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Das zweite Blut der Familie Vhelvet...

Verfasst: Sonntag 5. August 2012, 00:11
von Vincent Elias Vhelvet
Die toten, kalten Finger lagen in seinen Händen. Er spürte nichts, keine menschliche Wärme, kein Leben. Er spürte nur die kalte Umarmung Krathors in den alten Fingern. Die Haut blass, die Augen geschlossen, die blassen Lippen halb geöffnet… was war nur passiert?

Er hatte gelitten…

Er hatte gekämpft…



Die dunklen, braunen Augen lagen starr auf den leblosen Zügen der Mutter. Seine Finger hoben sich langsam vor sein Gesicht, die Hände bedeckt mit dem dunkelrotem Lebenssaft, welche aus der Wunde quoll. Offenbar hatte jemand ein Schwert in die Brust seiner Mutter gerammt…

Seine Züge lediglich erhellt durch den Kerzenschein einer einzigen Kerze auf dem alten Holztisch, starrte ihn sein eigenes Spiegelbild leicht trübe entgegen. Die dunklen Augen wurden gläsern… er spürte Schmerz, Zorn, Wut und unter einem kurzen Moment, als der Schmerz unterträglich wurde, presste er die Hand zur Faust, ein dünner Schwall von Blut spritzte unter dem Druck hervor, doch spürte er nur die kalte Berührung auf seinen Zügen, die Augen bereits unter der Anspannung geschlossen…

Vor nun mehr 33 Jahren war er geboren. Der Vater ein Fischer, die Mutter eine Schneiderin. Sie lebten in armen Verhältnissen am Rand einer Stadt im Armenviertel.

Er war das erstgeborene Kind, seine Schwester, die den Namen Sarya Lenia trug, war 4 Jahre später geboren. Die Schwester mit dem weißen Haar. Er war noch viel zu jung gewesen, als das er sich hätte daran erinnern können, was wirklich zwischen den Eltern passiert war, er erinnerte sich lediglich an den Missmut den der Vater trug, unter den Vorwürfen, dass die Mutter sich mit einem anderen Mann vergnügt hätte.

Seine Kindheit war als solches relativ ereignislos, lag sein eigenes Bemühen lediglich darin, seine Mutter, die mit dem jungen Mädchen beschäftigt war, zu entlasten und seinem Vater beim Angeln zu helfen, aber er spürte, dass sich die Zeiten änderten. Der Vater beginn die Sorgen um das Geld, seinen Missmut und seine Unzufriedenheit in Alkohol zu ertränken, und er spürte heute noch die Faust in seinem Gesicht, wenn der Fischer wieder mal die Kontrolle verlor. Mit der Zeit zog es Vincent vor, sich außerhalb des Hauses aufzuhalten, hatte er doch selbst nie den Mut, sich gegen seinen Vater zu wehren.
Oft sah er zu seiner Schwester, die genauso wach wie er im Bett lag, gemeinsam lauschten sie den klagenden Lauten der Mutter, wenn der Vater sich an ihr verging und trotz des Hasses und dem Zorn, den der junge Mann spürte, hatte er es noch immer nicht geschafft, seine Familie gegen diesen Tyrann zu verteidigen. Er schaffte es nicht einmal seine Schwester zu verteidigen, zog er es einfach vor, sich aus dem Staub zu machen.

Er konnte sich noch gut erinnern, wie er eines Nachts aufschreckte, aufgrund der lauten Schreie der Mutter, obwohl er sich inzwischen an die Laute gewöhnt hatte, waren sie in dieser Nacht um einiges lauter. Die Türe stand ein Stück weit auf, das Bett seiner Schwester leer und als er einen Blick in den kleinen Wohnraum warf, sah er seine Schwester, wie sie sich gegen den Vater werte, ihm sogar den Gürtel aus der Hand riss, was ihn durchaus verwunderte, war Sarya immerhin noch immer ein junges Mädchen. Natürlich verebbte auch die Verwunderung bei dem Vater schnell, unter einer folgenden Ohrfeige und er selbst zog sich auch wieder zurück... nicht das der Vater ihn auch noch in den Fokus nahm.

Die nächsten Jahre vergingen in dem selben quälendem Trott - Vincent genoss die Ruhe, wenn er für sich sein konnte, im Gegensatz zu seiner Schwester, die sich für Bücher und solchem Zeug interessierte, nutze er seine Freizeit um den Wald als seinen Spielplatz zu benutzen. Er lernte seinen Körper zu beherrschen, die Balance, und auch die Wendigkeit, die es bedarf, wenn man an einem Baum oder ähnlichem empor kletterte. Zwar hatte seine Mutter ihn immer wieder gemahnt, dass es gefährlich sei und auch Lesen, sowie Schreiben ihm mal nutze könnte - es interessierte ihn aber nicht, so wurde er auch immer wieder von seiner kleineren Schwester mit "Affe" gehänselt, was er ihr aber nie übel nahm. Es waren kleine Momente, in denen die Familie ohne den Tyrann lachen konnte.
Er wusste nicht mehr genau wann es war, als irgendein seltsamer Mann Sarya einfach mitnahm. Er hatte es gar nicht so richtig verstanden, oder gar nachvollziehen können, er sah nur wie einige Goldstücke den Besitzer wechselten und die Schwester dann auch schon fort war. Wieder der Schmerz des Verlustes, der Zorn, über das hässliche Grinsen des Vaters, als er die Goldstücke in seinen Fingern wog, die weinenden Laute seiner Mutter... wie er ihn hasste...

