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So grün wie...

Verfasst: Mittwoch 25. April 2012, 15:30
von Gast
... das Würzkraut im Garten hinterm Haus, unser Marjoram.

So wurde ihr die Herkunft ihres Namens erklärt. Die alte Frau, deren dünnes Stimmchen noch wie eben gehört durch ihre Ohren und Gedanken geisterte, hielt sich in ihrer Erinnerung gebückt, wirkte dabei trotzdem noch fast so groß wie sie. Damals, als sie barfuß zwischen irgendwelchen Sträuchern stand, die ihre Waden kitzelten. Damals, als sie noch alles über Gemüse und Kochkräuter wissen wollte, um die allerbeste Köchin zu werden. Damals war sie ihre erste Lehrerin: Die Großmutter. (Wessen? Wen interessierte das schon, in dem kleinen Ort, wo alle drei Familien eh verwandt und verschwippschwägert waren.)
Diese war noch nicht einmal ganz ergraut, doch bereits wenn schon nicht zahnlos, so doch allemal zahnarm. Sie hatte Marjorie in einem furchtbaren Kauderwelsch die neugierigen und sich oft wiederholenden Fragen nach diesem oder jenem Blatt oder einer Wurzel beantwortet. Dazu gab es meist eine langwierige Erzählung von Speisen, die man mit Kreuzblume, Mutterkraut und wie sie alle hießen zubereiten könne – wenn man denn alle Zutaten zusammenbrächte.
Das Mädchen träumte manchmal nachts von den Gerichten, die ihr so vollmundig beschrieben wurden, distanzierte sich aber spätestens beim Frühstück von diesen Gespinsten... Brot und Milch machten sie satt, doch sie verspürte keine Neigung, sich mit dem Unerreichbaren zu martern.
Trotzdem blieb sie sie dem Kräuterwissen – manche tuschelten: Hexenwissen – mehr als geahnt treu. Aber dieses Kraut wächst in einem anderen Beet. Eins nach dem anderen.


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... wie ein kleines Mädchen hinter den Ohren.

Sie hörte nie auf, Fragen zu stellen. Welche Pilze aus dem Wald sind essbar, welche bringen dich zum spucken? Was ist im Ei, bevor ein Küken schlüpft? Wie wird ein Kalb geboren? Womit beißen die Fische besser: Würmer oder Fliegen – und ist der Köder hinterher noch im Bauch des unglücklichen Fisches?
Als sie ihren zwölften Sommer erlebt hatte, waren diese und viele andere Fragen für sie bereits mit Antworten versehen.

... ein ganzes Beet voller von Fragen: Wieso jetzt, weshalb so, warum nicht, aber?

Auf manche Dinge konnten ihr weder die Eltern noch eine Großmutter eine zufriedenstellende Antwort geben: Warum kommt nach dem Kalb noch etwas aus dem Bauch der Kuh? Weshalb ist in einem frisch gelegten Ei nur Weiß und Dotter, in einem halb ausgebrüteten dagegen... Warum kann ein Fisch nicht an Land leben? Warum kann man nicht zwei Würmer zusammen nähen, um einen langen zu erschaffen, warum aber kann so manch halbierter Wurm noch immer zappeln und zucken?
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Suche nach diesen Antworten sie in Schwierigkeiten bringen würde.
Sie war immer ziemlich langsam bei ihren Erledigungen, zum Beispiel in der Küche, und niemand wunderte sich – man nahm wohl an, es sei so ihre Art. Auch dass sie durch die Höfe der Nachbarn schlich, duldete man, solange sie nichts stahl.
Doch als man herausfand, dass sie stundenlang zusah, wie sich die Hofkatzen paarten, aus dem abgehackten Hahnenschädel die Augen pulte, das Blut aus dem aufgehängten Kaninchenkörper auffing, um zu sehen wie viel darin sei, und einmal ein Brathuhn mit Gemüse und Kräutern füllte, ehe sie dessen Körperöffnungen allesamt mit Nadel und Faden stopfte wie Löcher in einer Socke … da schalt man sie nutzlos und töricht, eine Träumerin oder auch mal schlicht dumme Pute, die man am besten direkt mit dem Huhn zusammen auf den Spieß stecken sollte.
Sie entschied also insgeheim, dass die Küche nichts für sie sei.


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... Kmle!

Marjorie konnte es nicht leiden, herumkommandiert zu werden, trotzdem sputete sie sich, als ein Karren mit zwei Männern darauf ins kleine Dorf kam. Ein Mann mittleren Alters, groß und mit sauber gestutztem Bart, schien das Kommando gewöhnt zu sein. Er trat selbstsicher auf und rief den hinzugeeilten Dorfleuten Anweisungen zu, noch ehe ein verschwitzter, unangenehm süßlich riechender Mann vom rollenden Lager aus Stroh und schmutzigen Kleidungs- und Rüstungsteilen gehoben war – sie brachten ihn gemeinsam in eine leere Pferdebox, begleitet von einem kurzen Wortwechsel des Neuankömmlings mit ihrem Vater: „Seid aber ja in zwei Tagen wieder fort – s'bringt doch nur Ärger!“, murmelte der und fügte hinzu, ihnen solle nicht einfallen, seiner Familie „die Haare von Kopf zu fressen!“. Der Verwundete schien fiebrig und in wirren Träumen gebannt und sagte dazu nichts.
Die Anweisungen des gesunden Mannes liefen mit einem Raunen durch die kleine Gruppe der Umstehenden, bis sie bei Marjorie ankamen. Jeder hatte zu tun, so sollte das Mädchen dem Fremden zur Hand gehen.
Saubere Tücher holen?
Heißes Wasser machen? Das hieß für sie: Küche.
Es obsiegte die Neugier, und sie brachte die Sachen so eilig heran, wie sie konnte. Nicht zuletzt wollte sie schließlich wissen, wer der Verwundete war – vielleicht ein bekannter Ritter? – und sie wollte gern zusehen, was man mit seinem Arm tun würde: Der Stoff seines Ärmels war abgerissen, doch die Ränder dunkelbraun verfärbt wie von altem Blut, und ein Verband um den Rest des Armes war fleckig und hatte sich mit irgendeiner Flüssigkeit vollgesogen.
Fasziniert lungerte sie herum, nachdem sie dem Mann alles gebracht hatte, dann machte sie urplötzlich kehrt und rannte ums Haus, schnurstracks zum Kräuterbeet.
Sie kam langsamer, bedachter zurück und warf einen Blick über die Schulter des „Bestimmers“, wie sie den Stutzbärtigen für sich getauft hatte: Er hatte die Ärmel hochgeschoben und den alten Verband vom Arm des Kriegers entfernt. Man sah rot angelaufene Haut um wenige rundliche Wunden herum, vielleicht Pfeileinschüsse oder Dolchstiche, vermutete Marjorie... aus denen hellgelber, dickflüssiger Eiter sickerte, den der Bestimmer gerade mit sauberen Händen und bereits weniger sauberem Tuch abtupfte.
Der Liegende zuckte und wimmerte leise auf... Übelkeit wallte beim Geruch der entzündeten Wunden in ihr selbst auf, doch sie schluckte und kämpft darum, zu bleiben, während Teile des Schorfs und schlechten Fleisches weggeschnitten und die Wunden immer wieder ausgespült wurden, um das Ergebnis zu besehen.
Erst gefühlte Stunden später besann sie sich auf das, was sie so dringend hatte holen wollen, hockte sich neben den Mann hin und fuchtelte mit den schlapp gewordenen grünen Zweiglein mit ihren hellen Blüten.
„Hhm, Mädel, was haste denn da?“, fragte der, aufblickend und dunkle, etwas verkniffene Augen auf sie richtend.
„Kmle!“, nuschelte sie zunächst und brach ab, setzte dann nochmal an: „Hrmhrm, Kamille, der Herr.“ Sogar die respektvolle Anrede hatte sie bedacht und richtete sich sodann ein bisschen auf, stolz und gewiss, dass sie dem Mann gegenüber nicht als „dumme Pute“ auffallen wollte.
Mit einem Anheben der geraden Augenbrauen quittierte er ihren Einwurf und streckte fordernd die Hand aus. Nach einer kurzen Begutachtung der Stengel nickte er und wendete sich dem Verletzten wieder zu, jedoch nun hier und da das Schweigen durchbrechend und sie ausfragend.
„Wie kommste denn darauf, dass bei so einer Verletzung Kamille hilfreich sein könnte? Hm, Kleine? Wusste ja gar nich, dass ihr so was da habt.“ - „Von der Großmutter hab ich das. Von wem denn sonst. Die nimmt Kamille gegen ihr wundes Zahnfleisch, wenn sie aus dem Mund so süßlich riecht wie der Arm des armen Ritters... ähm, der Herr.“ So und so fort unterhielten sie sich. Der Verletzte sei zwar kein Ritter, doch sicherlich ein rechtschaffener Mann, dem Goblins übel mitgespielt hätten. Das habe er an den kurzen, ungeschickt gefertigten Pfeilen erkannt. Der Bestimmer hatte ihn bei einem Sommergewitter in einem Unterstand aufgegriffen, den sich Jäger gegen schlechtes Wetter am Wegrand eingerichtet hatten – und da war der Arm schon entzündet und der Mann krank. Vielleicht hätte er den Arm verlieren können oder sogar das Leben, wenn sein gammliger Verband noch weitere Tage nicht gewechselt worden wäre – aber nun würde er das nicht geschehen lassen. „Er“ rieb sich den kurzen Bart und nannte sich mit einem Unterton von Stolz „Vincent und Feldarzt auf dem Weg nach Eluiveweißwohin, vielleicht zu einem Heer, wenns in der Gegend irgendwo eins gibt“. Sie verstand das nicht ganz, aber es wurde schon dunkel und bestimmt könnte sie ihn am kommenden Tag noch ausfragen.
Zwischendurch ließ Vincent, der Bestimmer, sie frisches heißes Wasser holen, ließ sie dann die Blüten der Kamille abzupfen und in das Wasser werfen, mit dem er nach seinem weiteren Versäubern der Wunden jene nochmals vorsichtig spülte. Sein Vorgehen erinnerte sie an das Vorbereiten einer Forelle für die Pfanne, so selbstverständlich – er wirkte geübt und hatte ruhige Hände.
Schon als er dem verletzten Arm einen frischen Verband verpasste, begann Marjories kleines Herz schneller zu schlagen. Sie hatte einen Einfall.
„Na, wenn das mal nicht besser aussieht.“ Der Mann wirkte zufriedener, sammelte einige kleine Gerätschaften ein und schlug sie wieder in ein sauberes Tuch ein. „Eluiv' sei Dank.“
Was, wenn sie auch einmal bestimmen könnte? Sie pfiff auf das Gerede von der Göttin, aber etwas gefiel ihr an diesem Vincent ungemein: Er wusste, was zu tun war. Er hatte Einfluss und tat offensichtlich, was er für richtig hielt. – Was wenn einmal jemand ihr Wasser und Tücher bringen würde? Was wenn sie einmal könnte, was er kann - tun, was sie für richtig hielte? Jemandem helfen, dass er einmal wieder ein Schwert heben kann? Das schien ihr zu erstrebenswert.
Es war ihre Gelegenheit, und sie durfte sie auf keinen Fall verstreichen lassen: „Kann ich das auch lernen, der Herr?“


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Verfasst: Mittwoch 25. April 2012, 15:39
von Gast
... das weite Land.

