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Aus dem Leben eines Granitblocks
Verfasst: Montag 15. Oktober 2012, 18:41
von Naora Feldbach
„Wann, auf dem Hof, seid ihr so ernst geworden...?“
Die Frage kam aus dem Nichts. Das hatte sie davon, zu versuchen eine Metapher mit ihrer eigenen Vergangenheit zu bauen. Dennoch konnte sie nicht umher zuzugeben, dass die Frage berechtigt war – bis auf den Zeitpunkt den er gewählt hatte sie zu stellen.
„Am Grat zwischen Kindheit und Jugend.“
Eine knappe Antwort. Wahr, zwischen fünf und zehn Worten und absolut nichtssagend. Naora störte sich etwas daran, ihr Sprechtempo erhöhen zu müssen, um den Barden an weiterem Nachhaken zu hindern, doch es war weit besser als das Thema weiter zu verfolgen. Schade nur, dass die Sache damit noch nicht beendet war.
An diesem Abend betrug es sich, dass sich der Gedanke an eben jenes Thema geduldig neben ihrem Bett ein Heim machte, und sie beharrlich daran hinderte den langersehnten Schlaf zu finden. Die müde Kriegerin wandte ihm solange den Rücken zu bis sie nicht umher konnte, ihn zu konfrontieren. Damit begann die Erinnerungen an diese Zeit, und wo sie endeten wusste nur der Traum, in den sie mündeten.
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„Nein Zavid, das ist sehr wohl mein Ernst!“
„So hast du auch geklungen als der Zuckerbäcker im Dorf eröffnet hat. Zwei Wochen lang hast du davon geschwärmt die verschiedensten Leckereien zu backen, dann war es plötzlich wieder still.“
„I-Ich war noch klein und das weißt du. Das hier ist etwas anderes, ich bin kein Kind mehr, ich bin schon vierzehn Jahre alt!“
„Dreizehn und zehn Monde.“
Die kleine Naora verkeilte auf seine Worte hin die Brauen und blies die Backen auf – an dem Punkt wusste ihr Freund dass er zu weit gegangen war und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. Es war nicht oft, dass die junge Bauerstocher ihre Laune so offen zur Schau stellte.
„Na gut, in Ordnung. Du willst also Ritter werden.“
„Ritterin.“
Das Lächeln wäre ihm beinahe entglitten, aber Zavid blieb stark.
„Gut, Ritterin. Aber kannst du überhaupt ein Schwert halten?“
„Ich bin genau so stark wie die Jungs aus dem Dorf. Ich arbeite hart, weißt du? Hier, fühl mal.“
Der Müllersohn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, aber Naoras schien es ihm nicht zu verübeln. Er hatte noch immer Probleme die Scherze dieses Mädchens zu erkennen. Immerhin hatte sich ihre Stimmung offenbar schon alleine dadurch wieder gebessert, dass er ihren Einfall ernst nahm. Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als ihre Väter die Verhandlungen beendeten, und sie als zwei weitere Paar Hände für das Beladen der Packtiere zu Hilfe holten.
Nichtsdestotrotz konnte er ihr nicht einfach so zustimmen: In den Krieg zu ziehen war nicht gerade das, was er sich für die erste Liebe seines jungen Lebens wünschen würde. Für den Moment war es das Klügste, zu hoffen es wäre nur eine Laune, die irgendwann vergehen würde. Die Götter wussten wie er sich getäuscht hatte. Monde strichen ins Land, und Jahre später hatte sich die fixe Idee zu einem handfesten Plan entwickelt.
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„Drei Jahre sind so eine lange Zeit…“
„Wir werden schreiben, und ich werde so oft zurück kommen und dich besuchen wie ich kann“
„Erklär mir noch einmal warum wir nicht zusammen gehen können.“
Zavid konnte ein Seuftzen nicht unterdrücken. Es war alles für seinen Aufbruch gepackt, und die beiden hatten diese Unterhaltung schon unzählige Male geführt.
„Ich bin zwei Jahre älter als du, und du bist meine Freundin. Ich möchte dich beschützen, deshalb werde ich als Soldat Erfahrungen sammeln, bis du einundzwanzig wirst und den Hof deiner Eltern verlassen kannst.“
Selten hatte er ihre mechanische Art zu sprechen so adaptiert wie bei diesen Sätzen, hatte er sie doch schon so oft wiederholt. Wie immer konnte Naora nicht anders als sie zu akzeptieren, auch wenn sie sie nicht glücklich machten.
