Wett-Trinken
Verfasst: Dienstag 3. Juli 2012, 04:12
Wett-Trinken
In ihrem Schädel donnerte es ganz so, als ob es Götter gäbe, die nach einem langweiligen Trinkgelage ihre Götter-Macht ausspielten, um Ungläubige dafür zu strafen, dabei zugesehen zu haben.
Das Erwachen war schmerzlich und die ersten Schritte sehr unpräzise.
Ein gekonnter Griff zum Wasserschlauch entpuppte sich als Steigerung des Götter-Hohns. Nicht einmal beide verkrampften Fäuste vermochten, ein wenig Wasser hinauszupressen. Scheinbar war der letzte Rest - von irgendwem - schon vorher verschwendet worden.
Verfluchtes Weibsstück!
Sicherlich hatte ihre Trinkrivalin heimlich den Wasserschlauch geleert,
um IHR standhalten zu können.
Ohne ernsthafte Zweifel war Ellen Farris die unwillkommene Mätresse eines gut situierten Adeligen, der sie aushielt, weil sie ein ganz ansehnliches Frätzchen und eine gespielt schüchterne Manier ihr eigen nannte, die den dekadenten Geld-Pöbel erfahrungsgemäß so erfreute. Eine von der Sorte war es, die sich heimlich davonstahl, um "Abenteuer" zu erleben, wie es die armen Leute zu tun pflegen, denen das unsägliche Glück, sich im Hunger zu bewegen, angeboren war, wie dem Schweine sein Grunze-Zinken.
Wie einem Hund hatte sie ihr die achthundert Taler achtlos hinterlassen.
Hingeworfen, als ob es ihr nicht das Mindeste an Schaden zufügte, bar
jeder Aufmerksamkeit für die Größe der Summe. Ohne jeden Kommentar.
Dass einem billiger Fusel den klaren Sinn in Wolken hüllen kann, das war
bekannt. Doch war ganz sicher kein Mensch von Verstand derart vom Suff benebelt, dass er die Wirklichkeit so respektlos verkennen, oder sich zumindest so gnadenlos unhöflich gebärden konnte.
Mit gemischten Gefühlen dachte Rahelle an den gemeinsamen Rückweg
in die Stadt. Aus glatter Eitelkeit hatte sie die angebotenen fünfhundert
Taler auf eintausend erhöht - die Streitsumme, um die es beim Wett-Gesaufe zu gehen hatte. Ein feister Spaß war das gewesen.
Rahelle prüfte ihren Geldbeutel. In der Tat, die volle Summe war
noch immer darin enthalten. Achthundertdreiunddreißig Münzen - ein Vermögen. Der Lohn eines Vierteljahres Arbeit unterdecks, mit Schwielen an den Händen, Öde im Hirne, Frust im Wanst und Hass im Herzen.
Jetzt war sie schon zum zweiten Mal auf dieses Kind gestoßen.
Wenn sie im Nachhinein daran dachte, welch unermesslicher Spott doch in Ellens Frage gelegen hatte, ob sie wohl eine "Söldnerin suche".
Ärmliche Fetzen am Leibe schienen als stumme Antwort nicht hinreichend gewesen zu sein, ein schüchterner Püppchen-Blick auf die Farbe der sonnengepeitschten Haut einer Arbeiterin mitnichten.
Rahelle wechselte ihre Kleidung, bürstete ihr Haar, um den Vorfall zu vergessen.
Die Freude über die im billigen Wettstreit gegen eine Unerfahrene gewonnene Summe vermochte nicht im Ansatz ihre Ärgernis zu überdecken, die sie beim Gedanken an dies Weibsstück empfand,
dem sie den prallen Zustand ihres Geldbeutels verdankte.
Und obendrein noch ein Locken-Kopf mit festem und geschmeidigem Haar, der es scheinbar nicht nötig hatte, eine Bürste zu benutzen, damit das Haar erhalten bleibt! Fluch auf die Götter!
Ein stupides Mundwerk hatte sie, jedes Wort hinausgeschlängelt wie durch einen winzigen Sprach-Engpaß, durchtränkt von Höflichkeit und... Charme.
Rahelle überraschte sich selbst im Moment der Erkenntnis über den
Grund des unliebsamen Gefühls, das sie für ihre erste akzeptable Bekanntschaft auf diesem neuen Kontinent empfand.
