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Verborgene Wege

Verfasst: Dienstag 12. Juni 2012, 15:08
von Alynara Saphira Cadrach
Verborgene Wege...

Wie lange war sie nun schon unterwegs? Ein Jahr? Wahrscheinlich sogar noch länger. Eigentlich wollte sie auch gar nicht so genau darüber nachdenken, denn dann musste sie sich unweigerlich den Grund ins Gedächtnis rufen, weshalb sie ihre Heimat verlassen hatte.
Heimat – ein eigenartiges Wort in ihren Ohren, fremdartig, unbekannt.
Heimat war dort, wo man sich zuhause fühlte – sagte man das nicht so? Stirnrunzelnd betrachtete sie die Umgebung und den kleinen Teich vor sich und horchte in sich hinein, nur ganz vorsichtig. Jetzt, wo sie allein war, musste sie aufpassen, dass sie längst verborgenes nicht wieder hervor holte, versehentlich alte Wunden aufkratzte. Könnte dieses Land so etwas wie eine Heimat werden?

Vorhin noch, als sie nicht allein war, konnte sie alle Mauern aufrecht halten – erstaunlich, weil er doch viel zu viel mitbekam. Sie würde sich wohl langsam eine Geschichte einfallen lassen müssen – nicht für ihn, aber für alle anderen. Eine wasserdichte. Eine, die sie nicht verletzbar machte. Eine, die sie erzählen konnte, ohne jedes Wort abwägen zu müssen, um sich nicht selbst zu verletzen.
Weshalb vertraute sie ihm eigentlich? Sie kannte ihn doch kaum. Aber er hatte ähnliches erlebt – zumindest in einer Hinsicht, in der dunkelsten, die sie sich vorstellen konnte und als er es aussprach, wusste sie genau, welchen Schmerz er gefühlt hatte. Eine eigenartige Vertrautheit, wenn man Schmerz unabsichtlich teilte.

Schnell wischte sie die Gedanken beiseite. Den Kopf ausschalten. Und damit doch auch das Herz, obwohl sie es nie zugegeben hätte vor ihm – bei manchen Dingen hatte er doch Recht. Vielleicht sollte sie einfach mal auf ihr Bauchgefühl hören? Oder besser nicht, wer wusste schon, wo sie dann landen würde. Aber wollte sie nicht genau das herausfinden? Zu viele Entscheidungen, die irgendwie zu treffen waren. Nachdenklich blähte sie die Wangen auf und pustete die Luft aus. "Hör auf so viel zu denken, Lyna!" schalt sie sich selbst.

So vieles war neu hier. Magier, die Lieder hörten. Rabendiener, die Seelen und Blut wollten. Drachen, Kobolde, Oger, Zweiköpfe, Riesenspinnen und was nicht noch alles.

Und noch irgendetwas war anders hier. Nicht nur, dass sie sich zu ihm auf irgendeine Art und Weise hingezogen fühlte – auf welche, das würde sich wohl zeigen – nein, auch noch die anderen Menschen, die sie kennengelernt hatte und von denen manche sie doch unweigerlich anzogen...

Verfasst: Mittwoch 13. Juni 2012, 14:28
von Alynara Saphira Cadrach
Ohje, wo schlitterte sie da nur hinein?
Wieso konnte eigentlich nicht einfach mal ein Tag ohne kleinere oder größere Katastrophen vergehen? Leise schnaufend schlug sie die Tür des gemieteten Zimmers hinter sich zu und lehnte sich dagegen – fast so, als hätte sie Angst, dass jemand gleich die Tür einrennen würde – und sie damit in der nächsten Misere landete.
Gut, heute hatte immerhin keiner ihre Seele gewollt – aber ihre Nähe und das war beinahe noch schlimmer.
Sie hatte ihn wiedergetroffen, hatte wieder Stunden mit ihm verbracht, hatte jegliche Regung in seinen Zügen registriert. Auch wenn sie selbst verschlossen war, so war sie doch aufmerksam genug, viel zu viel um sie herum mitzubekommen. Vielleicht lag es auch genau daran. Wenn man auf sich selbst nicht achten wollte oder konnte, vielleicht achtete man dann mehr auf andere.

Ihr war der Blick nicht entgangen, den er der Blondine hinterher geworfen hatte und unweigerlich hatte sie die Stirn in Falten gelegt. Weil sie eifersüchtig war? Nein. Er hielt es anscheinend für genau das und doch war es etwas anderes. Sorge? Aber wovor. Jemandem zu vertrauen – das war wohl die einzige Antwort darauf.
Wieder waren sie allein, wieder war diese Vertrautheit zwischen ihnen, die daher stammte, dass sie beide ähnliches erlebt hatten. Und auch wenn sie eigentlich nicht dachte, dass er damit lauthals posaunend durch die Straßen laufen würde, hatte sie das Gefühl, ihn bitten zu müssen, es für sich zu behalten.
Und schwups, passierte auch schon die nächste Katastrophe und sein Arm lag um sie herum. Und was dann? Weglaufen kam gerade nicht ganz in Frage, auch wenn alles in ihr danach schrie, außer ein kleiner Teil, der eigentlich bleiben wollte.
Und wieder einmal war es Majalin, die ihr den Hintern rettete, wenn auch dieses Mal auf eine ganz andere Weise. Aber das Auftauchen der Rothaarigen und ihres Mannes, löste die Spannung – und auch den Arm von ihr. Zumindest, wenn dieser Lucien nicht immer so vorlaut war und direkt sagen musste, was er dachte und dann auch noch mit einem so unverschämt selbstsicheren Grinsen!
Irgendwie mochte sie die beiden aber doch. Vor allem Majalin. Sie war so schön – und trotz ihrer Blindheit so bemerkenswert – oder vielleicht gerade auch genau deshalb? Wie sie durchs Leben trat, ohne sich davon wirklich beeinflussen zu lassen, so hatte es zumindest für Alynara den Anschein, war beeindruckend. Ja, eindeutig, sie mochte die Heilerin und ihre Art. Naja – und irgendwas positives musste ja auch an Lucien sein, sonst wäre er ja schließlich nicht ihr Mann. Soviel musste sie zumindest eingestehen.
Und dann waren sie gegangen. Lucien war sauer – er machte ja auch kein Geheimnis draus. Hoffentlich hatte sie sie nicht allzu sehr verärgert, als sie die Einladung der beiden ausgeschlagen hatte. Sie würde sich gleich morgen entschuldigen.