Sie diskutierte nicht lang, die nächsten Tage versalzener Speisen, zugenähter Hühnerbraten mit den Magen zum Rumoren bringenden Pilzen darin, mit färbenden Fruchtsäften und zerriebenen Blättern fleckig gemachte Wäsche und weitere Streiche brachten Marjorie die ein oder andere Tracht Prügel ein – überzeugten aber ihre Angehörigen, dass sie wirklich fort wolle und dass es weniger angenehm enden könnte, ihr den Wunsch zu verwehren.
„Bestimmer-Vincent“ lachte über ihre Geschichten und meinte nur: „Komm nicht auf die Idee, es bei mir genauso zu halten! Ich brauch nen Laufbursch... oder nen Laufmädel,, wie's nun aussieht. Sicher keinen Klotz am Bein.“
So kam es, dass sie sich bei seiner Abreise zu ihm auf die Kutschbank seines klapprigen Karrens setzte.
Der Patient wurde mit Aussichten auf Genesung und einigen Anweisungen an eine Großmutter im Dorf gelassen, so dass sie selbst oftmals auf dem Hinterteil des Wagens schlief, während sie dann von Ort zu Ort zogen. Wenn sie ihn fragte, wohin es ginge, antwortete er stets: „Immer der Nase nach.“
Irgendwann hörte sie auf, sich die grünen Laubwälder und dunkleren Tannenhaine einprägen zu wollen. Die Ansammlungen von Höfen zu zählen, die ihrem Heimatort so erschreckend ähnelten. Sie zählte auch nicht mehr die Gruppen von Kriegern, mit denen sie immer mal für eine Weile umherwanderten und Speis und Trank und manchmal bare Münze gegen das tauschten, was sie zu bieten vermochten: Eine schneller und sauberer verheilende Wunde hier, einen gut sitzenden Verband, mit dem man sogar achtsam ein wenig jagen und kämpfen konnte, oder auch mal einen Tee gegen eine lästige, in tagelangem Nieselregen eingefangene Erkältung dort.
Marjorie schaute und lernte...
Das ging so lange, bis sie in das Alter kam, wo der Körper des kleinen Mädchens sich zu dem einer jungen Frau zu entwickeln begann und sie sich öfter mal zotige Sprüche von ihren Weggefährten anhören musste – Vincent, der Bestimmer, verdrehte über so etwas nur die Augen und strich sich über den zurechtgeschnippelten, kurzen Bart: Er schien sich aus ihr nicht viel mehr zu machen, als dass die Gesellschaft eines wissbegierigen Kindes die Langeweile der Reise vertrieb und er eine eilfertige Helferin bei seinen Aufgaben hatte. Manchmal konterte er einem Gesellen, der fragte: „Na, ob das kleine Ding auch anderen Leiden Linderung verschaffen könnt'?“ mit einem Spruch wie „Oh, hütet Euch, sie ist selbst die größte Pest von allen!“ und ließ Marjorie dadurch die Schamröte ins Gesicht steigen. Tatsächlich begann sie, ihre weiblichen Formen unter praktisch anmutender Kleidung zu verbergen, einer einfachen Hose mit einem zu großen Hemd und Wams darüber, dazu oft einen Hut oder ein Kopftuch, unter welches sie ihr braunes Haar steckte.


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... eine geprellte Nase nach drei Tagen.

Marjorie erinnerte sich gut daran, wenn sie später an die Zeit zurückdachte, die sie mit dem „Bestimmer“ umher gezogen war. Besonders fürsorglich waren sie nicht immer, diese Gruppen, denen sie sich anschlossen. Mal waren es Alatar, mal Temora verehrende, mehr oder weniger rechtschaffene Leute, die ihnen stets ein Stück Brot und einen Platz an ihrer Feuerstelle überließen. Gelegentlich fiel auch etwas Fleisch oder Wein ab. Solang man ihr keine Maulschelle verpasste, wenn sie in Eluives Namen für eine gute Wundheilung dankte, war es ihr egal, woran die Leute glaubten. Manchmal, so hatte es ihr Vincent angeraten, wenn ihr die Gesichter der Umstehenden allzu rau vorkamen, flüsterte sie einfach ihren Dank, abends auf den Fellen ihres Nachtlagers.
In manchen Gemeinschaften zogen auch Frauen mit, die sich ebenso in Leder, Kette oder manchmal schwere Platte rüsteten wie die Männer und auf Marjorie eine große Faszination ausübten. Sie probierte einmal den Armschutz einer Kriegerin an, die etwa ihre Größe hatte – doch konnte sie darin kaum die Hand auf Schulterhöhe heben. Zähneknirschend musste sie sich eingestehen, dass sie sicherlich nicht für den Kampf gewachsen sei. Hingegen wurde sie in den meisten Gruppen in Ruhe gelassen, manchmal hatte sie sogar das Gefühl, man respektiere sie, weil sie zu dem Feldheiler gehörte, der den Streitern ihr Tun erleichterte.

Eines Tages kehrte die Gruppe, der sie sich angeschlossen hatten, nicht wie abgesprochen bei einbrechender Dämmerung zurück. Sie und Vincent wechselten über die Feuerstelle inmitten des kleinen Lagers hinweg besorgte Blicke. Die Gruppe der Streiter bestand aus sieben Männern und zwei Frauen – eine war Bogenschützin und Marjorie konnte sich ihren Namen schlecht merken, die andere eine Streunerin namens Lurana, die mit ihren zwei schmalen Dolchen sehr geschickt zu sein schien. Ob Edelsteine und alte Schriftrollen aus versteckten Kisten, Knochen sowie auch Reagenzien, die nur an schwer zugänglichen Orten gediehen: Die beiden sammelten oft Dinge in den Höhlen und Sumpfgegenden ein, nachdem die Männer die dort lebenden Kreaturen niedergestreckt hatten. Marjorie war jedoch schwer beeindruckt, als Lurana erzählte, welche Wesen sie selbst bereits erlegt hatte: Imps, Orks und Goblins und Zweiköpfe und andere Schrecken.
Weil es für sie sonst kaum möglich war, an heilkräftige Höhlenkräuter und Schwammpilze zu kommen, saßen Marjorie und Vincent abends noch lange mit den beiden Frauen zusammen, um ihnen das Aussehen der gesuchten Zutaten zu erklären.
In dieser Nacht warteten die beiden alleine, während alle anderen zur Jagd nach einem Troll in eine Höhle hinabgestiegen waren. Oft nickte das Mädchen ein, doch wann immer sie erwachte, erblickte sie Vincent, wie er noch immer Wache hielt, im Feuer umher stocherte oder sich seinen kurz gestutzten Bart rieb.
Endlich, der Morgen dämmerte bereits, vernahmen sie das Geklapper von Metall auf Metall und leises Stimmengewirr, das heran nahte. Marjorie setzte sich auf und streckte ihre steif gewordenen Gliedmaßen. Vincent war dabei, seine Ausrüstung zu polieren und kleine Klingen zu schärfen.
Bald kamen die Gestalten in Sichtweite: Sie waren zu sechst, zwei stützten eine kleinere. Mit einem erschrockenen Einatmen erkannte sie Lurana, der ein Pfeil aus der Wade ragte, so dass sie mit einem Bein kaum auftreten konnte.
Das Mädchen eilte auf sie zu und half ihnen auf dem Weg ans Feuer, dann ließ die anderen die Verletzte auf ihrem Fell ablegen. Sie blickte zu Vincent, welcher das Säubern und Sortieren seiner Gerätschaften unterbrach und sich mit den anderen Zurückgekehrten in ein leises Gespräch vertiefte. Das Zeichen, dass sie sich um die Frau kümmern sollte.
Marjories Herz schlug höher, sie war kribbelig vor Aufregung und zugleich stolz, dass der Begleiter ihr die Aufgabe zutraute. Geschickt schnitt sie Luranas Hose aus beschlagenem Leder auf, um die Wade freizulegen, und zog die Stücke von der Einschuss-Stelle zurück. Dort ragte er vor, ein grober Pfeil mit schwarzer Befiederung, vielleicht von einem Orkschützen, schätzte sie.
Mit einem tiefen Durchatmen fragte sie Lurana: „Wie war die Jagd, habt ihr den Troll gefunden?“ - „Mach das Ding einfach weg, Kleine“, erwiderte die drahtige Frau auf dem Fell mit belegter Stimme, schob sich den Griff eines ihrer Dolche zwischen die Zähne und legte sich dann eine Hand über ihre Augen und die mit Schweiß und Dreck bedeckte Stirn.
Das Mädchen nickte und legte eine Hand an das Knie der Verwundeten, mit der anderen zupfte sie die Federn am Pfeilende ab, nur um dann zu beginnen, jenes voran zu drücken. Sie wusste, einen Pfeil abzubrechen oder herauszuziehen, konnte schlimme Folgen haben. Sie schob mit angehaltenem Atem weiter, der Pfeil bewegte sich langsam, und ihre Fingerspitzen begannen zu prickeln. Stoßartig atmete sie aus und wieder ein, schob kräftiger. Langsam wurde unter der Haut des Unterschenkels eine Beule sichtbar, dunkel erschien von unterhalb die Spitze des Pfeils. Nun kniff Marjorie selbst die Augen zusammen... hörte und fühlte nur noch: Lurana stöhnte leise vor Schmerzen und spannte sich deutlich an, das Ende des Pfeilschaftes wurde langsam glitschig – vom Schweiß ihrer Hand oder vom Blut der Wunde? Sie wagte es nicht, hinzusehen, spürte nur, wie das Holz sich dann ruckartig leichter voran schob. Schnell griff sie das obere Ende und zog den Pfeil gänzlich hindurch. Wieder hinsehend, erblickte sie langsam hervor quellendes Blut. Plötzliche Erleichterung erfasste sie, immer leichter wurde ihr... bis sie sich fast schon schwerelos fühlte. Die Welt begann sich langsam um sie zu drehen und kleine glitzernde Funken schienen die Luft zu erfüllen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank neben der Frau, das Gesicht voran, in den Dreck.

