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Ankunft in der neuen Heimat

Verfasst: Dienstag 19. Juni 2012, 19:46
von Kendra Silberberg
Noch ganz grün im Gesicht setzte sie den ersten Schritt auf von der Planke hinunter auf den Steg und schwankte. Was ein Elend, diese Schifffahrt gewesen war!
Nicht nur, dass es dauerhaft Seegang gegeben hatte, denn im Norden waren die Winde doch etwas rauer als im Süden, auch noch in den frühen Sommermonden, nein, ihre Seekrankheit machte ihr darüber hinaus noch Probleme. Niemals würde sie verstehen, wie diese Menschen, diese Seeleute, so davon schwärmen konnten.
Zu allem Überfluss hatte sie nunmehr das Problem, dass selbst die ebene gute Mutter Erde unter ihren Füßen zu schwanken schien, wie die Schaluppe, die über die Wellen rollte.
Kendra atmete einmal tief durch, zahlte ihre Passage bei dem Kapitän und nahm ihre paar Habseligkeiten und ebenso den Brief, den sie überbringen wollte, an sich. Zwar kannte sie noch keine Menschenseele hier, außer einer, die es nun zu finden galt, aber der Empfänger würde bestimmt leicht zu finden sein.
Sie ging bis zu den kleinen Tischen und Bänken hinüber, stellte dort ihren Sack noch mal ab und brachte ihre zerzausten Haare in eine annehmbare Ordnung und bändigte sie in einem Zopf.
„Ich hätte die Zeit nutzen sollen auf der Seefahrt, mir anständige Kleider zu nähen“, murmelte sie leise vor sich hin und strich die in Mitleidenschaft gezogene Robe möglichst glatt. Den Sack schulterte sie hiernach wieder und machte sich auf den Weg. Ihr Glück, dass ihr Ziel schon länger in Gerimor weilte, und sie hoffte sehr, dass sie nicht allzu weit von dort, wo sie angelandet war, sesshaft geworden war.
Noch einmal atmete sie tief durch und trat auf eine der Wachen am Tor zu, um sich leiser Stimme zu erkundigen, wo sie die Frau finden konnte, die sie suchte.

„Fahrt mit der Kutsche nach Adoran, irgendwo vor den Mauern, noch außerhalb, hat sie ihren Hof“, lautete die Antwort. Irgendwo war sehr vage, aber es war ein guter Anfang. Sie dankte dem Mann freundlich und ging zum Kutscher hinüber, dem sie ein paar Münzen zusteckte, das Reiseziel benannte und in dessen Kutsche stieg.
Müde zog sie die Vorhänge zu und döste, während das Gefährt über den Weg rumpelte. Wie lange es brauchte, wusste sie später nicht zu sagen. Das laute Klopfen auf das Dach der Kutsche ließ sie hochschrecken aus dem Halbschlaf. Eilig sammelte sie ihren Sack ein und stieg aus, um sich neugierig umzusehen. Artig bedankte sie sich noch, dann eilte sie auch schon auf den ersten Hof zu, um auf das Schild zu schauen.
Nicht der Richtige. Und weiter ging die Suche.

Es war bereits dunkel geworden, als sie sie schon von weitem sehen konnte, und erleichtert aufatmete. Da stand sie und versorgte gerade die Pferde.
Erstaunlich genug, dass sie sie überhaupt erkannte, immerhin hatten sie sich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen. Das letzte Mal, als sie einander gegenüber standen, war sie gerade mal elf Sommer alt gewesen. Ohnehin waren die Verwandtschaftsverhältnisse sehr entfernt. Wir hatten die gleichen Urgroßeltern, wenn sie sich recht erinnerte.
Mit ein wenig Bauchschmerzen trat sie näher heran. Die Angst davor, dass Llynya sie vielleicht wieder fortschickte, schnürte ihr im ersten Moment die Kehle zu. Immerhin stand sie hier völlig unangekündigt und überraschend.

Ein weiteres Problem war ja, wie erklärte sie ihr, warum sie hier war? Im Grunde war nichts geschehen, was das rechtfertigte. Es war nur der simple einfache Wunsch woanders neu anzufangen. Daheim hatte sie nichts mehr gehalten. Ihre Eltern hatte sie vor zwei oder drei Jahren gerade verlassen und war flügge geworden, wie man so schön sagte. Die Geschwister waren auch in alle Winde verstreut. Das Dorf, in dem sie vorübergehend gelebt hatte, sagte ihr nicht so zu, wie sie zu Anfang gedacht hatte und die Mentalität der Menschen dort ging ihr zuweilen doch sehr quer hinunter.
Viel würde sie wohl auch Llynya nicht anbieten können, als Gegenleistung für den Unterschlupf. Zumindest jetzt noch nicht. Aber vielleicht ja irgendwann einmal mehr, wenn sie sich noch ein bisschen mehr übte. Und bei den Tieren konnte sie bestimmt Hilfe brauchen, vielleicht auch bei der Obsternte. Oh, zu tun würde es hier bestimmt genug geben, stellte sie für sich fest.

„Grüß dich, Llynya“, sprach sie dann leise, nachdem sie allen Mut zusammen genommen hatte.