Memoiren des Bartos Arcoza
Verfasst: Freitag 24. August 2012, 15:06
Memoiren des Bartos Arcoza
An diesem Scheideweg meines sündhaften Lebens, gepeinigt von der selbst umschmeichelten Willkür und Grausamkeit der Welt, dem Glauben ans Schicksal nähergebracht, teilhabend am Bedürfnis des Alters dem Geist der Vergangenheit greifbare Form zu verleihen, hebe ich nunmehr an, diesen Pergamenten die Entsetzlichkeit meiner eigenen Person, sowie die Tragik des unbeeinflussbaren Verlaufes meiner Geschichte anzuvertrauen, deren schrecklicher Protagonist zu sein mir in meiner Zeitspanne widerfuhr und weiterhin widerfahren wird.
An meine frühen Tage erinnere ich mich nur wage. Mit Bestimmtheit weiß ich aber zu sagen, dass die wenigen Jahre in der Obhut meiner leiblichen Eltern, neben dem kürzeren Anflug friedsamer Menschlichkeit, die ansehnlichsten meiner Zeit gewesen sind.
Ich war ein blutjunger Knabe zweier traumbildlicher Gestalten, die mir - und das ist das einzige, woran ich mich wirklich noch erinnern kann, da die Wirkung mein gesamtes Leben, als Stiller Nachhall, in mir mitschwingt und mich begleitet - die Ahnung einer gehobenen Sittsamkeit einimpften und mich von allen Gefahren des Lebens fernhielten; so wie's der Arzt handhabt, der den Patienten präventiv vor der niederträchtigen mikrobiologischen Barberei der Welt zu schützen versucht.
So wie Leute mit einer paranoiden Befürchtung und einem naiven Lösungsansatz, Leute, die ihren Kindern bewusst den Makel der Welt durch Verschleierung nicht visualisieren lassen, um die Hirne ihrer geliebten Brut in keinem Falle einer möglichen Domestizierung des schwarzen Hirten oder einem dunklen Schauspiel auszusetzen; wie einen dummen Welpen, von dem sie fürchten müssen er würde vom kleinsten negativen Einfluss vom Friedliebenden zum Beisser mutieren oder forthin in Angst leben.
Ernährt, gelehrt, und behütet von meinen Schöpfern, wuchs ich in einer verblümten Weltlüge auf. Dem Paar der guten Absicht, schien in ihrem traumtänzerischen Erziehungsdogma jedoch entgangen zu sein, dass die Welt immer einen Weg findet dem Einsilbigen das Prinzip der Dualität zu vermitteln und das idealistische Bild zu sprengen. Ihnen schien entgangen zu sein, dass die Vorenthaltung eines esszenziellen Entwicklungsschrittes viel eher zu einer grausamen Seelenbehinderung und perversen Verkrüppelung beiträgt, als die Inkaufnahme vermeintlich negativer Eigenschaften durch subjektiv negative Umstände und Einflüsse. Die wiederum, bei korrekter und intelligenter erzieherischer Rückkopplung, negiert würden, d.h. dass also viel mehr die Aspekte des "Bösen" aktiv ins Bild des "guten Menschen" einzugliedern im Stande sein und ihn schlicht zu rechtschaffendem Handeln zu bewegen, eine bessere Option gewesen wäre.
Das Leben aber als immer blühende, glückliche Rose darzustellen, wo doch das Leid und der Tod so allgegenwärtig sind, schafft keinen Welt- oder Seelenfrieden, sondern soziale Krüppel und immer mehr Verständnislosigkeit und Verblendung im Individuum.
Es kam also eines Tages dazu, dass das Fundament, die Lüge, meines unbewusst statischen Weltbildes mit brachialer Gewalt zerschmettert, das Herz meiner Sichtweise brutal aus seiner verklärten Brust gerissen wurde und werden musste!
Ich will hier nicht Seiten darüber füllen, wie der Ablauf jenes Tages gewesen ist, an dem meine Eltern starben. Auch alle folgenden Ereignisse sollen hier nicht eingehend und detailliert beschrieben werden. Wichtig ist nur zu wissen, dass sie vor meinen Augen den Armen des Todes dargeboten und mir, entgegen des Natürlichen, d.h. entgegen des allgegenwärtigen Vorgangs der Alterung, durch Dritte, entrissen wurden.
Es ist schwer zu beschreiben, wie sich das Kind fühlt, welches mit einer unbekannten Gegebenheit - dem Normalzustand unserer verkommenen Gesellschaft - konfrontiert wird, wo ihm doch Liebe und Herrlichkeit in allen Dingen gepredigt wurden und nun einsam und verlassen in einer stinkenden Gasse, neben den Leichen seiner Eltern hockt.