So stand sie wieder dort, ihm gegenüber, und der Knopf seines Hemdes war ganz plötzlich ziemlich interessant geworden, zumindest der Anblick des kleinen, holzernen Dinges. Wie war sie nur hier gelandet? Seine Worte machten es nicht viel besser und schon setzte auch ihr Fluchtinstinkt wieder ein. Jetzt wäre weglaufen eine Option. Wenn auch eine schlechte, ihre Hände waren nicht frei.
Und doch lief sie weg, ziemlich schnell sogar und ohne sich umzudrehen, weil ihr die Geste, die sie ihm dagelassen hatte, doch einen leichten Rotschimmer auf die Wangen zauberte. Und sie rannte so lange, bis die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war.

Was fand er eigentlich an ihr?
Langsam stieß sie sich von der Tür ab und ging zur hölzernen Kommode. Die Hände darauf abgestützt und den Blick auf ihr Spiegelbild gerichtet, musterte sie sich selbst. Von klein auf hatte man ihr eingeredet, dass sie nichts besonderes war. Dort, wo sie herkam, galt blondes Haar als Zeichen von Schönheit. Und wer blonde Haare und blaue Augen hatte, war noch besonderer und wertvoller. Wer solch ein Engelchen seine Tochter nennen konnte, dem war der Rest seines Lebens gesichert, durch Mitgiften, die sich gewaschen hatten. Eine einfache Händlerfamilie konnte mit einer solchen Tochter zu enormen Reichtum kommen. Ihre Eltern waren Händler. Und sie war das ganze Gegenteil von dem, was man sich gewünscht hatte. Schon bei der Geburt zierte ein Flaum aus rabenschwarzen Fusseln ihr Köpfchen. Und die blauen Augen sollten auch nicht bleiben.
Stumm betrachtete sie sich. Die Haut war ein wenig zu blass, die Augen zu grün, das Haar zu schwarz und es schien ohnehin seinen eigenen Willen zu haben. Nachdenklich verringerte sie den Abstand zum Spiegel etwas und das kleine, so oft auftretende V bildete sich auf ihre hellen Stirn. 'Du musst besser aufpassen' schimpfte sie sich selbst, wenn auch ohne die Worte auszusprechen 'Verletzungen sind das letzte, was du jetzt brauchst'.

Es gab nur einen, der ihr immer das Gefühl gegeben hatte, wichtig zu sein. Er hatte ihr fünfzehn Jahre den Halt gegeben, den jeder andere Mensch durch seine Mutter oder seinen Vater bekommt. Er war ihr Mittelpunkt gewesen. Und er war auch der Grund, weshalb sie hier war.
Doch er war nicht mehr da. Kein Halt mehr, kein Mittelpunkt mehr, keine Wichtigkeit mehr.
Das kleine V auf ihrer Stirn wurde noch tiefer, als der Name durch ihre Gedanken huschte. Nur ganz kurz für einen Wimpernschlag. Valon. Und schon das reichte aus, um vergessen zu machen, wie man atmete. Langsam drehte sie sich, rutschte an der Kommode hinab, bis sie auf dem Boden saß. Sitzen war besser, immerhin konnte man dann nicht hinfallen. Sie zog die Beine an, schlang die Arme darum und bettete ihre Stirn auf ihren Knien. Ganz vorsichtig versuchte sie dann, ihre Lungen wieder mit Luft zu füllen. Natürlich gelang es ihr, wie es jedem gesunden Menschen gelingt, der einatmete und doch schmerzte es.
Und so saß sie, mit Mühe zu atmen und ohne Tränen, bis die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen und sie es endlich geschafft hatte, den schützenden Nebel wieder über ihre Erinnerungen zu legen...

Verfasst: Freitag 15. Juni 2012, 12:52
von Alynara Saphira Cadrach
Die Decke hatte sie bis zur Nasenspitze gezogen, die grünen Augen musterten die Maserungen im Holz. Ruhig und gleichmäßig atmend lag Kaliya neben ihr und das leise Geräusch der Luft, die sie ein und ausatmete, war irgendwie beruhigend, genauso wie das anhaltende Quaken der Frösche.
Sie war nicht allein, schoß es ihr durch den Kopf. Und das stimmte sogar. Wie alt war Kaliya? Nicht viel älter als sie selbst und doch hatte sie ganz anders reagiert. Sie selbst hatte die anderen beinahe mit Wasser besprudelt, weil sie so lachen musste, über den Scherz. Kaliya hingegen sah eher ruhig aus, fasziniert. Aber es war gar kein Scherz.
Die Welt war verrückt, das stand fest. Unumstößlich!
Gestern erst hatte sie sich mit einem Thyren angelegt, der nicht nur viel größer war, als sie, sondern auch noch viel stärker und wieder einmal musste jemand ihr den Hintern retten – dieses Mal war es Kisuri. Sie sollte endlich lernen, selbst auf sich aufzupassen und ihr Temperament im Zaum zu halten. Dann musste auch nicht ständig jemand da sein, der sie aus dem Schlamassel holte, in den sie sich jedesmal mit Anlauf hineinbeförderdet.

