Seite 1 von 2
Wind im Haar und Salz im Gesicht
Verfasst: Mittwoch 11. April 2012, 04:29
von Raissa Nadeira
Wind kam auf. Er peitschte die See und ließ das sonst so sanfte murmeln der Brandung zu einem zornigen Peitschen werden. Ein erster Ausläufer der langsam nahenden Frühjahrsstürme, nur von kurzer Dauer, doch ein sanfter Hinweis, das die Stürme La Cabeza auch in diesem Jahr nicht vergessen würden. Gischt spritzte hoch als eine der Wellen sich an den steilen Klippen brach, spitzte in ihr glattes, ebenmäßiges Gesicht und hinterließ einen feinen Film aus Salzwasser auf der Haut und ihren Kleidern. Sie störte es nicht besonders, denn trotz aller Zugeständnisse an die Schnitte dieser Zeit waren ihre Kleider aus robusten und widerstandsfähigen Stoffen angefertigt. Sie würden die kleine Dusche überleben.
Nachdenklich blickte sie auf die See hinaus, in Richtung der Riffe und der schmalen, tückischen Passage die den einzigen Weg nach La Cabeza darstellte. Würde der Tag kommen, an dem sie die Passage gegen Besucher von Außen absperren mussten? Energisch schob sie den Gedanken beiseite als ihr Blick zur 'Toro' glitt. Es wurde Zeit, dass die Stürme einsetzten, denn nach dem Ende dieses Teils der Saison könnte man sicher wieder einige Zeit auf See verbringen. Sie konnte die unterschwellige Rastlosigkeit in ihrem Blut bereits spüren und erstaunt stellte sie fest, das sie den Ruf des Schiffes ersehnte. Sie wurden alle aggressiver, nicht wahr?
Eine weitere Welle rollte heran, überspülte den Felsvorsprung auf dem sie stand und ließ sie nass bis auf die Haut zurück, das rabenschwarze Haar klebte an Kopf und Oberkörper, doch sie hatte noch nicht vor, den Weg zurück anzutreten. Sie würde darauf warten, dass der Ausläufer des Sturms vorbei zog und die übliche, kalte Ruhe der Nacht zurückließ, die nur vom Zischen und Summen des Dschungels unterbrochen wurde. Sie konnte die wachsenden Aggressionen sehen, hören, riechen, spüren. Ihre Übung mit Alessio war ein Zeichen dafür gewesen. Waren sie beim letzten Mal noch vorsichtig an die Sache heran gegangen, nur darauf aus zu sehen, wer besser war... dieses Mal waren sie auf Blut aus gewesen, beide. Auch in Carlos' Blick sah sie die wachsende Unruhe. Den Tunichtgut würde es nicht lange an Land halten. Naurin war ein anderer Fall, doch selbst er lief rastlos umher, hielt es nicht lange aus irgendwo still zu sitzen und was Jaron anging... er wurde auch von Tag zu Tag brummiger. Nein, es wurde wirklich Zeit, das die 'Toro' rief, ansonsten würde es wohl irgendwann Mord und Totschlag auf der Insel geben.
Vorsichtig wandte sie sich um, richtete den Blick auf die vom Wind gepeitschten Palmen am Strand und die dahinter in der Dunkelheit verborgene Silhouette der Stadt La Cabeza. Warum tat sie das eigentlich? Warum war es ihr so wichtig, diesen letzten Ort der Freiheit zu erhalten, warum war es ihr so wichtig, das sie hier bleiben konnten? Es gab immer Schlupfwinkel für Menschen wie sie, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, zog sie keinen sonderlichen Vorteil aus ihrem Einsatz. Aber dennoch, es fühlte sich so richtig an. Die grimmige Befriedigung glich der die sie in den Übungen empfand und mehr als einmal hatte sie sich bei der Rückkehr auf die Insel bei dem Gedanken, dem Gefühl ertappt, zuhause zu sein. Endlich angekommen. Endlich frei.
Hier musste sie sich nicht verbergen, jeder der hierher kam, auf der Insel erschien, wusste, wohin er ging. Und dennoch, sie machte die Erfahrung dass man die Perera's Pack nur noch für Gestalten aus dem Märchen hielt. Allenfalls noch für schmückendes Beiwerk auf der Sonneninsel. Aber das konnte man ändern, nicht wahr? Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Züge. Wenn man keine Ehre hatte musste man sich wenig Gedanken darüber machen, was man tat oder nicht tat. Sie allein entschied.
Der Sturm flaute langsam ab, und im Rauschen des ersterbenden Windes mag man im Morgengrauen leise eine Frauenstimme singen hören...
An den Mast mit unserer Fahne, sie ist dunkel wie das Grab,
Oder wie der Tod den sie trägt, wenn sie über Wellen fegt.
Macht das Deck klar für die Kämpfe, macht die Waffen bereit
Schärft die Äxte, wetzt die Messer
Stellt die Kugeln bereit und dann bringt mir
Ganz zum Schluss, genügend Pulver für den Schuss
Niemals soll die Flagge sinken, die schwarze Fahne tragen wir...
Leiser und leiser wird die Stimme, bis das Piratenlied sich mit dem Wind über die Insel legt und verstummt.
Verfasst: Samstag 21. Juli 2012, 18:41
von Raissa Nadeira
Das Salz der Meere heilt Wunden schnell
Nur Rum und Tabak sind Trost und Quell
Nach all den Schlachten die wir verlorn
Haben wir uns jedes Mal die Treue neu geschworn
Zahnlose Wölfe nannte man sie. Zahnlose Wölfe, die schon lange keine Bedrohung mehr für Gerimor und den Handel mit Übersee darstellten. War es wirklich so, dass die Leidenschaft für die See und das gewählte Leben nur noch in ihr lebte? Nein, das konnte es nicht sein, denn Jaron dachte ebenso wie sie. Wie konnte es also sein, dass das Pack derartig verlotterte?
Einen kurzen Moment dachte sie schweigend nach, den Blick aus den Saphirblauen Augen in die Ferne gerichtet, dann saugte sie scharf die Luft ein. Vielleicht lag es daran, dass sie alle auf den Ruf der Toro warteten, doch die rief nicht. Perera befahl sie nicht an Bord. Wurde es am Ende Zeit, dass sie ihrerseits nach der Toro riefen? Wurde es Zeit, dass das Pack von selbst wieder sein wollte, was es einst gewesen war?
Auch ein solches Verhalten konnte die Treue testen, die sie alle dem Schiff geschworen hatten... Sie dachte nach.
Allein die Freiheit führt uns an,
Unsre Rache die uns keiner nehmen kann
Begleitet uns auf langer Fahrt
Und niemals wurd der Kampf bis zum Ende aufgespart
Sie wanderte still über La Cabeza, beobachtete das Gesindel das sich auf der Insel herumtrieb und nicht belangt wurde, solange es sich an die wenigen Regeln hielt. Sie alle hätten auf Gerimor knien und buckeln müssen, ob nun vor dem einen Herrn oder dem anderen. In dieser Hinsicht gaben sich Götter und Herrscher nicht viel. Sie war hier um nicht knien zu müssen, nicht betteln oder hungern, nicht in den Kerker geworfen werden zu werden, nur weil sie unerschütterlich an ihre Freiheit glaubte.
Sie war schon lange bereit gewesen, für ihre Freiheit zu töten. Sie war bereit gewesen zu kämpfen um diese Freiheit zu erhalten. Darum hatte sie sich Perera doch angeschlossen, oder nicht? Darum war sie vor langer Zeit unter der Flagge der Bruderschaft gesegelt und jetzt zu ihr zurück gekehrt. Die anderen mussten ebenfalls Gründe haben, Gründe, die sie davon abhielten, in die Reiche zurück zu kehren und als Sklaven unter der einen oder anderen Art von Herrscher zu leben.
Warum warten? Warum einen Kampf hinaus schieben, von dem man sehen konnte, dass er kommen musste? In Rahal wurden die Alathar-Anhänger immer stärker und radikaler, in Adoran wurde der Adel stärker und auch wenn das Reich uneins war, würden sie alles daran setzen den Dorn in ihrem Auge der La Cabeza war zu entfernen. Besonders wenn sie glaubten, dass man ihnen nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Es musste sich etwas ändern. Es musste sich schnell etwas ändern. Man musste sich erinnern und Zeichen setzen. Zeichen, dass sie noch immer die unangefochtenen Herren über die See waren!
Wenn im Abendrot die Sonne am Horizont versinkt
Träumen wir von einem Land das nicht im Blut ertrinkt
Die Sterne hoch am Himmel scheinen uns zum Greifen nah
Wir sind verlorne Seelen, doch für einander da
Ihr Blick wanderte zum Horizont, betrachtete die Sonne beim Versinken im Meer. Auch sie hatte Träume. Träume von einem Leben, in dem sie für ihre Freiheit nicht mehr länger kämpfen musste. Träume, in denen es darum ging eine bessere Welt für Esteban und die anderen Kinder zu hinterlassen. Ohne Götter, ohne Adel, ohne Armut. Eine Welt in der die Menschen frei sein konnten. Wenn sie dafür die verfluchten Reiche niederbrennen müssten, nun, warum nicht? War das nicht ein geringer Preis für das Ziel? Ein einziges, ein geeintes Reich unter Perera. Ein Reich ohne zu knien oder sich an sinnlose Etikette zu halten. Ein Reich in dem der geachtet wurde, der sich die Achtung auch verdient hatte.