Vielleicht wird es anschaulich, wenn ich direkt zum nächsten, aus diesem Ereignis resultierendem Abschnitt meines Lebens, übergehe.
Fortan lebte ich als Weise. Mit der Zeit lernte ich in den Städten auf die eine oder andere Weise zu überleben. Ich stank. Stank aus dem Mund, unter den Armen, ich stank an der Kimme, ich stank im Gehirn. Im Gehirn nämlich, da ich es vorzugsweise liebte mir mein Wasser und Brot nicht an den Marktplätzen zu klauen, sondern, da ich ein kräftiger junger Bursche war, bei den anderen gleichaltrigen Weisenkindern, die das Glück oder Unglück hatten etwas zu ergattern und die ihrerseits mickriger und schwächer waren als ich. Und ungeachtet jeder Moral und einer Menschlichkeit vollig entfremdet und beraubt, tötete ich den ersten Menschen - es war ein kleiner Junge - im Alter von 11 Jahren, wegen einer zu Boden gefallenen Praline, die ich, trotz seiner Flinkheit, für mich beanspruchte.
Mit 13 Jahren scharte ich zum ersten Mal, als renitentester aller Weisen, andere Kinder um mich, mit deren Hilfe es uns nun gelang auch Erwachsene auzurauben. Wild wie wir waren, machten wir nur vor wenigen Personen halt und rein aus Prinzip, gab es bei uns nur eine einzige Regel. Sie galt der Sicherheit und lautete, dass nur einzelne Personen oder Frauenpaare überfallen und ihrer Wertsachen entledigt wurden - wehrten sie sich, erstach man sie.
Im Alter von 16 Jahren unterlag ich einem geringfügigen Geisteswandel. Keinem eklatanten zwar, aber ich erkannte, dass meine Kindheit langsam ein Ende fand, ich mich infolgedessen von meiner langanhaltenden Lebensweise trennen und einen differenzierten Weg einschlagen musste. Die letzte Stadt an der wir uns aufhielten und in der ich mich von meiner Gruppe trennte, war eine große und im Handel etablierte Hafenstadt, in der es naheliegend war, wenn man sich schon einmal dort befand, Arbeit auf einem der Schiffe zu suchen.
Die ersten Aufgaben, die ich je auf einem Schiff übernahm, waren die Säuberung von Deck, Küche und Kajüte, sowie die zeitweise Kontrolle der Takelage und ihres Tauwerkes - letzeres nur in Begleitung eines erfahrenen Matrosen.
Ich genoß das Meer. Seine Unberechenbarkeit erinnerte mich stets an die einschlägigen Fügungen meines Lebens - ich mochte diese Unvorhersehbarkeit von Stille und tosender Sintflut, den Geruch des von Salz und Algen schweren Wassers, die an den Planken aufspritzende Gischt - ich liebte den Wink der Freiheit.
Das ging einige Jahre so hin. Mein kämpferisches und blutrünstiges Gemüt, dieser exorbitante Überlebenswillen, flaute von Tag zu Tag weiter ab und wich einer allgemeinen Zufriedenheit.
Das Schiff auf dem ich am Tag des Umbruchs arbeitete hieß "Cornelia". Eine gigantische Viermastbark mit gleißend weißen Segeln, gerade neu erbaut und auf einer ihrer ersten Fahrten. Die Ladung des Massenfrachters bestand zum Großteil aus Gewürzen der umliegenden Länder. Die Primärladung aber bestand aus einigen versiegelten Truhen, über deren Inhalt unsere Mannschaft nur spekulieren konnte. Sie waren ein Versöhnungsgeschenk des westlichen Königreiches an den Osten, welche in jener Zeit durch einige periphere Auseinandersetzungen in Konflikt geraten waren. Mit dem Geschenk wollte der Westen dem Osten seine Bonität deutlich machen.
Doch wie das Schicksal so spielt, wurden wir Opfer der immer stärker vertretenen Piraterie auf den Meeren. Die Garde, die zur Sicherstellung und der tatsächlichen Übergabe mit auf die Reise geschickt worden war, wurde vernichtend geschlagen und ich, der ich gerade im Begriff war Einsicht in ein normales und geregeltes Leben zu erhalten, dem Alptraum meiner Kindheit zu entkommen mich fast schon im Stande gesehen hatte, wurde von der raffgierigen Mannschaft verschleppt und wieder zum Putzsklaven degradiert.
Eine glückliche Fügung aber war wohl, dass Piraten derzeitig auch keinen Halt vor anderen Piraten machten. Das mir unbekannte Schiff wurde nach einigen Wochen seinerseits überfallen.
