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Regen, Sturm und Stahl

Verfasst: Mittwoch 14. März 2012, 19:52
von Jascha Arlin
Der Donner verkündete den aufziehenden Regen und als die ersten Tropfen fielen, blieb die Kriegerin stehen und hob den Kopf in den Nacken. Ein leichtes Lächeln bereitete sich auf ihren Zügen aus und sie schloss die Augen und lies den Regen in ihr Gesicht fallen.
Der letzte Regen hatte diesen tausendfach verfluchten Sturm gebracht, der ihr Schiff beschädigt hatte und sie hilflos wie ein Blatt im Wind über das Meer trieb.
Doch letztendlich hatte er ihnen zwar ihr Hab und Gut genommen, doch ihr Leben verschont und sie schließlich sogar an die Küsten Gerimors getragen.
Tidus hielt ihr Überleben für ein Geschenk der Lichtbringerin. Und wie könnte es anders sein? Seit sie diese Insel betreten hatten legte sich ihr Weg klar und deutlich vor ihnen nieder. Alle Steine schienen sich wie von selbst aus dem Weg zu räumen. Man konnte beinahe glauben die Schildmaid würde ihre Schritte lenken.

Und dennoch blieben wie immer die Zweifel. Tidus hatte nur müde geschmunzelt als sie wieder einmal die Freigiebigkeit eines Fremden für schlichtes Kalkül gehalten hatte. Doch wie konnte man glauben, dass Menschen tatsächlich derart selbstlos sein sollten? Sollte all die Hilfe die sie erlangt hatten tatsächlich ohne Hintergedanken oder eigene Erwartungen erfolgt sein? Wohl kaum. Und selbst wenn es solche unschuldigen und nachvollziehbaren Erwartungen waren wie die des Diakons, der erhoffte sie würde durch die Unterstützung die sie erfuhren besser in der Lage sein das Kloster zu verteidigen.

Jascha atmete tief durch und strich sich eine mittlerweile vom Regen durchtränkte Strähne ihres silbernen Haares aus dem Gesicht.
Sie versuchte die aufkeimenden Zweifel nieder zu kämpfen. Doch war ein Leben voller Misstrauen nicht so einfach hinter sich zu lassen.

Zudem fiel es ihr schwer die zahlreichen Gaben anzunehmen. Bisher war sie es stets gewohnt gewesen, sich alles selbst zu verdienen. So empfand sie meistens eher Verlegenheit statt der angebrachten Dankbarkeit und konnte den angemessenen Dank kaum formulieren.

Aber war ihr Misstrauen denn tatsächlich so abwegig und übertrieben? Wenn sie an die letzten Tage zurückdachte wurde ihr deutlich bewusst wie stark sie sich in den letzten Monaten zu verändert haben schien. Sie war bei weitem nicht mehr so mürrisch und kratzbürstig wie Tidus es noch vor kurzem behauptet hatte. Zumindest hatte sie sich stets zusammengenommen und versucht im Umgang mit Fremden ein Mindestmaß an Höflichkeiten an den Tag zu legen. Sie war aufgeschlossener und bemühte sich nicht gleich mit ihrer bislang üblichen Ablehnung zu reagieren. Aber war ihre Fähigkeit zu vertrauen noch immer so eingeschränkt, das es an Irrationalität grenzte?
Sie seufzte schwer. Sie hatte eigentlich nicht das Gefühl.

So stand sie eine Weile auf dem verschneiten Feld in der Nähe des Klosters, während der erste Regen des Jahres – der wohl endlich den Frühling ankündigte – weiter auf sie hinab fiel, und dachte nach. Unter ihr wurde die weiße Decke zu Schneematsch und als sie wieder voranschritt, schmatzten ihre schweren Schritte auf dem Feld. Es tat gut endlich wieder eine Rüstung zu tragen. Sie hatte sich beinahe nackt gefühlt in den letzten Tagen seit dem Sturm.
Zwar war sie derzeit bei weitem nicht so gut in Form wie es ihren Fähigkeiten im Schwertkampf eigentlich entsprach, doch zumindest hatte sie wieder eine anständige Ausrüstung.