Verfasst: Mittwoch 25. Juli 2012, 19:18
von Raissa Nadeira
Nach seinem Besuch lehnte sie sich nachdenklich auf ihrem Stuhl zurück, die Stirn leicht gerunzelt. Es gefiel ihr nicht, was sie zu hören bekam. Ihr gefiel die Richtung nicht, die seine Fragen nahmen. Erneut flackerte Wut in ihren Augen auf, während sie sich darüber Gedanken machte, woher dieser ganze Unsinn stammen könnte.
Rahal will La Cabeza angreifen, etwas das bisher nur Gerüchten entstammte die nicht wirklich bestätigt waren. Blanker Unsinn, hätte sie vor einigen Tagen noch gesagt. Aber das war vor einigen Tagen gewesen, jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Die Frage war doch die, was wollte Rahal wirklich? Einen Handelspartner, einen Verbündeten und damit verbunden die Möglichkeit auch auf See Stärke zu demonstrieren? Oder wollte man La Cabeza tatsächlich unterdrücken um die Seemacht zu erlangen – und nicht halten zu können? Selbst diese Gerüchte bereiteten ihr Magengrimmen, es bedeutete mit Vorsicht auf einen Verbündeten zu schauen. War es nicht natürlich gewesen, nachzuforschen? Jeden zu fragen, den es zu fragen gab?
Garun. Ein Punkt der ihr noch mehr Kopfzerbrechen bereitete. Was hätte sie tun sollen? Durion war nicht auffindbar gewesen, und er war derjenige der ihnen sein Wort gegeben hatte, dass derartiges nicht noch einmal vorkommen würde. Sie war damit zufrieden gewesen, dass die entsprechenden Fragen über sie liefen, Vallas war damit zufrieden gewesen... Und dann waren die Beschwerden gekommen. Beschwerden, an die die Frage gekoppelt war, ob jetzt Rahal auf La Cabeza das Sagen hatte. Beschwerden über diesen einen Gardisten. Sie hatte reagieren müssen, hatte ihren Befehl befolgen müssen. Und nun? Es machte ohnehin keinen Unterschied mehr.
Ihr schwirrte der Kopf vor Gardisten, Hauptmännern, Rittern, die alle etwas anderes wollten. Sie wollte dieses Bündnis, sie hätte sich dafür selbst gegen Vallas gestellt, doch nun? Nun war sie sich nicht mehr sicher, ob es eine so gute Idee war. Vielleicht hatten die anderen Recht... vielleicht war es an der Zeit, die Dinge einfach... geschehen zu lassen und allein zu bestehen. Vielleicht aber auch nicht.
Vorsichtig stand sie auf, öffnete eine ihrer Truhen und nahm etwas hinaus. Ihr Blick fiel auf das Symbol das auf der Hülle eingeprägt war, dann steckte sie es zurück in die Truhe, häufte energisch den anderen Kram darüber und knallte den Deckel zu. Nein. Keine Zeit mehr um auf ihre Vergangenheit und sich selbst Rücksicht zu nehmen. Die Gerüchteküche wollte spielen? Dann würde sie mitspielen.
Dann flackerte das Bild des soeben abgereisten vor ihrem inneren Auge auf. Nachdenklich nahm sie einen Schluck Kokosmilch, stellte den kühlen Krug wieder auf den Tisch und wanderte in unruhiger Bahn im Raum auf und ab. Es musste das letzte Gespräch mit ihm gewesen sein. Ein für allemal. Sie mochte ihn, sie vertraute ihm beinahe schon so weit, wie sie überhaupt jemandem vertrauen konnte, doch er war Rahaler.
Er sorgte sich darum, dass es ihr hier an Glaube fehlen mochte, doch er war Rahaler.
Er war freundlich und ein interessanter Gesprächspartner – und Rahaler.
Er war Rahaler... und würde sie genauso verraten wie es ein anderer vor so langer Zeit getan hatte. Nein, sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Er war... Rahaler.
Ein Wutschrei hallte im Haus herum, als sie den Krug nahm und ihn zornerfüllt an die Wand warf.
Verfasst: Donnerstag 26. Juli 2012, 08:29
von Gast
Lange hatte er nichts mehr Anständiges zu sich genommen, seit dem Abendessen bei Cara, dem Essen maß er einfach nicht soviel Bedeutung zu und so war es auch an diesem Abend wieder so gewesen. Schlussendlich hatte er sich mit einem Glas Wein nach dem Glaubesnunterricht in seine Bibliothek zurückgezogen. Sein Heiligtum, ein Ort, der für jeden verboten war, ein Ort wo er ungestört war und wie auch jetzt wieder nachdenken konnte. Er schenkte sich etwas Wein ein, schwenkte ihn im Kelche und prüfte das Bouquet und setzt sich dann langsam mit einem Seufzen die Beine ausstreckend auf den schweren Stuhl vorm Kamin.
Der Glaubensunterricht war nur schleppend vorangegangen, doch die Thematik war auch sehr trocken gewesen. Er hätte Cara strafen sollen, für ihr vorlautes Mundwerk und es dennoch nicht getan. Warum? Weil Arion dabeigewesen war?
Wieder nur eine Warnung ausgesprochen als sofort zu handeln, das Weib hatte die Grenze erreicht und das wussten beide. Er war zornig und dennoch beherrscht, mit Gewalt kam er nicht weiter... doch darüber hinweggehen konnte er auch nicht. Sie würde die Folgen noch zu spüren bekommen.
Noch vor wenigen Tagen hatte er nichts mit dieser Insel zu schaffen gehabt, ein unbedeutender Buckel in der See, der ihn nicht das Geringste interessierte. Dann erfreulich dort herauszufinden, dass dort Gläubige harrten die der Führung eines Dienern des Herrn bedurften und so für ihn interessanter wurden, unerfreulich daran, dass es anscheinden Ärger mit der ausführenden Gewalt von Rahal dort gegeben hatte.
Wenig hatte er von dem Weine gekostet, der in einem Kelch neben ihn auf den schweren Schreibtisch stand während er das Schreiben an Fräulein Nadeira verfasste.
Er war stolz darauf, im Mittelpunkt des heiligen Reiches in der Stadt Rahal zu wirken und selbst noch auf die Gemeinde Düstersee sein Augenmerk richten zu können. Dann die Erwähnung des Salzhandels und dessen Bedeutung für das rahalische Reich. Ebenso ein Interessanter Aspekt dem er sich nicht verschloss, nur dass er seine eigenen Wege hatte um von den Verbrannten selbiges über Umwege zu erhalten.
Wieder nahm er einen Schluck und drehte den Kelch nachdenklich in der Hand.
Menos sagte sie sein eine Ungläubige und eine falsche Schlange.
Garun meinte eine neue Dirne Vallas die nur sein Bett wärmte und meinte nun etwas zu sagen zu haben.
Er hatte nichts zu verlieren und einiges zu gewinnen, soweit er richtig mitbekommen hatte war er wohl im Augenblick der einzige Rahaler der sich offen auf der Insel zeigen durfte und dieses wollte er für sich nutzen. SEIN Ziel zu verfolgen mit Wort und Tat doch nicht im Verborgenen. Nein, sichtbar für alle würde er wirken und handeln. Mochten andere Fraktionen Gerüchte streuen und versuchen das heilige Reich zu fordern, um einen Bruch des Paktes zu bewirken... er würde die Saat säaen und abwarten. Mochten Andere meinen etwas in wenigen Tagen zu bewirken, wenn er eines hatte dann Zeit... Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre. Was machte es aus?
Am Ende würde nur zählen was auf dieser Welt erreicht worden ist, um IHM den Weg zu bereiten für seine Ankunft in dieser Welt!
Seine Mundwinkel hoben sich etwas und er stellte den Kelch ab.
Zügel so fein, dass man sie nicht spürte und dennoch würde er versuchen zu lenken. Er würde an einen ganz anderen Punkt ansetzen und so dennoch zum Ziele kommen.
Durch Gerüchte schien das Vertrauen zu Rahal erschüttert und ihm ergab sich nun die Gelegenheit dies zu ändern. Ändern konnte man nur etwas indem man selbst zum Vorbild wurde im Handeln und Tun.
Ganz nebenbei würde ihn diese Mission von Cara etwas ablenken, denn in seinen Augen waren ein ganzer Mond bis zur ihrer Entscheidung einfach viel zu lang!
Verfasst: Sonntag 29. Juli 2012, 04:03
von Raissa Nadeira
Sie liebte den Kampf. Wenn man es genau nahm, war es wie ein Tanz. Geschmeidige Bewegungen, Körper die sich umeinander drehten, sich miteinander, gegeneinander bewegten. Natürlich endete dieser Tanz tödlich, wenn man nicht aufpasste. Niemand würde je verstehen wie es war, niemand der nicht den raschen Takt kannte, in dem ein Herz schlug. Niemand der nicht den Reiz kannte, den die Waffe in der Hand des Partners ausübte, das Rauschen des Blutes in den eigenen Ohren. Und weil es so wenige gab die verstanden, gab es auch wenig geeignete Übungspartner.
