Ein neues Leben in Schwarz
Verfasst: Mittwoch 7. November 2012, 17:36
Gedankenverloren starrte das außergewöhnlich helle Augenmerk an die steinernde, dunkle Decke des Raumes und verfing sich an den einzelnen Strukturen des Steins. Die Hände ruhten auf einem aufgeschlagenen Buch, welches sich auf ihren Bauch platziert hatte – regungslos verharrte sie in jener Position auf den Bett liegend.
Ihre Gedanken verweilten sowieso schon längst an einem anderen Ort.
»Schnee bedeckte die Häuser und Straßen der großen Stadt, Kutschen bahnten sich ihren Weg über die matschige Hauptstraße, das Getrappel der Hufe und das angestrengte Schnaufen der teilweise erkälteten Tiere war allgegenwärtig. Nur kläglich spendeten die Lampen am Straßenrand Licht, und Wärme strömte nur vereinzelt von den vielen Geschäften in die eisige Winterluft hinaus. Hier und da hörte man redselige Geschäftsmänner vor den Geschäften oder das Husten und Keuchen von Bettlern in den Gassen, vereinzelt mischte sich das Wimmern eines Straßenhundes in die Melodie der Stadt. Das kleine dürre Mädchen verharrte nahe an einer Straßenlampe, in der Hoffnung das diese ihr ein bisschen Wärme schenken könnte. Schmuddelige und Löchrige Kleidung bedeckte den kleinen Leib und bibbernd versuchte sie der Kälte zu trotzen - nicht Aufgeben!
In den schmutzigen Händen hielt sie ein Körbchen, in dem sich allerlei Häkel- oder Strickwaren befanden. Hoffnungsvoll versuchte sie einen jeden der an ihr vorbeiging jene anzupreisen, doch viel zu selten fand ihr Vorhaben anklang. Die Tür des Geschäftes öffnete sich und ein Schwall an warmer Luft drang die Straße hinaus und umfing das fröstelnde Mädchen, ein wohliger Schauer erfasste sie – doch die vor Kälte und Anstrengung schmerzenden Glieder zollten weiterhin ihren Tribut und ließen sich von dem bisschen Wärme nicht umstimmen. Ein haariger, dicker Mann trat die Stufen des Geschäfts hinab und jetzt schon schlugen die Alarmglocken des kleines Mädchens aus, zitternd wandte sie sich dem Kerl zu der erbost auf die zu hielt.
"Verzieh dich du kleine Göre! Vertreibst mir die ganze Kundschaft! Weg mit dir, oder du machst mit meinem Stock Bekanntschaft!"
Das Adrenalin welches durch den dürren Körper des Mädchens jagte ließ sie für einen Moment den Schmerz vergessen und auf raschen Füßen machte sie sich auf und davon. Schwerlich fanden ihre Füße auf den matschigen Untergrund halt - vielleicht durch das schlechte Schuhwerk, vielleicht aber auch weil sie ihre Füße sowieso nicht mehr spürte.
Sie bog von der großen Straße in eine kleine Nebengasse ab, der süffige Geruch von Urin und Kotze drang in ihre Nase – ein gewohnter Geruch. Sie hastete durch die Gassen auf nach Hause... nach Hause?«
Ein Zuhause... hatte sie das je gehabt?
Erstmals während jener Erinnerungen dreht sie sich auf die Seite, ließ das Buch mit der Aufschrift "Elementarlehre" unachtsam hinab gleiten.
Wie definiert man ein Zuhause?
Eine gute Frage, die sich Shala derweil nicht beantworten konnte.
Sie zog den Arm unter ihrem Kopf und legte den Blick auf die feinen, kleinen Narben die sich auf ihrer Hand sammelten und sich ihren Arm hinauf zogen. Sie waren so fein, das selbst sie immer wieder genau hinsehen musste, um jene zu erkennen, aber sie waren da und zeugten von ihrer Vergangenheit... genau wie jene großen Narben die sie stets wusste unter Kleidung zu verdecken.
»"Viel zu wenig!"
Die Stimme ihres Vater donnerte durch die kleine Baracke und ließ das Mädchen instinktiv erzittern. Die Augen von Tränen aufgequollen wandte sie jene zu ihrer Mutter, hilfesuchend – bittend. Mit starren, kalten Blick ruhte der Blick der dürren Frau auf den kleinen Mädchen, von ihr hatte sie keine Gnade zu erwarten, wie immer.