Mit leicht verbitterter Miene zog sie die Klinge aus der Scheide und hielt sie vor sich. Ihre Kunstfertigkeit mit der Waffe und ihre Kampfkraft war das einzige das sie Temora anbieten konnte. Der Göttin, in deren Dienst sie erstmals einen Sinn und ein Ziel in ihrem Leben entdeckt hatte. Und dennoch hatte sie seit Wochen ihr allmorgendliches Kampftraining nicht mehr fehlerlos absolviert. In den bisherigen Waffengängen stellte sie sich an wie ein Rekrut im ersten Jahr. Die lange Seereise und die anschließenden Widrigkeiten derer sie durch den Sturm ausgesetzt waren, hatten sie etwas einrosten lassen. Sie hatte etwas Muskelkraft abgebaut und auch ein wenig ihrer Geschmeidigkeit eingebüßt, ja. Doch erklärte dies bei weitem noch nicht ganz die dilettantischen Fehler die sie ständig beging. Verärgert trat sie gegen einen Grashalm der träge seine Spitze durch die matschige Schneedecke streckte und knurrte ihn an, als er sich – unbeeindruckt von ihrer Tat – wieder aufrichtete. Sie starrte den Grashalm böse an. Schließlich seufzte sie und hob den Blick wieder in den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Solange sie nicht wusste weshalb sie momentan den Schwerttanz lediglich derart unzulänglich beherrschte, blieb ihr nichts weiter zu tun als zu Üben.

Doch jetzt war nicht die Zeit dazu oder um in Grübeleien zu versinken. Sie stieß die Klinge energisch zurück in die Scheide. Sie hatte ein Gespräch zu führen und sollte dazu all ihre Sinne beisammen haben.

Selbsterkenntnis

Verfasst: Sonntag 8. April 2012, 23:18
von Jascha Arlin
Mit einem wohligen Aufseufzen lies sich die müde Kriegerin in das warme Wasser des Beckens gleiten. Sie konnte direkt spüren wie sich ihre angespannten Muskeln durch das warme Wasser beruhigten und entspannten. Sie schloss die Augen und lies sich ein wenig im Wasser treiben und genoss schlicht die Wärme und die Ruhe die zu dieser Zeit im Badehaus Adorans herrschte. Sie war der einzige Gast und konnte sich so der Illusion hingeben in einem privaten Badehaus zu entspannen.

Zuvor hatte sie sich schon gründlich mit Schwamm und Seife abgeschrubbt, bis ihre Haut ganz rot wurde. Für sie war es einfach nicht nachvollziehbar, warum so manch einer ihres Berufsstandes seinen Körper und dessen Pflege vernachlässigte. Denn schließlich war er das größte Kapital eines Kämpfers. Nur wenn dieser im optimalen Zustand war konnte er auch im Kampf Höchstleistungen vollbringen. So war es doch nichts anderes, als würde man seine Rüstung rosten oder die Klinge stumpf werden lassen.

So langsam lies das Brennen in den Muskel nach. Sie griff nach dem kleinen Flakon das sie am Rand des Beckens bereit gestellt hatte und lies etwas von der Tinktur daraus auf ihre Handfläche rinnen. Der exotische Duft von der mitternachtsblauen Orchidee, der dem Elixier seinen einzigartigen Geruch verlieh, stieg Jascha in die Nase. Eine der wenigen weiblichen Eitelkeiten die sie sich gönnte. Sie massierte die Tinktur in ihr langes Haar ein. Sie sorgte dafür, dass ihr Haar seidig und weich blieb und die ungewöhnliche Farbe weiterhin silbern glänzte und nicht stumpf und grau wie das Haar einer alten Frau wirkte.

