versenken wollen. Doch Nadir blieb beständig, und jedesmal wenn Kari ihn Jahre später fragen sollte, wieso er das tat, sagte er immer nur diesen einen Satz: „Alles andere kam mir schon damals wie ein unverzeihlicher Fehler vor, Natifah“. Und so hatten sie sich immer öfters unterhalten, Kari vertraute sich dem Menekaner an und aus einer sehr schnell geschlossenen Freundschaft wurde noch schneller mehr. Kein ganzen Mondlauf hatte es gebraucht bis Kari in Nadirs Armen lag und sich so glücklich wie niemals zuvor in ihrem Leben gefühlt hatte, ein Zustand der sich bis heute fortsetzen sollte.


Die Tatsache dass Nadir der Bruder Khalidas war zeigte sich ironischerweise erst deutlich später. Kari hatte nur wenig über ihre Zeit auf Menek'Ur gesprochen, zu frisch waren die Wunden ihrer schnellen und wahrscheinlich überstürzten Abreise – doch an eine Rückkehr wollte sie auch nicht denken, zu groß war die Angst dass sich die Lage „Daheim“ zu sehr verändert hatte. Dies kam den Umstand zugute, dass Nadir selbst beinahe durchgehend auf Reisen war, rastlos wie ein Falke, wie er gerne sagte. Er hatte Menek'Ur geliebt, jedoch war er der Meinung die Welt mit eigenen Augen sehen zu müssen und so beschloss Kari, dass sie ihrem Rani von nun an folgen würde, von jetzt auf in alle Richtungen und Zeiten. Ein Schwur der geschlossen wurde zwischen Mann und Frau, und aus Kari Falah, der Ausreißerin wurde Kari Falah Yazir, Frau des Säbelschwingers Nadir Yazir.
Und diese Entscheidung war wahrscheinlich die beste, die sie hätte treffen können. Nadir hatte einen guten Einfluss auf sie und Kari wandte sich wieder mehr ihrem eigenen Ursprung zu, achtete mehr und mehr die alten Traditionen, genoss aber im gleichen Zug das Leben wo immer es ging. Beide reisten sie von einem Fleck zum nächsten; meistens ohne ein wirklich bestimmtes Ziel … bis dann eines Tages sich ein Wandel anzukündigen schien, in Form eines wachsenden Bauches und der frohen Gewissheit: Es war Nachwuchs auf dem Weg.[/b]

Verfasst: Freitag 31. Mai 2013, 00:04
von Kari Yazir
Alte Rechnungen begleichen


Valenir war eine Stadt wie sie nicht hätte doppeldeutiger sein können. Für den einfachen und naiven Blick vieler Reisenden, welche dort nur für eine kurze Zeit verharrten, war es eine kleine, paradiesische Stadt deren Ruhe und Schönheit mit nichts zu vergleichen war. Doch wie so vieles auf dieser Welt hatte auch Valenir eine Schattenseite. Der Konflikt der Götter wurde hier ignoriert, es gab zwar einen Schrein sowohl für die Gläubiger der Mutter und Temoras, aber auch einen für den dunklen Panther Alatar. Es herrschte eine strikte Neutralität, die notfalls auch mit Gewalt der Autoritäten durchgesetzt wurde. Das eigentliche Problem spielte sich wortwörtlich in den Schatten der Stadt ab; dort wo man sich als Reisender nicht hin verirrte, wo die Kriminellen ihre Machenschaften ausspielten und um die Vorherrschaft rangen.

