Scherbenhaufen
Verfasst: Donnerstag 6. September 2012, 00:38
Warum musste es verdammt dieses Haus mit diesem Kerl sein? Jeder andere, jeder ihr Fremde war ihr Recht. So lange sie nur wieder schnell verschwinden konnte und den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen hatte, nicht wieder mit wegwischen musste. Und nun war sie mittendrin, in diesem ganzen Desaster, in dem, was ihr selbst manchmal Nachts noch Gänsehaut verlieh...
„Liska! Liska schnell! Hör auf mit der Ausmisterei und komm sofort zu Hochwürden! Wir brauchen dich! Schnell!" Der feuerrote Schopf hob sich, rotwangig von der Plackerei und mit gefurchter Stirn dem jungen Novizen in die Augen sehend, die verrieten, wie ernst die Aufforderung des Priors sein mussten, dass man sie holte. Ausschnaufend warf sie die Mistgabel auf die Seite und folgte dem Novizen, der sich Samuel nannte. Die Eiligkeit in seiner Stimme ließ darauf schliessen, dass es um einen Botenauftrag oder dergleichen ging, eine Sache, die Liska für ein paar Tage aus dem alltäglichen Trott des Klosters wieder herausbringen würde. Sie sehnte sich nach der freien Stadtluft und den ungenierten Blicken, die sie den Männern draussen zuwerfen konnte. Sie wischte sich über die Klamotten, versuchte etwas von dem Pferdeduft loszuwerden, während sie weiter dem Jungen folgte. Er hatte es eilig, ziemlich eilig. Um was es wohl ging?
„Wir haben Warnungen erhalten Liska. Nimm dir Helene und reite los gen Hauptstadt. Einige Brüder sind bereits sich ebenso am fertig machen und reiten gen der anderen Himmelsrichtungen aus.“ Hochwürden Ferenk sah sie aus ernsten und besorgten Augen an. Liska durchdrang ein seltsames Gefühl, das sich zwischen Angst und Sorge befand. Für gewöhnlich tadelte er mit diesem Blick eines ihrer Verhalten, doch diesmal ging es um ernsteres... „Ich habe hier Briefe, die an das Kloster der Hauptstadt sollen. Du musst die Strecke schneller als sonst schaffen. Von dort nimm mit an Rittern und Streitern, die sich derzeit dort befinden. Wir wissen nicht, wieviele Schergen es sind, die zu uns wollen...Wir wissen nur: Es sind viele. Und nun los, beeil dich! Bruder Holger hat die Taschen mit der Wegzehrung bereits gepackt! Los!“ Sie nuschelte das bekannte 'Jawohl Hochwürden' und machte sich aus dem Zimmer. Der Befehlston gen Ende ließ sie schaudern. Seltenst hatte sie jenen gehört, doch das Drängen und die leise Furcht war neu. Es klang, als würde die Welt untergehen und keiner könne eigentlich etwas dagegen tun...
Sie schaffte die Reise in zwei statt drei Tagen, da sie die Nacht durchgeritten war. Im Kloster erst gönnte sie sich und der Stute eine Möglichkeit des Ausruhens und Augen schliessen. Sie war fertig, hundemüde und wusste eigentlich immer noch nicht so Recht, was los war. Sie hatte keinen der Briefe gelesen, wie sie es manchmal tat, um vorbereitet zu sein für irgendwelche Reaktionen. Diesmal hatte sie einfach getan, was man wollte, lag nun auf einer Steinbank im Halbschatten und döste, während sie auf weitere Order wartete. Gütige was war sie müde! Am liebsten wäre sie einfach dort geblieben, hätte drei Tage durchgeschlafen und wäre erst gar nicht zurück. Eigentlich auch eine verrückte Idee, dass sie in die Höhle des Löwen zurück sollte. Hochwürden hatte von Gefahr und dergleichen gesprochen und dann sollte sie dabei sein? Sie, die zwar immer irgendwo ein Messerchen oder einen Dolch versteckt hatte, aber damit nur imponieren konnte?! Es war zum verrückt werden, wenn die Müdigkeit nicht so vorherrschend gewesen wäre. Einen halben Tag später saß sie wieder auf Helene, der Stute und machte sich auf den Weg zurück, fünf berittene Streiter und Streiterinnen in dem Tross gen Kloster mit führend. Sie wusste, dass sie diesmal langsamer vorankämen. Müde Kämpfer waren keine richtigen Kämpfer für den Schutz des Klosters, doch trieb die Angst Liska in ein schnelleres Tempo. Sie war die einzige Ungerüstete, die einzig Rastlose. Sicher, es ging um ihr “Zuhause“, der Ort, an dem sie die letzten zwölf Jahre Sicherheit und Schutz gefunden hatte. Ein Ort, an dem sie immer wieder zurückkonnte, auch wenn sie das Geld Hochwürdens verspielt hatte oder in einen derben Streit geraten war. Der Ort....der am