In einem alten Buch...
Verfasst: Mittwoch 25. Januar 2012, 11:01
*Irgendwann in der Zukunft, mag einer verirrten Seele ein schwarzes Buch in die Hand fallen, keinen Titel, keine Namen am einfachen Lederbund. Doch wenn er es öffnet, mag er interessiert folgendes lesen können*
An jene, die diese Letter lesen mögen.
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen, möget ihr aus jener Lernen und Weisheit erlangen.
Doch zuerst, sollte ich mich vorstellen, man nennt mich Mirania Adreana.
In meinem Heimatdorf galt ich als Hübsch, zumindest sagte meine Mutter es immer. Doch ich empfand mich eher als normal. Mit 1.68 Metern Größe war ich nicht besonders riesig, doch bei den anderen Mädchen gab es definitiv kleinere.
Auch ist mein langes, schwarzes Haar, was immer lieblich mit tiefster Nacht verglichen wurde, zwar gepflegt und leicht voluminös, aber auch nichts, was mich merklich von den anderen hervorheben würde.
Einzig meine dunklen, blauen Augen, ja, die gefielen mir immer. Und es war immer das erste, worauf die Menschen blickten, wenn ich ihnen Gegenüber stand.
Ansonsten bin ich immer Recht gepflegt und gab einiges auf mein Erscheinungsbild. Man wusste ja nie, wen man treffen konnte. Und sei es nur die Liebe des Lebens, die man dann nicht mit unangenehmem Geruch unter den Armen oder aus dem Munde verschrecken wollte.
Früher war ich eigentlich Recht fröhlich. Selbst wenn die harte Erziehung meines Vaters mich oft bremste und mich schüchtern wirken ließen. Über die Zeit muss ich es wohl verloren haben, dieses „sachte, warme und ehrliche Lächeln“, wie es meine Mutter immer nannte.
Nun meinen die Leute, ich wirke Recht Scheu, in mich gekehrt, vielleicht sogar Ängstlich und Misstrauisch. Andere, die es schafften, mich zu öffnen, empfanden mich dann wohl als unangenehmen Gesellen. Kratzfurig, angriffslustig, Männerfeindlich.
Wüssten nur die Menschen, was mich so geprägt hat, könnten Sie vielleicht einiges verstehen. Doch die große Freude oder die ewige Liebe im Leben, habe ich schon aus meinem Herzen verbannt. Denn Sie erkennen nicht die Schwäche an so einer Abhängigkeit zu anderen Menschen.
Nein, das wollte ich nie haben und dagegen erwehre ich mich mit aller Kraft. Das Kämpferherz schlägt in mir, keiner Schwäche…und vor allem, keine Schutzlosigkeit soll mich mehr heimsuchen.
Ich bin schon lange kein naives, kleines Kind mehr. Ich lebe nicht in einer Welt, in der Regenbogen den Tag erhellen und man sich Händefassend im Kreise dreht. Aber unter uns, in so einer Welt lebte ich nie.
Doch wieso das alles so kam. Was mich prägte zu dem, was ich nun bin. Das will ich euch erzählen.
Ich wuchs auf einem kleinen Dorf auf. Die Gemeinschaft war hier das ein und alles. Es waren einfache Menschen, Farmer, Fischer, Züchter. Nicht einmal Räuber hatten wirklich Interesse, hier etwas zu stehlen.
Doch selbst vor 100 Jahren hätte man diese Gemeinschaft als Veraltet und Antiquitiert angesehen. Es gab eines, was einen finsteren Schatten auf alles legte: und das war der Stand des Mannes.
Selbst unter den Armen gibt es Menschen, die einfach mehr haben, als die anderen. Und diese sind ob einiger Luxusgüter, die für Stadtleute selbstverständlich sind, angesehen.
Doch das wichtigste Luxusgut waren die Töchter der Väter. Es wurde Zwangsverheiratet. Ständig. Eine Frau hatte nicht viel zu tun und somit wenig Wert. Sie musste einfach nur ihrem Ehemanne dienen und mag man den Geschichten meiner Großmutter glauben, weinte meine Mutter am Tage meiner Geburt, weil ich ein Mädchen wurde.
Erst dachte ich, Söhne als Erben wären gewünschter, doch heute denke ich, liegt es einfach an dem, was meine Mutter selbst erlebte: Diese Vorbestimmtheit der Zukunft.
Und wie ich sagte, man betitelte mich als hübsch. Wenn mein Vater mit oder von mir sprach, dann war es immer nur mein Aussehen. Ähnlich, als verkaufe der Züchter ein Pferd: grade Zähne, einen guten Vorbei, sicherlich wird Sie viele Kinder gebären.
Was würden sich die Reichsführer schämen, wüssten Sie um diese kleine Gemeinschaft, die so fern vom Rest der Welt lebte.
Und so konnte ich nur immer hoffen, dass der Mann, dem ich versprochen werden sollte, ein guter Mensch war. Er musste kein strahlender Prinz sein, er musste nicht reich sein und mich beschenken. Nein, er musste einfach nur mich als Lebewesen akzeptieren. Doch soviel Glück war mir nicht vergönnt.
