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Lux tenebram vincit – Das Licht vertreibt die Dunkelheit

Verfasst: Freitag 2. März 2012, 17:57
von Julian Ruyven Lavern
Die Ankunft

Vielleicht hätte er nicht sagen sollen, dass er in Bajard anlanden wollte.
Noch immer war er regelrecht empört über die Nachricht, die er überbringen sollte. Julian wollte gerade das Schiff verlassen, als der Kapitän ihn freundlich fragte, ob er ihm eine kleine Gefälligkeit erweisen könnte. Nach der nicht gerade angenehmen Fahrt auf seinem Schiff, aber heilen Ankunft (die Julian nicht allein dem Mann zuschrieb, sondern in weitesten Teilen den lichten Göttern), hatte er das Gefühl ihm wenigstens etwas schuldig zu sein, weshalb er einwilligte.
Entweder hatte der Kapitän einen seltsamen Humor, den Julian nicht verstand, oder aber er hörte nicht zu, wenn ihn jemand im Namen Temoras grüßte. Jedenfalls besaß der versoffene Kerl die Unverschämtheit ihm einen Brief an den Statthalter Rahals auszuhändigen.
Gut, vielleicht dachte dieser vermaledeite Drecksack, dass Julian sich nicht auskannte in dieser Region. Nach der längeren Reise mit diesem Mann konnte er sich darüber hinaus bildlich vorstellen, wie der Kapitän für gewöhnlich mit Schwierigkeiten umging. Weiträumig und stets auf dem leichtesten Wege. Dementsprechend war er vermutlich froh den Brief einfach nur los zu sein, wer ihn weitergab oder nicht, scherte ihn nicht mehr, sobald er ihn aus der Hand gegeben hatte.
Was der Kapitän allerdings nicht wusste: Julian war nicht unvorbereitet die Reise angetreten und gut über die Gegebenheiten und die Grenzen vom alumenischen und alatarischen Reich informiert. Er hatte auch nicht unbedingt mit seinem Gewissen zu ringen, das Siegel zu brechen und den Brief zu lesen, als er dem Schiff den Rücken gekehrt hatte und sich alleine wähnte. Die Enttäuschung war groß, als es nur einer dieser Briefe war, die nichts herzugeben schienen, als müde Floskeln und irgend ein Dank, der sich auf etwas bezog, was nicht näher ausgeführt wurde. Ob der Brief nun ankam oder nicht – es würde keinen Unterschied machen.
Das Pergament wurde unliebsam in die Innentasche des Mantels gestopft und dem Dorf, in dem er angelandet war, mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Ein flüchtiger Rundblick machte schnell deutlich, dass hier nicht viel mehr zu finden war, als einfache Dörfler, noch einfachere Häuser, ganz was man von einem Fischerdorf erwarten durfte.
Dass die erste Begegnung mit den Menschen hier allerdings direkt derart alarmierend klang, machte ihm schon sorgen. Irgendein Kerl mit einer Axt, der offenbar nicht gerade von froher Natur war. Um was es genau ging, wusste Julian nicht, so lange verweilte er auch nicht.

Ihm war es erstmal wichtig eine Unterkunft zu finden, frische Kleidung zu bekommen und vor allem das Kloster aufzusuchen. Genau aus diesem Grund hatte er das Dorf gewählt um anzulanden. Die Karten sagten, dass das Kloster direkt dahinter lag.
Überdies war es an der Zeit einen Brief in die Heimat zu schicken, um die glückliche Ankunft kundzutun und einen Eintrag ins Tagebuch zu verfassen. Es war ein ganz Neues, ein Geschenk des Vaters zum Abschied, wohingegen die Mutter ein ganzes Sammelsurium an guten Federn dazu getan hatte, die Schwester ein Tintenfass und der Bruder eine Lederrolle voller sauberer Pergamente für die Briefe an daheim.
Kleider waren, dank guter Hilfe, relativ zügig besorgt. Bestimmt keine Maßanfertigung, sehr schlicht und einfach gehalten, aber sehr zweckdienlich und vor allem warm. Eine Unterkunft war danach auch schnell gefunden und der erste Besuch im Kloster wurde auf den nächsten Tag verschoben, denn als er sich auf das Bett setzte, fühlte er sich mit einem mal völlig erschlagen.

Also nahm er das in Leder gebundene Tagebuch zur Hand und machte sich an seinen allerersten Eintrag in den neuen Landen. Die erste Feder spitzte er sorgsam mit einem kleinen Federmesser an, tauchte sie in die Tinte und begann zu schreiben.

Gegeben am 1. Lenzing 255, Bajard

Es ist vollbracht. Das Schiff ist endlich angelandet und ich habe ein Bett gefunden für die Nacht in dem kleinen Fischerdorf, das sich Bajard nennt. Nach einem ersten spärlichen Eindruck, den ich gewinnen durfte, muss ich schon jetzt feststellen, dass es viel zu tun geben wird für mich, möchte ich dem gerecht werden, was ich mir vorgenommen habe. Doch eines nach dem anderen, Schritt für Schritt, nur nicht allzu sehr überhasten.
Ich habe mir vorgenommen morgen das Kloster zum ersten Mal aufzusuchen und hoffe dort Einlass zu bekommen und jemanden dort anzutreffen, der mir weiterhelfen kann bei meinem Ansinnen. Ich muss gestehen, ich bin aufgeregt und trotzdem ich mich völlig erschlagen fühle von der Reise, werde ich vermutlich die Nacht kaum ein Auge zutun.
Vorgenommen habe ich mir außerdem für den nächsten Tag in die Stadt zu reisen und vorstellig zu werden dort, allein schon deshalb, weil es nicht schaden kann den nötigen Anstand zu zeigen und wenigstens einmal guten Tag zu sagen. Wenn nämlich alles den eigenen Vorstellungen entspricht, werde ich dort des Öfteren zugegen sein und so wird es mir gewiss ein paar Vorteile verschaffen, gleich von vorne herein den nötigen Respekt zu erweisen. Selbst wenn ich es gewagt haben sollte, über die Stränge zu schlagen bei meinen Hoffnungen und Träumereien, die mich die Seefahrt über begleitet haben, wird es gewiss nicht schaden.

Da sind noch so viele Fragen, die ich habe, die ich noch stellen werde müssen, eigentlich Belanglosigkeiten im Anbetracht dessen, welchen Weg zu gehen ich mich entschlossen habe, die aber dennoch den Geist ständig beschäftigen, dass ich mir überlegen muss, ob diese je eine Antwort finden, oder ob ich sie überhaupt stellen sollte oder will.
Eines habe ich auf der Reise jedenfalls gelernt: Müßiggang führt zu allerlei seltsamer Gedanken und Pläne, von denen die Hälfte vermutlich nicht einmal realisierbar sind, aber es ist ein netter Zeitvertreib zu träumen – Effizienz hingegen ist etwas ganz anderes. Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, welches von beidem mir lieber ist, aber ich neige zur Effizienz.

Noch eines habe ich in der Zwischenzeit gelernt: Heimweh ist eine verzwickte Angelegenheit. Ich vermisse meine Familie, insbesondere meinen Bruder und die Schwester, aber auch die weisen Ratschläge meiner Eltern. Da ich noch nie so lang und so weit von daheim fort war, schon gar nicht alleine, kommt mir alles im Augenblick sehr trostlos und ich mir verloren vor. Ich hoffe inständig, dass sich das bald ändert. Stets aber, so kann ich doch mit Sicherheit sagen und das ohne jeden Zweifel, war und ist es mir ein großer Trost mich ins Gebet zu fliehen und darüber Zwiesprache mit der Ehernen zu halten, was mir erneut aufzeigte, aus welchem Grund ich den Weg auf mich genommen habe. Genau so werde ich es nun ebenfalls halten und danach versuchen Schlaf zu finden, um am morgigen Tag nicht auszusehen, als hätte ich eine durchzechte Nacht hinter mich gebracht.


J. R. Lavern

Verfasst: Montag 5. März 2012, 18:15
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 5. Lenzing 255, in den frühen Morgenstunden

In den letzten Tagen ist viel passiert. Viel zu viel, um mir jetzt schon klar darüber zu sein, was das alles bedeutet oder bedeuten wird. Vielleicht ist mein Gemüt, mein Geist, zu langsam all die sich überschlagenden Ereignisse so zügig überein zu bringen und Klarheit zu schaffen.

Klarheit…

Ich werde den Eindruck nicht los, dass gerade dieses Wort, diese Bedeutung, wie eine dunkle Wolke über mir schwebt, die mich auf Schritt und Tritt verfolgt, und zwar seit dem Tag der Aufnahme, sprich seit zwei Tagen. Das Aufnahmegespräch blieb mir als unangenehm in Erinnerung, eben genau aufgrund dieser Gewitterwolke, die mir die Sicht zum Himmel versperrte (nur um es mal bildlich auszudrücken). Immerhin habe ich auch daraus ein paar Lehren gezogen, was den Umgang mit denen betraf, die ich bislang kennen lernen durfte.
Was ich allerdings nicht durchschaue, sind die Gedanken des Diakons bezüglich der Vorbildsfrage.

Eines kann ich allerdings mit Gewissheit sagen – Wolke hin oder her, die erste Nacht im Kloster habe ich geschlafen wie ein Stein. Kein Traum, kein Unwohlsein, einfach nur erholsam und vor Erschöpfung tief und fest geschlafen. Ich habe noch nicht einmal mitbekommen, wie mein Bettnachbar hereingekommen ist und wieder fort war, noch bevor ich aufwachte. Es weckte mich niemand. Trotzdem war es noch sehr früh, als ich die Augen aufschlug. Ich muss gestehen, ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, wo ich mich befand.
Bis zum Nachmittag verbrachte ich die Zeit damit mir das Kloster anzusehen.
Am frühen Nachmittag kam ein Fräulein zu Besuch mit einem etwas seltsam anmutenden Anliegen und darüber hinaus nachdenklich stimmenden Übereifer – so würde ich es nennen. Vom Glauben keine Ahnung, aber gewillt beizutreten, nur um eine Arbeit zu haben. Die Besonnenheit, mit der seine Gnaden darauf reagierte, ließ mich wieder dazu lernen und stimmte mich nachdenklich. Ansporn genug, um es besser zu machen, als ich es in dem Moment getan hätte.

Schließlich kam der späte Nachmittag, der lange Weg nach Adoran wurde zu Fuß in Angriff genommen. Einige Stunden in der Kälte stehen folgte, für eine gute Sache. Das Götterhaus öffnete in Adoran zum ersten Mal seine Pforten. Einst soll es ein Heilerhaus gewesen sein. Mir hat die Eröffnung gut gefallen, auch wenn ich zwischenzeitlich erbärmlich fror vom vielen Rumstehen und viel zu wenig Bewegung dabei. Das war allerdings schnell vergessen, als ich die junge Frau sah, nur in diesem dünnen Kleid und ohne Schuhe. Es kostete einige Überzeugungsarbeit sie soweit zu bringen, dass sie zunächst wenigstens mit in die Küche folgte, um sich aufzuwärmen, während ich loslief und wenigstens ein paar Stiefel besorgte und eine warme Robe.
Sie dazu zu bringen hinauf zum Bankett zu gehen, war noch schwieriger, aber auch das gelang zu guter Letzt. Nun sitze ich hier in der Küche, versuche bei einem Tee und Kerzenschein wach zu werden und trage diese kurzen Eindrücke hier ein, während oben noch alles still ist. Sogar seine Gnaden schnarcht nicht. Das Kissen muss Wunder bewirkt haben (und er wird sich vermutlich wundern, wann er es sich geholt haben mag).

Nun ja, bis auf diese Eindrücke, hätte ich noch eines zu schildern, nämlich die Besichtigung Adorans in Begleitung der Gräfin, die mir freundlicherweise auch am Ende des Rundgangs die Kirche zeigte. Ich kann es nicht anders sagen, ich bin und war beeindruckt. Aber nicht nur von der Kirche allein, vom Kloster nicht minder, vom Glaubenshaus, von diesem und jenem. Wie ich schon sagte, zu viele Eindrücke, um sie alle auf einmal zu bewältigen und ich fürchte, es reißt so schnell auch nicht ab.