Sie hatte bisher nur zwei gefunden, die den Tanz kannten. Zwei, die den Tanz ebenso liebten wie sie selbst. Der Eine war für immer verloren. Verloren, zumindest für sie. Einst hatte sie ihn zurück gelassen, für das Leben, das sie nun führte aufgegeben. Er hatte ihr nicht verziehen und er würde es wohl auch niemals. Bisher war er immer im Licht gewandelt, er würde die Dunkelheit in ihr nicht aushalten, nicht auf Dauer. Sie wollte nicht, dass er diese Dunkelheit sah, erkannte, spürte was sie bedeutete. Nicht er. Niemals.
Der Zweite allerdings war ihr Freund, ihr Vertrauter den sie mochte, schätzte, auf eine gewisse Art sogar liebte. Nicht das sie vorhatte es ihm zu sagen, oder das er es auch nur ansatzweise hören wollte. Sie trugen beide ihre Masken, sie die der Frau die den Männern nicht abgeneigt war, er die eines herrischen Kerls der nur auf sein eigenes Vergnügen bedacht war. Und doch... es gab eine Gemeinsamkeit, nicht wahr? Einen Blick der sagte „Ihr berührt mich nicht. Ihr alle, die ihr mich anfasst und euch das nehmt was ich anbieten kann, ihr berührt nur eine Hülle, aber niemals mich.“
So oft schon hatte einer versucht, diesen Blick aus ihren Augen, die Arroganz aus ihrer Haltung zu vertreiben. Dennoch, es war keinem gelungen. Sie war immer noch da, immer noch sie selbst... und die die es versucht hatten? Die meisten tot, verbrannt oder ersoffen wie die Ratten die sie gewesen waren. Althan war auch nicht anders. Er war auf andere Art so, doch sein Ziel war das Gleiche. Sie schätzte es überhaupt nicht, dass er sie dazu brachte, dass die Masken verrutschten. Sie begann einen leichten Hass für ihn zu empfinden, weil er sie ansehen und hinter der Kälte eine Frau sehen konnte. Er sollte ein Püppchen sehen, wie all die anderen. Ihretwegen noch eine Piratin die an ihre Position gelangt war weil sie das richtige Bett wärmte. Himmel, es sollte doch nun wirklich genug Männer geben die genau diesen Unsinn verbreiteten.
Sie war unvorsichtig gewesen. Jetzt stellte sich die Frage, ob der Fehler sich noch korrigieren ließ. Er glaubte sie habe nichts als Worte, das war gut. Sehr gut sogar, denn Taten... Taten sollte er besser nicht zu sehen bekommen. Die Taten die sie auszuführen gedachte waren nichts, was sie jemandem vor Augen führen wollte, der offenbar die richtigen Schlüsse ziehen konnte. Beinahe vermisste sie die Zeit in der sie einfach geradewegs durch die Wand spazieren konnte wenn ihr etwas nicht passte. Irgendjemanden gab es immer, dessen Tod eine Tür öffnete die wie durch ein Wunder genau das verbarg, was sie haben wollte. Aber jetzt musste sie mit Diplomatie kämpfen. Sie musste nett und höflich sein. Sie musste eine gewisse Zurückhaltung zeigen. Sie hasste es.
Zorn schwoll in ihr heran, drohte einen Moment sie zu überwältigen, ehe sie ihn mit Mühe niederkämpfte, ihn tief in sich vergrub wo er zur Waffe werden konnte. Gegen Althan? Gegen den Hauptmann? Sie wusste es nicht... Aber sie würde diese Waffe brauchen, wenn sie sich nur lange genug zügeln konnte, wenn sie die Wut nur lange genug in sich einsperren könnte bis der Zeitpunkt gekommen war. Es wurde immer schwieriger. Ihre Gedanken glitten wieder zu diesem einen, speziellen Tanz. Keine Schilde, keine Rüstungen... Nur Waffen, Bewegung und Schweiß. Wut abbauen, Zorn abkühlen und sich einfach bewegen. Bewegen bis sie nicht mehr das Gefühl hatte, das ihre Muskeln in Flammen standen, bis das Rot vor ihren Augen wieder gewichen war. Sie war hier eingesperrt. Eine Möwe in einem Käfig. Sie hasste es. Sie musste sich bewegen. Musste kämpfen.
Ihr Blick richtete sich auf die Wand, hinter der sie Alessio wusste. Er würde mit ihr üben wenn sie darauf bestand, doch es würde nicht reichen. Nicht dieses Mal. Er selbst war zu wütend, würde es nicht schaffen, sie an die Leine zu legen die sie so dringend benötigte. Sie brauchte eine Jagd. Sie musste etwas töten. Selbst wenn es ein Risiko war. Selbst wenn sie gefangen werden konnte. Sie nahm ihre Rüstung aus der Truhe, die Waffen... und überredete einen Kapitän sie heimlich von der Insel zu schmuggeln. Nur eine Weile. Nur ein wenig erkaufte Erleichterung.
Verfasst: Sonntag 29. Juli 2012, 16:55
von Raissa Nadeira
Unruhig lief sie auf und ab, Schlangenlinien und Kreise durch einen viel zu voll gestellten Raum. Was bei allen Dämonen stimmte eigentlich nicht mit ihr? Rahaler kennen lernen war schlimm. Man konnte damit leben, aber es war nicht eben das, worauf sie sich morgens beim Aufstehen freute. Rahaler Gardisten in Uniform zu sehen war eine unangenehme Sache, etwas worauf sie gut und gern verzichten konnte. Rahaler Gardisten in Uniform zu treffen während sie in Bajard unterwegs war, war Anbetracht des Haftbefehls eine Katastrophe. Sich mit selbigen auch noch zu unterhalten und sie – das war das schlimmste daran – zu mögen... Das grenzte eindeutig schon an Wahnsinn.
Warum hatte er sie gehen lassen? Heute Morgen schien seine Äußerung er wolle ihr nicht hinterher rennen und riskieren sie am Ende nicht zu erwischen noch irgendwie Sinn zu machen, aber er hatte zwischen ihr und der verdammten Treppe gestanden. Er hätte nur die Arme ausstrecken müssen und sie fangen können. Was hätte sie ihm denn entgegen zu setzen gehabt? Nicht das geringste. Warum also, warum hatte er sie gehen lassen? Warum hatte er sich die Zeit damit vertrieben, eine Unterhaltung mit ihr zu führen anstatt sich zu benehmen wie es jeder andere getan hätte und sie über die Schulter geworfen nach Rahal zu schleifen?
Sie verstand seine Beweggründe nicht, und das machte die Sache noch schlimmer. Dieser Blick... dieses Lächeln. Nein, irgend etwas stimmte ganz gewiss nicht. Entweder hatte er den Verstand verloren, sie hatte es, oder es steckte etwas anderes dahinter, eine Art Spiel dessen Regeln sie noch nicht ganz begriffen hatte. Warum wollte er sie wieder sehen? Sie konnte Althans Beweggründe verstehen, aber seine? Immerhin, das wusste sie recht gut, hätte er sie einfach einsperren können und sie hätte nicht die geringste Möglichkeit gehabt ihm zu entfliehen. Stattdessen hatte sie ihn gebeten eine Entschuldigung auszurichten. Eine ENTSCHULDIGUNG. Nein, für derlei gab es nur die Erklärung, dass sie den Verstand verloren hatte.
Warum sonst sollte sie ihn nicht fürchten? Warum sonst hatte sie ihn beim Abschied gebeten vorsichtig zu sein? Ein toter Gardist war in ihrem Fall ein verdammt guter Gardist, aber sie wollte nicht, dass er starb. Was sie empfand war Vorsicht. Vorsicht und Neugierde. Etwas an ihm sorgte dafür dass sie derartig irrational reagierte. Wenn sie nun also ihre törichten Gedankengänge und verwirrten Reaktionen unter Kontrolle brachte... Wenn sie ihn wiedersehen würde um herauszufinden was es war..
Natürlich war all das rein im Interesse ihres Überlebens. Es hatte nichts damit zu tun, dass er ein charmanter, intelligenter Gesprächspartner war dessen Blick sie fesselte. Es war nur Neugierde. Sie wollte nur die Regeln des Spiels verstehen, dass er spielte. Mehr nicht...
Wenn sie all das vor sich hinmurmelte, konnte sie es beinahe glauben. Beinahe.
Verfasst: Mittwoch 1. August 2012, 03:30
von Raissa Nadeira
Still Schicksal, schweig
Was fliegt durch die Gänge?
Ein uraltes Lied klingt wie fern aus dem Wind
Wer ist der Mann der auf Alatars Wege
Hier wandelt im Feuerschein der leise glimmt?
Was sagt der Schritt in den steinernen Räumen
Ein Echo das leise hallend verklingt?
Sag, Schicksal, warum glaub ich zu erahnen
Dass dieser Schritt neue Wege bald bringt?
Sie wusste, er würde einen Boten schicken. Er würde es bald tun. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell geschehen würde. Was hatte er ihr zu sagen? Was gab es, das ein Treffen tief in der Nacht erforderlich machte? Dennoch, sie überlegte nicht lange. Zu sehr wollte sie diesen Blick noch einmal sehen, das Lächeln, die Bewegungen. Zu groß die Neugierde. Warum hatte sie nicht auf Falco gehört, als er sie bat nicht zu gehen, oder zumindest nicht allein?
Woher stammte die Ahnung, dass es wichtig sein würde zu gehen, dass sie allein mit ihm sein musste um wirklich zu verstehen? Vielleicht war es die Furcht, dass sein Blick anders sein würde, wenn sie in Begleitung war. Vielleicht auch die Angst davor, dass etwas unwiederbringlich verloren gehen würde, wenn sie jemanden mitnahm, ein Zauber der kaum gewoben schon zerfetzt worden wäre, hätte sie diese Begegnung geteilt.
