Seite 1 von 2
Ein Leben mit 100 Gesichtern
Verfasst: Donnerstag 28. März 2013, 02:25
von Alin
- [img]http://www.fotos-hochladen.net/uploads/diewelteintor5cro32ym60.gif[/img]
"Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel."
Friedrich Nitzsche
Ich wusste nie so recht etwas mit meinem Leben anzufangen und als ich wiedermal begonnen hatte, meine Ernährung aus anderer Tasche zu bezahlen, spielte mir das Schicksal dieses Mal nicht gut zu. Zum einen wurde meine Hand erwischt, mit welcher ich zu packte und zum anderen war es noch die Tasche eines Mannes, welcher wusste, wie man ganz schnell eine Hand vom restlichen Leibe trennen konnte. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und doch kam mir die Angst bis in die Kehle hoch, so weit, dass ich nicht einmal wusste was ich sagen sollte, als er mich im Zorn aus der Masse zog. Eigentlich waren fehlende Worte noch nie mein Problem, doch sein Gesicht sorgte dafür, dass es an jenem Abend der Fall war. Er hatte bereits seine Waffe gezogen und es wären nur noch wenige Sekunden gewesen, bis er mich um meine Hand erleichtert hätte. Ich war noch so jung... und so naiv. Irgendwann wusste ich wieder, wie das Sprechen funktionierte und ich flehte ihn an, er solle mich verschonen, er solle meinen Körper verschonen und ich wusste zwar nicht warum, aber er tat es. Jedoch war der Preis, den ich dafür zahlen musste, keiner, den ich unbedingt zahlen wollte und auch keiner, den ich aus irgendeiner anderen Tasche hätte zahlen hätte können.
"Ich merke mir dein Gesicht, Mädchen und ich sorge dafür, dass es sich auch jeder andere in der Umgebung einprägt. Und sollte man dein Gesicht hier jemals noch einmal erblicken, dann wird die abgetrennte Hand dein geringstes Problem sein."
Eine Drohung, die vermutlich einfach nur so daher gesagt gewesen sein könnte und doch schlug sie in meinem Kopf so ein, dass sie mein kommendes, komplettes Leben, um 180 Grad drehen sollte. Ich rannte, ich rannte so weit, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, wo ich war. Die Beine schmerzten so lange, bis ich sie kaum noch fühlte. Sie wurden taub und trotz der Tatsache, dass ich kaum noch Luft bekam, rannte ich weiter und weiter. Irgendwann klatschte ich in einen Fluss, denn mein Körper wehrte sich gegen meinen Willen voran zu kommen und ließ sich fallen. So lag ich da, die weißen Haare vermischten sich mit dem dunklen Blau des Wassers und ich erkannte kaum noch mein richtiges Gesicht, so rot wie es angelaufen war. Ich wusste, ich müsste was ändern, doch wusste ich nicht wie. Bis zu diesem Moment konnte ich auch nicht erahnen, dass das kleine, fast zerfallene Haus, welches am Bache stand, all die Antworten auf meine Fragen in sich trug.
Ausgezerrt von Hunger und Durst, schwach durch einen unendlichen Dauerlauf, bewegte ich mich auf dieses Haus zu. Langsam, Schritt für Schritt. Die Tür schob ich auf oder zumindest den Holzrest, welcher jener geblieben war und stolperte über die Schwelle. Die Schwelle in mein neues Leben. Es war nicht sonderlich spektakulär. Eingestaubte Schränke und Möbel oder eher gesagt ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl, umgarnt von diversen Fellen, die wohl einst für irgend wen als Schlafmöglichkeit dienten. Es wurde ewig nicht mehr betreten, denn meine Fußabdrücke im Staub waren die einzigen, die ich ausmachen konnte. Ein perfekter Ort für die Rast. Es fehlte nur das Essen, welches sich jedoch auch nicht offenbarte, als ich den Schrank öffnete. Viel mehr offenbarte sich eine Welt für mich, die ich vorher noch nie betrachtet hatte.
In diesem Schrank hingen diverse Mäntel, in den verschiedensten Farben, gefolgt von einer Reihe Schuhen, ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen. Weiter oben, in einem Regal über den Bügeln, standen diverse Phiolen, Töpfchen, hintenan ein Kamm, eine Schere und eine schlichte Ledermaske.
Diese Nacht nutzte ich nicht zum schlafen, ich nutzte sie dafür, mich mit den Sachen auseinander zu setzen, die, wie sich rausstellte, alle einen Zusammenhang hatten. Die Phiolen dienten dazu, die Haare zu färben. Eine Färbung, die zwar das ganze Haar erreichte, aber so ekelhaft stank, dass ich nur zwei Versuche erledigte, bevor ich mich den anderen Dingen zuwendete. Mit den Töpfchen konnte ich mich schminken, ich konnte meine Hautfarbe ändern, konnte mich blass machen oder dunkler und selbst die Augenbrauen konnte ich mit einem etwas kleineren Schminktopf nachziehen, anders formen. Ich konnte mir ein vollkommen neues Gesicht geben, ein Gesicht, welches es mir ermöglichen würde, erneut anzufangen und mein Leben erneut aufzubauen. Ich hätte wieder in die Stadt zurück gehen können, ohne um mein Leben fürchten zu müssen. Jedoch wusste ich damals schon, dass mein Können dies bezüglich noch recht mies war. Es kostete mich Übung, monatelange Übung. Diese nahm ich auf mich, denn ich war mir darüber bewusst, wie oft ich doch auffallen hätte können und wie egal es doch ist, weil ich am nächsten Tage einfach mit anderem Gesicht erscheinen würde und niemand mich kennt.
Monate zogen ins Land und abgesehen davon, dass ich lernte, mir mein Essen zu erjagen und mir geschickt und gewitzt Wasser aus dem Bach zu holen, wenn ich durst hatte, passierte sonst recht wenig bei diesem kleinen Haus. Ich kam mir vor, als wäre ich ganz allein auf dieser Welt, abgesehen von den Tieren, die in meinem Verstand aber nur noch dafür da waren, dass ich eben überleben würde und nicht um mir zu verdeutlichen, dass es eventuell doch mehr als mich da draußen gibt. Ich konnte die Menschen sowieso nie leiden und auch wenn ich bereits so geübt in der Maskerade war, dass ich gar Kissen stickte, die mich dicker machten und Hölzer hackte, die meine Körpergröße erhöhten, hatte ich gar keine Lust mehr in die Stadt zurück zu kehren. Ich war so jung und naiv und ich glaubte nicht einmal daran, dass es irgendeinen Menschen gibt, der meinem Niveau entsprach. Erstaunlich wie meine Arroganz stieg, um so länger ich in Einsamkeit weilte. Es war vermutlich ein schützender Instinkt, damit ich an dieser Abschottung, die ich mir selbst schuf, nicht zu Grunde ging.
Bedauerlicherweise brachte mir meine Arroganz nichts im darauffolgenden Winter. Er zwang mich regelrecht dazu, wieder in die Zivilisation zurück zu kehren. Ein Druck, dem ich nur ungern zuließ und doch war er notwendig. Mein Magen knurrte und das gefrorene Wasser im Bach würde mich auch nicht über den Winter bringen. So ging ich also los, jedoch verließ ich mein, mittlerweile trautes, Heim nicht mit dem Gesicht, mit welchem ich gekommen war, nein, ich war nun ein anderer Mensch und ich redete mir ein, all das, was vergangen war, würde mich nie wieder einholen. Der Verlust meines Kindes, die Tatsache, dass mich die Trunkenheit in die Armut stürzte und mich dazu brachte, Leute zu beklauen. All das wollte ich in diesem Haus lassen und das habe ich, indirekt, auch. Das einzige was ich mit mir nahm war Hunger, enormen Hunger, der unbedingt gestillt werden musste. Begleitet von Arroganz und Distanz und den Hass auf soziales Umfeld. Umfeld, in welches ich mich aufs neue hinein warf. Ich war geboren.
Verfasst: Freitag 29. März 2013, 03:22
von Alin
- "Du hast dich geschminkt und so lange verwandelt, dass niemand mehr weiß, um wen es sich handelt."
Tanzwut - Lügner
Und so zogen die Jahre ins Land und nachdem ich mich für ein paar Identitäten entschieden hatte, hatte ich mein Leben auch langsam wieder im Griff. Ich hatte mich für keinen Glauben entschieden, ich war frei von irgendwelchen Verpflichtungen und lebte mich in einem kleinen Fischerdorf ein. Ich sammelte auch soziale Kontakte, auch wenn ich jene nicht wirklich nah an mich heran ließ, niemand kannte mein wahres Gesicht und ich wollte auch niemanden jenes offenbaren. Es war mein kleines Geheimnis, meine Last, die ich in jenem Moment noch als angenehm empfand.
Bis zu dem Tage, an dem alle irgendwie nach und nach verschwanden, die ich zumindest als gute Bekannte betitelte. Ich stand wieder vollkommen alleine da und ich wusste nicht einmal, bis zu diesem Moment, wie schrecklich dieses Gefühl sein konnte und wie schwach ich damit umging. Ich fiel in meinen alten Zustand zurück, ich fand wieder den Weg zum Alkohol, nur das ich jenen mit einem anderen Gesicht ging, aber das Resultat war einfach das selbe, ich versank wieder in dieser Trance, aus welcher ich mich so schwer selbst befreien konnte.
Wieder zogen Tage ins Land und mein Leben neigte sich langsam wieder dem Tiefpunkt entgegen, ich weiß nicht einmal genau mehr, wie es wirklich ablief, ich weiß nur noch, dass ein dunkelhäutiger Letharf mein Handgelenk ergriff und mich aus meinem eigenen Erbrochenen zog. Er zog mich über den Boden, wie einen alten Sack und mehr war ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht wert, in die Richtung Rahals. Ich war diesen Weg vorher noch nie gegangen und ich werde ihn wohl auch nie wieder gehen, zumindest nicht so. So viele Steine und Äster, welche mein Leib mit sich riss, es war der längste 'Gang' meines Lebens. Er nahm mich mit in ein Haus, in welchem ich ausnüchtern musste, ich musste mich waschen, mich neu kleiden und dann folgten noch ein paar Monate, welche ich mich schulen musste. Gebote, Gesetze, Glauben. Alles Dinge, die ich zu jenem Zeitpunkt einfach nur schrecklich fand und trotzdem tolerierte, weil ich wusste, würde ich mich weigern, hätte er kein Problem damit, mich zu töten. Die Tage vergingen und irgendwann verging auch meine Abneigung gegen das, was man mir eintrichterte. Ich verstand was man mir lehren wollte, ich begann es zu leben, ich wurde dienlich und ich diente mit Stolz.
Stolz, den ich über die Jahre sammelte, Stolz, der mich irgendwann zu einer Maschine machte, ohne das ich es merkte. Soziale Kontakte waren in Rahal irrelevant, man musste nur optimal dem Ziel entgegen streben und das habe ich getan. Der Letharf, der mich einst fand, war zufrieden und ich war es ebenso. Ich wusste zwar, dass sein Volk dem Menschen nicht so gegenüberstand, wie es manche dachten, aber es war mir egal. Ich fiel nicht auf, außer durch gute Leistungen und selbst dann richtete man den Blick nur selten in meine Richtung. Ich war unscheinbar und hatte trotzdem ein angenehmes Leben, ein perfektes Leben, in meinen Augen. Keine Gefühle, keine Verfolgungen und kein Alkohol, nichts, was mir irgendwas zerstören könnte. Jedoch merkte ich schnell, was es für negative Seiten gab, wenn man dient. Es folgte der Krieg gegen Varuna und deren Fall, ein Krieg, der mir alles offenbarte und meiner Seele Risse zufügte, durch die Bilder, die er mir zeigte.
So viel Blut, so viele Toten, so laute Schreie, all so Dinge, die ich niemals wieder vergessen würde. Blut, welches auch durch meine Hände floss, Körper, die auch durch meine Klinge starben und Schreie, die durch mein Erscheinen entstanden, denn der Schock trat erst ein, als sich die Flammen senkten und mein Leib, müde und zerschanzt vom Krieg, im Wald zu Boden ging.