dritten Tag der Ankunft schon durch Rauchsäulen ahnen ließ, dass der Angreifertrupp bereits eingetroffen war. Panik erfasste sie, als sie dunklen Rauch auf dem Berggipfel sah, auf dem das Kloster sich befand. Sie ritten durch die kleine Siedlung, die von den einfachen Leuten bewohnt wurde...Leer, verbrannt, still. Felder waren abgebrannt, Hütten nur noch Kohlenreste, hier und da irrte eine Kuh oder ein Hund durch die Baracken. Doch glücklicherweise waren keine Opfer, keine Leichen zu sehen. Die Glocke der Kirche hatte sie rechtzeitig alarmiert und in den Schutz des Klosters gebracht. Liska atmete bei dem Gedanken durch, eine erste Erleichterung, ehe der nächste Zweifel kam: Was, wenn das Kloster bereits gebrandschatzt war? Würde sich das Bild der Grausamkeit erst dort offenbaren und jeglicher Schrecken seinen Lauf finden? Ein ältere Ritter mit grau melliertem Bart übernahm die Führung, ließ Liska in den Schutz der Mitte einfädeln, als sie sich dem Weg näherten. Die Konzentration lag wohl wirklich allein auf dem Angriff des Klosters...man hatte wohl kaum mit Verstärkung gerechnet oder dass sich überhaupt Streiter finden würden. Wobei...waren sie wirklich nur Verstärkung oder die einzigen, die verteidigen würden? Wenn es noch etwas zu verteidigen gab. Liska schluckte und verdrängte den Gedanken. So oft sie mit den Richtlinien des Klosters an ihre Grenzen und die Geduld der Brüder stieß....so sehr hatte sie sich doch an die ganzen Kerle gewöhnt und wollte nicht glauben, sie bereits verloren zu haben... Mit einer Handgeste gab der grau mellierte Streiter das Zeichen zum Halten, ein Horchen. Klingen trafen aufeinander, grobe Laute und Schmerzensschreie. Kampfgeräusche, die den Schluss kommen ließen, dass einige Botschaften doch nähere Ziele gefunden hatten und andere Streiter der Herrin ebenso zur Hilfe geeilt kamen.
„Kennt ihr einen Nebeneingang? Eine Stelle, wo ihr ohne Aufhebens hereingelangt?“ - die tiefe Stimme des Ritters ging gen Liska, welche knapp nickte und abstieg. „Ohne Pferd, ja...“ Sie lenkte die Stute in die Gegenrichtung und gab ihr einen Klaps, sie allein wegreiten lassend. Der Ritter nickte ihr zu und dirigierte die anderen in die Richtung des Lärms, während Liska sich in die Büsche schlug und vorsichtig in die Gegenrichtung ging. Sie kannte fast jeden Pfad um das Kloster herum; genügend nächtliche Ausflüge und gelegentliche Schmollaktionen waren hilfreiches Beiwerk dessen gewesen. Dass sie es in so einer Situation einmal gebrauchen könnte, war in diesem Alter nicht mehr vorstellbar für sie. Sie schritt über einen kleinen Trampelpfad, die Anhöhe des Berges hinauf, auf dem sich das Gelände befand. Die letzten Schritte musste sie bereits klettern, doch dies gab den Vorteil, dass jene Seite gänzlich ungeeignet für Angriffe war und so definitiv sicher für sie war....der Gemüsegarten und dessen leichter Holzverschlag war in greifbarer Nähe und bald ebenso überwunden, wo sie sich eiligst auf den Weg machte gen Kreuzgang.
Ein gänzlich anderes Bild als gewöhnlich empfing sie dort. Im Vorderhof gen Tor waren Pferde, dreckig und teilweise blutbefleckt. Kinder und Dörfler trieben sich zwischen dem Platz und der Kirche umher, zwischen ihnen immer wieder jemand auftauchend, der gerüstet war, sich sein Pferd schnappte und gen Tor ritt, um draussen seine Mitstreiter zu unterstützen. Man hatte wohl sowas wie Etappenangriffe geplant und durchgeführt. Liska war jegliches Phänomen eines Angriffes unbekannt und sie wollte auch nicht genauer wissen, wie etwas funktionierte...sie wollte nur Hochwürden finden und etwas, was sie tun konnte...
Schmerzlich kniff sie die Augen zusammen, als sie das Schreiben endlich gefunden hatte. Es war der letzte Brief, den sie bei sich getragen hatte, das mit einem schwarzen Siegel verschlossen war. Sie wusste nun, wem sie es geben musste. Sie hatte nur nicht ahnen können, dass sie damit ebenso einen Menschen verletzte, der ihr so nahe stand wie lange nicht mehr. Sie zerstörte mit diesem Brief und ihrem Botendienst das Leben ihrer Schwester, brach etwas in ihr, was sie nicht hatte zerbrechen lassen wollen. Und keine Gute Nacht Geschichte oder ein geklautes Bonbon würde es wieder gut machen können....
