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Und sie werden alle Bluten.

Verfasst: Donnerstag 31. Mai 2012, 23:15
von Gast
Kapitel I: Der erste Diener.

Er hatte es geschafft. Mit einem selbstgefälligen Grinsen dreht er die Phiole gefüllt mit Blut in seiner Hand. Es hat ihn viel Arbeit gekostet, doch die so vorsichtige und misstrauische Magierin hatte nichts bemerkt. Wie sollte sie auch? Wenige Minuten vor der 'Entnahme' hing sie halb über dem Wasser und entleerte ihren Magen von dem ganzen Alkohol, welchen sie zuvor in Massen in sich hinein schüttete. Sie war zwar skeptisch, dass er, welcher doch scheinbar genauso viel getrunken hatte wie sie, davon unberührt blieb, doch glaubte sie ihm scheinbar seine Ausrede. Er erzählte ihr, dass man als Wirt Unmengen trinken könne, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Das schien ihrem betrunkenen Verstand einzuleuchten und sie fragte nicht weiter nach. Dass seine Flaschen mit Wasser gefüllt waren verschwieg er ihr. Lange Zeit hatte er diese so unscheinbare, aber doch so starke Frau beobachtet. Er war immer zurückhaltend und höflich und gab ihr nie die Möglichkeit, an seinem nervösen und unsicheren Auftreten zu Zweifeln. Die Magierin hielt ihn für einen dummen und armen Schankwirt, der alles durch sein trotteliges und unbedachtes Handeln zerstörte. Sie hatte miterlebt wie er seine Taverne verlor, seine Würde und fast sein Leben. Er hatte diese Rolle lange genug gespielt, um sie glaubhaft darstellen zu können. Sie dachte sogar, dass sie Freunde seien. Bei diesem Gedanken musste er lachen. Freunde...Sie war ein Mittel zum Zweck. Nicht mehr und nicht weniger.

Er hatte sie vor einigen Tagen in Bajard getroffen. Ihr ging es schlecht. Wie so oft in letzter Zeit. Sie klagte über Probleme, welche er nicht verstand, aber auch nicht verstehen musste. Sie war anfällig. Das war das einzige was zählte. Er hatte länger auf diesen Moment warten müssen, als ihm lieb war. Doch jetzt war er gekommen. Von ihr unbemerkt ging er zur Bank und packte die präparierten Flaschen in seinen Rucksack. Als er wieder bei ihr ankam, saß sie immer noch so verletzlich da. Ihr Blick war auf das Meer gerichtet und man konnte förmlich sehen, wie es hinter Ihrer Stirn arbeitete.

Ohne irgendwelche Worte zu verlieren setzte er sich neben sie und reichte ihr eine von den Flaschen. Die junge Magierin bemerkte ihn erst jetzt und nahm die Flasche dankend entgegen. Ihr zierlichen Finger umschlungen unruhig die Flasche und sie leerte diese bis zur Hälfte, ehe sie sie auf den feuchten Boden vor ihr abstellte.
Sie verharrten eine Weile wortlos neben einander und der Blick war starr in die dunkle Nacht auf das Meer gerichtet. Auch wenn Asgerat äußerlich ruhig erschien, seine Gedanken rasten in seinem Kopf. Er überlegte seine ersten Worte. Bisher saßen sie einfach nur da. Die ersten Worte könnten schon über Erfolg oder Misslingen entscheiden. Gerade als er ansetzen wollte etwas zu sagen, begann die junge Frau neben ihm zu sprechen.
Wieso passiert mir immer das?
Er ließ eine Weile verstreichen, ehe er mit einem Nachfragendem -[i]Hm?[/i]- antwortete.
Sie erzählte ihm über ihre Probleme und er hörte aufmerksam zu. Ab und an stimmte er ihr zu, um der Magierin das Gefühl zu geben, dass sie verstanden wird. Asgerats Blick wanderte immer wieder zur der Flasche der Dame. Er sorgte dafür, dass die nächste Flasche schon bereitstand, ehe sie die alte geleert hatte.
Asgerat wusste, dass er viele Flaschen brauchen würde, um sein Ziel zu erreichen. In den letzten Tagen und Wochen hatte sie so viel getrunken, dass selbst gestandene Männer Probleme hätten bei dem Alkoholkonsum nicht sofort die Besinnung zu verlieren. Aber er hatte Zeit. Er wartete schon so lange auf diese Gelegenheit, auf ein paar Minuten oder Stunden würde es nicht ankommen. Geduldig lauschte er dem Gespräch und sah zu wie sie Flasche um Flasche leerte.
Langsam wurden Ihre sonst so wohl bedachten Worte und Sätze zu einem fast unverständlichen Lallen. Auch ihre Ausdrucksweise änderte sich zunehmend.
Mit einem gedanklichen Nicken richtete er sich auf.
[b]Lass uns gehen, Ihr habt schon viel zu viel getrunken.[/b]