Ich starrte in den Nachthimmel und ließ mein Leben in meinen Gedanken an mir vorbei ziehen. Ich war eigentlich im ersten Moment nicht bereit für den Tod, denn ich war nicht zufrieden mit dem Leben, welches ich lebte. Nicht etwa, das mir der Weg, den ich eingeschlagen hatte, nicht gefallen hat, es war irgendwas anderes, was mir die Tränen in die Augen trieb. Vielleicht war es auch nur die Verzweiflung, die mein Leib in sich trug, als meine Hand das eigene Blut fühlte, wie es sich nach und nach unter dem Körper verteilte. Ich war nicht bereit zu sterben, doch mein Körper war auch nicht bereit sich zu regen und mein Leben sollte zu Ende sein, so wie das Leben der ketzerischen Stadt, welche alsbald nur noch ein Haufen Ruinen darstellte. Ich war nicht bereit...
- [img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/dasendeio1wdc3ak2.jpg[/img]
Verfasst: Freitag 29. März 2013, 20:44
von Alin
- Herz, mein Herz was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr!
Weg ist alles was du liebtest,
Weg worum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh,
Ach wie kamst du nur dazu.
Johann Wolfgang von Goethe
Ich erinnere mich nicht mehr genau, was da eigentlich passiert ist, es waren nur Lichter, die vor meinem Auge auftauchten. Ich dachte es wäre der Weg in Richtung Tod gewesen, jedoch überzeugte mich die Hand, die nach mir griff und in einen Riss zog, vom Gegenteil. Panik schoss durch meinen Leib und auch wenn ich mir einredete, dass sich Tod so nicht anfühlt, fühlte es sich auch nicht nach Leben an. Ich habe nur flackrige Erinnerung an den Raum, durch welchen ich getragen wurde. Es war dunkel und hier und da waren Lichter zu sehen, in allen Farben vertreten. Hören tat ich nichts, außer die Füße der Gestalt, die mich getragen hatte und meine Atmung, als wäre ich in dem Fall nur ein Beobachter gewesen und nicht etwa das Wesen, das kurz vorm Tode stand. Irgendwann blendete mich ein helles Licht, nachdem ich wieder zwei Schritte annahm, dass sich in meinem Leibe alles drehen würde, ein Licht, welches mich in die Bewusstlosigkeit trieb.
Mein Leben war gerettet und ich wusste noch immer nicht wieso. Was wohl auch daran lag, das ich kein Wort mit meinem Retter sprach, über Wochen nicht. Ich hegte allerdings auch kein Bedürfnis zu fliehen, da ich das Leben in dieser Zeit scheute, wie kaum ein anderer. Die Bilder des Krieges hafteten noch immer in meinem Geist und ließen mich des Nachts nicht schlafen. Die Schreie rissen mich aus dem Bett und die Panik, die mein Atem antrieb, ließ sich nur schwer wieder bekämpfen. Er sprach kein Wort mit mir, er akzeptierte mich und er akzeptierte meine Schweigsamkeit. Er kannte nicht einmal meinen Namen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, mir Essen und Trinken zu bieten, so wie Kleidung. Kleidung, die vermutlich sonst nur von hohen Herrschaften getragen wurde. Solch edle Stoffe hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen.
Die Wochen zogen ins Land und eines Abends, als ich mich vor dem Kamin gesetzt hatte und eines dieser tausend Bücher, welche er besaß, in meinen Händen hielt, kam er durch die Tür. Er hatte unglaublich schlechte Laune, Laune, die ich bisher noch nicht erblicken konnte. Sonst nickte er mir zumindest zu, aber an diesem Abend winkte er nur ab, als ich ihn kurz anblickte, auf seinen Gruß wartend. Er setzte sich an den Tisch und verfiel in seinen Zorn, es wirkte fast so, als würde er einen inneren Kampf mit sich selbst führen. Ich weiß bis heute nicht warum, aber das war der Moment, wo ich nach Wochen den Mund öffnete und ihm einen kleinen Satz schenkte.
"Ich heiße Alin."
Das war der Startschuss für eine seltsame Freundschaft. Wir lebten eigentlich in zwei verschiedenen Welten. Er zeigte mir jedoch einen großen Teil seiner Welt und ich ließ ihn in die Meine blicken, auch wenn es nur kleine Bruchteile waren, die er von mir haben durfte. Ich glaube ich sprach die erste Zeit auch nur mit ihm, damit ich überhaupt jemanden zum Reden hatte. Es mussten erst Monate vergehen, bis ich ihn endlich mehr verstand und auch mehr Gefühl entgegen brachte, als einem Hund oder einer Katze. Gefühle, die ich allerdings nicht Berührungen oder so etwas ausdrückte. Wir fassten uns nicht an, niemals, außer eventuell beim Tanze. Er brachte mir die adligen Normen bei, die Bewegungen, die Begrüßungen, den Walzer - alles Dinge, die ich für meinen weiteren Weg gut gebrauchen konnte. Ich akzeptierte das Leben in jener Burg, auch wenn ich mich jede Nacht für mich selber schämte, weil ich mich nicht traute das Haus zu verlassen und wieder das zu tun, was der, an welchen in glaubte, von mir erwartete. Ich war feige und ich hasste mich dafür, ich hasste mich für alles, ich hasste mich.
Ich hatte jedoch nicht so viel Zeit in Selbstmitleid zu zerfließen, wurde die Burg nach und nach voller. Ungefähr fünf bis sechs Seelen hausten dort und ich wurde zum Putzmädchen und zeitgleich zur wütenden Hausfrau, die alle zurecht wies, die sich daneben benahmen. Nach und nach fühlte es sich für mich an wie Familie. Jedoch war dies nicht von langer Dauer, irgendwann kam keiner mehr in die Burg und ich vereinsamte. Nicht einmal mein goldhaariger Freund kam noch zu besuch, er war verschollen, wie auch der Rest. Die Nahrung ging zu neige und auch wenn ich eh kaum einen Bissen zu mir nehmen konnte, weil ich mich wieder so allein gelassen fühlte, musste ich die Burg verlassen. Diese Erkenntnis kam zwar recht früh, aber bis ich mich dann vor die Tür traute, verging sicher noch eine oder gar zwei Wochen.
Ich bewegte mich zögerlich nach Rahal und ich wusste nicht mehr, was mich dort erwartete und als die ganze Stadt sich im neuen Glanze erstreckte und ich die Straßen so nicht kannte, überfiel mich die Verzweiflung.
Nach und nach lebte ich mich wieder ein und auch wenn kein Gesicht mehr dort war, welches ich einst kannte, lernte ich schnell neue Seelen kennen, welche ich dann zumindest mit einem Namen ansprechen konnte. Ich hatte die Schnauze voll von engeren Kontakten, ich wollte niemanden mehr an mich heran lassen und daher war die Distanz groß, welche ich den Leuten schenkte. Diese verminderte sich auch nicht, als ich den Brief von meinem damaligen Retter erhielt, in dem er mir mitteilte, dass sein Leben nun ein Ende hatte und er nie wieder zurück kehren würde.
Ich fühlte mich leer, es war ein Tiefpunkt, den ich so noch nicht kannte. Es war der Moment, wo ich bereit für den Tod war und er nicht kam. Ich wusste nicht mehr was Freude bedeutet, konnte mir kein Lächeln mehr abgewinnen oder überhaupt irgendeine Emotion offenbaren, die mit dem Herze zutun hatte.
Ich wandelte wie ein Zombie über die Straßen und ich glaubte nicht, dass ich irgendwann wieder etwas empfinden würde. Selbst die Wege in die Räuberlager waren banale Schlachten, in welchen ich immer wünschte, ein Ende zu finden. Jedoch war der Instinkt noch immer größer und so wehrte ich alles ab, was mich endlich befreien würde, von den Qualen, die gar keine mehr waren, von der Leere, die ich in all den Jahren sammelte, von dem verkorksten Leben, welches ich führte und welches meine Seele schädigte.
Erst als die Worte des Mannes an mein Ohr drangen, welche in mein Gesicht ein Schmunzeln lockten, merkte ich, dass ich nicht vollkommen tot war. Eine Offenbarung, die selbst mich schockierte, es aber zu ließ, das ich wieder begann, ein weiteres Mal, ein neues Leben zu führen...
Verfasst: Mittwoch 10. April 2013, 18:10
von Alin
- "Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen."
Friedhelm Winter - Unsere Mütter, unsere Väter
Seitdem ich wieder festen Fuß in meinem Leben fand, hatte ich aufgehört über den Tod nachzudenken. Das Leben ging seinen Lauf und ich hätte zwar zufriedener sein können, doch es gab wahrlich Momente, in welchen ich mir verlorener vorkam. Die Erinnerungen schlichen sich die letzten Wochen recht häufig in meinen Geist und ich blendete sie immer wieder aus, um die neuen Schnitte in meiner Seele aufzunehmen und zu behandeln. Frische Schnitte, welche sich mit den Alten mischten und zu einem Gesamtbild wurden. Alles Sachen, die ich hinnahm, denn als ich meinen Weg wählte, war mir auch das Leid bewusst, welches ich so mit offenen Armen empfangen würde.
Ich scheute den Tod nicht mehr, denn ich dachte so oft bereits, dass es nun vorbei ist. Ich habe ihm so oft entgegen geblickt und ihm dann doch den Rücken gekehrt. Sollte es also die Zeit sein, die mich, uns, noch erwartet, die mir die Luft aus den Lungen entzieht, dann ist es eben so. Diese nüchterne Betrachtungsweise hatte ich nicht immer und doch brachte es mir Glück in den Körper, dass ich sie kennen lernen durfte. Hätte ich sonst die Qual der Strafe nicht ertragen, die ich für Fehlverhalten erhielt. Die Peitschenschläge waren es allerdings nicht, welche mich schädigten. Es waren nur Schäden auf meiner Haut, die verheilten und schlimmstenfalls Narben zurück ließen - nicht mehr, nicht weniger.
Der Anblick der Anderen war es, den ich ertragen musste, als sie alle mein Leid mit sich tragen wollten.
Ich versuchte Emotionen abzulegen, als die Peitsche auf seine Haut traf und das Klatschen durch die Halle zog und doch merkte ich immer wieder, wie sich ein Muskel in meinem Gesicht regte. Ich zweifelte an meinen Fähigkeiten und ich schwörte mir, nach dem dritten Peitschenhieb, dass mich solch Dinge in Zukunft kalt lassen sollten, zumindest für jedes fremde Auge.
Und jeden Abend, wenn ich versuchte meine Ruhe zu finden, dachte ich mir, es kann jetzt nur noch besser werden. Und jeder Tag, der folgte, beweiste mir das Gegenteil. Es kam mir vor, als würde die Welt vor meinen Augen untergehen und ich merkte, wie klein ich eigentlich war. Es war nicht der Tod, den ich scheute und doch lag Angst in mir. Angst die sich aufbaute, als der untote Drache in Varuna aufstieg, Angst, als weitere, göttliche Macht eingriff. Angst, als sich ganz Rahal und Düstersee in der Angurenfestung, so wie in derer Umgebung, zurückziehen musste, da die Städte drohten auseinander zu fallen. Angst um jede Seele, die nicht die meine war und trotz allem einen Wert für mich darstellte. Angst, welche ich nicht zeigen durfte, welche ich nicht zeigen wollte!