Gegen Abend verschlimmerte sich die Situation. Die Leute mussten alle in der Kirche bleiben, sämtliche Ritter waren draussen. Nur jene, die sich noch ans Tor schleppen konnten, wurden von den Torwächtern hinein und in die Kirche gebracht, wo man versuchte, sie zu verpflegen. Man konnte die Kirche nicht verlassen, ehe Ruhe eingekehrt war, musste sich in Geduld üben. Viele beteten, einige weinten. Liska huschte durch die Gegend, wechselte Waschschüsseln, gab den Leuten zu trinken und Brot. Sie musste etwas tun, bevor sie durchdrehte. Erst als das Krachen der Holztüre preis gab, dass die letzte Front geschlagen worden war, hielt auch sie inne und lauschte. Lauschte, hoffte...und schickte ein Stoßgebet nach oben, dass diese verdammten Hundesöhne sich ja nicht hier rein trauen sollten. Was, wenn sie es nur täten? Es schien, als würde die gesamte Kirche den Atem anhalten und warten...man hörte die weiteren Todesschreie von Männern und Frauen des Klosters, die draussen waren und das Tor bewacht hatten oder nicht tatenlos im Kirchenschiff sein wollten. Man hörte das unheimliche Stöhnen von jenen Wesen, die aus der Erde krochen und beherrscht wurden von fremden Willen. Und man hörte das dreckige Lachen derjenigen, die an all dem Schuld waren. Und wie sie lachten und ihren Triumph auskosteten...
Aber sie betraten das Kirchenschiff nicht. Sie wahrten den Respekt, das unausgesprochene Gesetz des Schutzes der Kirche. Vielleicht war der Boden auch zu heilig für sie...was es auch war, sie trauten sich nicht, doch die Geräusche ließen zu, dass sie zumindest andere Räume plünderten. Jemand bewegte sich im Kirchenschiff auf die Türe zu. Erschrocken nahm Liska die Figur von Hochwürden Ferenk wahr. Was hatte er bei allen Sinnen vor?! Sie sah, wie er ein weißes Tuch von einem der Gabentische nahm und mit jenem durch die Tür schritt. Liska jappste, wollte ihn aufhalten, doch kein Laut fand aus ihrem Rachen den Weg. Er, der sie damals erwischt hatte beim Diebstahl in der Kirche. Er, der sie aufgenommen und so gerettet hatte vor dem Leben auf der Strasse und einem schrecklichen Ende... Er, der stets immer an die anderen dachte und nicht an sich selbst. Ein leichtes Raunen ging durch die Kirche, als man draussen Stimmen eines Gespräches hören konnte, darunter wieder dieses furchtbare Lachen der Siegesbande. Liska betete und betete. Es war wohl das inbrünstigste Gebet, dass sie seit langem nach oben schickte, in der Hoffnung, dass man sie erhöre. Und wirklich, Hochwürden Ferenk kam unbehelligt wieder hinein, winkte die Brüder mit sich, ebenso Liska und raunte ihnen leise zu, dass sie die Erlaubnis hatten, die Verletzten und Toten von draussen hineinzuholen und ins Hospital zu bringen. Man würde jenes Gebäude ebenso in Ruhe lassen. Liska solle dort warten, Verbände und Schüsseln bereit haltend...
Sie fragte nicht warum und wieso, fragte nicht nach der Mildtätigkeit der Feinde. Es war für sie wohl auch eher eine schöne Zirkusvorstellung als Milde, die aus ihnen sprach, wollten sie das Spektakel des Elends doch nur wieder begaffen. Die Novizen blieben bei den Dörflern, der Rest ging los, während Liska gen Hospital rannte, das Bild der blutbespritzten Rüstungen und Untoten auszublenden suchend. Sie rannte wie eine Irre, sah kaum, was wo war, doch handelte sie einfach in den Räumen und legte alles eilig, rasch herbei. Die ersten Brüder kamen, brachten entweder stöhnende Gerüstete oder gänzlich Stumme. Die einen wurden auf die eine Seite, die andere auf die andere gelegt. Liska wusste indirekt, was jenes bedeutete.
Sie brachte jedem Bruder eine Waschschüssel, ehe sie von Hochwürden wieder abgeordert wurde, um Verbände herzuschaffen. Eine Weile herrschte Chaos, kaum sah sie wirklich, wieviel Blut und Brüche ein Ritter hatte, kaum nahm sie wahr, wie schlecht es um manchen stand. Sie handelte, handelte schlicht. Bis zu jenem Augenblick, als sie wieder eine Waschschüssel brachte, sie dem Priester reichte und nicht mehr wegkonnte, weil die Verletzte ihren Arm gepackt hatte. Fest krallten sich die Finger in Liskas Unterarm, ein Ring blitzte an ihren Finger auf. Liskas Blick streifte weiter, zu dem Gesicht der Frau, die dort lag und mit dem Leben rang. Man hatte ihr bereits den Brustpanzer entfernt, ebenso Armplatten und Handschuhe. Ihr Gesicht war totenbleich, Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, den Wangen, der Nasenspitze. Das rotbraune Haar hing klatschnass herunter, welches wohl unter dem Helm, der ebenso dort neben ihr lag, seinen Halt im Zopf verloren hatte. Der Blick Liskas ging langsam weiter runter, zu dem Grund des Ganzen, mit dem die Streiterin rang: Ein schnitt bei der Magengegend...nein, kein Schnitt, eher ein Massaker...überall Blut, eine Ahnung von weiterem, was in einem menschlichen Körper ebenso war sichtbar. Bevor die Übelkeit sie übermannte, ließ Liska den Blick wieder hochschnellen zu dem verzweifelten Blick der jungen Frau. „ Es tut so weh...es tut so verdammt weh!“ Sie hauchte es fast nur noch, doch die Angst und Panik in ihrem Blick sprach tausend Bände. Liska legte ihre freie Hand auf die der Streiterin, löste vorsichtig die Finger und versuchte beruhigend zu wirken: „Wir helfen euch, den Schmerz zu nehmen, keine Sorge.“ Dann drückte sie sich auf, nahm die blutvolle Schüssel des Priesters neben sich und ging jene auswechseln. Sie blieb den Rest der Zeit bei jener Beschäftigung, wechselte die Schüsseln bei der Streiterin aus, hörte immer wieder ihre Schmerzensschreie und bemerkte letztlich, wie der Priester ihr die letzte Beichte abnahm und ihr Mut und Fürsorge zusprach, als er betonte, dass Temora ihre Flügel über sie ausbreite und sie in ihren Reihen aufnehmen würde. Liska hatte an diesem Abend die Prozedur viel zu oft gesehen, hatte viel zu oft deswegen geschluckt und das Gefühl von Verbitterung hinuntergewürgt. Konnte man Sterbende wirklich damit trösten? Es schien bei vielen zumindest zu helfen. Einige wurden ruhiger, andere weinten ihre letzten Tränen oder gaben ihre letzten Worte an die Priester für ihre Familien. Auch die Streiterin mit dem rotbraunen Haar wurde ruhiger, fast friedlicher. Der Blutverlust hatte wohl ebenso dazu beigetragen, doch schien ihr Blick gefasster, friedlicher zu sein nach den Worten mit dem Priester. Liska bekam nicht mehr mit, wann jeder gestorben war, doch letztlich war von dem guten Dutzend Streitern keiner mehr am Leben nach Ende dieser Nacht....
