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Staub und Schatten

Verfasst: Donnerstag 6. September 2012, 21:00
von Aleanes Vallardt
Die Erkenntnis, dass Adoran mit Varuna soviel gemein hat wie ein weißer Schimmel mit einem Kaltblut kam langsam daher gekrochen wie ein altersschwacher Wurm und so gelang es mir eine Weile die Tatsachen zu ignorieren und zu bleiben. Mich daran festzuhalten, dass es hier Menschen gab die waren wie ich. Zurückgelassene. Überlebende.
Irgendwann jedoch konnte ich sie nicht mehr ignorieren und ich wollte nicht weiter gehen, von vorn beginnen. Meinen Schmerz überwinden. Ich hatte ihn brauchen gelernt, er war mein engster Freund und mein treuester Verbündeter geworden und kein Tand, kein Ball, keine schöne Dame der Stadt konnte mein Interesse für mehr als ein paar flüchtige Momente fangen. Allzu oft blieb es am Ende des Abends am Grund eines Bierkrugs haften.

Ich wußte, dass ich gehen sollte, aber ich blieb. Bis sie erschien. Es war der unruhige Traum einer mondlosen Nacht der mir ihr Gesicht zurück brachte und sie mir nicht im Ornat des Laienordens zeigte, den sie so lange geführt hatte. In diesem Traum sah ich sie, wie ich sie immer sehen würde, bekleidet mit dem türkisen, goldgesäumten Kleid welches ich ihr auf dem Markt von Gierath geschenkt hatte. Mit Stroh im Haar, das sie nicht daraus zu zupfen suchte nachdem ich sie in die Heuballen geworfen hatte. Das Lächeln, welches auf ihren Lippen lag bevor sie das Kleid einfach fallen ließ, ist für immer eingebrannt. Genauso lächelte sie in diesem Traum, als sie ihre Hand nach mir ausstreckte.

"Komm Aleanes, steh auf. Du mußt jetzt gehen. Geh weg von hier. Wach auf und geh."

Nur einen Herzschlag später saß ich senkrecht in meinem Bett. Nur eine Stunde später hatte ich meine spärliche Habe zusammen gepackt und saß auf dem Rücken meines Falben Morgentau.
Einige Tage lang ließ ich mich von nichts als meiner Stimmung und dem Wetter leiten, dann folgte ich der Landschaft und auch wenn ich vorgehabt hatte nur für eine Nacht Rast zu machen kam es anders. Als ich das kleine Städtchen Maarenhoeg erreichte, verzauberte es mich. Kleine alte Häuser mit dunklem Balkenwerk, weiß getüncht und sich somit stark abhebend von den Blautannen und den dichten Wäldern umher. Die Menschen vermittelten den Eindruck in sich zu ruhen, nach nichts zu suchen und nicht zu streben, ausser danach ein gutes Leben zu haben an genau dem Platz wo sie waren. Ich beneidete sie augenblicklich und ich suchte mich im Abglanz dieser Ruhe zu sonnen und etwas davon für mich zu bekommen.

Also blieb ich, eine Weile wirklich in der Hoffnung lebend, dass es funktionieren konnte. Vielleicht sogar eine Weile in einer Art Substitut lebend, dass tatsächlicher Ruhe nahe kam. Ich fand eine Anstellung beim hiesigen Schreinermeister und entdeckte, dass ich durchaus handwerkliches Talent zu besitzen schien. Die sonnige Sanftheit des Ortes steckte mich an und allein meine Träume führten mich zurück in die Vergangenheit, zeigten mir den Untergang einer Stadt, den Tod meines Vaters und den letzten Zug meiner Ordensbrüder.
Ja, vielleicht hätte ich so leben können...

* * *

“Aleanes Vallardt.." Ich sah hinunter und kletterte alsdann aus dem Dachstuhl an dem ich grade arbeitete - und es war gut daran getan, hätte ich gewußt was dieser Bote mir zu geben gekommen war, wäre ich wohl hinunter gestürzt.
Als ich den Blonden betrachtete, wallte für einen kurzen Moment ein Gefühl von Vertrautheit auf, das ich mir nicht erklären konnte. Dann streckte er mir die Hand hin und ich ergriff sie in dem Gedanken einen schlichten Gruß zu erwidern. Als er sie zurück zog lag etwas in meiner Handfläche, kühl und schwer.