J. R. Lavern

Verfasst: Donnerstag 8. März 2012, 18:52
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 7. Lenzing auf den 8. Lenzing 255

Es ist nicht schwer tiefe Demut zu empfinden, wenn Sie mir Ihre Macht so unmissverständlich aufzeigt, wie Sie es vor wenigen Stunden getan hat.
Natürlich fielen mir auch die „kleinen“ Dinge auf, die ich schon als groß empfand und mit einiger Ehrfurcht betrachtete, aber das, was in Varuna geschehen war, lässt mich fast erstarren. Hätte ich dort die Zeit gehabt, hätte ich nur die Gelegenheit gehabt, es in aller Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu beobachten, mitzuerleben, ich weiß nicht, was ich getan oder gesagt hätte. Allein jetzt daran zurückzudenken, wühlt mich ungemein auf, lässt mich aller Erschöpfung zum Trotz nicht schlafen und mich die Feder zur Hand nehmen.

Varuna. Wo ich zu Anfang versuchte die eigene Furcht zu vertreiben, indem ich anfing ein Gebet vor mich hinzumurmeln, ging ich nicht viel später dazu über, weitere zu rezitieren oder gar auszusinnen, ein jedes eine Bitte um Beistand oder Erlösung für die verlorenen Seelen dort. So etwas, wie dort in Varuna, hatte ich bis heute nicht zu Gesicht bekommen und ich muss feststellen, dass mein Leben bislang wohlbehütet gewesen ist, fernab von solchem Grauen, wie ich ihn heute gesehen habe. Zum Unverständnis, wie auch nur irgendwer so etwas dulden konnte, gesellten sich eine stille Wut und der Wunsch nach Gerechtigkeit. Schwierig, sich nicht der Verzweiflung hinzugeben, die einen ebenso beschleichen will, aber die Gebete halfen mir dabei – und sie halfen nicht nur mir. Das war und ist es, was mich noch immer mit tiefer Demut und Dankbarkeit erfüllt, eine Dankbarkeit, die ich bei den Mitstreitern vermisse. Vielleicht habe ich sie aber auch nur nicht erkannt, weil ich sie allesamt kaum oder gar nicht kenne, vom Namen einmal abgesehen.
Was habe ich aus dem „Besuch“ dort gelernt?
Die Menschen in diesem Landstrich waren nicht in der Lage einen Priester von einem Geweihten zu unterscheiden. Dass „Priester“ ein Weihegrad und damit einen Titel mit sich brachte, die Geweihten die Gesamtheit waren, schien ihnen nicht klar zu machen zu sein. Dort war gewiss auch weder Zeit, noch Gelegenheit dazu. Das war aber nur etwas, was ich am Rande registriert habe.
Dass Grausamkeit keine Grenzen kennt, habe ich gelernt. Dass Liedkundige es dort schwer haben zu bestehen, habe ich mitgenommen. Dass die Lichtbringerin mich überall hört, selbst an einem solch verderbten Ort, wie es Varuna ist. Ich habe Bilder gesehen, wie es mal ausgesehen haben musste, und muss gestehen: Ich habe nichts davon dort wieder erkennen können.
Ich habe gelernt, dass ein verzagtes Herz nicht bestehen wird. Tapferkeit.
Ich habe gelernt, dass Sie großes vollbringt. Demut.
Ich habe gelernt, dass Sie die verlorenen Seelen in ihre behütete Heimstatt führt. Barmherzigkeit.
Ich habe gelernt, dass Sie die ihren schützt und unterstützt, wenn ich nur aus vollem Herzen darum bitte und darauf vertraue. Demut.
Ich habe gelernt, dass Sie eingreift, für die ihren und die Verderbtheit straft. Gerechtigkeit.
Ich habe gelernt, dass der gerechte Zorn mit Vorsicht zu behandeln ist, damit er nicht in Hass umschlägt. Mitgefühl.
Ich habe gelernt, dass auch der Kleinste seinen Beitrag leisten kann, selbst wenn der eigene Eindruck einem sagt, dass es bei dem Versuch zu Ende gehen kann. Opferbereitschaft.
Ich habe gelernt, dass nicht alles, was auf den ersten Blick zu sehen ist, der Wahrheit entsprechen muss, sondern dass es auch eine Notwendigkeit ist, sie zu suchen, um sie zu erkennen. Geistigkeit.
Ich habe gelernt, dass Sie dann wirkt, wenn es wirklich nötig ist, sich ansonsten zurückhält. Das rechte Maß.
Ich habe gelernt, dass es kein leichter Weg ist, die Tugenden zu leben und sie hoch zu halten, will es aber nach wie vor dennoch tun. Die heilige Stärke.

Ob ich mich allerdings in Ritterlichkeit verstehe, darüber bin ich mir keineswegs im Klaren. Ich fürchte, gerade dahingehend habe ich noch viel zu lernen und noch einiges zu wachsen in mir. Mir wurde große Selbstsicherheit bescheinigt, ich befürchte allerdings, so groß wie sie wahrgenommen worden ist, ist diese gar nicht.
Mitunter ein Grund, der dazu führt, dass ich die Prüfung fürchte, wenn ich mich ihr stellen muss und Rede und Antwort zur Demut stehen soll. Sobald ich soweit bin, soll ich mich melden. Ich stelle mir die Frage, ob ich es jemals wirklich sein werde, denke aber, ich komme nicht darum herum mich der Herausforderung zu stellen, auch wenn’s mir die Kehle zuschnürt, in etwa genauso heftig, wie vor den Toren Varunas.
Das wiederum bringt die Erkenntnis mit sich: Der größte meiner Feinde bin ich selbst. Niemand kann mir ein größerer sein, als der, der mich am besten kennt: Ich.

Die Müdigkeit will mich noch immer nicht dahin raffen. Ich denke, ich werde nun dem Rat seiner Gnaden folgen und den Baum aufsuchen, in der stillen Hoffen, seine Worte behalten Recht, und die unheimliche Fülle an Gedanken, Befürchtungen, Ängste, und was dort noch alles so ist, wandeln sich dort wieder in Zuversicht, dem Gefühl von Sicherheit und Erschöpfung, die erholsamen Schlaf bringen möchte.


J. R. Lavern





Verfasst: Montag 12. März 2012, 18:26
von Julian Ruyven Lavern
Einmal mehr wollte der Schlaf nicht kommen.
Selbst die Dunkelheit der Zelle half nichts. So starrte er zur Decke hinauf, auf der eigenen Pritsche liegend, und alles was er sah, waren diese seltsamen bunten Lichtpunkte, die einem dabei gerne vor den Augen herumtanzten und einen für sich eigenen kleinen Spuk veranstalteten. Irgendwo hinter sich hörte er das ruhige und gleichmäßige Atmen Berelards und beneidete ihn insgeheim um seinen Schlaf. Für ihn war der Tag äußerst aufwühlend gewesen, was zugegebenermaßen für fast jeden weiteren auch galt. Derzeit war es so, dass die Ereignisse sich überschlugen. Fast jeden Tag kam irgendetwas Neues hinzu, was ihm zu denken gab.
Nach einiger Zeit stand er leise auf und warf sich die Robe über. Barfuss stahl er sich aus der Zelle heraus, nahm sein Tagebuch, als auch Tinte und Feder mit und suchte die Bibliothek auf, um sich dort in eine Ecke zu verziehen, wo er bei Kerzenlicht seine Eintragungen machen konnte. Die Stunde war bereits soweit fortgeschritten, dass selbst Ozeana zu Bett gegangen war und er sich dort ganz allein aufhielt, in einer Stille, so dass das Kratzen der Feder auf dem Büttenpapier des Tagebuchs unglaublich laut wirkte.

Gegeben am 11. auf den 12. Lenzing 255, Mitternachtsstunde

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl Ihre Nähe zu spüren. Zwar wollen mir die Bitten nicht gut gelingen, auch erschöpft es mich sehr, wenn ich es versuche, aber dann und wann erhört Sie mich doch und dann erfüllt es mich mit einer Wärme, die mit nichts zu vergleichen ist.
Ich kann nur hoffen, dass Sie es mir nachsieht, wenn ich mich dann und wann an Sie wende mit einer Bitte, die ich vielleicht auch hätte anders lösen können, um ein besseres Gefühl für das rechte Maß darin zu bekommen und allmählich sicherer zu werden in der Formulierung. Ich denke, ich werde bei Tagesanbruch zur Morgenandacht einmal mehr um Verzeihung dafür bitten müssen.

Gelernt habe ich zudem noch etwas am heutigen Tag (oder schon gestrigen), nämlich wie unterschiedlich die Gesichter eines einzigen Menschen sein können. Von Fürsorge zum Gegenteil, von einer Entschuldigung über zu Hochmut. Von Verzweiflung zu Anschuldigung.
Was blieb war falscher Stolz. Im Nachhinein muss ich feststellen, ich selber empfand in der ganzen Zeit zu Anfang leisen Zorn, dann Mitgefühl, welches in Mitleid umschlug, bis letzten Endes nur ein dumpfes Gefühl zurückblieb, das ich nur mit Unverständnis erklären kann. Wie sehr musste man die Tugenden aus den Augen verlieren? Wie sehr sich auf seinem Weg verirren? Ich stimme mit ihrer Eminenz überein: Er wird den Weg ins Kloster nicht gehen, um auf die rechte Bahn zurückzufinden. Allerdings wäre es eine schöne und lobenswerte Überraschung, er täte es doch.

Eine weitere (dieses Mal angenehme) Überraschung ist unser zukünftiger Gast. Auch die unerwartete Hilfsbereitschaft der Ordensfrau hat ein wenig Licht in den sonst so dunkel wirkenden Tag gebracht.

Ich habe viel über die Tugend Demut gelernt in den letzten Tagen. Nicht einmal unbedingt dadurch, dass ich mir aus allen Nachschlagewerken etwas zusammengesucht hätte. Es brauchte hierzu an und für sich nur einen wachen Blick und Aufmerksamkeit auf die Menschen um mich herum. Ich stelle fest: Sicherlich kann ich nach wie vor dazu lernen und mich hier und dort mehr in Demut üben, aber es mangelt mir nicht daran. Vielleicht war die Wahl der Tugend doch die Falsche gewesen. Einerlei, ich werde in den nächsten Tagen den Diakon darauf ansprechen. Ich bin sehr zuversichtlich Rede und Antwort stehen zu können.


J. R. Lavern

Einige Zeit verblieb er noch in der Bibliothek, das Tagebuch offen vor sich, die Feder schon wieder gesäubert und das Tintenfässchen sorgfältig verschlossen. Die Kerze war nicht mehr als ein kleiner Reststumpen und würde alsbald von selbst verlöschen. Bevor sie es tat, stand er allerdings auf, nahm das Tagebuch mit, ebenso die Kerze als Wegbeleuchtung und verließ die Räumlichkeiten. Das Tagebuch legte er rasch in seiner Zelle ab, bevor er dem Gang weiter folgte und leise die Tür zum Krankenzimmer öffnete, um sich mit einem Blick zu vergewissern, dass es der dort Schlafenden an nichts fehlte und es ihr gut erging. Als er sich davon überzeugt hatte, ging er leise weiter, bis er in den kleinen Hintergarten gelangte und am Baum stehen blieb, den Blick zum Geäst hinauflenkend. Noch immer war er barfuss und trotzdem verweilte er länger dort und sah hinauf, nicht mehr, nicht weniger. Allein dort zu stehen, zu verharren, erwärmte ihn genug, um die Kälte an den bloßen Füßen zu vertreiben. Anfangs war es ihm sehr schwer gefallen, sich auf den Platz, den Baum einzulassen, so war es auch dieses Mal. Er brauchte einige Augenblicke, bis er den Kopf sinken ließ, die Augen schloss und sich einnehmen ließ von der Ruhe in dem kleinen Hof, von der des Baumes, von Ihrer Anwesenheit.