„Wag es nicht zu sterben bevor ich nachkomme, verstanden?“
Vier Jahre nachdem sie das erste Mal erwähnt hatte für Temora zu kämpfen, konnte er endlich mit ihrem Spielerminenhumor umgehen: Ein Lächeln genügte, und ihre Maske bröckelte. Sein Abschied war nicht lang, doch er gewann seiner Freundin einige ihrer seltenen Tränen ab.
Was Naora betraf, sie würde bald genug lernen über manche Dinge keine Scherze zu machen.
Verfasst: Sonntag 28. Oktober 2012, 15:15
von Naora Feldbach
An jenem Abend konnte die Bauerntochter ihr erstes Gespräch mit einem Vertreter des Klerus führen, und so hatten sie sich zu diesem Anlass in dem Gastgarten der Taverne der Hafenstatt eingefunden.
„Sie sind so verblendet dass sie nicht wissen wollen, dass Nileth Azur nicht existiert, und dass Alatar nur die Zerstörung allen Seins im Sinn hat. Weil er die Schöpfung so abgrundtief verachtet und sein Hass gegen alles Leben sich mit jedem Tag mehrt und mehrt. Hass kann niemals Frieden schaffen.“
Naora konnte zu diesen Ausführungen nur schweigend nicken. Wahrlich, die Diakonin war eine Predigerin. Ein ehrenwerter Mensch, und gewiss weiser und würdiger als sie, doch sie bestand darauf viel zu sprechen und wenig zu sagen. Ihr Gespräch streckte sich noch eine Weile, bis es mitten im Satz erstarb. Dunkle Roben, schwarze Haut. Die Diakonin trug ihr geweihtes Gewand das ihre Zugehörigkeit alle Welt deutlich erkennen ließ, und Naora selbst nicht einmal eine Rüstung.
„Fräulein Feldbach, begleitet ihr mich ins Kloster?“
„Nicht...so ...eilig.. ich wollte doch...gerade... euer Blut kosten...“
Die Stimme des Letharen, der sich so dreist neben ihren Tisch gestellt hatte, wollte wohl freundlich klingen, doch der ekelhafte, grausame Akzent verkehrte es ins Gegenteil. Kurz darauf streckte er auch schon die Hand nach der Priesterin aus – Ihr Schwert blitzte als sie die Spitze auf das Gesicht des dunklen richtete. Es würde nicht gut enden. Zwei weitere standen dort, beobachteten die Auseinandersetzung; selbst wenn die Klosterwache und die Priesterin den einen, der sich herangewagt hatte, überwältigen konnten standen ihre Chancen schlecht.
„lasst mich euch ein Angebot machen. Ein Zweikampf zwischen uns. Ehrenhaft.“
Die Worte waren kaum ganz verhallt, da begann der andere grausig zu Lachen, kalt und spitz wie Eiszapfen, und die Priesterin verzog unzufrieden das Gesicht, doch Naora ließ sich nicht erschüttern. Dies war der beste Weg.
„ihr könnt mich 'kosten' wenn ihr siegt, uns mehr Blut wird an diesem Tag nicht vergossen sein.“
In ihrem Kopf überschlug sie wie die Wahrscheinlichkeit stand dass sie ihn tatsächlich besiegen würde, ohne dass die beiden anderen eingriffen, und das Ergebnis war ernüchternd. Dennoch, dies war der beste Weg.
„Steckt die Waffe weg Fräulein Feldbach, heute wird nicht gekämpft“
Weise mochte die Diakonin sein zu erkennen, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen würde, doch nicht weise genug wenn sie dachte der Punkt der Wiederkehr wäre noch nicht erreicht. Naora war gerade dabei eine Antwort zu formulieren, da sprang das Geschöpf ihr auch schon entgegen. Ohne eine Waffe zu ziehen. Ohne auf das Schwert zwischen ihnen zu achten. Sie war zu überrascht um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Der Aufprall war hart, und der Lethar verlor keine Zeit mit ihr zu rangen wie ein wildes Tier. Ein paar Rufe erklangen um sie herum, doch ihre Aufmerksamkeit war auf die schnappenden Kiefer des Dunklen gebündelt. Es war zu spät. Sie war unaufmerksam gewesen, und nun würde sie mit dem Leben dafür bezahlen. Eine Erinnerung durchzuckte ihren Kopf, lang und detailliert, doch dauerte sie keinen Herzschlag lang an.