Angst, welche sich am nächsten Morgen in Müdigkeit und Ekel verwandelte. Mein ganzer Körper schmerzte, als ich mich, über die Mitglieder des Reiches, hinaus an die Luft schlich. Meine Stimme ist die Tage heiser geworden und wirkte dauerhaft belegt und die frische Luft machte es nicht besser. Jedoch fiel der Gestank nach und nach von mir ab, welcher sich bei so vielen Seelen auf engen Raum an meinen Körper presste. Als die Sonne dann vollkommen aufgegangen war und die meisten die Festung verlassen hatten, riss ich alle Türen auf, öffnete jedes Fenster, welches dazu in der Lage war, geöffnet zu werden und begann damit das Chaos zu beseitigen. Ich nutzte gar die Ruhe, um etwas herum zu springen und die Erschöpfung los zu werden, welche immer wieder meine Lider niederpressten wollte. Es gelang mir. Zum einen wurde ich wach, übermüdet wach oder wirklich wach - das wusste ich nicht und zum anderen besiegte ich nach und nach das Chaos in der Festung, ein Chaos, welches vermutlich die kommenden Nächte erneut geschaffen werden würde...
Verfasst: Freitag 3. Mai 2013, 17:15
von Alin
Er bemühte sich wirklich, ich merkte es jeden Tag aufs Neue. Es waren Bemühungen, die ich selbst unglaublich merkwürdig fand und vor welchen ich zurückschreckte, als wäre es Gift. Eine neue Erfahrung, nicht nur für ihn, auch für mich. Jede Berührung in der Öffentlichkeit fühlte sich seltsam an, dafür war jeder Blick, der die letzten Tage kam, anders als die davor. Es war alles viel entspannter als sonst. Die üblichen Auseinandersetzungen waren vorhanden, natürlich waren sie das, sonst wären es nicht wir, aber trotzdem war es anders als zuvor. Es fühlte sich langsam alles normal an, als wäre es nie anders gewesen. Doch waren es Gedanken in meinem Kopf, die mir verdeutlichten, dass es irgendwann anders sein wird und ich mich nach diesen Momenten sehnen werde. Ich habe Geschichten gehört, ich habe Geschichten gelesen und eine jener hat sich mit meinem Kopf gehämmert, obwohl sie schon so viele Jahre zurück lag. Denn ich unterhielt mich vor fünf Jahren mit einer Frau, sie war die Frau eines Ahads.
Rahal sah noch anders aus und die Bruderschaft der schwarzen Klaue war der präsenteste Pol in der heiligen Stadt. Es gab dort nicht tausend Gemeinden, welche um Macht buhlten und besser sein wollten als die anderen. Es gab nur ein Gemeinschaft, das komplette Reich, mit selben Zielen, mit selbem Streben. Und zu dieser Zeit, wo ich noch um einiges jünger war, traf ich sie, die Frau des Ahads, welche immer dieses Lächeln im Gesicht trug, das nie die Augen erreichte. Ich erinnerte mich nicht an ihren Namen, aber wie sie aussah, das konnte ich immer wieder ins kleinste Detail offen legen. Sie hatte langes, schwarzes Haar und ihre Haut war so weiß wie der Schnee. Ihre Augen waren in ein helles Blau getaucht und geprägt von der Zeit. Das rechte Auge war durchzogen von einem Narbenmeer, als hätte sich eine Pranke direkt darüber gezogen. Es war noch offen, aber hatte einen leblosen Klang angenommen. Ich war mir sicher, ohne das ich sie fragte, das sie dort blind war. Sie trug das Siegel der Bruderschaft und auch deren Farben, nie sah ich sie ohne.
Eines Abends saß sie mit ihrem Kind in der Taverne und ich gesellte mich hinzu, wir hatten uns bereits öfter gesehen und so musste ich nicht groß bitten. Ich bewunderte ihre Art und Weise zu sprechen und ihre abgeklärte Haltung allem gegenüber. Sie war so ruhig und tiefen entspannt, trotz allem. was um sie herum geschah. Sie sagte mir, sie wartet auf ihren Mann, er würde alsbald kommen und sie holen. Und ich fragte unverblümt wie es denn sei, mit solch wichtiger Person zusammen zu sein und da sagte sie mir Worte, die ich nie vergessen würde, besonders jetzt nicht:
"Als ich ihn kennen lernte, war er auf dem selben Stand wie ich. Wir haben Alatar gedient, so weit es in unserer Macht stand. Irgendwann wurde ich sein dritter Arm und er mein zweites Paar Augen. Ich hatte nie groß darüber nachgedacht, was passiert, wenn der All-Eine einen von uns wählen würde, für mehr. Aber es war meistens so, dass es genau dann passiert, wenn man eben nicht daran denkt.
Er wurde Knappe und er diente und er war fähig und ich war stolz. Ich schätzte jeden Moment, in dem er gelehrt wurde, in dem er keine Zeit für mich hatte, ich staunte über alles was er tat und doch war ich egoistisch, denn die Zeit die er für seine Ausbildung opferte, verlor ich. Ich sagte dazu nichts, ich wäre keine ordentliche Dienerin Alatars, hätte ich jemals dazu was gesagt. Ich tat schon jeden Tag Buße, nur für den Gedanken daran, dass er er mich vernachlässigte, für etwas, was aber viel wichtiger war als ich. Als er dann allerdings auch aufhörte mit mir zu sprechen und wir nur noch aneinander vorbei lebten, platzte es aus mir heraus. Ich schreite ihn an, ich hatte es Monate ertragen und da war der Punkt, wo es vorbei war.
Er zog seine Waffe und drückte die Spitze an meinen Bauch, ich spürte das kalte Metall. wie es sich ohne Probleme durch meine Stoffkleider bohrte. Er hätte nur noch einen Ruck vollziehen müssen, dann wäre ich nicht mehr hier. Er sagte zu mir:
╟Ich träume jede Nacht davon, dass mein Test ist, dich zu töten. Denn du bist meine Schwäche. Also rede nicht mit mir, rede nicht mit mir, schau mich nicht an und berühre mich nicht. Wenn ich Alatar bewiesen habe, dass ich es würdig bin, dass ich einer seiner besten Diener werden kann und nicht versage und wenn du dann noch am Leben bist, dann rede wieder mit mir, siehe mich an, und berühre mich. Bis dahin hasse mich, heute, morgen und für alles, was ich dir noch antun werde.╢
Jeder Ritter und jeder Ahad, hat bevor er aufsteigt noch eine Prüfung zu vollziehen. Niemand kann einem vorher sagen, was das für eine Prüfung ist. Ob es nur Fragen sind oder ob Alatar selbst die Grundlage legt. Daher kann ich nur sagen, auf Eure Frage hin. Das es die größte Ehre und das größte Leid ist, mit einem Ahad zusammen zu sein und ich trotz allem nie daran dachte, mich wem anders zuzuwenden, denn genau das ist mein Platz. Und hätte ich dienen müssen. für seinen Aufstieg und wäre jener Dienst mein Tod gewesen, dann hätte ich das getan. Davon ganz ab, dass man mir auch nicht die Wahl gegeben hätte - die Wahl hatte ich selbst getroffen, schon viel früher..."
Sie lächelte als sie das sprach und sie war weiterhin so ruhig, was ihren Worten nur mehr Ehrlichkeit gab. Es dauerte gar nicht mehr lange, da kam auch der, auf den sie wartete herein. In dunkler Rüstung. Er drückte ihr einen knappen Kuss auf die Schläfe, bevor er sich abwendete um ihr die Tür auf zu halten. Mein Neigen des Leibes kommentierte er nur mit einem kurzen Blick.
Ich dachte in letzter Zeit recht oft an diese Situation und daran, wie es mit mir enden würde. Ich fragte mich allerdings nicht, ob ich dazu bereit wäre, eher zählte ich die Zeit, die ich noch hatte und überlegte mir das, was ich in jener noch anstellen wollte. Und ich betete zu Alatar, dass es für uns beide keine Qual werden würde, die kommenden Monate und Jahre.
[img]http://www.fotos-hochladen.net/uploads/dazialihl9tourfej.jpg[/img]
Verfasst: Dienstag 14. Mai 2013, 19:49
von Alin
- Ich komme nur,
um dich zu erreichen.
Ich komme nur,
um dir zu zeigen, dass du falsch liegst.
Und dich zu kennen ist schwer.
Und wir fragen uns,
ob all das, was wir tun auch richtig ist.
Es ist wirklich zu spät, das wir miteinander reden.
Also warten wir auf den morgen.
Es ist alles was uns bleibt.
Mich zu kennen ist auch nicht leicht,
und wahrscheinlich ist das auch alles falsch.
Bei jeder Gelegenheit bin ich bereit für eine Beerdigung.
Jede Gelegenheit wird einmal mehr Beerdigung genannt.
Bei jeder Gelegenheit bin ich bereit für eine Beerdigung.
Jeder Anlass wird ein brillianter Beerdigungstag sein.
Ich komme nur um dir zu zeigen, was da dran ist.
Ich komme nur um dir zu sagen, das du falsch liegst.
Nach Außen hin, blühen all die toten Blätter,
bevor sie sterben, hängen sie ihre Hoffnungen an die Bäume
Bei jeder Gelegenheit bin ich bereit für eine Beerdigung.
Jede Gelegenheit wird einmal mehr Beerdigung genannt.
Bei jeder Gelegenheit bin ich bereit für eine Beerdigung.
Jeder Anlass wird ein brillianter Beerdigungstag sein...
Der rückte immer näher, an dem er einen Fuß in den Weg setzte, der vielleicht zu unserem Ende führte. Ich konnte manchmal keinen klaren Gedanken fassen, wenn ich nur ansatzweise an den Tag dachte, an welchem man ihm zum Ritter schlagen würde. Denn um so mehr ich ihn kennen lernen durfte und um so mehr merkte ich, wie es mir schwer fiel, mich irgendwann von ihm trennen zu müssen. Es war ein kleiner Kampf mit mir selbst, denn ich wusste, es war notwendig und ich wusste, ich würde bereit sein und zeitgleich wusste ich, es würde mir das Herz zerreißen. Aber warum sorgte ich mich? Ich würde dieses Leid nur kurz empfinden, bevor ich für einen guten Zweck mein Leben lassen würde. Einen guten Zweck, einen guten Zweck...
Ich dachte einen Moment daran, wie viele Seelen es eigentlich gab, welche um mich trauern würden. Ich wusste es bis vor kurzer Zeit noch nicht einmal, aber durch dieses Leid, welches mich überrannte, vor nicht all zu langer Zeit, sah ich, wie vielen Leuten eigentlich etwas an mir lag. Ich schätzte sie, ich liebte sie alle, auf ihre Art und Weise und es rührte mein Herz, sie alle zu sehen, wie sie sich um mich sorgte. Doch wusste ich, auch das würde mich nicht davon abhalten, für ihn mein Leben zu lassen. Das Bedauerlichste an dieser ganzen Situation war nur, dass ich langsam wieder anfing mein Leben zu mögen. Mein Leben, mein Umfeld und all die Menschen, die daran Teil hatten und ich zählte die Tage, welche mir noch blieben und ich redete mir ein, ich wäre bereit...
Verfasst: Montag 3. Juni 2013, 22:11
von Alin
1. Schritt: Unnötige Gefühle abstellen.
2. Schritt: Unnötige Gefühle glaubwürdig abstellen.
3. Schritt: An das Abstellen jener Gefühle selbst glauben.
4. Schritt: Abstellung zur Realität machen.
5. Schritt: Neue Gefühle in die korrekte Richtung lenken.
6. Schritt: Überleben.
Schritt Eins
Ich war es leid, mir andauernd anhören zu müssen, wie fehl am Platz meine Empfindungen doch waren. Sie wären nicht dienlich, sie wären verwirrend und sie bringen keinem was. Des weiteren stießen sie auch nicht auf Erwiderung, im Gegenteil. Es führte immer und immer wieder zu Auseinandersetzungen. Diese war ich leid, diese waren alle anderen leid, wieso also darum bemühen, dass all dies aufrecht erhalten blieb. Also kam ich zu Schritt eins und ich begann damit, als an jenem Tage die Sonne aufging. Es war keine große Kunst, nicht etwa, weil es mir leicht fiel, sondern einfach deswegen, weil es bis zum Abend eh kein 'Opfer' gab, an welchem ich mein neues Ich testen konnte. Aber am Abend, als Dazen die Treppen herunter kam und aussah wie ausgekotzt, konnte das Spiel beginnen. Anfangs bemerkte er es nicht einmal, irgendwann fragte er nach und ich schüttelte das Ganze einfach mit einem 'Ist mir egal' ab. Er verstand es natürlich wieder nicht. Warum auch, ich bezweifelte, dass er irgendein Gefühl in mir verstand, geschweige denn irgendwann verstehen wird. Eine weitere Erkenntnis im übrigen, die ich erst in den letzten Stunden machte.
