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Zornig stapfte er durch den Keller und dachte nach

Verfasst: Dienstag 6. November 2012, 14:30
von Roland Wasserschmidt
Rastlos ging er im verstecktem Keller der Galerie auf und ab. Der völlig durchnässte Mantel hing schwer wie ein Kettenhemd an ihm herab und lies ihn frösteln. Er war zornig, oh ja. Wann er das letzte mal dermaßen wütend gewesen war, vermochte er beim besten Willen nicht mehr zu erinnern. Er war wütend, auf Ohorn und Nym, wütend auf den Rabendiener und vor allem, und das war das schlimmste, war er wütend mit sich selbst.

Der Abend hatte so vielversprechend angefangen. Zusammen mit den Mädchen hatten sie im Oger gesessen und es sich gut gehen lassen. Vielleicht, so hatte er gehofft, könnte er später noch einige ruhige Minuten mit Kiara verbringen. Sie hatten gerade fertig gegessen, als Frau Moranys zur Tür hereinstürzte und von dem Rabendiener, der die Schwangere entführt hatte berichtete. Ohne zu zögern machten sie sich auf den Weg, um die Verfolgung auzunehmen. Während sie durch den anhaltenden Regen hasteten dachte er darüber nach, warum er eigentlich mitging. Interessierte ihn die Schwangere wirklich? War er so weich geworden? Was kümmerte ihn das Schicksal einer Frau, die er nicht einmal kannte und die zu allem Überfluss auch ganz offensichtlich bereits vergeben war? Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob er das ganze nicht vielleicht nur tat, um Kiara zu gefallen. Die letzten Tage hatte er viele Stunden damit verbracht, darüber nachzudenken, wie es eigentlich überhaupt so weit hatte kommen können, dass er sich in sie verguckte. Er, der Schrecken aller wohlmeinenden Väter, der bisher immer nur genau so lange etwas für eine Frau empfunden hatte, wie es dauerte, sie auszuziehen, zu beglücken und wieder von ihr herunterzusteigen. Sie aber schaffte es aus einem ihm unerfindlichen Grund, ihm ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, wenn sie vor ihm stand und wenn er an sie dachte, wurde ihm warm ums Herz. So warm immerhin, dass er dumm genug gewesen war, dem dunklen Trödler ein anderes Leben zu versprechen, wenn er ihr dafür nur kein Haar mehr krümmte.
"Nicht nur für Kiara", dachte er. Tief im Innern wusste er, dass er sich auch um die Schwangere sorgte. Es gefiel ihm nicht, aber zu ändern war es nun auch nicht.
Als sie den dunkel berobten Entführer und sein geschundenes Opfer schließlich fanden, standen sie ihm sieben gegen einen gegenüber. All zu zögerlich waren sie gewesen, allen voran Konzertmeister Nym, der einen jeden vom Eingreifen abzuhalten versuchte. Schließlich lag die Schwangere am Boden, über ihr das schreckliche untote Raubtier des Rabendieners, der drohte ihr würde die Kehle zerfetzt werden, sollte es jemand wagen einzugreifen. Seine Gedanken überschlugen sich, als er die Möglihckeiten, der Frau doch noch irgendwie zu helfen, durchdachte. Der erste Angriff musste das Tier entweder töten oder zumindest so weit von der Schwangeren ablenken, dass sie in Sicherheit gebracht werden konnte, bevor der eigentliche Kampf entbrannte. Den Gedanken, dass Tier mit einem Wurfdolch zu erlegen hatte er rasch wieder verworfen, zu groß war die Gefahr, die Frau zu treffen, oder das Tier nur noch weiter anzustacheln.
Schritt für Schritt tastete er sich an das Untier und die am Boden liegende Frau heran, bis sie nur noch etwas mehr als zwei Schritt voneinander trennten. Fest hielt er den Schild in der Linken, mit der Rechten zog er vorsichtig den Dolch aus der kleinen Scheide über seinem Knöchel. Er könnte es schaffen. Ein kurzer Spurt, ein Sprung. Sein Brüllen würde die Kreatur vielleicht einen kurzen Augenblick ablenken. Lang genug vielleicht, um den Schild zwischen das geifernde Maul und den verwundbaren Hals der Frau zu bekommen. Vielleicht würde es ihm sogar gelingen, das Tier mit seinem Schwung von der Frau zu reißen. Oder ein gezielter Dolchstoß ins weit aufgerissene Maul könnte es gar ausschalten.
Könnte. Vielleicht. Er zögerte noch. Eine falsche Bewegung und die Frau sähe einem brutalen Tod entgegen. Schön blöd stünde er dann da.
Ratlos standen die Bajarder um den Rabendiener und seine Beute herum. Augenscheinlich war niemand wirklich bereit einzugreifen.
Er fasste Mut. Vorsichtig schob er einen Fuß nach hinten, suchte halt und griff den Schild fester, bereit zum Sprung.
Urplötzlich wurde er an den Armen gepackt und ein Stück vom Geschehen fortgezogen. Nym und Ohorn hielten es offensichtlich für das Beste, ihn aus dem Kampf herauszuhalten. Fluchend zerrte und riss er am unnachgiebigen Griff der beiden und wurde nur noch ein Stück weiter nach hinten gezerrt.
Jetzt waren es gute fünf Schritt. Zu weit, um hoffen zu dürfen mit einem Angriff erfolgreich zu sein. Viel zu weit, um noch irgendetwas ausrichten zu können, was die Lebenserwartung der Schwangeren nicht auf einen Wimpernschlag verkürzen würde.
Schnaubend ergab er sich seinem Schicksal als Zuschauer. Der Rabendiener schließlich zog unbehelligt mitsamt seiner frischen Seele ab.
Die folgenden Schuldzuweisungen und das einsetzende Gejammer verfolgte er nur beiläufig, bis er schließlich missmutig mit Ohorn zurück nach Bajard trottete.
Es wäre die Gelegenheit gewesen, das Kunsthaus endlich einmal positiv auftreten zu lassen. Es wäre die Gelegenheit gewesen, sich als Held zu präsentieren.
Es würde noch weitere geben, sicherlich. Dennoch machte ihm das Schicksal der Frau zu schaffen. Der Rabendiener versprach wohl, das ungeborene würde überleben. Aber welches Leben hatte es denn bittesehr vor sich?
Er seufzte schwer und lächelte bitter. Nun, ihn würde es wohl nicht mehr kümmern.

Er würde mit Nym reden müssen, zumal auch die Übrigen einen ordentlichen Zorn auf ihn hatten. Hoffentlich lies sich das wieder geradebiegen.
Als er sich schließlich aus dem nassen Mantel zwängte zermaterte er sich das Hirn darüber, woher er eigentlich das andere Leben nehmen sollte, das der Trödler von ihm verlangte. Einen Augenblick nur hatte er darüber nachgedacht, ihm das seine im Tausch für Kiara anzubieten, den Gedanken dann aber schnell fahren lassen. Vielleicht aber die allzu neugierige Frau Feldbach. Es widerstrebte ihm dem Letharen überhaupt zuzuspielen und noch mehr widerte es ihn an, dass dafür ein Leben genommen werden sollte, aber es würde zumindest gleich zwei Probleme auf einmal lösen und eine andere Möglichkeit den Trödler zufriedenzustellen war nirgends in Sicht. Er würde darüber nachdenken.