Und hier beginnt der vermutlich prägenste Teil meiner wankelmütigen Persönlichkeit. Der Kampf zwischen den beiden Mannschaften war verherend. Doch wo die anderen Gefangenen die Möglichkeit zur Flucht ergriffen, waren die Kämpfe mir eine Reminiszenz. Mich durchfluteten die Bilder der Verhangenheit und ich spürte wie sehr ich mich nach der Gewalt gesehnt hatte. Wieviel Wut sich in mir aufgestaut hatte in all der Zeit, in der ich meine wuchtige Faust nicht in den Gesichtern kleinerer Würmer vergraben konnte, die mir das Recht zur Selbstbestimmung abschwätzig machen wollten. Und so war ich plötzlich Teil derer, die mich verschleppt und hatten hungern und arbeiten lassen. Ich tötete mit Wonne im Namen mir unbekannter Lumpen und Gauner. Und ohne zu behaupten, dass es meine Wenigkeit war, die zum Sieg verhalf, gewann unsere Partei gegen das angreifende Schiff. Ich, der ich vielleicht nicht ausschlaggebend am Sieg gewesen bin, bin aber dennoch in den Reihen der Mannschaft aufgefallen und wurde gefeiert und akzeptiert, wie der, der sein Leben für Brüder riskiert hatte.
Die Jahre verstrichen. Und ich, der ich immer älter wurde, verschaffte mir Ansehen und Stand, der weniger aus Besitz, mehr aus Respekt bestand, bis ich eines Tages der 1. Maat des Kapitäns war. Wenn Piraten auch zum Großteil aus grobschlächtigen Halbaffen bestehen, dann wissen sie dennoch zu schätzen, wenn man eine klare Meinung vertritt und zusätzlich in der Lage ist sie zu formulieren. Außerdem in mir einen gravitätischen Hühnen zu sehen, der seine Worte mit Bedacht wählen konnte und sich nicht ausschließlich mit der verwerflichen Aura der Dummheit brillierte, gleichzeitig aber auch befähigt war Humor sowie die sadistische Ader in Einklang zu bringen und bestimmt eine Horde Primaten zu leiten wusste, das gefiel den Männern meistens ganz gut. Und wem es seinerzeit nicht gefiel, der hatte auf seine Bauchdecke zu achten.
Die genauere Ausführung dieser Eigenschaften ist einfach und schnell erklärt. Ich berichtete am Anfang meiner kleinen persönlichen Rekapitulation des Lebenslaufes von "Lehren" meiner Eltern. Wo viele freie Seefahrer nicht lesen konnten und/ oder können, hatte ich eine gute und frühe Ausbildung erhalten. Ich war zwar jung, aber durchaus in der Lage selbstständig zu lesen. Das Interesse mich mit der Sprache auseinanderzusetzen ging im Verlauf der Jahre niemals gänzlich verloren. Auch wenn vorgeordnete Bedürfnisse, wie das Überleben, temporär meine Aufmerksamkeit weitläufig in Auspruch nahmen, klammerte ich mich an den Drang der Banalität meiner Lebensumstände einen bitteren aber schimmernden Namen zu geben.
Plötzlich durch den Tod meiner Eltern von einer einschneidigen auf einer zweischneidigen Klinge tänzeln zu müssen, ohne je auf diese Möglichkeit vorbereitet gewesen zu sein, machte aus mir einen großen Zyniker des Lebens. Wenn es zu Situationen kam in denen Leute die mich ausgeraubt hatten, mich unnötig ärgerten oder verletzten, danach um ihr Leben bettelten, ich könne doch nicht so erbarmunglos, nicht so ein grausamer Mensch sein, dann lamentierte ich gerne, dass es keine finalen Lösungen, sondern immer nur Setzungen innerhalb einer Vielzahl ähnlicher Möglichkeiten gäbe, die durch Situationen bedingt seien. Nein, sagte ich dann, ich sei nicht so grausam, aber auch nicht gutmütig. Dass es das reine "Gute" genauso wenig, wie das reine "Böse" gäbe und ich mich gerne auf freiwilliger Basis zwischen diesen beiden Möglichkeiten persönlicher Haltungen und Wesenszügen entscheide. Ich setze auf seinen Tod, allein der Belustigung oder der Rache wegen. Der nächste, sagte ich manchmal, habe vielleicht mehr Glück als er.
Ich denke es zeichnet sich langsam ein Bild, inwiefern der Tod meiner geistlosen und schwachsinnigen Eltern und ihrer utopischen Vorstellung einer Erziehungsweise, einen auf der einen Seite pragmatischen und talentierten Schreiber und Sprecher hervorgebracht hat, aber auch einen verachtenswerten Schlächter, der sich als solchen erkennt, aber nicht aufhören will und kann zu schlachten, um seine Freiheit vor der Unberechenbarkeit nicht einbüßen zu müssen; inwiefern sie also eine ekelhafte Ambivalenz geschaffen haben, die schlechtes tut, das Schlechte als 'möglicherweise' verwerflich erkennt, reflektiert, aber nicht kategorisch ablehnt, und eher selbst das Rad der Unberechenbarkeit zu sein pflegt, als sich von ihm überraschen zu lassen.