Blinzelnd kam sie wieder zu sich, erblickte neben sich eine bis auf den zotteligen Haarschopf zugedeckte, offenbar schlafende Lurana. Es war hell geworden, die Sonne schien. Sie hörte leise Stimmen sowie das Knacken und Knistern der Feuerstelle. Man hat sie sicherlich auf Vincents Bitte hin brennen lassen und immer wieder nachgelegt, um die Verwundete zu wärmen, dachte sie. Ihr Kopf dröhnte dumpf, sie leckte sich über die Lippen... die Oberlippe war angeschwollen wie nach einer Prügelei, und auch ihre Nase fühlte sich seltsam an. Sie schaute sich um und erblickte eine halb leere Flasche, die nahe am Feuer halb eingebuddelt worden war, damit sie nicht umkippte. Dann erschien ein Paar ausgestreckter Stiefel in ihrem Blickfeld, an dem sie hinauf sah … weiter hinauf, bis in das Gesicht ihres Reisegefährten. „Na, ausgeschlafen?“, meinte er schmunzelnd und ließ seine dunklen Augen blitzen. „Wenigstens zeigt deine Nase noch geradeaus, kannste von Glück reden. Sowas kriegt man nich leicht wieder hin.“ Flüsternd fügte er hinzu: „Eluiv' sei Dank.“

Mit der Zeit spielten sie sich aufeinander ein – sie wusste genau, welche Werkzeuge und Dinge Vincent brauchte, Anweisungen wurden überflüssig. Sie begann von seinen dunklen Augen abzulesen, wie schlecht oder gut es um einen Kranken stand, nur um mit der Zeit selbst mehr und mehr zu agieren – Wunden zu säubern, zu nähen, Kräuter zu sammeln und Wirkungen und Mischungen zu probieren. Und sie schwor sich eines: Nie wieder wollte sie so leicht auf die Nase fallen!


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Verfasst: Freitag 27. April 2012, 21:26
von Gast
... das Gras überall, auch da, wo man an Alatar glaubt.

Am Tor einer Kleinstadt hielt eines Tages rumpelnd der Karren und weckte Marjorie, die sich blinzelnd aufrichtete und sich herausgefallene Haarsträhnen unter ein Kopftuch schob. Ihr „Bestimmer“ kletterte von der Kutschbank, um mit den Wachen einige Worte zu wechseln, doch jene deuteten schlicht auf einen Aushang aus dickem Pergament.
Sie stolperte an die Seite ihres Begleiters und beobachtete, wie er die Zeilen mit dem Blick überflog. In diesem Moment ärgerte sie sich, dass sie die Linien aus geheimnisvollen Zeichen nicht zu deuten vermochte, darum hüpfte sie angespannt neben ihm auf und ab. Dann zeigte er auf eine filigran gezeichnete Panthertatze auf dem Aushang und raunte ihr zu: „Hier müssen wir uns vorsehen. Auch wenn sie gern Leute hier haben, die ihre Verletzten flicken – sie halten nicht viel von den Anhängern der Mutter. Das ist die Pranke ihres All-Einen, schau.“
Hätte jemand Marjorie nach ihrer ehrlichen Meinung gefragt, sie pfiff auf den All-Einen weit mehr noch als auf die Mutter, solang sie Brot und Bier bekam und keiner sie anging. Vincent gefiel es nicht, wie wenig sie sich um den Glauben derjenigen scherte, die sie traf oder sogar behandelte. Er sagte, eines Tages würde es sie in Schwierigkeiten bringen, und damit sollte er Recht behalten. Doch dieser Pfotenabdruck ziert einen anderen Aushang.

Natürlich fragte sie keiner, und so sagte sie das nicht.
Beide kletterten wieder auf den Karren und rollten damit auf ein Zunicken der Wachmänner voran.


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... getrocknete Kräuter in einer Teemischung.

Marjorie überlegte, wie lange sie noch mit Vincent, dem Bestimmer, umherziehen würde. Sie hatte so einige Sommer gezählt, seitdem sie ihr Heimatdorf hinter sich gelassen hatte.
Immer noch lernte sie viel Neues, aber nicht mehr nur von dem, der sie aufgegabelt hatte, sondern quasi am Wegrand und im Vorbeigehen in den zahlreichen Orten, die sie zusammen aufsuchten.

Die Beantwortung der Frage, wie und wann sie die Gesellschaft des Feldarztes verlassen würde, wurde eines sonderbaren Tages einfach abgenommen. Am Stadttor einer weiteren kleinen Stadt grüßten die Wachen freundlich mit „Temora mit Euch!“. Am Rande einer der gepflasterten Straßen weiter im Stadtinneren baute sie bald ordentliche Reihen aus kleinen Beuteln auf einem kleinen, gegen einige Münzen angemieteten Marktstand auf. Vincent war unterwegs, ihnen wieder das Nötigste an Vorräten für die Weiterreise zu besorgen, Brot und Haferkekse, dazu getrocknete Wurst und was er so finden würde.

Ein leises Räuspern erklang und eine Hand wies auf einen der Beutel. Mit freundlichen, erklärendem Tonfall leierte sie auswendig herunter: „Magenwohl, mit Basilienkraut und Kamille. Der Rest ist geheim.“
Die Hand wanderte weiter, zum Beutel mit dem beschrifteten Schild daneben. „Hustenfein. Thymian und vom Hollerbusch. Der Rest ist geheim.“ Und zu dem daneben. „Fieberbann. Mit Blüten von Linden und Hulstenbeeren. Der Rest is...“
Dann wanderte die Hand nach oben, zeigte an Marjories Kopf vorbei auf ein Pergament. Sie verstummte und musterte es. Es war eine Münze darauf abgebildet und ein Siegel, wiederum viele der Zeichen, von denen sie nicht viel mehr wusste als dass sie etwas bedeuteten.
„Am kommenden Markttag, 23. Lenzing, für Liam Weilnau. Gezahlt.“, las eine Stimme.
Erst jetzt wandte sie den Kopf und kratzte sich unter der Hutkrempe am Haaransatz, blickte in das Gesicht des jungen Mannes vor ihr. Er grinste.
„Wie jetzt?“ - „Na, ich hab den Stand vor dir ...“ - „Uns.“ „... also vor euch gemietet. Schon vor drei Wochenläufen hab ich einen Boten mit dem Standgold geschickt. Tut mir leid, aber du... ihr müsst da drüben hin.“
Er zeigte auf einen windschiefen Tisch unter einem vorspringenden Dach, etwa zehn Schritte weiter, woraufhin sie rot anlief und sich mit hochgekrempelten Ärmeln vor ihm aufbaute.
… so begegnete sie dem Reisenden vom fernen Gerimor zum ersten Mal.


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... eine neue Hoffnung, so bald sie auch zunichte werden mag.

Wenige Tage nach der ersten Begegnung stand ihr Entschluss fest und es galt, diesen Vincent beizubringen. Der „Feldarzt auf dem Weg“ lachte und meinte, ohne sie fände er vielleicht endlich das Heer, dem er sich anschließen und bis an sein Ende Schultern einrenken und Pfeilwunden versorgen könne.

Ihr eigener Name klang auf einmal ungewohnt in ihren Ohren: „Fräulein Weilnau.“
Je länger sie blieb, umso eher schienen die Stadtleute gewillt, sich auf ihre schnörkelig von Liam beschrifteten Mischungen in Beuteln und Fläschchen einzulassen. Er hatte auch Schwestern, von denen er manchmal erzählte – eine noch so klein, dass sie meist im Elternhaus half, eine die in einer Stadt namens Adoran auf Gerimor mit den Studien der Magie begonnen hatte, genau wie er.

Doch es kam alles anders. Die Monde vergingen... glücklicke Mondläufe, bis zu jenem Tag. Eines Morgens stand Liam einfach nicht wieder auf.
Fassungslos besah sich Marjorie den nur noch schwach atmenden Körper im Bett, und ihre ganze Welt schien still und stumm in Scherben zu fallen.
Die fahl unterlaufenen Augen, die auf einmal eingefallen wirkenden Wangen des zuvor so vollen und fröhlichen Gesichts, der Geruch ... sie verhießen nichts Gutes. Es war fast, als habe ihn in der Nacht ein Fluch getroffen und nur noch einen Rest ihres geliebten Mannes zurückgelassen.
Sie wachte fortan an seinem Bett, sah ihm beim Atmen zu, das immer schwacher wurde, pflegte ihn so gut es ging – und zermarterte sich den Kopf, was ihm zugestoßen sein mochte. Doch wollte er weder aufwachen... noch essen oder trinken. Auch Marjorie brachte nichts hinunter, wachte an seiner Seite, mal schlafend, mal weinend, und stundenlang schweigend und grübelnd.

