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Wenn gemeinsame Lebenspfade in die Ferne führen...

Verfasst: Freitag 10. Mai 2013, 16:30
von Hanna Radenbruck
Da stand sie nun inmitten des Taschenbergs, welchen Amalia, Wieland und allen voran Tulena tüchtig umhertrugen und wusste in diesem Moment wirklich nicht, ob ihr zum lachen oder weinen zumute war.
Tief in ihrer Brust drückte ein wirres Gemisch aus Gefühlen gegen die Rippen, fachte das Herz mal an, zu klopfen, nur um es kurz danach zu quetschen und bildete den altbekannten Kloß im Hals. Hanna war eine Heulsuse, schon immer irgendwie gewesen. Dies war ihr bewusst und es störte sie in diesem Moment kein Stück. Wie sollte man in Worte fassen, was da gerade mit ihr, nein mit ihnen beiden, geschah?

Unter dem Herzen, im Bauch, welcher durch die weiten Kleider aber noch gut kaschiert war, regte sich etwas. Regte sich so heftig, durch ihre Emotionen und Verwirrungen geweckt, dass sie seufzend versuchte die Anspannung von sich zu schieben und behutsam beide Hände auf den Bauch legte.

"Ist schon gut, mein Kind, es ist die richtige Entscheidung. Es tut nur so weh..."

Die letzten Monate waren ein reines Versteckspiel und er machte es mit. Seit Ende des Hartungs ahnte sie, was mit ihr los war und Ende Lenzing war es dann gewiss. Sie, Hanna Radenbruck, trug das Kind ihres Liebsten unter dem Herzen und obwohl sie sich über diesen wunderbaren Umstand freuen sollte, erfüllte es sie mit lähmender Angst und entsetzlicher Panik. Es war nicht die Tatsache, dass sie eine Mutter werden würde, mit Medren an ihrer Seite war sie bereit. Nein, es lag nicht an ihren, sondern den äußeren Umständen.

"Was... was soll ich nur machen?", schluchzend hatte sie sich an seine Brust geworfen und spürte nur vage die schützende, liebevolle Umarmung, als er sie sachte an sich drückte und zu wiegen begann.
"Schschhh, keiner verlangt irgendetwas von dir. Du wirst einfach tun, was du für richtig hälst, Haselmaus."
Aufweinend musste sie da den Kopf schütteln und beruhigte sich auch nicht, als er ihr vorsichtig durch die dunkelblonden Locken strich.
"Du verstehst mich nicht - ich bin nicht so stark wie Maja. Ich kann... kann... kann unser Kind hier nicht beschützen."
Da war es raus.
Stand nun mitten im Raum und strahlte ungemeine Kälte aus.
Er schluckte.
"Ich lass dich nicht alleine gehen, Hanna. Wenn du von ihr weg möchtest, werde ich mit dir ziehen."
Natürlich waren diese Worte Balsam, doch wurden sie nur von einem weiteren Kopfschütteln beantworten und von Tränen erstickt presste sie hervor:
"Es ist schlimm genug, dass ich die Schwestern im Stich lassen muss, ich will nicht, dass du deine Brüder und dein ganzes Leben zurücklässt."
"Hanna, ich..."
"Nein!"
"Hanna, wenn du..."
"Nein!"
"Hörst du m..."
"Nein!"
"HANNA!"
Die Schärfe in seiner Stimme hatte sie erschrocken aufblicken lassen und auch der Griff seiner Hände an ihren Oberarmen wurde plötzlich etwas härter. Allerdings kam der richtige Schrecken erst, als sie in sein Gesicht sah. Die Farbe war den feinen Zügen gewichen und die Nasenflügel bebten leicht. Am Schlimmsten jedoch war der verletzte, schmerzliche Ausdruck in seinem Antlitz und das verräterische Glitzern tief in den farngrünen Augen.
"Hanna, du bist meine Gefährtin. Ich habe dich geliebt, als ich dich zum ersten Mal sah. Meine Seele hat ein Band zu deiner geflochten und unser beider Lied erwacht in unserem Kind zum Leben... und nun erwartest du von mir, dass ich hierbleibe, während ihr... beide..."
Die Stimme versagte ihm und nun war sie es, die ihn an sich presste und in beschämt über den eigenen, überdramatisierten Egoismus immer und immer wieder leise "Verzeih mir, bleib bei mir... verzeih mir!" in sich hineinmurmelte. Sie waren eine Einheit, eine Familie.


Er hatte ihr danach versprochen, sie erst einmal bei sich aufzunehmen und nach einer Lösung des Ganzen zu suchen. Als sich die Ereignisse überschlugen und die Sterne vom Himmel fielen, glaubte sie schon, sie wären zu spät mit ihrer Entscheidung, das Land zu verlassen und doch harrte sie noch ein wenig länger in der Abgeschiedenheit der Wälder mit ihm aus, ehe er eines Tages strahlend mit einem Brief seiner Eltern vor ihr stand.
"Haselmaus, ich hab den Weg aus der Sackgasse gefunden!"