Während er die Worte sprach streckte er langsam seine helfende Hand in ihre Richtung und schaute sie auffordernd an. Ihr glasiger und verbitterter Blick wanderte zwischen seiner Hand und dem Ufer zu ihren Füßen hin und her. Kurz schüttelte die blass wirkende Frau ihren Kopf und drehte sich in Richtung des Ufers, um mit einem lauten Würgegeräusch, den Mageninhalt wieder an Licht zu bringen. Asgerat reagierte erst nach einigen Momenten und kniete sich neben sie, um sie fest zu halten. Er konnte nicht riskieren, dass sie ins Wasser fiel. Schließlich konnte er nicht schwimmen und im schlimmsten Fall wären die Wochen der Argbeit um sonst.
Geduldig wartete er ab, bis sich die Betrunkene zwei weitere Male übergab. Mit einem schwachen Kopfnicken deutete sie ihm an, dass dies wohl vorerst das letzte Mal gewesen sei. Asgerat packte ihren Arm und half ihr auf die sichtlich wackeligen Beine. Ihr Arm wurde anschließend um seine Schulter gelegt und wortlos stampften los.

Seine Gedanken rasten. Den ersten Teil hatte er geschafft, doch noch musste er irgendwie an sein Blut kommen. Sie war zwar betrunken, aber nicht gänzlich ohne Bewusstsein. Als sie durch die Straßen Bajards taumelten erregte ein Holzhaus seine Aufmerksamkeit. Es war nichts besonders. Ein einfaches Haus, doch an der Holzwand konnte er die alten, unebenen Bretter erkennen, aus welchen kleine aber viele Splitter ragten. Er wusste, dass es nicht mehr weit bis zum Haus der Dame in seinen Arme war. Er musste es also versuchen. Er dirigierte die junge Magierin, was auf Grund ihrer zierlichen Bauart und ihres Zustandes kein Problem war, neben der Häuserwand entlang. Als er eine gelegene Stelle mit besonders vielen kleinen Splittern fand, täuschte er ein taumeln vor und drückte sie direkt an der Wand entlang. Da der Arm der jungen Magierin schlapp an ihrer Seite hing schleifte dieser gut drei Fuß an der Wand entlang und ließ an dieser kleine rote Punkte zurück. Die Frau sah erschrocken auf und blickte ihn aus ihren großen, glasigen Augen an. Mit einem verlegenen Grinsen auf den Zügen erwiderte er: Scheinbar bin ich doch nicht so resistent gegen Schnaps wie ich angenommen hatte. Da sie auf Grund ihres Zustandes scheinbare Probleme hatte ihre Gedanken in Worte zu fassen, antwortete sie mit einem sachten Nicken. Er lehnte sie gegen die Hauswand und wendete sich ihrer Schürfwunde an der Hand und dem Unterarm zu.
Ein Ausdruck von Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit, als er die Wunde näher betrachtete. Zwar hatten die kleinen Holzsplitter ihre Aufgabe getan und die Haut teilweise durchlöchert, aber waren die Wunden kleiner, als erwartet. Er zog eine Bandage aus der Tasche und tupfte nicht gerade zärtlich auf der Wunde umher, das wenige Blut darin aufzunehmen. Scheinbar wurden die Wunden durch seine Behandlung ein wenig weiter aufgerissen. Seine Begleitung, welche mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte, stöhnte nur leise, aber sie schien keinen Verdacht zu schöpfen. Also drückte und tupfte er weiter, bis die Bandage vor Blut nur so triefte. Die Bandage verstaute er in einem frischen Lederbeutel, welchen er sorgsam an seinem Gürtel befestigte. Anschließend nahm er eine frische und wickelte sie um ihre Hand.
Als er erneut ihren Arm nahm und ihn um seine Schulter legte, konnte er ein dankendes Nicken der betrunkenen Frau ausmachen. Sie schien wirklich am Ende zu sein und sicherlich würde sie am nächsten Morgen weiter für ihr haltloses Trinken bestraft werden. Mit der Gewissheit, Erfolg gehabt zu haben, begleitete er die Dame bis vor die Haustüre. Auf die Frage hin, ob sie es alleine ins Bett schaffen würde, antwortete sie mit einem unverständlichem Lallen, was man als ein "ja" hätte auslegen können.