Kari hatte kein ganzes Jahr auf Varenir gelebt. Als sie Nadir kennengelernt hatte war sie seit einem dreiviertel Jahr auf der Insel gewesen und kurz nachdem beide zusammengekommen waren, hatten sie die Insel auch verlassen. Davor musste jedoch ein Weg für die junge Menekanerin geschaffen werden, wie sie sich Wein, Speisen und andere Annehmlichkeiten leisten können würde; ihr eigener Vorrat an Gold ging alsbald zu neige und so musste sie irgendwie an Nachschub kommen. Sie hatte bereits in ihrer Zeit als Gefangenschaft mehr als genug mit Kriminellen zu tun gehabt und so war es nicht sonderlich schwer ihre damals erworbenen Künste nun wieder gegen klingende Münzen anzubieten. Die „Arbeiten“ die sie verrichtete gingen dabei von einfachen Botengängen, über Diebstähle, bis hin zu Einbrüchen. Eine der wenigen Bedingungen die sie damals an ihre Auftraggeber stellte war die, dass sie niemals gezwungen sein würde jemanden zu verletzen oder gar zu töten und niemals musste sie diesen ultimativen Schritt gehen – das höchste Gefühl war die Tatsache, dass sie einem ziemlich aufdringlichen Briefempfänger eine Narbe im Gesicht verpasst hatte, als dieser mehr wollte als nur die einfache Übergabe der Dokumente. Ansonsten war das Leben als „Gaunerin“ vergleichsweise einfach; Kari wusste schon sehr früh mit wem man sich anlegen durfte, wen man bestechen konnte und wann man wo eine der Stadtwachen erwarten durfte. Sie war gut, sie hätte es weit bringen können, das wurde ihr mehrmals versichert, doch dann kam Nadir und alles änderte sich schlagartig.

Damals war es Kari noch nicht so bewusst gewesen wie heute, doch Nadir hatte sie vor einem Leben bewahrt, welches kein gutes Ende genommen hätte. Sie mochte zwar ganz erfolgreich gewesen sein in diesem knappen jahr, doch sich mit Kriminellen wie diesen Menschen einzulassen konnte nicht auf Dauer gut gehen. Und so hatte Nadir damals auch bestanden, dass Kari sich von diesem Leben lossagte und mit ihm kam – ohne irgendwem auch nur einen Ton zu sagen. Sie hatte keinen Moment gezögert; ihr neues Leben mit Nadir war wichtiger als alles Geld dass sie hätte machen können.
Heute, viele, viele Jahre später saß sie in einem kleinen Hinterzimmer einer Taverne. Ihren Schleier trug sie heute nicht; bei diesen Menschen war es wichtig dass sie ihnen ins Gesicht sah, und als sie in die Augen des kräftigen, glatzköpfigen Mannes vor ihr blickte, sah sie Misstrauen und auch eine gewisse Wut.

„Du hast Nerven hier aufzutauchen. Ich meine, ich hätte es ja verstehen können wenn du hier auftauchst und versuchst nicht aufzufallen … aber dann noch die Dreistigkeit zu besitzen ein Treffen zu arrangieren … Mut konnte man dir noch nie absprechen. Kann nur sein dass du dich diesmal übernommen hast. Was willst du hier?“ die Stimme war beherrscht und Kari konnte ihrem Gegenüber nicht einmal übelnehmen dass er sauer war – sie hatte ihn quasi hintergangen.

Ohne ein weiteres Wort griff sie an den Gurt ihrer Stoffhose, welche zum Rest ihres eher lockeren Outfits passte dass sie für dieses Treffen ausgewählt hatte. Sie löste einen Beutel und warf ihn mit einem metallenen Klimpern auf den Holztisch. „Ich bin hier um meine Schuld zu begleichen und mit euch abzuschließen. In diesem Beutel ist mehr Gold als ich für euch die letzten Jahre hätte einnehmen können. Ich will in Frieden mit dir und deinen Leuten auseinandergehen, ich will dass ihr mich vergesst, dass ihr nie wieder meinen Namen irgendwo erwähnt und dass ihr mich und meine Familie in Ruhe lasst.“ ihre Stimme wars achlich, ruhig, doch innerlich war sie angespannt und nervös wie lange nicht mehr.

„Du weißt also von den Leuten die nach dir und diesem Hund suchen der dich uns weggenommen hat.“ es war keine Frage, es war eine Feststellung.