„Er begreift es wieder mal nicht.“
„Ist mir egal.“
„Er sieht aus, als würde er gleich zusammen brechen.“
„Ist mir egal.“
„Schwächlich, er sollte sich setzen.“
„Soll er machen was er will.“
„Das kann ja keiner mit ansehen.“
„Sein Problem.“
Er glaubte mir auch nicht, er stellte mich als schlechte Lügnerin hin, was mich dann natürlich zu Schritt Zwei brachte. Ich habe mir vorgenommen, aus jener Lüge Realität zu machen, Eine Realität, die ich selbst irgendwann glauben würde und dann auch nicht mehr vor haben würde sie umzudrehen. Sie wollte es anders, sie konnten es haben, ich war diese elendige Kritik, die mir bis auf die Nieren schlug, so leid und diese Ignoranz, was manche Leute mit Worten anrichten konnten und wie egal es ihnen war. Kamen wir als zu Schritt Zwei...
Schritt Zwei
Er glaubte mir nicht. Was nicht zwangsläufig bedeuten musste, dass mir dann keiner glauben würde. Er kannte mich besser als irgendwer sonst, wodurch die Wahrscheinlichkeit bei ihm höher war, dass er mich entlarvte. Also musste ich üben. Am besten an ihm oder an irgendwem sonst, der mir etwas nahe stand. Ich begann erst einmal damit, alleine meine Übungen zu vollziehen. Am besten gelang mir das dadurch, die weißen Felle von seinem alten Blut zu reinigen, welches er bei seinem Fast-Tod verteilte. Meine normale, schwache Reaktion kannte ich zu gut. Ich hätte mich beim Waschen an die Dinge zurück erinnert, es hätte mir Panik in den Leib gebracht und ich wäre an der Trauer zergangen. Doch, noch bevor ich zu jener Schwäche kam, drückte ich diesen inneren, imaginären Knopf. Ich beugte mich zu den blutbefleckten Stoffe und trug sie langsam zum Waschtrog hin. Eine eiserne Maske ruhte dabei in meinem Gesicht. Es kam mir bei jeder Bewegung so vor, als würde ich mit dem Blut auch das Gefühl dafür fort wischen. Anfangs waren die Bewegungen langsam, zögernd und irgendwann fand ich mich in einem gemütlichen Rhythmus wieder. Nicht mein Blut, nicht mein Problem.
„Er wäre fast gestorben.“
„Dann ist das eben so.“
„Gucke dir die Massen an Blut an, so schlimm war er noch nie verletzt.“
„Tja.“
„Du dachtest es wäre tot.“
„Ja.“
Schritt Drei
Mir war klar, dass ich mir das Ganze noch nicht selbst glaubte. Ich war nicht ich selbst, das war nicht ich. Aber wer war ich? Ich glaube ich habe mich bereits verloren, seit dem ich das erste Mal eine Maske anlegte und vorgab wer anders zu sein. Ich kannte ja nicht einmal mehr meinen richtigen Namen. Auch wenn ich natürlich irgendwann wirklich daran glaubte, dass es Alin sei, aber ich wusste natürlich, dass ich auch mal einen Beinamen hatte und einen längeren Vornamen. Sei es drum. So stand ich also da, nachdem ich das Blut fort gewaschen hatte und mich gerüstet vor Grenzwarth positionierte. Ich dachte über die seltsamsten Dinge nach. Was allerdings am wichtigsten war: Ich habe schon einmal ein neues Gesicht angelegt, welches ich nun dachte zu sein. So würde es auch dieses Mal funktionieren. Nur das ich keine Schminke benutzte und auch nicht die Gegend wechselte. Es war einzig und allein mein Geist, der sich formte und von welchem ich irgendwann glauben könnte, es sei meiner.
„Du denkst gerade an ihn.“
„Nicht mehr lange.“
„Du machst dir Sorgen.“
„Nicht mehr lange.“
„Am liebsten würdest du nachgucken gehen, ob er noch steht.“
„Nicht mehr lange.“
Schritt Vier
Von der Realität war ich noch weit entfernt. Jedoch bewegte ich mich darauf zu. Allein das ich den Schritt in jene Richtung machte, machte es für mich bereits möglich. Es ist wie, als würde man anfangen zu schwimmen. Man begriff, dass man es konnte, also machte man weiter und reizte es aus. Schwamm einer Wellte entgegen, tauchte einmal ab und hielt die Luft an, tauchte wieder ab und schwamm unter Wasser und irgendwann war es so, als gehörte man zu diesem Element. So sei mein Wasser, abgestumpfte Alin und reiße mich mit in deiner Welle...
„Du liebst ihn.“
„Es ist falsch.“
„Du würdest für ihn sterben.“
„Irgendwann nicht mehr.“
„Du liebst ihn.“
„Er aber mich nicht."
Schritt Fünf
Liebe und Freundschaft werden zu Hass und Zorn. Liebe und Freundschaft machen einen schwach und ungehorsam. Hass und Zorn, wenn richtig angewendet, sind die größte Waffe, die man für Alatar aufbringen konnte. So war das mein Ziel, ein Ziel, was wohl jedem gefallen würde. Was mich endlich zu dem machen würde, was man anscheinend von mir erwartet. Eine Maschine.
„Liebst du ihn!“
„Nein.“
„Du lügst.“
„Noch.“
Schritt Sechs
Überleben mit dem Leben, was ich nie führen wollte. Eine Maschine, im Kampf für Alatar. Ein Kampf. Der sich mehr dem Tod stellen würde, als das, was man sonst so tat. Ich würde die Leute Stolz machen und ich würde einen Ketzer nach dem Anderen niederstrecken und wenn ich nach zwei Schlachten noch leben würde, würden Schlacht Drei und Schlacht Vier folgen, bis hin ins unermessliche. Doch in wie weit meine Kraft, mein Willen und all dies ausreichen würde, würde Alatar entscheiden, es lag nicht mehr in meiner Hand. Ich war ihm verfallen.
„Du wirst es nicht durchstehen.“
„Wer weiß.“
„Du schaffst das nicht.“
„Doch.“
„Du wirst wie immer versagen.“
„Halt die Schnauze.“
Verfasst: Donnerstag 6. Juni 2013, 01:33
von Alin
- Dieser Tag
Verlangt nur das eine von Dir
Sag einfach ja
Für diese Reise mit mir
"So.. und weil mir der Dreck der letzten Tage einfach reicht und es auch mal was Gutes geben muss, ich davon eh keine Ahnung habe, wie man es sonst anstellt, habe ich mich heute morgen beim Aufstehen dazu entschieden, nicht zu warten bis vielleicht mal die Knappschaft für mich auch mal Realitität wird und irgendwann ein Ende findet.. und gebe hiermit, ohne Tand und dergleichen mehr, die Verlobung von Alin und mir bekannt. Ein 'Nein' wird sowieso nicht akzeptiert."
Ich musste mich wirklich daran erinnern, dass ich auch noch Luft in den Lungen benötigte, damit ich nicht vom Stuhl fiel. Ich saß einfach nur da und starrte voran. Während die anderen am Tisch bereits zum Prosten ihre Gläser in die Höhe hoben. Der will mich doch verarschen... Ich glaube, das war mein erster Gedanke bei der ganzen Sache. Ich konnte es nicht fassen, ich erinnerte mich, als wäre es gestern gewesen, als wir uns wegen dem Thema Heirat fast schon in den Haaren hatten, weil er das noch nicht wollte, weil er zu jung sei. Nun hatte ich es akzeptiert, wollte weniger emotional sein und jeden Tag folgte etwas, was mich völlig aus dem Konzept warf. Ich zweifelte langsam daran, dass ich ihn wirklich kannte. Ein Gedankengang, der einen anderen aufwarf. Er wusste noch so viel nicht. Wie könnte ich ihn heiraten, wenn er nicht einmal wusste wer ich war? Wusste ich eigentlich noch selbst wer ich war? Bin ich nicht ich? Ich wusste nicht mehr ein noch aus. Es war auch nur ein kurzer Gedankenstrom, bevor wieder naive Mädchengedanken meinen Kopf penetrierten.
Alin Wolfseiche, Alin Wolfseiche, Alin Wolfseiche, Frau Wolfseiche... klingt alt.
Die letzten Tage waren schrecklich und dieser eher seltsame Antrag hat irgendwie alle negativen Dinge für eine kurze Zeit fortgerissen. Ich dankte ihm dafür und ich wusste trotz dessen nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Irgendwann bekam ich ein 'Ja' über die Lippen, wo jedoch der Eintrag schon wieder einen kompletten Stundenlauf zurück lag. Er machte mich verrückt und ich wusste auch, dass es mich noch verrückter machen würde, wenn ich nun noch weiter in die Zukunft denken würde. Ich war glücklich und ich war überfordert. Ich dachte nie, dass ich einst in so eine Situation kommen würde, nicht mit ihm, für mich war diese Thematik beendet, als er mir deutlich seine Meinung dazu sagte. Die nun entweder anders ist oder... ja was? Ich lag noch eine ganze Weile im Bett und starrte zur Zimmerdecke. Irgendwann wurde mein Glück getrübt, da ich daran dachte, wie ich Florentine gerne dabei gehabt hätte, wie ich es ihr gerne gesagt hätte. Ich dachte daran, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, sie als Freundin auf meiner Hochzeit zu wissen und ich fand mich nur mühselig damit ab, dass es nie mehr geschehen wird, dass ich mit ihr gemeinsam an einem Tisch saß...
Ich hatte sie verloren, ich hatte so viele verloren. Rythen, Rilas, Tristan, Hayden und auch Raik konnte ich nicht mehr finden. Thanaya sah ich, wenn es hoch kam, alle paar Wochen einmal, Asaniel sah ich ebenfalls nur noch recht selten und mein kleiner Freund Cailean schien auch lieber andere Dinge zu tun, als sich mit mir zu befassen. Alles in allem hatte ich nur noch Adrian und Dazen. Ich musste unweigerlich schmunzeln, denn ich malte mir aus, dass drei Teller zur Hochzeit, mit Essen befüllt, ja zumindest keine Goldbörse sprengen würden. Alles machbar. Wieder schoss ein Gedanke in meinem Kopf: Auch wenn alles so leicht ausgesprochen wurde, bis es passiert, konnte noch einiges geschehen, niemand wusste doch so genau, ob er den nächsten Tag überhaupt überleben würde.
Das Einzige, was ich mir wirklich vor nahm und was nicht nur Bruchteile von Gedanken darstellte, war, dass ich Dazen alles erzählen würde, wer ich bin, wer ich war und wer ich, mit ihm an meiner Seite, sein wollte. Er hatte mich gefangen und ich war ihm verfallen.
Verfasst: Freitag 14. Juni 2013, 15:52
von Alin
Und immer wenn mein Herz nach dir ruft und das Chaos ausbricht in mir drin,
schicke ich meine Soldaten los,um den Widerstand niederzuzwingen.
Immer wenn mein Herz nach dir ruft und es brennt in den Straßen in mir drin,
befehle ich meiner Armee alles zu tun, um es wieder zum Schweigen zu bringen.
Bis es geknebelt, gebrochen ist und weggesperrt und mir endlich gehorcht mein armes Herz.