„Vielleicht lockt er dich in eine Falle? Was wenn es nur eine Masche ist um dich in den Kerker zu bringen?“ hallte die Stimme des Schiffszimmermannes in ihren Ohren. „Du bist für uns alle zu wichtig, du bist nicht entbehrlich“. Sie wusste die Sorge zu schätzen, und doch... Sie konnte nicht. Ira und die Wette... Die geheimnisvolle Faszination die von diesen Augen ausging. Seine Stimme. Sein Spott. Es gab viel zu bedenken, aber wenn er sie hätte fangen wollen, hätte er es bereits bei der ersten Begegnung getan. Jetzt machte es keinen Sinn. Was wollte er? Was versprach dieses Treffen zu Nacht schlafender Stunde?
Wer bist Du?
Warum geht dein Blick mir nicht mehr aus dem Sinn?
Fremd doch vertraut
Mir scheint fast als wäre ich nicht wer ich bin...
Sie war in ihre Gedanken versunken als sie durch Bajard strich. So sehr, dass sie ihn nicht kommen sah oder hörte, obwohl alle Gesetze der Logik verlangten, dass ein Pferd auf der Straße Lärm machte. Aber sie hatte darüber nachgedacht, wie sie herausfinden sollte was an seinem Blick sie so... irrational machte. Eine Ironie, dass der Gedanke an irrationales Handeln sie Irrational werden ließ.
Sie sah erst auf, als sie den harten Diamantstahl an ihrer Kehle spürte. Sie sah auf, doch als sie ihn erkannte mied sie seinen Blick. Nicht bevor sie sich nicht innerlich dagegen gewehrt hatte wieder derart von diesen Augen gefesselt zu werden, von diesem Blick der so deutlich sagte „Ich kenne dich.“ Angst durchzuckte sie. Was wenn Falco Recht gehabt hatte, wenn man ihr nur eine Falle gestellt hatte? Energisch verwahrte sie sich innerlich gegen diesen Gedanken. Derart wertvoll war sie für Rahal nicht, und Spielzeuge bekam selbst ein Hauptmann leicht her. Dafür musste er ihr keine Falle stellen.
„Der Haftbefehl ist aufgehoben“ klang seine Stimme an ihrem Ohr. Hatte sie überhaupt den Umweg über ihre Ohren genommen? Sie wusste es nicht, doch die Stimme war mit einem Mal da, die Worte die sie sprach eigentlich zu schön um wahr zu sein. Die Klinge verschwand von der weichen Haut über ihrer Kehle, glitt mit einem leisen Zischen zurück in ihre Scheide.
Was hatte er gesagt um sie mit nach Rahal zu locken? Sie wusste es nicht mehr. Sie wusste nur noch, dass er irgendetwas von ihr wissen wollte und sie dafür Ruhe brauchten. Ihr fiel nicht ein, dass er eigentlich schon alles wissen müsste, dass es keinen Grund gab, sie erneut zu befragen. Alles klang so, als würde es irgendwie Sinn ergeben. Eine vage Erinnerung strich durch ihren Geist. Er hatte schon einmal etwas gesagt, das Sinn zu ergeben schien und es dann nicht tat. Was war es nur gewesen? Sie folgte ihm... Ruhig, aus freien Stücken. Folgte ihm und hoffte, dass sie es nicht bereuen musste.
Seh ich zu ihm, wie soll ich verstehen
was mich dort fängt, sein Blick geht so tief
Sag mir doch Fremder, was ist nur geschehen
Was wecktest Du in mir, was sonst immer schlief?
Tanz mit dem Feuer und Leidenschaft treiben
Nach meinen Regeln, immer gespielt
Doch hier und jetzt sind die Regeln erloschen
Und das was ich spüre noch niemals gefühlt
Die Situation in Rahal war... anders. Sie hatte gelernt, keine Schwäche zu zeigen. Gelernt hart zu sein. Gelernt, allen Hass, allen Zorn, alle Wut zu ihrem Schild zu machen und sich im Zweifelsfall hinter ihrer eigenen Arroganz zu verstecken. Auch bei ihm. Aber er sah sie nur an. Sah sie an, packte sie und schleifte sie zum Hafen zurück. Sie war derartiges nicht gewöhnt!
Er sollte sie nicht einfach völlig ungerührt hinter sich her ziehen, sollte sie nicht auf diese Art ansehen können, mit seinem Blick der sich in ihre Augen, ihr Herz, ihre Seele bohrte und nahezu herausschrie „Ich kenne dich... so gut wie du dich selbst.“ Wie hätte sie ihn fürchten können? Wie hätte sie in Erwägung ziehen können sich von ihm fern zu halten?
Er band ihr die Hände, er zwang sie auf die Knie... und ließ ihr ihren Stolz. Er hielt sie, ließ sie kämpfen, zetern und schimpfen... und versuchte nicht sie zu brechen. Sie flüsterten und die Worte waren nicht mehr als ein Windhauch, sie schwiegen und dennoch wurde mehr gesagt, als Worte es vermocht hätten. Sie hatte sich ausschlafen wollen... Endlich einmal Ruhe finden. Sie hatte herausfinden wollen, was sie faszinierte, was sie an seinem Blick so anzog.
Dennoch... sie konnte es nicht bereuen als sie ihn am Vormittag verließ. Vielleicht hatte es so sein sollen. Vielleicht brachte sein Schritt wirklich neue Wege. Die Regeln die sie kannte, an die sie sich hielt schien es bei ihm nicht zu geben. Es war nicht länger nur sein Spiel... Es war ihrer beider Spiel geworden. Sie spürte wie sehr es sie aufbaute, ihr Kraft gab, dass er nichts von dem getan hatte, was sie erwartet hätte und doch alles.
Als ihr Kopf das eigene Kissen berührte sank sie unverzüglich in einen tiefen, traumlosen Schlaf, doch ihr letzter Gedanke galt nur einem Wort. Wann?
Gewissenskonflikte
Verfasst: Dienstag 28. August 2012, 05:02
von Raissa Nadeira
Was wenn ein Herz voller Kälte sich bindet?
Was wenn das Licht alles Dunkel vertreibt?
Regung, Gefühle die Seele ergründen?
Was wenn vom Schatten mir dann nichts mehr bleibt?
Emotionslos starrten ihre Augen aus dem Spiegel zurück. Alle Masken waren wieder an ihrem Platz, fein säuberlich als wären sie niemals auch nur eine Sekunde verrutscht. Aber das waren sie. Sie waren wegen diesem verdammten Perera verrutscht. Einen kurzen Moment lang nur, aber es war geschehen, die Kälte, die Schatten die sie schon so lange beschützten hatten eine Sekunde lang einen Riss bekommen, seine Situation zu ihr durchdringen lassen.
Mitleid. Sie hatte nachfühlen können wie es war, wenn sich die Welt weiterbewegt hatte und man selbst nicht daran Teil gehabt hatte. Er hatte seinen Vater in Rahal geglaubt und nun feststellen müssen dass sein Onkel tot war, sein Vater herrschte. Sie hatte seine Verwirrung gespürt. Das hätte nicht passieren dürfen. Sie sollte nicht so aus der Bahn geworfen werden, noch nicht einmal von einem paar schöner Augen.
Würde es jetzt immer so sein? Würde sein Blick die Masken die ihr selbst vor den Blicken der Welt verbargen herunterreißen als wären sie niemals da gewesen? Würde er am Ende die Schatten verjagen, aus ihr ein jammerndes, mitfühlendes, verweichlichtes Weibchen machen? Vallas würde sie niemals am Leben lassen wenn er auch nur die geringste Schwäche spürte... und ihn auch nicht. Er würde versuchen ihn umzubringen und sie zwingen dabei zuzusehen, und sei es nur um den letzten – den ultimativen – Beweis zu bekommen dass sie zu so etwas wie Schwäche fähig war.
Füllst Du dein Herz nur mit Hass und Verachtung
Bist Du stets Herr über Leiden und Not
Nichts kann dich schrecken, nichts kann dich bewegen
Lachend begegnest Du sogar dem Tod
Sie musste ihn verachten – für seine Verwirrung, für seinen Blick der so verflucht verletzlich gewirkt hatte, für sein Lächeln. Wenn sie ihn so verachtete wie alle anderen die Schwach waren würde sie sein Leid nicht so stark empfinden, würde sie nicht länger darüber nachdenken dass er der Sohn ihres Käpt'n war. Was sollte sie tun wenn Vallas sie aufforderte ihn zu töten?
Ihre Fäuste ballten sich, schlugen gegen die steinernen Wände bis die Haut aufriss und zu bluten begann. Sie spürte den Schmerz nicht einmal, zu weit hatte sie sich schon wieder hinter ihre Masken zurück gezogen, sich mit schützender Kälte umgeben die alles von ihr fern hielt was sie verletzen, bewegen könnte. Er kümmerte sie nicht. Nur ein weiterer den man im Auge behalten musste bis der richtige Moment gekommen war.
Es bedeutete nichts, sie war erschöpft gewesen. Es war nur logisch, dass sie sich seine Zuneigung sichern wollte, er war Konkurrenz. Konkurrenz schaltete man aus oder man sorgte dafür dass sie dem eigenen Weg folgte. Die schwache Regung war nur der Versuch ihres Verstandes gewesen sie darauf aufmerksam zu machen. Auf keinen Fall war er ihr sympathisch. Und noch viel weniger mochte sie ihn. Sie konnte ihn sterben lassen. Ungerührt zusehen wie er ertrank oder verblutete.