Verfasst: Donnerstag 22. März 2012, 19:43
von Julian Ruyven Lavern
Es mochte getrost als Marotte von ihm bezeichnet werden. Flüche und Verwünschungen waren etwas, dass ihm die Nackenhaare hochtrieb und ihn in aller Regelmäßigkeit dazu brachte, jene Fluchende darauf hinzuweisen, dass das alles andere als göttergefällig war – zumindest seiner Meinung nach, mochten es so einige auch anders sehen.
Da war noch eine Macke, die allmählich zu Tage trat: Missbilligung gegenüber Schadenfreude.
Mochten andere es sehen, wie sie wollten, Schadenfreude hatte nur etwas Erquickendes für den, der sie empfand, für den, der sie zu spüren bekam, konnte es schnell in Demütigung ausarten.
Die größte Unverschämtheit bot allerdings der Schreihals mitten im Kloster, einem Ort der Einkehr, der danach noch die Dreistigkeit besaß beleidigend zu werden. Für einen Moment kam ihm der Gedanke sich in einer billigen Kaschemme zu befinden und nicht innerhalb der geheiligten Mauern. Der Hinweis darauf, dass es sich hier mitnichten um eine Taverne handelte, wurde als Arroganz ausgelegt, mit Beleidigung weiter reagiert, so dass der Kerl dorthin geschickt wurde, wo die Steinmetze das Loch gelassen hatten, um die hohen Mauern hinter sich lassen zu können.

Nunmehr saß er in aller Stille innerhalb der Mauern auf der Bank nahe dem Tor, dann und wann verfolgte er die Wache bei ihrem Rundgang auf der Wehr mit dem Blick, und schrieb zwischendurch immer mal wieder ein paar Zeilen auf seinem Pergament nieder. Dieses Mal handelte es sich an seine Familie.

Gegeben am 22. Lenzing 255

Der Schildmaid Segen, hohe Mutter, hoher Vater,

ich weile nun schon ein paar wenige Wochen hier und bin gesund und munter angekommen.
Auch kann ich Euch verkünden, dass ich mittlerweile als Akoluth in die Gemeinschaft des Klosters aufgenommen wurde und mich eingelebt habe. Ihre Eminenz hat mich sogar mit der Aufgabe des Zeugwarts betraut, was ich für einen enormen Vertrauensvorschuss halte.
Ich schreibe Euch erst so spät, da die ersten Tage sich mit Ereignissen regelrecht überschlagen haben. Allerdings hoffe ich, dass Ihr mir dies verzeihen mögt und mir ebenso nachseht, dass ich nicht allzu sehr ins Detail gehen kann. Sollte dieser Brief an Euch nämlich abhanden kommen und den falschen Personen in die Hände fallen, könnte es nicht nur dem Kloster schaden, sondern gewiss auch noch dem einen oder anderen mehr.
Darum will ich mich ganz allein auf mich und mein Vorankommen beschränken, erzählen, was mir erlaubt ist und verbleibe in der Hoffnung, Euch irgendwann einmal besuchen zu dürfen, wenn die Zeit vorangeschrittener ist als dieser Tage.

Ihr könntet mir bitte den Gefallen erweisen und meinen Geschwistern erzählen, dass der heilige Baum noch schöner anzusehen, als eine Erzählung darüber hergeben könnte, und die Nähe zu ihm ein unbeschreibliches Erlebnis ist, das ich nicht mehr missen möchte.
An jedem Tag gibt es etwas Neues zu lernen und ich kann froh sein um die Gemeinschaft, die ich hier vorgefunden habe.
Zu schaffen gibt es auch mehr als genug, so dass ich nicht davon reden kann, mich im Müßiggang zu üben oder zu langweilen.

Ich hoffe, Ihr und die Geschwister sind wohlauf und allen geht es gut. Bisweilen überkommt mich das Heimweh, muss ich gestehen und hoffe inständig, dass nicht erst Jahre vergehen, bis ich Euch besuchen kommen kann. Vielleicht gestattet Ihr Euch selbst einmal eine Reise hierher, vielleicht auch meinen Geschwistern? Es würde mich freuen.
Am Meisten vermisse ich die Gespräche mit Euch und der ganzen Familie. Nicht, dass ich hier keine fände, das tue ich sehr wohl, viele sogar, manche mehr und manche weniger interessant. Es ist allerdings nicht das Gleiche.

Nun ruft die Pflicht mich wieder und ich will zusehen, dass der Kurier den Brief an Euch in die Hände bekommt, so dass er Euch alsbald erreichen kann. Ich werde alsbald wieder schreiben und bestimmt Neues berichten zu wissen, was vielleicht auch mehr Interesse weckt, als das wenige, was in diesen Zeilen steht.

Grüßt mir Bruder und Schwester von Herzen und sagt ihnen, dass ich sie genauso sehr vermisse, wie Euch und sogar das gesamte verschlafene Dorf und seine Einwohner.
Grüßt mir ebenfalls Seine Gnaden Falotin und richtet dem jüngsten Spross des Hauses Sommerau aus, er solle, auch jetzt wo ich weg bin, daran denken, jeden Tag seine Aufgaben zu erledigen und sich nicht darüber beklagen, wenn es mal heißt, er möge mit anfassen und helfen. Es werde ihm gewiss nicht schaden.

So will ich verbleiben und Euch und den Euren wünschen, dass die Lichtbringerin Ihre schützenden Schwingen über Euch halte.


J. R. Lavern

Verfasst: Sonntag 25. März 2012, 20:26
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 25. Lenzing 255

Ich habe eine Weile lang nichts mehr geschrieben. Die Tage sind angefüllt mit so einigen Aufgaben, so dass mir in letzter Zeit des Abends die Augen nur noch zufallen vor Müdigkeit. In dieser Nacht trotzte so ziemlich alles in mir der Erschöpfung und der Schlaf will sich nicht einfinden. Also greife ich zur Feder und nutze die Zeit, um das Tagebuch zu füllen.
Der erste ausführlichere Unterricht war sehr gelungen, auch wenn mir die Aufgabe, die wir erhalten haben, ein wenig Bauchschmerzen bereitet. Aber wenigstens geht es mir nicht alleine so, wie ich bereits kurz danach feststellen durfte. Einmal mehr zeigt es mir auch, wie sehr mein Zellengenosse und ich uns unterscheiden. Das soll nicht heißen, dass ich seine Gesellschaft nicht schätze, das tu ich indes sehr. Vielleicht gelingt es uns voneinander zu lernen, wir werden sehen.

Was mich vom Schlaf fern hält, ist die letzte Begegnung mit Fräulein Livien. Ich muss gestehen, sie hat mir Dinge gesagt, die mich dazu antreiben wollen, möglichst viel Abstand zu gewinnen. Allerdings glaube ich, dass das vermutlich der falsche Weg ist. Was allerdings ist da der Richtige? Bei dem, was ich glaube zu sehen, bin ich mir sicher, dass letztlich ein jeder davon in Enttäuschung oder Verletztheit, ja, vielleicht sogar in beidem enden wird. Meine Befürchtung ist, dass sie sich anfängt in etwas zu verrennen, das nur genau darin enden kann.
Was soll ich sagen, vielleicht wäre es gut, es in einem offenen Wort zu klären. Allein am Mut dazu fehlt es mir indes noch. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Alles andere macht gute Fortschritte, zumindest in meinen Augen ist das so. Die ersten Schritte zur Aufgabe sind gemacht. Bruder Tidus muss nur Bescheid geben bei den Kaluren, wann wir kommen möchten und wir warten im Gegenzug darauf, wann die Eledhrim sich melden, wann wir kommen können. Gelegentlich hat die Lichtbringerin durchaus positive Fügungen parat.
Wie dem auch sei, weiteres bleibt abzuwarten, und an anderer Stelle gilt es wohl in die Hände zu spucken und anzupacken, was es anzupacken gibt.


J. R. Lavern

Verfasst: Montag 2. April 2012, 19:10
von Julian Ruyven Lavern
Still saß er unter dem heiligen Baum und atmete tief die kalte, wohltuende Nachtluft ein.

Nach getaner Arbeit war er losgegangen, um sich die Beine zu vertreten und der Abend begann an und für sich ganz beschaulich. Irgendwo zwischen all den Salben und Tränken hatte er die gefunden, die er mitnehmen wollte. Sie diente der Schmerzlinderung und half bei der Genesung von Prellungen und Blutergüssen.
Dergestalt ausgerüstet machte er sich auf den Weg gen Berchgard, wie stets die Zeit bis dahin nutzend sich seine Gedanken zu machen über dieses und jenes. In diesem Fall beschäftigte er sich mit dem Vorfall spät in der vorangegangenen Nacht. Ganz allmählich bekam er den Eindruck, dass der Berg seine Sturheit auf die Leute in Berchgard übertrug. Er hatte diese Verbohrtheit schon einmal erlebt, wenngleich auch auf ganz andere Weise als in der letzten Nacht.

Wie zumeist, wenn jemand dergestalt verbohrt und stur reagierte, sann er im Nachhinein darüber nach, was er selbst hätte anders machen können in dieser Situation. Es war nicht so, dass er es dem Mädchen übel nahm. Sie war besorgt gewesen, aufgebracht und ärgerte sich ohnehin bereits über ihn, weil er darauf bestand – mindestens ebenso stur – nicht geduzt zu werden. Anmaßend waren ihre Worte dennoch gewesen. Und die eigenen? Vielleicht stellenweise nicht minder.
Mit einem Seufzen bog er in den schmalen Waldweg ab, der Richtung Adoran führte. Da die Schatten bereits länger wurden, atmete er einmal tiefer durch und mühte sich etwas von Ihrem Licht in den Stab zu bringen, den er in seiner Hand hielt. Es wollte ihm nach wie vor nicht so leicht von der Hand gehen, wie er es sich gewünscht hätte, und so brauchte er drei Anläufe, um die Schatten mit Hilfe seines Stabes zurückzudrängen.
Den Weg setzte er unbeschadet fort bis zur auf Fahrgäste wartenden Kutsche vor Adoran, die er zu guter Letzt auch nutzte, um nach Berchgard zu gelangen. Während die Landschaft am Fenster des Verschlags vorbeizog, überlegte er sich einige Worte, die ihren Ärger beschwichtigen sollten.
Vor Berchgard angekommen, stolperte er fast in Jascha und Kerum hinein beim Aussteigen. Die Unterhaltung, die folgte, war nur kurz und als mit der nächsten Kutsche letztlich die Edle de Winter ausstieg, verabschiedete man sich voneinander und er selbst machte sich daran die Edle zum Handelshaus zu begleiten. Sie hatten ohnehin den gleichen Weg.

Es brauchte eine geraume Weile, bis das Fräulein Meena letztlich Zeit für das Gespräch fand – welches sie selbst einforderte, sehr zu seinem Erstaunen. Was sie daraufhin vorzutragen hatte, überraschte ihn gleich noch einmal mehr. Es war also gar nicht die Sorge gewesen, die sie angetrieben hatte, sondern seine verhaltene Art. Damit war sie die Dritte, die – wenn auch indirekt – fragte, ob er überhaupt eines ehrlichen Lächelns oder Lachens fähig war.
Frustrierend. Nur weil er zurückhaltend war dahingehend, hieß es nun nicht, dass es weniger von Herzen kam. Wenn er nichts zu lächeln hatte, lächelte er auch nicht. Der Versuch sich zu erklären, wurde von der jungen aufgeweckten Frau durchaus angenommen, und Julian durfte feststellen, dass sie damit in ihrer ganz eigenen – für ihn etwas befremdlichen Art und Weise – umging.