Ich saß mit angewinkelten Beinen im leeren Haus von Florentine. Ich betrachtete die Wände, den Boden, die Fenster, an welchen die Menekaner im gemächlichen Schritt vorbei zogen. Es kam mir so vor, als wäre es schon Jahre her, seit dem sie gegangen war. Das Chaos in meinem Kopf ließ es nicht einmal zu, mich an ihr Gesicht zu erinnern und doch wünschte ich mir in diesem Moment inständig mit ihr sprechen zu können. Sie kam einfach nicht zur Tür hinein, sie kam einfach nicht nach Hause. Ich senkte die Lider ab und ließ die letzten Tage über mich ergehen. Ich wollte mein Chaos sortieren und wenn ich nicht die Möglichkeit hatte, mit einer Freundin über all dies zu sprechen, musste ich wohl wieder, wohl oder übel, in Selbstgespräche verfallen. Ich versuchte einen Anfang zu finden, wobei meine Augen immer wieder zur Tür wanderten, denn die naive Hoffnung, das eine der letzten Freundinnen, die mir blieb, doch wieder zurück kehren würde, wollte nicht weichen. Ein Atemzug noch, dann stürzten die Erinnerungen über mich herein.
Das Ganze hatte mit positiven Nachrichten begonnen, auch wenn diese das Negative nicht überwiegen konnten, trugen sie zumindest dazu bei, das ich nicht vollkommen den Verstand verlor. Der Startschuss war wohl die Verlobung mit Dazen Wolfseiche. Eine Sache, die mir die Verwirrung in den Verstand drückte und wodurch ich die Welt, ein kleines bisschen mehr, nicht verstand. Ich wusste nicht genau, in wie weit ich damit umgehen sollte. Und als wir diese Thematik auch einmal etwas näher erleuchteten oder ich es versuchte, sie durch deine Worte zu erleuchten, wurde es nicht besser. Er konnte mir noch nicht sagen warum, er konnte mir noch nicht sagen wann. Eigentlich konnte er mir dazu gar nichts sagen, außer das es nun eben ist, wie es ist. Ich hatte auch nicht einmal einen Ring oder dergleichen. Es war eigentlich alles wie immer, außer das unser Verhältnis immer vertrauter wurde und ich durch diese Verlobung wusste, das er mir nie mehr wegrennen würde, auch wenn er die Möglichkeit dazu sicherlich noch hätte. Irgendwas an seiner 'neuen' Art überzeugte mich davon, dass er derjenige ist, mit dem ich alt werden könnte, sollte uns der Krieg nicht in tausend Fetzen reißen. Ich fragte mich für einen Moment, ob es nun Zeit wäre, alles zu sagen, was man sich sonst nicht zu sagen wagte, weil es vielleicht die letzten Tage waren, die wir wanderten. Aber der Wunsch nach dem Sieg und der Teil Entschlossenheit hin mir, hielten mich eindeutig davon ab. Ich durfte nicht mehr schwach sein, den ich war nun Würdenträger und jeder meiner Schritte war bewacht, ich musste mich zusammen reißen...
Ich war Würdenträger und ich fragte mich, als der Alka jenes bestimmte, womit ich das verdient hätte. Zwar hatte ich die Aufgaben des Bürgermeisters in Düstersee bereits übernommen, bevor Florentine überhaupt weg war, aber gewusst hatte das eigentlich niemand. Nicht etwa, weil es niemand hätte wissen dürfen, sondern eher deswegen, weil es nicht notwendig war, es laut durch die Gegend zu schreien. Die Abwesenheit Florentines war schon einige Zeit etwas, was mich beschäftigte, hätte ich die Folgen in solch Ausmaß erahnt, hätte ich sie fest gebunden. So habe ich zu gesehen, einfach alles gemacht, was sie mir sagte und abgenickt, wenn sie mir mitteilte, sie würde für einige Zeit verreisen. Alles führte in diese Richtung und nun stand ich da, mit jenem Titel, mit dieser Würde. Ich stand da in Schuhen, welche ich nicht zu tragen gedachte und welche mir eindeutig zu groß waren. Ich wunderte mich jedes Mal, wenn ich einen Schritt setzte, dass ich nicht aus meinen Schuhen heraus fiel und mich aufs Gesicht packte. Aber der Moment würde wohl noch kommen und ich würde mir das ganze Gesicht zerreißen, um meine Fehler zu sehen, jeden Morgen im Spiegel.
Zur Zeit machte ich das wohl gut, die ganze Würdenträger-Geschichte. Ich fragte mich wirklich, ob die Leute einfach nicht hinsahen oder ob sie Recht hatten. Selbsteinschätzung war etwas, was ich nicht gut konnte und so stand ich nur selten da und lobte mich für mein Verhalten. Ich hatte zwei Tage dieses Amt, zwei Tage, dann haben wir Grenzwarth verloren und die Seelen, für welche ich vor diesen zwei Tagen die Verantwortung beim Alka übernahmen, waren in Menekaner-Hand. Ich fühlte mich schrecklich und ich spürte, wie die Schuhe, in welchen ich lief, noch ein Stück größer wurden. Ich war überfordert von alledem und ich wollte es trotzdem so gut wie möglich machen. Ich wollte niemanden enttäuschen, besonders nicht Alatar, er sollte sehen, das die Entscheidung des Alkas, in dem Fall irgendwie auch die Seine, nicht falsch war. Ich wollte es ihm beweisen, auch wenn die Schlacht, die wir nicht einmal knapp verloren hatten, mich wieder in Selbstzweifel zurück warf.
Die Schlacht, sie weckte in mir Erinnerungen, welche ich gut verdrängt hatte. Sie erinnerte mich an die Schlacht in Varuna, auch wenn es dort noch um einiges härter zu ging. So viele Leichen und so viel Elend, wie ich einst in Varuna erblickte, offenbarte sich zwar nicht auf dm Boden des Bitterforsts, aber es war eigentlich nah dran. Ob da nun 15 Leichen lagen oder 100 war eigentlich egal, denn Leichen bedeuteten Verlust, einen Verlust, de ich nicht hinnehmen wollte. Aber wie kam es dazu? Ich versuchte mich an die Momente zu erinnern und doch erinnerte ich mich nur an einen Ausruf. „BEREIT MACHEN!“ wurde geschrien. Ein kurzer Blick, den ich noch in Dazens Richtung sendete, als müsste ich ihn zumindest noch einmal ansehen, bevor ich in meinen eventuellen Tod ritt und dann hörte man schon das Metall aneinander knallen und die Pfeile durch die Gegend surren. Irgendwann überwältigte das Adrenalin die Angst und ich schlug wild auf den Feind ein und es bereicherte mein Herz, als ich einen Omar von seiner Echse riss und ihn in Richtung Boden donnerte. Ich schrie ihm entgegen, von Wut geführt und teilte ihm eher halbherzig mit, was ich von ihm hielt. Ich rückte mein Pferd herum und stürmte auf den nächsten Feind zu. Irgendwann, nach ewigen Stunden, stellte ich fest, das nur noch wenige Körper sich im Stand auf dem Schlachtfeld befanden. Die Verwüstung und die leblosen Körper am Boden holten mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir hatten versagt und diese Erkenntnis war mein Moment der Schwäche. Ein Arm riss mich von meinem Pferd, welches daraufhin in eine Klinge rannte und sein Leben ließ. Mein Kopf knallte auf und nur noch kurz konnte ich irgendeinen Gedanken fassen.
Nein....
Der Verlust Grenzwarths zerrte an meinen Nerven. Ich konnte nicht mehr wirklich schlafen, sorgte mich um die Einwohner Grenzwarths und ich wusste noch nicht, wie ich all dies wieder in ordentliche Bahnen hätte lenken können. Es war keine Last, die alleine auf meinen Schultern lag und doch trug ich einen großen Teil mit mir herum. Wir hatten die Piraten gebeten uns beizustehen, wir haben versucht jegliche Verhaltensweisen dieser Leute zu übergehen, damit sie sich in der Schlacht zu uns stellten und wir eventuell doch eine Chance zum Sieg erhielten. Doch war ich noch recht skeptisch. Nicht wegen den Piraten selbst, sondern der Tatsache wegen, dass unsere Niederlage nicht knapper Natur war. Wir hatten verloren, haushoch. Ob zehn weitere Seelen an dieser Tatsache etwas ändern würden? Ich war mir nicht sicher und das ließ mich nicht schlafen. Ich sah zur Zeit keine Möglichkeit, sich dem Stück Land wieder anzueignen, ich hatte keine Hoffnungen. Ich versuchte Tag ein Tag aus wieder Hoffnungen zu schaffen, versuchte Verbündete zu finden, sprach mit dem Clericus, mit dem Ahad, mit den Letharen und ich hoffte mir bei jedem Gespräch, dass meine negativen Gedanken ein Ende fanden. Es ging nur sehr träge voran und ich merkte, wie schwer mich der Verlust getroffen hatte.
Langsam drückte ich mich in die Höhe und ich sah mich noch einmal in dem leeren Haus um. Die Rufe der Menekaner, welche sich draußen anscheinend nur zur Schicht abwechselten, holten mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich würde es schaffen, auch wenn ich noch kein Licht am Ende des Tunnels sah, ich würde es schaffen, das Reich würde es schaffen. Ich gab nicht auf, nicht heute, nicht morgen. Alatar würde es nicht zulassen, jeder Gläubige würde es nicht zulassen. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen und der letzte Tropfen Blut noch nicht gefallen.
Ein weiterer Blick durch die leeren Hallen des Hauses, welches sich bereits mit Staub überzog und leise Worte noch, bevor ich mir schwor, dieses Haus nicht mehr zu betreten und die Vergangenheit zu vergraben.
Lebe Wohl, Florentine...
Verfasst: Donnerstag 4. Juli 2013, 19:14
von Alin
- "Dazen Wolfseiche, bist du gewillt vor den Augen des Herren Alin als dein rechtmäßiges Weib anzunehmen und sie im Streben nach dem Herren zu unterstützen und mit ihr gemeinsam im Sinne des Herrens zu leben?
Bist du gewillt den Untugenden und der Willkür des maßlosen, tierischen Triebes jener Ungläubigen im Rest der Welt entgegen zu treten?"
"Ja."
Durchzug herrschte in meinem Kopf. Ich starrte in Aliyahnas Richtung und hegte das Bedürfnis, mir ins Gesicht zu schlagen. Nicht etwa, weil ich jene Situation verachtete, sondern weil ich sie nicht glauben konnte. Ich wusste nicht einmal genau, wann mein Kopf wieder anfing zu denken und meine Lungen wieder normal zu atmen. Als seine Antwort an mein Ohr drang, bewirkte es bedauerlicherweise eher das Gegenteil. So lange hatte ich ewig nicht mehr geweint und hätte Thanaya mich nicht festgehalten, wäre ich vermutlich umgefallen.
Durchzug herrschte in meinem Kopf. Ich konnte keinen langen Gedanken fassen, so flogen nur Fetzen hin und her und vermischten sich mit der Realität, wo ich dachte, dass jene in diesem Moment nicht vorhanden war. Ich dachte daran, wie ich mein Leben lang Männern nacheiferte, welche mich nicht einmal wirklich ansahen. Welche zwar nett zu mir waren, sich um mich sorgten und mein Leben schützten, aber nie nur im Ansatz daran dachten, sich offen zu mir zu bekennen.
Ich dachte daran, dass ich ich einst schwach war und mein Leben beenden wollte und ich dachte an sein Schmunzeln, als ich es zum ersten Mal sah und schlagartig wieder Sinn in meinem Leben fand. Es war recht naiv und kitschig und ich dachte zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass ich jemals mit ihm verheiratet werden würde. Er brachte mich zum Lachen, das reichte mir vollkommen.
Ich erinnerte mich an unsere zweite Begegnung, an den Regen in Bajard und an seine große Klappe, die freudig auf die Meine stieß und in seinen Zügen ein Grinsen hervor lockte. Wir hatten uns auf Anhieb verstanden, auch wenn man das nicht glaubte. Ich glaubte es ja selbst nicht. Mittlerweile war es allerdings so, spätestens nach der vergangenen Nacht, dass ich begriff, das er mein Pech ist und ich sein Schwefel.