Beinahe hätte ich den Ring fallen gelassen, als ich seiner ansichtig wurde. Beinahe wären meine Beine einfach unter mir zusammen gebrochen, beinahe hätte ich aufgehört zu atmen und vergessen jemals wieder damit anzufangen. Diesen Ring hatte ich aus den Flammen des ewig brennenden Feuers meines Ordens geholt, in der Nacht meiner Aufnahme als Ordensbruder der Onyxschwingen – einem Laienorden der Temora, der keine echten Geweihten beherrbergen mochte, indes doch echte Hingabe und Leidenschaft an ihre Sache. Noch immer zeichnen Narben meinen Körper und die Erinnerung an den Schmerz meinen Geist. Doch diesen Ring wieder zu sehen hätte ich niemals erwartet - ich habe ihn meiner Herrin an den Finger gesteckt, bevor ich sie begrub. Sie und die Anderen.

"Wer seid Ihr? Wie kommt Ihr zu diesem Ring?"

Ein vages Lächeln berührte die Lippen des Blonden und er schüttelte den Kopf als wollte er sagen, dass es keine Erklärung gäbe die mich zufrieden stellen könnte. Trotzdem sprach er, offenbar wissend, dass ich nicht davon lassen würde, vielleicht sogar ahnend, dass ich bereit war die Antwort aus ihm heraus zu prügeln.

"Ich bin Jaelen und Du weißt das auch, selbst wenn Du Dich nicht daran erinnerst. Ich bin hier um Dir diesen Ring zu geben und Dich zu bitten mich zu begleiten. Mein Herr glaubt, dass Du zustimmen wirst, da ich Dir die Antwort auf Deine zweite Frage nicht zu geben vermag. Er kennt sie. Wirst Du mit mir kommen?"
Unbändiger Zorn wallte in mir auf, so heiß und schneidend wie frisch gegossener Stahl - ein Gefühl das ich seit langer Zeit verloren geglaubt hatte. Das zu kalter Asche geworden war, als ich auch meinen Vater begrub. Nachdem ich die Ordensklinge Siitharsil in die feuchte Erde des Grabhügels meiner Herrin gerammt hatte. Ich wünschte mir ihn tatsächlich zu schlagen, bis er mir die Antwort geben würde nach der es mich verlangte. Ich tat nichts, als meine Hände zu Fäusten zu ballen, den Ring mit dem gefassten Onyx darin zu verbergen.

"Ich werde mein Pferd holen, warte hier."

Er stand noch immer an der selben Stelle, als ich nach über einer Stunde zurück kehrte - alles was ich mitgebracht hatte befand sich in den Satteltaschen meiner Stute Morgentau, alles andere hatte ich zurück gelassen. Noch glaubte ich bald zurück zu kehren.

Verfasst: Samstag 10. November 2012, 21:45
von Aleanes Vallardt
Wir ritten schweigend, wir wechselten die nötigsten Worte zu Rast, Verpflegung und Wegstrecke und ansonsten folgte ich ihm einfach nur. Ich beobachtete ihn und wartete. Es gab tausend Fragen in meinem Kopf, aber ich stellte sie ihm nicht. Was hätte es genutzt, die meisten davon wären ohnehin unbeantwortet geblieben. Nichts direktes sagte mir das, irgendetwas an ihm.. etwas von dem ich nicht wußte, woher ich es kannte.
Drei Tage später änderte sich die Gegend und die Bewaldung wurde dichter, wir ritten auf einen nicht wirklich hohen Berg zu, aber immerhin doch die höchste Erhebung der Gegend, auf dessen Scheitelpunkt aus dem Dickicht der Bäume eine gedrungene, nicht eben große Feste hervorragte. Nicht viel mehr als ein großes Gehöft mit Wehrmauer und Aussichtsturm. Der Anblick traf mich wie ein Schlag, ich wäre fast aus dem Sattel gefallen.

Die Konturen der Gebäude brannten in meinem Geist blauweiß nach, als hätte ich zu lange direkt in die Sonne geblickt. Ich schnaufte unwillkürlich und ließ die Zügel locker und Jaelen drehte sich zu mir um. Er schaffte es zu lächeln und dabei doch traurig auszusehen.
"Wir sind da. Hier befindet sich die Grenze zum Herrschaftsgebiet des Grafen von Wolfenfels – etwas nördlich liegt das nächste Dorf, Werlen. Das dort ist Nebelhoeh."