Er wartete nicht ab bis sie den Garten durchschritt und im Haus verschwand, sondern wendete sich gleich ab. Als er genug Abstand zwischen sich und den Wohnsitz der Magierin gebracht hatte, nahm er eine Phiole aus der Tasche und löste den Beutel von seinem Gürtel. Zufrieden stellte er fest, dass die Bandage noch feucht war. Die Bandage in der einen, die Phiole in der anderen Hand, drückte er den Verband aus und kleine rote Tropfen füllten langsam den kleinen Behälter. Die Phiole war zu fast einem Drittel gefüllt, als er fertig war. Mit einem zufriedenen Seufzen verstaute er diese in seiner Tasche.

Er hatte es geschafft. Er der erste Teil war erledigt. Sie würde sein erstes von vielen Werkzeugen werden. In seinen Gedanken wiederholte sich immer der Name der Magierin. Sophie Tangran.

Verfasst: Freitag 1. Juni 2012, 12:31
von Gast
Ein falscher Freund


Erst zeigt er dir ein Lächeln im Gesicht, 
sieh es als Warnung und vertrau' ihm nicht.

Führt er dann die Hand auf deine Schulter sacht', 
spätestens jetzt gib auf dich Acht!

Doch hat er irgendwann liebevoll die Arme um dich gelegt, 
dann ist's meist' auch schon zu spät.



Asgerat - als augenscheinlich herzensguten Menschen hatte die junge Magierin den ehemaligen Wirt des "Schwarzen Ross" zu Düstersee kennengelernt. Oftmals berichtete sie ihm von Problemen des Alltags, dem Zwischenmenschlichen, und hatte ihm sogar ihre wahre Identität anvertraut, als Lehrkraft in der Academia Arcana zu arbeiten und demnach liedkundig zu sein. Generell verschwieg Sophie diesen Fakt, zumal sogar Menschen sie wegen der unvermeidlichen Gabe anklagten - sie als "Hexe", "Fuchtlerin" oder "Gebrannte" bezeichneten -, die sie als Freunde zu schätzen gelernt erdacht hatte. Selbst Geliebte, in einer Beziehung erwartete sie gegenseitige Toleranz und Akzeptanz, wandten sich rasch von ihr ab, und sahen nur noch die vermeintlich unberechenbare Hülle einer arkanen Elementaristin. Sie würde gewaltsam bestehende Strukturen seitens Eluive brechen, und sie auf egoistische Weise - daher für eigene Zwecke - nutzen.

Asgerat war anders, zumindest glaubte das die langjährige Arcanerin: Er blieb unberührt von ihrem Geständnis, und ergriff sanft ihre Hand, um seiner merklich aufgewühlten Gesprächspartnerin Geborgenheit zu vermitteln. Ein entspanntes Lächeln flog über Sophies Gesicht, und sie ließ sich von einem Gefühl falscher Zuversicht beflügeln. Ein wärmendes, Kraft gebendes Gefühl, das nicht nur für dieses eine Treffen gedacht war. In den nachfolgenden Tagen verging kein Abend, an dem sie nicht - bei einem großzügig gefüllten Krug Whisky - das Gespräch mit dem sympathischen Wirt aufsuchte, und die verschiedensten Dinge ansprach: Über den Inhalt kürzlich gehaltener Vorlesungen, bis hin zur letzten Liebe. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen bemerkte die junge Magistra nicht, wie sie sich somit Tag für Tag der geheuchelten Empathie fügte.

In Anbetracht der Tatsache, dass kürzliche Erfahrungen zu ihrer Missgunst erfolgten, war das Gewinnen eines neuen Freundes umso wichtiger. Zu dem Zeitpunkt hatte Sophie nicht erahnt, was für ein Mensch sich tatsächlich hinter der Maske des freundlichen Tavernenbesitzers verbarg. Und das sollte sie wahrscheinlich auch in Zukunft nicht erfahren, zumal sie sich permanent in Sicherheit fühlte, und vor allem im allzu berauschten Zustand nicht zögerte, Asgerat ihr Gefühls- und Privatleben regelrecht auf einem silbernen Tablett zu servieren. Sie erahnte nicht, dass das Erfolgte, um ihr Vertrauen zu gewinnen, lediglich ein Mittel zum Zweck war, und sie bald seine Dienerin sein würde. Ein lenk- und steuerbares Werkzeug des Mannes, der für sie, in all der Zeit, ein nahezu unverzichtbarer Freund wurde.

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