Es gibt auch eine Zeit der Liebe. In jedem Kapitel des noch so zwiespältigen Wesens, gibt es doch immer die Liebe. Sie ist noch nicht lange her, 12 Jahre um genau zu sein.
Ihr Name war Dyantina. Ich lernte sie auf unserem Schiff kennen, als sie frisch angeheuert wurde. Unsere Beziehung war eine, die unter einem ständigen hin und wieder von Zärtlichkeit und trockener Rohheit litt. Und doch liebten wir uns über alles. Es war diese Art von Bindung, die zwischen einem Planeten und einer Sonne herrscht. Ein umeinanderkreisen, ohne zu erreichen. Eine Annäherung an Vereinigung, von der Angst sich zu verbrennen begleiten, was mal den einen, wie den anderen zur Flucht zwang, deren eigene Gravität ein gänzliches Entkommen jedoch nicht zuließ.
Und so wurde sie eines Tages schwanger und unser Verhältnis besserte sich. In wochenlangen Debatten diskutierten wir schließlich darüber, dass sie, da sie jetzt ein Kind empfange, darüber, ob wir unser Leben nicht grundsätzlich ändern sollten und auf's Festlant ziehen könnten. Ich war der Meinung, dass es nicht von nöten sei. Sie dagegen, wehrte sich vehement gegen meine Ansicht. So war die Entscheidung im Moment ihres Machtspruches gefällt, da mir eigentlich von Beginn an weder eine wirkliche Positionierung, noch ein Mitspracherecht zustand. Sie war die Schwangere.
Im 7. Monat ihrer Schwangerschaft starb sie.
Jedem Seefahrer ist der schauerliche Moment bekannt, wenn sich, schwarz silbrig flammend, am Horizont der Abgesandte einer von Verzweiflung und Panik durchtränkten Hölle, ankündigt. Wenn die düstere Bedrohung einer Orkanfront langsam über die Oberfläche des Ozeans kriecht und den von Freiheit träumenden Seemann mit Fausthieben auf den Boden irdischer Ungerechtigkeiten zurück schleudert.
An jenem Tag sahen wir förmlich, wie die Massen zweier unterschiedlich temperierter Lüfte in einem unerbittlichen Kampf umeinander rollten und von ihrem kreischenden Zwist, völlig der Normalität entfremdet, mit über 100 Knoten auf unser bereits schwächelndes Schiff zudonnerten. Wir versuchten damals über eine schmale Seezunge hinter einen vom zwei wassernahen Bergen zu gelangen, in der Hoffnung das Unwetter verwirble sich beim Aufprall auf das Felsmassiv. Unserem Navigator schien nicht klar gewesen zu sein, dass die Möglichkeit einer Kanalisierung bestand, während der Wind in der Mitte der beiden Berge hindurch raste. Von dem Umstand nicht mehr großflächig rotieren zu können, sondern durch die topographischen Umgebungseigenschaften zur Einigung gezwungen, entstand eine Art Talwind, der an Wucht nur weiter zunahm. Und als die Luftmassen sich wie unsichtbare Schlangen um die Berge wanden, erfasste uns das Unwetter in völlig ungekannten Ausmaßen. Unser Schiff sank, die Männer ertranken, die Frauen ertranken - meine Frau ertrank. Und viele Jahre betrat ich kein Schiff mehr. Die Paranoia einem weiteren Unwetter so hilflos uns dumm zum Opfer zu fallen, ein weiteres Mal so viele Dinge zu verlieren, die ich liebte, ließ mich - nun allein - dem Wunsch meiner verstorbenen Frau nachkommen.
Ich versuchte mein Leben grundlegend zu ändern und trat einer Söldnerzünft bei, die von verschiedenen, mir meist gänzlich gleichgültigen Gruppierungen angeheuert wurde. Vom Seefahrer wurde ich zum Krieger - und bin es heute noch.
Aber wie jeder, der sich der Ferne einmal verschrieben hat, der den köstlichen, freiheitträchtigen Windzug der See je in seine Lugen hat strömen lassen und nur sich selbst verschrieben war, bin ich in der Eigenart des unbeirrbaren Wunsches nach Selbstbestimmung gefangen. Ich kann mich den Befehlen anderer nicht fügen. Ich kann mich nicht unterordnen - ich kann Entscheidungen nicht einzig anderen überlassen. Ich muss, Leser! ich muss zurück! Zurück zur See, denn ich zergehe auf den Landmassen, wie eine ihrer wahren Natur, ihrer wahren Schönheit beraubten Feuerqualle.