Doch – was wenn dann etwas der Schwelle sich nähert?
Was wenn der Damm voller Kälte zerbricht?
Hilflos und Schutzlos – Gefühle erhoffend
Brennt sich in dunkelste Seele das Licht.
War es zu viel verlangt, jemandem die Insel zeigen zu wollen ohne ständig ein Messer im Rücken zu erwarten? Was war falsch daran, sich zu wünschen, dass er sie um ihretwillen mochte, und nicht weil er Angst davor hatte was Vallas tun würde, wenn er es nicht tat? Jemanden zu haben mit dem man lachen konnte, mit dem man gern zusammen arbeitete, der einem den Rücken frei hielt wenn man es brauchte ohne das er sie für die Schwäche verachten würde, die es nötig machte.
Für einen Moment verlor sie sich in dem Bild das ihr Herz sich ausmalte. Jemand der sie für das schätzte was sie konnte und tat, der nicht Vallas Verlobte, sondern eine gute Offizierin sah. Jemanden, der war wie Bär es gewesen war. Heftig schüttelte sie den Kopf – schüttelte die Gedanken ab die sie seit dem Tod ihrer alten Crew nicht mehr gedacht hatte, sich strikt zu denken verbot. Doch ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb.
Nein – ich bleib stark und kein Licht mag verjagen
Schatten und Finsternis – Schutz um mein Herz
Jeder Moment von Kontrolle bezwungen
Sieh wie ich liebe alleine den Schmerz
Sie zwang sich, an den Tod ihrer Freunde zu denken. An jeden Einzelnen, den sich das Meer zurück geholt hatte. An ihren Ehemann, der von jemandem getötet worden war, den er für einen Freund gehalten hatte. Gesicht um Gesicht zog an ihr vorbei, bis nur noch die Kohlschwarzen Augen zurückblieben. Perera senior – sein Sohn. Eine Blutlinie.
Vallas hatte ihr Gesagt wie hinterlistig, wie verlogen und verräterisch diese Familie war. Hatten sie sie nicht auf eine merkwürdige Art an die Toro gebunden? Hatten sie sich nicht dunkelster Magie bedient, um Krathor zu entgehen und mit der Toro nach La Cabeza zu kommen, wo sie seither herrschten? War Perera senior nicht sogar von Land verbannt? Deshalb war sie ja Gouverneurin. Er mochte der König sein, aber er konnte nicht herrschen. Und wenn er herausfand dass sie etwas empfinden konnte, dann würde er noch viel grausamer sein als Vallas es je könnte.
Er würde sie sicher foltern, töten und weiter foltern. Sein charmantes Lächeln war nur Fassade, so wie auch das ihre. Wieder und wieder rief sie sich in Erinnerung dass sie niemals einem Perera trauen konnte. Sie konnte niemals darauf bauen dass er anders sein würde als sein Vater oder sein Onkel. Sie konnte – und sie durfte nicht.
Doch – was wenn das alles im Augenblick schwindet?
Was wenn du hältst was unhaltbar stets war?
Wenn ich dir gebe was du in mir findest?
Plötzlich ist etwas so greifbar und nah
Ach was, wenn in Stille mein Herz sich dir öffnet
Und du dann erkennst was ich immer schon war?
Aber was wenn doch? Was, wenn er ihr gar nicht alles nehmen wollte? Was, wenn sein Lächeln, sein verletzlicher Blick wirklich sein Wesen waren? Wenn sie zulassen würde, dass er sie kennen lernte? Wenn sie ihm die Wahl überlassen könnte, ob er für oder gegen sie arbeiten wollte? Was wenn sie... zulassen würde dass er einen Blick hinter ihre Maskerade erhaschen konnte? Und wenn er mit dem leben könnte was dahinter lag? Sie dennoch akzeptierte? Was wenn er es wert wäre ihre Loyalität zu erhalten? Was...
Verfasst: Freitag 31. August 2012, 11:45
von Raissa Nadeira
Seufzend schob sie ein weiteres Pergament von sich weg. Die Gleichen, vollkommen nutzlosen Informationen wie auf den Pergamenten vorher. Wusste denn heutzutage niemand mehr, wie ein anständiger, informativer Bericht auszusehen hatte? Wie hatte Vallas das nur ausgehalten? Oder vielmehr... wie hielt er das aus? Sie war nicht so dumm zu glauben dass er den Versuch aufgegeben hatte über alles und jeden im Bilde zu sein... Immerhin war es Vallas und auch wenn seine Jungs sind im Hintergrund hielten wusste sie sehr genau, dass sie noch immer da waren. Sie waren da und beschützten ihn. Vorteil oder Nachteil? Fluch oder Segen? Sie traute keinem von ihnen weiter als sie ihn werfen konnte, nicht einmal Vallas selbst.
Sie streckte die Hand nach einer anderen Mappe aus, zog sie zu sich heran und schlug sie auf. Den Inhalt kannte sie fast schon auswendig, doch sie wollte sich noch einmal einen Überblick verschaffen. So war es doch immer, wenn man die auswählte die einen schützen sollten. Nur wie viele von ihnen hätten Kraft und Mut sie im Zweifelsfall auch gegen ihren eigenen Ehemann zu verteidigen? Name, auf Name, auf Name, versehen mit relativ harmlosen, spärlichen Informationen in der Handelssprache und einer ganzen Reihe Andeutungen die niemandem außer ihr etwas sagen würden. Nicht einmal Vallas.
Auf die älteren, vergilbten Pergamente in der ledernen Mappe folgten neuere, auf denen die Tinte noch nicht verblichen war. Die Handschrift darauf war ebenso sauber, auch wenn die neuen Pergamente offenbar in größerer Eile geschrieben wurden. Zielsicher zog sie eines heraus, legte es vor sich auf den Tisch und starrte die Zeilen in ihrer eigenen Handschrift nachdenklich an. Wenn man den Namen bedachte, der oben auf der Seite stand, war das Pergament überraschend dicht beschrieben, doch die Worte schienen keinen Sinn zu ergeben. Es war beinahe, als wäre der Name das einzig wirklich eindeutige das zu lesen war. Raul Vincente Perera, Hijo de Alejandro Perera
Sie überflog die Zeilen nur, dann griff sie zu Feder und Tinte und begann zu schreiben. Die Seite füllte sich mit weiteren, scheinbar völlig sinnlosen Worten, bei denen nur eines immer wieder deutlich hervorstach. Azucena – Lilie. Mit einem boshaften Lächeln legte sie die Feder beiseite und löschte die geschriebenen Zeilen ab. Es war nicht unwahrscheinlich, das Vallas sie lesen würde. Aber helfen würden sie ihm nicht. Nicht was die Frage ihrer Loyalität betraf, nicht was die Frage ihrer Zu- oder Abneigung zur Familie Perera betraf. Es würde ihm nicht einmal verraten wie viel sie eigentlich wusste. Sie war mehr als zufrieden.
Weniger zufrieden allerdings war sie mit dem gestrigen Vormittag. Das Vallas sich darauf freute Juan kennen zu lernen alarmierte sie mehr als sie zu erfreuen. Zum Einen brachte dieser Irre es noch fertig all ihre wunderbaren Pläne zu ruinieren, zum anderen wollte sie die beiden nicht zusammen sehen. Sie wusste es würde sich nicht vermeiden lassen, doch sie wollte ihren Verlobten nicht einmal in der Nähe des Prinzen wissen, solange dieser verletzlich und von den Ereignissen verwirrt war. Und genauso sehr wusste sie dass das genau die Situation war in der Vallas ihn erleben wollte. Verletzlich, verwirrt, die Schwächen offen gelegt so dass er darauf nach belieben zugreifen konnte.
Wie aber sollte sie es verhindern? Wie wollte sie die beiden Männer voneinander fern halten bis es halbwegs sicher war? „Dieser Perera kann getötet werden, vergiss das nicht“ hatte er ihr noch auf dem Schiff ins Ohr geflüstert. Er verstand nicht, dass ein toter Perera im Moment kein besonders guter Perera war. Aber es war so typisch für ihn. Regiere durch Angst – Herrsche durch Furcht. Sie war nicht der Mensch für Angst und Terror, obwohl sie beides verbreiten konnte wenn die Kälte sie regierte.
Ihre Art war viel leichter... Zügel, so sanft und fein das niemand sie spüren konnte. Terror war etwas für Grobiane... Und sie war nur dann einer wenn man etwas bedrohte das ihr gehörte. Das würde auch Vallas noch merken. Verlobter hin oder her.
Verfasst: Sonntag 2. September 2012, 00:42
von Raissa Nadeira
Ihr Blick wanderte zum Nachthimmel auf. Endlich Stille, nur die Sterne über ihr und das leise, beruhigende Rauschen der Wellen, die sich am klischeehaft weißen Sandstrand brachen und die Fußspuren verwischten, die sie auf ihrem Weg hierher hinterlassen hatte. Langsam legte sie sich in den Sand und atmete genießerisch tief ein. Sie liebte diese Mischung aus Seeluft und dem erdigen, fruchtbaren Geruch des Dschungels der Insel, der leichte Unterton von Alkohol und zu vielen Menschen auf zu wenig Raum der aus der Stadt herüber wehte. Abgesehen von der Toro auf hoher See gab es wirklich keinen schöneren Ort auf der Welt für sie.