Eines behoben, die Salbe dem gegeben, der sie benötigte, ein angenehmes Gespräch mit Fräulein Süßwind später, stand das nächste Problem oben auf dem Balkon und wollte springen. Es hätte ihn verwundert, wäre ihm nicht bekannt, was jenem Mann widerfahren war. Letztendlich sträubte sich in ihm alles hinauf zu gehen, tat es aber doch, auch wenn er davon ausging mit Vernunft und anständigen Argumentationen nicht sehr weit zu kommen. Auch Wahrheitsliebe würde auf wenig Freude stoßen. Diese Art der Verbohrtheit, die ihm dort begegnete, war eine, die er schon von dem Tag kannte, als er Titel und Würden verlor.
Kontraproduktiv. Jemandem die Augen zu öffnen für die unschöne Realität, war mitunter zunächst kontraproduktiv für jene, die versuchten einen Freund aufzubauen und ihm den Rücken zu stärken. Die Weigerung den Namen zu tragen, der durch Erlass des Herzogs beschlossen war, stieß bei ihm auf Missbilligung, genauso wie das generelle Verhalten des ehemaligen Ritters. Falscher Stolz, Hochmut, unüberdachtes Handeln. Es erweckte auf den Akoluthen den Eindruck, als hätte dieser Mann nichts daraus gelernt. Mit Geduld und einiger Selbstbeherrschung erklärte er ihm, dass es wohl an der Zeit wäre auf den rechten Weg zurückzufinden und bot ihm einen Besuch im Kloster an.
Immerhin sorgte das ganze Gespräch dafür, dass der Kerl nicht mehr vom Balkon springen wollte, oder gar allein gen Rahal zog. Zumindest wollte sein Freund ihm dahingehend glauben. Julian zweifelte indes an dessen Wort.

Mit einigem Befremden nahm er auch die Argumentation zur Kenntnis, die angeblich gegen den Richtspruch des Herzogs dienlich sein sollte: Nämlich, dass der örtliche Heiler Berchgard den Rücken gekehrt hatte, weil er hinter dem ehemaligen Ritter stand. Dass der Alte damit allerdings den Kranken und Verletzten schadete und nicht dem Herzog, schien keinem aufzugehen. Ohnehin mutete die Einstellung so mancher dort doch sehr seltsam an, zumindest in den Augen des Akoluthen.

Nun saß er also hier unter dem heiligen Baum und machte sich darüber Gedanken, wie er damit umgehen sollte. Fakt war für ihn: Es wartete eine Menge an Arbeit, wollte man den Glauben in der eigenen Gemeinde wieder festigen und wecken. Viele schienen nicht vor Augen oder gar vergessen zu haben, dass die Streitbare wirklich existierte, genauso wie der Dämon oder der Panther. Viele schienen auch zu vergessen, dass eine Seele, die sich keinem der Götter offen zuwandte, verloren war, wenn sie ihren letzten Weg antrat.
Die Tatsache, dass sich doch so einige vom Glauben mehr oder weniger abgewandt hatten, bereitete ihm durchaus Sorge.

Verfasst: Dienstag 10. April 2012, 18:34
von Julian Ruyven Lavern
Einmal mehr griff er sich sein in Leder gebundenes Tagebuch, das sich mehr und mehr zu einem Wochenbuch entpuppte, so wenig Zeit wie ihm blieb die Einträge zu verfassen in der letzten Zeit. Doch dieses Mal nahm er sich diese, ausgiebig und ausführlicher als sonst.

Gegeben am 10. Wechselwind, im Jahre 255

Es ist einige Zeit vergangen, seit ich etwas hier hinein geschrieben habe. Das ist allein dem Umstand geschuldet, dass so viel zu tun ist. Verletzte, die hier länger verweilen im Kloster (immerhin sind nun zwei wieder auf dem Weg der Besserung und bereits heimgekehrt), Verletzte außerhalb des Klosters, Lungenpest,…
Ich frage mich bereits, ob ich Beruf und Berufung verwechselt habe.

Der Besuch der Elfen begann gerade erst interessant zu werden, als er jäh unterbrochen wurde von der Brut aus dem Westen. Sehr weit gekommen waren wir nicht, was äußerst bedauerlich ist. Allerdings hatten wir danach das Vergnügen die Waldelfe Shala fast jeden Abend zu Besuch zu haben. Die Unterhaltungen mit ihr waren stets sehr angenehm, gelegentlich etwas verwirrend und es ärgert mich heute noch ein wenig, dass ich die Exkursion in die Welt der Klänge nicht bis zum Ende hatte mitverfolgen können. Nicht, dass ich auch nur annähernd etwas von dem verstünde, was sie da tat. Die Theorie ist mir nur sehr grob vertraut aus der Schöpfungsgeschichte und dem wenigen, was ich aufgeschnappt habe.

Die Herrin möge mir verzeihen, wenn ich mit meinen Ansichten falsch liege, was das Fräulein Meena anbelangt. Als ich hörte, das sie bereits eine Woche nach dem Kennen lernen einen Antrag bekam, war ich doch sehr geneigt einigen gehörig den Kopf zu waschen. Eine Woche und sie dachten schon über einen solch schwerwiegenden Schritt nach. Eines steht damit für mich unumstößlich fest: Liebestollheit ist fern jeder Vernunft und bar jeden Verstandes. Nunmehr hat sich allerdings das Blatt gewendet und Fräulein Meena hat wieder Abstand von dieser fixen Idee genommen, was gewiss den Umständen geschuldet ist, die sich aufgetan haben. Auch wenn es ihr das Gemüt zurzeit drückt deshalb, ich bin doch erleichtert darum. Mit Sicherheit hätte sie es früher oder später – eher früher als später – bitterlich bereut.

Fernab von den Alltäglichkeiten machen mir die Informationen Sorgen, die wir im Kloster erhalten haben bezüglich Varuna und Rahal, und wer wusste schon was sonst noch dazu kommen mochte.

Während Diakon Prochska mit seinen Vorbereitungen zu einem der genannten Probleme beschäftigt war, überlegte ich, wie ich die Spendenkasse weiter aufbessern konnte. Im Bezug auf die wenig erfreulichen Aussichten aus dem Westen und der allgemeinen Zerstreutheit mancher Herzen, keimte in mir der Wunsch nach einer anständigen Messe auf. Vielleicht ließ sich beides mit einem kleinen Spendenfest verbinden.
Ich muss zugeben, ich kann mich nicht beklagen. Wärmende Kleidung haben wir nun reichlich für Bedürftige bereit liegen, dank vieler fleißiger Hände, die geholfen haben. Wenn ich etwas Zeit finde, möchte ich mich dafür auch noch mal gebührend bedanken gehen, vielleicht mit einem frischen Kuchen und etwas Wein, oder ähnlichem (und im Stillen hoffen, dass ich dann nicht ein jedes Mal ein Glas mittrinken muss, das wäre fatal).
An was es uns nach wie vor fehlt, sind Kräuter jedweder Art, Obst… einige Münzen, auch wenn es weniger darum geht Reichtümer anzuhäufen, als vielmehr Benötigtes einkaufen zu können.
Blieb nur zu Planen, was für eine Art Fest es sein sollte, welchen Verlauf es nehmen sollte und worauf die Messe gestützt sein sollte. Der Ehrgeiz sie selbst zu halten, ist durchaus gegeben, auch wenn ich Diakon Prochska sicherlich darum bitten muss, mir näher zu bringen wie ich das richtig anstellte. Vielleicht findet er zwischen seinen Vorbereitungen ein klein wenig Zeit dazu.

Zur Beichte hat er mir bereits einiges erläutert, als er feststellte, dass ich mit diesem Thema immer öfter in Berührung kam. Rein von der Theorie her weiß ich nun, was da zu tun wäre, allerdings ändert es nach wie vor natürlich nichts daran, dass ich keine Beichte abnehmen darf und allenfalls ein Gespräch anbieten kann. Ich frage mich, ob Fräulein Saraid mittlerweile eine Lösung für sich gefunden hatte.

Tja, neben all dem Trubel ist dann da noch die offene Entscheidung vom letzten Gespräch mit ihrer Eminenz. Ihr Bruder, der Herzog, hatte einige gute Argumente vorgebracht, die dafür, andere wiederum – so wie Bruder Tidus – genauso gute, die dagegen sprachen. Ich bin dahingehend keinen Schritt weiter gekommen mit meiner eigenen Entscheidung dazu, auch wenn mir klar ist, dass ich irgendwann eine treffen musste, so wie jeder von uns.

Sollten wir es riskieren am verkohlten heiligen Baum zu hängen, während die Raben und die Panterbrut darunter standen und hinaufstarrten? Wir waren ein Kloster und keine wehrhafte Trutzburg mit einer ganzen Schar Soldaten, die sie verteidigten. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein Hasenherz bin, ich laufe nicht vor der Auseinandersetzung mit diesen Kreaturen davon, aber wie viel Aussicht hat es tatsächlich hier zu bleiben und im Grunde darauf zu warten, dort zu landen, wo meine Gedanken schon immer hinwanderten?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in der Streitbaren Sinn sein soll. Mochten die Brut uns feige schimpfen und ihre verlogenen Pamphlete aushängen soviel sie wollten. Der Herzog hat zweifellos recht damit, wenn er sagt, dass nichts Ehrenhaftes daran ist, Leben ohne Sinn und Verstand zu vergeuden. Und wie sehr wir im Reich gebraucht werden, um das zu sehen, muss ich nur hingehen und mich umschauen.
Das Gegenargument, dass die Bedürftigen, die in der nähe des Klosters lebten, darunter litten, wiegt nach wie vor schwer. Wenn ich mir allerdings vor Augen führe, woher die meisten Besucher kamen, muss ich doch zu der Erkenntnis langen, dass jene, die im umkämpften Gebiet leben, weit weniger herfinden, als jene aus dem Reich selber. Gewiss kann ich auch nachvollziehen, dass der ein oder andere den Rückzug nicht befürwortet, weil die Streitbare ihren Namen nicht umsonst trägt, und es eine schwerwiegende Sache ist, den Einflussbereich zu verringern. Andererseits wäre es natürlich auch möglich den Einflussbereich nicht gleich ganz aufzugeben und dafür öfter herzukommen, um nach den Menschen hier zu sehen, sie vom rechten Weg zu überzeugen und dergleichen mehr, was gewiss weit weniger gefährlich war, als dauerhaft das Kloster hier zu halten.
Es ist ein Kreuz, soviel steht fest, und bis ich meine Entscheidung gefunden habe, die ich für gangbar halte, werde ich mir noch so einige Gedanken machen müssen.

Bedauerlich auch, dass Fräulein Livien fort ist. Ich hatte eine kleine Nachricht vom Bruder, der sich um das Alchemielabor im Glaubenshaus kümmerte, bekommen. Ihren Dank, die Bitte es nicht übel zu nehmen, mehr nicht. Vielleicht habe ich sie mit meiner Entscheidung doch zu sehr getroffen, als dass sie hätte bleiben wollen. Wenn ich sie das zweite Mal in meinem Leben treffen sollte, werde ich sie fragen.

Dafür, und das will ich allein auf diese eine Zeile beschränken, genieße ich die Unterhaltungen mit jemand anderem doch sehr, wenn es dazu kommt und erfreue mich an dem, was ich ansonsten alles an Gutem erleben darf in diesen derart düsteren Zeiten.


J. R. Lavern

Verfasst: Donnerstag 12. April 2012, 18:30
von Julian Ruyven Lavern
Mit einem Seufzen ließ er sich auf die Bank in der Küche des Glaubenshauses nieder und zog das ledergebundene Buch aus seiner Tasche heraus, ebenso den Griffel. Bruder Mordok stellte ihm wenig später einen stark nach Kräutern duftenden Tee.
„Ihr seht müde aus.“
„Das bin ich.“
„Dann will ich Euch nicht länger stören und daran hindern alsbald ins Bett zu finden“, entgegnete Mordok noch, bevor er sich selber zurückzog.
Julian sah ihm nachdenklich hinterher und stützte sein Kinn in die Hand, den Ellenbogen auf dem Tisch ab, und begann wenig später Löcher in die Luft zu starren, anstatt die Gedanken niederzuschreiben.

