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Fundsache

Verfasst: Montag 13. Mai 2013, 01:34
von Tijan
Fundsache
Fundsache, die; gefundene Sache, die einer verloren hat

„Ich hab da eine Fundsache, Käptn.“ Hörte er noch immer die Worte des ersten Maats im Ohr. Fundsache. Als wäre er irgendein Ding und kein Wesen aus Fleisch und Blut. Dennoch – irgendwie hatte die Aussage etwas in ihm berührt, auch wenn er sich darüber ärgerte. Als er an Bord als Schiffsjunge angeheuert hatte, war er für alle immer nur der Kleine gewesen, den sie im Hafen aufgegabelt hatten und nun wie etwas, dass die Katze angeschleppt hatte, behielten.
Er hatte sechs Monde lang das Deck geschrubbt, dem Schmutje in der Kombüse geholfen oder war in den Wanten herumgeklettert. Sein ohnehin schon blondes Haar war durch Wind, Wasser und Salz noch mehr ausgebleicht und seine Haut rauer geworden, fast als würde das Meer versuchen ihn immer mehr an das Leben auf See anzupassen. Aber eigentlich war das nicht das Leben, welches er sich vorgestellt hatte.
Als er den Hof seiner Eltern gezwungenermaßen verlassen hatte, war er einige Zeit ziellos umher gewandert, hatte hier und dort für ein paar Münzen oder ein Essen gearbeitet und war dann doch wieder weitergezogen. Er wusste selbst nicht so genau, wohin er eigentlich wollte. Er hatte zwar seine Träume und Wünsche, doch die schienen noch so weit fort, dass er nicht wusste welcher Weg ihn dorthin bringen würde. So blieb er… verloren, verirrt und wurde für manche zur „Fundsache“. Ob es nun der Müller war, der sich freute ein paar kräftige Arme zu finden, die ihm halfen die Säcke auf den Karren zu laden. Ob es die Bäuerin war, die glaubte in ihm endlich einen Heiratskandidaten für ihre hässliche und tumbe Tochter zu finden oder ob es der erste Maat war, der ihn als Schiffsjungen gerade gut genug fand. Immer wurde er „gefunden“. Sich selbst fand er allerdings nie.

Vor ein paar Tagen hatte er das Schiff verlassen und war in Bajard an Land gegangen. Warum genau wusste er selbst nicht so genau. Die Launen des Maats hatten ihn gestört, dass sie ihn alle immer wie ein Kind behandelten, dass sie ihren Ärger an ihm ausließen, weil er als Niederster in der Mannschaft ohnehin nicht aufmucken durfte. So oder so, nun war es ohnehin gleich. Er war schon wieder irgendwo verloren gegangen. Diese Insel war seltsam. Die ersten Tage war er nur ziellos umher gelaufen und war doch immerwieder am Abend im Gasthaus von Bajard gelandet. Das hätte gern noch eine zeitlang so weitergehen können, wenn er nicht just an diesem Morgen mit einer Klinge am Hals aufgewacht wäre. In den Geschichten war so ein Moment immer spannend, man wollte unbedingt hören wie es weitergeht. In Wirklichkeit war es nicht so spannend. Es war verdammt nochmal angsteinflößend. Und dann diese Stimme an seinem Ohr. Er schauderte immer noch, wenn er daran dachte. Es hatte ihn den Hauptteil seiner Münzen gekostet und ihm einen Heidenschrecken eingejagt, aber immerhin war er mit heiler Haut davon gekommen. Das Gasthaus hatte es ihn nun allerdings verleidet.

Nun saß er allein auf der Bettkante des fremden Bettes mitten in einer fremden Stadt. Wie meist, wusste er auch heute nicht so genau wie es kam, dass er nun hier saß. Es war einfach so passiert. Auch wenn es sich dieses Mal irgendwie anders anfühlte. Er konnte nicht genau benennen warum und so saß er nachdenklich auf der Bettkante und hatte den Kopf auf die Hände gestützt. Der Abend lief nochmal vor seinem inneren Auge ab. Im Grunde war es wie immer gewesen. Er war umhergelaufen und war dann „aufgelesen“ worden. Aber ohne einen Zweck. Er hatte nichts tun müssen, ihm wurde keine Aufgabe gegeben, es wurde nichts von ihm erwartet. Vielleicht war es das? Er atmete einmal tief durch, ließ die angespannten Schultern sinken und legte sich zurück aufs Laken.
Nein, es war nicht nur das. Nicht nur.