Dennoch gab es Momente, in denen ihr einfach nur alles auf die Nerven ging. In den letzten Tagen hatten sich diese Momente wirklich gehäuft. Sie konnte nicht auf die Jagd gehen, weil ihre Wunden zu ernst waren um ein solches Risiko zu rechtfertigen, und die fehlenden, geplanten Ausbrüche von Gewalt ließen ihr Temperament sieden und stetig kurz vor dem Ausbruch stehen. Dazu kam noch, dass das Pack generell nicht gerade aus einfachen Charakteren bestand und sich zudem noch andere Probleme ergaben.
Bartos und Aki standen seit Tagen kurz davor sich umzubringen, und langsam aber sicher hoffte sie, sie würden es endlich tun damit Ruhe herrschte. Wer von beiden dabei ins Gras biss war ihr persönlich relativ gleichgültig, solange diese Kindereien wenn beide in einem Raum waren dann endlich aufhörten. Aber Rohnja zuliebe sprach sie das nicht aus. Sie wusste, dass die Freundin beide Männer auf ihre eigene Art und Weise liebte, auch wenn ihr das Verständnis dafür fehlte. Natürlich kannte sie Zuneigung, mochte einige Menschen sogar, doch ob das wirklich eine Grundlage für ein Zusammenleben sein konnte bezweifelte sie. Vallas war deshalb ihr Verlobter, weil sie ihn zum einen etwas weniger hasste als die restliche Männerwelt, er ihr genug Stärke entgegen zu setzen hatte um interessant zu sein und sie außerdem nicht gegen ihn kämpfen wollte. Zumindest noch nicht.
Auf ihre ureigenste, verdrehte Art und Weise liebte sie ihn sogar. Er verletzte sie, versuchte sie zu demütigen und sie in Ketten zu legen, dafür verabscheute sie ihn, hasste ihn und wollte ihn etwa 23 Stunden täglich umbringen, doch sie wollte auch nicht darauf verzichten. Sie duldete das was er tat und spielte ihrerseits Spiele die dazu angetan waren ihn zu verletzen und zu demütigen. Letzten Endes würden sie beide verlieren, das besagte allein die Logik, doch die Frage war noch immer, was auf dem Spiel stand. Im Endeffekt war alles was bisher stattfand nur Geplänkel. Es waren sorgfältig inszenierte Schachspiele bei denen keiner wusste, wer welche Figuren lenkte und wer gerade führte. Nicht einmal sie selbst.
Welch ein Unterschied zu den Tagen, in denen sie auf die Insel gekommen war. Ein Unterschied zu der Angst die sie einst vor ihm empfunden hatte. Er hatte ihre Stärke geweckt, ihr Temperament wieder ans Licht gezerrt und die Fesseln durchtrennt die sie dazu befähigt hatten in den Reichen zu leben, aber jetzt musste sie selbst zusehen wie sie mit dem zurecht kam, was sie war. Rohnja hatte einen Eindruck von dem bekommen, was hinter ihrem freundlichen, ständig charmanten Lächeln lebte. Damit war sie die einzige die ahnte, was geschehen könnte wenn man sie wirklich reizte, wenn etwas das berührte, was ihr Innerstes ausmachte... wenn sie sich gezwungen sähe, sich zu verteidigen.
Ihre Gedanken glitten zurück zum Ausgangspunkt. Bartos und Aki waren ein Ärgernis um das sie sich beizeiten kümmern würde, wenn sie nicht endlich miteinander zurande kamen. Allerdings würde ihre Art von Problemlösung ihnen wohl kaum gefallen. Der Rest des Packs? Nun, diejenigen die Perera kannten würden sich nicht wundern, höchstens darüber das sie diejenige war... die Neuen? Das würde der interessante Punkt sein. Svetlana und Nameha würden wohl damit zurande kommen, immerhin war Nameha diejenige gewesen die sich das Spiel ausgedacht hatte. Djar und Simantun würden es ebenfalls ertragen können und eine bessere Einschätzung dessen bekommen, für wen sie eigentlich arbeiteten. Clemente? Auch für ihn wäre es kaum eine Überraschung, die Vorsicht würde schnell genug wieder weichen. Francesco und Jose? Das war die Frage, nicht wahr? Sie konnte beide nicht einschätzen. Der eine war die Marine gewöhnt und sie begegnete ihm ohnehin mit Misstrauen, der andere war zu still. Viel zu still. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass diejenigen die den Mund hielten am schlimmsten waren wenn es darum ging eingeschnappt zu sein. Aber das sollte nicht ihr Problem sein.
Tief seufzend hob sie den Kopf und blickte über die ruhige See hinaus, der Vollmond spiegelte sich auf dem Wasser und verwandelte Felsen und Tang in geheimnisvolle Seeungeheuer die leise von Abenteuer und Schätzen tuschelten und verlockend sangen wie Sirenen. Die Reise mit der Toro hatte ihr Verlangen eine Weile gestillt, doch die Zeit würde kommen, in der der Ruf der See wieder lauter, unwiderstehlicher werden würde. Und dann? Sie wusste es nicht. Dennoch, innerlich war sie zweigeteilt. Ein Teil ihrer Seele würde immer der Insel gehören... der Rest allerdings... Der Rest ihrer selbst gehörte der See, den immer ungleichen Stürmen und Wogen die nach ihr riefen.
Nach einem kurzen Blick um sich zu versichern dass sie allein war streifte sie Rock und Korsett ab und ging langsam ins Wasser. Warm umspülte das Meer ihren Körper, erfasste ihre Haare und trug sie ein Stück weit in die Bucht hinaus. Eine Weile ließ sie zu, dass die See mit ihrem Leib spielte, dann begann sie zu schwimmen, durch die Bucht zu tauchen und allein die Bewegung in ihrem Element zu genießen. Ihre Muskeln gegen das Wasser, der Sog der Insel gegen den der See. Eine interessante Entsprechung ihrer Situation...
Verfasst: Montag 10. September 2012, 09:30
von Raissa Nadeira
Sie lehnte am Fenster und blickte auf die nächtliche Insel heraus. Das Gröhlen und heisere Brüllen der betrunkenen Matrosen drang selbst durch die gläsernen Scheiben bis zu ihr hinein. Irgendwo sang jemand ein unflätiges Lied und aus der Richtung von Minfay's drang das Gelächter der Mädchen herüber, die sich langsam aber sicher für ihren wohlverdienten Feierabend bereit machten. Aus einer anderen Richtung drang der temperamentvolle Fluch eines abgewiesenen Verehrers zu ihr herauf, der die bis vor kurzem noch Angebetete als schlimmste Hexe auf Erden bezeichnete. Was wohl bedeutete, dass er sein Glück bei einer der Cabezianerinnen versucht hatte.
Mit einem leisen seufzen führte sie die Tasse an die Lippen und nahm einen tiefen Schluck von dem heißen Gebräu das sich darin befand. Was auch immer es sein mochte, es hatte sie in den letzten Tagen zu erhöhter Leistungsfähigkeit getrieben und sie war dem Alchimisten mehr als dankbar dafür. Gerade jetzt blieb nicht viel Zeit für Schlaf übrig, was sich langsam auch auf ihrem Gesicht zeigte. Es war noch keine halbe Stunde her, das Grendel gegangen war. Er hatte ihr die letzte von vielen Nachrichten gebracht und ein weiteres Mal die Nachricht mit zu Vallas genommen, dass sie nicht nach Hause kommen würde. Er würde es verstehen. Zumindest hoffte sie das.
Kopfschüttelnd stellte sie ihre Tasse auf einem der wenigen freien Flecken auf dem von Pergamenten übersäten Tisch ab und griff sich einen der letzten Berichte aus Rahal. Orkübergriffe also. Nicht dass sie derartiges verwundern würde, Durion würde sich vermutlich noch mit Marienkäfern anlegen sobald er eine Möglichkeit gefunden hatte ihnen eine Kriegserklärung zukommen zu lassen. Wenn man es genau nahm, konnte es nicht besser laufen. Nicht nur das ihre eigenen Bemühungen genau die Ergebnisse zeigten, die sie haben wollte, auch von Außen schien es unerwartete Schützenhilfe zu geben. Ihr Blick wanderte auf einen Stapel gesiegelter Pergamente, bereit, den jeweiligen Empfängern zugestellt zu werden. Pergamente, die sehr viel verändern würden. Aber noch nicht jetzt. Es war noch zu früh, und gerade in diesem Fall war der richtige Zeitpunkt – und die richtige Absicherung – von elementarer Wichtigkeit.
Ein nachdenkliches Lächeln spielte um ihre Lippen während sie ein weiteres Pergament zur Hand nahm. Wie lange würden sie wohl brauchen um etwas zu tun das sie als Ohrfeige auffassen könnte? Nicht lange... Durion war temperamentvoll genug um sich zu einer unüberlegten Handlung gegen die Insel oder die Piraten hinreißen zu lassen. Eine Handlung die mit den richtigen Worten dargebracht und mit den Fakten unterlegt durchaus auch ihren Käpt'n überzeugen könnte. Genau darum liebte sie es, diese Art von Spiel zu spielen. Für gewöhnlich verstanden diejenigen mit denen sie spielte die Regeln nicht. Oder sie verstanden das Spiel als solches nicht. Allerdings war das gleichgültig, solange sie selbst die Regeln kannte und das Spiel bestimmte. In diesem Fall gab es nur ein Ziel... Die Insel – die Bruderschaft – Perera und zu guter Letzt auch sie selbst würden etwas gewinnen das wertvoller war als dieser Pakt mit Rahal. Andererseits gab es wenig das wertloser sein könnte, denn der Pakt war laut Rahal ohnehin das Pergament nicht wert auf dem er geschrieben stand.