Zurück zur See.
Bartos Aziz
An diesem Scheideweg meines sündhaften Lebens, gepeinigt von der selbst umschmeichelten Willkür und Grausamkeit der Welt, dem Glauben ans Schicksal nähergebracht, teilhabend am Bedürfnis des Alters dem Geist der Vergangenheit greifbare Form zu verleihen, hebe ich nunmehr an, diesen Pergamenten die Entsetzlichkeit meiner eigenen Person, sowie die Tragik des unbeeinflussbaren Verlaufes meiner Geschichte anzuvertrauen, deren schrecklicher Protagonist zu sein mir in meiner Zeitspanne widerfuhr und weiterhin widerfahren wird.
An meine frühen Tage erinnere ich mich nur wage. Mit Bestimmtheit weiß ich aber zu sagen, dass die wenigen Jahre in der Obhut meiner leiblichen Eltern, neben dem kürzeren Anflug friedsamer Menschlichkeit, die ansehnlichsten meiner Zeit gewesen sind.
Ich war ein blutjunger Knabe zweier traumbildlicher Gestalten, die mir - und das ist das einzige, woran ich mich wirklich noch erinnern kann, da die Wirkung mein gesamtes Leben, als Stiller Nachhall, in mir mitschwingt und mich begleitet - die Ahnung einer gehobenen Sittsamkeit einimpften und mich von allen Gefahren des Lebens fernhielten; so wie's der Arzt handhabt, der den Patienten präventiv vor der niederträchtigen mikrobiologischen Barberei der Welt zu schützen versucht.
So wie Leute mit einer paranoiden Befürchtung und einem naiven Lösungsansatz, Leute, die ihren Kindern bewusst den Makel der Welt durch Verschleierung nicht visualisieren lassen, um die Hirne ihrer geliebten Brut in keinem Falle einer möglichen Domestizierung des schwarzen Hirten oder einem dunklen Schauspiel auszusetzen; wie einen dummen Welpen, von dem sie fürchten müssen er würde vom kleinsten negativen Einfluss vom Friedliebenden zum Beisser mutieren oder forthin in Angst leben.
Ernährt, gelehrt, und behütet von meinen Schöpfern, wuchs ich in einer verblümten Weltlüge auf. Dem Paar der guten Absicht, schien in ihrem traumtänzerischen Erziehungsdogma jedoch entgangen zu sein, dass die Welt immer einen Weg findet dem Einsilbigen das Prinzip der Dualität zu vermitteln und das idealistische Bild zu sprengen. Ihnen schien entgangen zu sein, dass die Vorenthaltung eines esszenziellen Entwicklungsschrittes viel eher zu einer grausamen Seelenbehinderung und perversen Verkrüppelung beiträgt, als die Inkaufnahme vermeintlich negativer Eigenschaften durch subjektiv negative Umstände und Einflüsse. Die wiederum, bei korrekter und intelligenter erzieherischer Rückkopplung, negiert würden, d.h. dass also viel mehr die Aspekte des "Bösen" aktiv ins Bild des "guten Menschen" einzugliedern im Stande sein und ihn schlicht zu rechtschaffendem Handeln zu bewegen, eine bessere Option gewesen wäre.
Das Leben aber als immer blühende, glückliche Rose darzustellen, wo doch das Leid und der Tod so allgegenwärtig sind, schafft keinen Welt- oder Seelenfrieden, sondern soziale Krüppel und immer mehr Verständnislosigkeit und Verblendung im Individuum.
Es kam also eines Tages dazu, dass das Fundament, die Lüge, meines unbewusst statischen Weltbildes mit brachialer Gewalt zerschmettert, das Herz meiner Sichtweise brutal aus seiner verklärten Brust gerissen wurde und werden musste!
Ich will hier nicht Seiten darüber füllen, wie der Ablauf jenes Tages gewesen ist, an dem meine Eltern starben. Auch alle folgenden Ereignisse sollen hier nicht eingehend und detailliert beschrieben werden. Wichtig ist nur zu wissen, dass sie vor meinen Augen den Armen des Todes dargeboten und mir, entgegen des Natürlichen, d.h. entgegen des allgegenwärtigen Vorgangs der Alterung, durch Dritte, entrissen wurden.
Es ist schwer zu beschreiben, wie sich das Kind fühlt, welches mit einer unbekannten Gegebenheit - dem Normalzustand unserer verkommenen Gesellschaft - konfrontiert wird, wo ihm doch Liebe und Herrlichkeit in allen Dingen gepredigt wurden und nun einsam und verlassen in einer stinkenden Gasse, neben den Leichen seiner Eltern hockt.
Vielleicht wird es anschaulich, wenn ich direkt zum nächsten, aus diesem Ereignis resultierendem Abschnitt meines Lebens, übergehe.
