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Metamorphose

Verfasst: Donnerstag 14. Februar 2013, 15:08
von Morra Thuati
Schritt I: Wie die M(ari)o(ne)tte ins Licht

So ein luftiges, ein leichtes Gefühl. Auf einem unsteten, wabernden Nebelgebilde, dicker als Luft und dennoch unmöglich je fest zu ergreifen, trieb sie dahin. Spürte die Kälte in den Gliedern und die Leichtigkeit im Kopfe, glitt durch die Zeit, dem Rauch entgegen, der in der Ferne nie müde wurde bizarre Wolkenskulpturen zum schillernden, unwirklichen Tor zu formen, welches sie durchschreiten musste. Doch obwohl sie die bleiche, unwirkliche Hand in stiller Sehnsucht danach ausstreckte, war sie noch zu schwer, die Seele zu sehr mit dem Körper verbunden, welcher durch die festen Nebelschwaden wieder herabsank. Ferner und ferner der glimmende Regenbogenglanz und damit entschwand langsam, als würde sie sich aus der Tiefe eines Brunnens dem Licht entgegenstrecken, das Tor: ihre Einladung in eine Welt, die ihren Geist längst eingefangen hatte.
Es half kein Klagen, kein Eifern, keine Gegenwehr – je mehr sie sich gegen das Herabsinken sträubte, umso schneller verlor sie diesen federgleichen Schwebezustand und sank tiefer in den Brunnenschlick hinein.
Dieser Zustand brach die weiche Mauer in ihr wie die Kruste eines frischen Brotes und obwohl sie doch alles schon so oft durchlebt hatte, drang die Panik in feinen Schlieren hinaus. Wie rotes Blut im Wasser quoll sie zu einem dünnen Schleier, der den Traum vor ihren Augen noch verwandelte. Sie fiel nicht länger, irgendetwas hatte ihre Beine ergriffen und riss sie herab. Sie glaubte Finger an ihren Knöcheln zu spüren und mit einem wahnwitzigen Satz sprang ihr Hirn mitten in eine Erinnerung, der sie damals gar keine große Bedeutung zugemessen hatte.

„Ferner bietet sich an: eine frische Spritze, gefüllt mit Eurem eigenen Blut dabei zu haben. Entnommen von Euch in allergrößter Panik...“
„In größter Panik? Die habe ich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes hinter mir gelassen.“
„Das sagt Euer jugendlicher Leichtsinn jetzt. Ich bin mir sicher, dass Ihr durch Euren Versuch die Worte Panik, Furcht und Angst neu definieren werdet!“

Wozu neu definieren, mein liebes Kind, wenn du sie nie überwunden, sondern lediglich begraben hast? Du kennst deine Ängste und sie werden dich nie verlassen, sondern dich auf jeden deiner Pfade, im Leben und danach, begleiten. Die Frage ist nun nur, ob du die Kraft hast trotz dieser grauenvollen Wegbegleiter deine Schritte zu gehen. Nun...?

Sie ruderte mit den Armen, versuchte wenigstens die alte Wunde Wahnsinn fest verschlossen zu halten, den stechenden Eiter darunter, der ins Freie wollte, ignorierend. Langsam schwappte das Tümpelwasser über ihren Kopf und aus einem Reflex heraus öffnete sie den Mund um zu schreien. Im selben Moment drangen die Erinnerung und mit ihnen all die Bilder, all die Berührungen, Töne und Düfte tiefer hinein. Sie ertrank darin, schloss die Augen und bettelte in einem lautlosen Gebet um die Gnade des raschen Endes. „Vater, ich flehe dich an...“

***

Das Erwachen kam nur scheibenweise. In kleinen Brocken und kurzen Fetzen, die wie ein zersprungener Tonkrug, Scherbe um Scherbe, zusammengesetzt werden wollten. Da war ein dumpfes Licht, ein grünlicher Schimmer vielmehr; der Geruch von alten, modrigen Büchern, der sich mit dem muffigen Odem halbverfallener Gemäuer und dem süßlich-würzigen Hauch Weihrauchs vermischte; die Kälte von rauen, speckigen Steinfliesen unter dem eigenen Körper und über alledem ein stetiges Wispern, wie das Rauschen eines kleinen, unheimlichen Baches in einem Gewölbe tief unter der Erde. Nur dann und wann wurde dieser wild-verrührte Sinnespunsch vom hallenden Tropfen echten Wassers oder einem leisen Wimmerruf unterbrochen.
Die Lider flatterten blinzelnd. Nun wusste sie wieder wo sie war. Zurück, unter den Lebenden.

Drei Stunden später hatte sie es geschafft, diesmal ohne sich zu erbrechen, den Platz am Schreibpult einzunehmen und mit zittriger Schrift die letzten Anmerkungen in eine beachtlich volle, wirre Aufzeichnungssammlung zu schmieren:

Mehr Wein erhitzen, Schlafmohn -darf mehr sein als gedacht – darin ganz lösen. Rabenfederasche, und Nachtschattenauszug unterrühren, nicht erneut aufkochen! Das Blut erst kurz vor der Verzehr hineingeben und dann zügig trinken. Der getrocknete Fliegenpilz muss etwa eine Stunde vor dem Trank verzehrt werden.
→ Die Anrufung darf nicht länger als eine Stunde dauern, ehe der Weg beginnt!


Danach fiel der Körper leicht vornüber und kraftlos bettete sie die Wange direkt neben das Pergament. Unfähig sich ansonsten großartig zu bewegen, kämpfte sie gegen die neue Übelkeitswelle, spürte wie der Schweiß ihr kalt in den Nacken und über die Stirn rann, doch blieben der verbissen-eiserne Zug um die bläulich verfärbten Lippen und tief in den schieferfarbenen Augen glomm neben dem Funken Wahnsinn sein Bruder Entschlossenheit stetig mit.
Sie musste die Augen nicht schließen, um seine Aufgabe ein weiteres Mal zu vernehmen, brauchte nicht in Erinnerungen zu kramen, um sich den Moment an der Schwelle erneut ins Gedächtnis zu rufen. Damals wollte er nicht, dass sie diese durchschritt, denn sie war zu schwach, um wieder zurück zu kehren. Doch nun, nun war es an der Zeit die neuen Gefäße zu testen.

„Suche die Schwelle erneut, mein Kind. Und diesmal wirst du sie passieren!“

Er hat mich erwählt,
Vater Rabe – mein alles-schluckender Stern am Firmament.
Er stellte mir diese Prüfung,
Vater Rabe – dunkles Geleit an meiner Seite.
Ich werde nicht versagen.


Wie eine M(ari)o(ne)tte... ins Licht!

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