Und jetzt – jetzt lag sie hier in einem fremden Haus, irgendwo im Sumpf, unter Decken, die ihr nicht gehörten und hatte das Lustigste und zugleich Beängstigendste gehört, was ihr je jemand erzählt hatte. Oh nein, dieses Mal ging es nicht um Drachen oder dämonische Pferde. Dieses Mal ging es um die sechs Frauen, die vor ihr gesessen hatten und die sie mit Dingen konfrontiert hatten, die ihr jetzt im Geist herumspukten.
Neulich noch hatte sie sich lustig gemacht. Über Magier, die Lieder hörten. Und nun saß sie selbst da und dachte darüber nach, was sie gehört – nein, eher gespürt – hatte, als eine von ihnen sich vor ihren Augen verwandelt hatte. Es war wie ein Rauschen in den Ohren, aber irgendwie doch ganz anders. War ihr vielleicht nur schwindelig, weil sie ihren Augen nicht trauen wollte, dass da plötzlich anstelle einer Frau, eine kleine Katze saß?
Wenn sie diesen Frauen nicht auf eine seltsame Weise glauben würde, hätte sie wahrscheinlich lachend die Flucht ergriffen. Aber dort saß eine Katze, anstelle einer Frau und die Worte der Sechs, klangen trotz ihres eigenartigen Inhaltes... ja, wie klangen sie eigentlich? Glaubwürdig?
Sie waren wie eine Familie – Vertrautheit lag zwischen ihnen. Sie waren tatsächlich, wie Schwestern, wenn sie auch alle so unterschiedlich waren.
Und sie sollte dazugehören? Sie hatte noch nie irgendetwas von einem Lied gespürt oder gehört – geschweige denn, dass sie je irgendeinen Zauber zustande gebracht hätte...oder sich besonders fühlte.
Eine der Frauen hatte es ziemlich verständlich ausgedrückt – hatte sie sich je so gefühlt, als ob ihr etwas fehlte und sie deshalb vielleicht genau hier war?
Natürlich fehlte ihr etwas und genau deshalb war sie auch hier – aber es war etwas ganz anderes. Es war so allumfassend, dass sie nie die Zeit und den Mut hatte, über das Fehlen von etwas anderem nachzudenken, denn wenn sie das tat, musste sie sich wieder mit sich selbst beschäftigen – und das war alles andere, als gut.
Und doch war es ein verlockendes Angebot. Eine Familie. Geborgenheit. Ein Zuhause.
Schmerzlich zog sich etwas in ihrem Inneren zusammen. Und es bedeutete wieder Enttäuschung, Schmerz, Tod, Unheil. Oder nicht?
Vor der Verantwortung, von der sie alle gesprochen hatten, scheute sie sich nicht. Natürlich machte sie sich Gedanken, ob sie bereit war, eine solche Bürde zu tragen, aber vielmehr scheute sie sich vor der Nähe, die die Schwestern ihr geben würden – und am meisten davor, dass sie dann auspacken müsste, die Karten auf den Tisch legen. Ehrlichkeit war das mindeste, was sie ihnen entgegenbringen konnte und musste.
Entscheidungen waren etwas Furchtbares. Vor allem, wenn es so viele zu treffen gab, wie jetzt...

Verfasst: Donnerstag 5. Juli 2012, 16:25
von Alynara Saphira Cadrach
Wieviele Tage war sie jetzt einfach verschwunden gewesen? Fünf? Sieben?
Nicht richtig verschwunden natürlich – sie war nur eine Weile durch die Wälder gestreift. Sie brauchte einfach ein wenig Zeit nach all den Dingen, die auf sie eingestürmt waren – und wenn sie ehrlich war, sie hatte diese ewigen Streitereien mit Kisuri satt. Sie hatte ihn sehr bald nach ihrer Ankunft hier kennengelernt, er war nett, er hatte in gewisser Weise ähnliches erlebt, wie sie auch und doch war er so anders. Wie war das Sprichwort? Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Naja. Umgebracht hatte ihre Vergangenheit sie nicht. Seine ihn auch nicht. Hatte sie es härter gemacht? Vorsichtiger, nachdenklicher, erfahrener und in gewisser Weise auch sicherlich stärker, irgendwie.
Und bei ihm? Er versank in Selbstmitleid. In gewisser Weise überstieg das ihren Horizont. Sicher fragt man sich, wenn man einen geliebten Menschen verloren hatte, ob es an einem selbst lag. Aber es war ein Unfall. So hatte er es zumindest erzählt. Wie konnte also ein gestandener Mann, wie er schien, sich so gehen lassen. Selbstmitleid und Selbstzweifel. Und vor allem bei Kleinigkeiten so aus der Haut fahren. Und dann war da noch die Sache, dass er so unentschlossen war. Sie war nicht blind, hatte gelernt zu beobachten und ihre Schlüsse zu ziehen und sie hatte längst bemerkt, dass sie nicht die einzige wäre, wenn sie es auf diese Weise betrachten wollte.
Naja, es war nicht ihr Problem und sie hatte sich entschlossen, es auch nicht dazu zu machen.
Auch wenn es ihr selbst nicht bewusst war, insgeheim spürte sie, dass diese immerwährenden Streits und seine Unentschlossenheit nicht das waren, was sie brauchte. Ein Leben, das ohnehin vor Jahren aus den Fugen geraten war, brauchte etwas anderes. Stabilität. Geborgenheit. Ein Zuhause.
In gewisser Weise hatte sie all das gefunden. Bei den jungen Frauen, die sie aufgenommen hatten. Schwestern. Und auch wenn sie sie erst ein paar Wochen kannte, fühlte sie doch, dass sie dorthin gehörte – auch wenn sich ihr diese ganze Sache mit der Magie und diesem Lied noch längst nicht erschlossen hatte.