Und nun?
Nun war die Familie eingeweiht, die ersten Abschiedstränen geflossen und die Taschen gepackt. Briefe wurden aufgesetzt, um all jene die sie liebte und ein Teil ihrer Selbst waren, zu verständigen. Cara, Yasme, Alynara, Liska, Nuria, Kaliya, Fiona, Vefa würden in Kenntnis gesetzt werden und vielleicht dann, so wie sie nun, aus Trennung ein klein wenig ertrinken.

"Hannerl?", meldete sich Wielands Stimme warmherzig, wenn auch nicht ohne Melancholie. "Soll ich euch beide heute Abend zum Hafen bringen?"
Sie schwieg einen Moment und strich erneut über den Bauch, das Kind... ihre fleischgewordene Liebe und schüttelte dann den Kopf.

"Nein, es gibt eine Person, die mir ebenso nahe wie mein Kind und mein Gefährte ist und meine Seelenschwester kann ich nicht mit mir nehmen...", murmelte sie unendlich leise in sich hinein.
"Was? Du musst ein wenig lauter sprechen, Hannerl..."


"Ich muss noch von Maja Abschied nehmen..."


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Verfasst: Freitag 10. Mai 2013, 18:29
von Medren Haingrund
Nur klein war das Gepäck, das vor ihm auf dem Boden ruhte, nur wenig, fast als hätte das Leben hier nicht so unglaublich Vieles mit sich gebracht, das man hätte ansammeln können. Doch war der Weg, der vor ihm lag weit und die Situation, in der er reisen würde war eine andere als all die vielen Male davor, in denen ihn der Weg aus dem Hain von seiner so lange als Heimat gewählten Stätte forttrug. Jeder einzelne Schritt, den er gegangen war, jeder Tritt, jeder Baumstumpf, dem er begegnete, all die unzählbaren Kleinigkeiten hatten ihn verabschiedet und auf dem Heimweg wieder begrüßt... doch diesmal würde es anders sein.
Diesmal würde der Weg ihn nur in eine Richtung leiten, ihn, Hanna und das ungeborene Leben, welches schon jetzt im Lied so wunderbar klang dass er in ruhigen Momenten, in denen Hanna schlief, vollkommen reglos neben ihr saß und lauschte.
Vielleicht war es kein Weg ohne Wiederkehr... doch lag diese in zu weiter Entfernung als dass er sich auf die Zehenspitzen recken und in die Zukunft blicken wollte.
Ein letzter Blick in seinem Haus umher versicherte ihm, dass er nichts zurücklassen würde auf das sein Herz nicht verzichten konnte. Zwei Hemden zum wechseln, ein Mantel für die kalten Nächte und um Hanna gegen den manchmal auf dem Pass in Richtung seiner Heimat aufwallenden kalten Wind zu schützen, ein wenig Wäsche und einen Ableger des Thymianbusches den er mit so viel Liebe gehegt und gepflegt hatte. Für Essen sorgte er nicht, kannte er doch ihre Tanten und Onkel die, wie seine Mutter, sicher genug einpackten um ein halbes Heerlager sicher bis in das kleine Dorf am Rande des Haingrunds zu bringen ohne dass auch nur eine Seele Hunger leiden musste. Er würde viel zurücklassen und ein anderer hätte darüber vielleicht einen Funken Schmerz verspürt, doch nichts davon war wichtig genug, nichts zählte auch nur so viel wie das was er über allem anderen je geliebt hatte, noch immer liebte und immer lieben würde... die Frau, deren Bild sich ihm ins Herz gebrannt hatte und für die er ohne zu zögern seine Zelte hier abbrach.
Nur seine Brüder und die wenigen Freunde außerhalb der Bruderschaft würden ihm fehlen... aber er hatte bereits einen Brief an Aylen abgeschickt und dieser hatte ihm versprochen sie beide bald besuchen zu kommen um den beiden beim Mischen der Tränke und beim Versorgen der größeren und kleineren Blessuren beizustehen... Aylen... weit über allen anderen hatte er in dem ihm so gegensätzlichen Bruder einen Freund gefunden...
Aber auch seine Brüder Taleon, Isaac und Larel würde er vermissen.. denn all jene wunderbaren großen und kleinen Dinge, die seit seiner Ankunft vor vielen Jahren geschehen waren hatten das Band gestärkt... das Lied würde sie immer aneinander binden, niemals würde er vergessen, dass sie ein Teil der Wurzeln waren, die ihm Halt gaben... auch wenn er nun von ihnen ging um an anderer Stelle ein sicheres Leben für Hanna, sein Kind und sich selbst aufzubauen.
Ein Leben ohne ständig lauernde Gefahr, ein Leben ohne Unsicherheit, ein Leben, das mit der Geburt eines neuen kleinen Wesens begann... ein Kind... ein Mädchen.