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„Was ist nun dein Plan?“
Die Worte ihres älteren Bruders waren gerade laut genug, dass sie den Regen, der gegen die Fensterscheibe prasselte übertönte. Es war ihr erstes Gespräch unter vier Augen, seit die traurige Botschaft sie erreicht hatte; Naora hatte sich seitdem nicht in der Gegenwart ihrer Geschwister blicken lassen.
„Er hat sich nicht geändert.“
Die Antwort kam ebenso ruhig, in einem monotonen Tonfall. Nickarim sprang wie elektrisiert von seinem Stuhl auf, lehnte sich einmal quer über den Tisch und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. Stille. Naora war verblüfft über die Reaktion ihres sonst so gefassten Bruders, doch ihr Gesicht schien vergessen zu haben wie es das darstellen sollte.
„Er war auch ein guter Freund von mir. Ihn zu begraben war schwer genug.“
Mit diesen Worten verließ er mit stürmischen Schritten das Zimmer, und ließ seine irritierte Schwester alleine am Küchentisch zurück.
Tage und Wochen vergingen. Die Atmosphäre zwischen den beiden Geschwistern war so dicht, dass man meinte man müsste sie mit einer Spitzhacke abtragen, aber immerhin hatte Naora wieder ihre Pflichten aufgenommen; Heute gab es Hasenbraten. Ihre Eltern waren beschäftigt, doch der Rest der Famile genügte um die lange Tafel zu füllen. Ein Kompliment fiel, begleitet von einem breiten Grinsen, doch es vermochte ihre gefrorene Mine nicht aufzutauen.
„Wir… werden nicht mehr so gut essen wenn Naora fort geht, nicht wahr?“
Ihre jüngste Schwester brachte diese Worte sichtlich nur mit Mühe über ihre Lippen ohne eine Träne zu vergießen. Ihre Familie war groß, und durch den Altersunterschied zwischen der zweitältesten, Naora, und der jüngsten Tochter genügte dass sie sich eher wie eine Mutter zu ihr fühlte als eine Schwester. Wahrscheinlich war es dieser Instinkt, der ihre Beine zu ihr herüber führte, und neben ihr in die Hocke sinken ließ.
„Keine Sorge. Ich werde nur Alatar bezwingen. Dann komme ich wieder.“
„Du kommst wieder… versprochen?“
„Versprochen.“
Sie verhakte ihren kleinen Finger mit dem ihren, und zum ersten Mal seit die Nachricht von Zavids Tod eingetroffen war, konnte Naora ein Lächeln auf ihren Lippen zeigen.
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Der widerwärtige Atem des Blauhäutigen, der über ihre Kehle blies, holte sie in die Gegenwart zurück.
Es ist versprochen. Es muss gehalten werden. Ich darf noch nicht gehen.
Sie hörte auf, ihn abzuwehren, stopfte ihm stattdessen mit ihrem linken Arm das Maul. Genüßlich vergrub er seine Kiefer darin, und der Schmerz drohte sie zu übermannen.
Es ist versprochen.
Mit einem letzten Aufbäumen ihrer Kraft wälzte sie seinen Körper von sich und befreite den rechten Arm von seinem Griff; Er hatte wohl nichts anderes mehr im Sinn als ihr Blut zu trinken – Eine Gelegenheit die nicht ungenutzt verstreichen würde. Die Spitze ihrer Klinge fraß sich durch die Robe. Sie hatte nur auf den Arm gezielt um ihn unschädlich zu machen, aber nun ragte das Schwert stattdessen aus seinem Brustkorb. Röchelnd ließen die Kiefer von ihr ab, und Naora lehnte ihren ganzen Körper noch einmal auf den Knauf der Waffe, bis sie den Widerstand des Bodens unter sich spürte.