Nach ein paar Tagen im Wald hatte sich das Gefühl bei ihr eingeschlichen, dass man ihr kurzes bisheriges Dasein in diesem Land einfach... naja... vergessen hatte. Und auch das stellte sich wieder einmal als Hirngespinst heraus. Lucien und Maja tauchten mit ihrem Zwerg mal wieder genau im richtigen Moment auf. Und auch Yasme begrüßte sie wie immer. Niemand hatte sie vergessen. Vielleicht gehörte sie tatsächlich genau hierhin.

Verfasst: Freitag 6. Juli 2012, 16:36
von Alynara Saphira Cadrach
Und plötzlich war es wieder da: das Durcheinander.

Murrend saß sie die halbe Nacht im Garten des Hauses, in das sie so freundlich von den Schwestern aufgenommen wurde. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Und wieso geriet sie eigentlich immer, wenn sie eigentlich nur helfen wollte, in irgendwelche Schwierigkeiten. Naja, gut, es waren in dem Falle keine Schwierigkeiten, aber, wie sollte man das sonst nennen?
Ihr war das Herz in die Hose gerutscht, als sie realisiert hatte, dass dieser Kerl gerade dabei war, zu ersticken und sie weit und breit die Einzige in der Umgebung war. Was macht man also? Helfen, genau! Wie rettet man also einen, der am Ersticken ist? Genau, auf den Rücken klopfen, ruhig zureden und hoffen, dass er bald wieder Luft bekommt. All das hatte sie gemacht.
Oh es hatte Wirkung gezeigt, ziemlich schnell sogar, nur welche Art von Wirkung!
Ihr Verstand konnte (oder wollte?) nicht sofort reagieren, als er sie einfach.. naja...küsste. Im ersten Moment starrte sie ihn einfach an, ehe sie endlich aus ihrer Erstarrung erwachte und ihn wenigstens wegschubsen konnte. In die Eier treten! Leider fiel ihr das erst ein, als sie schon mit dem Hinter im Gras gelandet war. Dumm, dass solche Eingaben immer zu spät kamen.
So ein blöder Kerl! Und dann entschuldigte er sich nicht einmal. Nein, es schien ihm auch noch Spaß zu machen, einfach wildfremde Menschen zu küssen. Verärgert hatte sie sich mit dem Ärmel über die Lippen gewischt, während sie motzte und zeterte, was das Zeug hielt. Mistkerl! Mistkerl mit unverschämt selbstsicherem Grinsen! Von wegen, er hatte sie gesehen und musste sie einfach küssen. Sowas konnte man durchaus auch anders angehen!
Und dann behauptete er auch noch vor Kaliya, dass Aly ihn geküsst hatte, einfach so legte er sich die Dinge zurecht!

Oh sie ärgerte sich. Und das nicht zu wenig. Darüber, dass sie sich nicht richtig wehren konnte, darüber, dass sie überhaupt in einen solchen Schlamassel geraten war und vor allem darüber, dass sie auch noch eine Abmachung mit ihm getroffen hatte – und dabei auch noch die falschen Worte benutzt! Er drehte sich natürlich alles so zurecht, dass es ihm perfekt passte. Da musste sie jetzt durch. Schließlich hielt man sich an Abmachungen. Auch wenn sie ihr so gar nicht in den Kram passten. Aber vielleicht kam sie dann endlich dazu, wenn sie ihn wiedertraf, ihm einen ordentlichen Tritt zu verpassen.

'Hrrrrrrrmhrrrrrrrr' murrte sie in das Kissen, dass sie sich kurz vors Gesicht drückte. Am meisten ärgerte sie sich darüber, dass sie überhaupt so sehr darüber nachdachte und grübelte und sein unverschämtes Schmunzeln noch immer vor sich sah...

Verfasst: Mittwoch 11. Juli 2012, 13:54
von Alynara Saphira Cadrach
Da gab es wohl zwei Dinge, die in ihr Leben gestürmt waren.
Zum einen war da dieser unverschämt gutaussehende Kerl, Abenteurer, wie er selbst sagte, der sie einfach mit seiner Art überfallen hatte. Immerhin hatten die folgenden eher plumpen Versuche ein Ende gefunden, nachdem Lucien sich ordentlich darüber lustig gemacht hatte – und er ging über in ein ehrliches Interesse. Warum auch immer das so war, sie selbst konnte es sich ohnehin nicht erklären, aber es war irgendwie auch schön, dass sich jemand für sie interessierte. Und wenn man ganz ehrlich war: welcher Frau schmeichelte es nicht, umgarnt zu werden?
Nunja, er hatte sich wohl in den Kopf gesetzt, sie für sich zu gewinnen und nach den Anfangsschwierigkeiten stellte er sich nicht einmal mehr so doof an. Sie musste ohnehin zugeben, dass sie ihn anziehend fand und es war ein gutes Gefühl, in seiner Nähe zu sein. Irgendwie strahlte er eine Ruhe aus, die auch auf sie überging und das tat gut. Er fragte viel, aber immer nur soviel, dass sie sich nicht bedrängt fühlte. Anscheinend hatte er den Dreh langsam raus, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Dinge zu sagen. Eigentlich hatte sie nicht vor, sich zu binden. Es würde nur Schwierigkeiten nach sich ziehen. Und doch freute sie sich insgeheim, ihn zu sehen, mit ihm zu reden. Wo geriet sie da eigentlich wieder hinein?
Sie sollte ihn erst einmal beobachten. Wer wusste schon, ob er sich nicht bei anderen genauso verhielt? Wenigstens war sie ein guter Beobachter. Es würde sich zeigen, wieviel Wahrheit in seinen Worten lag oder ob es eben nur Worte waren.
Und wenn nicht? Wenn es doch nicht nur die Worte waren, die er mit solcher Leichtigkeit aussprach, sondern tatsächlich das, was in ihm vorging? Immerhin war sie nicht in Zugzwang. Sie konnte einfach abwarten. Und dann entscheiden, was sie tun würde und konnte.
Es war eine Gratwanderung, bei der der Abgrund viel zu nah war, denn trotz seines Interesses an ihr, würde sie ihm nie alles preisgeben können. Es würde immer einen Teil geben, den sie für sich behalten würde.