Aus einem langsamen Verziehen der Lippen vermochte kein Lächeln zu werden, also nickte ich letztlich nur und ließ meine Falbenstute wieder antraben – während wir den Pfad hinauf ritten, ließ ich das Gebäude nicht aus den Augen. Es war auf den ersten Blick nichts besonderes daran, dennoch rief es das selbe seltsame Gefühl in mir wach wie mein Begleiter.

* * *

Die gemauerten Korridore indes weckten nichts, keinen Funken, keine Fragen, keine Neugier – ich ließ mich einfach nur durch die Gänge führen, meine Gedanken hatten sich längst darauf gerichtet, wer mich zu sich gebeten hatte. Insgesamt war das Gebäude größer, als der äußere Schein es hätte vermuten lassen und es dauerte eine Weile, bis Jaelen eine der Türen zurück zu halten schien. Er hielt inne und wandte sich mir zu.

"Warte hier bis Du herrein gebeten wirst. Ich bleibe hier bis... es zu ende ist."

Auch wenn ich spürte, es in seinen Augen ablesen konnte, dass jetzt der Moment gewesen wäre ihm einige Fragen tatsächlich zu stellen, dass irgend etwas in ihm weicher geworden war, nickte ich einmal mehr nur und trat auf die Türe zu. Zögernd eine Hand ausstreckend, sie für einen kleinen Moment an das dunkle Holz legend, als könnte ich allein aus dieser Berührung irgend etwas lesen. Grade als ich meine von Narben gezeichneten Finger zur Faust ballte, erklang von drinnen eine Stimme.

"Komm herrein."

Verfasst: Samstag 10. November 2012, 21:46
von Aleanes Vallardt
Der Mann auf dem großen Bett, gekrönt von purpurnen Vorhängen an den langen, in Pfosten auslaufenden Enden mochte zwar deutlich älter sein als, ich doch nicht so alt, dass seine natürliche Lebenszeit sich dem Ende zuneigen würde. Dennoch war auf den ersten Blick offenbar, dass er im Sterben lag. Seine großen Hände lagen gefaltet auf seinem Brustkorb, das wie aus Silber gesponnene Haar umwölkte die kantigen Züge, welche ungesund fahl und eingefallen aussahen. Seine Augen waren geschlossen. Er öffnete sie in dem Moment, in dem ich mich auf dem Schemel neben seinem Bett nieder ließ und richtete den meergrünen Blick auf mich. Ein Moment der mir beinahe körperlichen Schmerz bereitete, so intensiv berührte mich die Aufmerksamkeit des anderen.

Er versuchte sich an einem Lächeln, so glaube ich zumindest, es erreichte allerdings nur die Mundwinkel, ließ sie unstet zucken.
"Hallo Aleanes." Ich wollte etwas erwidern, er schnitt mir mit einer abrupten Geste das Wort ab und ließ die Hand dann wieder fallen, als wäre all seine Kraft damit aufgebraucht.

"Ich würde Dir gern all Deine Fragen beantworten, aber wir haben keine Zeit. Ich habe keine Zeit mehr. Gib mir Deine Hand."

Tatsächlich streckte ich ihm unwillkürlich, einem natürlichen Reflex gleichkommend die Rechte hin - und diesmal lächelte er wirklich, eine Geste die seine Züge indes nicht aufzuhellen vermochte und hauptsächlich den Schleier der Mattigkeit in seinen Augen zur Seite zog.
"Die Andere."

So reichte ich ihm meine Linke, war mir der Narben auf meiner Haut bewußter als jemals zuvor, seit ich damit geschlagen wurde. Er umgriff meine Finger fest, fester als ich erwartet hatte bei seinem Zustand. Mit dieser Berührung endete die Welt so wie ich sie kannte, hielt einfach inne und drehte sich nicht weiter. Ich starb, auf gewisse Weise, ein Teil von mir zerfiel in Staub und Schatten. Ein Teil von mir erwachte, wurde neu geboren. Der Teil von mir, der sich nicht erinnern durfte.
Seitdem erinnere ich mich. Der Schmerz, welcher mich in diesem Augenblick traf, zurückbrandend wie eine Flutwelle, mich überspülend und vollkommen einhüllend nahm mir den Atem - und ließ die Welt erzittern.

Wortwörtlich erzitterte das Gemäuer umher, das schwere hölzerne Bett knarrte und verzog sich in sich der alten, unter den Händen eines Schreinermeisters vor langer Zeit fortgeschliffenen Wuchsrichtung, die Bettvorhänge stiebten auf wie von Wind ergriffene Blätter.
Von weit her drang die Stimme des Mannes erneut zu mir, doch diesmal hinter meiner Stirn.