Taumelnd machte sie Platz. Ein roter Fleck auf ihrem Hemd wurde langsam größer, aber sie war noch am Leben. Der Lethar auch. Die anderen schienen nicht eingreifen zu wollen, und die Diakonin zerrte sie beinahe gewaltsam Richtung Kloster. Ein bekanntes Gesicht tauchte am anderen Ende des Gastgartens auf, und sie konnte ihm nur noch ein heiseres ‚geht!‘ zurufen, bevor sie sich der Geistlichen beugte. Wenig später wurde ihre Wunde im Kloster versorgt.
„Tapferkeit ist nicht dafür gedacht sein Leben um jeden Preis aufs Spiel zu setzen.“
Belehrende Worte, als sie die Nadel durch ihr Fleisch trieb. Jemand anders hätte an ihrer Stelle laut aufgelacht; Vor wenigen Tagen hatte sie Herren Katuri eingeschärft, dass er nicht zu risikofreudig arbeiten sollte. Nach diesem Abend verstand sie ihn ein Stück besser, und die Bissnarbe, die an ihrem Arm zurückbleiben würde, sollte sie bis in alle Zeit daran erinnern was es bedeutete eine Klosterwache zu sein.
Verfasst: Dienstag 6. November 2012, 17:55
von Naora Feldbach
„Gebt ihr ihn freiwillig... oder muss ich ihn mir holen?“
Das war, um das mindeste zu sagen, sehr dämlich. Eigentlich hätte sie selbst in dieser Dunkelheit die schwarzen Roben der Arkoritherin erkennen müssen, die da gerade so höflich nach einem ‚Tropfen‘ ihres Blutes fragte. Wahrscheinlich hatte die späte Stunde und die schiere Dauer seit der letzen Pause ihr die Auffassungsgabe genommen.
Ein Täuschungsversuch. Fehlgeschlagen.
Ein Fluchtversuch. Fehlgeschlagen.
Es blieb nicht mehr viel als sich zu ergeben.
Einer der drei Dunklen packte sie am Arm, als wollte er sie vom Pferd werfen.
„Ich steige ab.“
Zumindest ihre Würde wollte sie behalten; gerade vor Nym, der das Schauspiel machtlos beobachtete. Das Wichtigste war nun, ihm keinen Anlass zur Sorge zu geben. Die Klinge des Dolches ritzte über ihren Arm, dicht an der Narbe vorbei, die ihr der dunkle Trödler verschafft hatte. Es passte ihr nicht, dass er erneut von ihr ‚kosten‘ würde, doch es gab nicht viel was sie dagegen tun könnte.
Als sie wenig später ihre Wunde versorgte, stieß Ira zu ihr. Bei ihrem ersten Treffen hatte das Mädchen einen recht unverantwortlichen Eindruck hinterlassen, doch in dieser finsteren Stunde war sie Balsam für Naoras Seelenheil. Sie war hier nicht alleine. Ira, Raindri und die Anderen aus dem Kloster, das Bergvolk, und einige Menschen aus dem Kunsthaus, allen voran Nym. Erst der Zwischenfall in der Mine Berchgrads hatte ihr klar gemacht, wie wichtig dieser eine Mensch für sie war. Sie würde nicht wieder alleine sein.
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„Acht neun zehn, ich komme!“
Der Junge grinste freudig durch sein von fehlenden Milchzähnen gezeichnetes Gebiss. Er und die anderen Kinder in Naoras Alters spielten an diesem strahlenden Tag das erste Mal im Hof der Schule. Die Grundstücke der Bauern in dieser Gegend waren so groß, dass sie sich außerhalb dieser Zeit kaum sahen, es sei denn ihre Eltern hatten gut gepflegte Handelsbeziehungen. Naora selbst hatte sich mit selbstzufriedenem Grinsen unter einen Busch etwas abseits der Wiese gelegt – ein Versteck auf das sie mit Recht stolz war.
Sechs Mal schallte der Klang der Glocken der Kirche durch das Dorf, und die Sonne streifte das Ankh das ihren Turm zierte. Ein Wagen machte vor dem kleinen Gebäude halt, das als Schule herhalten musste - er war eindeutig dafür gebaut Stroh und andere Güter zu transportieren, doch heute würde er die Schulanfänger zurück zu ihren Höfen bringen. Naora war schon in diesem Alter kein schwieriges Kind gewesen, doch ihr Bruder bestand trotzdem darauf persönlich mitzufahren um sie abzuholen. Das war ihr Glück.