Kaum zwei Sonnenläufe später hob und senkte sich der Brustkorb nicht mehr. Marjorie brachte es nicht über sich, jemandem davon zu erzählen, oder ihn gar sogleich bestatten zu lassen. So machtlos, so ahnungslos, wie sie sich fühlte, konnte sie nur da sitzen und ihn betrachten.
Sie überlegte, den leblosen Körper aufzuschneiden, im Innern nach dem Grund für die plötzliche unaufhaltsame Krankheit zu suchen – schon hatte sie den Oberkörper entblößt und ein scharfes Messer angesetzt. Aus dem feinen Einstich auf der Haut drang kein Blut – die Haut fühlte sich mittlerweile kalt und hart unter ihren Fingern an, die so übel zitterten, dass sie die Klinge schließlich fallen ließ.
Unverrichteter Dinge sank sie auf ihren Stuhl neben seinem Bett und schluchzte.
Sie brachte es nicht über sich. Würde sie je erfahren, welche Krankheit, welche Verletzung, die sie nicht sehen konnte, Liam hatten sterben lassen? Sie musste, musste einfach mehr lernen. Sie musste erfahren, was es da gab, das einen Menschen mit solcher Bestimmtheit in die Arme des Todes führen konnte.


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... wie manch gläserne Mosaiksteine in den Fenstern einer Kapelle.

Sie schickte nach den Totengräbern – sah zu, wie man den Leichnam entkleidete und für die Bestattung vorbereitete. Sogar bis zum Friedhof folgte sie den Männern, einen Hut tief in die Stirn gezogen, um die rotgeweinten Augen darunter zu beschatten. Sie wartete, bis das Grab ausgehoben und ihr Mann bestattet war, kehrte dann auf dem Absatz um und packte ihre Sachen.
Sie hatte eine Reise zu unternehmen. „Marjorie, Feldheilerin auf dem Weg nach Eluiveweißwohin.“


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... Seetang.

Der morgendliche Wind fuhr ihr mit eiskalten Fingern durchs lange, offen getragene Haar. Weiter flog die Luft, hinaus in die Gewässer vor dem Bajarder Hafen und durch das Labyrinth von Segeln und Tauen hindurch. Der Blick der jungen Frau folgte dem Windstoß dicht auf, vorbei am Ruder eines der anliegenden kleinen Fischerboote, das unter einer aufkommenden Welle schaukelte. Am Horizont verschwanden bereits die Segel des großen Handelsschiffes, das sie hierher gebracht hatte.

Sehnsucht und Hoffnung lagen im Blick ihrer grünlichen Augen. Sie wollte weiter lernen und tun, was sie für richtig hielt. Über die Einzelheiten würde sie sich schon klar werden, wenn sie erst Liams Schwestern gefunden hätte.
Eine wunderschöne Magierin und eine jüngere Rotzgöre? Konnte ja kein so großes Problem sein.


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Verfasst: Montag 30. April 2012, 09:12
von Gast
... Kräuterschnaps.

So schwer war es tatsächlich nicht – beim Anblick der mächtigen Landmasse vom Deck des Schiffes aus hatten sich Unsicherheit und Verzweiflung in ihr breit gemacht.
Nach einigen ersten Nächten in einem Herbergszimmer, in dem man sich kaum mit ausgestreckten Armen um sich selbst drehen konnte (… wie auch immer das Bett dort hinein passte: Es gab immerhin eines!), begann sie die Leute in der Gegend anzusprechen.
„Äh, guten Tag, verzeiht die Störung.“ - Ein schweigender Blick, mal missbilligend, mal irritiert, an anderer Stelle freundlich, richtete sich auf sie. „Ich such jemanden. Habt Ihr einmal den Namen Weilnau gehört?“
Ein schweigendes Anheben der Brauen, ein musterndes Auf- und Abschweifen der Augen.
Marjorie war den Umgang mit Fremden gewöhnt, vom Reisen während ihrer Ausbildung und vom Verkaufen auf dem Markt, und doch war es für sie nun anders: Mit Fremden... in der Fremde. Zum Glück konnten ihr manche Befragten Hinweise geben:
„Na Mädel, da biste aber im falschen Dorf!“
„Weilnau, ja. Früher mal. Heißt die jetzt nicht anders?“
„Weilnau? Auf dem Markt in Adoran hat eine bei mir Garnrollen gekauft, die so hieß. Blutjung, aber'n hübsches Ding.“

So trat Marjorie am folgenden Tag am kleinen Platz vor dem Fischerdorf auf den Kutscher zu.
„Einmal nach Adoran, bitte! Wenn ich lauf, geh ich nur verloren.“
Sie zählte ihm einige Münzen in die auffordernd vor ihr niedergestreckte Hand und schwang sich dann hinten auf einen Sitzplatz.
Ein alter Mann reiste mir ihr, der tattrig ein Pergament vor dem Gesicht hoch hielt und offensichtlich darin las... Marjorie grüßte ihn freundlich und hielt dann, als die Kutsche sich rumpelnd in Bewegung setzte, den kleinen Vorhang am Fenster zur Seite. Sie wollte versuchen, sich die Landschaft etwas einzuprägen.
Als das Gefährt zum Halten kam und die erhobene Stimme des Kutschers verkündete: „Adoran! Aussteigen!“, legte sie sich den Umhang um die Schultern, setzte ihre Mütze auf und sprang die wackelige kleine Treppe hinab.
Der erste Blick auf das mit Gardisten besetzte Stadttor ließ ihr Herz schneller schlagen. Direkt unter dem Tor hing ein schweres Pergament aus, man hielt sie auf und fragte sie nach dem Grund ihres Aufenthalts.
Sie ergriff die Gelegenheit und stellte den Wachen einige Fragen, welche ihr knapp und doch freundlich beantwortet wurden. Ob sie in der Stadt als Besucherin etwas zu beachten habe? Könne sie alle Stadtviertel ohne Bedenken um ihre Sicherheit betreten? Nicht zuletzt konnte sie in Erfahrung bringen, dass auch die Stadtwachen den Namen Weilnau schon gehört hatten, einige wirkten gar erfreut – und sie rieten ihr, zumindest die ältere Schwester sei vielleicht in der Nähe der Stadtbücherei zu finden.

Nach einigem Umherlaufen und Ansprechen von Passanten gelangte sie auch zum gewünschten Ort. Sie öffnete die Tür und streckte den Kopf in den Raum – es roch nach alten Büchern und noch etwas anderem Alten... letzteres erschien dann in Form eines ältlichen Mannes, der beim Klappern der Tür hinter einem Regal hervor trat.
„Oh ja, die Frau Weilnau... aber die heißt nun Valerian. Sicher kenn ich die,“ entgegnete er und bot ihr einen Platz und eine Tasse Tee an.
So pflückte sie sich die Mütze von nussbraunen Haar und ließ sich bei ihm nieder. Es entspann sich ein Gespräch, in dem er ihr seine gesamte Familiengeschichte erzählte. Dann folgte ein Bericht seiner gesundheitlichen Leiden, von Zahnweh über Hexenschuss bis hin zu Gicht in den Fingern. Sie lauschte, pustete auf ihren Tee, lauschte weiter...
Als sie sich nach mehreren so verbrachten Stunden erhob, waren ihre Beine steif vom langen Sitzen, die Lider schwer vor Müdigkeit und sie hatte das Gefühl, von all dem Staub in der Luft unbedingt niesen zu müssen.
„Versucht es einmal mit dem Saft einer Zitrone täglich. Wenig Wein, mehr Spaziergänge. Wenn's abends schlimm ist, macht Euch einen warmen Aufguss aus Minze, Lavendelblüten und Rosmarie – nein, nicht zum Trinken, sondern zum Baden.“ Sie griff nach ihrer Mütze und platzierte sie wieder auf dem Kopf, sich im selben Zug kurz verneigend.
„Habt Dank, werter Herr Lambart, schöne Grüße an Eure Nichte in Bajard werd ich bestellen... aber nun suche ich lieber weiter.“
Mit einem tiefen Durchatmen schloss sie die Tür hinter sich und ging einige Schritte. Am Ufer eines Flusses, der sich durch die Häuserreihen wand, blieb sie stehen und rieb sich grübelnd das Kinn. Eine Gruppe Gardisten ging vorbei, wortkarg grüßend, wohl auf dem Weg zum Wachwechsel. Es folge eine blonde Frau mit langen Zöpfen und einer dezent bestickten, bodenlangen Robe. Sie schlug den Weg um die Ecke in Richtung der Bücherei ein, doch waren sie alle schneller verschwunden, als sich Marjorie zum Ansprechen und Fragen entschließen konnte.

Resigniert ließ sie ihr grünes Augenpaar dem Flusslauf folgen, betrachtete Seerosenblätter, die auf dem Wasser schwammen, sowie das ein oder andere Stückchen Unrat, das tiefer im Wasser zu erahnen war.
„Des Fuchses Segen, die Dame, kann man Euch helfen?“, erklang dann eine Stimme hinter ihr und Marjorie wandte sich um. Die blonde Frau war wieder erschienen und näherte sich. Marjorie nickte und antwortete: „Vielleicht. Einige freundliche Leut' haben es bereits probiert – ich bin neu in der Gegend suche jemanden.“
Nach kurzem Schweigen fügte sie erklärend an: „Marjorie Weilnau, ich suche die Angehörigen meines verstorbenen Ehegatten – Eluiv' schenke ihm Frieden.“
Die junge Frau erblasste und stellte sich ebenso vor. Am liebsten wäre Marjorie im Boden versunken... sie blinzelte einige Tränen weg und griff die junge Frau am Arm.
„Kommt, setzt Euch für einen Moment. Verzeiht...“

Am Abend, auf dem Weg aus der Stadt hinaus, machte sie einen kurzen Abstecher in eine Taverne, die sie nahe den Toren bemerkt hatte. „Abend, Herr Wirt. Ich brauch 'nen Schnaps.“ Sie ließ sich am Tresen nieder, zog die Mütze vom Kopf und starrte in ihr kleines Glas voll klarer, grünlicher Flüssigkeit.