Unter dem Wasserdampf schälte sich das Siegel ab und sie entfaltete das Papier, das man ihr gegeben hatte. Sie wusste, sie griff in etwas ein, was sie nicht sollte, doch die neue Erkenntnis, dass es sich um eine gute Freundin ihrer Schwester gehandelt hatte, ließ sie dies tun. Sie musste wissen, wer ihr diesen Blick der Panik zugesendet hatte, wer sie einen Moment um Hilfe angefleht hatte. Sie musste wissen, wem sie diese Hilfe verweigert hatte, sodass sie die Zeilen las:
Unter der Schwertmaid Segen, ihrer ergebenen Treue und den leitendem Lichte sende Ich Euch meine Grüße und aufrichtigsten Bekundungen des Beileids, Herr Katuri!
Ein jeder ist sich bewusst, welche Aufgabe er übernimmt, wenn er in den Dienst der Herrin tritt. Wir beten stets, dass jeder unserer Streiter aus einem Sieg herauskommt und tugendhaft seinen Dienst weiterführen kann. Auch wir, aus unserer kleinen Diözese, sind Männer des aufrichtigen Glaubens und der Verrichtung des Dienstes der Herrin im zurückgezogenem Stande. Doch mag es gerade jenes sein, die Abgeschiedenheit oder das Schicksal der Herrin, dass wir geprüft wurden von den Göttern und ihrem eigenen Streit. Etwa Zwanzig bis Dreißig Mann überfielen unser Kloster. Wir hatten gerade noch Zeit, in die nahegelegenen Ortschaften Eilbotschaften zu senden und um Hilfe zu bitten, da in unserer Anlage keine Streiter der Herrin ansässig waren. Es kam somit zu einem Kampf zwischen vermutlich Angehörigen alatarischen oder jeglich bösen Glaubens und einer Handvoll Streitern Temoras, die unser Kloster schützen wollten.
Ich muss Euch leider mitteilen, dass eure Angetraute, Leah Katuri, in dieser Schlacht gefallen ist. Sie ist in einem ehrenhaften Kampf an den Verletzungen im späteren Verlauf gestorben.
Euer Gnaden Julius nahm ihr die Beichte ab, ich selbst habe ihr die Hand in ihren letzten Atemzügen gehalten. Ihre letzten Gedanken galten eurer Person und ich solle euch lediglich auf den Weg geben, dass ihr glücklich werden sollt. Sie wünscht allerdings, dass ihr euch um das Grab eines Freundes, namentlich Andreas Myrtol kümmern sollt. Es schien ihr wichtig und ich kann euch lediglich bitten, dass ihr jenem Wunsch nachkommen mögt.
Sofern ihr weitere Zweifel habt, kann ich euch mitteilen, dass sie einen Ring am Finger trug, der die Gravur „Gehe ohne Furcht“ enthielt. Wir haben jenen bei ihr belassen, ebenso wurde sie samt Rüstung und Schwert der Schildmaid beerdigt.
Ich kann nur nochmals betonen, dass eure Gemahlin tugendhaft in jedem Sinne gekämpft und bis zuletzt diesen treu geblieben ist. Die Herrin wird ihre Seele zu sich tragen und ihrem Geiste den Platz neben sich weisen. Das Schicksal Temoras hat gewählt und entschieden.
Seid euch unseres tiefsten Beileides gewiss.
Mit ebenso trauerndem Herzen um der Streiter verbleibend,

Hochwürden des Kloster Albertals,
ansässig in dem Herzogtum Alrynes.
