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Zorn und Zweifel

Verfasst: Samstag 13. Oktober 2012, 16:03
von Bertram Schattenlaub
´Lange Nächte, kaum Schlaf, am Tag stets schlecht gelaunt, das war nur seit Tagen sein Leben. Seine Freunde aus der Gesellschaft, so sehr er sie auch schätze und mochte, sie konnten das Loch in seinem Körper nicht füllen. Die Ironie des Schicksals war es, dass ausgerechnet ein dicker Gastwirt, den er lange Zeit nur belächelte ihn auf neue Gedanken brachte. So hatte er wenigstens eine Beschäftigung in der Nacht und musste sich nicht mit Schlaf quälen. Eine merkwürdige innerliche Befriedigung ging von den allnächtlichen Wanderungen durch die Höhlen und Gemäuer aus. Wenigstens keine Träume. Davor fürchtete er sich am meisten, doch sie kamen jedes mal, wenn er kurz Schlaf fand. Er sah sie blutüberströmt am Boden liegen, er sah sie weinend und schreiend in einer Folterkammer, er sah sie tot auf einem Haufen anderer Leichen irgendwo in einem Keller verrotten. Schweißgebadet wachte er von diesen Träumen auf, in dem ihm sonst immer so gemütlichen Bett aus Fellen. Doch es war leer und kalt. Sie war nicht da. Er wusste nur, sie war noch am Leben. Diese Information hatte er von der „kleinen Katze“, wie er sie nur nannte, bekommen. Vor ihr hatte er versucht sich hart zu geben, zu handeln. Es war nur hohles Theater ohne viel Applaus und sicher würde kein Zuschauer eine Zugabe wünschen, das war ihnen wohl beiden klar, doch er spielte einfach weiter, war es doch das einzige, was er sein Leben lang gelernt hatte. Bis er „sie“ traf. Den ersten Menschen, der er nach dem Tod seiner Geschwister und seines Meisters wieder an sich heran ließ. Bei ihr fühlte er sich wieder ganz und nicht wie das gebrochene, misshandelte und zu emotionslosen Perfektion gedrillte Kind, dass er wohl war, oder zumindest glaubte zu sein.

Wieder Träume, wieder Schmerz. Er hielt es kaum mehr aus und seine Fassade bröckelte, nur schwer was ihm noch möglich diese Aura der Freundlichkeit aufrecht zu halten, mit der er sonst versuchte sein grundsätzliches Desinteresse an den Menschen und der Welt im allgemeinen zu verbergen. Sie hatten ihm das genommen, was ihm wirklich wichtig war. Doch was er eigentlich fürchtete, war das, was er von ihnen wieder zurück bekommen würde. Wäre sie noch das liebe, zarte aber auch dickköpfige Wesen, dass er liebevoll sein „Eichhörnchen“ nannte? Oder wurde aus ihr unter ihrer Folter ein Schaf, das auf den Schlächter wartete? Aber auch das beunruhigte ihn nicht am meisten. Die schlimmste Furcht war, dass sie selbst ein Wolf werden würde. Tränen rannen bei dem Gedanken über sein Gesicht. War es Trauer, war es Wut?

Zorn, immer wieder war es Zorn, der in ihm aufstieg. Eigentlich war es die Art von Zorn die nur innere Verachtung für das eigene Selbst hervorrufen konnte. Schlimmer als jede andere Form des Hasses, da sie nur schwer ein Ventil fand. So versuchte er jedes zu öffnen, das ihm einfiel. Zunächst hatte er ihr die Schuld gegeben, warum hatte sie das auch getan? Die kleine Katze verärgert man nicht. Doch er wusste, „sie“ hatte nur den Mut aufgebracht, der allen anderen hier fehlte. Dann hatte er ihnen die Schuld gegeben, diese eingebildeten Idioten, die meinten im Namen eines Gottes Mord und Zerstörung über die Lande zu bringen. Er hatte für sie die selbe Verachtung wie für ihre selbst gewählten Feinde auf der anderen Seite Gerimors. Dennoch, er hatte weiterhin mit ihnen Geschäfte gemacht, er hatte weiterhin versucht sich einzuschmeicheln und durch geschicktes Betteln und Verhandeln etwas zu erreichen. Der nächste Schritt des Hasses war einfach zu gehen und so folgte er dem letzten bald nach. Die Götter waren Schuld. Sie hatten die Menschen als grausamen Spielball ihrer Langeweile geschaffen um sich an ihrem Leid zu ergötzen. Menschen töten einander, weil ein kleiner Bruder eifersüchtig auf den Älteren war. Wieso konnten die Götter ihren Streit nicht ohne die Menschen beilegen? Wieso konnte er es nicht beenden? Nach dem Verlust seiner Heimat hatte er sich Horteras als Schutzpatron gewählt und in seinem Namen geschworen, sich nicht in die Belange der Glaubenskriege und der Politik einzumischen. Doch auch dieser Gott sah nur zu, als das Blut langsam aus ihrem Körper strömte und sie mehr tot als lebendig vor Bajard lag. Lange hatte er sein Verhalten mit dem Schwur an seinen Gott rechtfertigen können. Niemals sich einmischen, danach wollte er leben. Aber eigentlich sah er nur hilflos zu, wie sie fortgeschafft wurde. In seiner Tasche immer noch, das kleine Amulett, dass er für sie hatte fertigen lassen. Langsam holte er es hervor und besah es sich genau. Auf das edle Gold war ein Gebet an Eluive graviert. Sie hätte sich sicher darüber sehr gefreut, glaubte sie doch bei der gefallenen Mutter Trost zu finden. Eigentlich beneidete er sie um diese Gabe. Er legte es wieder zurück in den samtenen Beutel, den Gondros ihm zur Aufbewahrung gegeben hatte. In seinem ersten Zorn hatte er es einschmelzen und wegwerfen wollen. Doch seine Freude hatte ihn davon abgehalten. Es hatte noch einen Sinn. Er würde es ihr geben und wenn er es ihr mit ins Grab legen müsste. Er wusste, dass sie, die so lange mit dem Makel der Narben um ihren Hals hatte leben müssen, sich sicher darüber freuen würde. Früher hätte sie das jedenfalls getan, bevor sie verschleppt wurde. Ob es danach immer noch so sein würde, wusste er nicht. Langsam las er das Gebet. Nochmals und nochmals, doch er spürte nichts. Kein Trost ging von den Worten aus, nur eine kalte Leere. Es gab nur ein Wesen, dass diese Leere füllen konnte, doch sie war nicht da und das Bett war kalt. Selbst ihre sonst so kalten Füße hätten ihn in diesem Augenblick gewärmt.