Ich erinnerte mich an unsere dritte Begegnung. Es war am Abend, in einer Taverne. Wo wir erneut, oder zumindest ich, feststellten, dass wir uns gut verstanden. Ich war betrunken, er war betrunken und wir hatten Spaß. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen, er war so schön, auch heute noch.
Ich erinnerte mich an unser viertes Treffen, als wir in der Taverne in Düstersee saßen und der Ahads uns ermahnte, weil wir rumalberten, als wären wir alleine gewesen. Wie er meinen Zopf griff, mir versuchte jene Spitze ins Ohr zu stecken. Ich grinste vor mich her, scheuchte sein Treiben mit meiner Hand fort und ignorierte das Gestarre am Tisch. ich war hin und weg von seiner Anwesenheit und seit langer Zeit, an diesem Abend, wieder glücklich und ich glaubte es selbst.
Ich erinnerte mich an unser fünftes Treffen und an unseren ersten Streit. Es war die Zeit, wo mir die Arkorither nachliefen, als hätte ich irgendeinen magischen Stein am Hinterkopf, den jeder schwarze Robenträger gerne gehabt hätte. Aber es war nicht so und man kann sich gewiss sein, ich habe nachgesehen, mehrmals. Er verachtete mich dafür, wie er auch die Arkorither nicht sonderlich schätzte. Er verkündete, dass er mir nicht traute und ich erinnerte mich, wie ich mich seither bemühte, sein Vertrauen zu erhalten. Ich schwor mir an diesem Tage, ihn nie zu enttäuschen.
Ich erinnerte mich allerdings auch daran, dass ich mich an diesen Schwur nicht immer halten konnte. Aber das war egal, er wusste alles über mich und würde er mich fragen, irgendwas, was ich ihm noch nicht, weil ich es vergessen hatte, erzählt habe, würde ich nie lügen, ihm nichts verschweigen. Denn ich erinnerte mich...
Er war mein Pech und ich war sein Schwefel.
Ich glaube, wirklich in der Realität befand ich mich erst wieder, als ich dort im Bett lag und mit aufgerissenen Augen zur Decke starrte. Ich hatte an diesem Abend geheiratet und das einen Mann, wo ich als letztes geglaubt hätte, dass es bei ihm jemals geschehen würde. Mein Name war nun Alin Wolfseiche und auch wenn aus dem Fräulein nun ein Frau wurde und auch wenn es wirklich alt klang, war ich in dieser Nacht glücklich wie noch nie.
Langsam drehte ich den Kopf, starrte zu ihm hin und lächelte über beide Ohren hinaus, bis zum Himmel.
Dazen...
Komm her und lausche meiner Stimme
Ich hab Dir was zu erklären
Hörst du das Herz in meiner Brust
Pass auf, ich hab Dich gern
Weiß nicht genau wann es passierte
Ein unbeschreiblicher Moment
Ich sah Dich an und in mir rührte
Sich ein Gefühl, das brennt
Hielt mich fortan in Deiner Nähe
War stets bei Dir, wenn Unheil droht
Verscheuchte Schatten und Probleme
Hielt Wacht bis ins Morgenrot
So ging es über viele Jahre
In mir der Sturm schon schmerzhaft tobt
Schließ Dich im Traum in meine Arme
Während ich Dir Treue gelob
Sieh, Du Schöne, was ich habe...
Willst Du diesen Ring von mir?
Streif ihn über und dann sage:
Ja, fortan gehör' ich Dir!
- [img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/snowbridebymye85jkcbs7.png[/img]
Verfasst: Donnerstag 22. August 2013, 21:54
von Alin
- Ich war bereit für den Abschluss,
ich war bereit für den nächsten Schritt.
Denn all die Gedanken, welche ich mir um dich machte,
waren meiner Seele ein schmerzvoller Tritt.
Ich atmete tief durch,
bereit für meinen nächsten holprigen Gang.
Ich setzte einen Schritt,
zog immer wieder an.
Ich würde dich nie vergessen,
denn du warst in Teil von mir.
Nur so kurze Zeit an meiner Seite
und doch war niemand je vertrauter hier.
Ich verabschiedete mich von dir,
ohne das du je ein Wort von mir gehört.
Ich ließ dich ziehen und ließ dich los,
obwohl es ein Teil meiner Seele zerstört.
Du hattest noch so viel vor dir,
ein Weg den ich nicht mit bestreiten sollte.
Was allerdings nicht bedeutete,
dass ich es nie für dich wollte.
Lebe wohl.
„Wir sind mehr eine Last für einander.“
Ich habe wirklich lange Zeit über diesen Satz nachgedacht. Es waren die Phasen der Trauer, welche ich durchlebte, in einem recht kurzen Zeitraum. Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass er Recht hatte. Das hatte er recht oft, das konnte ich leider nicht abstreiten. Fraglich ob ich es überhaupt wollte. Und als ich diesen Morgen die Augen öffnete und in Richtung Decke starrte, war es alles einfacher. Ich drückte mich in die Höhe und tat endlich mal das, was ich doch eigentlich tun sollte. Ich befasste mich mit meiner Gabe, studierte Bücher, erkundigte jede Ecke in der Burg und es störte mich dabei nicht einmal, mit niemanden zu reden. Der ganze Tag war von meiner Seite mit Schweigen versehen. Schweigen, welches ich nicht zu Krathor schicken wollte. So eine angenehme Ruhe, vermutlich war es einfach an der Zeit, wo ich mich selber nicht mehr hören wollte. Es war in Ordnung, es war alles in bester Ordnung und mittlerweile war es gar so, dass das nicht nur Worte waren, die ich mir einredete. Ich war bereit damit abzuschließen und das im Guten. In dem Fall war es mir gleich, ob das mit dem 'Gut' nur von meiner Seite aus in den Gedanken war. Ich fand meinen Frieden.
Ich stand vor dem Spiegel und fummelte die Kette von meinem Hals und verstaute sie ordnungsgemäß in meiner Schmuckschatulle. Sie war meine Erinnerung an eine schöne Zeit, die ich mit keinem Atemzug bereute. Dann glitten meine Augen weiter zum Ring an meiner Hand. Ich zog ihn nicht ab, ich zog lediglich meine pechschwarzen Handschuhe auf die Finger und es war so, als wäre er nie da gewesen. Niemand wusste, dass ich ihn noch trage, nur ich selbst und das genügte. Denn auch wenn ich das verloren hatte, was mir das Wichtigste war, schwor ich mir, all das, was ich sagte, auch in die Tat um zu setzen. Sollte irgendwann der Tag kommen, an dem es eine Wahl bezüglich des Todes geben würde, zwischen ihm und mir, ich würde weiterhin keinen Moment zögern. Nicht weil ich mich verpflichtet fühlte, sondern weil es einfach so war. Er war ein fähiger Streiter des Reiches, würde seinen Weg gehen und alsbald wohl ziemlich große Schuhe tragen. Schuhe in denen er stolpern würde und wieder aufstehen. Schuhe, die in meinen Augen, schon immer, für ihn gemacht waren. Ich drehte meinen Kopf ein Stück und betrachtete mein Haar und ich war nicht mehr zufrieden. Ich handelte, ich lächelte, ich wandte mich ab.
Das Leben ging weiter. Auch ohne Dazen, auch ohne Thanaya und ohne diese freundschaftlichen Pflichten. Ich hatte eine Gabe, welche geschult werden musste. Ich war bereit dafür, ich hieß das neue Leben sozusagen willkommen. Ich weiß zwar nicht, was mich wirklich zu diesem Schritt bewegte, aber es ist geschehen. Vielleicht war es Withnur, welcher mit seltsamen Liebes-Gedichten versuchte, irgendwas aus mir heraus zu kitzeln. Ich war verstört, ich verlor sogar Tränen, das letzte Mal und vermutlich zum Erfolg seiner. Das wollte er vermutlich auch erreichen. Gut, dass er wusste, dass ich nicht auf den Kopf gefallen war, besonders jetzt nicht mehr, wo mich nichts mehr davon abhalten würde, in den Tod zu springen, wenn es dem All-Einen dienlich wäre.
Ich hatte so viele Jahre damit verbracht, mich auf soziale Bindungen zu stützen, doch sie machten mich schwach. Sie machten mich zur Last anderer, sie machten andere zur Last für mich. Es war vorbei und ich akzeptierte. Ich würde lügen, würde ich sagen, ich würde nicht mit Trauer zurück blicken und behaupten, mir würde nichts fehlen, allerdings war ich mir ab diesem Tage bewusst, dass es in Ordnung war. Ich hatte alles bereits erlebt, Kriege, Liebe, Tode, Schmerzen, Demütigung, Freundschaft, all das, was man eigentlich einmal erlebt haben sollte, hatte ich bereits erlebt. Nun waren andere dran.
Ich hob langsam die Arme in die Höhe, konzentrierte mich auf das Lied und meine Arme fingen an zu brennen. Meine Augen glitten in eine andere Ebene und all das reale Bild, was sich vor mir schuf, verwehte im Lied und ich gab mich hin, führte es nicht, ließ mich führen. Als ich nach Stunden die Augen wieder aufriss, meine Kleider vollkommen verbrannt waren und die Sonne den Horizont erreichte, schwor ich mir, jeden, wirklich jeden, der sich wagen würde über mein Leben zu urteilen, über sein Leben zu urteilen, über ihr Leben zu urteilen, sich einzumischen, zu zeigen, was bedeutete, wenn man mich erzürnte. Denn ich schloss ab und die Tratschmäuler Rahals durften dies auch tun und wieder in ihrer eigenen Suppe rühren. Es war vorbei, für mich, für ihn, für alle und das Leben ging weiter, die Zeit lief und Schritt für Schritt war man wieder mitten drin, ohne es zu merken, ohne es zu wollen und man akzeptierte, tolerierte, man lebte.
Verfasst: Dienstag 5. November 2013, 16:18
von Alin
Früher war ich recht egoistisch und die Menschen um mich herum waren mir vollkommen gleich. Das lag vermutlich einfach daran, dass ich so erzogen wurde oder mehr, weil ich zwangsmässig so, durch die Erziehung, werden musste. Ich musste mich schon früh um mich selbst kümmern und meine Mutter beschäftigte sich lieber damit, Vater nachzutrauern, wenn er mal nicht da war. Das ging manchmal so weit, dass ich mir selbst auf dem Markt irgendetwas zu Essen klauen musste. Ich dachte dabei nur an mich und mir war es egal, wenn sie manchmal Tage kein Wort mit mir sprach. Um so weniger ich mich mit ihr befasste, um so weniger fiel es mir schwer, damit umzugehen. Nur manchmal setzte ich mich zu ihr, als sie deprimiert, mit einer Flasche Wein, am Küchentisch saß und wieder vor sich her jammerte, weil Vater wieder auf sich warten ließ.
Ich erinnerte mich recht selten an meinen Vater. Er war nie oft da und auch waren die Bilder von ihm recht unklar. Er war ein freier Mann und ich schwor mir immer irgendwann so zu sein wie er. Da er viel auf Reisen war, sah ich ihn recht selten und wenn, dann nahm meine Mutter ihn so für sich ein, dass ich kaum merkte, dass er da war. Trotzdem war er für mich der tollste Mann der Welt. Er tat immer das, wonach ihm gerade war und seine Art und Weise sorgte dafür, dass ihn die Menschen akzeptierten. So eine freie Seele wie ihn, sah ich seither nie wieder. Sein Lächeln, welches er immer im Gesicht trug, erweichte sogar heute noch mein Herz, nach so vielen Jahren, wenn ich nur daran dachte. Er fehlte mir und ich fragte mich wirklich, ob er stolz auf mich wäre. Die andere Frage in dem Fall war auch, ob ich von ihm hätte eine Antwort erwarten können, wenn ich selber keine geben konnte. Einen Satz, den er zu mir sagte, werde ich wohl nie vergessen. Er sagte mir: "Anna, egal welchen Weg du irgendwann gehen wirst, in welche Richtung er führt, es ist vollkommen egal. Wichtig ist, dass du jeden Schritt aus Überzeugung tust."