„Was kümmert’s mich, wenn Ihr hier seid.“
So oder so ähnlich hatten die Worte gelautet. Ich frage mich wirklich, ob den Leuten bewusst ist, dass der Adel zu den Menschen gehört, die einst von der Lichtbringerin „bestellt“ worden sind, um die weltlichen Gesetze nach ihren Tugenden auszurichten und diese auch durchzusetzen. Was also war es, wenn ein Ritter beleidigt wurde, oder eine Gräfin, oder irgendein anderer von Stand? Die Auslegung, dass es eine Beleidigung der Herrin war, ist sicher weit hergeholt, aber im Grunde traf es das doch – zumindest für mich. Es schien mir, als wäre das der Inhaftierten nicht bewusst, dem Magier ebenso wenig, der als Gardist zugegen gewesen war, wobei ich das Gefühl nicht loswerde, dass das allgemein ein Problem der dort zu dem Zeitpunkt anwesenden Liedwirker zu sein schien. Auch der Heiler schien da seine ganz eigene Meinung zu haben und den Worten nach, die er wählte, wirkte es schon sehr verärgert und unverschämt zugleich, was er sagte.
Respekt war in dem Fall nichts, was sich ein Adeliger erst verdienen musste, es war das, was ihm vorbehaltlos entgegen zu bringen war, mochten die eigenen Gedanken auch eine andere Sprache sprechen. Vom Volk geliebt zu werden indes, war und ist eine andere Sache, die gesondert betrachtet gehört.
Auch wenn ich zwischenzeitlich den Zellentrakt verließ, um der Gräfin Arm zu versorgen, die Worte mussten noch harscher geworden sein, um ihn in einer gesonderten Zelle wieder zu finden nach unserer Rückkehr.


Er blinzelte und starrte auf die Ledermappe, schlug sie auf und begann die soeben verfolgten Gedankengänge niederzuschreiben, dieses Mal ohne Datum. Im Nachhinein war es nicht mehr als eine Gedankenstütze, etwas, worüber er später noch mit jemand anderem reden wollte in Ruhe. So setze er die Gedanken auch weiter fort und brachte sie ebenso zu Papier.

Strafe zu erfahren bei Zuwiderhandlung und Adelsbeleidigung war ein gängiges und probates Mittel, das mir nicht zum ersten Mal begegnete. Es sollte der Maßregelung dienen und die Tatsache vor Augen führen, wer die Befehlsgewalt, aber auch die Verantwortung für ein jedes Leben in der Stadt oder in den Ländereien trug. Seife ist nichts, was jemanden umbrachte, es ist allenfalls unangenehm Lauge im Mund zu haben und noch ekelhafter, wenn man im falschen Moment schlucken musste. Ich erinnere mich an meine Kinderzeit, als ich in dem Badezuber saß mit meinem Bruder zusammen, und wir beide tobten und dabei soviel von dem Seifenwasser schluckten, dass uns schlecht davon wurde. Mehr jedoch passierte nicht. Wir spuckten danach ein wenig und nach einem Tee war es wieder gut.
Ich komme nicht umhin zu glauben, dass diese ganze Farce, die sich vor meinen Augen abgespielt hatte, nur darauf gezielt war, die Frau aus der Zelle zu bekommen. Brech- und Abführmittel gab es zur Genüge für sie, die Wirkung verfehlte ihr Ziel nicht. Etwas arg überdosiert hatte der Heiler schon. Da frage ich mich noch immer, wer die Frau umbringen wollte. Der Ritter oder der Heiler. Letztlich würde ich sagen: Der Heiler, denn die Seife war bei weitem nicht so schlimm wie das Brech- und Abführmittel, das ihren Leib noch weit mehr beutelte und sicherlich austrocknete über jeden gesunden Grat hinaus.

Ich sollte einige Ideen und Einfälle dringend überdenken, soviel steht fest. Vielleicht wäre es weise, im Sinne der Annäherung, die Elfen zu fragen, ob sie einen guten Heiler unter sich hatten, der uns etwas beibringen mochte. Es wäre gewiss eine andere Art der Heilung, aber ganz gewiss auch angefüllt von weit höheren Erfahrungswerten, weit älterem Wissen, das sich durch die Überlieferung gehalten haben mochte, allein schon der scheinbar unerschöpflichen Lebensspanne wegen, die das Volk zu haben scheint.

Ich frage mich, was mein hoher Vater zu all dem sagen würde. In seiner Strenge würde meine hohe Mutter ihn vermutlich etwas beschwichtigen, und damit das rechte Maß an Gerechtigkeit aus ihm herausholen. Gerechtigkeit. Dabei fällt mir wieder ein, dass gewiss alsbald eine weitere Diskussion bevorstand mit seiner Gnaden. Ich hoffte inständig, dass ich mich nicht wieder so schlecht vorbereitet habe. Ja, vielleicht sollte ich mich dieses Mal doch daran setzen es niederzuschreiben, um danach darüber zu diskutieren.
Warum er mir ausgerechnet sein Steckenpferd verpasste, kann ich nur ahnen. Nach dem Tadel als wir zum ersten Mal über die Demut sprachen, vermute ich fast, dass er mich herausfordern will, zumindest empfinde ich es so. Allerdings bin ich nicht geneigt dazu eine böswillige Absicht zu unterstellen. Es scheint mir vielmehr genau das Gegenteil der Fall zu sein.



Erst einige Stunden später entdeckte Mordok den Akoluthen schlafend in der Küche, der Kopf auf den Tisch gesunken und ein etwas unschöner Strich, der das Blatt im Tagebuch zierte, als er beim Schreiben eingeschlummert sein musste.

Verfasst: Freitag 13. April 2012, 19:53
von Julian Ruyven Lavern


Gerechtigkeit

Verzeichnis
  • Die Tugend Gerechtigkeit
  • Bezug zu den anderen Tugenden
  • Der Gegenpart
  • Fazit



Die Tugend Gerechtigkeit

Wahrheit gemäßigt von Liebe gibt uns Gerechtigkeit, denn nur wenn man die Suche nach der Wahrheit liebt kann man ein gerechtes Urteil bilden.

Aus dem Kodex der reinen Seele:

Die gerechte Seele wird Emotionen gegen Logik abwägen und hiernach beurteilen. Vorurteile und Gerüchte werden durch die Gerechtigkeit hinfort gewischt. Eine gerechte Seele achtet nicht auf Stand oder Ansehen, sondern ist bemüht die Wahrheit aufzudecken und nach dieser zu urteilen ohne Furcht. Die Gerechtigkeit darf im Leben niemals gezügelt werden. Der feurige Wille, der uns im Leben zur Gerechtigkeit drängt, mag die Wahrheit manchmal aus den Augen verlieren. Darum suche stets nach Ausgeglichenheit und Ruhe um mit Weisheit zu richten. Denn diese Weisheit allein ist es, die die Wahrheit aufdeckt und so zu wahrer Gerechtigkeit führt.

Synonyme:

Objektivität, Unbestechlichkeit, Unvoreingenommenheit, Unparteilichkeit, Vorurteilslosigkeit


Die innere Einstellung, so wie das eigene Handeln soll der Gerechtigkeit Genüge tun, zu jeder Zeit. Gerecht ist der, der sich stets bemüht objektiv zu sein und ein klares Bild von allem zu machen und dann im Sinne der Tugenden sein Urteil fällt, wenn die Wahrheit ans Licht gebracht worden ist.

Gerechtigkeit ist der Leitfaden in weltlichen wie auch in kirchlichen Belangen.

Bezug zu den anderen Tugenden

Gerechtigkeit und das rechte Maß

Bei der Wahrheitsfindung, um Gerechtigkeit üben zu können, ist das rechte Maß nicht zu unterschätzen. Es ist wichtig nicht zu übertreiben oder in völlige Stagnation zu verfallen, um die Wahrheit nicht aus den Augen zu verlieren, sie aufzustöbern, herauszufinden und sie dafür nutzen zu können, gerecht zu sein im weiteren Handeln.
Das rechte Maß ringt Übereifer und allzu große Forschheit nieder und gibt weiteren Antrieb, wenn die Suche nach der Wahrheit zum Stillstand zu kommen droht.

Gerechtigkeit und heilige Stärke

Die heilige Stärke stützt das Ansinnen auf Gerechtigkeit, denn sie gibt uns die Kraft durchzuhalten, den Tugenden zu folgen und sie weiter zu verinnerlichen. Sie erinnert stets daran, dass die Tugenden auch Pflicht und Verantwortung bedeuten, jenen gegenüber, die Gerechtigkeit ersuchen und auch jenen gegenüber, die sie erfahren sollen.

Gerechtigkeit und Mitgefühl

Erkennt die reine Seele, dass sein Gegenüber des Mitgefühls würdig ist, indem er der Wahrheit auf den Grund geht, so übt er auch an dieser Stelle schon Gerechtigkeit diesem Wesen gegenüber, und wird sein Möglichstes tun, um zu helfen.
Auch die Erkenntnis einen Verderbten, etwa einen Dämonen oder ein Kinde Alatars, vor sich stehen zu haben, wird zur Gerechtigkeit führen, lässt er sich nicht von seinen Gefühlen verleiten und ihnen durch gerechten Zorn ihrer Strafe zukommen.
Gewiss gibt es noch weit mehr Möglichkeiten und Punkte, an dem Mitgefühl eine prägende Rolle im Sinne der Gerechtigkeit bereit hält, doch sollten die Beispiele ausreichen, um zu verdeutlichen, wo der Zusammenhang und das Zusammenspiel zu finden ist.

Gerechtigkeit und Tapferkeit

Die Tapferkeit behütet die übrigen sechs Tugenden des Kodex der reinen Seele, damit auch die Gerechtigkeit. Für die Wahrheit einzustehen, für die Gerechtigkeit zu kämpfen und für sie einzustehen, erfordert nicht selten Mut und damit auch Tapferkeit.

Gerechtigkeit und Opferbereitschaft

Manches Mal ist auch ein hohes Opfer von Nöten, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Nicht immer führt der leichte Weg zum Ziel, und es sollte, um die Wahrheit hochzuhalten und Gerechtigkeit zu finden und zu üben, nicht der schwerere Weg gemieden werden.

Gerechtigkeit und Ehre

Um den Kodex der reinen Seele an der Stelle zu zitieren:
Wenn ihr den Mut findet, die Wahrheit in eurem Leben stets zu verfolgen, gleich wie stark der Sturm der Verführung euch entgegenweht, werdet ihr die Ehre finden und halten.
Ergänzend dazu sei gesagt, dass der, wer die Wahrheit sucht, sich auch im Sinne der Gerechtigkeit verhält, und so ist daraus zu schließen, dass diese beiden Tugenden eng miteinander verknüpft sind.

Gerechtigkeit und Geistigkeit

Zitat aus dem Kodex der reinen Seele: Die spirituelle Seele hört niemals auf die Wahrheit zu suchen. (…) Die geistig Suchenden, sind in ihrem Hunger nach Wahrheit, Liebe und Mut nie gesättigt. Von welchem Prinzip man auch immer ausgehen mag, die geistige Energie schafft das nötige Gleichgewicht unter ihnen. In der Einheit von Wahrheit, Liebe und Mut wird das Gemüt mit friedvoller Geistigkeit erfüllt.

Damit erfüllt die Geistigkeit alle Prinzipien um der Gerechtigkeit dienlich zu sein. Sie gibt Ruhe und Ausgeglichenheit, strebt nach der Wahrheit und macht es uns möglich mit Vernunft und Verstand zu überdenken, nichts außer Acht zu lassen und angemessen zu urteilen.

Gerechtigkeit und Demut

Die demütige Seele ist sich immer bewusst, dass der Eindruck den sie von der Welt hat niemals vollständig ist. Sie wird sich diesem Verständnis entsprechend verhalten und wird vorsichtig sein bevor sie entscheidet irgendeine Verwendung ihres Wissens in Betracht zu ziehen, da sie weiß, dass dieses nicht korrekt sein könnte.

Die Demut hält uns dazu an zu hinterfragen, zu prüfen, mit offenem Verstand und offenen Augen durch die Welt zu gehen, ohne sich dabei über oder unter andere zu stellen. Sie mahnt uns zur Vorsicht und Umsicht bei zu treffenden Entscheidungen und dient damit genauso auch der Gerechtigkeit auf ihre Weise.