Fortan lebte ich als Weise. Mit der Zeit lernte ich in den Städten auf die eine oder andere Weise zu überleben. Ich stank. Stank aus dem Mund, unter den Armen, ich stank an der Kimme, ich stank im Gehirn. Im Gehirn nämlich, da ich es vorzugsweise liebte mir mein Wasser und Brot nicht an den Marktplätzen zu klauen, sondern, da ich ein kräftiger junger Bursche war, bei den anderen gleichaltrigen Weisenkindern, die das Glück oder Unglück hatten etwas zu ergattern und die ihrerseits mickriger und schwächer waren als ich. Und ungeachtet jeder Moral und einer Menschlichkeit vollig entfremdet und beraubt, tötete ich den ersten Menschen - es war ein kleiner Junge - im Alter von 11 Jahren, wegen einer zu Boden gefallenen Praline, die ich, trotz seiner Flinkheit, für mich beanspruchte.
Mit 13 Jahren scharte ich zum ersten Mal, als renitentester aller Weisen, andere Kinder um mich, mit deren Hilfe es uns nun gelang auch Erwachsene auzurauben. Wild wie wir waren, machten wir nur vor wenigen Personen halt und rein aus Prinzip, gab es bei uns nur eine einzige Regel. Sie galt der Sicherheit und lautete, dass nur einzelne Personen oder Frauenpaare überfallen und ihrer Wertsachen entledigt wurden - wehrten sie sich, erstach man sie.
Im Alter von 16 Jahren unterlag ich einem geringfügigen Geisteswandel. Keinem eklatanten zwar, aber ich erkannte, dass meine Kindheit langsam ein Ende fand, ich mich infolgedessen von meiner langanhaltenden Lebensweise trennen und einen differenzierten Weg einschlagen musste. Die letzte Stadt an der wir uns aufhielten und in der ich mich von meiner Gruppe trennte, war eine große und im Handel etablierte Hafenstadt, in der es naheliegend war, wenn man sich schon einmal dort befand, Arbeit auf einem der Schiffe zu suchen.
Die ersten Aufgaben, die ich je auf einem Schiff übernahm, waren die Säuberung von Deck, Küche und Kajüte, sowie die zeitweise Kontrolle der Takelage und ihres Tauwerkes - letzeres nur in Begleitung eines erfahrenen Matrosen.
Ich genoß das Meer. Seine Unberechenbarkeit erinnerte mich stets an die einschlägigen Fügungen meines Lebens - ich mochte diese Unvorhersehbarkeit von Stille und tosender Sintflut, den Geruch des von Salz und Algen schweren Wassers, die an den Planken aufspritzende Gischt - ich liebte den Wink der Freiheit.
Das ging einige Jahre so hin. Mein kämpferisches und blutrünstiges Gemüt, dieser exorbitante Überlebenswillen, flaute von Tag zu Tag weiter ab und wich einer allgemeinen Zufriedenheit.
Das Schiff auf dem ich am Tag des Umbruchs arbeitete hieß "Cornelia". Eine gigantische Viermastbark mit gleißend weißen Segeln, gerade neu erbaut und auf einer ihrer ersten Fahrten. Die Ladung des Massenfrachters bestand zum Großteil aus Gewürzen der umliegenden Länder. Die Primärladung aber bestand aus einigen versiegelten Truhen, über deren Inhalt unsere Mannschaft nur spekulieren konnte. Sie waren ein Versöhnungsgeschenk des westlichen Königreiches an den Osten, welche in jener Zeit durch einige periphere Auseinandersetzungen in Konflikt geraten waren. Mit dem Geschenk wollte der Westen dem Osten seine Bonität deutlich machen.
Doch wie das Schicksal so spielt, wurden wir Opfer der immer stärker vertretenen Piraterie auf den Meeren. Die Garde, die zur Sicherstellung und der tatsächlichen Übergabe mit auf die Reise geschickt worden war, wurde vernichtend geschlagen und ich, der ich gerade im Begriff war Einsicht in ein normales und geregeltes Leben zu erhalten, dem Alptraum meiner Kindheit zu entkommen mich fast schon im Stande gesehen hatte, wurde von der raffgierigen Mannschaft verschleppt und wieder zum Putzsklaven degradiert.
Eine glückliche Fügung aber war wohl, dass Piraten derzeitig auch keinen Halt vor anderen Piraten machten. Das mir unbekannte Schiff wurde nach einigen Wochen seinerseits überfallen.