Irgendwann kehrte Vater von seinen Reisen nicht mehr zurück, Mutter sagte, dass diese Reise einfach länger dauern würde als die Anderen, aber das es sich lohnt. Das sie aber jeden Abend weinend am Tisch saß und die Kerze bis zum Holz runter brannte, überzeugte mich aber vom Gegenteil. Seitdem er weg war, behandelte sie mich auch anders. Ich glaube, bis heute, dass ihr mein Gesicht viel zu viele Erinnerungen hoch trieb, zu ihm, die sie nicht haben wollte. Die erste Zeit verletzte es mich und irgendwann ging ich damit um, man wurde älter und vermutlich lebte man sich auch in den Jahren auseinander, wodurch sie mir nicht mehr das war, was eine Mutter sein sollte. Vermutlich stellte ich deswegen auch keine Fragen, als sie mir sagte, ich solle auf dem Handelsschiff, was in der Heimat ankerte, auf sie warten, sie würde nur noch schnell was holen. Sie hatte mir sogar verboten, dass Schiff zu verlassen und ausnahmsweise hörte ich einmal auf ihre Worte. Als sie mir den Rücken zudrehte wusste ich, warum auch immer - nur so ein Gefühl, dass es das letzte Mal war, dass ich sie sah. Sie kam nicht und das Schiff stach ohne sie aufs Meer hinaus. Zurück blieb also ich, 15 Sommer jung, in den Händen lumpiger Matrosen und einen unglaublichen geizigen Kaufmann.
Ich versuchte nicht groß aufzufallen und ich wollte auch eigentlich nicht wirklich mit jemanden sprechen. Ich befasste mich damit zu lesen und andere Dinge zu tun, die mich eventuell irgendwie bilden konnten und mich vom geistigen Niveau derer abhebten, mit denen ich mich umgab. Wir segelten manchmal Wochen über die Meere, ohne nur Land zu sehen. Auch wenn er es nie zugegeben hatte, ich glaube bis heute noch, dass er manchmal einfach sinnlos im Kreis gefahren ist, weil er nicht zu seiner Frau in die Heimat wollte, die sein Gold aus dem Fenster raus warf, welches er so hart verdiente. Irgendwann aber, als wir Land sahen, musste einer von uns von Board. Jeram hieß er, der ging. Jeram war wohl der einzige Mann auf diesem Schiff, denn ich noch nicht mit meiner Fußspitze verprügelt hatte. Er war der, der mir zeigte, wie das zwischen Mann und Frau so funktionierte und er war glaube ich auch der einzige Kerl, bis heute, der mir aber im groben recht egal war. Er unterhielt mich, wenn ich Langeweile hatte und er beschäftigte mich, wenn ich Beschäftigung brauchte.
Als wir also endlich mal Land vor der Nase hatten, musste Jeram jenes betreten. Wir hatten eine Krankheit an Deck und er sollte Medizin holen. Das einzige, was er sich allerdings holte, war einen Bogen in den Nacken. Sie nahmen bereits an, als er kaum den Steg verlassen hatte, er würde die Seuche ans Land bringen und so haben sie ihn erschossen. Wir starrten von der Rehling aus zu und meine Hände verkrampften sich am Bauch, als ich das Ganze mit ansah und doch war ich noch zu egoistisch, als dass ich mich ein Schritt bewegen wollte. Ich wünschte mir zu diesem Moment auch inständig, dass wir den Anker wieder hinauf zogen und das Weite suchten. Denn ich wollte nicht die Nächste sein, die beschossen wird. So geschah es dann auch, vermutlich nicht durch meinen Wunsch, aber es geschah. Wenn ich heute so daran zurück dachte, schämte ich mich ein wenig für mich selbst. War er nicht nur der einzige Kerl, der mir wirklich gänzlich am Arsch vorbei ging, sondern auch der Einzige, der Leben in mir erzeugte.
Wir segelten weiter und ich war mittlerweile 17 Jahre alt. Mein Bauch wurde immer dicker und ich überlegte mir, wie laut das Klatschen wäre, wenn ich das Kind über Board werfen würde. Heute weiß ich, die Überlegung war doch recht irrelevant,weil es hätte sowieso niemanden interessiert. Aber als ich noch so jung und naiv war, wie heute vermutlich auch noch in manchen Momenten, ging ich tausende Möglichkeiten durch, wie ich das Ding in meinem Bauch beseitigen konnte. Der Kapitän zog mir allerdings ein Strick durch die Rechnung, als das Schiff an Alathair anlegte und er nicht vor hatte, in absehbarer Zeit wieder zu segeln. Er sagte, dass es doch nun langsam gut sei. Für mich war zu dieser Zeit gar nichts gut, ich hatte aufgequollene Füße, einen Bauch so groß wie ein Fass, keine einzige Münze und kannte keine Seele. Ich hasste das Land, sofort. Auch wenn ich mich nach und nach damit engagierte...
Mein Kind bekam ich an einem Fluss, welcher sich durch den Wald riss. Es war die Hölle, ich kam mir vor, als würde ich ein Wagenrad heraus pressen, nur dass das Ganze nicht so rollte, wie bei einer Kutsche. Ich war zu diesem Zeitpunkt immer noch allein, aber ich legte es auch, besonders nicht in diesem Moment, nicht auf Gesellschaft an. Hätte ich vorher gewusst, was für ein Gefühl es in mir auslöste, als ich mein Kind in meinen Armen hielt, hätte ich nie darüber nachgedacht, es irgendwo zu ersäufen, zu erhängen oder zu erdolchen. Als ich in diese hellblauen Augen sah, vergaß ich meinen Egoismus und wollte jeden weiteren Schritt nur für mein kleines Mädchen tun, nicht mehr für mich. Ich war ihr verfallen und konnte mein Glück nicht fassen. Was sicherlich sehr ironisch war und doch typisch für eine Mutter. Denn ich lag mit Lumpenkleidern am Flussrand, es regnete und wir waren beide, Erimh und ich, ausgemärgelt. Doch sie war gesund und sie bewegte mich dazu, ein normales Leben zu führen, irgendwas sinnvolles zu tun, Gold zu verdienen, damit sie und ich leben konnten. Und das tat ich dann auch und auch, wenn ich mich nicht mehr daran erinnerte, wie ich das schaffte, von einen Tag auf den Anderen, war es auf jeden Fall irgendwann besser. Wir hatten sogar eine kleine Hütte, sie und ich und ich atmete für sie und sie atmete für mich. Ich wollte ihr eine gute Mutter sein um mir zeitgleich zu beweisen, dass ich besser war als die Meine. Und wieder zog ein Jahr ins Land und ich konnte glücklicher nicht sein. Trotz mangelnden Reichtums und dergleichen. Ich merkte mit ihr schnell, dass Gold und andere materielle Dinge mir das Glück nicht geben konnten, was sie mir gab.
An dem Tag als sie starb und in unserem Heim verbrannte, brach für mich eine Welt zusammen. Ich fühlte mich nutzlos, schwerelos und konnte kaum noch einen Schritt gehen, ohne das mir die Tränen liefen. Ich schüttete meinen Kummer mit Alkohol von dannen und hoffte, es würde den Schmerz lindern. Das war aber immer nur für kurze Zeit der Fall. Irgendwann holte mich die Realität ein und ich befasste mich damit. Ich wollte es nicht, aber es passierte.
Eines Tages, nachdem ich aus meinem eigenen Erbrochenen erwacht war, mittlerweile 18 Jahre alt und durch Bajard taumelte, traf ich auf Shan'Rhyl. Er war der erste Letharf, den ich je traf und er berichtete mir von Alatar, von den Geboten und vom Reich. Er zeigte mir die andere Seite der Welt und erklärte mir, dass es noch andere Dinge gab, fernab Bajards, fernab der Neutralität. Ich hörte ihm zu, folgte ihm und ließ mich führen. Nicht weil ich begeistert war, sondern mehr, weil ich dachte, es könnte nun eh nicht mehr schlimmer werden. Nach und nach versank sich im Glauben zu Alatar und mein Herz füllte sich mit Hass und Zorn. Ich gab den anderen Göttern die Schuld, sie hatten mir, in meinen Augen, mein Kind genommen. Sie waren schuld, ich hasste sie. Ich war verbittert und einsam. Ich ließ weiterhin niemanden an mich ran und behandelte soziale Kontakte, auf kurz oder lang, wie den letzten Dreck. Außer Shan'Rhyl, er war mein Mentor, auch wenn wir kaum sprachen, aber er hatte mich zu dem gemacht, was ich war.
Der Krieg um Varuna änderte dann alles. Nicht nur das feindliche Verhältnis zwischen Licht und Schatten, was sich nur noch mehr schürte, sondern auch meine Person. Es war mein erster Krieg und ich das, was ich dort sah, war meine kleine Hölle. So viele Menschen, die gestorben sind, so viel Unheil, auf einem Haufen, in so kurzer Zeit. Ich schlug wild um mich, tötete das, was auf mich zu kam. Nicht etwa, weil ich nach Blut durstete, sondern eher, weil meines nicht fließen sollte. Ich wollte überleben, das war mein Ziel. Als mich dann diverse Pfeile durchbohrten und zu Boden warfen, wusste ich, ich hatte versagt. Und als mich Rilas dann fand, wieder ins Leben brachte und sich um mich kümmerte, legte ich nach und nach den Egoismus nieder und gewann an Herz. Ich verlor mein Herz an ihn, obwohl ich ihn nie berührte und ich mir eher ansah, wie andere das Vergnügen hatten. Es waren nur stumme Blicke, die ich ihm schenkte und ich war ihm vollkommen verfallen, zu sehr, denn sein Tod, der nach einem Jahr folgte, riss mich in ein Loch, aus welchem ich dachte, nie wieder heraus zu kommen.
Dann jedoch, dann jedoch traf ich ihn. Er stand da und wies Geschenke ab. Ich erinnerte mich, als wäre es gestern gewesen. Sie wollte ihm Wein schenken und er pochte darauf, dass es sich nicht mit den Geboten vertragen würde und er die Flaschen daher nicht wollte. Er lockte mir seit Monden wieder ein Schmunzeln im Gesicht und eigentlich machte er gar nichts. Aber anstatt, dass wir ein Wort mit einander wechselten, trennten sich unsere Wege wieder. Ich hatte in dieser Zeit andere Seelen an meinem Robenzupfel. Die Arkorither verfolgten mich, als wäre ich eine wandelnde, magische Glocke. Tristan war einer derer, denen ich mich anvertraute. Die zweitgrößte Dummheit meines Lebens. Ich traf ihn, Dazen Wolfseiche, wieder, als ich mit einem Arkorither, wessen Namen ich sogar schon wieder vergessen hatte, in Bajard. Er saß auf einer Treppe vor der Schreinerzunft und machte Witzchen über mein weißes Oberteil im Regen. Ich fand ihn witzig, er war auf seine seltsame Art und Weise charmant, auch wenn ich das vermutlich als Einzige so sah und so stellten wir uns einander vor und was die Monde darauf folgte, hätte ich in diesen Moment nie gedacht.
Ich heirate diesen Mann und teilte ihm alles mit, was ich je erlebte, was ich einst war, was ich einst werden wollte. Er kannte mich, besser als je ein Mensch zuvor und die größte Dummheit in meinem Leben, die ich in dem Fall begangen habe, war, dass ich zu viel Gefühl zeigte, zu viel Last auf seine Schultern schüttete. Es war die Zeit wo meine Seele Hayden verlor, wie ich zusah wie meine beste Freundin starb, es war die Zeit, wo ich mich veränderte, erwachte und es war die Zeit, wo ich nicht mehr für andere zumutbar war. So legte ich meinen Ring bald wieder ab und fand mich am Anfang wieder.