Noch vor ein paar Monden war es eben jene Unsicherheit, die Hannas Blick mit jedem Tag trüber und trüber werden , jede ihre Bewegungen ängstlich und abgehetzt wirken ließ, als lauerte drohend über ihrem Haupt ein stets zum Fall bereites Damoklesschwert, dessen spitze Klinge sie unentwehrt fürchtete. Ihr Schlaf wurde unruhiger und die Träume, in die er ihr nicht folgen konnte, ließen sie jede Nacht fieberhaft umherfahren, bis er die Arme zu einem schützenden Kokon um sie legte und im Lied wortlos von der wunderbaren Einfachheit einer Blume, dem leisen Gesang der Vögel und dem fröhlichen Plätschern des Wasserfalls flüsterte bis sich das feine grüne Flirren wieder beruhige, die verkrampften Hände sich lösten und Hannas Schlaf wieder so gleichmäßig vorwärtsdriftete wie der Bachlauf ohne Stromschnellen. In einer jener Nächte musste es gewesen sein, als er den zweiten Laut, das leise kaum vernehmbare Echo gehört hatte... ein Gähnen, das vom Erwachen einer kleinen Seele kündete, die aus der Verbindung zweier Liebender entstanden war.
Hannas und sein Kind.

Wie Fischschuppen fiel es ihm von den Augen, warum die Nervosität Hanna nicht mehr aus ihrer gefährlichen Pranke gelassen hatte, waren doch die Beben, die das Land erschüttert und die Insel der Schwestern zum einstürzen gebracht hatten nur wenige Wochen vorbei. Selbst der sicher geglaubte Weiler ihrer Familie hatte in Schutt und Asche gelegen und das geliebte Heim war in den Tiefen der Erde verschwunden, zermalmt vom spitzen Zahn der Zeit.

"Hanna... Haselmaus..."Liebevoll strich er über das Gesicht der schlafenden Geliebten neben ihm. " Hier... ist es nicht sicher für dich, für unser Kind..."


Es musste einen Weg geben... einen Weg, der ihr die Sicherheit zurückgab, die ihr so sehr fehlte, der ihr den Boden, der unter ihren Füssen davongezogen worden war wieder aufbaute.
Irgendeinen Weg...
Und in diesem Moment hatte Eluive ein Einsehen mit ihm, mit Hanna und mit dem Kind dessen Schlaf er unter seiner Handfläche tief in ihrem Bauch spüren konnte.

Ein Brief bahnte die Reise an, ein Brief der sicher für andere wenig Sorgen aufkommen ließ doch las den große schlanke Rotfuchs zwischen den Zeilen, hörte den Hilferuf seiner Eltern, die der Tod der Dorfheilerin vor ein nicht zu lösendes Problem stellte.

Jener Brief der ihn dazu brachte Hanna das Leben im kleinen Dorf am Rande des Haingrunds vorzuschlagen... in dem kleinen nun leer stehenden Kräuterhaus mit dem großen Garten am Ende des Dorfangers, direkt neben den bis in den Himmel ragenden Tannen, von denen Medren schon als Kind über den Fluss, den See mit seiner Insel und die angrenzenden Wälder geblickt hatte.


Ein kleiner dicklicher Kauz ließ sich im offen stehenden Fenster des kleinen Hauses, mitten im Hain der Druiden nieder und gab sein tiefes und langgezogenes Houten von sich, ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken.
Es war soweit... der Weg in ein neues Leben begann... er musste nur den Weg aus der Tür hinaus wagen. Medren griff nach seinem alten Wanderstab, dem zusammengeschnürten Sack mit seinen Sachen und schloss die Tür hinter sich ohne den Schlüssel im Schloss zu drehen. Ein anderer würde seinen Platz hier in der Gemeinschaft, hier in der Hütte direkt am Fluss einnehmen und er wünschte ihm alles Glück... er hatte das ihm höchste Gut gefunden und nichts und niemand konnte ihn mehr davon abhalten es je wieder gehen zu lassen.

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Verfasst: Donnerstag 16. Mai 2013, 18:58
von Nuria Mondin
Es gab diese Momente, wo Nuria sich steinalt fühlte. Als wäre sie eine alte Eiche, um die herum sich ständig alles wandelte. Und genau dieses Gefühl beschlich sie wieder, als sie den Brief las.

Sie wusste, dass sie Hannas ausgelassene Art vermissen würde. Aber wichtiger war es, dass es ihr gut ging und sie ihren Weg gehen konnte. Es stand ihr nicht zu, egoistisch zu sein und zu wünschen, dass sie blieb. Und irgend etwas sagte ihr, dass es nur ein Abschied auf Zeit war...

Ein wenig melancholisch schwelgte sie die Nacht in Erinnerungen, fand kaum Schlaf. Aber der neue Morgen erinnerte sie daran, dass noch Vieles auf sie wartete, und so machte sie sich wieder an die Arbeit, der Fluss der Zeit würde zeigen, was aus diesen Ereignissen erwuchs. Insgeheim hoffte sie, dass Hanna ein Erbe weiter geben würde, was sie unweigerlich zurück führen würde.