Und da war auch schon die zweite Sache, die auf sie gestürzt war, ohne dass sie sich wirklich wehren konnte – und mittlerweile wollte sie das auch nicht mehr: Die Schwesternschaft.
Erst vor kurzem hatten sie zusammengesessen, sie und Kaliya hatten von Yasme, Cara und Hanna die Geschichte ihres Zirkels erzählt bekommen. Und die drei hatten ihnen gezeigt, wie es war, in das Lied einzutauchen. Nur kurz und vorsichtig, aber es hatte gereicht, um sie absolut zu faszinieren. Und eines war ihr klar geworden. Es war keine Zauberei, wie man sie aus Kindergeschichten kannte. Es waren die Elemente, derer sich die Schwestern bedienten. Natürlich, es hätte ihr längst auffallen können, waren sie doch stets von ihnen umgeben und die stärksten 'Gewalten', die sie sich vorstellen konnte.
So langsam hatte sie ohnehin verstanden, dass das Lied einfach aus allem bestand, jedem Lebewesen, was sie umgab, jedem Gegenstand, jedem Geräusch, Geschmack, Duft oder Gefühl. Alles und jeder war Teil des Liedes und hatte seinen Platz, seine Struktur. Doch als die drei sie mitnahmen zum ersten Mal, war es, als wäre sie ihr Leben lang blind gewesen und konnte jetzt ganz plötzlich sehen. Sie war sich sicher, dass sie die Augen geschlossen hatte und doch war alles viel klarer, als es vorher war. Natürliche Grenzen verschwammen, fügten sich anders zusammen, als sie es gekannt hatte, die Farben und Klänge, sie sie bisher gekannt hatte, waren nur ein blasser und dumpfer Abklatsch von dem, was sie nun sehen konnte, ohne Bedeutung. Hätte Caras und Hannas Hand sie nicht daran erinnert, dass es real war und ihr nicht den sanften Halt gegeben, den sie durch die Berührung hatte, wahrscheinlich hätte sie sich einfach verloren in dieser...wie sollte man es eigentlich nennen?...anderen Welt?
Es war so unglaublich schön und gleichzeitig beängstigend und doch wieder vertraut, weil die vier, die bei ihr waren, ihr genug Vertrauen gaben, sich einzulassen. Und da waren sie auch schon. Yasmes Präsenz im Lied, wie ein silberweißer Windhauch, eine federleichte Brise, dann war da Cara, wie ein wärmender Strang aus Feuer, das sich sanft zu einem gesellt und zuguterletzt Hanna, die sich im Lied so ähnlich war, wie auch in der realen Welt, lachend, flirrend in den Farben des Frühlings. Selbst Kaliya nahm sie ganz leicht wahr, auch wenn sie deren Klänge und Farben noch nicht ausmachen konnte. Sie versuchte sie sich einzuprägen, sie zu fühlen und einfach zuzulassen, dass sie dort war, wo sie eben gerade war.
Wie würde man sie sehen? Sie selbst spürte sich kaum, aber die Schwestern hatten ihr gesagt, dass es Übung bedurfte und im Moment wurde sie von den anderen vier gehalten, mitgetragen.
Yasme war es, die ihnen zumindest einen Ansatz davon offenbarte, wie man sich dort bewegte, oder eher, wie man andere Dinge bewegte. Ganz leicht hob sie die Schultern etwas an, als ein Schwall von Wasser über ihren Köpfen schwebte und ganz sacht wurden sie von Yasme eingeladen, ihr zu helfen. Es funktionierte. Irgendwie. Und für einen winzigen Augenblick. Und als sie nach einer gefühlten Ewigkeit die Augen wieder aufschlug war da tatsächlich eine kleine Pfütze in der Mitte ihres Kreises.
Den Abend würde sie so schnell nicht vergessen, das war ganz klar.

Und trotz aller Schönheit, forderte es auch jede Menge Konzentration, in das Lied einzudringen. Was war jetzt am wichtigsten? Sich selbst zu finden in dieser anderen Welt, andere zu finden, überhaupt einzudringen? Nunja, Übung würde wohl den Meister machen. Und so hatte sie sich auf der Insel zurückgezogen, die Nacht war längst hereingebrochen und eine kühle Brise streifte über ihre nackten Arme. Vorsichtig stützte sie die Hände im Gras ab, versuchte die Erde darunter zu spüren. Das kleine v bildete sich wieder auf ihrer Stirn, wie immer, wenn sie sich konzentrierte und ganz vorsichtig, behutsam, versuchte sie einzudringen, in das Lied, die andere Welt, deren Farben und Klänge so viel satter waren. Die Augen geschlossen, die Atmung ganz ruhig, fühlte sie, sah sie, zog sie den Duft ein, lauschte den Klängen. Es brauchte Kraft, geistige und auch körperliche, wie sie später feststellen sollte. Sie ahnte schon, dass sie nur einen Bruchteil wahrnahm von dem, was die Schwestern 'sehen' konnten, aber endlich hatte sie zumindest den Hauch einer Idee davon, weshalb Maja sich so gut zurechtfand, obwohl sie nicht sehen konnte, zumindest nicht so, wie ganz normale Menschen sahen.
Sie konnte noch keine Klänge auseinanderhalten, noch keine Einzelheiten erkennen. Es war ein Zusammenklang, bei dem sie noch lange nicht in der Lage war, alle Töne zu hören, zu spüren, aber das würde sich ändern, ganz bestimmt.
Ganz vorsichtig glitt sie wieder hinaus aus dem Gefüge des Liedes, in die reale Welt und ließ sich einfach ins Gras fallen.