Zorn und Zweifel, das waren die Gefühle die nun sein Leben bestimmten. Denn endlich war es ihm klar geworden. Weder sie, noch die Stadtwache, nicht einmal die Götter waren Schuld oder hatten versagt. Er selbst war es gewesen. Nichts hatte er getan, nur zugesehen. Von einem Faustschlag aus Angst und Furcht hatte er einfach nur nichts getan. Er hatte die kleine Katze nicht verärgern wollen, zu viele gute Geschäfte hatte sie ihm gebracht. Aber Drachenleder, Gold oder die Häute und Knochen eines Balrons, waren ihm dieser Schrott wirklich wichtiger als sein geliebtes Eichhörnchen? War er so ein schlechter Mensch gewesen? Zweifel regte sich in ihm, der sonst so selbstsicher wirkte. Doch auch brennender niemals versiegender Hass war in ihm. Er hatte versagt, er hatte „sie“ nicht schützen können. Die Erkenntnis des eigenen Versagens, das war es, das ihn nicht schlafen lies. Würde er je wieder ihr sanftes langes Haar streicheln können? Diese Wärme spüren, die von ihr ausging? Er hatte versagt und er hatte sie nicht beschützt. Er hätte irgend etwas tun müssen und wenn er nur mit ihr zusammen hätte sterben dürfen. Alles war besser als das, was er tat. Betteln, flehen und mit eitlem Tand versuchen zu verhandeln.

Aber noch war sein Körper innerlich nicht ganz tot. Noch war ein Funke Hoffnung da. Er hatte vor den Toren der Stadt gewartet und geschaut, ob er irgendwas in Erfahrung bringen konnte. Wieder war er zu feige gewesen hineinzugehen. Auch diese Wunde brannte in seiner Seele. Jedoch war das nicht das Ende seiner Feigheit gewesen. Er hatte gesehen wie sie hinausgeschafft wurde und er war ihr nicht nachgegangen, weil ein Wächter dabei gewesen war. Ein einzelner Wächter und er selbst in den Büschen versteckt. Der Dolch wäre durch die Kehle gegangen bevor der Wächter auch nur daran hätte denken können, dass er nun sterben musste. Doch wieder war die Furcht zu stark in ihm. Eine weitere Wunde, wieder Schmerz und wieder Hass und es gab nun niemanden mehr, dem er die Schuld geben konnte. Es blieb nur noch einer übrig und das war er selbst. Würde „sie“ jemals von seiner Feigheit erfahren, sie würde ihm ins Gesicht spucken und ihn fort jagen. Mit ihr würde die Stelle in seinem Leib gehen, an der früher nur ein fleischiges rotes Organ war, welches Blut durch seine Adern pumpte, doch von dem durch sie eine angenehme, wohlige Wärme ausgegangen war, wenn er nur an sie dachte. Fort alles fort. Er verdiente es nicht mehr. Doch die Hoffnung, sie war noch da, aber sie schwand unter dem brennenden Hass auf sich selbst und die ganze Welt.

Müde machte er die Augen auf und blickte sich in der Höhle um. Früher war es für ihn der Inbegriff, die Verkörperung von Geborgenheit gewesen. Doch das Bett war wieder leer und kalt. Sie war nicht da und er immer noch das Nichts, als das er sich fühlte. Er musste sie suchen, denn die Hoffnung war noch da und ohne einen Kampf würde sie niemand mehr von ihm wegreißen. Nicht noch einmal. Traurig sah er sich um. Er wusste nicht, was er tun sollte. Hierbleiben und auf sie warten? Oder in dem Wald suchen, wo der Wächter sie hin geschleift hatte. Wieder Zweifel und wieder Zorn und Hass. Konnte er denn nichts richtig machen?

Müde zog er sich an. Er sah auf die Rüstung und beschmierte mit etwas Dreck das feine Siegel, welches darin eingewoben worden war. Seinen Schild umhüllte er mit schwarzem Stoff. Das Siegel, das ihm aus Vertrauen gegeben wurde, lies er in der Höhle liegen. Sie sollten nichts damit zu tun haben. Er konnte nicht verantworten, dass nun seine Freunde für ihn die Zeche bezahlen mussten. Aber er wusste eines sicher. Wenn „sie“ ihn sehen würde, sie würde ihn erkennen, denn nur sie kannte ihn so, wie er wirklich war. Die vielen kleinen Dolche im Gürtel und an anderen Stellen verstauend sah er nach oben zu den Tropfsteinen. Er seufzte und ein einzelnes flehendes Wort kam über seine Lippen.

Ashlin.