"Aleanes, Du musst Dich beruhigen. Jetzt."

Einen Moment lang sträubte ich mich gegen diesen Gedanken, dagegen die Ohnmacht, das Chaos und die durcheinander wirbelnden Gefühle in meinem Innersten aufzugeben, mich von ihnen abzuwenden, aber letztlich tat ich es doch. Ich löste meine Hand von seiner, die ich so fest gehalten hatte, dass sich die blass gewordenen Finger nun rot zu färben begannen, wo der Druck nachließ. Die Umgebung beachtete ich gar nicht, nur ihn, nur ihn.

"Ich diene Euch nicht mehr, das wisst Ihr doch Herr..."

"Du hast niemals mir gedient und ob Du unserer Sache weiterhin dienst entscheidet nicht Dein Wille, nur Dein Handeln."

Meine Nasenflügel blähten sich, eine übereilte Antwort lag mir auf der Zunge, ich schluckte sie herunter in Anbetracht dessen, was eben geschehen war. Ich erinnerte mich - an alles. An die Jahre, die mir fehlten, an den Schmerz, die Freude, die Schwierigkeiten, an meine Frau. An ein Versprechen. Das ich gebrochen hatte. Vielleicht ohne es zu wissen und doch empfand ich brennende Reue.

Er betrachtete mich nur, während ich mit mir rang, doch seine harten, abgehackt klingenden Atemzüge brachten mich letztendlich mit ganzer Aufmerksamkeit zurück ins Hier und Jetzt. Er würde tatsächlich nicht mehr viel Zeit haben.

"Mehr gibt es für mich nicht zu tun, ausser einer Kleinigkeit. Geh ins Archiv und nimm einen der Kristalle an Dich - er befindet sich in Sicherungsmatrix AIIV. Schweig darüber. Und nun schick mir Jaelen, er ist zwar nicht bereit und doch ist er alles was ich noch habe."

Verfasst: Sonntag 11. November 2012, 21:01
von Aleanes Vallardt
"Es tut mir leid Herr, doch ich kann nicht zurück."

"Das kann keiner von uns Aleanes und deshalb habe ich Dich auch nicht gerufen. Geh jetzt, ich wünsche Dir Kraft - der Weg der vor Dir liegt ist noch lang."
Sollte das der Grund gewesen sein, dass er mich hatte sehen wollen? Mir etwas zurück zu geben, das nur er mir hatte geben können und um eines Abschiedes willen, zwischen zwei alten Weggefährten? Letzteres sähe dem Mann den ich kannte, an den ich mich jetzt wieder erinnerte nicht ähnlich, so weich war er im Leben nie gewesen, so würde er es doch nicht im Tode werden...

Die Frage nach dem Warum indes würde er mir nicht beantworten, das blieb sicher und keiner von uns würde einlenken. Es gab für mich also nichts mehr hier zu tun, als was er mich zu tun geheissen hatte. Dennoch dauerte es einen Moment, bis ich mich von ihm und diesem verdammten Hocker lösen konnte - zu unwirklich war der Gedanke, dass dies unser letztes Treffen sein sollte.
An der Türe, die Klinke schon in der Hand zögerte ich und dieses Mal kam er mir entgegen, etwas das er zuvor selten getan hatte. Seine Stimme war nicht mehr als ein ferner Windhauch, der auf einer weiten Ebene in alle Richtungen auseinanderdriftet.

"Auch wenn mein Weg nicht der Deine ist - erinnere Dich unseres Leitspruchs. Seiner wahren Bedeutung, die für jene ausserhalb des Sternenrades nicht zu begreifen ist. Tu was Du willst."

Ich neigte den Kopf zu einem letzten Salut, ich versuchte das Brennen in meinen Augen fortzublinzeln und ging hinaus.

* * *

Als mein vormaliger Begleiter wieder an meine Seite trat, nachdem er ebenfalls seinen Besuch im Krankenzimmer gemacht hatte, erschien es mir als seinen Äonen vergangen - während ich nur da gestanden und nachgedacht hatte. Ich fühlte mich alt, so alt wie ein Baum dessen knorrige Wurzeln sich tief ins Erdreich winden und der sich niemals weiter bewegen wird als der Wind ihn biegt.
"Wirst Du bleiben und ihm das letzte Geleit geben?"
"Natürlich Herr."