Es war eine dieser seltenen Nächte, in der sie ruhig und traumlos schlief, behütet von den Klängen und Düften, die sie umgaben.

Verfasst: Sonntag 22. Juli 2012, 14:16
von Alynara Saphira Cadrach
Wieder einmal saß sie, wie so oft in den letzten Tagen, angelehnt an den großen Baum im Nebelwald. Den Hinweg fand sie fast immer ohne Probleme – mit dem Rückweg sah es ganz anders aus. Meistens irrte sie Stunden durch den sich verändernden Wald, bis sie dann ganz plötzlich doch am Rande stand und sich wunderte, wie es ihr dieses Mal gelungen war. Es störte sie nicht, dass sie sich verlief in diesem Wald, der beängstigend war für sie, am Anfang. Mittlerweile mochte sie diesen Wald. Die Veränderungen, die Bäume, die sich zu bewegen schienen. Vor allem aber mochte sie die flirrenden Wesen, die Yasme ihr als die Waldgeister vorgestellt hatte. Jene Wesen, zu denen sie eine eigenartige Bindung zu haben schienen. Sie hatte wieder einmal nicht richtig geglaubt, dass es stimmte, als Yasme ihr umgeben von diesen fröhlichen, flimmernden Wesen, erzählt hatte, dass man sie rufen konnte. Und doch hatte es sich wieder als wahr bestätigt, als ganz echt. Man konnte ihrer Fröhlichkeit und dem leisen Kichern kaum wiederstehen. Sie konnte sich gut vorstellen, dass diese kleinen Wesen gerne ihren Schabernack trieben und doch hatten sie sie und Yasme auf eine eigenartige Weise zurückgebracht zur Insel.
Noch immer traute sie sich nicht alleine ins Lied einzudringen. Wenn sie es jedoch versuchte, dann nur ganz vorsichtig und behutsam und nur ein winziges Stück, so dass sie den Baum hören und sehen konnte, an dem sie lehnte, nur so viel, dass sie sich nicht selbst verlieren konnte – und sie glaubte ziemlich fest daran, dass man sich in dem Gefüge aus unzähligen Farben und Klängen recht schnell verirren oder verlieren konnte. Deshalb ging sie auch nur, wenn sie den Bezug zur Realität greifen konnte. War eine der Schwester in ihrer Nähe, wäre es wohl die Hand jener gewesen. Hier auf der Lichtung war es die raue Rinde des uralten Baumes, die sie versuchte nicht zu verlieren.
Es war irgendwie einfacher hier, vor allem, weil sie nicht die Angst hatte, irgendjemand könnte sie stören. Hierhin würde sich niemand verirren.
Oft beobachtete sie einfach die Waldgeister, wie sie kichernd umherflirrten, sich gegenseitig oder auch sie ab und an anstubsten, nur um dann wieder zwischen den Bäumen zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen.
Bisher traute sie sich nicht oft, mit ihnen zu „reisen“. Nur selten und wenn sie sich ganz sicher war, ließ sie sich zur Insel bringen. Natürlich wäre es einfacher, so aus dem Nebelwald wieder herauszufinden, aber es ging auch so. Sie wusste schließlich, dass die kleinen Wesen ihr helfen würden, wenn sie sie tatsächlich brauchte.

So langsam musste sie sich jedoch eine andere Ausrede einfallen lassen, wo sie den halben Tag steckte. Bisher antwortete sie immer, sie würde umherstreunern. Eine erfolgreiche Ausrede, bis jetzt. Und auch die Frage, wo sie wohnte, musste sie immer gekonnt umschiffen, indem sie eher Antworten gab, die sie nicht festlegten oder aber das Thema wechselte – meist beides in Kombination.
Irgendwann würde Neralon andere Fragen stellen, als bisher. Und irgendwie wollte sie ihm ja schließlich antworten. Neralon. Sie konnte sich noch gut an den Abend vor ein paar Wochen erinnern, an dem sie am liebsten in ihr Kissen gebissen hätte vor Wut über seine Dreistigkeit. Und jetzt? Ja, was war jetzt eigentlich? Ein behagliches Gefühl schlich sich jedesmal ein, wenn sie ihn sah – und das war zugegeben recht oft in der letzten Zeit. Sie freute sich, ihm zu begegnen und sie genoss es in seiner Nähe zu sein. Die Blicke, von denen er dachte, sie sieht sie nicht, die sie aber durchaus nur allzu gut wahrnahm, ließen ihr Herz jedesmal ein klein wenig hüpfen. Die Berührungen ebenso.
Sie musste sich oft zusammenreißen, überhaupt die Augen von ihm zu wenden und ihn nicht die ganze Zeit anzustarren. Aber was sollte sie tun? Sie schaute ihn eben gerne an. Vor allem, wenn sie seinen Verband wechselte und ihm beim umziehen half. 'Meine Güte' schoss es ihr durch den Kopf, als sie ihm das erste mal aus dem Hemd geholfen hatte. Und dann gleich danach 'Ganz toll, Lyna, starr ihn halt an und mach dich zum Deppen'. Wahrscheinlich war sie sogar rot geworden. Es war zum Mäusemelken. Immerhin hatte sie sich zusammenreißen können, als sie das Bild auf seinem Rücken sah. Nur zu gerne hätte sie die Hand danach ausgestreckt und die Konturen und Farben mit den Fingerspitzen nachgezeichnet. Dass sie es nicht getan hatte, grenzte eigentlich an ein Wunder.
Was war nur mit ihr los? Naja, sie war verliebt. Aber wehe dem, der es aussprechen würde.