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Verfasst: Sonntag 17. Juni 2012, 23:49
von Gast
... die Beete an den Wegrändern der Stadt.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, auf dem Weg hin zum Rathaus Adorans, das grünliche Augenpaar hin und her schweifend. Rechts und links von ihr zogen Häuser vorbei, sie blickte in die abzweigenden Straßen und versuchte, sich so gut es ging, alles einzuprägen. Dennoch schien die Stadt wenig Anhaltspunkte zu bieten: Alles war ordentlich ... ordentlich geschnittene Hecken, sorgsam eingetopfte Blumen und grüne Beete, zwischen denen kleine Kieselsteine oder Rindenmulch verteilt worden waren. Sie mochte die Stadt auf Anhieb.
Die Stadt, in die sie ihre Suche verschlagen hatte. Die Stadt mit den gepflasterten, meist wie schnurgerade gezogenen Wegen. Zu ihrem Leidwesen fiel es ihr nicht gerade leicht, sich in der allgegenwärtigen Ordnung der Stadt zu orientieren. Manchmal zählte sie die Abzweigungen, oft aber lief sie einfach Umwege und gewöhnte sich sogar an, diese zu nutzen, solange sie sie nur wiederfand.
Dennoch mochte sie die Stadt mit den geduldigen Gardisten und dem vielen Grün, das sich im Frühling von Tag zu Tag mehr entfaltete. Die Stadt, in der man sie so freundlich aufgenommen hatte.

In kurzer Zeit nach ihrer Ankunft machte sie bereits viele neue Bekanntschaften. So froh sie war, dass sie ihre Schwägerin gefunden hatte, so wenig fühlte sie sich jedoch angekommen. Sich all die Namen zu merken, damit hatte sie wenig Probleme – auch wenn einige recht lang und schwer auszusprechen waren und ein Vorname sie immer wieder aus dem Konzept brachte.
Es war schließlich einer der Wachsoldaten, der Marjorie auf die Idee brachte, dies könnte ihre neue Heimat sein. „Dem Reich zur Ehr, Frau Weilnau!“, grüßte er, vielleicht ihren Blick dabei nicht bemerkend - und Marjorie freute sich im Stillen, dass er sie wiedererkannt hatte. „Seid gegrüßt, der Herr!“ Sie lüpfte ihre Mütze und neigte ihren Kopf. Er erkundigte sich, ob sie Frau Valerian denn wohl gefunden habe, wie es ihr in Adoran gefalle und ob sie wohl zu bleiben gedenke. „Ich schätz, ich find schon überall ein Plätzchen“, erwiderte sie abwinkend und ohne sich darüber ernsthaft Gedanken gemacht zu haben. „Für 'ne Feldheilerin hätten wir bestimmt einige Aufgaben“. Sie zog die Stirn kraus und blickte den Gardisten verdutzt an. „Ich werd es mir, äh, überlegen.“


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... die Mischung aus Goldgelb und Blau.

Wenige Tage später fand sie sich auf einem schlichten Stuhl in einem Sprechzimmer wieder, auf einem Stuhl, der etwas zu gerade gebaut war, um bequem zu sein.
„Ihr solltet Euch noch bei Oberst von Tannhoeh vorstellen, Frau Weilnau.“ - „Ja sicher, Herr Tha...“ - „Korporal Tharom.“ Sie nickte eifrig und verabschiedete sich, nur um anschließend auf einer Bank an der gegenüberliegenden Seite des Warteraums Platz zu nehmen, ihre Mütze nervös in den Händen drückend...

Um ihrer Schwägerin nicht zu sehr zur Last zu fallen, bewohnte sie mit ihren paar Habseligkeiten nun ein Zimmer in der Herberge, die man direkt hinter dem Stadttor auf der rechten Seite erreichte. So, hoffe Marjorie, würde sie sich nicht allzu oft auf dem Heimweg verirren. Immerhin fand sie bald den Weg ins Glaubenshaus und zum Regimentsgebäude immer wieder, beides bedeutsame Orte, zu denen sie oft gelangen musste.
So wurde Marjorie „Rekrutin des Regiments“ und die fremde, schöne Stadt Adoran ganz allmählich „zu Hause“.


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Verfasst: Donnerstag 25. April 2013, 00:12
von Gast
... eine Neun-Kräuter-Teemischung im Mörser.

Bald ein Jahr schon war Adoran nun Marjories Heimat und die Kameraden im Regiment ersetzten ihr Freunde und Familie zugleich. Die Aufgaben als Feldheilerin füllten die junge Frau völlig aus, von ihrer Zeit blieb nur an seltenen Tagen mehr übrig als nötig war, um sich aus der seit Ankunft „Seiner Majestät, des Königs“ rot-goldenen Uniform zu pellen. Kaum, dass der Kopf auf ein Kissen oder manches Mal nur den gefalteten Umhang niedergesunken, war sie meistens auch bereits eingeschlafen.

Die Alchemieküche, der Kampfübungsplatz, die Kommandantur... inzwischen fand sie ihre Ziele auf den schnurgeraden Wegen durch die Stadt fast schon im Schlaf.
Während sie Stunde um Stunde zum Wachdienst am Tor oder auf Patrouille zubrachte, prüfte sie mit ungebrochener Sorgfalt prüfte sie immer mal wieder den korrekten Sitz ihres Baretts oder die Sortierung von Phiolen und Bandagenrollen in ihrer Gürteltasche. Die grünlichen Augen behielten dabei unablässig den Weg im Blick, für den Fall, dass jemand sich dort sehen ließ.

„Temora und Reich zur Ehr“, grüßte der Gardist neben ihr und riss sie kurz aus ihren Gedanken, als eine junge Magierin in wehender Robe auf einem elegant (und kostspielig) aussehenden Ross vorbei ritt. Temora. Temora, Temora, Temora. Der Name hallte bei jeder Erwähnung, was durchaus nicht selten vorkam, in ihrem Kopf nach und erzeugte dort ein lebhaftes Echo. Sie kannte das unbestimmte Gefühl der Unzufriedenheit schon von... schlichtweg all den Dingen, die sich ihrem Verständnis widersetzten.
Der Glaube hatte erst vor gar nicht so langer Zeit begonnen, sie ernsthaft zu beschäftigen... und nur nach und nach begann das, was sie damit in Verbindung brachte und bisher gelernt hatte, etwas mehr Sinn zu ergeben.

Der diamantene Kodex. Ein Rekrut, der mit ihr Nachtwache hielt, hatte ihr das geschenkte Buch sogar zweimal vorgelesen und doch konnte sie aus dem Kopf kaum alle Tugenden zusammenbringen. Hart, mit vielen Facetten ohne direkten praktischen Bezug für sie, warf er für sie viele Fragen auf. Warum, aber vor allem wem, sollte sie sie stellen? Wenn sie zugeben müsste, dass... nein. Das kam nicht in Frage. Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, sich wieder die „dumme Pute“ anhängen zu lassen, allen bohrenden Unklarheiten zum Trotz. Allein, sollte es dafür keinen Ausweg geben? Marjorie hatte immerhin gelernt, dass Temora auch Hoffnungsträgerin genannt wurde. Daran klammerte sie sich fest, bis einer kommen sollte mit offenen Ohren und Antworten. Und an ihrem Speer.


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Verfasst: Donnerstag 25. April 2013, 09:37
von Balator Meridos
... der Herrin zu dienen bedeutete auch, Ihre Adlerküken beisammen zu halten und zur Flugreife zu begleiten ---

Es kam ihm vor, als wären es einige wenige Augenblicke gewesen, im Gespräch mit der Feldheilerin. Durch die simple Erklärung des Symbols der Opferbereitschaft hatte es begonnen, schnell wurde dem jungen Recken klar, dass er hier helfen musste, hier war eine der Streitbaren zugewandte Seele in Unsicherheit, über einen der vielen Steine auf dem Pfad der Tugenden gestolpert. Das Mitgefühl verpflichtete ihn dazu, zu helfen.

Und so flog die Nachtwache geradezu dahin, während er ihr versuchte, einige der Tugenden des Kodex der reinen Seele näherzubringen, hier und dort einen Aspekt oder ein Beispiel suchend, das für eine Heilerin naheliegend sei, dort aber auch die wenigen Erfahrungen teilend, welche das junge Leben des Rekruten zu bieten hatte.

Und am wichtigsten, stets betonend, dass dieser Weg kein Ende habe, das Verständnis der Tugenden ist nie vollendet, für einen Hohepriester nicht, für eine Feldheilerin nicht und für einen jungen Recken auf der Suche nach der Wahrheit erst recht nicht. Geistigkeit! Exakt jene Tugend, welche diese Tatsache beschreibt.

Und doch wurde ihm zunehmend klar, dass er Marjorie teilweise mehr verwirrte als ihr half, doch das war normal, bei Temora wie verwirrt war er damals, im zarten Kindesalter bei den ersten Erklärungen seines Lehrers zu den Tugenden. Doch es hatte sich bezahlt gemacht, noch nicht ganz erwachsen war er es, der die Lehren der Gerechten versuchte weiterzugeben.. und den rohen Diamant der Feldheilerin langsam zu schleifen half, auf dass der diamantene Kodex ihr bald so vertraut sein sollte wie das Verbinden einer Schnittwunde.

.. der wache Sinn des jungen Mannes war geweckt.

Verfasst: Montag 29. April 2013, 23:45
von Gast
… rechts und links die Hecke: Was für ein Labyrinth!

Sie hatte sich über die Schwelle gewagt... und nun hatten sich dichte und um Aufmerksamkeit heischende Wände um sie aufgebaut. Ein Zurück schien es nicht zu geben und der Wall aus wohlgestutzter Hecke, der den Weg vor ihr flankierte, schien mit jedem weiteren Schritt sogar noch dichter zu wachsen.
Im Moment kam Marjorie, so schien es, nicht an dem Thema vorbei. Zumindest nicht aus eigener Kraft.
Halb nur konnte man sagen, dass sie sich zwischen Kodices und Tugenden ordentlich verirrt hatte; mindestens zur Hälfte war der Grund vielmehr darin zu suchen, dass sie auch noch wissen wollte, was hinter der nächsten Ecke lag. Wenn es eine Sackgasse war, so war an ihrem grün beschatteten Ende doch wenigstens immer etwas zu finden, ob nun eine Marmorbüste, die Seiner Königlichen Majestät oder Sir Thelor genug ähnelte, um sie zum Lachen zu bringen, oder eine Bank, auf der sie sich eine kurze Rast erlauben konnte.