Gerechtigkeit und Hoher Mut

Hoher Mut fordert die Gerechtigkeit in gewisser Weise heraus. Ein ritterlicher Mensch, der angehalten ist ein tugendhaftes Leben zu führen, um so als Vorbild zu dienen, ist auch dazu angehalten, der Gerechtigkeit Genüge zu tun und die Wahrheit aufzuspüren, um dies tun zu können. Auch eine Beleidigung verlangt eine gerechte Strafe, damit folglich Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit und Trockene Tränen[

Auf der Suche nach Wahrheit und im Bestreben Gerechtigkeit zu wahren und zu üben, sind Zeiten der Not und schwere Schicksalsschläge nicht ausgeschlossen. Sowohl eine Stütze für die Schwachen zu sein, als auch dem Bestreben treu zu bleiben, sollten und dürfen sich nicht ausschließen.

Gerechtigkeit und Starker Arm

Kraft und Geschick im Kampf helfen bisweilen die Wahrheit aufzudecken und zu finden, die sich dahinter zu verbergen sucht. Auch Einfluss ist eine große Unterstützung bei der Suche nach Wahrheit. So wird es demjenigen, der Gerechtigkeit anstrebt, leichter fallen diese zu finden oder zu üben, wenn er jenen Einfluss und jene Stärke nutzen kann, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Gerechtigkeit und Wacher Sinn

Auch die Bildung des Verstandes und der Seelenkräfte können ihren Teil dazu beitragen, die Wahrheit zu ergründen und darüber Gerechtigkeit zu finden oder zu üben. Nicht selten finden sich Antworten auf Fragen in Schriften oder auch in Gebeten und stillen Momenten der Einkehr. Selbst die Lieder eines Barden können gewisse Anteile an Wahrheiten transportieren und damit von Nutzen sein.

Gerechtigkeit und Gebeugte Knie

Weit gefasst kann hier wohl gesagt werden, dass der ritterliche Mensch in geistlichen Dingen der Geweihtenschaft folgt, damit auch den Tugenden – und darüber verbindet sich diese Tugend auch mit der Gerechtigkeit.
Sinngemäß ist dies aber eine Respektsbekundung vor den Göttern des lichten Pantheons, seinem Lehnsherrn und dessen Vertretern und der oder dem Geliebten und hat damit keinerlei direkten Bezug zur Gerechtigkeit, außer man betrachtet es aus folgendem Blickwinkel: Es wurde die Wahrheit erkannt, dass hier dem nötigen Respekt und der Tugend der Demut Folge geleistet wird und auf diese Weise einer gewissen Gerechtigkeit Genüge getan wird.

Gerechtigkeit und Gute Sitte

Das Bemühen um höfliches Betragen in allen Lebenslagen ist der Wahrheitsfindung gewiss sehr dienlich bei vielerlei Gelegenheiten. Folgerichtig ist, dass dies auch dazu führt, der Gerechtigkeit Genüge tun zu können.


Der Gegenpart der Gerechtigkeit

Die Ungerechtigkeit wird hauptsächlich getragen von Falschheit und Hass. Sie ist das Gegenteil der Tugend Gerechtigkeit und taucht überall dort auf, wo die Liebe zur Wahrheit erlischt und Aug‘ und Ohr falschen Reden und Taten aufgesessen sind.
Ungerecht ist der, der Wahrheit leugnet, sich von falschem Stolz leiten lässt und auf den aufgekommenen Ärger in sich lauscht, anstatt die Ruhe und Ausgeglichenheit zu suchen und den Blick auf die Wirklichkeit zu richten.
Ungerecht ist der, der der Wahrheit des einen von vorn herein vollumfänglich Glauben schenkt, ohne die Sicht des anderen zu hören, beides zu prüfen und zu hinterfragen.
Ungerecht ist der, der leichtfertig Schmährufe in die Welt hinaus schreit, ohne zu prüfen, ob die eigenen Worte überhaupt der Wahrheit entsprechen.
Ungerecht ist der, der sich aus purem Egoismus und zur eigenen Bereicherung der Lüge bedient und falsches Zeugnis ablegt und den Richtspruch damit zu seinen Gunsten entscheidet.
Ungerecht ist, wenn man sich von Vorurteilen leiten und verleiten lässt.

Fazit

Gerechtigkeit ist die Hingabe zur Wahrheit, gemäßigt von Liebe.
Ebenso ist Gerechtigkeit die Liebe zur Wahrheit, beseelt vom Mut diese aufzudecken.


J. R. Lavern

So notierte er sich alles in sein Tagebuch und fertigte hiernach noch eine Abschrift an, um diese bei Diakon Prochska in der Zelle zu hinterlegen, vielleicht als kleine Abendlektüre.

Verfasst: Freitag 20. April 2012, 18:59
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 19. Wechselwind 255

Nun, wie es immer so ist, wenn man eine leise Warnung ausspricht, früher oder später tat irgendwer etwas, um sie zu bestätigen. So auch dieses Mal.
Dass es viel zu oft erst einer Lektion bedarf, damit die Menschen einem Glauben schenken, ist sehr bedauerlich. Es sollte mich vielleicht sogar ärgern, dass es sich so verhält. Andererseits: Mehr als die Hand anbieten, um zu helfen, kann ich nicht. Ergreifen müssen die Menschen sie selber. Immerhin habe ich sie kürzlich wieder gesehen, wohlauf und munter, von der Angst kaum noch etwas zu sehen, begeistert von der Aufnahme im Bergdorf und ihrer dort gefundenen Zuflucht. Ihr Begleiter war auch dabei und ich bin beruhigt zu sehen, dass sich alles ins rechte Lot bewegt hat.
Indes verzweifele ich ein wenig an der Frage, wie ich ihr beibringen sollte, dass ich keineswegs ihr Bruder bin, sondern die Ansprache die der Akoluthen ist. Vor allem, als sie dann auch noch dem Glauben aufgesessen ist, dass sämtliche Akoluthen damit neu gefundene Geschwister sein müssen. Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob ich darüber lachen oder klagen soll. Zum Teil amüsierte es mich, zum Teil ärgerte es mich. Bleibt für das Fräulein zu hoffen, dass das Amüsement noch lang überwiegt. Bleibt zu hoffen, dass ihr Begleiter es versteht, ihr das Missverständnis beizubringen.

Eines will ich ebenso versichern: Ich bin froh so viel zu tun zu haben, sei es mit lernen, mit Ordnung halten im Lager, mit den Feldern, mit den Tieren, mit der Ordnung im Kloster, beten, lernen, Lektüre, Ausarbeitung, und so weiter. Wenn ich die Zeit finde, einmal wieder in die Stadt zu gehen oder ins Bergdorf, stelle ich vermehrt und beängstigend oft fest, dass der Frühling, trotz anhaltendem Frost, eindeutig Einzug gehalten haben muss, ohne von mir bemerkt zu werden.
Ich bin redlich versucht die Balzrituale weiträumig zu umgehen, indem ich einfach hinter den Mauern verweile die nächsten drei Mondläufe. Manchmal frage ich mich ernstlich, ob besagte Frühlingsgefühle den Verstand der Menschen wirklich so derart außer Kraft setzen mussten, oder ob die Schöpfung es nicht ursprünglich doch ein wenig anders vorgesehen hatte. Andererseits bin ich mir auch wiederum fast sicher, dass es so vorgesehen war, denn unter den damaligen Umständen, drohte noch nicht die Gefahr, der wir uns seit dem Bruderkrieg Tag um Tag ausgesetzt sehen.

Möge mir die Lichtbringerin verzeihen, aber es erfüllt mich mittlerweile fast schon mit Grauen vor die Tore zu treten, und ein ums andere Mal diese Tollheiten zu sehen, zu hören und mitzuerleben. Vor allem aber zu sehen, wie Menschen, die ich für gescheit gehalten habe, von einem Moment auf den nächsten gänzlich verblödet zu sein scheinen. Natürlich weiß ich, dass sie an Intelligenz nicht wirklich etwas eingebüßt haben, aber an Rationalität dafür fast alles. Natürlich ist mir bewusst, dass es nur vorübergehend so sein wird, bis der Alltag sie einholte, aber dieser Augenblick ist schon zu lang, wahrlich und wahrlich!
Meine Schwester hat irgendwann einmal behauptet, Liebe mache blöd, sie hätte es schon mehrfach beobachtet. Damals habe ich sie dafür belächelt. Mittlerweile muss ich mit Erschrecken feststellen, wie Recht sie hatte.
Bisweilen habe ich sogar den Eindruck, dass den Menschen nichts wichtiger scheint, als eben dies, und dass sie darüber hinaus die drohende Gefahr vor den Toren völlig vergessen. Bitter, aber vermutlich nicht zu ändern.

Und wo wir gerade bei Empfindungen sind, ich bin dahingehend gewiss alles andere als gerecht. Tatsächlich muss ich zugeben, es fällt mir sogar schwer es zu versuchen. Seine Gnaden hat absolut Recht: Wir können allenfalls versuchen möglichst gerecht zu sein, werden es aber niemals zur Perfektion sein können, da stets die Gefühle uns lenken und wir sie nicht völlig ausblenden können. Jeder Eindruck hinterlässt ein Gefühl dazu, und lässt uns schon da bereits urteilen. Bleibt nur unser Bemühen offen genug zu bleiben, um das vorschnell getroffene Urteil nicht als unumstößlich hinzunehmen, sondern zu prüfen und abzuwägen, bis wir uns soweit sicher sind, wie wir es sein können.

Alsbald werde ich eine Antwort an Calad verfassen müssen, bezüglich des Hilfsangebots. Ihre Eminenz war da sehr deutlich, ihre Aussage kommt darin auch am meisten zum Tragen, dennoch will ich mir noch Gnaden Ardans Ansicht dazu einholen. Gnaden Prochskas kenne ich bereits. Bislang kann ich nichts an dem finden, was gesagt wurde, was mich überrascht. Es ist und bleibt eine absolut verständliche und logische Konsequenz und es bleibt an und für sich nur zu hoffen, dass der Elf es nachvollziehen kann – wenngleich vielleicht auch nicht unbedingt verstehen? Doch ich denke schon, dass er versteht. Was das angeht, ist eine Gemeinschaft eben eine Gemeinschaft und geht Hand in Hand.

Ich stelle zunehmend fest, dass mir die Gespräche mit Fräulein Livien fehlen. Sie hatte stets einen etwas eigenwilligen Blickwinkel auf dies und das, und auch wenn ich es vermutlich niemals offen zugäbe, es half mir doch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Fräulein Arlin ist ihr gar nicht mal so unähnlich und doch ganz anders. Es ist oftmals zu vergleichen, genauso oft aber auch überhaupt nicht.
Vielleicht finde ich irgendwann jemanden, der ihr ähnlich genug ist, und ungeschönt entgegen hielt, was er oder sie dazu denkt. Viele scheuen davor zurück, oder verpacken es in weiche Wolle, so gut, dass der Kern darin schon fast verschwindet, bevor man ihn überhaupt gemerkt.

Sei es wie es sei. Ich werde mich nunmehr an meine Ausarbeitung zur Tugend „Ehre“ setzen, um dieses Mal hoffentlich nichts zu übersehen.