Aber war das nicht genau das, was sie eben nicht gewollt hatte? Bisher hatte es sie nicht viel Mühe gekostet, das Geheimnis um die Schwesternschaft zu wahren und für sich zu behalten. Und sie hoffte noch immer, dass das alles so bleiben würde. Aber was wäre, wenn er nachfragen würde? Sie würde ihn belügen. Für sich. Vor allem aber für die anderen. Keine schöne Aussicht, aber wenn es nicht anders ging. Vielleicht würde er ja genauso reagieren, wie sie es befürchtete. Er könnte sie abstoßend finden, Angst vor ihr haben, ihr mit Unverständnis entgegen treten – und im schlimmsten Fall, einfach gehen. Auch wenn sie es kaum zugeben konnte, das war genau das, was sie nicht wollte...

Verfasst: Mittwoch 25. Juli 2012, 08:04
von Neralon Manaris
Da lag er nun wieder auf dem Bett in dem kleinen Zimmer den Kopf im Kissen vergraben.
Wieso nur ? Hoffte er noch ihren Geruch darin zu finden ?
Waren es Hoffnungen auf eine Nacht ohne Träume ?
Oder vielleicht doch die Hoffnungen auf einen der schöneren Träume des Lebens ?

"Neralon was tust du bloß ?" Brummte er ins Kissen.

Ja es war ein Spiel mit dem Feuer, er war halt ein geschickter Abenteurer aber wie lange konnte diese Fassade noch halten ?
Was würde sie von ihm halten sollte sie je mehr herausbekommen ?

Seine Geschichte nahm sie mit Fassung, auch das Bild auf seinem Rücken schien sie nicht abzuschrecken.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und seiner "Showeinlage" kamen sie sich immer näher und er genoss jede Sekunde mit ihr.

Sie schenkte ihm Ruhe und Geborgenheit etwas das er Jahre nicht kannte und vielleicht auch gesucht hatte.

Vielleicht stellte sie einen Teil dieses Bildnisses dar ?

Sollte das Schicksal zugunsten des jungen Mannes spielen ?
Konnte es sein?

Zuviele fragen herrschten in Neralons Kopf um auch nur schlaf zu finden, so atmete er noch einmal tief ein und verlies das Zimmer.

Die Nacht würde ihn auf andere Gedanken bringen.

Verfasst: Freitag 27. Juli 2012, 16:51
von Alynara Saphira Cadrach
Und jetzt?
Das war die eine gemeine Frage, die ihr seit dem gestrigen Tage im Kopf herum schwirrte. Hatte sie nicht mit einem festen Entschluss vor dem Gasthaus gestanden, in dem er ein kleines Zimmer bezogen hatte? Ein Zimmer, in dem auch sie schon geschlafen hatte, nach einem langen Tag? Er hatte sie die ganze Nacht in den Armen gehalten. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Und das nicht weniger jagte ihr furchtbare Angst ein. Sie hatte nur ein Problem: Wie sagt man jemandem, dass man ihn nicht sehen will -oder eher kann- wenn man in dessen Nähe nicht klar denken konnte. Und wenn sich seine Nähe so gut anfühlte.
Sie hatte den einzigen Menschen, der ihr Geborgenheit in ihrem Leben gegeben hatte, mit unschuldigen fünfzehn Jahren verloren. Und jetzt war da plötzlich wieder jemand, bei dem sie sich gut fühlte – abgesehen von den Schwestern und den oberflächlichen angenehmen Begegnungen, die sie gehabt hatte. Jemand, bei dem sie alles Schlechte dieser Welt vergessen konnte.
Aber lief nicht alles darauf hinaus, ihn doch wieder zu verlieren? War sie überhaupt gut genug für ihn? Nachdenklich betrachtete ihr Gesicht im Wasser. Sie war genau das Gegenteil vom dem, was man als schön erachtete – zumindest dort, wo sie herkam. Tiefschwarzes Haar – kein schimmerndes blond. Die Augen grün – statt blau. Die Haut ein paar Töne zu blass.
Wieso wollte er sie dann? Oder erlaubte er sich nur einen Scherz.
Sie hatte den Entschluss gefasst, ihn nicht mehr zu sehen. Hatte die Worte, die es beenden sollte, auf einen Zettel gekritzelt. Wollte ihn unter seiner Tür durchschieben.
Und dann stand er vor ihr und sie konnte nicht mehr denken. Vor allem nicht daran, ihm einfach zu sagen, was auf diesem verdammten Zettel stand. Es ging nicht, wenn er bei ihr war. Und so beschloss sie, noch einen Abend mit ihm zu verbringen. Noch einmal seine Nähe zu genießen. Als Abschied, vielleicht.

Und dann war Maja da. Sie waren schon vorgegangen in die Taverne. Ein paar Momente allein. In Majas Nähe fühlte sie sich wohl, auch wenn sie so viel mehr merkte, als andere. Hätte sie geahnt, welches Thema auf sie zukommen würde, wäre sie jedoch rechtzeitig geflüchtet. Das „kleine-Schwester-große-Schwester-Gespräch“ wie Maja es nannte. Oh Gott. Hatte sie tatsächlich mit ihr darüber gesprochen? Die Röte war ihr ins Gesicht geschossen und trotz der Blindheit ihrer Freundin, war ihr ziemlich deutlich bewusst, dass sie es irgendwie.. spürte. Immerhin schien es Maja nicht weniger unangenehm und so schlängelten sie sich durch ein Gespräch, was sie beide nicht führen wollten, es aber doch taten – und was eigenartig gut tat. So kam es wohl auch, dass sie sich der jungen Frau anvertraute, ihr die Bedenken schilderte, die sie bei der Sache mit Neralon hatte.
Und trotz der Unterbrechung durch die drei Männer, die zu ihnen stießen, schafften sie es, sich abzusetzen und es zu klären.
Es war ihr damals genauso gegangen. Sie wollte auch vor Lucien weglaufen. Es war also normal – irgendwie?
Vor allem aber machten Majas Worte sie nachdenklich „Es gibt viele Wege einen Menschen zu sehen“. Wahrscheinlich hatte sie Recht damit. Und was hatte sie schon zu verlieren, wenn es auf der anderen Seite so viel zu gewinnen gab.
Ja, es gab viele Wege, einen Menschen zu sehen. Und zumindest bei einem Menschen musste sie es ausprobieren.