Und hier beginnt der vermutlich prägenste Teil meiner wankelmütigen Persönlichkeit. Der Kampf zwischen den beiden Mannschaften war verherend. Doch wo die anderen Gefangenen die Möglichkeit zur Flucht ergriffen, waren die Kämpfe mir eine Reminiszenz. Mich durchfluteten die Bilder der Verhangenheit und ich spürte wie sehr ich mich nach der Gewalt gesehnt hatte. Wieviel Wut sich in mir aufgestaut hatte in all der Zeit, in der ich meine wuchtige Faust nicht in den Gesichtern kleinerer Würmer vergraben konnte, die mir das Recht zur Selbstbestimmung abschwätzig machen wollten. Und so war ich plötzlich Teil derer, die mich verschleppt und hatten hungern und arbeiten lassen. Ich tötete mit Wonne im Namen mir unbekannter Lumpen und Gauner. Und ohne zu behaupten, dass es meine Wenigkeit war, die zum Sieg verhalf, gewann unsere Partei gegen das angreifende Schiff. Ich, der ich vielleicht nicht ausschlaggebend am Sieg gewesen bin, bin aber dennoch in den Reihen der Mannschaft aufgefallen und wurde gefeiert und akzeptiert, wie der, der sein Leben für Brüder riskiert hatte.
Die Jahre verstrichen. Und ich, der ich immer älter wurde, verschaffte mir Ansehen und Stand, der weniger aus Besitz, mehr aus Respekt bestand, bis ich eines Tages der 1. Maat des Kapitäns war. Wenn Piraten auch zum Großteil aus grobschlächtigen Halbaffen bestehen, dann wissen sie dennoch zu schätzen, wenn man eine klare Meinung vertritt und zusätzlich in der Lage ist sie zu formulieren. Außerdem in mir einen gravitätischen Hühnen zu sehen, der seine Worte mit Bedacht wählen konnte und sich nicht ausschließlich mit der verwerflichen Aura der Dummheit brillierte, gleichzeitig aber auch befähigt war Humor sowie die sadistische Ader in Einklang zu bringen und bestimmt eine Horde Primaten zu leiten wusste, das gefiel den Männern meistens ganz gut. Und wem es seinerzeit nicht gefiel, der hatte auf seine Bauchdecke zu achten.
Die genauere Ausführung dieser Eigenschaften ist einfach und schnell erklärt. Ich berichtete am Anfang meiner kleinen persönlichen Rekapitulation des Lebenslaufes von "Lehren" meiner Eltern. Wo viele freie Seefahrer nicht lesen konnten und/ oder können, hatte ich eine gute und frühe Ausbildung erhalten. Ich war zwar jung, aber durchaus in der Lage selbstständig zu lesen. Das Interesse mich mit der Sprache auseinanderzusetzen ging im Verlauf der Jahre niemals gänzlich verloren. Auch wenn vorgeordnete Bedürfnisse, wie das Überleben, temporär meine Aufmerksamkeit weitläufig in Auspruch nahmen, klammerte ich mich an den Drang der Banalität meiner Lebensumstände einen bitteren aber schimmernden Namen zu geben.
Plötzlich durch den Tod meiner Eltern von einer einschneidigen auf einer zweischneidigen Klinge tänzeln zu müssen, ohne je auf diese Möglichkeit vorbereitet gewesen zu sein, machte aus mir einen großen Zyniker des Lebens. Wenn es zu Situationen kam in denen Leute die mich ausgeraubt hatten, mich unnötig ärgerten oder verletzten, danach um ihr Leben bettelten, ich könne doch nicht so erbarmunglos, nicht so ein grausamer Mensch sein, dann lamentierte ich gerne, dass es keine finalen Lösungen, sondern immer nur Setzungen innerhalb einer Vielzahl ähnlicher Möglichkeiten gäbe, die durch Situationen bedingt seien. Nein, sagte ich dann, ich sei nicht so grausam, aber auch nicht gutmütig. Dass es das reine "Gute" genauso wenig, wie das reine "Böse" gäbe und ich mich gerne auf freiwilliger Basis zwischen diesen beiden Möglichkeiten persönlicher Haltungen und Wesenszügen entscheide. Ich setze auf seinen Tod, allein der Belustigung oder der Rache wegen. Der nächste, sagte ich manchmal, habe vielleicht mehr Glück als er.
Ich denke es zeichnet sich langsam ein Bild, inwiefern der Tod meiner geistlosen und schwachsinnigen Eltern und ihrer utopischen Vorstellung einer Erziehungsweise, einen auf der einen Seite pragmatischen und talentierten Schreiber und Sprecher hervorgebracht hat, aber auch einen verachtenswerten Schlächter, der sich als solchen erkennt, aber nicht aufhören will und kann zu schlachten, um seine Freiheit vor der Unberechenbarkeit nicht einbüßen zu müssen; inwiefern sie also eine ekelhafte Ambivalenz geschaffen haben, die schlechtes tut, das Schlechte als 'möglicherweise' verwerflich erkennt, reflektiert, aber nicht kategorisch ablehnt, und eher selbst das Rad der Unberechenbarkeit zu sein pflegt, als sich von ihm überraschen zu lassen.