Sie würde noch eine Weile das naive Mädchen spielen das auf einem Posten saß den es nicht ausfüllen konnte. Nicht lange... nur eine Weile. Lange genug um ihn in Sicherheit zu wiegen. Sollte er glauben dass er sie in Bedrängnis treiben, sie aus der Reserve locken konnte...
Ihr Blick huschte wieder zum Fenster. Die Männer wurden immer aggressiver. Das war gut. Es gehörte zum Plan. Jetzt war es nur noch ein Drahtseilakt... Sie aggressiv genug halten um nützlich zu sein, aber nicht so aggressiv dass sie sich gegen sie wenden würden. Leise murmelte sie vor sich hin „Dein Zug, Durion... Dein Zug.“ Sie würde warten. Alle Fäden waren an ihrem Platz. Nur ein Fehler... ein kleiner Fehler des Ritters und sie würde bekommen was sie wollte.
Verfasst: Samstag 22. September 2012, 17:03
von Raissa Nadeira
Mit einem leichten Kopfschütteln wandte sich die junge Piratin vom Fenster ab. Die Situation wurde immer merkwürdiger, es war schon fast grotesk. Sie musste nun nachdenken, sich darüber klar werden, was hier eigentlich vorging, und natürlich ob sich die Situation zu ihrem Vorteil und dem der Insel nutzen ließ.
Man hatte ihr berichtet, dass der Orden vermehrt die Insel aufsuchte. Nun, sie persönlich hatte dagegen nicht die geringsten Einwände, ihr Hass richtete sich allein auf Durion und ihrer Ansicht nach wäre Rahal eine deutlich schönere Stadt, wenn selbiger einfach wieder in den Kerkern Alumenas versauern würde. Nicht dass sie so dumm wäre, das laut zu sagen. Jedenfalls nicht zu jemandem dem sie nicht vollends vertraute. Dennoch war es merkwürdig, die Schwarzroben so oft auf der Insel zu sehen. Maya, ja, das war sie gewohnt... aber dieser Mann am letzten Abend? Die anderen, die sie nur aus der Ferne hatte beobachten können? Sie glaubte nicht an Zufälle. Schon gar nicht an solche, in die dieser Orden involviert war.
Es war Leonie, die sie immer und immer wieder aufsuchten. Ein Umstand der sie verwunderte, denn das was Rohnja ihr über Leonie, oder vielmehr ihren Liebsten, berichtet hatte sprach nicht für etwas, was die Magier des schwarzen Ordens akzeptieren würden. Ob sie es noch nicht heraus gefunden hatten, oder ob hier ein Spielchen gespielt wurde das sie noch nicht durchschaute? So oder so, sie würde diese Lage im Auge behalten. Insbesondere jetzt, wo das Verhältnis zwischen den beiden Fraktionen angespannter denn je war. Es würde ein gefährlicher Drahtseilakt werden, diesen Status Quo beizubehalten.
Jetzt auch noch Rohnja, eingesperrt in den Verliesen von Rahal. Sie konnte sich wirklich angenehmere Gedanken vorstellen als die, das Durion sie verhörte. Glücklicherweise würde er dazu wohl kaum einen Grund haben, der selbstverliebte, starrköpfige Narr. Blieb zu hoffen, dass ihre Tarnung halten würde, dass sie unerkannt bleiben würde und die Insel nicht in ihren Anflug von selbstmörderischen Gedanken hinein ziehen würde. Was sie wiederum dazu führte, dass sie eine kleine Unterhaltung mit dem Grund für diese Gedanken führen sollte. Und sei es nur um ihm ausgiebig in den Allerwertesten zu treten. Verdient hätte er es allemal.
Ihre Gedanken strichen weiter, glitten über die Geschehnisse auf der Insel wie durch die Seiten eines schlichten Buches und verharrten schließlich bei ihm. Juan. Wie bei Krathor sollte sie ihrem Prinzen das erklären? Sollte sie mit Arendor sprechen? Eventuell sogar die still liegenden Kontakte in Rahal wieder aufleben lassen um weitere Informationen zu bekommen? Versuchen, aus dem Vicarius etwas heraus zu bekommen?
Nein... All das würde ihr nicht helfen, würde ihr keinerlei Ansatz bieten, Perera und seinem Sohn zu erklären was gerade passierte. Also blieb nur eines... Hoffen dass er sich bald erneut bei ihr sehen ließ und guter Laune war... Und dann offen berichten wie die Lage war. Er hatte allen Grund Rahal zu hassen. Es wurde Zeit, dass sie ihm einen Grund gab, seine Gedanken auf etwas anderes zu richten.
Mit einem leichten Lächeln ließ sie sich wieder am Schreibtisch nieder, griff zu den Pergamenten und machte sich an die zeitraubende Arbeit, eine Übersicht für ihn zu erstellen. Sie würde bekommen was sie wollte. Auf die eine oder andere Art und Weise.
Verfasst: Dienstag 25. September 2012, 02:16
von Raissa Nadeira
Kaltes Herz bist du erfroren
oder liegst du schlummernd still?
Sag mir doch, was ist dein Sinnen
das dich bindend halten will!
Was ist kälter als der Winter
Eisig nur wie Frosthauch tief?
Welcher Schmerz lässt Herzen frieren
tötet langsam was dort schlief?
Von Sekunde zu Sekunde konnte sie weniger mit dem Konzept von Liebe anfangen. Nicht dass sie nicht verstehen würde wie es funktionierte, sie konnte nur nicht begreifen, wie man sich all das wünschen, es begehren konnte. Nein, Liebe war die schlimmste Form von Fremdbestimmung und Abhängigkeit, sie verkörperte all das, was sie hasste und verachtete. Aber ganz abgesehen davon, wohin führte es denn? Um das zu erfahren brauchte man nur Rohnja und Aki zu beobachten, sich nacheinander verzehrend und sich selbst verletzend um den jeweils anderen zu treffen. Sie zerstörten sich selbst, fanden ihre Erlösung darin dass sie sich in die Tasche logen, indem sie sagten dass sie damit wenigstens den jeweils anderen nicht verletzten oder gefährdeten. Nein, je mehr sie darüber nachdachte, umso weniger wollte sie das für sich selbst.
Glücklicherweise stand allein aufgrund ihres Temperaments nicht zu erwarten, dass sie sich jemals derart rückhaltlos an jemanden band, sie musste keine Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren. Sie spielte. Es war einfach, die Regeln waren klar und für beide Seiten verbindlich. Und natürlich gab es für beide Seiten jederzeit die Möglichkeit die Spielchen zu beenden ohne sich danach zu hassen. Eine Möglichkeit, die es bei Liebe nicht zu geben schien, wenn man nach ihren Beobachtungen ging. Entweder man blieb zusammen oder man hasste sich im Anschluss. Es war inkonsequent. Wenn man sich schon so weit auf jemand anderen einließ, dass eine Trennung ohne Hass unmöglich schien, dann sollte man im Anschluss zumindest dafür sorgen, dass das Problem beseitigt wurde. Endgültig.
Sie rieb sich leicht über ihr Gesicht als ihre Gedanken zurück huschten. Sie war gespannt, wann der schwarz Berobte sich wieder auf der Insel sehen ließ. Er würde wieder kommen, dessen war sie sich sicher. Weshalb? Sie konnte es nicht in Worte fassen, das seltsame Gefühl von Erkennen. „Spiel mit mir.“ Sie hatte die Aufforderung in seinen Gesten gespürt, in seinen Augen gesehen und instinktiv darauf geantwortet. Ihr war ohnehin langweilig. Arendor schien mit irgendwelchen politischen Angelegenheiten in Rahal beschäftigt, einem Ort den sie im Moment mied als würde dort die Pest umgehen. Beschäftigung war notwendig, sie wusste das. Wer sich nicht beschäftigte verlor seinen Biss, seine schneidende Kälte. Das würde ihr nicht passieren und für den Moment schien die Schwarzrobe ein geeigneter Zeitvertreib.
Wie lange würde er das Spiel auf ihrem Boden austragen wollen? Hier war sie zuhause, hier hatte er ihr nichts entgegen zu setzen außer seiner Zugehörigkeit zum Orden. Diese Zugehörigkeit würde natürlich nicht in das Spiel einfließen, das wäre... ihr fehlte das passende Wort um die Ungeheuerlichkeit zu beschreiben, die es bedeutete in ein derartiges Spiel den Orden oder die Bruderschaft zu involvieren. Solange es zwischen ihnen beiden blieb war es ein Spiel, sobald andere einbezogen wurden, war es Politik. Und nach Politik stand ihr nicht der Sinn. Ob er es genauso sah? Sie war neugierig.