Zwar hatte sie an diesem Tag nur eine kurze Übung eingelegt, doch der Übungskampf mit Raindri vom vergangenen Abend und davor die Drachenjagd, hatten dafür gesorgt, das sie sich ein wenig überanstrengt hatte und daher heute ein leichtes schmerzhaftes Ziehen, insbesondere in den Muskeln der Arme wahrnahm. Zwar hatte die Kriegerin ihre alte Stärke und Ausdauer wieder gänzlich zurückgewonnen, doch noch immer bewegte sie sich nicht optimal beim Kampf und so ermüdete ihr Körper noch schneller als ehemals. Doch bei Temora, sie wusste nicht wann sie das letzte Mal solchen Spaß an einem Kampf gehabt hatte wie am vorigen Abend, sodass es ihr gleich war, als sie bemerkte, das sie es am nächsten Tag womöglich bereuen würde es nicht langsam gut sein lies für diesen Tag.

Sie erstarrte in der Bewegung.

Langsam lies sie die Arme sinken und starrte auf ihre Hände. Dies war der Grund für ihr Versagen der letzten Monde.
Ihre Freude war es immer gewesen, die sie früher so überragend im Schwerttanz gemacht hatte. Jascha hatte ihn stets geliebt. Die Herausforderung, die Präzision, der Nervenkitzel, die Bewegungen, die Konzentration und die Eleganz eines meisterlichen Tanzes. Es war ihre Art des Gebets und ihres Dienstes an der Göttin. Sie hatte nie etwas anderes beherrscht und stellte so ihre Kunstfertigkeit mit der Klinge der Streitbaren zur Verfügung.
Und nun wurde ihr bewusst, das sie keine Freude mehr am Kampf selber hatte. Sie hatte hartnäckig, verbissen, ausdauernd und zielstrebig in den letzten Monden trainiert und versucht herauszufinden was es war, das sie einschränkte. Und versucht wieder in ihre alte Form zu gelangen. Sie war stets herausfordernd, beinahe übermütig in einen Kampf gegangen, doch mittlerweile grenzte ihr Vorgehen an Kopflosigkeit und nicht mehr an Zielstrebigkeit und beherrschte Vorfreude.

Warum? Was hatte ihr die Freude an ihrer Berufung genommen und dafür gesorgt das sie nur noch aus einem Gefühl der Verpflichtung und der Verbissenheit heraus dieser nachging?

Immernacht. Immer wieder lief alles auf diesen Feldzug hinaus. Aber bis zu diesem hatte sie keine Veränderung bei sich oder ihren Fertigkeiten oder verhalten wahrgenommen. Und die Erlebnisse in dieser ewig dunklen Stadt unter der Stadt waren einschneidend und einprägsam gewesen.
Noch immer hatte Jascha ihre Schuldgefühle aufgrund Tidus Verletzung nicht überwunden. Sie war unaufmerksam gewesen und ihr Schwertbruder hatte den Preis dafür zu zahlen. Seine offensichtliche Vergebung und auch die Tatsache, das sie sich ebenfalls in das Schwert des Dämons geworfen hätte, wenn es um ihn gegangen wäre, änderte nichts an der Tatsache, dass es ein vermeidbarer Fehler ihrerseits gewesen war und sie all die Konsequenzen hätte verhindern können, die den ehemaligen Paladin getroffen hatten.
Waren diese Schuldgefühle die Wurzel für ihre Verbissenheit? Waren sie der Grund dafür, das sie versuchte sich konzentrierter und überlegter, gleichzeitig aber dennoch forscher und übereifrig in eine Auseinandersetzung zu stürzen?
Es schien nachvollziehbar und auch naheliegend. Versuchte sie irgendwie wieder gut zu machen, was sie damals versäumt hatte, oder versuchte sie lediglich derartiges in Zukunft zu vermeiden? Egal was es war, es funktionierte offensichtlich nicht. Ihre Gefühle standen ihr scheinbar im Weg und schränkten sie ein.