Sie würde das Siegel wieder verschliessen und mit etwas Wachs unkenntlich machen. Sie hoffte, dass Raindri nicht zu genau hinsehen würde, doch in einem Zustand wie jenem war es eigentlich auszuschliessen. Sie wusste nur, dass sie weiter nichts wusste...Und dass es diesmal nicht nur ein Name auf einer Liste war, deren Todesmeldung sie hatte überbringen müssen. Diesmal war sie mittendrin.
„Liska! Liska schnell! Hör auf mit der Ausmisterei und komm sofort zu Hochwürden! Wir brauchen dich! Schnell!" Der feuerrote Schopf hob sich, rotwangig von der Plackerei und mit gefurchter Stirn dem jungen Novizen in die Augen sehend, die verrieten, wie ernst die Aufforderung des Priors sein mussten, dass man sie holte. Ausschnaufend warf sie die Mistgabel auf die Seite und folgte dem Novizen, der sich Samuel nannte. Die Eiligkeit in seiner Stimme ließ darauf schliessen, dass es um einen Botenauftrag oder dergleichen ging, eine Sache, die Liska für ein paar Tage aus dem alltäglichen Trott des Klosters wieder herausbringen würde. Sie sehnte sich nach der freien Stadtluft und den ungenierten Blicken, die sie den Männern draussen zuwerfen konnte. Sie wischte sich über die Klamotten, versuchte etwas von dem Pferdeduft loszuwerden, während sie weiter dem Jungen folgte. Er hatte es eilig, ziemlich eilig. Um was es wohl ging?
„Wir haben Warnungen erhalten Liska. Nimm dir Helene und reite los gen Hauptstadt. Einige Brüder sind bereits sich ebenso am fertig machen und reiten gen der anderen Himmelsrichtungen aus.“ Hochwürden Ferenk sah sie aus ernsten und besorgten Augen an. Liska durchdrang ein seltsames Gefühl, das sich zwischen Angst und Sorge befand. Für gewöhnlich tadelte er mit diesem Blick eines ihrer Verhalten, doch diesmal ging es um ernsteres... „Ich habe hier Briefe, die an das Kloster der Hauptstadt sollen. Du musst die Strecke schneller als sonst schaffen. Von dort nimm mit an Rittern und Streitern, die sich derzeit dort befinden. Wir wissen nicht, wieviele Schergen es sind, die zu uns wollen...Wir wissen nur: Es sind viele. Und nun los, beeil dich! Bruder Holger hat die Taschen mit der Wegzehrung bereits gepackt! Los!“ Sie nuschelte das bekannte 'Jawohl Hochwürden' und machte sich aus dem Zimmer. Der Befehlston gen Ende ließ sie schaudern. Seltenst hatte sie jenen gehört, doch das Drängen und die leise Furcht war neu. Es klang, als würde die Welt untergehen und keiner könne eigentlich etwas dagegen tun...
Sie schaffte die Reise in zwei statt drei Tagen, da sie die Nacht durchgeritten war. Im Kloster erst gönnte sie sich und der Stute eine Möglichkeit des Ausruhens und Augen schliessen. Sie war fertig, hundemüde und wusste eigentlich immer noch nicht so Recht, was los war. Sie hatte keinen der Briefe gelesen, wie sie es manchmal tat, um vorbereitet zu sein für irgendwelche Reaktionen. Diesmal hatte sie einfach getan, was man wollte, lag nun auf einer Steinbank im Halbschatten und döste, während sie auf weitere Order wartete. Gütige was war sie müde! Am liebsten wäre sie einfach dort geblieben, hätte drei Tage durchgeschlafen und wäre erst gar nicht zurück. Eigentlich auch eine verrückte Idee, dass sie in die Höhle des Löwen zurück sollte. Hochwürden hatte von Gefahr und dergleichen gesprochen und dann sollte sie dabei sein? Sie, die zwar immer irgendwo ein Messerchen oder einen Dolch versteckt hatte, aber damit nur imponieren konnte?! Es war zum verrückt werden, wenn die Müdigkeit nicht so vorherrschend gewesen wäre. Einen halben Tag später saß sie wieder auf Helene, der Stute und machte sich auf den Weg zurück, fünf berittene Streiter und Streiterinnen in dem Tross gen Kloster mit führend. Sie wusste, dass sie diesmal langsamer vorankämen. Müde Kämpfer waren keine richtigen Kämpfer für den Schutz des Klosters, doch trieb die Angst Liska in ein schnelleres Tempo. Sie war die einzige Ungerüstete, die einzig Rastlose. Sicher, es ging um ihr “Zuhause“, der Ort, an dem sie die letzten zwölf Jahre Sicherheit und Schutz gefunden hatte. Ein Ort, an dem sie immer wieder zurückkonnte, auch wenn sie das Geld Hochwürdens verspielt hatte oder in einen derben Streit geraten war. Der Ort....der am dritten Tag der Ankunft schon durch Rauchsäulen ahnen ließ, dass der Angreifertrupp bereits eingetroffen war. Panik erfasste sie, als sie dunklen Rauch auf dem Berggipfel sah, auf dem das Kloster sich befand. Sie ritten durch die kleine Siedlung, die von den einfachen Leuten bewohnt wurde...Leer, verbrannt, still. Felder waren abgebrannt, Hütten nur noch Kohlenreste, hier und da irrte eine Kuh oder ein Hund durch die Baracken. Doch glücklicherweise waren keine Opfer, keine Leichen zu sehen. Die Glocke der Kirche hatte sie rechtzeitig alarmiert und in den Schutz des Klosters gebracht. Liska atmete bei dem Gedanken durch, eine erste Erleichterung, ehe der nächste Zweifel kam: Was, wenn das Kloster bereits gebrandschatzt war? Würde sich das Bild der Grausamkeit erst dort offenbaren und jeglicher Schrecken seinen Lauf finden? Ein ältere Ritter mit grau melliertem Bart übernahm die Führung, ließ Liska in den Schutz der Mitte einfädeln, als sie sich dem Weg näherten. Die Konzentration lag wohl wirklich allein auf dem Angriff des Klosters...man hatte wohl kaum mit Verstärkung gerechnet oder dass sich überhaupt Streiter finden würden. Wobei...waren sie wirklich nur Verstärkung oder die einzigen, die verteidigen würden? Wenn es noch etwas zu verteidigen gab. Liska schluckte und verdrängte den Gedanken. So oft sie mit den Richtlinien des Klosters an ihre Grenzen und die Geduld der Brüder stieß....so sehr hatte sie sich doch an die ganzen Kerle gewöhnt und wollte nicht glauben, sie bereits verloren zu haben... Mit einer Handgeste gab der grau mellierte Streiter das Zeichen zum Halten, ein Horchen. Klingen trafen aufeinander, grobe Laute und Schmerzensschreie. Kampfgeräusche, die den Schluss kommen ließen, dass einige Botschaften doch nähere Ziele gefunden hatten und andere Streiter der Herrin ebenso zur Hilfe geeilt kamen.
„Kennt ihr einen Nebeneingang? Eine Stelle, wo ihr ohne Aufhebens hereingelangt?“ - die tiefe Stimme des Ritters ging gen Liska, welche knapp nickte und abstieg. „Ohne Pferd, ja...“ Sie lenkte die Stute in die Gegenrichtung und gab ihr einen Klaps, sie allein wegreiten lassend. Der Ritter nickte ihr zu und dirigierte die anderen in die Richtung des Lärms, während Liska sich in die Büsche schlug und vorsichtig in die Gegenrichtung ging. Sie kannte fast jeden Pfad um das Kloster herum; genügend nächtliche Ausflüge und gelegentliche Schmollaktionen waren hilfreiches Beiwerk dessen gewesen. Dass sie es in so einer Situation einmal gebrauchen könnte, war in diesem Alter nicht mehr vorstellbar für sie. Sie schritt über einen kleinen Trampelpfad, die Anhöhe des Berges hinauf, auf dem sich das Gelände befand. Die letzten Schritte musste sie bereits klettern, doch dies gab den Vorteil, dass jene Seite gänzlich ungeeignet für Angriffe war und so definitiv sicher für sie war....der Gemüsegarten und dessen leichter Holzverschlag war in greifbarer Nähe und bald ebenso überwunden, wo sie sich eiligst auf den Weg machte gen Kreuzgang.
Ein gänzlich anderes Bild als gewöhnlich empfing sie dort. Im Vorderhof gen Tor waren Pferde, dreckig und teilweise blutbefleckt. Kinder und Dörfler trieben sich zwischen dem Platz und der Kirche umher, zwischen ihnen immer wieder jemand auftauchend, der gerüstet war, sich sein Pferd schnappte und gen Tor ritt, um draussen seine Mitstreiter zu unterstützen. Man hatte wohl sowas wie Etappenangriffe geplant und durchgeführt. Liska war jegliches Phänomen eines Angriffes unbekannt und sie wollte auch nicht genauer wissen, wie etwas funktionierte...sie wollte nur Hochwürden finden und etwas, was sie tun konnte...
Schmerzlich kniff sie die Augen zusammen, als sie das Schreiben endlich gefunden hatte. Es war der letzte Brief, den sie bei sich getragen hatte, das mit einem schwarzen Siegel verschlossen war. Sie wusste nun, wem sie es geben musste. Sie hatte nur nicht ahnen können, dass sie damit ebenso einen Menschen verletzte, der ihr so nahe stand wie lange nicht mehr. Sie zerstörte mit diesem Brief und ihrem Botendienst das Leben ihrer Schwester, brach etwas in ihr, was sie nicht hatte zerbrechen lassen wollen. Und keine Gute Nacht Geschichte oder ein geklautes Bonbon würde es wieder gut machen können....
Gegen Abend verschlimmerte sich die Situation. Die Leute mussten alle in der Kirche bleiben, sämtliche Ritter waren draussen. Nur jene, die sich noch ans Tor schleppen konnten, wurden von den Torwächtern hinein und in die Kirche gebracht, wo man versuchte, sie zu verpflegen. Man konnte die Kirche nicht verlassen, ehe Ruhe eingekehrt war, musste sich in Geduld üben. Viele beteten, einige weinten. Liska huschte durch die Gegend, wechselte Waschschüsseln, gab den Leuten zu trinken und Brot. Sie musste etwas tun, bevor sie durchdrehte. Erst als das Krachen der Holztüre preis gab, dass die letzte Front geschlagen worden war, hielt auch sie inne und lauschte. Lauschte, hoffte...und schickte ein Stoßgebet nach oben, dass diese verdammten Hundesöhne sich ja nicht hier rein trauen sollten. Was, wenn sie es nur täten? Es schien, als würde die gesamte Kirche den Atem anhalten und warten...man hörte die weiteren Todesschreie von Männern und Frauen des Klosters, die draussen waren und das Tor bewacht hatten oder nicht tatenlos im Kirchenschiff sein wollten. Man hörte das unheimliche Stöhnen von jenen Wesen, die aus der Erde krochen und beherrscht wurden von fremden Willen. Und man hörte das dreckige Lachen derjenigen, die an all dem Schuld waren. Und wie sie lachten und ihren Triumph auskosteten...