„Dieser Hund ist mein Ehemann, und ich habe euch niemals gehört, also konnte er mich euch auch nicht wegnehmen. Nimm das Gold, werd glücklich damit oder lass es und ihr werdet herausfinden wie rachsüchtig zwei Menekaner werden können deren Familie man bedroht“ ihre Stimme wurde nun schärfer, sie setzte alles auf eine Karte, beugte sich vor und starrte ihren Gegenüber an. Wenn sie nicht überzeugend genug war, würde er das Geld nehmen und sie im besten Falle verprügeln und rauswerfen lassen. Im schlimmsten Fall würde er ihr hier und jetzt die Kehle aufschneiden und sie vor der Türe verbluten lassen – aber sie brauchte diese Gewissheit, die Sicherheit dafür dass ihre Tochter nicht für ihre eigenen Jugendsünden zahlen musste.

Der Glatzkopf betrachtete den Beutel, dann Kari, dann wieder den Beutel. Sekunden schienen sich ins unendliche zu dehnen, ehe er endlich die Hand ausstreckte, den Beutel nahm und nickte. „Du hast Mumm. Ich mag das. Und du hast Anstand, das mag ich noch mehr. Wir sind quitt. Allerdings sage ich dir eines im Guten, Mädel: Komm nie wieder hierher zurück. Betrete meine Insel noch einmal und ich werd dich ins Hurenhaus sperren wo jeder einmal über die rüber darf ehe ich dich wie eine Hündin umbringen lasse, klar? Du bist und bleibst eine Verräterin.“ und damit waren die Fronten geklärt.


Am Abend saß Kari in dem kleinen Zimmer welches sie sich in der gleichen Taverne gemietet hatte in der sie damals Nadir kennengelernt hatte. Heute saß sie nicht im unteren Raum und genoss die Darbietung der Tänzer und Tänzerinnen, stattdessen hatte sie einen Krug mit Wein und einen Teller mit etwas Käse und Brot neben sich stehen und war über ein Pergament gebeugt. Es war zwar noch ein weiterer Halt notwendig, ehe sie sich auf die lange Reise nach Menek'ur aufmachen konnte, doch wollte sie wenigstens Khalida über ihr Kommen in Kenntnis setzen. Und so entstand das folgende Pergament, welches noch in der gleichen Nacht per Brieftaube nach Menek'ur geschickt wurde (bitte [url=http://forum.alathair.de/viewtopic.php?t=66193]hier[/url] klicken)

Verfasst: Freitag 31. Mai 2013, 08:13
von Kari Yazir
Der Segen des Lebens

Der letzte Anlaufpunkt, den Kari vor ihrer Reise nach Menek'Ur anlaufen wollte, war auch der, mit dem sie die besten Erinnerungen verband. Seestheim war ein kleines Dorf, es hatte nicht einmal die Größe eines Bajards, und doch war es für eine ganze Zeit gezwungenermaßen die Heimat von Nadir und seiner Ehefrau. Anfangs als Kari bemerkte, dass in ihrem Körper ein neues Leben heranwuchs, war sie aufgeregt, begeistert und fröhlich wie noch nie in ihrem Leben. Eluive hatte ihr die Kraft gegeben, einem kleinen Wesen in ihr den Segen des Lebens zu schenken. Ein eigenes Kind, eine Herausforderung und ein Geschenk zugleich für beide Eltern. Ein Geschenk deswegen, weil es nichts gab, was die beiden noch hätte tiefer miteinander verbinden können als ihr eigen Fleisch und Blut in die Welt zu bringen, eine Herausforderung, weil beide keinerlei Ahnung vom Kinderkriegen hatten. Kari wurde von ihrer Mutter durch die früheren Ereignisse zu schnell getrennt und in ihrer späteren zeit auf Menek'Ur war das Thema „Kind“ für sie noch in unendlich weiter Ferne. Und so war nie jemand dort gewesen, der ihr hätte Ratschläge geben können oder aus eigenen Erfahrungen erzählen können. Bei Nadir war es, selbstverständlich, nicht großartig anders gewesen. Er wurde als Säbelschwinger ausgebildet und verbrachte seine Zeit mit dem Schutze Menek'Urs und nicht mit der Frage, wie es wohl war Kinder zu bekommen . Und so war sowohl für Kari als auch für Nadir diese erste Zeit ein reines Abenteuer der Glückseligkeit, in welcher sie ihre Reisen fortsetzten und sich auf den Tag freuten, an dem ihr Kind zur Welt kommen würde.

