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Willkommen neues, altes Leben.

Verfasst: Dienstag 16. Oktober 2012, 21:36
von Catalina Maria Hernandez
Es war ungewöhnlich wieder zuhause zu sein. Meine Güte, wie viele Jahre waren vergangen? Viel zu viele. Die Gefühle in ihr war unterschiedlich. Sie war aufgeregt, gespannt, nervös, überschwänglich. Aber die größte aller Fragen: Was würde Alejsandro sagen, würde er sie sehen, kennenlernen und erfahren, wer sie war? - Alles mit seiner Zeit. Sie musste sich jetzt vor allem selbst sammeln, ruhig werden. Von Katharina Fernando zu Catalina Maria Hernandez werden. Konnte man es verlernen, Pirat zu sein? Das raue und schroffe Leben war sie nicht mehr in dem Ausmaß gewohnt. Es war, als würden zwei Personen unter ihrer Fassade wohnen. Die Piratenbraut mit dem Seemannsgarn, das „Seeräuberweibchen“. Und zum anderen Katharina, die eine normale Bürgerin gewesen war. Diese zwei Leben von heute auf morgen miteinander zu vereinen? Unmöglich.

Und dennoch: Irgendetwas in ihr war noch Catalina. Sie konnte es, wenn sie wollte.
Sie hatte sich seit ihrer Ankunft oftmals zurückgezogen, um zu angeln. Beim Angeln hatte sie so schnell ihren Kopf frei von all den hinterhältigen Fragen, die ihr biestiges Unterbewusstsein stellen konnte. Sie war mittlerweile zweiunddreißig Jahre alt. Ihr Sohn, Alejsandro, musste mittlerweile siebzehn Jahre alt sein. Zehn Jahre. Zehn verdammte Jahre, die sie so schnell nicht wieder gutmachen konnte.

Sie war am zweiten Tag ihrer Anreise eigentlich auch nur auf der Suche nach einer Schneiderin gewesen, die ihren Anforderungen entsprechen konnte. Sie musste raus aus den schäbigen Kleidungsstücken, die sie mitgenommen hatte. Sie machte sich nicht viel aus Reichtum. Aber vernünftige Kleider? Das musste schon sein. Aber sie sich schnell herausstellte, waren vernünftige Kleidungsstücke etwas, worin man unterschiedliche Vorstellungen haben konnte. Nym zum Beispiel sah etwas ganz anderes darin als sie. Nicht, dass er nicht schon durch sein freches Auftreten in ihren Aufmerksamkeitsradius trat, nein: Er schaffte es, dass sie ihm ihr Kopftuch aushändigte. Sie! Er wusste gar nicht, wie sehr sie an dem guten Stück hing. Aber scheinbar war ihr Auftreten so für ihn angenehmer. Ob sie das tangierte? Nein, nicht wirklich. Aber was tat man – nein, vielmehr Frau! - nicht alles dafür, wenn man sich nett unterhalten konnte. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig, höchstens. Er war jung, sehr jung. Könnte beinahe ihr Sohn sein und vermutlich tatsächlich kaum älter als ihr eigener Spross. Aber darüber musste sie sich keine weiteren Gedanken machen. Richtig, Catalina. Männer sind tabu! Bekomm erstmal dein altes Leben wieder in den Griff!, sofort meldete sich das Unterbewusstsein, ein wirklich grottiges Biest mit Reißzähnen wie ein Wolf. Sie setzte es sich also zur Priorität, dieses Gespräch einfach zu genießen. Und das tat sie auch. Auch die zweite zufällige Begegnung der Beiden verlief... anders als gewohnt. Sie hatte mittlerweile neue Kleidung – aber genau hier kristallisierte sich heraus, dass er unter „vernünftiger Kleidung“ wohl etwas anderes verstand als sie. Sie musste aber auch zugeben, dass diese Bluse, die sie trug, äußerst aufreizend war. Das war etwas, was die alte Catalina ausgemacht hatte. Nicht mit den Reizen geizen, dann floss das Trinkgeld. Und die Männer waren willig und konnten schneller mitgenommen und ausgenommen werden. Die alte Catalina...
Sie beschloss so für sich also, sich zumindest in Bajard bedeckter zu halten. Nachdem sie ein paar Worte gewechselt hatten, kramte sie verschiedene Kleidungsstücke aus ihrer Banktruhe. Catalina kannte noch nie so etwas wie ein Schamgefühl, wenn es um Nacktheit ging. Deswegen dachte sie auch nicht weiter darüber nach, als sie anfing, sich zu entkleiden. Solange nicht, bis Nym sein Wort erhob. Aye, sie sollte sich vielleicht doch hinter der Holzwand umziehen. - Gesagt, getan. Der restliche Abend verlief entspannter in der Taverne Bajards. Es war Geplänkel zwischen den Beiden. Sie kannte ihn kaum, er wusste nichts von ihr. Im Kreuzverhör konnte sie immerhin erfahren, dass er gerade einmal zweiundzwanzig Jahre alt war und somit satte zehn Jahre jünger als sie. Das ließ sie innerlich schmunzeln. Vermutlich würde er geschockt sein, dass sie so alt war. So viel älter als er. Ihr Unterbewusstsein ließ sich zu einem süffisanten Grinsen hinreißen. Er weiß auch nicht, was er von dir alles so lernen kann, Catalina.
Ein unsanfter, imaginärer Tritt brachte das Unterbewusstsein wieder zum schweigen und sie widmete sich dem weiteren Gesprächsverlauf mit Nym. Ein Musiker und Dichter – naja, nichts schlechtes wollte man meinen. Geschichtenerzähler, Dichter und Musiker waren die Piraten auch, nur eben auf ihre eigene Art und Weise. Und sie als Seeräuberweibchen konnte sich einige wilde Geschichten aus den Fingern ziehen, wenn sie nur wollte.

Der Abend – und wohlbemerkt war es ein angenehmer Abend für Catalina – endete abrupt, als sich lieblicher Gesang in das Innere der Taverne stahl. Catalina hatte zunächst gar nichts davon mitbekommen, bis Nym sie darauf aufmerksam machte. Natürlich wollte er dem Gesang folgen. Und sie folgte mit. Auch dieses Geplänkel ging kurz, die Bäuerin, von welcher der Gesang stammte, musste schnell weiter. Und auch Nym verabschiedete sich dann von Catalina. Sie wusste nicht, was sie von der schnellen Flucht halten sollte. Dein Alter, du naives Stück. Dein Alter! Mit Anlauf holte sie aus und verpasste dem Unterbewusstsein einen erneuten Tritt. So einfach würde er ihr nicht davonkommen. Ein weiteres Treffen war sicher. Und dann würde sie auf Tiefgang gehen und sie konnte viel ab, denn starken Seegang war sie gewohnt.