Es gibt auch eine Zeit der Liebe. In jedem Kapitel des noch so zwiespältigen Wesens, gibt es doch immer die Liebe. Sie ist noch nicht lange her, 12 Jahre um genau zu sein.
Ihr Name war Dyantina. Ich lernte sie auf unserem Schiff kennen, als sie frisch angeheuert wurde. Unsere Beziehung war eine, die unter einem ständigen hin und wieder von Zärtlichkeit und trockener Rohheit litt. Und doch liebten wir uns über alles. Es war diese Art von Bindung, die zwischen einem Planeten und einer Sonne herrscht. Ein umeinanderkreisen, ohne zu erreichen. Eine Annäherung an Vereinigung, von der Angst sich zu verbrennen begleiten, was mal den einen, wie den anderen zur Flucht zwang, deren eigene Gravität ein gänzliches Entkommen jedoch nicht zuließ.
Und so wurde sie eines Tages schwanger und unser Verhältnis besserte sich. In wochenlangen Debatten diskutierten wir schließlich darüber, dass sie, da sie jetzt ein Kind empfange, darüber, ob wir unser Leben nicht grundsätzlich ändern sollten und auf's Festlant ziehen könnten. Ich war der Meinung, dass es nicht von nöten sei. Sie dagegen, wehrte sich vehement gegen meine Ansicht. So war die Entscheidung im Moment ihres Machtspruches gefällt, da mir eigentlich von Beginn an weder eine wirkliche Positionierung, noch ein Mitspracherecht zustand. Sie war die Schwangere.
Im 7. Monat ihrer Schwangerschaft starb sie.
Jedem Seefahrer ist der schauerliche Moment bekannt, wenn sich, schwarz silbrig flammend, am Horizont der Abgesandte einer von Verzweiflung und Panik durchtränkten Hölle, ankündigt. Wenn die düstere Bedrohung einer Orkanfront langsam über die Oberfläche des Ozeans kriecht und den von Freiheit träumenden Seemann mit Fausthieben auf den Boden irdischer Ungerechtigkeiten zurück schleudert.
An jenem Tag sahen wir förmlich, wie die Massen zweier unterschiedlich temperierter Lüfte in einem unerbittlichen Kampf umeinander rollten und von ihrem kreischenden Zwist, völlig der Normalität entfremdet, mit über 100 Knoten auf unser bereits schwächelndes Schiff zudonnerten. Wir versuchten damals über eine schmale Seezunge hinter einen vom zwei wassernahen Bergen zu gelangen, in der Hoffnung das Unwetter verwirble sich beim Aufprall auf das Felsmassiv. Unserem Navigator schien nicht klar gewesen zu sein, dass die Möglichkeit einer Kanalisierung bestand, während der Wind in der Mitte der beiden Berge hindurch raste. Von dem Umstand nicht mehr großflächig rotieren zu können, sondern durch die topographischen Umgebungseigenschaften zur Einigung gezwungen, entstand eine Art Talwind, der an Wucht nur weiter zunahm. Und als die Luftmassen sich wie unsichtbare Schlangen um die Berge wanden, erfasste uns das Unwetter in völlig ungekannten Ausmaßen. Unser Schiff sank, die Männer ertranken, die Frauen ertranken - meine Frau ertrank. Und viele Jahre betrat ich kein Schiff mehr. Die Paranoia einem weiteren Unwetter so hilflos uns dumm zum Opfer zu fallen, ein weiteres Mal so viele Dinge zu verlieren, die ich liebte, ließ mich - nun allein - dem Wunsch meiner verstorbenen Frau nachkommen.
Ich versuchte mein Leben grundlegend zu ändern und trat einer Söldnerzünft bei, die von verschiedenen, mir meist gänzlich gleichgültigen Gruppierungen angeheuert wurde. Vom Seefahrer wurde ich zum Krieger - und bin es heute noch.
Aber wie jeder, der sich der Ferne einmal verschrieben hat, der den köstlichen, freiheitträchtigen Windzug der See je in seine Lugen hat strömen lassen und nur sich selbst verschrieben war, bin ich in der Eigenart des unbeirrbaren Wunsches nach Selbstbestimmung gefangen. Ich kann mich den Befehlen anderer nicht fügen. Ich kann mich nicht unterordnen - ich kann Entscheidungen nicht einzig anderen überlassen. Ich muss, Leser! ich muss zurück! Zurück zur See, denn ich zergehe auf den Landmassen, wie eine ihrer wahren Natur, ihrer wahren Schönheit beraubten Feuerqualle.
Zurück zur See.
Bartos Aziz