Sie ballte die Hand zur Faust. Sie hatte immer angenommen sobald sie die Ursache für ihre Schwäche und ihre Fehler erkannte, wäre es ein einfaches dagegen anzugehen. Doch konnte sie die Schuldgefühle nicht einfach so ablegen, nur weil sie ihr ungelegen kamen. In einer hilflosen Geste strich sie sich durchs Haar und sank dann wieder in das warme Wasser zurück.
Wenn sie vielleicht auch nicht gegen die Ursache vorgehen konnte, so würde es ihr womöglich aber dennoch gelingen die Auswirkungen abzubauen, nun da sie den Grund für diese kannte. Sie musste die Freude und Leidenschaft für den Schwerttanz wieder gewinnen. Sie musste ihre Verbissenheit und ihre Verbitterung ablegen.

Zwar wusste sie noch nicht, wie sie dies angehen sollte, doch immerhin war ihr mittlerweile der Grund für ihre ständigen Fehler und ihre mangelhafte Leistung klar geworden. Sie würde also eine Methode finden, wie sie wieder zu ihrer alten Form zurückfinden würde und so die Göttin ihr gewogen war würde sie vielleicht gar noch gestärkt aus diesem Abgrund hervorgehen.

Selbstzweifel

Verfasst: Donnerstag 12. April 2012, 16:27
von Jascha Arlin
Jascha stand in ihrem Zimmer und lies den Blick durch den noch beinahe leeren Raum wandern.
Einen Ort den sie ihr zu Hause nennen konnte. Die Kriegerin konnte sich nicht erinnern, wann sie dies, abgesehen vom Ordenshaus in Norhaven, das letzte Mal in ihrem Leben gehabt hatte. Vermutlich noch nie. Das Haus ihrer Kindheit war wohl niemals ein ein Ort gewesen an dem sie sich sicher fühlen und alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen konnte. Sie wusste es nicht mehr wirklich. Wie beinahe alles was ihre Vergangenheit vor Tetharion betraf, doch es war ein Gefühl und sicheres Wissen, auch wenn sie sich nicht erklären konnte woher sie diese Gewissheit nahm.
Ein sicherer Hafen war das Ordenshaus gewesen und hätte auch die neue Festung auf der Insel werden sollen. Und dennoch war es hier nun anders. Denn hier hatte sie nun einen eigenen Raum, den sie nach ihrem Belieben gestalten konnte. Ein Ort den sie sich ganz zu eigen machen konnte, den sie einrichten und ausstatten konnte wie sie wollte und von dem sie andere Personen ausschließen konnte, wenn sie allein sein wollte. Sie konnte sich einen Rückzugsort schaffen, ein eigenes Refugium, eine Zufluchtsstätte.

Noch etwas wofür sie Raindri dankbar sein musste. Und tatsächlich war sie es auch. Diesmal fühlte sie nicht mehr diese Verlegenheit, die Bedenken und die Unsicherheit die seine Freigiebigkeit ihrerseits bislang stets begleitet hatten.

War diese reine Dankbarkeit bereits ein Anzeichen dafür, das sie begann ihm ebenfalls zu vertrauen? Das sie nicht mehr annahm, er verfolge mit seiner Hilfsbereitschaft noch irgendwelche anderen Ziele als diejenigen, die er vorgegeben hatte? Oder am Ende gar dafür, das sie ihn nun als einen Freund betrachtete?