Ob es für heimliche Kräuter inmitten dieser erbarmungslos perfekten Anlage einen Platz gab? Ob zwischen dem exakt geplanten und akkurat angelegten Grün auch etwas Bestand hatte, das sie verstehen konnte... und interessierte?
Allein hätte die junge Frau sich vielleicht nie so richtig getraut. Aber Hand in Hand mit jemandem, der zumindest etwas über Theorie und Tücken zu erklären vermochte, lag die Sache anders.


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Eines Tages nach einer weiteren Nachtwache in den Straßen Adorans gelang es ihr tatsächlich, die Uniform noch vor dem erneuten Untergang der Sonne abzulegen. Oder vielmehr gelang es dem richtigen Korporal, ihr zu einem glücklichen Zeitpunkt den Dienstschluss zu befehlen und die Feldheilerin erfolgreich durch die Stadt zu schleusen, ohne dass irgendwelche neuen Vorfälle sie unabsichtlich direkt wieder zur Pflicht gerufen hätten.
Der Hemdsstoff auf ihren Schultern wog ungewohnt leicht, als sie die Umkleideräumlichkeiten verließ und sich eine gegen die noch frische Frühlingsluft wärmende Mütze aufsetzte. Unauffällig stahl sie sich an einigen Kameraden vorbei, die gerade ins Gespräch über Beförderungen vertieft waren (ein Thema, das sie gern umschiffte).
Schon sandte sie einen gehetzten Blick durch die Umgebung, in welchem ein stummer und noch ausgeglichener Kampf tobte: Die angenehme Leere nach dem Wegfall ihrer Tätigkeiten im Dienst, die stets eine gewisse Anspannung mit sich brachten, rang mit dem verzweifelten Impuls, nach einer Beschäftigung stattdessen zu suchen.
Wie eine Teemischung aus Trockenkräutern, die man vergessen hatte aufzubrühen, staubte sie ein bisschen (bewegte sich von hier nach da), versuchte vergeblich den umgebenden Ort zu verlassen (sogar eine Hand hatte auf dem Weg vorbei an der Tür schon auf der schweren, gusseisernen Klinke gelegen)... und setzte sich schließlich matt im Hauptraum der Regimentskommandantur ab wie in einem übergroßen Krug.

„Marjorie?“ Erst die Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Blinzelnd suchte sie nach deren Herkunft und erblickte das Gesicht eines jungen Mannes, etwas jünger wohl als sie selbst. Moment. Der kam ihr bekannt vor. Trug der sonst nicht... ? Ach ja.
Der Kamerad wirkte über ihre Geistesabwesenheit offensichtlich erheitert und schaute sie immer noch an. Sie murmelte etwas von „in zivil“ und „nicht gleich erkannt“ und versuchte sich an einem höflichen Lächeln. Als der Rekrut namens Balator vorschlug, einen Ausritt zu machen, stimmte sie erleichtert zu.
Wenigstens würde sie einmal aus der Stadt herauskommen und jemand wäre da. Und wenn es nur wäre um aufzupassen, dass sie sich nicht auf dem Weg hinaus direkt vom nächsten Rüstrechtsverstoß würde aufhalten lassen.

Auf dem Weg aus der Stadt hinaus machten sie einige Späße, ließen die Pferde, die im Dienst zumeist nur hinsichtlich ihrer Disziplin und Zuverlässigkeit gefordert wurden, auch mal eine schnellere Gangart anschlagen. Irgendwann waren sie so oft an irgendwelchen Weggabelungen abgebogen, dass Marjorie nicht mehr die leiseste Ahnung hatte, wo sie sich befanden. Ein Nachteil ihrer Tätigkeit als Gardistin, sagte sie sich: Abseits der Wachrouten und Grenzsteine hatte sie seit einiger Zeit kaum Gelegenheit gehabt, die Umgebung genauer zu ansehen. Dieser Frühling machte schon Anstalten, ebenso an ihr vorüber zu rauschen wie das gesamte vergangene Jahr.
Als nahe der Küste ein kleines Monument erkennbar wurde, machten die Kameraden Halt und gingen neugierig näher heran. Ihre beiden Rösser banden sie etwas entfernt an, so dass diese kurzzeitig Gelegenheit bekamen, recht unbeachtet an einigen frischen grünen Grasspitzen zu knabbern.
„Der Schrein des Mitgefühls“, erklärte Balator und zeigte auf das Symbol, das unter einer von Wind gekräuselten Wasseroberfläche zu sehen war. Ohne große Umschweife, als sei das das Selbstverständlichste auf der Welt, kniete der Jüngere sich hin und versank in etwas... sie wusste zwar durchaus, was das sein mochte, hatte aber das unbestimmte Gefühl, sich da kaum einbringen zu können.
Unsicher ließ sie sich ebenfalls auf ein Knie nieder und driftete ihrerseits in nachdenkliches Schweigen ab. Sollte sie einfach fragen? Nein... sowas fragte man doch nicht. Oder doch?
Nach einer ganzen Weile wollte sich der Kamerad wieder aufrappeln, lächelte ihr dabei einmal mehr so ermutigend zu, dass sie die Bedenken fallen ließ und einfach herausplatzte: „Kannst du mir beibringen, wie man richtig betet?“

Still und andächtig wagte sie gar nicht, sich zu bewegen. Unter ihren Knien drückte sich ein Steinchen schmerzhaft in die Kniescheibe. Marjorie gab sich alle Mühe, dem keine Beachtung zu schenken. „Dein Wort in unserem Ohr...“
Ihre Handfläche an die Mauerkante des Schreins gedrückt, sagte sie die Worte versuchsweise still mit auf. Das Ganze erschien ihr schon bis zu dem Zeitpunkt reichlich seltsam, so dass eine Gänsehaut über ihre Arme huschte, als sie etwas noch Seltsameres zu spüren glaubte: Der Stein … pochte... ? Ach, Quatsch! Ungläubig und sich dagegen sträubend, ihr erstes richtiges Gebet zu unterbrechen, behielt sie die Augen fest zugekniffen. Bestimmt war das nur ihr eigener Herzschlag.
„ ... Dein Licht sei unser Schild, Deine Wärme unsere Stärke...“, murmelte sie fast tonlos mit und holte zwischen den Zeilen sehr tief Luft, sprach dann unwillkürlich etwas lauter. Ihr war soeben bewusst geworden: Der Stein unter ihrer Haut hatte sich mit fortwährendem sanften Pulsieren immer weiter aufgeheizt und fühlte sich mit einem Mal fast schon lebendig unter ihren Fingern an. Gerade eben noch gelang es ihr mit den Worten den plötzlichen Impuls zu übertönen, der wollte, dass sie aufsprang und die Hand ins kühlende Wasser tauchte. Hätte nicht die Hand des Gebetslehrers ihre beharrlich gegen die Mauer gedrückt, hätte sie sie vermutlich weggezogen.


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Lange nicht mehr hatte sich die junge Frau auf diese Weise fehl am Platze gefühlt, selten zuvor so sehr gezweifelt wie inmitten dieses Irrgartens aus Fragen und Antworten. Noch nie zuvor hatte sie sich dermaßen geehrt gefühlt. Sie drehte und wendete ihre Hände und starrte sie an. Ihre ganz normalen Hände, denen in den letzten Tagen gleich zwei so ungeheuerliche Dinge zugestoßen waren. Noch bei der Erinnerung daran prickelte und pulsierte es darin, als hätte sie damit in einen Busch Brennesseln gefasst.


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Verfasst: Donnerstag 23. Mai 2013, 18:35
von Gast
… wenn man in grelles Licht geblickt hat.

Einige Zeit später sollte sich ein neuer Weg in Marjories ganz persönlichen Irrgarten auftun.
Sie ritt hinter dem Rekruten her, dem die Glaubenslehre so zu liegen schien, und machte sich schon innerlich gefasst auf weitere Antworten, die anschließend noch mehr Fragen aufwerfen würden.

Es nieselte fortwährend und bald klebten ihr Haar und Kleidung auf der Haut. Je näher sie dem Nebelwald kamen, umso schlechter wurde die Sicht. Dunstige Schwaden zogen ihnen vom Waldrand her entgegen, aber als sie von den Pferden absaßen und diese ein Stück zwischen Bäumen hindurch führten, hatte der Himmel ein Einsehen. Mit klammen Fingern zog Marjorie an den Zügeln ihres Zelters, schnalzte auffordernd mit der Zunge, damit sie an Balator und sein schweres Ross nicht den Anschluss verloren. Entweder hatte das Tier ebenso wenig gute Laune dabei, bei dem unwirtlichen Wetter irgendwo ins Nirgendwo ausgeführt zu werden, oder es war tatsächlich auch etwas nervös ob der ungewohnten Umgebung.
Der Wald schien die beiden Reiter und ihre Pferde geradezu zu verschlucken und umfing sie mit wuchernden Pflanzen und seltsamen Geräuschen.

Nach einer kleinen Weile schimmerte vor ihnen Stein, grau und bräunlich und teilweise moosbewachsen, durchs Grün.
Die junge Frau band ihr Ross neben dem des Begleiters an, hängte dann noch in einem Anflug von Manieren ihre pappig nasse Mütze an den Sattelknauf. Nervös rieb sie sich die Hände, in die Wärme und Beweglichkeit nur zögerlich zurückkehrten, und schaute sich um.
Vor ihr lag ein Monument, größer als das zuvor gesehene, das dem ringsum die Äste wie Finger ausstreckenden Wald beharrlich zu trotzen schien.
Das Innere des Schreines selbst schien zumindest frei von Moos oder sonstigen Zeichen der wilden Natur, die ihn umgab. Balator war schon einige Schritte voraus gegangen und passte vollendet ins Bild, wie er andächtiger auf das Zentrum des Bauwerkes zu schritt.
Marjorie wollte sich beeilen, ihm zu folgen, und erschrak, als sie den Klang ihrer eigenen Schritte auf dem Steinboden vernahm – es klang laut, nach unter den Stiefelsohlen knirschendem Sand und überhaupt… völlig unpassend. Sie spannte sich unwillkürlich an und mühte sich, den Weg irgendwie langsam und leise zu bewältigen, was in einem ihr nicht minder seltsam anmutenden Schleichen zum Ausdruck kam. Das muss doch irgendwie anders gehen, dachte sie im Stillen.
Diese Art der Fortbewegung ließ ihr allemal mehr Zeit als sie sich erhofft hatte, um sich den Aufbau des Schreines zu besehen: Nach wenigen Schritten entdeckte sie, dass die hellen und dunklen Elemente des Steinbodens wohl nicht zufällig so angeordnet waren. Sie waren in Form eines Schwertes gelegt, das mit der Spitze voran deutete wie ein hinweisender Pfeil.