J. R. Lavern

Verfasst: Montag 7. Mai 2012, 18:10
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 06. Eluviar 255

Bei allen guten Göttern, es ist vollbracht.
Erst seit ich hier im Bett liege, das Buch auf meinen Beinen, den Kohlestift in der Hand, merke ich, wie angespannt ich die ganze Zeit gewesen bin. Mein Körper sagt mir, dass ich ungemein müde bin, aber mein Geist ist noch viel zu wach, um Schlaf finden zu können. Ich habe es gerade versucht, aber es will mir nicht gelingen ins Land der Träume abzudriften.
Es schienen alle zufrieden gewesen zu sein mit der Messe, außer dem Diakon. Eigentlich ist das Grund genug selbst zumindest ein Stück weit zufrieden ist sein, aber irgendetwas hinterließ mal wieder ein flaues Gefühl in meinem Magen. Zu theoretisch.
Ich fragte mich, was ich hätte sonst tun sollen? Davon war nie irgendwann irgendwo etwas gesagt worden? Eine Räucherung? Eine Segnung? Irgendwas in der Art? Hatte ich das im Unterricht überhört? Im Grunde war es nur eine kurze Messe gewesen. Es stand noch so vieles mehr danach an. Mir war sie vorgekommen wie eine halbe Ewigkeit und die Nervosität wollte die ganze Zeit über nicht nachlassen.
Jetzt im Nachhinein betrachtet, kann ich sagen, ich schwankte zwischen Hochgefühl und der Furcht es gründlich zu verpatzen. Die Zusprüche vor der Messe waren mir sehr willkommen gewesen und hatten mir wenigstens ein bisschen die Nerven beruhigt. Es gab einiges, was mir aufgefallen war, während ich dort vorn stand und die Gebete vorsprach, predigte. Wer zum Beispiel da war, wer nicht, teilweise auch wer was trug, und was nicht.

Ich gebe zu, Gedanken darüber mache ich mir erst jetzt. Den ganzen Abend über hatte ich dazu keine Zeit gefunden. Wie auch. Es folgte nach der Messe die Audienz, damit auch eine Mitteilung seitens des Herzogs, die so einige die Luft anhalten ließ. Ich frage mich noch immer, welche Auswirkung das wohl haben wird.
Auch war es interessant zu sehen, wer in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten war und wer dabei übersehen worden war – falls man von „übersehen“ reden kann. Ich sollte mir eigentlich nicht herausnehmen zu urteilen oder gar schon wen als „verdient“ betrachten. Letztlich obliegt diese Entscheidung nicht mir, wird auch nie so sein und ich bin mir sicher, es gibt für alles eine gute Begründung. Hinzu kommt, dass ich beileibe noch nicht lang genug hier lebe, um es anständig beurteilen zu können.

Interessant zu sehen auch, wer sich zu wem setzte, wer mit wem plauschte, wer noch im Festzelt war, der nicht die Messe besucht hatte. Alles in allem plätscherte der Abend nach der Audienz für mich so dahin. Eine kleine Unterhaltung hier, eine andere dort. Irgendwann fühlte ich mich erschöpft genug, um hier im Glaubenshaus einzukehren.

Ich sollte meinem hohen Vater schreiben, vielleicht machte es ihnen Freude von mir zu hören. Eine Antwort auf meinen ersten Brief habe ich noch nicht erhalten, aber da werde ich mich ohnehin vermutlich gedulden müssen. Der Weg ist ein Weiter und wer weiß, ob der Brief überhaupt dort ankommt, wo er hin sollte. Es gab so viele Möglichkeiten, wie er verloren gehen könnte. Ich denke, ich nehme es morgen in Angriff und setze noch einen Brief auf. Vielleicht füge ich noch einen an meine hohe Schwester und meinen hohen Bruder bei.

Jetzt allerdings will ich noch mal versuchen Schlaf zu finden und die Gedanken an dieses hellblaue Kleid zu verscheuchen und der Person, die darin steckte.


J. R. Lavern

Verfasst: Freitag 11. Mai 2012, 19:23
von Julian Ruyven Lavern
Er legte das Pergament behutsam zwischen die Seiten des ledernen Tagebuchs und überflog die Zeilen. Dafür unterbrach er sogar seine Vorbereitungen für den Tag der Sonne einige Momente.
Es war ein Brief angekommen, aus der Heimat, von den Eltern und Geschwistern. Endlich. Ungefähr genauso nervös wie vor der Messe war er, als er endlich zu lesen begann. Als Rückzugsort hatte er sich dafür den heiligen Baum entschieden. Dort saß er auf der niedrigen Steinmauer und hielt den Blick auf das Schreiben gerichtet.

Der Herrin Güte mit Euch,

Damit fing es an und hinterließ schon ein sehr flaues Gefühl in seiner Magengegend. Irgendwas stimmte nicht?

wir haben uns alle sehr über Euren Brief gefreut, zu hören, dass Ihr wohlauf seid, erfüllt uns mit Erleichterung. Unsere hohe Mutter und unser hoher Vater lassen ausrichten, dass sie sich wünschen, Ihr würdet Euren Weg weiterhin so fortsetzen, wie begonnen. Indes überlassen sie mir die Antwort auf Euren Brief, weil ich so inbrünstig darum gebeten habe, sagt unser hoher Vater. Ich hoffe, Ihr verzeiht, dass ich schreibe und nicht unser hoher Vater selbst.
Unser Bruder ist nunmehr auch losgezogen seinen Weg zu finden. Er hat sich entschieden Soldat zu werden. Könnt Ihr das verstehen? Soldat! Unser Bruder!


Nun, wenn er ehrlich war: Nein. Er konnte es sich nicht vorstellen. Sein Bruder besaß schon immer den äußerst anstrengenden Hang danach jeder Bitte, jedem Wunsch und jedem Befehl zu widersprechen, den er je erhalten hatte. Konnte er sich so sehr verändert haben in der Zeit, seit er nun hier im Kloster weilte? Um ehrlich zu sein vermochte er es nicht, sich das vorzustellen.

Jedenfalls ist es dadurch nun doch sehr still hier geworden und unsere hohen Eltern haben beschlossen für mich sei es schon überfällig, dass ich heirate oder ebenfalls meinen Weg gehe, den ich für mich gewählt habe. Unser hoher Vater hat sich sehr verändert, seit Ihr fort seid. Ihm ist viel der Ruhe abhanden gekommen, die er sonst immer ausstrahlte. Unsere hohe Mutter zieht sich dafür immer mehr zurück, vor ihm, aber auch vor mir.
Ich flüchte mich immer öfter zu seine Gnaden in die Kirche oder zu den Freundinnen, die mir geblieben sind. Lange mag ich das alles nicht mehr ertragen. Eigentlich sollte ich mich nicht in Heimlichkeiten üben, aber ich dachte, ich könnte vielleicht zu Euch reisen? Und wenn es nur für eine kleine Weile ist! Oder könntet Ihr herkommen?


Kleine Schwester. Er fragte sich, was zuhause geschehen sein mochte, dass eine solche Veränderung vonstatten ging. Vieles, vermutete er. Sein hoher Vater kam ihm stets unerschütterlich vor und es gab wirklich keinen Augenblick, an den er sich erinnern konnte, wo es anders war. Seine Mutter hielt sich auch früher stets im Hintergrund, war die ruhige, gute Seele der Familie gewesen. Dass sie sich zurückzog, konnte er ihr nicht verdenken. Beide Söhne innerhalb eines Jahres ziehen zu lassen, musste ihr schwer fallen. Vielleicht ging es seinem hohen Vater dabei ähnlich, nur dass er damit anders umging.

Es wäre gewiss eine große Hilfe, wenn Ihr kommen könntet. Ich glaube, unser hoher Vater hatte gehofft, dass wenigstens einer seiner Söhne in seine Fußstapfen tritt und war davon ausgegangen unser Bruder täte dies, als Ihr fort gingt. Es kam auch sehr überraschend, als er sagte, er zöge nun aus, und trete in die Armee ein. Unser hoher Vater war an dem Tag außer sich und unsere hohe Mutter hat geweint und unser Bruder ist im Streit gegangen. Manchmal denke ich, es war eine Art von Flucht, auch wenn er nie den Eindruck erweckt hat auf mich, als müsse er vor etwas davon laufen. Vielleicht hat er es mir aber auch nur nicht anvertraut.
Alles gute Zureden hilft nichts, Julian. Unser hoher Vater ist unversöhnlich. Er spricht sogar davon nur noch einen Sohn zu haben! Ihr müsst kommen! Oder zumindest schreiben!


Er konnte nicht kommen. Soviel stand fest, auch wenn es ihn drängte, die Reise auf sich zu nehmen. Aber es standen hier so viele Aufgaben für ihn an, die nicht warten konnten, dringlicheres sogar als das eigene Familienidyll. Aber einen Brief, den konnte er noch am morgigen Tag auf den Weg bringen. Wenigstens das. Einen für jeden der verbliebenen drei. Ob es seine Schwester indes davon abhielt herzukommen, vermochte er nicht zu sagen. Falls ja, war es ihm eine Erleichterung, falls nein, würde er eine Lösung finden müssen. Er war der Überzeugung, dass sie bei den Eltern bleiben sollte, solang als möglich war. Beistand. Zwar war ihm bewusst, was er von ihr forderte damit, denn dafür besaß sie im Grunde nicht die nötige Ruhe, aber sie musste es nunmehr lernen, um ihrer hohen Mutter Willen vor allem.

Ich vermisse Euch.

Eure Schwester,

Narye

Schon beim Aufbruch damals ahnte Julian, dass der Tag kommen musste, an dem er zwischen Pflicht, Verantwortung und Familie würde entscheiden müssen. Er hatte es an dem Blick seiner hohen Mutter gesehen, am ernst des hohen Vaters, an der Besorgnis seiner Schwester und der Sturheit seines Bruders. Womit er nicht rechnete, war die Tatsache, dass es so bald passierte.
Allerdings war es ihm unmöglich hier abzureisen. Nicht jetzt, nicht in naher Zukunft. Es blieb ihm nur der Schriftweg vorerst. Natürlich gefiel es ihm nicht, es so handhaben zu müssen, aber was anderes lag nicht im Rahmen der Möglichkeiten. Hier stand Wichtigeres an, wichtiger für so viele Menschenleben vor allem.

Umsichtig verstaute er das Tagebuch mitsamt dem Brief in seiner Tragetasche und ging wieder ins Lager hinüber, um noch einige Vorbereitungen zu treffen für den übermorgigen Tag. Zwei Mal musste er sich selbst eindringlich ermahnen die nötige Konzentration beisammen zu halten, und sich nicht von den fernen Problemen ablenken zu lassen. Zwei Mal ging ihm eine Flasche zu Bruch bei dem Versuch sie zu füllen und der Inhalt verteilte sich unschön auf dem Steinboden und floss in die Rillen zwischen den Platten. Die Flüssigkeit da herauszuschrubben war eine Herausforderung, um die er sich ohne Murren bemühte.
Eindeutig, das würde kein guter Tag werden…

Verfasst: Montag 21. Mai 2012, 18:19
von Julian Ruyven Lavern
Gegeben am 21. Eluiviar 255

Ich sollte Recht behalten. Der Tag war furchtbar. Nicht nur die schlechte Nachricht von daheim trug dazu bei, sondern noch viel mehr als das der gelungene Ritus der Rabendiener. Wieder eine Seele verloren. Nun, es mag fraglich sein, ob wir sie verloren hatten oder ob Alatar sie verloren hatte. So sicher war ich mir da nicht, ganz im Gegensatz zu Katuri, der sich sicher zu sein schien, dass der Panther verloren hatte.
Potentiell gesehen war eine an den Dämon verlorene Seele für niemand anderen mehr greifbar. Wäre sie nicht den Raben in die Hände gefallen, hätte man sie vielleicht retten können. Wer wusste das schon zu sagen?
Einerlei, verloren war verloren. Zumindest bis gestern schien es so. Die Kraft schien nachgelassen zu haben von dem Monstrum, das aus jener jungen Frau geworden war. Und seine Gnaden, nein, ich muss nunmehr schreiben, Hochwürden, hat sein Vorhaben zur Gänze in die Tat umsetzen können. Es war sogar mehr Hilfe gekommen, als er offenbar erwartete. Mich überraschte es weniger. Seine Zweifel bezüglich der Gläubigen (oder der Überzeugung der Heuchelei) mochten vielleicht berechtigt sein, ich folgte nach wie vor – vielleicht den naiven – Hoffnungen, dass er sich irrte.
In jedem Fall scheinen auch jetzt noch, Tage nach dem Versiegeln der drei Tore, zu halten und für hinlängliche Ruhe zu sorgen. Sicher wäre es einem jedem lieber, dass die Untoten allesamt zu Asche zerfallen würden und nie wieder aufstünden, aber das bedurfte mehr, als wir in diesem Moment zu leisten fähig gewesen waren, so bedauerlich es auch ist.