So hieß es wie eh und je, die Schläge des Mannes zu ertragen, entweder bis er sich ausgetobt hatte oder aber die süße, heilende Ohnmacht sie erfasste...es half kein bitten, kein flehen und das letzte was vor ihren Augen tanze war der Schmutz auf den hölzernen Boden, während das monotone Tropfen von Wasser sie begleitete.«
Sie atmete tief durch, strich sich das dunkelbraune Haar aus dem Gesicht und richtete sich wieder auf. Langsam wanderte der Blick über die violetten Stoffe an den kalten Steinwänden, verfing sich hier und da an den Kerzen oder Laternen die die nötige Wärme und Licht spendeten. Die Hand grub sich in den Stoff des Bettes... ein Bett, wie ungewohnt es ihr nach all den Jahren noch immer war.
Sie erinnerte sich sehr genau an ihre Kindheit ... jedes kleine Detail von welchem sie so oft noch träumte. Die Schläge des Vaters welche sie mitten in der Nacht noch aus ihrem Schlaf rissen.
Die Lippen leicht zusammen gepresst als der Schwindel sie überkam taperte sie Richtung Badezimmer, sie schob ihre Hände in das kühle Nass des Wasser und atmete tief durch – ihr Augenmerk blieb an ihrem Spiegelbild hängen.
Sie hätte es leichter gehabt, wäre sie hübsch gewesen... wahrscheinlich.
Sie kannte andere Familien mit Töchtern, mit hübschen Töchtern, diese mussten nicht bis spät in die Nacht auf der kalten Straße Stricksachen verkaufen, wurden nicht geschlagen und bekamen ordentliches Essen.
Warum?
Sie waren hübsch, sie waren begehrenswert... das Freudenhaus nahm immer gerne junge Mädchen auf und erzog sie... keine Narbe durfte an ihnen sein, kein Knochen durfte hervorstechen... denn sonst würden sie wieder uninteressant für die Männer des hohen Standes sein.
Wie enttäuscht ihre Mutter immer wirkte wenn ihre Eltern über das Freudenhaus sprachen, wie enttäuscht, genervt und hasserfüllt die Blicke immer auf sie lagen.
Sie war nicht blond, sie hatte kein hübsches Gesicht und wurde oft wegen ihren Augen eine Blinde geschimpft. All diese Merkmale hatten sich nicht verändert.
Das dunkelbraune, glanzlose Haar hing ihr glatt über die Schultern hinab und in der Sonne trug es einen rötlichen Stich... Shala mochte diesen Ton, er erinnerte sie an den Sonnenuntergang, erinnerte sie an das dunkle Glühen von Kohlen. Ihr Gesicht war nicht fein, nicht hübsch oder mit keinen andere positiven Wort zu beschreiben – es wirkte streng ja fast ein wenig kantig, wie die Wangenknochen und Kieferlinien verliefen und dann die Augen. Hellblau waren sie, doch war jenes blau so schwach ausgeprägt das bei einem starken Lichteinfall, wie etwa im Sommer wenn die Vögel fröhlich in den Gassen zwitscherten, jene fast weiß wirkten.
Eine reine, unversehrte und weiche Haut?
Nein, die hatte sie auch nicht – überall auf ihren Körper tummelten sich die Sommersprossen und Muttermale, durch ihre Kindheit fügten sich unzählige Narben diesen hinzu. Die Haut an ihren Händen und Füßen war geprägt von Arbeit und langen Tagen auf den Füßen... nicht mal mit üppigen weiblichen Rundungen konnte sie trumpfen, denn jene waren eher spärlich vorhanden.
Mit einem Kopfschütteln riss sie sich aus ihren Gedanken – die Vergangenheit musste sie hinter sich lassen, sie hatte etwas gefunden was ihr einen Sinn gab weiter zu machen... ja sie hatte eine Gabe geschenkt bekommen.
Welch Ironie es doch war, das arme kleine Mädchen aus den Armenviertel hatte solch ein Geschenk bekommen... eine solche Möglichkeit an Macht zu gelangen.
Ruhig legte sie sich das Schwarz der Arkorither an, nahm das Buch wieder an sich und stieg die steinernden, schwarzen Stufen hinauf zur Bibliothek.
Es würde ein langer, beschwerlicher Weg werden – doch am Ende standen die einzig begehrenswerten:
Macht... Anerkennung.