Die letzte Runde war an ihn gegangen, das musste sie neidlos zugeben. Er hatte sie vollkommen aus dem Konzept geworfen, ihre sanfte Seite für einen Moment ans Licht gezerrt. Kluger kleiner Magier. Die nächste Runde würde er nicht so einfach gewinnen, dafür würde sie schon sorgen. Sie würde herausfinden, was es mit ihm auf sich hatte. Einen kurzen Moment überlegte sie ob sie vorhatte ihn zu brechen, dann verwarf sie den Gedanken wieder. Nein, ihn vollends zu vernichten wäre Verschwendung. Sie hatte... andere Interessen. Sollten sich andere mit den Problemen herumschlagen die Verliebtheiten mit sich brachten. Sie würde seine Einladung annehmen und spielen.
Verfasst: Mittwoch 26. September 2012, 16:31
von Ira Lisarias
Dösend und unbekleidet lag sie auf ihrem Bett. Alles um sie herum war verschwommen im wohligen Matsch des geistigen Dämmerzustandes. Schwere Vorhänge aus Stoff hielten das Licht zum größten Teil außerhalb und schwangen nur immer dann leicht zurück wenn eine frische Brise des aufkommenden Herbstes sie aufblähend zurück schob. Im dämmrigen Zwielicht des Tages glimmte immer wieder der Krautstängel zwischen ihren Lippen auf wenn sie leicht daran sog. Dünn in fadenartigen Schwaden, erklomm der Rauch steigend seinen Weg in Richtung der Decke um dort leicht zu verwirbeln und von den gelegentlichen Böen verteilt zu werden.
Sie mochte solche Tage, sie mochte dieses Wetter. Es erinnerte sie immer an ihre Heimat, behütet vor Wind und Kälte in der Sicherheit eines Hauses, das Rauschen der Blätter vor dem Fenster. Zuweilen blökte eines der Schafe draußen, Leahs Schafe wie sie immer wieder bitter dachte. Ihre Gedanken schweiften ab in die Ferne, getragen von Kraut und der
Abwesenheit der Gegenwart die sie umfing. Die meisten Gedanken drehten sich um lächerlich banale Tagträumereien, andere um sinnlose 'Was-wäre-wenn' Phantasien und die nächsten um die, die noch da waren. Menschen die sie mochte, eine verwirrende abenteuerliche Mischung von Individuen. Nacheinander erschienen vor ihrem geistigen Augen die verschiedenen Personen welchen sie sich nahe fühlte.
Zuweilen hatte sie das Gefühl von Einsamkeit, das Gefühl verlassen zu sein, ein Gefühl von Leere. Nacheinander zogen die Gesichter vorbei, verweilten einen Moment und entschwanden mit dem nächsten Rauchhaltigen Atemstoß. Ein Antlitz folgte dem nächsten bis irgendwann das Angesicht der jungen Cabezianerin dort stand.
"Raissa" - nuschelte sie zaghaft. - passte sie in das Gesamtbild? Sie tat sich schwer mit Vertrauen. Doch sie mochte
die vernarbte Piratin. Sie hatte eine gewisse Ausstrahlung, eine Wirkung und Wahrnehmung die Menschen in ihren Bann schlagen konnte, vor allem hatte sie eine Vorstellung von Freiheit. Freiheit. Wieder sog sie tief den Rauch in die Lungen, drückte den Rücken leicht durch und blinzelte vor sich hin. Flüchtig drangen einige Lichtstrahlen in das Zimmer, tasten sich über Bett, Schrank und Leib bevor sie erneut von den schweren Stoffvorhängen geschluckt wurden.
Raissa - ein Weib das zur Furie werden konnte, ein Ding das launisch zu nennen das Wort überstrapazieren würde. Sie war flüchtig, schwer zu fassen, immer gehetzt und doch im Zentrum. Sie in einem ruhigen Moment zu erwischen war ein Segen wie zugleich selten und doch, sie mochte die schwarzhaarige. Es war seltsam, zuweilen hatte sie das Gefühl als würde Raissa sie meiden, dann wieder nicht.
Erneut führte sie den Stängel wieder zu den Lippen. Das andere Ende glomm auf, leise glaubte sie das Knistern der Glut zu hören, sie fühlte nur wie ein weiterer Schub der benebelnden Substanz in ihren Leib drang. Der Arm sackte zur Seite, rutschte halb vom Bett und der Rauch der gerade noch ihre Lungen gefüllt hatte entwich ihrer Nase und den Mund. Ein leises Schnaufen während die Momente, die langen Stunden mit der Partiell wahnsinnigen vorbei zogen. Stunden voll von Worten, Alkohol und Dunkelheit. Sie war, wie sie selbst, ein Kind der Nacht.
Die Gouverneurin liebte die See, die endlose Weite, die tosende Unberechenbarkeit. Hasste sie die Enge der Stadt? Den beklemmenden Papier und Staubgeruch der Amtsstube? Mochte sie den Wind um die Nase, das Gefühl der kalten Briese wenn er über das Gesicht strich so sehr wie sie selbst? - Unterschiede gab es viele, Unterschiedliche Ansichten und Auffassungen. Sie hatte ihr einen Artikel geschenkt und wusste noch immer nicht was sie dachte.
Sie mussten endlich Angeln.
Verfasst: Samstag 6. Oktober 2012, 20:34
von Raissa Nadeira
Ängstlich vor dir Weite suchen,
dich nicht findend, dabei fluchen
springen, tanzen und mich drehen,
nur noch grelle Farben sehen
Ein Schlag in den Magen hätte sie weniger getroffen, weniger aus der Bahn geworfen als diese ungeplante Begegnung mit der Vergangenheit. Auf der einen Seite konnte sie all das nüchtern betrachten, sich darüber wundern, welcher Reiz auch heute noch, nach all der Zeit vorhanden war, doch ein anderer Teil riss das Tuch von den Erinnerungen. Erinnerungen, die sie sonst so fein säuberlich aus ihren Gedanken heraus hielt, die keinen Bezug mehr zu ihr, ihrem Leben zu haben schienen. Zumindest bis es diese Art von Schlag in den Magen gab.
Rum, Rauschkraut, Spielereien. Wie lange versuchte sie bereits, diese Erinnerungen zu verjagen, schlussendlich doch noch aus ihrem Kopf zu tilgen? Es hatte nie funktioniert, ein kleiner Funke genügte und alles war wieder da. Sie sah die Bilder vor ihrem inneren Auge, als wäre sie noch immer mitten darin, als würde es genau in diesem Moment geschehen. Wenn sie ehrlich war suchte sie immer noch nach einem Teil der Vergangenheit... einem Teil den sie nicht finden konnte.
Statt dessen lachte sie wenn es angebracht schien zu lachen, sie war wütend wenn Wut gebraucht wurde, doch irgendwie wirkte die Welt... flach. Flach und übermäßig bunt, als wären allein die Erinnerungen real, wirklich und vorhanden. Sie kannte das Gefühl, es stellte sich ein wenn man sich um die eigene Achse drehte und drehte und drehte bis einem alle Sinne schwanden. War es das, was sie empfand? Haltlosigkeit? Himmel, sie war Piratin. Halt war nichts außer einer weiteren Kette die sie binden würde, Skrupel mit sich bringen und sie schlussendlich ungeeignet zurück lassen würden, nur um sie dann auf den Boden zu schleudern und auszulachen weil sie an etwas derartiges geglaubt hatte. Vallas hatte Recht gehabt, es gab so etwas wie Liebe nicht, es gab kein Vertrauen, es gab keinen Halt.
Sie wusste, wenn sie sich das lange genug einredete, lange genug versuchte sich davon zu überzeugen würde sie es glauben. Sie würde daran glauben, dass die Vergangenheit vorbei und vergessen war. Dann würden die Bilder zu einem blassen Schatten verblassen, über den sie das Tuch des Schweigens breiten konnte, bis der Name erneut fiel, bis die Begegnung erneut stattfand. Bis zum nächsten Schlag. Die andere Möglichkeit erforderte wesentlich mehr Mut. Mehr Mut als sie aufbringen konnte, mehr Mut als in einem Kampf ohne Rüstung und Waffe zu landen. Sie könnte zugeben was ihr fehlte. Sie könnte ihn wieder sehen, sich wieder mit ihm treffen, mit Absicht die Erinnerungen an die Zeit willkommen heißen, die sie miteinander verbracht hatten.
Mit einem Mal überfiel sie schmerzliche Sehnsucht nach Ira. Die Freundin würde wissen, was nun zu tun war. Sie kannte sie beide, kannte die Situation, kannte die Hintergründe. Ira würde ihr nicht sagen, dass sie schwach war, oder einen Fehler gemacht hatte indem sie sich nicht sofort umgedreht hatte um zu gehen. Sie erinnerte sich an den Abend bevor sie ihn versetzt hatte. Ira war es gewesen, die versucht hatte sie dazu zu bewegen hin zu gehen, ihn zu besuchen, den Abend und vielleicht die Nacht mit ihm zu verbringen. Sie wünschte, sie hätte auf sie gehört. Es hätte viele Dinge einfacher gemacht, Klarheit geschaffen, wo nichts als Verwirrung herrschte. Aber Ira war nicht da. Sie würde warten müssen... warten, und versuchen selbst einen Weg aus diesem Chaos zu finden.
Nicht heute Abend. Heute Abend würde sie nach Rahal gehen und jemand anderen aufsuchen. Jemanden, der die Erinnerungen in Schach halten konnte, der ihr Nahe genug stand und sie genug reizte um für den Moment zu vergessen. Es würde mit Sicherheit ein interessanter Abend werden... Einige Stunden Erleichterung. Einige Stunden nicht denken müssen. Ja, sie würde nach Rahal gehen.