Endlose Wochen auf- und niedergehender Sonne am Deck hatten ihr
keine Freundschaften beschert, keinen einzigen Menschen, mit dem es
in der Tat auch einmal ganz frei und lustig war, zu reden.
Befremdlicherweise konnte sie mit diesem Sonnen-Kind der Geld-Aristokratie in Silberplatte durchaus reden, ohne den Eindruck zu haben, in bezug auf ein erklärtes bestimmtes Ziel mit jemandem zu reden. Ging es auch um zaubernde Bettel-Grolme aus den tiefen Unterbauten der Stadt oder bettelnde Zauber-Wichtel, die noch mehr Eindruck im Gemüte
dieses Kindes hinterlassen hatten, als die furchtdurchwobenen Träume einer Heranwachsenden der höheren Schicht.
Umso mehr störte Rahelle, dass sie von der Dummheit ihrer neuen Bekanntschaft so kaltherzig profitiert hatte.
Ellen war wirklich ganz witzig. Sie brachte dann und wann einen einstudierten kleinen Schwank, schämte sich für fast jedes Wort, das sie sprach.
Sie hatte ein liebes und hübsches Gesicht und sehr ehrliche Augen,
und ihre Versuche, die dritte Regel des Trinkwettkampfes zu vertuschen,
waren so herzig, dass Rahelle nicht ein einziges Mal vermocht hatte, sie darauf hinzuweisen, dass sie bald verlieren würde, wenn sie sich nicht würde zügeln können.
Kurzum - darum ging es nicht. Rahelle konnte sich in den nächsten Tagen ein wenig Ruhe gönnen, da für Brot und Wein gesorgt war.
"Nimm, was du kriegen kannst!", war ihr gesagt worden. "Und wenn du es nicht hergeben musst, behalt es und suche immer mehr!".
"Gute Bekanntschaften sind kein Garant für eine gute Rente."
Rahelle griff in ihre Tasche, nahm eine Handvoll Münzen heraus,
schritt der Spelunke im Hafenviertel von Rahal zu, in der sie dasselbe
am Nachmittag erworben hatte, und investierte die Münzen
in eine ordentliche Suppe, einen Krug Wein und einen warmen und
sauberen Schlafplatz, denn ihr Schädel plagte sie noch immer...
In ihrem Schädel donnerte es ganz so, als ob es Götter gäbe, die nach einem langweiligen Trinkgelage ihre Götter-Macht ausspielten, um Ungläubige dafür zu strafen, dabei zugesehen zu haben.
Das Erwachen war schmerzlich und die ersten Schritte sehr unpräzise.
Ein gekonnter Griff zum Wasserschlauch entpuppte sich als Steigerung des Götter-Hohns. Nicht einmal beide verkrampften Fäuste vermochten, ein wenig Wasser hinauszupressen. Scheinbar war der letzte Rest - von irgendwem - schon vorher verschwendet worden.
Verfluchtes Weibsstück!
Sicherlich hatte ihre Trinkrivalin heimlich den Wasserschlauch geleert,
um IHR standhalten zu können.
Ohne ernsthafte Zweifel war Ellen Farris die unwillkommene Mätresse eines gut situierten Adeligen, der sie aushielt, weil sie ein ganz ansehnliches Frätzchen und eine gespielt schüchterne Manier ihr eigen nannte, die den dekadenten Geld-Pöbel erfahrungsgemäß so erfreute. Eine von der Sorte war es, die sich heimlich davonstahl, um "Abenteuer" zu erleben, wie es die armen Leute zu tun pflegen, denen das unsägliche Glück, sich im Hunger zu bewegen, angeboren war, wie dem Schweine sein Grunze-Zinken.
Wie einem Hund hatte sie ihr die achthundert Taler achtlos hinterlassen.
Hingeworfen, als ob es ihr nicht das Mindeste an Schaden zufügte, bar
jeder Aufmerksamkeit für die Größe der Summe. Ohne jeden Kommentar.
Dass einem billiger Fusel den klaren Sinn in Wolken hüllen kann, das war
bekannt. Doch war ganz sicher kein Mensch von Verstand derart vom Suff benebelt, dass er die Wirklichkeit so respektlos verkennen, oder sich zumindest so gnadenlos unhöflich gebärden konnte.