An meinem 16. Geburtstag erfuhr ich es. Ich wusste es immer, aber ich versuchte mir einzureden, dass es andere gibt.
Es war der Pferdezüchter der Gemeinde. Vielleicht der am meisten angesehenste Mann der Gemeinschaft. Er war vermögend, er hatte schöne Zuchttiere und sogar einige Seltenheiten in seinem Repertoire. Er war auch der einzige, der seine Ware außerhalb der Gemeinschaft verkaufte.
Doch ein strahlender Prinz war er nicht. Fast an die 30 reichte sein Alter an, er war rüpelhaft, geizig und er ging sehr schlecht mit seinen Tieren um. Oft sah man ihn auf der Koppel, wo er die Peitsche gegen seine Zucht erhob. Dabei finster lachend.
Ich wäre nicht sein erstes Eheweib gewesen. Doch die Frauen davor…entschwanden irgendwie. Eine nahm sich angeblich selbst das Leben, die andere wurde verbannt und gebrandmarkt, als der Züchter sie der Untreue bezichtigte. Egal ob Sie es abstreitet, der Mann hat das letzte Wort. Und auch das erste und während meine Mutter weinend und flehend meinen Vatter anbettelte, mich nicht diesem Kerl zu versprechen, zählte mein Vater schon geistig die Güter, die er kriegen würde.
Ich hingegen versuchte es einfach zu akzeptieren und es über mich ergehen zu lassen. Redete mir stetig ein, dass er vielleicht doch ein guter Mann war, dass seine anderen Frauen wirklich nur Selbstmord und Ehebruch begannen. Man war ich naiv.
Die Hochzeit war kein großes Ereignis. Das sind Sie aber nie und bei einem Manne, dessen dritte Heirat es ist, gibt man sich wohl auch wenig Mühe.
Und dennoch wache ich nachts schweißgebadet auf, wenn mir im Kopfe dieses hässliche, dicke Gesicht mit den ungepflegten Zähnen, verschwitzten kurzen Haaren anlächelt.
Die Feierlichkeiten waren zu meinem Leidwesen schnell beendet, es ging recht unsanft auf das Gut des Züchters. Natürlich war klar, was anstand: Die Hochzeitsnacht. Ich versuchte nie daran zu denken. Ich wollte es nicht. Ich schaute aus der Kutsche und überlegte, einfach hinauszuspringen und wegzulaufen. Doch ich war Feige. Natürlich war ich das, ich war aus jetziger Sicht ein Kind. Und ein Kind muss tun, was sein Vater sagt.
Das Anwesen war riesig, an diesem grenzten die Koppel und ein großer Stall, aus welchem man einige Pferde hörte. Die Tür wurde von einer älteren Frau geöffnet, es war die Bedienstete des Züchters, die sich tief zur Begrüßung verbeugte.
Der Züchter hingegen verschwendete keine großen Worte und zerrte mich förmlich in die erste Etage, während ich noch aus dem letzten Blickwinkel von der Treppe sehen konnte, wie die Bedienstete die Sachen wegräumte, die dort hingeschmissen wurden.
Oben angekommen, es hätte nicht passender aussehen können, offenbarte sich mir ein altes Bett aus dunklem Holz, ich vermutete Eiche. Er deutete darauf, ich ging hin ohne ein Wort und setzte mich darauf.
Er fiel über mich wie ein Panther seine Beute, sein Gewicht quetschte mein Fleisch an die Knochen. Ich erspare euch die Details, welch Perversionen ihm durch den Kopf gingen. Es soll nicht euer Laster sein, mit denen ihr lebt. Wichtiger in dem Moment ist wohl, was ich dachte:
Ekel…ja, Ekel. Doch mehr, Wut und Zorn. So vieles, das ich verfluchen wollte. Die Wut breitete sich förmlich in mir aus, verdrängt die Furcht. Ich wollte weg, einfach nur weg von diesem Schwein. Ich schrie, während eine Träne mir die Wange hinabfloss, doch so sehr ich den Schmerz als dessen Körper auf meinen betitelte, war es ein inneres brennen, was sich durch meine Adern zog und mich aufschrien ließ. Die Wut entfachte ein Feuer in mir, dass all meine Sinne raubte, das mir den Wunsch nach verbranntem Fleisch brachte. Ich weiß nicht, wie genau ich es tat, doch es gab einen Knall, ein lautes poltern von einem, auf den Boden prallenden Körper und ein Aufschrei, als dieser sich erhob und in Flammen sich wieder auf den Boden warf und wälzte.
Ich rang nach Luft, die Angst, zu sterben, innerlich zu verbrennen, raubte mir nun die letzten Sinne.
Ich rollte mich zur Seite, fiel hart auf den Holzboden und keuchte und würgte, während meine trüben Augen auf den Feuerball starten, der sich in das Fleisch des Mannes brannte.
Er schüttelte den Kopf, ich wusste nicht, wo ich war, wie in einem Träume bewegte ich mich langsam gen der Tür, die vom Lärm aufgerissen wurde und ein Angstschrei nun die Symphonie der Geräusche erfüllte.