Aber sie betraten das Kirchenschiff nicht. Sie wahrten den Respekt, das unausgesprochene Gesetz des Schutzes der Kirche. Vielleicht war der Boden auch zu heilig für sie...was es auch war, sie trauten sich nicht, doch die Geräusche ließen zu, dass sie zumindest andere Räume plünderten. Jemand bewegte sich im Kirchenschiff auf die Türe zu. Erschrocken nahm Liska die Figur von Hochwürden Ferenk wahr. Was hatte er bei allen Sinnen vor?! Sie sah, wie er ein weißes Tuch von einem der Gabentische nahm und mit jenem durch die Tür schritt. Liska jappste, wollte ihn aufhalten, doch kein Laut fand aus ihrem Rachen den Weg. Er, der sie damals erwischt hatte beim Diebstahl in der Kirche. Er, der sie aufgenommen und so gerettet hatte vor dem Leben auf der Strasse und einem schrecklichen Ende... Er, der stets immer an die anderen dachte und nicht an sich selbst. Ein leichtes Raunen ging durch die Kirche, als man draussen Stimmen eines Gespräches hören konnte, darunter wieder dieses furchtbare Lachen der Siegesbande. Liska betete und betete. Es war wohl das inbrünstigste Gebet, dass sie seit langem nach oben schickte, in der Hoffnung, dass man sie erhöre. Und wirklich, Hochwürden Ferenk kam unbehelligt wieder hinein, winkte die Brüder mit sich, ebenso Liska und raunte ihnen leise zu, dass sie die Erlaubnis hatten, die Verletzten und Toten von draussen hineinzuholen und ins Hospital zu bringen. Man würde jenes Gebäude ebenso in Ruhe lassen. Liska solle dort warten, Verbände und Schüsseln bereit haltend...
Sie fragte nicht warum und wieso, fragte nicht nach der Mildtätigkeit der Feinde. Es war für sie wohl auch eher eine schöne Zirkusvorstellung als Milde, die aus ihnen sprach, wollten sie das Spektakel des Elends doch nur wieder begaffen. Die Novizen blieben bei den Dörflern, der Rest ging los, während Liska gen Hospital rannte, das Bild der blutbespritzten Rüstungen und Untoten auszublenden suchend. Sie rannte wie eine Irre, sah kaum, was wo war, doch handelte sie einfach in den Räumen und legte alles eilig, rasch herbei. Die ersten Brüder kamen, brachten entweder stöhnende Gerüstete oder gänzlich Stumme. Die einen wurden auf die eine Seite, die andere auf die andere gelegt. Liska wusste indirekt, was jenes bedeutete.
Sie brachte jedem Bruder eine Waschschüssel, ehe sie von Hochwürden wieder abgeordert wurde, um Verbände herzuschaffen. Eine Weile herrschte Chaos, kaum sah sie wirklich, wieviel Blut und Brüche ein Ritter hatte, kaum nahm sie wahr, wie schlecht es um manchen stand. Sie handelte, handelte schlicht. Bis zu jenem Augenblick, als sie wieder eine Waschschüssel brachte, sie dem Priester reichte und nicht mehr wegkonnte, weil die Verletzte ihren Arm gepackt hatte. Fest krallten sich die Finger in Liskas Unterarm, ein Ring blitzte an ihren Finger auf. Liskas Blick streifte weiter, zu dem Gesicht der Frau, die dort lag und mit dem Leben rang. Man hatte ihr bereits den Brustpanzer entfernt, ebenso Armplatten und Handschuhe. Ihr Gesicht war totenbleich, Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, den Wangen, der Nasenspitze. Das rotbraune Haar hing klatschnass herunter, welches wohl unter dem Helm, der ebenso dort neben ihr lag, seinen Halt im Zopf verloren hatte. Der Blick Liskas ging langsam weiter runter, zu dem Grund des Ganzen, mit dem die Streiterin rang: Ein schnitt bei der Magengegend...nein, kein Schnitt, eher ein Massaker...überall Blut, eine Ahnung von weiterem, was in einem menschlichen Körper ebenso war sichtbar. Bevor die Übelkeit sie übermannte, ließ Liska den Blick wieder hochschnellen zu dem verzweifelten Blick der jungen Frau. „ Es tut so weh...es tut so verdammt weh!“ Sie hauchte es fast nur noch, doch die Angst und Panik in ihrem Blick sprach tausend Bände. Liska legte ihre freie Hand auf die der Streiterin, löste vorsichtig die Finger und versuchte beruhigend zu wirken: „Wir helfen euch, den Schmerz zu nehmen, keine Sorge.“ Dann drückte sie sich auf, nahm die blutvolle Schüssel des Priesters neben sich und ging jene auswechseln. Sie blieb den Rest der Zeit bei jener Beschäftigung, wechselte die Schüsseln bei der Streiterin aus, hörte immer wieder ihre Schmerzensschreie und bemerkte letztlich, wie der Priester ihr die letzte Beichte abnahm und ihr Mut und Fürsorge zusprach, als er betonte, dass Temora ihre Flügel über sie ausbreite und sie in ihren Reihen aufnehmen würde. Liska hatte an diesem Abend die Prozedur viel zu oft gesehen, hatte viel zu oft deswegen geschluckt und das Gefühl von Verbitterung hinuntergewürgt. Konnte man Sterbende wirklich damit trösten? Es schien bei vielen zumindest zu helfen. Einige wurden ruhiger, andere weinten ihre letzten Tränen oder gaben ihre letzten Worte an die Priester für ihre Familien. Auch die Streiterin mit dem rotbraunen Haar wurde ruhiger, fast friedlicher. Der Blutverlust hatte wohl ebenso dazu beigetragen, doch schien ihr Blick gefasster, friedlicher zu sein nach den Worten mit dem Priester. Liska bekam nicht mehr mit, wann jeder gestorben war, doch letztlich war von dem guten Dutzend Streitern keiner mehr am Leben nach Ende dieser Nacht....