Mit gemischten Gefühlen dachte Rahelle an den gemeinsamen Rückweg
in die Stadt. Aus glatter Eitelkeit hatte sie die angebotenen fünfhundert
Taler auf eintausend erhöht - die Streitsumme, um die es beim Wett-Gesaufe zu gehen hatte. Ein feister Spaß war das gewesen.
Rahelle prüfte ihren Geldbeutel. In der Tat, die volle Summe war
noch immer darin enthalten. Achthundertdreiunddreißig Münzen - ein Vermögen. Der Lohn eines Vierteljahres Arbeit unterdecks, mit Schwielen an den Händen, Öde im Hirne, Frust im Wanst und Hass im Herzen.
Jetzt war sie schon zum zweiten Mal auf dieses Kind gestoßen.
Wenn sie im Nachhinein daran dachte, welch unermesslicher Spott doch in Ellens Frage gelegen hatte, ob sie wohl eine "Söldnerin suche".
Ärmliche Fetzen am Leibe schienen als stumme Antwort nicht hinreichend gewesen zu sein, ein schüchterner Püppchen-Blick auf die Farbe der sonnengepeitschten Haut einer Arbeiterin mitnichten.
Rahelle wechselte ihre Kleidung, bürstete ihr Haar, um den Vorfall zu vergessen.
Die Freude über die im billigen Wettstreit gegen eine Unerfahrene gewonnene Summe vermochte nicht im Ansatz ihre Ärgernis zu überdecken, die sie beim Gedanken an dies Weibsstück empfand,
dem sie den prallen Zustand ihres Geldbeutels verdankte.
Und obendrein noch ein Locken-Kopf mit festem und geschmeidigem Haar, der es scheinbar nicht nötig hatte, eine Bürste zu benutzen, damit das Haar erhalten bleibt! Fluch auf die Götter!
Ein stupides Mundwerk hatte sie, jedes Wort hinausgeschlängelt wie durch einen winzigen Sprach-Engpaß, durchtränkt von Höflichkeit und... Charme.
Rahelle überraschte sich selbst im Moment der Erkenntnis über den
Grund des unliebsamen Gefühls, das sie für ihre erste akzeptable Bekanntschaft auf diesem neuen Kontinent empfand.
Endlose Wochen auf- und niedergehender Sonne am Deck hatten ihr
keine Freundschaften beschert, keinen einzigen Menschen, mit dem es
in der Tat auch einmal ganz frei und lustig war, zu reden.
Befremdlicherweise konnte sie mit diesem Sonnen-Kind der Geld-Aristokratie in Silberplatte durchaus reden, ohne den Eindruck zu haben, in bezug auf ein erklärtes bestimmtes Ziel mit jemandem zu reden. Ging es auch um zaubernde Bettel-Grolme aus den tiefen Unterbauten der Stadt oder bettelnde Zauber-Wichtel, die noch mehr Eindruck im Gemüte
dieses Kindes hinterlassen hatten, als die furchtdurchwobenen Träume einer Heranwachsenden der höheren Schicht.
Umso mehr störte Rahelle, dass sie von der Dummheit ihrer neuen Bekanntschaft so kaltherzig profitiert hatte.
Ellen war wirklich ganz witzig. Sie brachte dann und wann einen einstudierten kleinen Schwank, schämte sich für fast jedes Wort, das sie sprach.
Sie hatte ein liebes und hübsches Gesicht und sehr ehrliche Augen,
und ihre Versuche, die dritte Regel des Trinkwettkampfes zu vertuschen,
waren so herzig, dass Rahelle nicht ein einziges Mal vermocht hatte, sie darauf hinzuweisen, dass sie bald verlieren würde, wenn sie sich nicht würde zügeln können.
Kurzum - darum ging es nicht. Rahelle konnte sich in den nächsten Tagen ein wenig Ruhe gönnen, da für Brot und Wein gesorgt war.
"Nimm, was du kriegen kannst!", war ihr gesagt worden. "Und wenn du es nicht hergeben musst, behalt es und suche immer mehr!".
"Gute Bekanntschaften sind kein Garant für eine gute Rente."
Rahelle griff in ihre Tasche, nahm eine Handvoll Münzen heraus,
schritt der Spelunke im Hafenviertel von Rahal zu, in der sie dasselbe
am Nachmittag erworben hatte, und investierte die Münzen
in eine ordentliche Suppe, einen Krug Wein und einen warmen und
sauberen Schlafplatz, denn ihr Schädel plagte sie noch immer...