Dafür hatte sie ihr Leben, ihre Seele in die Hände des Ordens gegeben, dafür würde sie sich den Regeln der Gemeinschaft beugen und all ihre Kraft in die Studien legen.
Auf das sie nie wieder von jemanden herumgeschubst werden würde...
Das war ihr Leben.
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Ihre Gedanken verweilten sowieso schon längst an einem anderen Ort.
»Schnee bedeckte die Häuser und Straßen der großen Stadt, Kutschen bahnten sich ihren Weg über die matschige Hauptstraße, das Getrappel der Hufe und das angestrengte Schnaufen der teilweise erkälteten Tiere war allgegenwärtig. Nur kläglich spendeten die Lampen am Straßenrand Licht, und Wärme strömte nur vereinzelt von den vielen Geschäften in die eisige Winterluft hinaus. Hier und da hörte man redselige Geschäftsmänner vor den Geschäften oder das Husten und Keuchen von Bettlern in den Gassen, vereinzelt mischte sich das Wimmern eines Straßenhundes in die Melodie der Stadt. Das kleine dürre Mädchen verharrte nahe an einer Straßenlampe, in der Hoffnung das diese ihr ein bisschen Wärme schenken könnte. Schmuddelige und Löchrige Kleidung bedeckte den kleinen Leib und bibbernd versuchte sie der Kälte zu trotzen - nicht Aufgeben!
In den schmutzigen Händen hielt sie ein Körbchen, in dem sich allerlei Häkel- oder Strickwaren befanden. Hoffnungsvoll versuchte sie einen jeden der an ihr vorbeiging jene anzupreisen, doch viel zu selten fand ihr Vorhaben anklang. Die Tür des Geschäftes öffnete sich und ein Schwall an warmer Luft drang die Straße hinaus und umfing das fröstelnde Mädchen, ein wohliger Schauer erfasste sie – doch die vor Kälte und Anstrengung schmerzenden Glieder zollten weiterhin ihren Tribut und ließen sich von dem bisschen Wärme nicht umstimmen. Ein haariger, dicker Mann trat die Stufen des Geschäfts hinab und jetzt schon schlugen die Alarmglocken des kleines Mädchens aus, zitternd wandte sie sich dem Kerl zu der erbost auf die zu hielt.
"Verzieh dich du kleine Göre! Vertreibst mir die ganze Kundschaft! Weg mit dir, oder du machst mit meinem Stock Bekanntschaft!"
Das Adrenalin welches durch den dürren Körper des Mädchens jagte ließ sie für einen Moment den Schmerz vergessen und auf raschen Füßen machte sie sich auf und davon. Schwerlich fanden ihre Füße auf den matschigen Untergrund halt - vielleicht durch das schlechte Schuhwerk, vielleicht aber auch weil sie ihre Füße sowieso nicht mehr spürte.
Sie bog von der großen Straße in eine kleine Nebengasse ab, der süffige Geruch von Urin und Kotze drang in ihre Nase – ein gewohnter Geruch. Sie hastete durch die Gassen auf nach Hause... nach Hause?«
Ein Zuhause... hatte sie das je gehabt?
Erstmals während jener Erinnerungen dreht sie sich auf die Seite, ließ das Buch mit der Aufschrift "Elementarlehre" unachtsam hinab gleiten.
Wie definiert man ein Zuhause?
Eine gute Frage, die sich Shala derweil nicht beantworten konnte.
Sie zog den Arm unter ihrem Kopf und legte den Blick auf die feinen, kleinen Narben die sich auf ihrer Hand sammelten und sich ihren Arm hinauf zogen. Sie waren so fein, das selbst sie immer wieder genau hinsehen musste, um jene zu erkennen, aber sie waren da und zeugten von ihrer Vergangenheit... genau wie jene großen Narben die sie stets wusste unter Kleidung zu verdecken.
»"Viel zu wenig!"
Die Stimme ihres Vater donnerte durch die kleine Baracke und ließ das Mädchen instinktiv erzittern. Die Augen von Tränen aufgequollen wandte sie jene zu ihrer Mutter, hilfesuchend – bittend. Mit starren, kalten Blick ruhte der Blick der dürren Frau auf den kleinen Mädchen, von ihr hatte sie keine Gnade zu erwarten, wie immer.
