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Die Suche nach dem Silbervogel

Verfasst: Freitag 8. März 2013, 14:05
von Karawyn
1.Kapitel: Erinnerung an eine Lautentasche

„Abschied ist notwendig, damit wir uns wiederseh’n können, oh Mondgöttin mein…“
Noch immer lag unter dem schalkhaften Grinsen in den sturmblauen Bergseenaugen ein Funken der traurigen Worte, die vor so kurzer Zeit den sicheren Hort seiner Lippen verlassen hatten und verletzlich und klein zwischen ihnen beiden geborgen lagen.
„Sie ist verloren…“ Wieder sah Karawyn das hilflose Schulterzucken des schlaksigen jungen Mannes vor sich und seine Arme umfingen den eigenen Körper, als könnte er damit das Fehlen der Laute ausgleichen.
„Ich weiß nicht wer sie waren, doch sie ist fort… für immer“

Als Ruben an diesem Abend in die Nacht hinaus verschwand, verfolgten ihn zwei blaue Augen noch lange, selbst nachdem sein untadelig wirrer Schopf bereits vom Maul der schwarzen Nacht verschluckt worden war. Sein Verlust lag offen in seinem Gesicht, die Hilflosigkeit ob dieser Situation so greifbar, dass Karawyn nur die Arme hätte danach ausstrecken müssen. Die übertriebene Fröhlichkeit, mit der er versuchte, das Fehlen der Laute zu überspielen, zog an ihr und ein schmerzliches Gefühl breitete sich im Brustkorb des Vollmondes aus, füllte sie an bis sie zu bersten glaubte. Sie wollte helfen, wollte ihm ein Stück dessen was er verloren hatte und für immer verschwunden glaubte zurückgeben, egal was es kostete. Es musste einen Weg geben, die ausfindig zu machen, die das alte wettergegerbte Instrument aus der Umarmung ihres Barden genommen hatten… dunkle Gestalten, die in sternenlosen Nächten in Gräben und Mulden neben den Wegen lauerten um arglose Reisende um ihr Hab und Gut zu erleichtern. Nichtsahnende oder vom Verlust gezeichnete Wanderer wie Ruben, der den traurigen Lauf des Schicksals hinter sich zu lassen versuchte und so lange vorantrieb, bis die Müdigkeit ihn mit der kurvigen Form der Laute in den Schlaf sandte.

In Karawyns Innerem zog und zerrte es, sie wollte… sie musste helfen. Sie verstand das Wirrwarr, das kunterbunte Durcheinander der Gefühle nicht, konnte manche der einzelnen Gedanken selbst nicht so recht einordnen und wollte es vielleicht auch nicht zu genau betrachten, doch wusste sie eines genau.
Sie wollte das Funkeln in seinen Augen sehen, wenn er das Blau der Lautentasche, versteckt zwischen den Kissen in ihrem Haus aufblitzen sah, wollte die Fassungslosigkeit auf seinem Gesicht spüren, wenn der handtellergroße Vogel aus Silbergarn seine Flügel ausbreitete und den Nachtwanderer auf eine gemeinsame Reise einlud und sie wollte ihm direkt in die Augen sehen, eine Begegnung von Sturm und Meer, wenn sie ihm die Laute, gekleidet in ihr altes edles Gewand, wie ein Vater die verschleierte Braut übergab. Ein wunderbares Gewand, eine wunderbare Erinnerung… Karawyn erinnerte sich nicht jedes Stück, welches sie einst gefertigt hatte, doch auf dieses besann sie sich, als hätte sie erst gestern die Lagen weichen und doch festen Leders mit dem besonderen dunklen Blau hervorgeholt. Karawyn schloss die Augen und gestattete sich, sich zu erinnern.

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Lederlage über Lederlage türmte sich vor ihr auf dem Boden des kleinen beschaulichen Kellers, hartschuppiges Echsengrün tummelte sich neben grobporigen Zweikopfhäuten, die das Trollgrau unter sich begraben hielten. Zwischen all den dunkleren und helleren Häuten saß Karawyn, die Fingerspitzen mal über diese, mal über jene Oberfläche streichen lassend, bevor sie nachdenklich nach einer maronenbraunen Strähne griff und sie um den Finger wickelte.