Schritt für Schritt weiter in den Weg meines Erwachsens hinein, Schritt für Schritt weiter in die Richtung, wo ich nicht umdrehen konnte. Nach und nach nahm ich wieder diese Emotionen an, die ich einst hatte, als ich Alathair betreten hatte. Mit diesen fuhr man einfach besser. Und als ich über all dies nachdachte, stellte ich mit einem bitteren Lächeln fest, dass ich noch nicht gänzlich verarbeitete hatte. Was nicht bdeutete, dass sich die Welt nicht weiter drehen würde, sondern eher, dass der Ausflug auf die Insel eine grausige Qual werden würde. Und Sekundenschlag um Sekundenschlag wünschte ich mir die Zeit zurück, wo das Leben noch nicht so widerwertig verkrampft war.
Verfasst: Sonntag 15. Dezember 2013, 20:02
von Alin
Als ich durch den Schnee ging, ließ ich die letzten Monde in meinem Geist nochmal ablaufen. Eigentlich konnte ich mich nicht beschweren und vermutlich schlich sich deswegen ein Lächeln in meinem Gesicht ein. Es wurde langsam dunkel und ich benötigte trotzdem nicht viel Licht oder Magie, um sehen zu können. Der Schnee war so weiß, er erhellte mir jeden Schritt. Schritte, die mich recht weit in den Wald führten, denn ich wollte einfach einmal meine Ruhe haben, nur einen kurzen Moment und er sollte mir gegeben sein. Ich dachte an die Zeit mit meinem Mann, daran, dass er mich wirklich einmal irgendwie liebte und das er mich glücklich machte, mit jedem seiner Charakterzüge. Ich dachte an meine Tochter, wie sie starb und wie sie mich für wenige Tage zu dem glücklichsten Mensch machte, den man sich vorstellen konnte. Ich dachte an Hayden, an Rilas, an Tristan und an all die Anderen, die ich verloren hatte. Das Ende des Jahres war immer die Zeit, wo man sein Leben nochmal vor seinen Augen abspielte und trotz dieser Ereignisse, dem Leid, ging es mir gut. Ich war gewachsen daran. Auch wenn ich mir wünschte, ich könnte einiges anders machen, Leben wieder herstellen, andere Routen einschlagen, war ich zufrieden. Doch ich wusste auch, dass ich zu dieser Zufriedenheit etwas beitragen musste. Denn ich musste abschließen, vollkommen.
Als ich auf einer kleinen Lichtung angekommen war, betrachtete ich eine Weile die Bäume, den Boden, das alte Holz, welches sich unter dem Schnee erstreckte und irgendwann auch die Sterne, die sich langsam offenbarten. Ich sah in den Himmel und atmete tief durch.
„Geschenke? Nein, danke. Ich möchte nichts geschenkt, Fräulein Talraun, das ist nicht im Sinne des All-Einen.“
„Wie ist Euer Name, Gaffkönig?“
„Wie ist denn deiner, Wassernixe?“
„Alin.“
„Dazen.“
"So.. und weil mir der Dreck der letzten Tage einfach reicht und es auch mal was Gutes geben muss, ich davon eh keine Ahnung habe, wie man es sonst anstellt, habe ich mich heute morgen beim Aufstehen dazu entschieden, nicht zu warten bis vielleicht mal die Knappschaft für mich auch mal Realitität wird und irgendwann ein Ende findet.. und gebe hiermit, ohne Tand und dergleichen mehr, die Verlobung von Alin und mir bekannt. Ein 'Nein' wird sowieso nicht akzeptiert."
"Dazen Wolfseiche, bist du gewillt vor den Augen des Herren Alin als dein rechtmäßiges Weib anzunehmen und sie im Streben nach dem Herren zu unterstützen und mit ihr gemeinsam im Sinne des Herrens zu leben? Bist du gewillt den Untugenden und der Willkür des maßlosen, tierischen Triebes jener Ungläubigen im Rest der Welt entgegen zu treten?"
"Ja."
„Es ist vorbei, Alin. Du bist mehr eine Last als das, was du sein solltest.“
„Es tut mir leid, was passiert ist, die letzten Wochen.“
„Mir tut es auch leid.“
Mit einem Lächeln und Tränen, die mir übers Gesicht liefen, als ich mich an all das erinnerte, zog ich eine Flasche aus meiner Tasche. Es war der Schnaps der Hochzeit und ich warf ein letztes Mal einen Blick auf das Etikett. Mein Daumen strich über die Worte, bevor ich den Korken entfernte und einen kleinen Ring aus der Tasche zog. Ich las mit einem seichten Kopfschütteln die Gravur und warf ihn in die Flasche hinein, nur um dann den Korken wieder darauf zu fixieren. Ich atmete tief durch, holte Schwung und warf die Flasche so weit in die Luft, wie es meine Kraft zuließ und im selben Augenblick griff ich ins Lied ein und sie explodierte in tausend kleine Teile. Es war ein kleiner Funkenregen, den ich erblickte, als das Feuer in Richtung Schnee fiel und irgendwann erlosch. Ich atmete tief durch und ich fühlte mich freier. Denn ich konnte mir nicht ein weiteres Mal mit ansehen.... ich wollte es beendet haben und das hatte ich getan, mit diesem Ritual und ich war zufrieden. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und ging mit einem Lächeln wieder in Richtung Zivilisation.
Als ich in Düstersee ankam, warf ich einen Blick auf meine rechte Hand, ich erinnerte mich an den vergangenen Abend und ich wusste, nun würde alles einfacher sein. Ich drückte die Fingerkuppen in meine Handfläche und machte einen Satz durch den Schnee. Ich hatte Hoffnung und ich wusste nicht, wann ich seit meiner Ehe jemals wieder so zufrieden war. Dieser Gedanke alleine ließ mich an meinen Taten nicht zweifeln. Das Leben ging weiter und auch wenn es so viel Leid in sich trug, würde ich weitere Schritte machen. Denn wenn ich nicht mit ganzen Leib stark sein konnte, dann mit der Seele. Ich wollte dienen und irgendwann gehen, mit sinnvollem Grund und nun war ich bereit dafür, mich nicht mehr zerfressen zu lassen, von Dingen, die dort wo ich lebte, sowieso keinen Halt hatten, keinen Platz.
Die Reise ans Ende der Zeit
Verfasst: Dienstag 11. März 2014, 00:18
von Alin
Ruckartig öffnete ich die Augen und starrte an die Zimmerdecke. Ich hatte Tage nicht mehr wirklich etwas gegessen, geschweige denn meinen Körper groß bewegt. Nur langsam drehte ich meinen Kopf zur rechten Seite hin und benetzte meine trockenen Lippen mit dem Hauch an Spucke, der meinem Mund noch blieb. Mit Müh und Not drückte ich mich dann empor, starrte penetrant zur Treppe und bildete mir ein Stimmen zu hören, Gesichter zu sehen, Schatten wahr zu nehmen. Ich konnte mich allerdings nicht entscheiden, ob mich das Ganze nun zum Lachen bringen sollte oder zum Weinen, so wurde es eine Mischung aus beidem.
Als meine nackten Füße den Boden berührten, die Knochen knackten, weil sie sich ewig nicht bewegten, griff im selben Moment meine rechte Hand zur Ablage neben dem Bett. Drei kleine Briefe knautschte sich in meinen dürren Fingern zusammen und nur langsam zog mein schlaffer Arm jene zu sich hin. Sekunde für Sekunde verging, Minute für Minute, bis ich mich endlich in die Höhe drückte, mir meine schwarze Kutte überwarf und Barfuß zur Treppe zog. Ich nickte irgendwem zu, lächelte und gab lautlose Worte von mir. Eigentlich wusste ich es selbst, denn in meinem Inneren schrie es bereits recht laut. Du bist verrückt, verrückt.
Mit einer schlaffen Handbewegung zog ich mir aus irgendeiner Ebene, von irgendeinem Ort, ein altes Stück Brot, schob es mir in die Kehle und würgte es mit Wasser meinen Rachen hinab. Ausreichend Kraft-Zufuhr, zumindest dafür ausreichend, die drei kleinen Briefe noch einem Boten zu geben und ein Pferd durch die Sphären zu reißen und sich auf deren Rücken zu ziehen. Ich warf meinem Heim nur einen kurzen Blick zu und dem Botenjungen gab ich Zecke mit. Wer wüsste, wo er diesen abliefern könnte und ich wüsste, das er es dort gut haben würde. Doch wusste ich auch, dass ich vollkommen zerbrechen würde, würde ich weilen, würde ich bleiben und das Leben weiter ziehen lassen.
So wie es jetzt war, nutzte ich dem All-Einen nichts mehr, ich war gebrochen, von innen nach außen, von links nach rechts und ich konnte nicht heilen in einer riesigen Wunde, in der ich lebte. Ich konnte nicht heilen im Kreis der Schwerter, die mich erstachen. So rammte ich meinen Fuß in die Seite des Tieres, ließ es über das Feld rasen und meine Tränen in der Nacht vom Wind verwischen. Die Arkoritherburg war mein Ziel und doch wusste ich, dass ich diese für einige Zeit nicht mehr verlassen würde und ich wusste, dass es in Ordnung war.
Meine linke Hand, die nicht die Zügel hielt, griff zur grünen Phiolenkette an meinem Hals und für einen kurzen Augenblick dachte ich, es würde sich alles zum Guten wenden.
So waren es nur noch ein paar Zeilen, die ich der Welt ließ, die ich nur drei Personen gönnte und es war gut. Fiona, Thanaya und Dazen würden sich wohl am morgen über die Post freuen, oder wie man es auch immer nimmt... es war Zeit.
- Die Eisenbahn
fährt durch unbekanntes Land,
vorbei an gold'nen Feldern,
tiefen Flüssen und zum Strand.
Der Vorhang vor dem Fenster,
flattert durchs Abteil.
Und ich vermiss dich,
weil...
...du Heimat und
Zuhause bist,
weil bei dir mein Bauchweh aufhört.
Verfasst: Montag 23. Juni 2014, 18:50
von Gast
Das Gesicht war mittlerweile schon zusammen gefallen und jegliches Gramm Fett verweht. Die Züge blass und jeder Schritt eine Qual. Ich betrachtete mich eine ganze Weile im Spiegel und zog die dunklen Augenringe ein wenig herab. Meine Augen waren nicht einmal mehr wirklich weiß. Ich fragte mich, warum das alles passierte. So formte ich ein Lächeln mit meinen trockenen Lippen und dachte über das Leben nach. Wie ich so viele Kriege überlebt hatte, so viel Tode von Freunden überstanden, nur um dann an einer Krankheit, die mich von innen zerfraß. mein Leben zu lassen?
Ein Räuspern folgte und meine Kehle war so trocken, dass nicht einmal ein Schluck Wasser es irgendwie beheben konnte. Und so bewegte ich mich nur langsam fort, versuchte das Leben weiter gehen zu lassen und die letzten Momente, die mir noch blieben, irgendwie sinnvoll zu nutzen. Ich wusste nicht, ob ich wollte, dass mich meine Freunde - wenn sie mich denn überhaupt noch so nannten, so sehen sollten oder ob ich es lieber dabei belassen würde, dass sie mich in guter Erinnerung behielten. Vermutlich schlich ich deswegen in den frühsten Morgenstunden nach Rahal zum Heiler, wo noch kaum wer auf der Straße anzutreffen war.
Wieder zog ich ein wenig meiner blassen, kränklichen Haut herab und versuchte noch das Funkeln in meinen blauen Augen zu finden, was mich irgendwie lebendig machte. Allerdings schein das alles verloren zu sein. Das traurigste an der Geschichte war eigentlich nur, dass ich es nicht schlimm fand. Seit der Trennung von Dazen Wolfseiche bin ich sowieso nur noch herum geirrt wie ein Geist. Ich hatte mich nicht um soziale Kontakte bemüht oder versucht die zu halten, die ich hatte. Ich war ein Blatt im Wind und nun, nun fing ich an zu welken. Und das war in Ordnung.
- Wer das Leben nicht schätzt, der verdient es nicht.
-Leonardo Da Vinci