Heute wusste Kari, dass naiv für ihr damaliges Denken noch ein viel zu gutmütiger Ausdruck gewesen wäre. Doch sie sollte diesen Denkfehler schon einige Monate später selbst bemerken. Nicht nur dass ihr Bauch größer wurde, das wusste sie natürlich, nein auch ansonsten schien ihr vieles schwerer zu fallen. Ihre Knochen begannen zu schmerzen und das Reisen auf See wurde immer unerträglicher für die junge Menekanerin. Nadir war es gewesen, der den Vorschlag gemacht hatte, dass beide in Seestheim für eine Weile heimisch werden sollten, bis es Kari „wieder etwas besser ginge“, es war wirklich naiv zu denken dass es vielleicht hätte besser werden können. Umso naiver war es, zu hoffen dass alles nicht noch schlimmer wurde.
An einem relativ warmen Tag standen die beiden Menekaner am Strand des Dorfes und sahen auf die See hinaus. Nadirs Blick war mürrisch-nachdenklich, seine Arme verschränkt während er eine Hand an den Turban gelegt hatte, der vom Wind ordentlich mitgenommen wurde. Neben ihm stand seine Frau, die nackten Füße in den Sand gebohrt, eine weite Tunika über ihren mit der Zeit doch etwas fülliger gewordenen Körper gezogen und das offene Haar wehte im Wind.

„Auf dieser Insel sind nur Fremdländer denen man nicht trauen kann, Natifah“ murmelte Nadir grummelnd und sah auf das Meer hinaus „ich mag das nicht. Wenn du wenigstens dein Kopftuch und deinen Schleier tragen würdest, dann wäre mir gewiss dass dich nicht jeder von diesen Wilden angafft.“

„Diese „Wilden“ denke das gleiche wahrscheinlich auch von uns, Nadir, denn WIR sind hier die Fremdländer, nicht sie. Und du willst dass ich mein Kopftuch und Schleier trage? Weißt du dass ich mich fühle als ob mein Kopf jeden Tag in einem brennenden ofen steckt und ich dementsprechend schwitze?“ ihre Stimme war ungehalten und klang genervt. Normalerweise würde sie es nicht wagen auch nur ansatzweise so mit ihrem Ranim zu sprechen, doch diese Schwangerschaft zehrte an ihren Nerven. Die Schmerzen, die regelmäßige Übelkeit die sie überkam, das Strampeln des Kindes welches immer mehr wurde, ihre Glieder die immer mehr und mehr schmerzten und dazu auch noch die Tatsache, dass ihre Brüste anschwollen wie nichts gutes; sie hatte sich das Kinderkriegen niemals so anstrengend vorgestellt.

Nadir schwieg zu ihren Worten und er tat Kari umgehend leid. Er hatte eh schon darunter zu leiden, dass in diesem kleinen Dorf niemand war, mit dem er sich halbwegs verstand. Dass er dahingehend auch täglich die immer schlechter werdende Laune seiner Frau ertragen musste, machte es sicher nicht einfacher. Doch trotz allem mussten sie beide da durch; letztendlich jedoch Kari mehr als Nadir.

Kari verzog kurz das Gesicht und gab ein leises Stöhnen von sich „Das Kind kommt eindeutig nach dir … so wie es dort bereits herumturnt.“

„Oder nach dir, meine Natifah, weil es so flink und schnell ist“ erwiderte ihr Ehemann lächelnd und drückte sanft ihre Hand.

„Wie wollen wir das Kind nennen wenn es ein Junge wird, mein Ranim?“ fragte sie ihn, den Druck sanft erwidernd.

„Yalim“ entkam es Nadir entschlossen.

„Yalim klingt nach einem schönen Namen, ja.“ Kari nickte.