Der junge Mann, dessen Auftrag sie bearbeitet, wünschte eigentlich die Reparatur einer alten Lautentasche, doch das traurige Lederhäufchen, das sie über seinen Rücken hatte hängen sehen, ließ sie nun mitleidig den Kopf schütteln. Feuchtigkeit hatte unbehandelte Stellen aufgeweicht und schwammig werden lassen, kleinere Löcher, vielleicht von Funken, die sich am Leder genährt hatten, wenn die Kälte draußen den schlaksigen Jungen zu nah ans Feuer getrieben hatte, und ausgerissene Riemen waren, vielleicht wegen dem fehlenden Münzklingeln in seinen Beuteln, nie ausgebessert worden und hatten sich nun unschön ausgeweitet.
Ein hoffnungsloser Fall, selbst für eine Meisterschneiderin, denn sie wollte nicht, dass die Tasche ein ewig Hilfe bedürfendes und nur kaum schützendes Flickwerk bleiben würde. Darum hatte sie, wenn es ihr auch ob seines traurigen Blicks schwer gefallen war, den jungen Ruben überzeugt, sie einen neuen Lautenkoffer anfertigen zu lassen, der dem alten Stück bis auf Löcher und durchnässte Stellen in Nichts nachstehen würde.
Nach langer Überlegung entschied sie sich für ein geschmeidiges, aber zugleich hartes Spaltleder, dass sie mit dem dunklen Öl gepresster Walnüsse, für das sie die Getreidemühle ihrer Freundin Tulena missbraucht hatte, einfärbte und trocknen ließ.Mit heißem Wasser feuchtete sie die zugeschnittenen Einzelteile an und formte das dampfende Leder über einem gezimmerten Holzmodell einer ebenso gestalteten Laute, um den Klangkörper, den Hals und die in sich verdrehten Wirbel des echten Instruments zu schonen. Einige Male verbrannte sie sich die winterhelle Haut an den Fingern und Armen, als die Hitze des kochenden Wassers ihr entgegen spritzte, doch die Mühe lohnte sich. Als sich die Nacht über Bajard senkte und die Abendluft den Taschenrohling abgekühlt hatte, griff Karawyn nach dem festen und mit Wachs gegen Feuchtigkeit unempfindlich gemachten Garn und schloss, in beiden Händen eine scharf zugeschliffene Nadel, die ersten vorgestochenen Nähte, deren Löcher eine kleine Ahle in das gehärtete Leder gestochen hatte. Dazu fügte sie zwei kleinere Schließen am Boden und im oberen Drittel an, in die sie einen breiten mit dunklem blauen Stoff gepolsterten Riemen einfädelte und betrachtete schließlich ihr vorläufiges Werk.

Noch lag die Tasche schmucklos und einfach in ihren Händen, nur die etwas helleren Nähte, deren Garn den Walnusssaft anders als das Leder aufgenommen hatten, zogen sich wie haselnussfarbene Baumadern über die dunkle Oberfläche, die sie sonst noch matt und unbehandelt ansah. Eine Idee blitzte in ihren Gedanken auf und hielt sich dort hartnäckig auch die nächsten Stunden der Verarbeitung, während sie das Leder mit wenig Wachs polierte und imprägnierte und die Innenseite mit weichem blass stahlblauen Wollstoff verkleidete, den sie vollständig mit einer Mischung aus gemahlenen Knochen und Baumharzen ins Innere klebte. Auch nach Stunden noch leuchtete der Vorschlag in Karawyns Hinterkopf und, ohne den so freundlichen Mann, der in seiner Art ein Lächeln in ihr aufziehen ließ, zu fragen, fädelte sie silbrig grauen Faden in eine spitze Nadel und begann ein nicht mehr als einen Handteller großes Bild auf die Tasche aufzubringen. Ein Vogel, klein und mit ausgebreiteten Schwingen, saß auf einem aus dem Nichts erwachsenden Ast, den weiten Himmel, durch einige Sterne dargestellt, über sich ausgebreitet.
Ein Schmunzeln huschte über ihre Lippen, als sie hoffte, dass der Barde den Hinweis verstehen würde, sich niemals den Wind unter den Flügeln vollkommen nehmen zu lassen.

Als nach einigen Tagen weiteren Polierens das schöne Stück schließlich in seinem ganzen Glanz erstrahlte, schlug sie es in ein Stück Stoff ein und griff nach Papier und meerblauer Tinte und begann zu schreiben:

„ Des Mondlichts heller Schein mit euch, Ruben,
wie versprochen habe ich eure Lautentasche fertig und sie wartet darauf, nun mit euch auf Reisen zu gehen, die Welt der Gesänge kennen zu lernen und euer treuer Begleiter zu werden. Kommt doch bald vorbei und seht, ob ihr euch mit ihr zufrieden geben könnt.
Der Sterne Licht möge euch begleiten
Karawyn“

Vorsichtig rollte sie die gerade getrockneten Zeilen des Briefes zusammen und bezahlte einen jungen Boten, der das Schriftstück nach Düstersee in Talanas Schenke bringen sollte, wo sie Ruben vermutete.

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Mit einem leisen Klacken und Quietschen schloss Karawyn den Nachtwind mit seiner wispernden flüsternden Stimme voller Geschichten aus, ließ die Erinnerung Erinnerung sein und lächelte schwach. Eine Idee hatte sich in ihrem Kopf eingenistet, ein Plan bei dem sie das Nachtvolkblau nicht würde tragen können… und bei dem sie dringend Hilfe brauchte…
Hilfe von der sie Yannick vorerst nichts erzählen würde, denn sie wollte ihn weder zu sehr beunruhigen, noch ihm Anlass zur Eifersucht bieten…zudem hatte er davon schon damals, bei seinem Eintritt ins Nachtvolk nichts gehalten.
Mica musste ihr beibringen wie man sich verkleidete und das eigene Selbst so veränderte, dass nichts unter der Maske nach draußen drang…
Sie würde lauschen…
Sie würde Ausschau halten…
Und sie würde Ruben das Lächeln zurückgeben, welches nur eine so einzigartige Liebe hervorbringen konnte, wie die eines Barden zu seinem wohlgeformten Instrument.