Blätter raschelten, Äste wurden verbogen, doch endlich entdeckte Nickarim einen weißhaarigen Schopf unter dem Dickicht. Das siegessichere Grinsen war einer trüben Mine gewichen, der Kopf lag auf ihren Armen. Nur einen Moment war ihm Augenkontakt vergönnt, dann legte sie das Haupt uninteressiert zurück.
„Was machst du da?“
„… Verstecken.“
Die Antwort kam verzögert, ihr Stimmfall war nicht so traurig oder beleidigt, wie er es erwartet hatte. Stattdessen war er monoton und von der Welt abgeschottet.
„Alle anderen haben schon aufgehört zu spielen, Dummkopf. Nun komm, wir fahren nach Hause.“
Der nächste Tag. Der Junge Bursche der am Vortag etwas zu rasch aufgegeben hatte stammelte eine Entschuldigung. Naora konnte ihm ansehen, dass es nicht sein Ernst war – jemand hatte ihn dazu ‚überredet‘. Dennoch nahm sie sie an, versicherte keinen Groll zu hegen. So war es ihr beigebracht worden.
„Komm, wir spielen noch einmal. Nein nein, keine Sorge, dieses Mal darfst du suchen, in Ordnung?“
Ein künstliches Lächeln. Naoras Mine war wie aus Granit gehauen, ein stilles Nicken war die einzige Antwort die der andere erntete. Es dauerte eine ganze Weile, bis die ersten Kinder wieder aus ihren Verstecken kamen, als ihnen klar wurde dass niemand nach ihnen suchte, doch keiner von ihnen konnte sich auch nur annähernd mit Naoras Geduld messen.
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Schweigend hielt der Barde ein Stück Pergament in ihre Richtung. Bürgerbrief des rahalischen Reiches, ausgestellt auf Nym. Die Buchstaben begannen vor ihren Augen zu tanzen, als wollten sie sie verhöhnen, und Naora meinte etwas in ihrer Magengrube wäre gerade geplatzt. Ein Herzschlag setzte aus, ein paar weitere vergingen.
„Weshalb…?“
„Weil ich mich .. stärker fühle. Und sie beschützen mich.“
Ihr war danach, ihm einen Faustschlag ins Gesicht zu verpassen, nur um diese Worte ins Lächerliche zu ziehen, aber sie hatte oft genug bewiesen keine Marionette ihrer Impulse zu sein. Dennoch viel es ihr zu schwer die Gesichtsmuskulatur entspannt zu lassen.
Er bekommt Unterricht von ihnen. Er fühlt sich wohl bei ihnen. Ein Satz nach dem anderen traf sie wie ein physischer Schlag, doch sie stand noch im Ring.
Ein Streitgespräch entbrannte, ob dieser seiner Schritte schlüssig war oder nicht, doch welchen Winkel sie auch versuchte, traf sie auf unnachgiebigen Widerstand. Er wollte auf der Seite der Gewinner stehen. Er würde für sie töten wenn sie es verlangten. Mit solchen Worten wollte er sie umarmen? Ihr Geist war nach diesen Treffern zu sehr im Torkeln um sich in einem angemessenen Maß dagegen zu wehren, und der andere hätte beinahe den Boden verloren.
„Ich werde tun was nötig ist“
Naora bemerke diese Worte kaum. Sie war viel zu sehr beschäftigt ihre Fassung zurück zu gewinnen, zu beschäftigt eine Mauer hochzuziehen so schnell sie konnte, alles auszuschließen, doch der Feind war seit Wochen in ihrem Lager, zu nah an ihrem Herzen.
„Sagt nicht mehr 'du' zu mir, Nym.“
„Ich sage das doch nicht, um einen Keil zwischen uns zu treiben, sondern weil ich es dir schulde und wir Freunde sind.“
„‘Es euch schulde‘. Wir sind keine Freunde mehr.“
Seiner Körpersprache nach zu urteilen hatten ihn diese Worte genau so sehr verletzt wie sie sie selbst geschmerzt hatten. Die Mauer bröckelte. Sie musste fort, bevor sie fiel. Er ließ sie nicht. Der Vorschlag fiel, sie würde ihn begleiten, doch sie nahm ihn nicht ernst. Er wurde eindringlicher, benutze wieder ‚du‘ als er mit ihr sprach, und wieder wurde er geduldig korrigiert.