„Und wenn es ein Mädchen wird?“ der Blick Nadirs glitt zu seiner Frau.

„Lalita ...“ hauchte sie mit einem verträumten Lächeln. „Meine kleine Lalita …“


Und so kam dann der Tag an dem Lalita das Licht der Welt erblicken wollte. Für Kari, die glaubte das Schlimmste der Schwangerschaft endlich überstanden zu haben, entwickelten sich die einen ganzen Tag andauernde Geburt zu einer Tortur. Sie war bereits ein- zweimal in ihren vielen Lebensjahren gefoltert worden, doch nichts war vergleichbar mit diesen Schmerzen, niemand hatte sie darauf vorbereitet, niemals! Nadir, der ihre Hand die ganze Zeit über gehalten hatte, war verwundert gewesen wie seine zierliche Frau eine solche Kraft entwickeln konnte, wenn sie vor Schmerzen begann seine Hand zu pressen. Doch letztendlich waren all der Schmerz, all die schlechte Laune, all die Quälerei in diesem einen Moment vergessen, indem das helle Geschrei eines Babys den Raum erfüllte und die Hebamme das kleine, nasse Etwas hervorholte und ihr in die Arme legte. Da lag sie, leise quengelnd aber dann plötzlich ganz ruhig in ihren Armen, die Augen noch zusammengepresst.

„Ein Mädchen … Lalita ...“ hatte sie schwach und atemlos geflüstert. Nie wieder hatte sie ein solchen Glücksgefühl in ihrem Leben verspürt wie in diesem einen Moment; dem Moment in dem sie Eluive im Stillen für dieses Wunder dankte, dass sie in ihren Armen trug.


Ein Jahr war Seestheim noch ihre Heimat. Ein Jahr in dem die kleine Familie ihre Kräfte sammelte, ehe sie ihre reisen fortsetzen, ungeachtet der Tatsache dass die kleine Lalita noch so jung und zerbrechlich war. Es mochte damals vielleicht ein Wagnis gewesen sein, doch wenn Kari Jahre später auf ihre kleine Tochter hinabblickte, dann wusste sie, dass es ihrem Stern nichts Schlechtes gebracht hatte.
Und nun fast 16 Jahre später war sie wieder hier. Doch diesmal war sie nicht hierhergekommen um eine Rechnung zu begleichen, jemanden zu danken oder dergleichen. Nein, heute war sie hier um etwas mit sich zu nehmen. Direkt an Seestheim war ein Dschungelgebiet, welches größtenteils gefahrlos begehbar war und ein kleiner Trampelpfad führte hinauf zu einem Hügel an dem direkt ein Wasserfall gelegen war. Dort sah sie sich suchend um und sie hoffte dass das Versprechen, das man ihr damals gegeben hatte, auch eingehalten worden war. Es dauerte eine Weile bis sie die Stelle im Geist wieder abrufen konnte, doch letztendlich zeichnete sich ein Lächeln auf den Lippen der Menekanerin ab und sie kniete vor ein paar Blumen nieder, welche am Rand des Wasserfalls gepflanzt waren. Die zierlichen Pflanzen hatten feuerrote Blüten und einen gelben Stil inmitten der Blüttenblätter. Vorsichtig griff sie nach zwei der Blüten und trennte sie vorsichtig von dem grünen Stil der sie im Boden hielt und verstaute sie in einem kleinen Beutel. Jene Blumen hatte sie damals kurz vor ihrer Abreise gepflanzt und einer Einheimischen ein regelmäßiges Einkommen versprochen, sollten die Blumen immer blühen und nachgepflanzt werden. Die Frau hatte ihr Wort gehalten und Kari hatte weswegen sie gekommen war. Wenn sie wieder in Menek'ur war, würde sie eine der Blüten ihrer Tochter geben und ihr erzählen was es damit auf sich hatte.

Und damit war die letze Station erreicht. Ihr nächstes Ziel war nun in greifbarer Nähe. Menek'ur, Heimat und wunderbares Juwel der Wüste. Sie konnte es kaum erwarten ...