Unter dem Wasserdampf schälte sich das Siegel ab und sie entfaltete das Papier, das man ihr gegeben hatte. Sie wusste, sie griff in etwas ein, was sie nicht sollte, doch die neue Erkenntnis, dass es sich um eine gute Freundin ihrer Schwester gehandelt hatte, ließ sie dies tun. Sie musste wissen, wer ihr diesen Blick der Panik zugesendet hatte, wer sie einen Moment um Hilfe angefleht hatte. Sie musste wissen, wem sie diese Hilfe verweigert hatte, sodass sie die Zeilen las:
Unter der Schwertmaid Segen, ihrer ergebenen Treue und den leitendem Lichte sende Ich Euch meine Grüße und aufrichtigsten Bekundungen des Beileids, Herr Katuri!
Ein jeder ist sich bewusst, welche Aufgabe er übernimmt, wenn er in den Dienst der Herrin tritt. Wir beten stets, dass jeder unserer Streiter aus einem Sieg herauskommt und tugendhaft seinen Dienst weiterführen kann. Auch wir, aus unserer kleinen Diözese, sind Männer des aufrichtigen Glaubens und der Verrichtung des Dienstes der Herrin im zurückgezogenem Stande. Doch mag es gerade jenes sein, die Abgeschiedenheit oder das Schicksal der Herrin, dass wir geprüft wurden von den Göttern und ihrem eigenen Streit. Etwa Zwanzig bis Dreißig Mann überfielen unser Kloster. Wir hatten gerade noch Zeit, in die nahegelegenen Ortschaften Eilbotschaften zu senden und um Hilfe zu bitten, da in unserer Anlage keine Streiter der Herrin ansässig waren. Es kam somit zu einem Kampf zwischen vermutlich Angehörigen alatarischen oder jeglich bösen Glaubens und einer Handvoll Streitern Temoras, die unser Kloster schützen wollten.
Ich muss Euch leider mitteilen, dass eure Angetraute, Leah Katuri, in dieser Schlacht gefallen ist. Sie ist in einem ehrenhaften Kampf an den Verletzungen im späteren Verlauf gestorben.
Euer Gnaden Julius nahm ihr die Beichte ab, ich selbst habe ihr die Hand in ihren letzten Atemzügen gehalten. Ihre letzten Gedanken galten eurer Person und ich solle euch lediglich auf den Weg geben, dass ihr glücklich werden sollt. Sie wünscht allerdings, dass ihr euch um das Grab eines Freundes, namentlich Andreas Myrtol kümmern sollt. Es schien ihr wichtig und ich kann euch lediglich bitten, dass ihr jenem Wunsch nachkommen mögt.
Sofern ihr weitere Zweifel habt, kann ich euch mitteilen, dass sie einen Ring am Finger trug, der die Gravur „Gehe ohne Furcht“ enthielt. Wir haben jenen bei ihr belassen, ebenso wurde sie samt Rüstung und Schwert der Schildmaid beerdigt.
Ich kann nur nochmals betonen, dass eure Gemahlin tugendhaft in jedem Sinne gekämpft und bis zuletzt diesen treu geblieben ist. Die Herrin wird ihre Seele zu sich tragen und ihrem Geiste den Platz neben sich weisen. Das Schicksal Temoras hat gewählt und entschieden.
Seid euch unseres tiefsten Beileides gewiss.
Mit ebenso trauerndem Herzen um der Streiter verbleibend,
Hochwürden des Kloster Albertals,
ansässig in dem Herzogtum Alrynes.
Sie würde das Siegel wieder verschliessen und mit etwas Wachs unkenntlich machen. Sie hoffte, dass Raindri nicht zu genau hinsehen würde, doch in einem Zustand wie jenem war es eigentlich auszuschliessen. Sie wusste nur, dass sie weiter nichts wusste...Und dass es diesmal nicht nur ein Name auf einer Liste war, deren Todesmeldung sie hatte überbringen müssen. Diesmal war sie mittendrin.