Etwas ganz anderes macht mir wesentlich mehr Gedanken im Augenblick. Ich wage es indes nicht es niederzuschreiben, denn wer weiß schon, wer dieses Buch irgendwann in die Finger bekommt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich die richtige Wahl gewesen bin dafür.



Sein Blick irrte hinauf zum Baum hinter sich. Dort stand er noch immer, scheinbar unverwüstlich und im stillen Frieden. Ein vages Lächeln stahl sich auf seine Züge, als ihm aufging, wie viele ihn in letzter Zeit nach den Kindern Temoras gefragt hatten und sich für ihre Geschichte interessierten. Zuletzt war es Nyome gewesen, gerade gestern erst.
Leise schloss er das Tagebuch und legte dieses und den Kohlestift neben sich auf der steinernen Umrandung des Baumes ab.
Seine Gedanken indes kehrten zurück zu den letzten Zeilen in dem Tagebuch. Vorgestern Nacht. Abend konnte man es kaum nennen. Nun aus Abend war Nacht geworden, während sie sprachen. Es hatte einige Erklärungen aufgeboten, auf Fragen, die er sich stets im Stillen nur gestellt hatte. Auch lernte er so einiges mit dazu, vor allem aber Dinge, die er gar nicht erwartete. So war das mit Überlieferungen. Teile davon gingen stets verloren, andere wurde im Verborgenen bewahrt. Jemand, der Suchte, würde vielleicht finden. Vielleicht aber auch nicht, zu seinem eigenen Schutz. Manchmal, so musste er selbst feststellen, kam es von selbst zu dem, der zwar suchte, aber ohne zu drängen und zu bohren. Unverhofft. Plötzlich. Unvorbereitet.
Nun, er hatte sich entschieden, sich allenfalls eine halbe Stunde Zeit zum Überdenken erbeten, die er dazu nutzte, sich unter dem heiligen Baum an die Herrin selbst zu wenden. Natürlich hatte er auf ein Zeichen der Lichtbringerin gehofft, tat es sogar noch immer, aber bis jetzt war es ausgeblieben. Irgendwas, was ihm zeigte, dass eine Zustimmung seinerseits dazu das Richtige war, vielleicht auch noch etwas anderes? Doch bislang? Keine Träume, kein noch so kleines Zeichen. Vielleicht ja, wenn die Zeit reif war. Bis dahin musste und würde er sich in Geduld üben, seinen Aufgaben nachgehen, und sich vermutlich zunehmend Gedanken dazu machen.
Eigentlich war er kein Freund von allzu schnellen Entscheidungen, hier aber drängte offenbar die Zeit sehr, also hatte er nicht lange gezögert. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, gab es da nicht einmal die Frage, ob ja oder nein. Es ging immerhin um etwas, was die Lichtbringerin selbst betraf. Welcher Diener ihrer hätte da schon gezögert? Das Einzige, was ihm Kopfzerbrechen bereitete, war die nötige Geheimhaltung. Gewiss verstand er die Notwendigkeit dahinter, allerdings gab es hier niemanden, dem er misstraute, oder bei dem er das Geheimnis nicht sicher glaubte. Natürlich, je weniger wussten, desto weniger Gefahr bestand, dass die Falschen es erfuhren, auf dem einen oder anderen Weg. Trotzdem hinterließ es ein flaues Gefühl in der Magengegend, denn Geheimnisse verleiteten nur allzu oft zu Notlügen und jene wollte er im Grunde lieber nicht aussprechen müssen oder gar meiden.

Immerhin, die Anfrage, ob er mit der Elfe in den Nebelwald gehen durfte auf ihre Einladung hin, wurde ihm durch ihre Eminenz gestattet, ohne weitere Nachfragen hervorgebracht zu haben. Just in diesem Moment war er froh um die Aufgabe, die Tidus und er von der Hohepriesterin erhalten hatten, sie bot einen Ausweg aus der Misere für ihn.
Nichts desto trotz war ihm übel, als er den Raum verließ und suchte als erstes die Kathedrale auf, um im Gebet Vergebung zu erbitten. Nein, ihm war nicht wohl dabei. Ganz und gar nicht.
Allein dafür schon bat er neuerlich um ein Zeichen, ob das wirklich der richtige Weg war, den er da einschlug.
Nur zu gut wusste er, dass kein Mensch ohne Fehl war, er genauso wenig, wie irgendein anderer. So verbrachte er die ganze letzte Nacht zu guter Letzt unter dem Baum und wartete, dass irgendwas passiert, was auch immer es sein mochte, aber nichts geschah.
Auch jetzt, wo er wieder etwas Zeit fand, verweilte er hier, mittlerweile den Blick ins Leere gerichtet, träumend oder gedankenverloren, so musste es auf Ausstehende wirken.

„Herrin im Licht, die du bist in meinem Herzen,
Herrin im Licht, die du bist in meiner Seele,
reich mir deine Hand und führe mich,
führe mich dort, wo ich selbst zu sehen nicht imstande bin,
führe mich dort, wo ich deiner Kraft und Stärke bedarf,
führe mich dort, wo mein Mut mich zu verlassen droht,
führe mich dort, wo die Zuversicht mich im Stich lassen will,
nimm meine Hand und führe mich.

Inständig bitte ich dich, leite mich an,
bring mich sicheren Fußes aus den Nebeln der Entscheidungen,
zeige mir deinen Weg,
schenke mir deine Gunst in all deiner Güte,
begleite mich auf den weiteren Pfaden
und weise mich an durch deine Zeichen und Wunder.

Herrin im Licht, ich bitte dich,
schenk mir ein Zeichen, das ich nicht missverstehen kann.
Lass mich sehen, was du siehst, wenn es dir gefällt,
und hilf mir die Aufgaben zu bewältigen zu deiner Zufriedenheit.“

Verfasst: Dienstag 5. Juni 2012, 10:36
von Julian Ruyven Lavern
Am frühen Morgen, die Sonne war kaum aufgegangen, setzte er sich auf und an den Schreibtisch. Schon viel zu lange hatte er keinen Eintrag mehr in sein Tagebuch gemacht und heute war einer der Tage, an dem er es nicht wieder versäumen wollte. Eigentlich wäre es gestern schon überfällig gewesen, aber die Müdigkeit hatte ihn dahingerafft. Wenigstens den Brief an die Gräfin hatte er noch kurz verfassen können.

Einen kurzen Moment stutzte er und runzelte die Stirn, murmelte leise: „Ich hoffe, das habe ich nicht wirklich geschrieben.“
Kopfschüttelnd griff er zu Buch und Feder und begann zu schreiben. Auf dem Tisch neben sich einen Krug Blauzungensaft, der währenddessen langsam dezimiert wurde.

Gegeben am 05. Schwalbenkunft 255

Das Ende eines Alptraums ist der Anfang eines neuen Tages.
Die Kinder können endlich wieder einen neuen Tag beginnen, ohne fürchten zu müssen, nicht mehr zu ihren Eltern und Lieben zurückzufinden. Ich will es hier für mich festhalten, was geschehen ist, zum einen, um nicht zu vergessen, zum anderen, weil ich die eine oder andere Lehre daraus gezogen habe (insbesondere die, vor jedem längeren Unterfangen dringend auf den Donnerbalken zu gehen, aber das ist glaub ich nicht das Wichtigste).
Der Einstieg war ein Gebet im Tempel, auch wenn noch nicht alle Kinder zusammengefunden hatten. Es half ganz bestimmt auch mich zu beruhigen. Auch wenn ich es versuchte zu verbergen, etwas nervös machte mich das Ganze doch, was wir vorhatten.

Nun, ich weiß nicht, was Shala gemacht hat, um ehrlich zu sein, ich weiß nur, dass ich irgendwann das Gefühl hatte einzuschlafen und dann wieder auch nicht. Ich hatte das Gefühl, sie und Lu bei mir zu wissen und dann wieder auch nicht. Ich konnte die Kinder sehen, sehen wie sie einschliefen, sehen wie die Fäden kamen mit der Kälte. Entfernt nur bekam ich das Fluchen der Zwergenwache mit und ein Krächzen, dessen Stimme mir bekannt vorkam. Ich konnte aber nicht nachsehen, also sah ich zu den Kindern.

Der Traum, nun, Albtraum muss ich wohl sagen. Ich habe ihn nicht allzu schlimm in Erinnerung, wenn ich ehrlich sein soll. Eigentlich war es in großer, gemeinsamer Spaß voller Rätsel. Ich glaube, nur Swantje hat geweint zwischendurch. Das sollte auch nicht wundern. Es hat mich auch als Kind nicht überrascht. Sie war ganz allein an irgendeinen Ort verschwinden zwischendurch. Aber dieses Blatt hat sie zurückgebracht.
Oh, ja, ich vergaß. Ja, ich war wieder ein Kind. Ich glaube, so war ich mit sieben Jahren etwa, der Zahnlücke nach zu urteilen, an die ich mich noch gut erinnern kann. Woran ich mich nicht mehr erinnern konnte: Dass ich so rotzig war, sobald meine Eltern nicht hingeschaut haben, an die Ängste, die mich damals im Griff hatten und daran, wie toll es war mit anderen Kindern zusammen zu spielen, Rätsel zu lösen, Feen zu befreien und lustige Worte wie ‚Ame Wischd‘ zu hören, oder ‚Erdbeerlutscher‘, oder ‚Ingarania‘? Beim Letzten bin ich mir nicht sicher. Ich sollte die beiden Waldelfen mal fragen, was das heißen sollte.
Es waren so viele, so ungemein viele Eindrücke, die noch da sind. Tim, der Dämon. Tim… wieso habe ich just in diesem Moment das Gefühl, dass das ungemein albern klingt? Und wenn ich mir das alles hier durchlese…
Jedenfalls haben wir Tim in ein Schaf verwandeln wollen, hat nicht so gut geklappt, ist klein geworden, hat mit uns gelacht und getanzt. Aber erst habe ich mich ganz schön erschrocken, als ich allein vor ihm stand, das will ich wohl versichern. Er war so riesig, ich so klein und da musste ich einfach Schreien.

Gütige Temora, lass dieses Buch niemals jemanden finden.

Was auch toll war: Jeder hat sich um jeden gekümmert, keiner wurde vergessen, und den Vers haben wir aufgesagt und die Traumfee damit befreit! Die hätt ich gern mitgenommen, sah so schön bunt aus. Dafür habe ich etwas anderes vor mir stehen. Ein Glas, da ist eine Murmel drin. Mein Traum. Mein Traum, den ich schon immer geträumt habe.

Und, eines kann ich auch versichern: Kelos ist an und für sich ein armer einsamer Mann, nicht mehr und nicht weniger. Mein Mitgefühl hat er, dort wo er jetzt steckt, in seiner tristen traurigen Albtraumwelt mit diesem bösen, bösen Bach, der die ganze Zeit geplätschert hat, und mich daran erinnerte, wie nötig ich mal musste!

Als er alle zurück geschickt hatte, und ich einen anderen Weg nehmen sollte, war ich zunächst skeptisch. Ich muss gestehen, mit Unbehagen folgte ich der Anweisung mich auf seinen Thron zu setzen. Letztlich schaffte ich es aber auch nicht mehr, und wäre fast gestolpert oder gar gefallen, fand mich ganz woanders wieder.

Ich danke dir Herrin für diesen Augenblick und deine Gabe, deine Gunst und Güte, auch wenn ich ihn fast verpatzt hätte, weil ich so dringend musste.

Was ich von den Kindern gelernt habe: Ohne sie wäre die Welt trist und grau, die Träume nur halb so bunt, und … ich will ehrlich sein: Ohne ihre Findigkeit, Klugheit und Gerissenheit hätten wir Erwachsenen dort, wo wir waren mächtig verloren gehabt.


Julian R. Lavern

Damit klappte er das Buch zu, nachdem die Tinte getrocknet war und leerte den Blauzungensaft, bei dem Blick auf das Glas kurz grinsend. Shala fand den Saft auch gut. Vielleicht sollte er ihn heute Abend mit zu den Kaluren nehmen.