Die Kriegerin drehte ihr Gesicht zum Fenster, doch war es draußen bereits Nacht und so fiel ihr Blick lediglich auf die Reflektion ihrer Selbst auf der Glasscheibe. Wie immer war der Anblick begleitet von einem schmerzhaften Stich in ihrem Herzen und sie wandte die Augen sogleich wieder ab. Seit dem Tod ihrer Schwester erinnerte ihr eigenes Aussehen sie immer auch an Lasah, die ihr so ähnlich gesehen hatte. Die selben dunklen Augen, das gleiche silberne Haar. Und diese Erinnerung war stets begleitet von dem Schmerz des Verlusts und den Selbstvorwürfen. Ob sie jemals wieder ihr Spiegelbild ansehen können würde, ohne sich gleich wieder abwenden zu müssen?
Ihre jüngere Schwester war wie ein warmes Licht gewesen, das die Dunkelheit, die sie damals umgeben hatte, erhellt hatte. Doch genau dieses Leuchten war es gewesen, das sie ihr auch irgendwann genommen hatte. Beide hatten sie das Aussehen ihrer Mutter geerbt, doch die Emotionalität und die Zerbrechlichkeit hatte nur ihre Schwester erhalten. Ihre Flamme hatte so hell, doch dabei stets flackernd gebrannt. Und in einem Moment von Einsamkeit und Schwäche war sie schließlich erloschen. Erstickt durch ihre Schwester selbst, die sich in ihren Gefühlen verloren hatte und scheinbar keinen Ausweg aus dem Schmerz mehr gesehen hatte.

Die Tat Lasahs hatte sie schwer erschüttert.
Nein, ihr Elternhaus war kein sicherer Ort gewesen. Und statt der Liebe und Geborgenheit, welche ein Kind dort eigentlich erfahren sollte, hatten sie beide gelernt den Menschen mit Misstrauen und Vorsicht zu begegnen. Jaschas Methode um mit den Erfahrungen der Kindheit umzugehen, war es sich in Einsamkeit zu hüllen. Doch Lasah hatte stets Angst vor der Einsamkeit gehabt. Vielleicht war Jascha mit Schuld daran gewesen. Sie war von zu Hause geflohen, eigentlich noch bevor sie alt genug gewesen war, sich selber zu versorgen. Und Lasah, noch zu jung um ihr zu folgen, war allein zurück geblieben. Sie hatte nie erfahren, wie es ihrer Schwester in den Jahren nach ihrer eigenen Flucht ergangen war.

Als sie Lasah dann vor mittlerweile nun etwa sieben Jahren durch glückliche Umstände in Tetharion wiedergefunden hatte, hatte sie den Wall der Einsamkeit um Jaschas Herz durchbrochen. Ihre Schwester war bisher der einzige Mensch gewesen, den sich die Kriegerin zu lieben gestattet hatte. Bei der sie es gewagt hatte, sich einem Menschen gegenüber verletzbar zu machen. Trotz der Wunden die ihr Herz als Kind erlitten hatte, fand sie den Mut und überhaupt die Fähigkeit dazu dennoch wieder.
Doch es erschien ihr wie die größte Dummheit, als sie erfuhr was Lasah getan hatte und es sich anfühlte als würde ein Stück aus ihrem Herzen gerissen werden.

Danach waren die Mauern die sie um sich zog noch höher und fester geworden.
Sie selber hatte erlebt, wie sehr es schmerzen konnte einen Menschen zu lieben.
Und ihre Schwester hatte gar einen noch höheren Preis für ihre Gefühle gezahlt.

Das erste Licht, dem es wieder gelang die Schatten hinter diesen Mauern zu erhellen war das Licht Temoras, welches durch den Glauben Einzug in ihre Seele nahm.
Die Liebe zur Schildmaid war sicher. Die Göttin würde sie niemals verlassen, würde sich niemals gegen sie wenden, solange sie ihr treu diente.
Und durch das Vertrauen in die Göttin, lernte sie auch ihren Ordensbrüdern zu vertrauen. Es dauerte viele Monate, doch geeint durch den tiefen Glauben und die Hingabe an die Streitbare und ihren gemeinsamen Dienst an ihr, fand Jascha schließlich einen Weg.
Doch mehr als das hatte sie sich nicht gestattet.