Schon hatte der Kamerad und Gebetslehrer sich vor ihr auf die Knie niedergelassen und Marjorie tat es ihm gleich, sobald das typische Symbol erreicht war. Das gibt ein Paar blauer Flecke, dachte sie wenig erfreut, als ihr Kniefall sich kaum rechtzeitig abbremsen ließ. Kurz biss sie sich auf die Lippe und verdrängte den Schmerz zugunsten von Aufmerksamkeit, welche sie sich vorgenommen hatte, der erklärenden Stimme entgegenzubringen.
„Boresal…“, begann Balator seine Ausführung und sprach eine Weile von nichts anderem. Ausschweifend kamen auch noch verschiedene andere Tugenden als nur die Tapferkeit zur Sprache. Dann klangen vertraute Worte an ihr Ohr, die sie zögernd begann mitzusprechen:
„Gepriesen sei Dein Name, an diesem Tag, den wir Dir weihen…“
Mittlerweile konnte sie Teile davon auswendig aufsagen, aber jedes Verhaspeln kam ihr vor wie ein Stolpern vor Ihrer Erlaucht, der Gräfin, so dass sie schließlich die Gelegenheit nutzte, um mit gesenktem Kopf einfach zuzuhören und einigen eigenen Gedanken nachzuhängen.
War es tapfer, sein Leben für andere aufs Spiel zu setzen?, fragte sie sich. Doch wenn man starb, konnte man nie wieder tugendhaft sein. Nie wieder einen Finger krumm machen für Temora. Und was war mit denen, die nicht in einem Kampf ums Leben kamen. Konnte man alters oder im Kindbett sterben und trotzdem tapfer sein, auf eine eigene Art und Weise?

Nach einer ganzen Weile erst rappelten sich beide Besucher des Schreines wieder auf. Marjories Knie schmerzten vom harten Boden und die Muskeln in ihrem ganzen Körper fühlten sich verkrampft an. Trotzdem versuchte sie auch den Rückweg mit einer gewissen Ehrfurcht hinter sich zu bringen und nicht voran zu marschieren wie mitten auf den geraden Straßen Adorans, wo das Geräusch widerhallender Schritte zwischen den Mauern oft ihr einziger Begleiter war, wenn sie auf Wachpatrouille ging.
Balator hatte sie erneut abgehängt, schritt mitten auf dem durch Steinfliesen dargestellten überdimensionalen Schwert entlang, als ob er auf dessen Klinge balancierte. Wie konnte es ihm so einfach gelingen? Das war doch bestimmt nichts, was man im Glaubensunterricht lernte: „Wie bewege ich mich an einem heiligen Ort?“
Gerade hatte sich ein über sie selbst fassungsloses, beinahe schon verzweifeltes Lachen in ihrer Kehle angestaut und wollte hervorbrechen, da blieb der junge Mann vor ihr so abrupt stehen, dass sie ihm fast in die Hacken stolperte.
Nochmalig sank er auf die Knie nieder, dabei mit solcher Wucht, dass Marjorie ohne es zu wollen zusammenzuckte. Rumms! Das hat bestimmt wehgetan.
„Temora, Herrin, steh uns bei gegen die Brut des Panthers… hilf uns, Dein Licht auf unserem Schwert zu tragen.“

Die Worte ließen die Erinnerung an eine Zeit aufwallen, die kaum so fern sein konnte, wie sie ihr gerade erschien.
„Balator!“, hatte sie entsetzt ausgerufen. „Der Rekrut!“
Das war an jenem Tag gewesen, als der Boden Adorans unter den Füßen der versammelten Regimentsmitglieder bebte und ruckelte, so dass sie sich auf dem sonst zügig und zielstrebig beschrittenen Weg zur Regimentskommandantur in weiten Schlenkern bewegte und nur mühevoll Stück für Stück hinter sich brachte, sich von einer Hauswand zu einem Baumstamm zu einem Zaunpfahl und von dort zur nächsten Hauswand hangelnd. Damals auf dem Weg, um den verwundeten jungen Mann aus dem Lazarett zu holen, wo er fiebernd inmitten von unheilvoll wankenden Mauern und von der Decke rieselndem Putz geschlafen hatte.
Damals waren ihr solche Worte völlig fremd gewesen, wie er sie gemurmelt, geflüstert, teils aber auch deutlich und mit erhobener Stimme von sich gegeben hatte, als ob er sie einem drohenden Albtraum entgegenhalten würde.
Fieber und eine Vorliebe für leidenschaftliches Gebet?
Sorgen hatte sie sich deswegen – damals – keine gemacht… die Tatsache, dass er sprach, im Gegenteil eher gar als gutes Zeichen gewertet. Sorgen machte sie sich auch jetzt nicht. Obwohl…
„Dein reinigendes Feuer verbrenne diese fehlgeleiteten Seelen.“

Endlich kehrte wieder Schweigen ein und sie hatte soeben den Arm ausgestreckt in der Absicht, Balator aufzuhelfen, da veränderte sich der Blick des jungen Mannes und klebte so entgeistert an ihrer Hand, dass sie ihm damit kurz kameradschaftlich auf die Schulter klopfte. Einerseits war sie auf eine kaum in Worte zu fassende Weise beeindruckt, andererseits schien ihr einmal mehr nichts richtig zusammenzupassen. Immerhin, sagte sie sich, hatte sie von allen Tugenden nun einmal gehört. Somit konnte doch unmöglich der Irrgarten schneller wachsen, als sie den Weg hindurch suchen würde.

Der Rückweg verging in fast schon völliger Dunkelheit, immerhin aber ohne Nieselregen, und in weitgehendem Schweigen. Auf die Äußerungen zu sprechen zu kommen, wagte sie nicht.


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… ein Tiegel Salbe für die Gräfin.

Die Zeit verging wie im Flug und kein Tag schien ereignislos zu bleiben. Zwischen Torwachen und Rundgänge drängten sich Begegnungen und kleine Schwierigkeiten des Alltags. Außerdem Gebetsübungen und zahlreiche Stunden in der stillen Alchemieküche. Irgendwann aß und schlief sie auch durchaus, wenngleich meistens alleine.

Da kam eines Abends ein Korporal durch die Tür, in zivil zwar, doch hatte Marjorie sich angewöhnt, da keinen großen Unterschied zu machen. Solange sie im Dienst war, wurde salutiert und gefolgt und darüber meistens nicht einmal nachgedacht.
„Feldheilerin, Ihre Erlaucht benötigt Eure Fähigkeiten.“ Gespannt fragte sie nach und endlich wurde die ungewöhnliche Botschaft ergänzt durch den Zusatz: „Nur ein paar Kratzer.“ Das letzte Wort war noch nicht zu Ende gesprochen, da rannte sie schon. Mit viel zu lebhaften Bildern im Kopf, dass irgendwo ein Tropfen gräfliches Blut vergossen worden sein könnte, sowie vielleicht mit einem geringfügigen Misstrauen in die Einschätzung des dunkelhaarigen Vorgesetzten, trieb sich die junge Frau zur Eile an. Zum Glück war es nicht weit, nur eine Treppe und zwei, drei Türen hatte sie hinter sich zu bringen, bis sie direkt im Empfangszimmer der Gräfin zum Stehen kam.

Sie nahm sofort Haltung an und salutierte in den Raum hinein, gen des – wie sie dann bemerkte – leeren, luxuriösen Sessels hinter Mariella von Dornwalds Schreibtisch.
Ein suchender Blick ließ sie die zerrupft wirkende Gestalt der Gräfin ausmachen, die dunkelgrüne Robe war an vielen Stellen zerschlissen und ein Taschentuch hielt diese mit einer weich wirkenden Hand auf ihre Lippe, die aufgeplatzt zu sein schien.
Bald schon war das Tuch vorsichtshalber ausgetauscht. Den linken Arm und die Schulter der Gräfin machte Marjorie in einer etwas ungewöhnlichen Haltung aus und tastete diese vorsichtshalber ab. So tapfer und klaglos, wie die Hochadelige es über sich ergehen ließ, nur dann und wann beim Druck der Fingerspitzen auf eine geprellte Stelle ganz wenig die Miene verzog, so fasziniert und erschrocken war die junge Gardistin. Dass sie so zierlich ist, sieht man ihr nicht wirklich an. Aber härter als so mancher Holzfäller.

Mittlerweile waren weitere Personen in den Raum getreten, doch wurde das Marjorie erst jetzt bewusst. Als würde man einen dicken Verband von ihren Ohren nehmen, machte sie plötzlich die wetternde Stimme des Bruders der Gräfin sowie die ruhigere des Korporals von zuvor aus. Auch die Gräfin sagte jetzt etwas und Gereiztheit lag förmlich greifbar in der Luft. Wie ein Gewitter. Es ging wohl um eine Übung und den Posten des gräflichen Leibwächters.

„Sechsmal täglich die Stelle einreiben, sofern es Ihre Zeit zulässt, Eure Erlaucht“, erklärte sie knapp und verwies mit einer schlichten Geste auf den flachen Tiegel, den sie aus ihrer Tasche hervor befördert hatte, sowie dessen wächsern aussehenden, grün-bräunlichen Inhalt. Dann floh sie so zügig, wie es die Höflichkeit eben noch erlaubte. Als sich die Tür zum Empfangszimmer hinter ihr schloss, atmete sie erleichtert auf.


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Verfasst: Sonntag 19. Juni 2016, 11:46
von Gast
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... Äpfel.