So hieß es wie eh und je, die Schläge des Mannes zu ertragen, entweder bis er sich ausgetobt hatte oder aber die süße, heilende Ohnmacht sie erfasste...es half kein bitten, kein flehen und das letzte was vor ihren Augen tanze war der Schmutz auf den hölzernen Boden, während das monotone Tropfen von Wasser sie begleitete.«
Sie atmete tief durch, strich sich das dunkelbraune Haar aus dem Gesicht und richtete sich wieder auf. Langsam wanderte der Blick über die violetten Stoffe an den kalten Steinwänden, verfing sich hier und da an den Kerzen oder Laternen die die nötige Wärme und Licht spendeten. Die Hand grub sich in den Stoff des Bettes... ein Bett, wie ungewohnt es ihr nach all den Jahren noch immer war.
Sie erinnerte sich sehr genau an ihre Kindheit ... jedes kleine Detail von welchem sie so oft noch träumte. Die Schläge des Vaters welche sie mitten in der Nacht noch aus ihrem Schlaf rissen.
Die Lippen leicht zusammen gepresst als der Schwindel sie überkam taperte sie Richtung Badezimmer, sie schob ihre Hände in das kühle Nass des Wasser und atmete tief durch – ihr Augenmerk blieb an ihrem Spiegelbild hängen.
Sie hätte es leichter gehabt, wäre sie hübsch gewesen... wahrscheinlich.
Sie kannte andere Familien mit Töchtern, mit hübschen Töchtern, diese mussten nicht bis spät in die Nacht auf der kalten Straße Stricksachen verkaufen, wurden nicht geschlagen und bekamen ordentliches Essen.
Warum?
Sie waren hübsch, sie waren begehrenswert... das Freudenhaus nahm immer gerne junge Mädchen auf und erzog sie... keine Narbe durfte an ihnen sein, kein Knochen durfte hervorstechen... denn sonst würden sie wieder uninteressant für die Männer des hohen Standes sein.
Wie enttäuscht ihre Mutter immer wirkte wenn ihre Eltern über das Freudenhaus sprachen, wie enttäuscht, genervt und hasserfüllt die Blicke immer auf sie lagen.
Sie war nicht blond, sie hatte kein hübsches Gesicht und wurde oft wegen ihren Augen eine Blinde geschimpft. All diese Merkmale hatten sich nicht verändert.
Das dunkelbraune, glanzlose Haar hing ihr glatt über die Schultern hinab und in der Sonne trug es einen rötlichen Stich... Shala mochte diesen Ton, er erinnerte sie an den Sonnenuntergang, erinnerte sie an das dunkle Glühen von Kohlen. Ihr Gesicht war nicht fein, nicht hübsch oder mit keinen andere positiven Wort zu beschreiben – es wirkte streng ja fast ein wenig kantig, wie die Wangenknochen und Kieferlinien verliefen und dann die Augen. Hellblau waren sie, doch war jenes blau so schwach ausgeprägt das bei einem starken Lichteinfall, wie etwa im Sommer wenn die Vögel fröhlich in den Gassen zwitscherten, jene fast weiß wirkten.
Eine reine, unversehrte und weiche Haut?
Nein, die hatte sie auch nicht – überall auf ihren Körper tummelten sich die Sommersprossen und Muttermale, durch ihre Kindheit fügten sich unzählige Narben diesen hinzu. Die Haut an ihren Händen und Füßen war geprägt von Arbeit und langen Tagen auf den Füßen... nicht mal mit üppigen weiblichen Rundungen konnte sie trumpfen, denn jene waren eher spärlich vorhanden.
Mit einem Kopfschütteln riss sie sich aus ihren Gedanken – die Vergangenheit musste sie hinter sich lassen, sie hatte etwas gefunden was ihr einen Sinn gab weiter zu machen... ja sie hatte eine Gabe geschenkt bekommen.
Welch Ironie es doch war, das arme kleine Mädchen aus den Armenviertel hatte solch ein Geschenk bekommen... eine solche Möglichkeit an Macht zu gelangen.
Ruhig legte sie sich das Schwarz der Arkorither an, nahm das Buch wieder an sich und stieg die steinernden, schwarzen Stufen hinauf zur Bibliothek.
Es würde ein langer, beschwerlicher Weg werden – doch am Ende standen die einzig begehrenswerten:
Macht... Anerkennung.
Dafür hatte sie ihr Leben, ihre Seele in die Hände des Ordens gegeben, dafür würde sie sich den Regeln der Gemeinschaft beugen und all ihre Kraft in die Studien legen.
Auf das sie nie wieder von jemanden herumgeschubst werden würde...
Das war ihr Leben.
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