Sie trat aus ihrem Zimmer hinaus und begann in dem großen Haus umherzuwandern und sich mit den einzelnen Räumen vertraut zu machen. Sie mochte das Haus. Es hatte ihr von ihrem ersten Besuch an gefallen. Sie machte sich noch ein wenig Sorgen wegen Eric und Ira. Doch ihre erste kurze Begegnung mit Ira vor einigen Tagen hatte sie eigentlich recht zuversichtlich gestimmt. Sie könnte sich hier wirklich wohl fühlen.
Im Garten entdeckte sie eine Ecke mit einem erkalteten Lagerfeuer und lies sich auf einem der Stämme nieder, die offensichtlich als Sitzgelegenheit dienten. Beinahe schon genervt rieb sie sich mit den Fingern über die Stirn. Sie konnte einfach das Grübeln nicht abstellen.
Rastlos sprang sie wieder auf die Beine und verlies den Garten. Einer der Vorteile des Hauses war, das es in nur kurzer Distanz zum Kloster lag. Einen strammen Fußmarsch und wenige Minuten später trat Jascha durch die Pforten des Klosters und ging zielstrebig auf den Tempel in dessen Mitte zu.
Sobald sie das Heiligtum betreten hatte spürte sie, wie ihre Gedanken langsam zur Ruhe kamen. Es war die Atmosphäre des Ortes und das Gefühl der Nähe zu Temora, bei dem sie stets ihren inneren Frieden fand. Seit sie zum ersten mal einen Tempel der Lichtbringerin betreten hatte, fühlte sie stets diesen inneren Einklang und die Klarheit an diesen Orten. Immer wenn ihr Seelenleben aufgewühlt war, begab sie sich seit dem in einen Tempel und nahm sich dort die Zeit in der Stille und der Erhabenheit der heiligen Hallen ihre Gedanken zu ordnen und sich Gewissheit zu verschaffen über das was sie bewegte.
So stellte sie sich, wie schon unzählige Male zuvor im Breitensteiner Tempel, an eine Wand des Tempels, lehnte sich leicht dagegen und lies ihren Blick auf dem Altar ruhen.
Und sie gestattete ihren Gedanken wieder zu wandern.

Ihre Begegnung vor wenigen Wochen mit Lucien und seiner Familie, insbesondere seine Worte die sie zunächst misstrauisch und dann nachdenklich gestimmt hatten, hatte dazu geführt, das sie sich erstmals Gedanken darüber machte was eine Familie oder bereits alleine schon eine Partnerschaft für Konsequenzen mit sich bringen würde. Man übernahm Verantwortung für einen anderen Menschen und sein Wohlergehen. Man ging Verpflichtungen ein und schränkte sich selber ein. Man konnte nicht mehr ohne weiteres das eigene Leben im Dienst der Göttin riskieren und ohne die Konsequenzen zu bedenken eine Auseinandersetzung suchen. Zudem machte man sich angreifbar.
Nach diesen Überlegungen hatte sich die Kriegerin in ihrer bisherigen Haltung bestätigt gefühlt.

„Du sprichst wie ein Lethar. Der Glaube und nur die Liebe zum 'Vater' ist der Weg den sie gehen. Sie haben ihre Herzen verschlossen und lassen keine Gefühle an sich heran, um sich nicht angreifbar zu machen. Du redest wie einer von ihnen...“