„Ich werde dich nicht aufgeben. Ich versuche dich zu beschützen, so gut es geht...“
„Hört auf mich DU zu nennen!“
Erst als diese Worte ihre Lippen verließen bemerkte sie dass ihre Stimme zu einem unkontrollierten Schrei verkommen war. Der erste Schrei seit langer Zeit, der ihr entwich. Ihre Rechte folgte einem Impuls, und beinahe hätte sie ihn am Kragen gepackt, bis sie die Kontrolle zurück hatte, und sie stattdessen benutze um ihr Gesicht vor ihm zu verbergen. Die Mauer war gefallen, Tränen drangen ungehindert in ihre Augen, aber sie wischte sie fort bevor sie wieder zu ihm sah. Ein Streitgespräch war nicht mehr ausreichend um den Tonfall der beiden jetzt zu beschreiben. Beleidigungen fielen, und er traf sie dort wo es sie besonders schmerzte. Das war die Rechnung dafür, dass sie wieder jemanden so nah an sich gelassen hatte.
Wahrlich, nach all dieser Zeit war es immer noch das Beste alleine zu bleiben.
Verfasst: Samstag 24. November 2012, 14:26
von Naora Feldbach
„Was würdet ihr einer Frau sagen deren Mann gerade verstorben ist, die vor euch vor Leid und Trauer zergeht die sich kaum noch fassen kann vor Schmerz und dem packenden Gefühl der Ungerechtigkeit, die ihr das Schicksal bereitet hat?“
Die Frage war an das junge Mädchen neben Naora gerichtet, die darum Bat als Priesterin in diesem Kloster ihren Dienst verrichten zu dürfen, doch das hielt sie nicht davon ab, sich selbst diese Frage zu stellen. Eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste. Sie konnte sich einen Moment wie diesen bildlich vorstellen: Die Frau würde weinen, klagen, die Götter verwünschen, und Naora selbst würde nichts zu tun wissen, als neben ihr zu stehen, unfähig ihr Mitgefühl zu zeigen oder sie trösten zu können. Dies war der Grund, weshalb sie Temora mit dem Schwert diente.
Bald traten sie in den Tempel, zur Weihung der neuen Novizen. Sie war die einzige in dem großen Kirchenschiff, die nicht das Gewand des Klerus trug. In dieser Zeremonie war sie nur eine Beobachterin. Ein helles, göttliches Licht umkreiste die Gruppe dort vorne. Wahrlich, es war ein Schauspiel für das sie dankbar sein sollte, ihm beiwohnen zu dürfen. Schließlich würde sie selbst nie in der Lage sein, selbst eine solche Ehre zu erhalten. Sie taugte nichts als Priesterin, sie verstand nichts von Menschen, von ihren Emotionen und wie sie funktionierten. Je weiter die Zeremonie fort schritt, desto stärker keimte ein neues Gefühl in ihr auf, bis es zu stark war um es ignorieren zu können. Sie war unzufrieden. War es Eifersucht? Nein. Es stimmte dass sie sich etwas verlassen fühlte, in jenem Moment, aber sie wollte keine Priesterin sein; Es wäre dumm, denn diese Rolle passte nicht zu ihr. Woher kam dann diese Undankbarkeit für das Schauspiel das sich ihr bot?
Die Zeremonie endete, und sie machte Platz um den Klerus aus der Kirche zu lassen. Den beiden neuen Schülern würden ihre Quartiere gezeigt. Naora blieb noch dort, lange nachdem alle gegangen waren. Eine der Statuen warf ihr einen mahnenden Blick zu, den sie ungerührt erwiderte, doch es zeigte sich bald, dass sie beide etwa gleich gesprächig waren.
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„Wir können ihn ja alle drei umschwärmen und schauen ob er standhaft bleibt!“
Die anderen beiden Frauen teilten Naoras Meinung, dass diese Verlobung übereilt sein würde, aber das war ein Vorschlag den sie, rückblickend betrachtet, schneller hätte ausschlagen sollen.