Die Bedienstete schrie auf, nahm eine Decke und warf Sie über den Züchter und presste Sie fest auf ihn, während er leblos liegen blieb. Dann erhob sich der Finger und deutete auf mich, die Augen mit Angst erfüllt, brüllte Sie etwas, Sie schrie so laut, dass es das ganze Dorf einfach wahrnehmen musste. Was genau, vermag ich nicht mehr zu sagen, doch ich kann nur mutmaßen, dass es so etwas wie „Verfluchte“ sein musste.
Meine Beine waren wie Wackelpudding, ich versuchte gerade stehen zu können, während aus meiner Lunge nur ein röcheln kam, nicht im Stande, ein Wort auszusprechen. Ich lief nach vorne, stieß den einen Tisch um und fiel wieder, doch sofort stand ich wieder auf. Die Bedienstete versuchte mich aufzuhalten, doch ich warf nur meinen Körper gegen Sie und presste Sie an die Wand, ehe ich durch die Türe die Treppen hinab förmlich fiel, die Haustüre aufriss und in die kalte Luft stieß. Es war eigentlich Wintersanfang, doch mein Körper glühte förmlich.
Das Getuschel machte sich breite, Stimmen drangen aus dem Wald heraus, die Lichter und Lampen entzündeten sich in der Nachbarschaft, jeder von den Schreien geweckt worden. Und ich wusste, was mir blühte. Menschen, die das Lied erkennen konnten, bewusst oder unbewusst, sind in Neu-Tonia nicht erwünscht…den Erben der Opfer vom Angriffe und dem Durst der Unterjochung der Arkorither.
So lief ich, in die Nacht hinein, solange, bis meine Beine auf Sand an einem Strand zusammen sackten und ich erschöpft anfing, zu schlafen. Ich erreichte das Meer, was viele Stundenmärsche vom Dorf entfernt war.
Nun war ich eine Ausgestoßene. Nie könne ich zurück gehen und die Dinge erklären, die Geschehen sind. Woher auch? Ich wusste es selbst nicht einmal.
Ich lief den Strand entlang, bis ich auf eine Klippe traf, an welchen Fischerbooten verharrten. Die Mannen dort hatten gerade Landgang, wie es schien, während die Netze von ihnen ausgeworfen waren und Fischerkörbe auf dem Wasser trieben. Ich trat näher, meine Haut war voller Schürfungen, etwas Blut lief meine Lippe hinab. Mein Brautkleid, war zerrissen und nicht mehr als Fetzen.
Es wäre närrisch gewesen, würde man meine Mutter reden hören, zu fremden Seemännern zu gehen…doch hatte ich eine Wahl?
Ich sackte vor ihnen geschwächt auf den Knien, ich hatte lange kein Essen mehr zu mir genommen, und spürte nur noch, wie 2 Hände meinen Körper empor heben, der Wellengang des Wasser unter mir schaukelte und ich dann auf ein Bett gelegt wurde. Wissen die Götter, wie lange ich schlief, aber als ich die Augen öffnete, blickte ich in das bärtige Gesicht eines ergrauten, alten Mannes, dessen Lächeln mir jegliche Angst direkt nahm.
Der Kapitän behütete mich in seiner Kajüte, er sagte mir, was geschah und das ich nun auf dem Meer seie.
Ihr Schiffsalchemist hat mich untersucht und mir Medizin gegeben, die meine Wunden heilen sollten.
Auf die Frage hin, woher ich komme, wo ich lebe und ob Sie mich nach Hause bringen sollten, entgegnete ich nur, dass ich kein Heim besitze. Mein betrübtes Gesicht verriet wohl dem Kapitän, dass man lieber nicht nachfragen sollte und so bot er mir an, auf dem Schiff zu verweilen und ein wenig mit anzupacken. Es gäbe wohl auch eine Fracht aus verschiedenen Tieren, die zu Märkten auf den Kontinenten gebracht werden und ich könne mich um Sie kümmern, sie füttern und ihre Ställe säubern. Nicht gerade die schönste Aufgabe, aber es lenkte mich ab.
Unter all den Geschöpfen, die dort in ihren Käfigen und Ställen hausten, viel mir ein roter Fuchs auf. Er war verängstigt und als ich das erste Mal in den Käfig griff, biss er mich direkt. Doch wer könnte es ihm verübeln, dachte ich mir…weggerissen von seiner Umgebung, eingesperrt in diesen Käfig. Immer, wenn ich nicht bei ihm war, wenn ich auf das offene Meer blickte, dachte ich an den Fuchs und vor allem daran, wie ähnlich wir uns waren.
Scheu, vorsichtig, ängstlich…doch wenn es sein muss, kratzbürstig und bissig. Ja, so war ich wohl nun auch…beseelt von Angst und Misstrauen…doch innerlich gestärkt und bereit, jeden meine Zähne zu zeigen, der mir Leid zutun würde.
Die Zeit verging, ich war sicher schon einige Mondläufe auf dem Schiff und lernte nach und nach die Besatzung kennen. Die rauen, brutalen Seebären fand man hier nicht. Es war mehr wie eine Familie. Jeder packte mit an und jeder kümmerte sich um den anderen. Sicher, wurde auch ab und an gestritten und ein grober Ton angeschlagen, doch es war immer herzlichst.
Keiner wollte dem anderen Leid zufügen und sie herzlichst Sie waren, so nahmen Sie auch mich auf. Sie akzeptierten meine Verschwiegenheit und bohrten nicht in meiner Vergangenheit. Es war ihnen egal, was ich erlebte oder gar tat, sie sagten, auf dem Meer sind wie alle gleich und es zählt nur, was wir nun tun werden.
Am meisten habe ich aber wohl mit dem Schiffsalchemisten geredet. Er war sehr gebildet und hatte einen fast unerschöpflichen Quell Wissens. Doch meine Vermutung, er könne in das Lied einwirken, stellten sich als falsch heraus.
Und dennoch, glaube ich, ahnte er etwas von dem Fluch, der mir auferlegt wurde. Seit jener Nacht, habe ich versucht es zu verdrängen, denn verstehen konnte ich es nicht.
Und jetzt, im Nachhinein, fallen mir einige Fragen ein, die der Alchemist mir stellte, die mir da komisch vorkamen, ihm aber ein zufriedenes Nicken beschenkten. Allen voran, welche Farbe ich wohl wäre.
Ich dachte mir, was für eine selten dämliche Frage, doch er bestand darauf, dass ich mir darüber einmal Gedanken machen sollte, welche Farbe ich wäre und wieso ich mir diese aussuchte.
So überlegte ich viel, oft, wenn ich mit dem Fuchs spielte und ihn fütterte. Er ist zwar noch vorsichtig, aber er beginnt wohl, mir zu vertrauen.
Rot war er, leuchtend rot…wäre dies eine Farbe für mich? Doch Rot steht oft für Hitze, Feuer und Blut, aber auch für Herz und Liebe. Nein, Rot wäre es nicht, selbst wenn es das Feuer war, was in mir loderte.
Dann schaute ich auf das Meer und den Himmel hinaus und dachte an Blau…für eben jene beiden Elemente…Wasser…und Luft…es wäre das Symbol für Freiheit…eine, die ich sicher habe…doch immer mit Angst verbunden…nein, es wäre auch nicht die Freiheit.
Dann schaute ich auf die Holzplanken, massives, dunkles, braunes Holz…Braun…als Farbe für Erde, für Festigkeit und Beständigkeit. Für Schutz…doch nein, auch das traf nicht zu.
Es gab so viele Farben, soviel, was man mit denen deuten konnte und als der Alchemist mich fragte, ob ich eine Farbe nun wüsste, schoss es mir in den Kopf: Schwarz.
Die Antwort schien ihn ein wenig zu verwundern, doch man konnte die Neugierde förmlich aus ihm lesen, warum ich diese Farbe wählte. Sicher, denken einige Menschen, es ist das Synonym für die Dunkelheit, für das Böse, für die schwarze Leere im Inneren des gewissenlosen Menschen. Doch dies traf nicht bei mir zu.
„Es ist die einzige Farbe, die immer bestehen bleibt. Wenn die Nacht und die Dunkelheit entschwinden, können alle anderen Farben schwarz werden. Doch nie wirst du wirklich aus Schwarz ein Rot machen können. Und…es ist wie der ewige Schutz, der Schatten, die Nacht, welche alles in sich verschlingt und verbirgt. So bin ich, schwarz…aber nicht weil ich es will, sondern weil ich es brauche. Ich brauche diesen Schutz um mich herum, damit niemand aus mir ein Rot oder ein Gelb macht. Ich werde immer dominieren.“
Der Alchemist nickte nur, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Ob ihn die Antwort überrascht hat oder gar wirklich erfreut, fand ich nie heraus. Aber es war eine Erkenntnis für mich selber.
Nach einiger Zeit erreichten wir wieder einmal das Festland und der Kapitän nahm mich vor dem Anlegen zur Seite und blickte auf mich betrübt hinab. Diese Stimmung herrschte schon seit einigen Tagen auf dem Schiff, entgangen war es mir nicht.
So sprach er, fast in väterlichem Tone, auf mich herab, es wird nun Zeit für mich zu gehen. Ich schüttelte den Kopf, ich wollte nicht, doch er erklärte mir die Situation:
„Die See ist nichts für so ein zartes Mädchen wie dich. Du bist noch jung, du musst herausfinden, wer du bist und was du sein willst. Du musst dein eigenes Leben leben. Doch sage ich dir, solltest du merken, dass das Leben auf See für dich von den Göttern vorherbestimmt ist, komme wieder.“
Die Blicke der Mannschaft waren ebenso trüb, ich ging zu jedem einzelnen und verabschiedete mich. Ich wusste, wenn der Kapitän etwas sagte, dann wurde es auch gemacht. Diskutieren war zwecklos. So erhielt ich vom Koch noch ein wenig Proviant, vom Steuermann zusammengelegt mit den anderen ein wenig Gold, vom Schiffschneider einen Umhang und ein einfaches, doch schönes Kleid und vom Alchemisten, wieder eine dieser merkwürdigen Fragen. Er hielt mir 3 Gegenstände hin, einen Stab, ein altes Buch und ein Schwert. Er sagte mir, ich solle mir eines aussuchen, was ich mitnehmen sollte.
Das Buch spiegelte den Quell des Wissens wieder. Es lehrte die Menschen und Vererbte die Vergangenheit. Ohne Sie, würden wir uns nur auf Erzählungen stützen, nicht aber auf Fakten.
Der Stab schien die Stütze zu sein. Er spiegelte in meinen Augen das gebrechliche Wesen des Menschen wieder, wenn Sie ihn bei sich trugen und verletzlich die Welt bereisten.
Doch ich nahm das Schwert. Es hatte 2 Seiten, und beide waren scharf und konnten verletzen. Sie spiegelte schön meine Seite wieder. Ja, das empfand ich, ich war ein Schwert. Bedrohlich, angriffslustig und dennoch, konnte es auch zum Schutze benutzt werden. Die Klinge als letztes Mittel für die Schlacht. Zwei Seiten und im Falle der Not, würde ich auch auf dieses Mittel setzen und mich vor allem, was mir Leid zufügen will, anwenden.
Also ging ich meinen letzten Gang über die Planke auf die festen Steinböden der Stadt. Der Kapitän nahm mich einmal verabschiedend in den Arm, ehe der 2. Mart mit einem Käfig kam und ihn mir in die Hand drückte: Der Fuchs blickte sich unsicher um, doch er drückte sich an die Käfigseite, an welcher ich stand.
Der Kapitän lächelte, erklärte nur knapp, sie haben einst den Fuchs in einem Wald, nur wenige Stundenläufe von der Stadt im Norden gefangen. Es wäre an der Zeit, dass mein treuester Freund nun auch, seine Freiheit finden kann.
Die Stadt, in welcher ich mich von meinen Seefreunden verabschiedete, war imposant. Selbst wenn Sie nur als Kleinstadt galt, sah ich so riesige Bauten aus massivem Stein nicht.
Ich schleppte mein wenig Hab und Gut und ging direkt an die Tormauer gen Norden Richtung des Waldes. Als spüre der Fuchs, wo er ist, schien er aufgeregt hin und herzugehen.
Ich ging tiefer hinein, bis jeglicher, von Menschen erzeugten Lärms verblasste und ich eine ruhige Lichtung fand. Völlig hysterisch wanderte der Fuchs und ich spürte förmlich, dass dies seine Heimat war.
So setzte ich den Käfig hinab und öffnete das Tor. Natürlich blieb der Fuchs misstrauisch, ehe er schnuppernd vorsichtig eine Pfote auf das Grün setzte, den Kopf weit nach vorne gesteckt. Dann die zweite, bis er langsam hinaus ging und dann ein wenig schneller gen das andere Ende der Lichtung trabte. Er stoppte, blickte einmal zu mir, den Kopf erhoben und für eine Sekunde, schien es, als würde er sich von mir verabschieden, gar, zögernd, mich zu verlassen. So hob ich die Hand und lächelte ihm zu, ehe er sein Kopf senkte und dann weiter ging, bis er in den Schatten der Bäume entschwand.
Es war irgendwie ein schönes Gefühl, ein Leben, das nun gelebt wird und ich sinnierte einige Zeit an dieser Lichtung.
Vor allem plagte mich eine Frage: Die Götter.
Der Fuchs galt als Sinnbild für einen, doch kann man die Götter für Leid hassen, wenn Sie doch soviel wunderbares geschaffen hatten?
Und konnte man Sie verfluchen für ihren Zwist, wenn es immer Zwei Seiten der Medaille gibt?
Ich dachte an meine Heimat, an diese aufgebrachten Menschen, die mich verfluchten. Waren Sie im Recht? Bin ich ein Monster, das gehängt werden müsse? Oder sind Sie nur naiv?
Der Krieg unter den Menschen beruft sich auf ihren Glauben, diesen Glauben erlangen Sie durch ihre Lehrungen als Kinder oder vielleicht durch die Not, die Sie erfahren mussten.
Selber habe ich aber nie mich gefragt, glaube ich an die Götter? Doch das, was geschehen ist, was ich tat mit dem Züchter…war ein Wunder. Es half mir in der Not und führte mich zum Strand, zu den Seemännern, zu dieser Lichtung. Doch die Frage ist, welchem Gott mag ich dafür danken, dass dies geschah? War es Eluive selbst? Oder war es Alatar?
Ich wusste nur, ich glaube an die Götter. Ob ich aber bereit bin, für Sie zu sterben, mag die andere Frage sein. Ich weiß um ihre Existenz, das wäre närrisch zu leugnen, doch ich muss wissen, wem ich meinen Glauben und meine Aufopferung geben mag.
Nun war ich hier also, an diesem Ort. Ich nahm mir ein Zimmer in der Herberge und habe dann nach Arbeit gesucht.
Fische ausweiden war nicht ganz so meine Profession, aber ein Aushang, dass in der ansässigen Taverne eine Schenkmaid gesucht wurde, ließ mich aufschauen.
So stellte ich mich der ruppigen, älteren Dame vor. Was das Alter anbelangte, log ich und Sie gab mir zumindest die Chance auf einen Probearbeitsabend…sogar bezahlt.
So ließ ich mich von den anderen Damen einweisen und verteilte auch schon die ersten Krüge mit Bier.
Es war ein heruntergekommenes Lokal, die Mannen, die dort versauerten, waren meist Seemänner oder Wachhabende der Miliz. Es wurde viel gelacht, viel gepöbelt, aber zumindest, das man muss der Tavernenbesitzerin lassen, hatte Sie die Trunkenbolde soweit im Griff, dass Sie ihre Hände von uns Schenkdamen wegließen.
Und so ergab es sich, dass auch in der ersten Nacht eine Schlägerei zwischen einem Seemann und einem Bauer statt fand vor den Türen.
Diese Gewalt, diese Aggressionen. Früher verstand ich nicht, wie Menschen sich so etwas gegenseitig antun konnten. Doch heute, weiß ich, hebt er sich hervor, weil 2 Menschen etwas unterschiedliches Denken. Sei es ihr Beruf, sei es ihre Religion und ihr Glaube oder sei es nur der Pegel ihres Alkoholwertes im Körper.
Ich selber dachte oft an jene Nacht, in welcher ich den Pferdezüchter in eine Fackel verwandelte. Mag es unbewusst gewesen sein, gewollt war es, dass ich ihm Gewalt antue zu meinem eigenen Schutz.
Und ich weiß, ich würde es wieder tun. Sinnlose Gewalt ist für mich Tabu. Menschen zu unterdrücken aus reinem Spaß, liegt mir nicht. Doch um meinen Willen oder meinen Glauben standfest zu machen, das wusste ich, war ich bereit, auch Gewalt anzuwenden.
Die Tavernenbesitzerin schien von mir angetan zu sein. Zumindest bot Sie mir eine Anstellung an. Sicher, ich müsse als junges Ding noch viel lernen, aber Sie glaubt, ich könne es packen.
So arbeitete ich also als Tavernendame und verdiente mir genug Gold, um Leben und Essen zu können.
Mit der Zeit lernte ich auch die Stammgäste und ihre Macken kennen. Im Grunde, waren Sie trotz ihrer schroffen und teils gewalttätigen Art liebe Menschen…mit Freunden und Familien.
Daher war ich umso mehr erstaunt, als ein alter Mann mit Stab das Etablissement betrat und eine Ziegenmilch bestellte, sich an einen der kleinen, runden Tische in die Ecke setzte und genüsslich eine Pfeife rauchte. Dabei eine lange, dunkle Robe mit feinen Verzierungen tragend und die Kapuze über den Kopf gezogen.
Als ich ihn seine Ziegenmilch an den Tisch brachte, nickte er knapp und deutete auf seinen Stuhl ihm Gegenüber.
Ich schaute hinter mich, ich war eigentlich auf Arbeit und man verbat uns, uns an die Tische der Gäste zu setzen. Doch irgendetwas an diesen alten Mann faszinierte mich. Irgendeine Stimme im Kopf rief mir zu, ich müsse mich setzen.
So tat ich es, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Tavernenbesitzerin nicht am Tresen stand.
Er paffte noch einige Male an der Pfeife, ehe er sich leicht vorbeugte und mit alter, doch freundlicher Stimme mich fragte, wenn ich 3 Wünsche frei hätte, was ich mir wünschen würde.
Ich schaute ihn mit weiten Augen an. Ich war verwirrt und ehe ich antworten konnte, kam eine andere der Schankmaids zu mir, stieß mich an und warnte mich vor der wiederkommenden Besitzerin.
Ich griff mein Tablett und machte mich weiter an die Arbeit, doch die ganze Nacht noch beobachtete ich den alten Mann, während seine Frage mir durch den Kopf hallte.
Was würde ich mir wünschen?
Es gab so vieles…doch am Ende der Nacht hatte ich wohl eine klare Vorstellung:
1) Macht! Nie wieder will ich Schutzlos sein gegen irgendjemanden. Nein, ich will das, was ich unbewusst tat, auch bewusst tun können. Es lernen, mit dem Fluch, wie es andere nannten, als Segen zu leben.
2) Ein Ziel. Nicht mehr diese Ziellosigkeit im Leben. Sondern etwas vor Augen haben, das es zu erreichen gibt. Ein höheres Ziel, dass meinem Leben einen Sinn gibt.
3) Ein Zuhause. Einen Ort, an dem ich mich wohl und geborgen und unter Meinesgleichen befinde. Ein Schutzpatron, an dem ich immer wiederkommen kann und ein beständiges Objekt einer Gemeinschaft befinde.
Ich musste lächeln in der Nacht im Bette, mit dieser Frage, hat der alte Mann unbewusst mir meinen Pfad aufgezeigt. Ich wusste nun, wo es hingehen sollte…nun musste ich nur noch die Schritte dafür gehen.
Doch wie sollte man den Weg gehen, wenn man nur die grobe Richtung kannte? Also beschloss ich, erst einmal weiter zu arbeiten und mir Gold anzusparen für eine längere Reise. Wie viel genau, war mir nicht bewusst, irgendwann würde ich vielleicht merken, dass ich genug hätte.
Zielstrebigkeit und Engagement, das waren immer meine größten Stärken. Den Willen zu etwas haben und daran zu arbeiten, egal wie schweißtreibend es auch sein müsste. Ja, das pflegte mir immer meine Mutter ein, mit ihrem warmen lächeln.
Während mein Vater mich immer als manipulatives Biest beschimpfte, zwar mit einem leichten lachen, aber unrecht hatte er nicht. Ich wusste, wie ich das von den Menschen kriege, was ich wollte. Ich hörte ihnen zu und fand ihre Begierden und Wünsche heraus, nur um dann darauf einzugehen. Und wenn das nicht half, fand man sicher immer irgendein Druckmittel.
Doch während ich so an meine Stärken dachte, wurden mir auch meine Schwächen bewusst. Vorrangig stand da wohl nun die Angst vor menschlichen Kontakt…nein…misstrauen im Vordergrund. Vor allem Männern gegenüber. Sicher, ich bezirzte und belächelte unsere Gäste und lachte auch mal über ihre Witze…doch es waren Floskeln für ein hohes Trinkgold. Generell, habe ich allerlei private Gespräche und näheren Kontakt vermieden. Und nur bei sehr wenigen Mannen, die wirklich jeden Tag ein und aus gingen und mit denen ich viel sprach, zumindest so etwas wie eine Freundschaft aufgebaut.
Die weitere Schwäche wäre wohl mein mangelndes Selbstvertrauen. Sicher, ich war zielstrebig, doch weiter unsicher.
Was wäre, wenn ich diesen Fluch nie kontrollieren könnte?
Wenn es niemand gäbe, der mich ausbilden würde?
Wenn ich gar nicht die Stärke zu so etwas besitze?
Definitiv Punkte, an welchen ich bei Zeiten arbeiten sollte.
Irgendwann, ich hatte schon eine Truhe voll Gold bei mir stehen, traf ich wieder auf den alten Mann vor den Toren der Stadt.
Ruhig saß er, wieder an seiner Pfeife ziehend, auf einem Baumstamm und starrte ins Leere.
Ich freute mich irgendwie, ihn zu treffen und gesellte mich zu ihm. Erst schwiegen wir, ehe er dann die Pfeife absetzte und begann ruhig zu sprechen.
Er sagte, ich sei ein „besonderes Mädchen“ und sollte mir gut überlegen, was ich nun tun würde.
Ich war erst verwirrt, doch schien der alte Mann mehr zu wissen, als ich glauben wollte.
Dieses Geheimnis, was mich umgab, ließ mich wieder wie einen scheuen Fuchs wirken, doch ehe ich nachfragen konnte, sprach er schon weiter.
„Viele Akademien bilden diesen Segen aus, jede mit anderen Zielen und Wertschätzungen. Einige verfolgen Horteras Weg des Wissens, andere wiederum leben nach strengen Regeln ihrer Gottheit und andere…“, er stoppte und sah mich mit diesem Blicke an, als wüsste er, was ich dachte.
Ja, andere strebten nach Kraft und Macht. Und das wollte ich auch. Diese Gabe wurde mir zum Teil gereicht in meiner größten, wehrlosen Not. Und ich sollte Sie einsetzen, dass war mir klar.
Ich will lernen, Sie zu nutzen, sie zu gebrauchen und damit jedem, der mir feindlich Gesinnt ist, niederzustrecken. Und ich will diesen Drang teilen mit Menschen, die mich führen, lehren und leiten und in mir hervorheben, wozu ich alles im Stande sein könnte.
Und so sprach der alte Mann, nachdem er abermals an seiner Pfeife zog:
„…andere, deren Macht ihr Ziel und Streben ist. So solltest du nach Rahal reisen und dort die Aufsuchen, auf das Sie dich aufnehmen und lehren würden.“
Innerlich bebte ich vor Aufregung und wusste nun, was mein Ziel war: Rahal.
An jene, die diese Letter lesen mögen.
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen, möget ihr aus jener Lernen und Weisheit erlangen.
Doch zuerst, sollte ich mich vorstellen, man nennt mich Mirania Adreana.
In meinem Heimatdorf galt ich als Hübsch, zumindest sagte meine Mutter es immer. Doch ich empfand mich eher als normal. Mit 1.68 Metern Größe war ich nicht besonders riesig, doch bei den anderen Mädchen gab es definitiv kleinere.
Auch ist mein langes, schwarzes Haar, was immer lieblich mit tiefster Nacht verglichen wurde, zwar gepflegt und leicht voluminös, aber auch nichts, was mich merklich von den anderen hervorheben würde.
Einzig meine dunklen, blauen Augen, ja, die gefielen mir immer. Und es war immer das erste, worauf die Menschen blickten, wenn ich ihnen Gegenüber stand.
Ansonsten bin ich immer Recht gepflegt und gab einiges auf mein Erscheinungsbild. Man wusste ja nie, wen man treffen konnte. Und sei es nur die Liebe des Lebens, die man dann nicht mit unangenehmem Geruch unter den Armen oder aus dem Munde verschrecken wollte.
Früher war ich eigentlich Recht fröhlich. Selbst wenn die harte Erziehung meines Vaters mich oft bremste und mich schüchtern wirken ließen. Über die Zeit muss ich es wohl verloren haben, dieses „sachte, warme und ehrliche Lächeln“, wie es meine Mutter immer nannte.