Verfasst: Montag 15. Oktober 2012, 20:49
von Alynara Saphira Cadrach
Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen gerade das Blätterdach des sich stets verändernden Waldes, als sie das Ohr gegen die raue Rinde des Stammes drückte. Wahrscheinlich war es lächerlich, wie sie dort saß, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es das einfacher machte. Tief sog sie die kühle, feuchte Luft des Morgens ein und dann verharrte sie einfach – und lauschte. Sie überließ sich ganz dem bunten und wunderschönen Durcheinander an Klängen, die sie wahrnahm. Wieviel schöner die Welt aus diesem Blickwinkel doch war, ließ sie einfach auf sich wirken.
Sie verstand noch nicht annähernd soviel, wie sie gern wollte und auch aus diesem Grund genoss sie diese selten gewordenen Momente so ganz allein.
Es war erstaunlich, wie oft sie in den letzten Wochen von Menschen umgeben war, die sie mochte, liebte.

Da waren die Schwestern, nach deren Gesellschaft sie sich sehnte. Maja sah sie oft. Manchmal überfiel sie sie und Lucien einfach zuhause. Insgeheim fragte sie sich manchmal, ob sie nicht sogar zu oft dort einfiel. Aber eigentlich mochte sie Luciens direkte Art und sie mochte Maja, sehr – ihre Hingabe, ihr Verständnis, ihr Kichern und ihre Stärke. Sie vermisste die anderen, Hanna, Cara, Yasme, etwas weniger, wenn sie bei Majalin war.
Und dann kam da neulich dieser Wirbelwind angestolpert. Sie mochte den blonden Lockenkopf auf Anhieb und irgendein eigenartiges Gefühl hielt sie bei ihr. Mittlerweile wusste sie warum – so fühlte es sich also an, wenn eine der ihren in ihr Leben stolperte. Es war...schön. Und es war auch schön, den Rang des Kükens abzugeben. Auch wenn sie selbst nicht viel älter war (sie war gerade erst achtzehn geworden vor ein paar Wochen, doch niemand wusste das – Geburtstage waren ihr noch immer ein Graus) machte sich doch ein Beschützerinstinkt in ihr bemerkbar, wenn sie an die kleine Erdbeerschnute dachte. Sie hoffte sehr, dass sie sich für den Weg der Schwestern entscheiden würde.

Naja und dann waren da noch die beiden Kerle in ihrem Leben.
Kisuri, er war mittlerweile zum Freund geworden, ein bisschen, wie ein großer Bruder. Suchte sie Ersatz für Valon? Nein, das sicher nicht, zumal es den auch nie geben würde. Kisu war Kisu. Und momentan ging es ihm schlecht. Auch wenn seine Launen nach außen hin eher einem Chaos glichen, so sah sie doch den Schmerz noch immer.
„Eigentlich müsste man diesem verhurten Miststück das Herz herausreißen – und vielleicht noch die Augen auskratzen – oder die Schenkel zusammennähen“, dachte sie bitter. Aber war das ihre Aufgabe? Wahrscheinlich nicht. Aber sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil seines Schmerzes zu lindern und ihn von dem Abgrund wegzuholen, an dem er stand.
Dafür waren Freunde schließlich da.
Und dann gab es noch Nera.
Wer hätte gedacht, dass es so kommen würde, dass sie so bald zusammenleben würden. Ja, sie hatte eine Heidenangst gehabt. Aber was sagte Maja oft „Genieße es einfach“. Und das wollte sie tun. In vollen Zügen. Er war ihr Mann, ihre Liebe und wenn es nach ihr ginge, sollte das für immer so bleiben.
Wie peinlich alle Gespräche auch waren, über das, was ihr mit ihm in ihrer Zweisamkeit bevorstand, es war egal, denn allmählich änderte es sich. Sie genoss seine Nähe, seine Blicke, seine Aufmerksamkeit, seine Berührungen, seine Liebe.
Nur in einem Punkt hatte sie Angst. Was wäre, wenn sie es ihm tatsächlich irgendwann sagen würde, wenn sie sich ihm offenbaren würde. Jetzt war es zu früh. Es lag nicht daran, dass sie ihm nicht genug vertraute, das Geheimnis um sie und die Schwestern für sich zu behalten. Es war vielmehr die Angst, dass er sie vielleicht weniger mögen würde. Es würde Zeit brauchen und die hatten sie hoffentlich.

Vorsichtig legte sie nun auch die Hand auf die schartige Rinde des alten Baumes, den Klängen einfach weiter lauschend. Es wurde vertrauter, sie wuchs mit dem Verständnis dafür. Noch immer war es anstrengend und doch lächelte sie zaghaft, als die Welt um sie herum sich erneut wandelte. Sie erkannte ein paar der Strukturen im Lied, wenige, aber immerhin hörte sie überhaupt etwas. Und sie glaubte, sich selbst zu spüren. Sie würde die Schwestern fragen müssen, ob diese flirrenden, hellen Töne, die sie irgendwie an kleine, glühende, umherschwirrende Ascheteilchen nach einem Brand erinnerten, zu ihr gehörten.
Langsam zog sie ihre Sinne zurück aus dem riesigen melodischem Wirrwarr an Tönen und atmete tief durch.
Die Sonne stand bereits im Zenit – es war Zeit nach hause zu gehen.