Aber bitte mit Krone!
Verfasst: Montag 11. März 2013, 19:52
Ein letztes Mal strich die schon etwas faltige Hand über den Stoff. Leuchtende Farbe auf sauber gesponnenem Linnen schmückte den Balkon. Geschmackvolle Blumenarrangements und Fahnen gaben den prächtigen Rahmen für das frohe Ereignis. In wenigen Stunden würde das junge Paar hinaus treten und sich dem Volk zeigen. Der Platz vor dem Schloss füllte sich bereits mit den ersten Schaulustigen.
Andurion wandte sich langsam um und ließ dabei den Blick schweifen. Dezent verborgene Wachen ergänzten den Schutz, den die Palastgarde in ihren Prunkrüstungen bieten sollte. Die anwesenden Kronritter würden die Hauptpersonen begleiten.
Die Reden waren verfasst und diesem historischen Moment stand nichts mehr im Wege. Eine Verlobung. Der Zusammenschluss zweier Leben. Ein neuer Abschnitt für die beiden. Ein neuer Abschnitt für ein ganzes Volk. So sah es das Gesetz vor, der Brauch, geprägt über Jahrhunderte. Zwei junge Menschen, denen Wohl und Wehe des Reiches in die Hände gelegt werden würde.
Lange schon waren beide auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Die Verbindung, vor langem beschlossen, würde ein neues Zeitalter einläuten. Andurion hatte keinen Zweifel, dass die junge Johanna ihren Künftigen gut und tatkräftig unterstützen würde und zu aller Erleichterung hatte sich eine Sympathie zwischen den beiden entwickelt. Wer weiß, vielleicht würde sogar eines Tages so etwas wie Liebe entstehen. Nun gut, mit einem feinen, eher freudlosen Lächeln gestand er sich ein, dass diese Freude wohl nicht alle teilten, aber das war einerlei.
Die Zeit war gekommen. Sein Schützling wurde zum Mann. Zum König.
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Die Arme leicht ausgebreitet stand sie auf dem Höckerchen vor dem bodenlangen Spiegel. Zu ihren Füßen hockte eine der Schneiderinnen und befestigte eine letzte Sicherungsnaht, auf dass der Saum nicht einreißen würde. Die elfenbeinfarbene Seide schmeichelte ihrer Haut, eine der wenigen Farbtöne, die sie nicht kränklich blass wirken ließ. Geschickte Schnürungen und die ein oder andere Spitze verlieh ihrer eher schmächtigen Figur fast so etwas wie weibliche Rundungen. Ihr schimmerndes Haar, geflochten und hochgebunden, gespickt mit kleinen Perlen vervollständigte das Bild. Alles in allem war sie zufrieden – was durchaus etwas zu bedeuten hatte, bei dieser selbstkritischen Frau mit dem Hang zu Perfektionismus.
Johanna sah hinauf zur Uhr. Noch etwa eine Stunde, dann würde sie durch die Doppelflügel ihrer Türe treten, auf dem Weg in ihr neues Leben. Ihre letzten Tage als herzögliche Comtess waren voller Termine, Vorbereitungen und Reiseplanungen. Dann würde sie ihm das Versprechen geben und damit auch dem ganzen Volk Alumenas.
Eine Zofe trat heran, in ihren Händen ein Tablett mit leichten Speisen und einem verdünnten Wein. Eigentlich war ihr nicht danach, aber sie konnte unmöglich einen Schwächeanfall riskieren. Die Krone, das Volk aber vor allem Ador brauchten sie standhaft und sie war entschlossen, genau das zu sein. Mit einem kleinen Nicken ließ sie auftragen und gönnte sich noch ein paar Minuten Ruhe, bevor der große Moment gekommen war.
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Ein letztes Zupfen an der Jacke, ein letztes Richten der Schärpe, dann folgte ein tiefer Atemzug und mit einer schneidigen Bewegung wandte er sich um. Die Diener öffneten die Türe und der Blick in den Flur wurde freigegeben, wo bereits zwei stattliche Männer in den Rüstungen der Kronritterschaft auf ihn warteten. Vertraute Gesichter, denen er ohne Zögern sein Leben in die Hände legen würde. Er trat hinaus und machte sich auf den Weg zum Saal, die Kronritter gesellten sich einen Schritt hinter ihm an seine Seite und wie von unsichtbaren Fäden gezogen schlossen die Wachen auf.
Im Saal warteten unzählige Diener und doch war es recht ruhig. Eine Art freudige Anspannung lag in der Luft. Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen, die sich allesamt gerade tief vor ihm verbeugten und wandte sich den beiden Herzögen zu, die sich ebenfalls im Raum befanden. Nur zwei Mitgliedern des Kronrates hatte er heute die Erlaubnis erteilt, bei diesem geschichtsträchtigen Moment anwesend zu sein.
Andurion III. von Nharam war ihm von Kindertagen an wohlgesonnen und hatte sich nach dem Tod seiner Eltern und der räumlichen Trennung von seinem Onkel Adrian zum väterlichen Freund und Ratgeber entwickelt. Seinem Urteil maß er Bedeutung bei wie kaum einem anderen. Von seiner Familie war nur sein Bruder an diesem wichtigen Tag bei ihm und die Anwesenheit Andurions gab ihm ein wenig mehr Ruhe. Nicht, dass er sich von der Nervosität hätte etwas anmerken lassen.
Iustitian von Alrynes Anwesenheit lag in der Natur der Sache. Ab heute würde offiziell sein, dass auch er schon bald der königlichen Familie angehören würde. In wenigen Minuten würde dem Volk die Verlobung zwischen seiner königlichen Hoheit Ador Segenus Corbidian Victor von Hohenfels, Kronprinz des Reiches Alumenas und der herzöglichen Comtess Johanna Elisabeth Viktoria von Alyrnes bekannt gegeben.
Es blieb gerade noch Zeit für eine kurze Begrüßung, als sich die Türen zum Saal ein weiteres Mal öffneten und der Hofstaat der künftigen Königin von ihrer Ankunft kündete. Ador wandte sich um und trat Johanna entgegen. Ihr Anblick entlockte ihm ein Lächeln. Würdevoll näherte sie sich ihm, das Kleid betonte ihre Vorzüge und ihre Mimik wirkte gefasst. Zweifellos war auch sie angespannt und doch konnte man es allenfalls erahnen. Er verbeugte sich leicht und hob sie aus dem Knicks auf.
„Bereit?“ Es war ein Flüstern, nur für ihre Ohren bestimmt und auf ihr angedeutetes Nicken hin traten sie beide auf den Balkon zu.
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Jubel brandete auf, als Ador seine Verlobte der Menge präsentierte. Gemeinsam würden sie ein neues Zeitalter einläuten. Insgeheim hatte er bereits Pläne geschmiedet und so manch einer würde an den Veränderungen zu kauen haben. Dennoch, er war davon überzeugt, den richtigen Weg gefunden zu haben. Sein Blick glitt über die unzähligen Gesichter, die mehrere Meter unter ihnen Hochrufe erschallen ließen. Freude, wohin er sah. Mit einem Mal spürte er, wie Johannas Hand von seiner rutschte und sah irritiert zu ihr. Ihre Finger pressten sich auf ihre Brust, wo sich die Seide rot zu färben begann. Er registrierte noch den Bolzen, der unnatürlich aus dem Körper seiner Versprochenen ragte, als man ihn auch schon jäh zu Boden riss und ihn geduckt in das Innere des Schlosses brachte.