Was das Leben bereit hält
Verfasst: Montag 28. Januar 2013, 18:53
Man muss aufs Höchste kommen,
Bei Alatar werden nur die Würdigsten angenommen.
Ich widersprach nicht.
Es war der erste Tag. Dafür hatte ich bereits viel erledigt, auch wenn ich es einer schieren Glückssträhne zuschreiben musste. Eine Glückssträhne und jede Menge Schulden. Letztere bereiteten mir Magenschmerzen, aber ich nahm mir fest vor den Umstand so bald als möglich aus der Welt zu schaffen.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Bettrolle auf den harten Holzboden. Ich entrollte sie mit dem Fuß und schob gleichzeitig den Rucksack in die nächste Ecke. Mehr als die zwei Sachen und meiner Person befand sich nicht in dem kleinen Raum. Eigentlich glich es mehr einer Abstellkammer, aber zum Schlafen genügte es. Es war trocken, nicht unbedingt sehr warm, aber auch nicht so kalt wie draußen, und vor allem war es sauber. Ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, aber ich konnte und wollte mich ganz bestimmt nicht darüber beklagen.
Nachdem das Nachtlager soweit hergerichtet war, viel war dafür ja nicht zu tun, stellte ich mich ans Fenster und sah in die Nacht hinaus – bis zur Stadtmauer, um genau zu sein, die kaum eine Armeslänge entfernt aufragte. Tolle Aussicht! Ich riss das Fenster auf und setzte mich auf den Fenstersims, ließ ein Bein hinaus baumeln und schielte am Dachvorsprung vorbei zum Himmel hinauf. Es schneite schon wieder.
Die frische Luft half mir die Müdigkeit zu vertreiben und ein paar klarere Gedanken zu fassen. Aufmerksamkeit zu erregen war nicht grundsätzlich von Vorteil. Fraglich, ob mir die, die mir zuteil geworden war, gefallen wollte. Einerseits war es für mein in der Ferne liegendes Ziel sicher lohnend. Andererseits konnte es zu unerwarteten Schwierigkeiten führen.
Träge fingerte ich in meinen Hosentaschen herum, holte ein Stückchen Holz hervor und mein Messer. Im spärlichen Licht der Kohlepfanne begann ich mit dem Werkzeug daran herumzuwerkeln.
Das Normalste an dem Tag war das Bürgergespräch gewesen. Alles andere wirkte sehr befremdend auf mich, wirr, chaotisch. Dabei schätzte ich Ordnung über alles. Ordnung und Kontrolle. Ich hoffte, das Gespräch brachte wenigstens ein Stück weit selbiges zurück. Ordnung und Kontrolle. Wobei ich den Verdacht hegte, dass das Chaos Einzug hielt, als ich in die Seitengasse einbog und dem Strohhut gegenüberstand. Wenigstens war es ein zwischenzeitlich sehr erheiterndes Chaos. Viel öfter wirkten die Fragen, die der Strohhut stellte, verstörend auf mich. Dem Clericus machten sie nichts aus, so schien es mir. Andere hätten sich gewiss für blöd verkauft gefühlt oder behauptet, sie wäre nicht bei voller Geisteskraft. Für dumm wollte ich sie aber nicht halten, sondern für ausnahmslos naiv und in gewisser Hinsicht sehr gutgläubig. In jedem Fall weckte der kleine Strohhut die seltsamsten Beschützerinstinkte, und so wie ich das sah, nicht nur bei mir.
Darüber hinaus…
Ich stockte in meinen Gedanken und zuckte zusammen, ließ das Holzstück in meinen Schoß fallen und steckte mir den Daumen in den Mund. Bei Temoras nacktem Arsch! Da war mir doch das Messer abgerutscht, und anstatt es ins Holz zu bohren, steckte es in meinem Finger! Ich bohrte das Messer in den Fensterrahmen und rutschte von diesem herunter, zog das Fenster zu und schloss es sorgfältig. Das Holzstück polterte hinab auf den Boden, wo ich es achtlos liegen ließ fürs Erste.
Mit dem Daumen im Mund verließ ich die kleine Kammer und ging in das provisorische Badezimmer und steckte die Hand in die Waschschüssel, in die ich Wasser hinein laufen ließ. Die ganze Zeit über fluchte ich leise vor mich hin. Als das Ziehen nachließ, zog ich die Hand aus dem mittlerweile blutigen Wasser raus und wickelte ein Tuch fest um den Daumen und schüttete den Inhalt der Schüssel aus dem Fenster.
Ich kehrte in die Kammer zurück, trat das Holzstück zum Rucksack hin, zerrte das Messer aus dem Holz und legte es zum Gepäck. Nach der kleinen Selbstverstümmelung hatte ich die Nase gestrichen voll von meinen kläglichen Schnitzversuchen und warf ich mich auf die Bettrolle. Das war mein letzter Versuch. Ganz klar lagen meine Talente woanders, aber nicht im handwerklichen Bereich.
Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts.
Bei Alatar werden nur die Würdigsten angenommen.
Ich widersprach nicht.
Es war der erste Tag. Dafür hatte ich bereits viel erledigt, auch wenn ich es einer schieren Glückssträhne zuschreiben musste. Eine Glückssträhne und jede Menge Schulden. Letztere bereiteten mir Magenschmerzen, aber ich nahm mir fest vor den Umstand so bald als möglich aus der Welt zu schaffen.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Bettrolle auf den harten Holzboden. Ich entrollte sie mit dem Fuß und schob gleichzeitig den Rucksack in die nächste Ecke. Mehr als die zwei Sachen und meiner Person befand sich nicht in dem kleinen Raum. Eigentlich glich es mehr einer Abstellkammer, aber zum Schlafen genügte es. Es war trocken, nicht unbedingt sehr warm, aber auch nicht so kalt wie draußen, und vor allem war es sauber. Ein Anfang, nicht mehr und nicht weniger, aber ich konnte und wollte mich ganz bestimmt nicht darüber beklagen.
Nachdem das Nachtlager soweit hergerichtet war, viel war dafür ja nicht zu tun, stellte ich mich ans Fenster und sah in die Nacht hinaus – bis zur Stadtmauer, um genau zu sein, die kaum eine Armeslänge entfernt aufragte. Tolle Aussicht! Ich riss das Fenster auf und setzte mich auf den Fenstersims, ließ ein Bein hinaus baumeln und schielte am Dachvorsprung vorbei zum Himmel hinauf. Es schneite schon wieder.
Die frische Luft half mir die Müdigkeit zu vertreiben und ein paar klarere Gedanken zu fassen. Aufmerksamkeit zu erregen war nicht grundsätzlich von Vorteil. Fraglich, ob mir die, die mir zuteil geworden war, gefallen wollte. Einerseits war es für mein in der Ferne liegendes Ziel sicher lohnend. Andererseits konnte es zu unerwarteten Schwierigkeiten führen.
Träge fingerte ich in meinen Hosentaschen herum, holte ein Stückchen Holz hervor und mein Messer. Im spärlichen Licht der Kohlepfanne begann ich mit dem Werkzeug daran herumzuwerkeln.
Das Normalste an dem Tag war das Bürgergespräch gewesen. Alles andere wirkte sehr befremdend auf mich, wirr, chaotisch. Dabei schätzte ich Ordnung über alles. Ordnung und Kontrolle. Ich hoffte, das Gespräch brachte wenigstens ein Stück weit selbiges zurück. Ordnung und Kontrolle. Wobei ich den Verdacht hegte, dass das Chaos Einzug hielt, als ich in die Seitengasse einbog und dem Strohhut gegenüberstand. Wenigstens war es ein zwischenzeitlich sehr erheiterndes Chaos. Viel öfter wirkten die Fragen, die der Strohhut stellte, verstörend auf mich. Dem Clericus machten sie nichts aus, so schien es mir. Andere hätten sich gewiss für blöd verkauft gefühlt oder behauptet, sie wäre nicht bei voller Geisteskraft. Für dumm wollte ich sie aber nicht halten, sondern für ausnahmslos naiv und in gewisser Hinsicht sehr gutgläubig. In jedem Fall weckte der kleine Strohhut die seltsamsten Beschützerinstinkte, und so wie ich das sah, nicht nur bei mir.
Darüber hinaus…
Ich stockte in meinen Gedanken und zuckte zusammen, ließ das Holzstück in meinen Schoß fallen und steckte mir den Daumen in den Mund. Bei Temoras nacktem Arsch! Da war mir doch das Messer abgerutscht, und anstatt es ins Holz zu bohren, steckte es in meinem Finger! Ich bohrte das Messer in den Fensterrahmen und rutschte von diesem herunter, zog das Fenster zu und schloss es sorgfältig. Das Holzstück polterte hinab auf den Boden, wo ich es achtlos liegen ließ fürs Erste.
Mit dem Daumen im Mund verließ ich die kleine Kammer und ging in das provisorische Badezimmer und steckte die Hand in die Waschschüssel, in die ich Wasser hinein laufen ließ. Die ganze Zeit über fluchte ich leise vor mich hin. Als das Ziehen nachließ, zog ich die Hand aus dem mittlerweile blutigen Wasser raus und wickelte ein Tuch fest um den Daumen und schüttete den Inhalt der Schüssel aus dem Fenster.
Ich kehrte in die Kammer zurück, trat das Holzstück zum Rucksack hin, zerrte das Messer aus dem Holz und legte es zum Gepäck. Nach der kleinen Selbstverstümmelung hatte ich die Nase gestrichen voll von meinen kläglichen Schnitzversuchen und warf ich mich auf die Bettrolle. Das war mein letzter Versuch. Ganz klar lagen meine Talente woanders, aber nicht im handwerklichen Bereich.
Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts.