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Aus dem Tagebuch der Taugenichte

Verfasst: Dienstag 31. Januar 2012, 22:38
von Willardy Weidenkatz
31.Hartung 255

So, da sitze ich nun vor diesen Seiten und drehe den Federkiel, wenn ich nicht gerade an der (mittlerweile recht grässlich) zerfledderten Spitze der Gänsefeder kaue oder aber eben solch sinnfreien Sätze wie diesen hier in besagte Buchseiten schmiere. Das Wort „schmieren“ ist dabei wörtlich zu nehmen und obwohl ich mir anrechnen muss, dass meine Schrift nie die Beste war und ich eben lange auch ohne jegliche Buchstabenpinselei auskommen musste, so bin ich gerade dennoch froh, dass es sich hier um kein großartig edel gebundenes Werk, sondern um ein simples Notizbuch, bestehend aus wenigen, kläglichen Schöpfpaperverwertungen, handelt. Eines meiner wenigen, letzten Werke – im Grunde sollte nicht nur ich sehr froh sein, dass ich diese Berufung nicht weiter verfolgt habe...

… und doch bleibt da noch der zweite Schritt zur Frage:
Ist es denn jetzt so viel einfacher? Besser? Angenehmer? Klarer?

Ich schwanke bei „besser“, denn das kann ich noch nicht beurteilen, doch irgendwie beschleicht mich schon das Gefühl, dass die ganze Angelegenheit auf bizarre Art und Weise angenehmer geworden ist, seitdem ich in diese Stadt gekommen und beim Konzil vorstellig geworden bin. Seit langem fühle ich mich wieder einmal wohl, sogar „wohl in meiner Haut“ und manchmal bin ich mir wirklich nicht einmal mehr meiner Äußerlichkeiten so bewusst und lache ohne dabei diese bissige Stimme tief in den Ohren zu hören, die mich kühl daran erinnert, dass ich die Zähne nicht zeigen sollte dabei, da sonst mein Gegenüber auch die Schiefen im Unterkiefer sieht. Ich schüttle den Kopf und denke zufrieden nicht daran, dass ich Segelohren habe, die aus den grauenhaft kupferfarbenen Strähnen ragen könnten. Nein, ich fühle mich freier und mit jedem Schritt in dieser wunderschönen Stadt und jedem Atemzug in den Hallen, die meine Zukunft bedeuten, besser.
Also streichen wir das mit dem Geschwanke.
Im Moment kann ich voll und ganz behaupten, dass es für mich derzeit besser ist!
Angenehmer sicher auch, wenn man mal die immer mal wieder aufwallenden Zwistigkeiten und Missverständnisse zwischen meiner Wenigkeit und dem hohen Magister Inos außer Acht lässt. Da bin ich mir wirklich nicht sicher woran es liegt... an mir? War ich schon immer so eine Bissgurn oder haben mich die letzten Jahre im Bezug auf männliche Spitzzüngigkeit einfach nur so empfindlich gemacht, dass ich mich zu den Mimosen gesellen darf?
Nein nein, irgendwo grollt selbst bei diesen Fragen in mir die trotzige Antwort, dass er selber – Magister und hohes Tier hin oder her – selber auch schuld ist, denn ich werde das Gefühl nicht ganz los, dass er mich und meine Nerven auf die Probe stellt, indem er da gut gezielt seine Spitzen fallen lässt. Es ärgert mich umso mehr, dass ich es dann bin, die wie ein gieriger Dummfisch anbeißt und zuerst die Contenance verliert. Schande über mein Haupt und die Asche gleich kübelweiße hinterher! Hah, doch immerhin habe ich diese Wassergeschichte bis zum Abwinken in einer Höhle fernab der Stadt geübt und bin mittlerweile recht erfolgreich... ein Wunder hingegen, dass ich auch noch gesund bin, so pudelnass wie ich selber dabei wurde. Nun, es scheint so als würde der Fuchs gnädig über meine ersten Gehversuche in diesem neuen Gebiet wachen.

Auch die Schwertmaid erhört meine Gebete, denn ich habe vernommen, dass der Herr Ecclesia wohl wieder aus den Fängen der Rabendiener entkommen konnte und da bin ich wirklich mehr als erleichtert, denn nun nenne ich ihn schon helfende Hand, baldiger Kollege und sogar Nachbar, wie mir ein Rundgang in der Nachbarschaft bestätigt hat. Neugierig hat mich auch der Name an der Tür nebenan gemacht. „Sophia Coram“, ich bilde mir ein diesen schon in den Hallen am Anschlagsbrett irgendwann einmal gelesen zu haben. Doch bevor ich mich in nächster Nähe vorstellig machen könnte, müsste ich erst einmal diese kargen vier Wände mit Leben füllen. Noch sieht es leer und unterkühlt-hässlich aus, doch ich bin glücklich, denn es sind meine allerersten, eigenen Wände, die ich mit niemandem teilen muss. Zu verdanken habe ich sie allerdings nicht mir, sondern meiner edlen Spenderin, der helfenden Hand, der Konzilleitung hinsichtlich des Immatrikulationsschreibens und nicht zuletzt dem warmen, freundlichen Gemüt der erstaunlich jungen, adretten Gräfin. Ja, das Leben hier ist auch in bester Ordnung und wird noch netter, wenn die Einrichtung mal steht. Die Zukunft wird deutlicher und ich kann sagen, dass es klarer geworden ist.

Doch einfacher?
Rabendiener in Gesprächen, Ruinen der einstigen Stadt des Rechts und Lichts... und ebenso in der Gerichtsverhandlung. Es fällt mir gleichermaßen schwer an jene zu denken, als auch wieder von ihr zu lassen. Die Gedanken an dieses Chaos, die überschwappenden Emotionen und heftigen Resultate schrecken mich ab und doch scheint es so, als würden sie dennoch unentwegt darum kreisen, wie... Raben um ein totes, süßlich duftendes Tier.
Mir wird kalt, jetzt schon und dabei habe ich nicht einmal die kleine Zehe in den dunklen Strudel getaucht. Mir graut, dabei sehe ich noch nicht einmal einen Umriss dessen, was mich erwarten kann und wird, wenn ich meine Nase tiefer in die Lehren stecke, die mich dem Lied und dessen Magie näher bringen. Noch bin ich blind, stumm, taub, ohne die Fähigkeit zu riechen oder zu spüren und doch wackelt meine alte Welt und das idyllische Bild des einfachen Lebens.
Wird es also einfacher – nein, Will, oh nein!
Doch das nehme ich in Kauf!

Verfasst: Montag 27. Februar 2012, 11:08
von Willardy Weidenkatz
27.Eisbruch 255

Ich muss eingeschlafen sein.
Da schreibe ich die erste Zeile und frag sogleich innerlich ab, wie oft ich genau diesen Satz bereits selber gelesen habe, in einer Unzahl an Romanen, Berichten und Geschichten. Meist wird er dann vorangestellt, wenn dieser prickelnde Moment der Stille, in welchem von Alltag und Gewohnheit plötzlich in das keimende Flattern der Spannung umgeschalten wird. In meinem "Bericht" ist es jedoch anders, im genau zu sein exakt umgedreht, denn die Spannung, das Kribbeln und die rauschende Extase sind einfach alle auf einmal verklungen.

Dankbarkeit muss und werde ich jedoch gerechterweise den Umständen, die mich überhaupt in diese jauchzenden Höhen katapultiert haben, zollen. Nun, ich gestehe, dass ich nicht wirklich weiß, wo es denn angefangen hat, doch das liegt bestimmt nicht zuletzt daran, dass mir einfach verflucht viel Gutes in den letzten Wochen geschehen ist.
Beginnen wir einmal mit der feierlichen Vollaufnahme in die Konzilsreihen. Ich nenne mich nun Tiro und dieser scheinbar kleine Aufstieg war dennoch eine unsagbar große Sache für mich. Nicht nur, dass die Zeremonie, geführt vom Praeceptor Apex Alindra de Feruin, so wundersam und schön erschien, dass ich mir faul hier jegliche Worte und Tinte spare (denn sie drücken eh nie und nimmer das aus, was ich empfand) - darüber hinaus beehrte mich die Gräfin mit ihrer Anwesenheit und die Freude über ihren sanften Beistand wollte ich nur zu gern erwidern.
Eine mögliche Realisation dieses Wunsches hätte, so glaubte ich zu wissen, mein Eintritt in das Regiment sein können. Keine Frage nach dem warum und weshalb, doch das wie blieb mir ein Klotz am Bein:
Wie kann ich dem Regiment wirklich dienen? Ich, die keine Kampferfahrung hat, die ein recht kurz geratener Pimp bin, die auch in Sachen Magie fern vom Attribut "bewandert" gelte?
Gerne hätte ich darüber mit irgendwem gesprochen, doch die... hm... sagen wir sehr einprägsamen und dennoch verworrenen Umstände um die Frau Midame, mit ihrer Verurteilung und der doch grausigen Hinrichtung, hatten mir vorerst den Wind aus den Segeln genommen, denn ich begann zu zweifeln, ob ich denn wirklich aus dem rechten Holz geschnitzt sei, um gewinnbringend im Regiment meinen Dienst verrichten zu können. Erst Lilians, nein der Magistra Valerians Worte konnten mich überzeugen und ich bereue nicht, dass diese großartige, junge Frau mich angeworben hat, denn ich trage die Rekrutenuniform mit Stolz und Überzeugung.

Allerdings sind wir nun beinahe am Wendepunkt oder besser an den unschönen Gräben, in die ich dann doch immer wieder hineinmarschiere - Fettnäpfchen langt ja schon nicht mal mehr im Ansatz, das sind wahre Fettbottiche!
Gestern muss es ein ganzes Fettbadehaus gewesen sein, denn ich bin von einem Becken voller Missgestick und Tölpelei ins Nächste gefallen. Angefangen von der peinlichen Zugabe, dass ich nicht einmal sicher wusste wo das Heilerhaus, in welchem wir den Anatomieunterricht besuchen sollten, war, über eine Reihe derbster Peinlichkeiten dort (ich weiß bis heute nicht, ob ich lauter geplappert habe, als beabsichtigt oder ob Herr Heilsan einfach unglaublich gute Ohren hat, doch ändert das auch wenig an der Tatsache, dass ich schlußendlich mit Tinte bekleckert auf meinem Platz saß und zugesehen habe, wie Discipulus Ecclesia aufgrund meines dämlichen Gewaffels den Boden küsste) und zuletzt, das Finale der Katastrophen: die Rügen seitens Praeceptor Apex und Discipulus, als ich wieder einmal zu gesprochen und dann erst gedacht habe, wunderbar!

Vermutlich hätte ich heute Nacht gar kein Auge zu gemacht und stattdessen im stillen Kämmerchen aus reinem Zorn über mich selbst gequalmt und geköchelt aber dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet habe - wie hätte ich auch? Wieder eine Sache, die zu groß, zu schön und ehrlich für zu viele, geschnörkselte Worte ist:
Ich glaube, ich habe eine Vertraute, einen Menschen, den ich seit langem vollends Freundin und Beistand nennen kann. Klingt schon groß und tragend, nicht wahr? Doch habe ich noch nie mit jemanden über die dunkleren Kapitel meiner Vergangenheit gesprochen - und ich hätte erst recht nicht erwartet, dass diese Person dann auch noch mühelos Parallelen und Ähnlichkeiten zum eigenen Leben ziehen konnte, die mich sowohl entsetzen, als aber auch das Gefühl gaben nicht allein zu sein mit... mit all dem Mist.
Ach, ich hatte meinen Seelenfrieden für wenige Momente gefunden --> in einer höchst unerwarteten Freundschaft und Worten die mir Hoffnung und Mut zu später Stunde machten!

Dann, als sie weg war, muss ich eingeschlafen sein.
Damit begann es leider.
So viele Sachen die angesprochen würden, so viele Überlegungen - kühne Gedanken im Mädchenkopf, wilde Emotionen im Mädchenherz... und ich schätze an ihnen lag es, dass der Schlaf der kam, diese Art Wachtraum wurde, welche einer schwachen Fieberepisode gleich kommen. Man weiß wo man sich befindet, meist im Bett und die schwirrenden Gedanken beeinflussen die Nachterlebnisse des Traumes. Zweifel werden wahr, Ängste klarer und während sich alles so zu einem harten, ehrlichen Bild bar jeglicher Verschönerungen ergab, lösten sich meine Flügel auf und ich fiel in das Loch. Ja, DAS Loch, in das jeder fällt, dann und wann.
Ich vermute es ist eine Art Brunnen, der mal mehr und mal weniger viel Wasser hat, denn man fällt schließlich auch mal mehr und mal weniger tief. Ich hab aufgehört zu zählen wie lange ich fiel und nun wird es schwer wieder heraus zu klettern, doch auch das wird... mit der Zeit.

Es ist eine Stille ohne Stille, eine Schwärze die dennoch zu nüchtern ist, um Selbstmitleid und Tränchen zu wecken. Bitterkeit nach Enttäuschung und einzig der dumpfe Zug in der Brustgegend bleibt, der Nachgeschmack quasi, der von Verlust und Zurückweisung noch spricht.
Ich hatte Recht, als ich meiner neuen Vertrauten sagte, wie es um dieses elende Kapitel "Liebe" verhielt und dennoch habe ich kurz, angefeuert von ihren balsamierenden Worten, mit dem Gedanken gespielt Briefe zu verfassen... ich muss eingeschlafen sein und auch wenn es nun so leer und trostlos wie das Briefpapier auf meinem Schreibpult in mir drinnen ist, glaube ich doch, dass es besser so war. Denn, sind wir einmal ehrlich, hätte ich die Hand ausgestreckt wäre es einem doppelten Schritt rückwärts geglichen, denn die Zurückweisung wäre gekommen.
Weit nach der Unsicherheit schleicht sich die eisige Ernüchterung ins Gemüt, da sind wir nun. Zynismus würde gerade helfen... ach und eine Prise sarkastischer Galgenhumor vielleicht aber beides will in meinem Kopf momentan nicht so zünden. Zarte Pflanze Hoffnung im Frost...

Nein, unpassendes Geseier!
Immer wenn ich in der Stimmung bin, dramatisch aufzudrehen, dann passt es gar nicht und wirkt so dämlich künstlich aufgesetzt. Ist das normal? Heldinnen in Romanen fallen nach solch bitteren Erkenntnissen der Herzensangelegenheiten in Ohnmacht - oder noch besser: in ein tragisches Fieber und siechen so lange voller Melancholie und Tragödie vor sich her, bis der Angebetete sich doch noch erweicht und die Dame rettet oder sie in einer rührseligen Szene voller Drama verstirbt und alle um sie herum, selbst der Leser, schnüffelnd ins Taschentuch weinen.
Tja, es passt dennoch gerade nicht auch wenn ich nicht übel Lust hätte mit einem Aufseufzer, Handaußenseite an die Stirn gelegt, in Ohnmacht zu gleiten oder weinend, in weißen Gewändern, am Strand entlang zu laufen... lächerlich! Würde mir nur einen Schnupfen und ziemlich dumme Blicke einfangen.

Nein, ich werde mit dem Klettern beginnen, denn der Brunnen ist tief - auch wenn ich gerne genau jetzt die Welt in meinen Farben malen möchte, allein durch drehen, durch das Ausbreiten der Arme, durch das Schließen der Augen und dann... ja dann müsste ich hoffen, dass es jemand hört und sieht - ich berichtige, hören und sehen mag.
Deshalb geht es nicht, denn die Quintessenz ist nüchtern, kalt, müde aber ehrlich aus tiefstem Herzen:

Ich mag nicht mehr hoffen, ich will dass es sich erfüllt.
Ich mag nicht mehr betteln, ich will (verdient!) bekommen.
Ich mag mich nicht mehr gut verkaufen, ich will entdeckt werden.
Ich mag nicht mehr träumen, sondern sein.
Ich mag einfach nicht mehr suchen, sondern finden!