Marjorie setzte den dunkelgrauen Hut auf den ordentlich gekämmten Haarschopf, wandte sich dann um, öffnete die Haustür und trat hinaus. Sogleich sah sie in ein bekanntes Gesicht eines Gardisten, der auf Wachrunde die Straße passierte und grüßte: „Temora und Reich zur Ehr!“ Sie erwiderte den Gruß, doch das Salutieren konnte sie sich gerade so verkneifen, denn sie hatte an diesem Tag bewusst die rot-goldene Uniform gegen ein dunkles, hochgeschlossenes Kleid getauscht. Hier und da zwickte es sie, nicht nur weil die Adoraner Küche es ihr angetan hatte, sondern weil der Anlass ohnehin mal wieder jener war, der alljährlich dunkle Schatten voraus warf. Da Bequemlichkeit zu erwarten, war zu viel verlangt. Immer wieder zuppelte sie an Knopfleiste und Gürtel, an den Ärmelsäumen rechts und links, bis sie beschloss, dass sie sich gewiss nicht wohler fühlen würde, egal was sie tat, auch wenn sie die Arme mitsamt Ärmeln abhacken würde. Schließlich schlug sie den Weg zum Adoraner Hafen ein.
Wieder grüßte sie einige Uniformierte und dachte zufrieden bei sich: „Die kommen ja offensichtlich gut zurecht.“

Marjorie steuerte ein bestimmtes Schiff an, winkte schon aus einiger Entfernung über das Hafentreiben hinweg einem Bärtigen. „Aye aye, Mädel.“, grüßte der Mann und klopfte ihr, als sie nahe genug herangekommen war, väterlich auf die Schulter. „Iss' ma wieder so weit?“ Sie nickte ernst und lüpfte kurz den Hut gen des Kapitäns, der sich schon an Deck aufhielt und über die Reling blickte.
„Vier Jahr', aye?“, fragte der Seemann. „Fünf“, korrigierte Marjorie und nahm den Hut ab, um ihn nebenbei in den Händen umzudrehen, immer und immer wieder. Etwas mulmig wanderte ihr Blick an der hohen Schiffswand empor.
Das Schweigen durchbrechend meinte der Bärtige: „Dann spring mal an Bord. Hoff' du bist seetauglich. Sieht nach Unwetter aus.“
Mit einem müden Lächeln winkte sie ab und machte sich zugleich auf den Weg zur Leiter, die sie an Deck bringen würde. Wie immer vermied sie den Blick nach unten, wandte das Gesicht strikt der Reling oben zu – als sie das erste Mal aufgebrochen war, hatte ihr der Anblick des schwindelerregend weit unten liegenden Hafens und der geschäftig wie Ameisten umherlaufenden Besatzung eine schreckliche Angst gemacht, die ihr die Füße lähmte und den Griff der Finger lockerte. Sie wusste noch gut, wie sie in Versuchung kam, einfach loszulassen, und ihr durch den Kopf gegangen war: Bald bin ich bei dir, schneller als gedacht.
Seitdem hatte sie sich immer vorgestellt, oben an der Reling warte er schon und würde gleich den hellen Schopf vorstrecken, um ihr zuzuwinken. Das grüne Augenpaar heftete sich auf irgendeine Stelle oben und sie ließ die Füße und Hände automatisch arbeiten, um sie an Deck zu befördern.
Natürlich ist er nicht da. Sie unterdrückte die bittere Enttäuschung, die sich aus einem Winkel ihres Herzens hervor arbeiten wollte. Natürlich.

Unter Gerumpel und Knarzen legte das Schiff ab und Marjorie blinzelte mit zusammengekniffenen Augen in den Wind, um grob in die Richtung zu blicken, zu der sie unterwegs war. Vor dem inneren Auge tauchte das Land schon am Horizont auf, die Dächer der Stadt zeichneten sich bräunlich gegen die grünen, bewaldeten Hügel ringsum ab. Vor ihrem inneren Auge durchschritt sie schon die Straßen auf dem nach all den Jahren nicht vergessenen Weg – zum Friedhof.
Platsch! Ein Regentropfen klatschte auf ihren Hut. Platsch, platsch, … trafen sie weitere. Sie zog sich unter Deck zurück und legte sich auf eine der schmalen Kojen. Die Hände auf dem Bauch gefaltet, starrte sie auf das abgegriffene Holz mit diversen eingeritzten Worten, Symbolen und zotigen Darstellungen.
Es drang zwar wenig vom Wetter durch die dem Schiff eigene Geräuschkulisse und sehen konnte sie auch nichts, aber nach einer Weile meinte sie zu bemerken, dass das Schiff stärker schwankte. Sie war sich sicher, hier und da sei es nicht das Schiff oder die Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, die so dunkel grollten, sondern es musste Donner sein.
Gegen die in ihr aufwallende Übelkeit stand sie auf und machte sich im Licht einer schummerigen Lampe auf die Suche nach etwas zu essen. Meistens half ihr das, um nicht seekrank zu werden. Marjorie fand ein Fass am Gang, das etwa halbhoch mit Äpfeln gefüllt war. Die grüne Pelle war vom Lagern ein wenig schrumpelig. Sie nahm einen mit, ließ sich wieder auf die Koje fallen und knabberte daran.

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Verfasst: Donnerstag 19. Januar 2017, 23:54
von Gast
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… schon mal gegessen.

Es schwankte kräftig, und die kleine Laterne, die an der Decke der kleinen Kajüte befestigt war, schwankte mit, so dass ein lebhaftes Schattenspiel an den Plankenwänden entstand. Marjorie hockte unter Deck, mal wieder. Sie strich sich eine kastanienbraune Locke aus dem Gesicht und stützte das Kinn auf ihre rechte Hand, den Blick abwartend auf die Koje vor sich gerichtet. Dort lag, in Decken gehüllt, eine kleine Gestalt. Der Körper eines Jungen, von dem unter Decken nur der Kopf hervorschaute, an dem verschwitztes hellblondes Haar klebte. Er rührte sich nicht, atmete flach und gleichmäßig und seufzte ab und an in seinen fiebrigen Träumen. Ihre Finger ertasteten das Tuch, das sie noch vor Mund und Nase gebunden hatte. Ob das wohl was brachte, falls der Schiffsjunge sich wirklich was Ansteckendes eingefangen hatte beim letzten Landgang? Wenigstens gab es ihr die Illusion einer Abschirmung gegen den Geruch von Erbrochenem, der die kleine Kammer erfüllte, in der auch sonst keiner von der Besatzung mehr sein mochte.
Sie selbst hatte am letzten Hafen kaum Interesse gezeigt, ihr hatte es eh an Münzen für Besuche von Ständen und Kneipen gefehlt, außerdem hieß von Bord gehen nur, dass sie diese elendige Leiter nochmal würde hinauf klimmen müssen. Schon bei der Vorstellung wallte wie bestellt in ihr selbst Übelkeit auf, vielleicht trugen das Geschaukel vom Seegang und die stickige Luft im Raum ihr Übriges dazu bei, und sie zog einmal scharf Atem ein, um den Würgereiz zu unterdrücken.
Kurzerhand erhob sie sich und hielt für einen Augenblick die Laterne in eine bestimmte Richtung, um im Schatten neben der Koje den Eimer zu finden. Der Junge konnte ganz offensichtlich noch immer nichts bei sich behalten, am Boden des Eimers schimmerte es grünlich, sie gönnte sich den Luxus, nicht noch lange nach Bröckchen Ausschau zu halten. Stattdessen griff sie sich den Eimer und machte sich auf den Weg, durch die beengten Gänge und über Treppen hinauf an Deck zu gelangen.

Der Wind peitschte ihr Nieselregen ins Gesicht, so dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Sie atmete die frische Luft trotzdem dankbar ein und zupfte das Tuch ab, das sie dann achtlos vor ihrem Hals hängen ließ. Die nächste beachtliche Welle und das darauf folgende Schwanken entlockte ihr einen unterdrückten Fluch: „Bei Temora, was ein Wetter!“ Sie taumelte und prallte mit der Seite gegen einen Poller, an dem sie sich dann doch, halb dankbar, festkrallte, bis sie ihr Gleichgewicht wieder hatte.
Sie war es einfach nicht gewöhnt, per Schiff zu reisen. Nur zu diesem einen besonderen Ereignis, Liams Todestag, hatte sie es immer wieder auf sich genommen. Dieses Mal war sie sogar einige Mondläufe lang in der alten Heimat geblieben. Hatte versucht, Vincent aufzuspüren. Ihr hatte der „Bestimmer“ in den letzten Jahren ab und zu gefehlt, sie hätte seinen Rat geschätzt. Aber er schien nicht mehr in der Gegend zu leben. Fünf Jahre waren eine zu lange Zeit. Jetzt war ihre Reisekasse leer und sie vermisste das Salutieren und Stehen in Formation.

Gedankenabwesend hangelte Marjorie sich zur Reling, in einer Hand den Eimer, mit der anderen immer mal versuchend, sich gegen das Auf und Ab des Decks irgendwo abzustützen, wo und wie es die Schräglage gerade zuließ. Schnell wollte sie den Eimer über den Rand ausleeren, versuchte noch, dass der Inhalt nicht vom Wind an Deck zurückgepeitscht würde … aber die nächste Stelle, an der ihre Hand Halt suchte und die sie auf den ersten Blick für eine Stange gehalten hatte, entpuppte sich als loses Tauende, das sich unter dem Zug der daran hängenden jungen Frau ablöste und ihr keinen Halt bot. „Iiiieks“, machte Marjorie erschrocken, als sie merkte, dass sie den Abgang machen würde... da fiel sie schon! Das Wasser machte ein nicht gerade lautes, geradezu schmatzendes Geräusch, als sie darin eintauchte. Kam Schwimmen in der Grundausbildung vor? Marjorie erinnerte sich nicht, und auch nicht, wie sie sich – falls dem denn so gewesen war – darum herum gedrückt hatte. Kaltes Wasser drang ihr durch die Kleidung bis auf die Haut, in Ohren, Mund und Nase. Sie zappelte und rang um Atem. Vergeblich. Ihre nassen Sachen zogen sie unter Wasser. Schnell umfing sie Schwärze und leblos sank sie in die Tiefe, um nie wieder von dort aufzutauchen.

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