„Lasst es uns als Prüfung betrachten. Wenn er sie besteht, soll er meinen Segen haben.“
„oh, wir haben einen Keller, da kann man ungestört reden“
So betrug es sich, dass die Kriegerin mit dem wenig femininen Haarschnitt sich an diesem Abend zum zweiten Mal in das blitzblaue Kleid zwängte. Fayana drängte ihr dazu noch eine Halskette auf – Perlen mit einem eingefassten Quarz. Wenn sie schon freiwillig vor trat sich demütigen zu lassen, dann auch richtig.
So stieg sie hinab zu Fayana, Viktoria und Nym in den Keller. Dunkel war er, und leer, nur mit einer Laterne leuchtete Viktoria die Treppe aus, und so gab sie acht auf dem Weg nicht zu fallen. Viel zu konzentriert damit, sich das peinliche Gefühl in ihrem Magen nicht anmerken zu lassen, bemerkte sie kaum was die anderen dort sprachen, und bald fand sie sich mit Nym alleine in dem finsteren Raum. Die Laternenträgerin war gegangen, und in dem wenigen Licht, das von oben hinein schien war es schwer viel mehr als Umrisse auszumachen.
„Hast du nicht Angst, dass ich ber dich herfalle?“, fragte der Barde belustigt.
„Ich bin die Kampferprobtere. Ich bin es nicht, die Angst haben sollte.“
Trotz der unangenehmen Situation ließ die Unterhaltung mit ihm sie wieder etwas wohler in ihrer Haut fühlen.
„Soll ich dir helfen, ... einen Begleiter zu finden?“
Bis zu diesem Punkt.
Was machte sie hier eigentlich? Er würde sich bald verloben, es war unrecht was sie hier tat. Stumm wie sie da stand, redete er auf sie ein.
„Also, ich weiß du magst den Degenkünstler nicht sonderlich, aber er ist ein gestandener Mann.“
Sie konnte so lange behaupten, sie würde es aus Sorge, ob er die richtige Entscheidung traf, tun, wie sie wollte, aber es änderte nichts daran wie sie sich dabei fühlte.
„Mh, und der Kellermeister Orhohn? Er ist vielleicht etwas beleibter, aber jemand wie du bringt den doch gewiss rasch in Form.“
Weswegen war sie wirklich hier? War es Eifersucht?
„Mich wolltest du ja damals nicht!“
Bei den anklagenden Worten drehten sich ihre Gedärme mindestens einmal herum.
„Der Herr Kurator meinte, er hätte es schon mal vergeblich versucht. Aber wäre der nichts? Roland sieht ja recht gut aus. Ist kräftig. Also der könnte dich gewiss bändigen. Wenn du jetzt etwas mehr Frau sein willst ... unterstütze ich dich voll und ganz!“
„Ich brauche nicht gebändigt zu werden. Ich will mich nicht so ändern. Es ist eine Ausnahme.“
„Und was ist der Grund dafür?
…
Naora, was ist den heute los mit dir?“
„Nichts.“
Eilig drehte sie sich fort. Es war zu spät, der 'Plan' war geplatzt. Sie würde flüchten. Hastig stürzte sie die dunklen Treppen hinauf, und stolperte dabei sogleich über den Saum des Kleides. Ihr Knie war nun wohl um einen blauen Fleck reicher, aber sie spürte es in diesem Moment nicht, kämpfte sich mit einer Mischung aus einem Schnaufen – oder war es schon ein ausgewachsenes Schluchzen? - weiter hoch. Nym war dicht hinter ihr, und in diesem Moment kamen auch die anderen Frauen wieder hinunter, an denen sie sich eilig vorbei drängte.
Es war peinlich. Dort oben waren auch noch Roland, der Degenkünstler und ein weiteres Mädchen das hier wohl ihr Handwerk ausübte. In die Kabine. Ein Segen. Sie verwendete einige Augenblicke um sich zu sammeln, abgeschirmt vor den Blicken der Anwesenden, bevor sie das Kleid los wurde. Hundert Gedanken kreisten hinter ihrer Stirn, aber als sie wieder hinter dem Vorhang hervortrat war ihrem Gesicht nichts anzumerken. Mit Eile verabschiedete sie sich, hinterließ eine Menge von verwirrten und besorgten Blicken. Nie zuvor war die Ruhe und der Frieden des Klosters ihr so willkommen wie heute – sie hatte eine Menge zu denken vor sich.