Diese Worte hatten sie völlig überrascht. Es hatte ihrer Ansicht nach doch alles einen Sinn ergeben. Andererseits... war diese Einstellung denn falsch, lediglich aus dem Grund, da die Fehlgeleiteten sie vertraten?
Mit diesen Überlegungen kam sie nicht mehr weiter. Es war wohl keine Frage die sich so einfach mit 'richtig' oder 'falsch' beantworten lies. Zudem überstieg es ihre Einsicht in den Willen der Göttin. So hatte sie schließlich den Rat eines Geweihten gesucht.
Zunächst war sie unschlüssig gewesen an wen sie sich wenden sollte. Selbstverständlich hätte sie sich jederzeit an Tidus wenden können. Doch war dieser nun mal verlobt und würde daher wohl eher nicht nachvollziehen können, warum sie sich entschlossen hatte auf eine solch innige Beziehung zu verzichten.
Nein, Bruder Lavern wäre die richtige Wahl. Sie kannte ihn noch nicht lange, aber glaubte schon ihn soweit einschätzen zu können, das er ihre Position nachvollziehen könnte. Jascha hatte den Eindruck gewonnen, das er ihr in dieser Hinsicht sogar ziemlich ähnlich war.

So hatte sie ihn um Rat gebeten und der Akoluth war gerne bereit gewesen ihr seine Gedanken mitzuteilen. Wie sie erwartet und gehofft hatte, hatte er den Vergleich mit den Letharen abgetan. Es war keineswegs ein Fehler seine Hingabe alleine der Lichtbringerin zu widmen. Julian selber richtete all seine Liebe und sein Streben ebenfalls nur auf den Dienst an Temora. Und er berichtete der Kriegerin davon, warum er die Göttin verehrte und nicht etwa den Brudermörder.
Es waren beinahe genau die gleichen Worte, die sie auch damals den Alatari entgegen geschleudert hatte, die sie von der Herrlichkeit und der Gnade des Allvaters hatten überzeugen wollen.

Und obwohl sie durch seine Worte die Bestätigung gefunden hatte, die sie gesucht hatte, fühlte sie plötzlich ein Gefühl der Leere in sich aufsteigen.
Sie erinnerte sich nur zu gut an die Gefühle des Zorns und der Ablehnung die sie nach ihrem Zusammentreffen mit den Alataris gespürt hatte. Und in ihr war der Wunsch und der feste Entschluss erwacht sie zu bekämpfen. Und dieser Wunsch hatte sie einen Schritt näher zu ihrem Entschluss gebracht der Streitbaren mit Hingabe zu dienen.

„Mir wird gerade bewusst, das ich bislang lediglich immer 'gegen' etwas gekämpft habe, aber nicht 'für' etwas. Natürlich geht dies in gewisser Weise miteinander einher. Aber...
wenn wir etwas hätten für das wir kämpfen würden, wären wir dann nicht vielleicht sogar noch stärker? Hingebungsvoller? Würden wir nicht noch eifriger, selbstloser, strebsamer und hartnäckiger das Ziel einer besseren Welt verfolgen.Ist es nicht immer das was die Barden in ihren Liedern singen? Das einen die Liebe stärker macht?“


Sie sah zu dem Akoluthen auf und erkannte sein so typisches verhaltenes Lächeln. Doch sein Blick wirkte überrascht und nachdenklich.
Sie würde doch noch einmal mit Tidus sprechen.

Und so trat sie nur kurz darauf neben ihren Schwertbruder und versuchte verwirrt und unsicher ihm zu erklären was sie belastete und bewegte. Und er antwortete ihr mit Worten die sich in ihre Seele einbrannten und tief in ihrem Innern einen Funken entzündeten:

„Ohne Liebe wäre das Menschengeschlecht dem Untergang geweiht. Und ich habe zumindest einen Grund aus der Schlacht heimzukehren. Bevor ich Alienor kennen lernte war ich beinah verbittert. Und dies schränkte mich viel mehr in meinem Dienst ein. Denn ohne ein offenes Herz vermagst du auch ihre Worte nicht zu vernehmen. Und glaube mir... ich weiß wovon ich spreche. Ich lebte Dank des Fluches Al Hayats beinah ein Jahr ohne jegliche Gefühlsregungen der Liebe und es war als lebte ich in der Finsternis. Alienor hat mir das Licht meines Herzens zurück geschenkt und Allem wieder einen Sinn gegeben.“