Er wurde älter, seine Schwester war fort, er mied sein Zuhause, sein Vater immer noch der selbe Tyrann, begann Vincent mehr und mehr sich um sich selbst zu kümmern, sich von dem Zorn und dem Hass abzulenken, doch war er immer ein stetiger Begleiter gewesen, das hässliche, grobschlächtige Gesichts seines Herren eine Art Reagenz, so konnte er sich noch so sehr ablenken... wann immer er ihn sah, brodelte es in ihm und er verfluchte sich selbst, für seine Furcht.
Irgendwann, er war inzwischen etwas um die 20 Sommer alt, kam er nach Hause und fand seine Mutter weinend vor, die Hände waren mit Dolchen auf den Tisch genagelt. Er hatte das Bild noch genau vor Augen, es lies ihn erschaudern, würgen, dann das Bild seines Erzeugers, wie er in der Ecke saß, die Hände voller Blut, die wulstigen Lippen geziert von einem hässlichen Lächeln, gläserne Augen, der Gestank von Alkohol, dann diese Worte...
"Deine Mutter is' jetzt arbeitslos... hatse mehr Zeit und muss mir nich mehr son scheiß Fraß vorstellen..."
Der kalte Zorn in seinem Inneren, zulange hatte er nichts getan, dieser Mensch, dieses Stück Fleisch, er schämte sich dafür, dass er von diesem Mann abstammte und in den Momenten der benebelten Emotion, erlöste er die Hände der Mutter von den schlichten Messern. Noch heute spürte er den Druck, der in seinen Fingern lag, mit denen er das hölzerne Heft fest umschloss... noch heute sah er das hässliche, besoffene Grinsen und spürte dann das wohltuende Gefühl, als er die Messer in Richtung seines Erzeugers warf. Das wohltuende Gefühl, wie er sich seinem Zorn hingeben konnte und beobachten konnte, wie sich die Messer in das Fleisch des Mannes bohrten, die klagenden Laute der Mutter nicht mehr als ein dumpfes Geräusch im Hintergrund, nur noch den Blick für das Blut und die gurgelnden Laute des Mannes, als dieser unter den Messern in der Kehle und der Brust erstarb...
Es wurde nicht mehr viel geredet, seine Mutter war verschlossener geworden, die Sehnen waren durchtrennt worden, den ganzen Tag saß sie nur in der Stube und starrte in der Gegend herum, es wurde Still um die kleiner gewordene Familie, doch er wollte nicht aufgeben. Erst versuchte er sich weiterhin einige Münzen durch das Fischen zu verdienen, erfolglos, also begann er sich in das Innere der Stadt zu bewegen.
Die ersten Jahre versuchte er sich einige Münzen mit betteln zu verdienen, allerdings wurde er wieder und wieder von Wachen verscheucht, was ihn dazu brachte sein Äußeres zu verändern. Der Bart wuchs, die Haare wurden länger und zu einem Zopf gebunden. Er begann mit Dreck sein Züge zu kaschieren, sowie auch die Farbe seiner Kleidung um nicht länger erkannt zu werden, als das, was er bekannt war - ein Bettler.
Es hatte ohnehin nie gereicht um seine Familie zu versorgen, dann diese verachtenden Blicke, dieser Spott... der Blick auf die Völlerei der Menschen, wer hatte ihn dazu verdammt so zu leben, wie er lebt? Sollte es irgendwann besser werden? Er erinnerte sich an die Worte seiner Schwester, die immer sagte, dass dort oben jemand ist, der auf uns herabschaut...
Der Blick wurde wieder klarer, das Blut seiner Mutter an seinen Händen inzwischen getrocknet. In den vergangen Jahren, hatte er sich einfach genommen, was er wollte, seine akrobatischen Fähigkeiten genutzt um zu fliehen, die Maskerade um nicht aufzufallen, manchmal sogar einfach den stillen Moment nutzend...
Er hatte nie jemandem damit geschadet, sich nur Dinge angeeignet, die sie ohnehin in Massen besaßen und wenn es nur ein Laib Brot war und nun hatte man ihm den letzten Menschen genommen. Sie bekamen alle den Mund nicht voll, die Händler rollten teilweise durch die Straßen, hatten nie einen Finger krumm gemacht...
War er Schuld, dass seine Mutter tot war? Nein... er hatte nicht aufgegeben, er hatte weitergekämpft, nun gibt es nichts mehr, was ihn hier halten würde. Er spürte wie sich unterbewusst seine blutigen Finger zu den Messern bewegten, mit denen er damals seinen Vater erstach.
Seine Lippen berührten ein letztes Mal die Stirn der Mutter, die alte Haut kalt unter seinem Kuss, was den Zorn und den Hass in seinem Inneren nur noch weiter schürte...
Er weiss, wo er zu suchen hat... und sie werden den Tod finden, wie sein Erzeuger seinen Tod fand. Zu lange hatte es gedauert, bis er seine Furcht überwand, nun werden die, die ihm das letzte nahmen, ihr eigenes Blut schmecken...

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