Seite 1 von 1

Trauer

Verfasst: Donnerstag 26. Juli 2012, 03:15
von Corinne von Weissenstein
Viel Zeit war vergangen, seit sie sich das letzte Mal hatte sehen lassen. Erst das Fieber, das ihren Körper der von zu vielen Übungen ohnehin schon geschwächt war gänzlich nieder gestreckt hatte, dann der Tod ihres geliebten Bruders. Wie oft hatte sie sich darüber beschwert, dass sie immer nur an ihm gemessen wurde? An ihm, der sein wollte wie der Hochadel, der mehr sein wollte. Und nun war er tot. Ein trockenes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle als die Tränen zurück kehrten. Ihr geliebter Bruder... Gabriel, der hinter ihr auf dem Pferd gesessen hatte, kaum das er hatte richtig laufen können. Er, der ihr den ersten Bogen geschenkt hatte, den, den sie noch heute führte und niemals ablegen würde. Sie konnte es noch immer nicht glauben.

Wie war es geschehen? Sie wusste es nicht. Wer hatte ihn getötet? Niemand vermochte es ihr zu sagen. Sie hatte nicht einmal eine Leiche, die man begraben konnte. Sie hatte nicht einmal... nicht einmal eine Geschichte, die sie ihren Eltern würde erzählen können, außer der, dass ihr geliebter Bruder tot war. Nicht mehr da. Nie wieder würde er sie in die Arme schließen, nie wieder neckend darüber sprechen, was sie tun oder lassen sollte. Er würde nicht mehr besorgt die Stirn runzeln, wenn sie zur Jagd aufbrach. Nicht weil er sich damit abgefunden hatte, wie sie es gehofft hätte, sondern weil er nicht mehr da war, um all die kleinen Dinge zu tun, die seine Liebe zu ihr ausgemacht hatten. Er würde nicht mehr scherzhaft an ihrem Zopf ziehen, nicht mehr darüber reden dass sie bei ihm leben sollte. Er würde nicht der sein, der sie eines Tages in die Hände eines Ehemannes gab.

Dabei war er so jung. So stark, so kraftvoll, nicht kränklich und zart wie sie selbst. Doch sie lebte. Sie hatte jede Schlacht, jede Krankheit überlebt während ihr starker Bruder, der ein Krieger hätte sein sollen, tot war. Die Trauer um ihn machte sie beinahe wahnsinnig, und während sie durch die Wälder und Wiesen strich, die nun in ihrem sommerlichen Grün erblühten, weinte sie um ihn. Sie weinte um die Dinge, die sie ihm nie gesagt hatte. Sie weinte um die Dinge, die er niemals hatte tun können. Wusste die Dame, der er einst sein Herz geschenkt hatte darum? War sie vielleicht der Grund?

Man wird sie wohl sehen, in der nächsten Zeit. Wieder und wieder streift sie durch die Wälder um Adoran herum und manches Mal steht sie wohl auch vor dem Haus in dem sie einst mit ihm lebte. Trauer zeichnet das noch immer blasse und von der Krankheit ausgemergelte Gesicht, doch Tränen sieht man keine. Nur hin und wieder findet man einen Strauß Sommerblumen im Garten der Residenz, früh am Morgen obwohl man sich sicher war, dass sie am Abend noch nicht da gewesen waren. Irgendwann wohl auch einen Fetzen Pergament, den der nächste Regen gleich auflösen würde und auf dem die Worte in Corinnes regelmäßiger Handschrift geschrieben stehen:

Obwohl Du fort bist, bist du immer bei mir.
Immer da, nie vergessen. Ich liebe Dich.