Nun meinen die Leute, ich wirke Recht Scheu, in mich gekehrt, vielleicht sogar Ängstlich und Misstrauisch. Andere, die es schafften, mich zu öffnen, empfanden mich dann wohl als unangenehmen Gesellen. Kratzfurig, angriffslustig, Männerfeindlich.
Wüssten nur die Menschen, was mich so geprägt hat, könnten Sie vielleicht einiges verstehen. Doch die große Freude oder die ewige Liebe im Leben, habe ich schon aus meinem Herzen verbannt. Denn Sie erkennen nicht die Schwäche an so einer Abhängigkeit zu anderen Menschen.
Nein, das wollte ich nie haben und dagegen erwehre ich mich mit aller Kraft. Das Kämpferherz schlägt in mir, keiner Schwäche…und vor allem, keine Schutzlosigkeit soll mich mehr heimsuchen.
Ich bin schon lange kein naives, kleines Kind mehr. Ich lebe nicht in einer Welt, in der Regenbogen den Tag erhellen und man sich Händefassend im Kreise dreht. Aber unter uns, in so einer Welt lebte ich nie.
Doch wieso das alles so kam. Was mich prägte zu dem, was ich nun bin. Das will ich euch erzählen.
Ich wuchs auf einem kleinen Dorf auf. Die Gemeinschaft war hier das ein und alles. Es waren einfache Menschen, Farmer, Fischer, Züchter. Nicht einmal Räuber hatten wirklich Interesse, hier etwas zu stehlen.
Doch selbst vor 100 Jahren hätte man diese Gemeinschaft als Veraltet und Antiquitiert angesehen. Es gab eines, was einen finsteren Schatten auf alles legte: und das war der Stand des Mannes.
Selbst unter den Armen gibt es Menschen, die einfach mehr haben, als die anderen. Und diese sind ob einiger Luxusgüter, die für Stadtleute selbstverständlich sind, angesehen.
Doch das wichtigste Luxusgut waren die Töchter der Väter. Es wurde Zwangsverheiratet. Ständig. Eine Frau hatte nicht viel zu tun und somit wenig Wert. Sie musste einfach nur ihrem Ehemanne dienen und mag man den Geschichten meiner Großmutter glauben, weinte meine Mutter am Tage meiner Geburt, weil ich ein Mädchen wurde.
Erst dachte ich, Söhne als Erben wären gewünschter, doch heute denke ich, liegt es einfach an dem, was meine Mutter selbst erlebte: Diese Vorbestimmtheit der Zukunft.
Und wie ich sagte, man betitelte mich als hübsch. Wenn mein Vater mit oder von mir sprach, dann war es immer nur mein Aussehen. Ähnlich, als verkaufe der Züchter ein Pferd: grade Zähne, einen guten Vorbei, sicherlich wird Sie viele Kinder gebären.
Was würden sich die Reichsführer schämen, wüssten Sie um diese kleine Gemeinschaft, die so fern vom Rest der Welt lebte.
Und so konnte ich nur immer hoffen, dass der Mann, dem ich versprochen werden sollte, ein guter Mensch war. Er musste kein strahlender Prinz sein, er musste nicht reich sein und mich beschenken. Nein, er musste einfach nur mich als Lebewesen akzeptieren. Doch soviel Glück war mir nicht vergönnt.
An meinem 16. Geburtstag erfuhr ich es. Ich wusste es immer, aber ich versuchte mir einzureden, dass es andere gibt.
Es war der Pferdezüchter der Gemeinde. Vielleicht der am meisten angesehenste Mann der Gemeinschaft. Er war vermögend, er hatte schöne Zuchttiere und sogar einige Seltenheiten in seinem Repertoire. Er war auch der einzige, der seine Ware außerhalb der Gemeinschaft verkaufte.
Doch ein strahlender Prinz war er nicht. Fast an die 30 reichte sein Alter an, er war rüpelhaft, geizig und er ging sehr schlecht mit seinen Tieren um. Oft sah man ihn auf der Koppel, wo er die Peitsche gegen seine Zucht erhob. Dabei finster lachend.
Ich wäre nicht sein erstes Eheweib gewesen. Doch die Frauen davor…entschwanden irgendwie. Eine nahm sich angeblich selbst das Leben, die andere wurde verbannt und gebrandmarkt, als der Züchter sie der Untreue bezichtigte. Egal ob Sie es abstreitet, der Mann hat das letzte Wort. Und auch das erste und während meine Mutter weinend und flehend meinen Vatter anbettelte, mich nicht diesem Kerl zu versprechen, zählte mein Vater schon geistig die Güter, die er kriegen würde.
Ich hingegen versuchte es einfach zu akzeptieren und es über mich ergehen zu lassen. Redete mir stetig ein, dass er vielleicht doch ein guter Mann war, dass seine anderen Frauen wirklich nur Selbstmord und Ehebruch begannen. Man war ich naiv.
Die Hochzeit war kein großes Ereignis. Das sind Sie aber nie und bei einem Manne, dessen dritte Heirat es ist, gibt man sich wohl auch wenig Mühe.
Und dennoch wache ich nachts schweißgebadet auf, wenn mir im Kopfe dieses hässliche, dicke Gesicht mit den ungepflegten Zähnen, verschwitzten kurzen Haaren anlächelt.
Die Feierlichkeiten waren zu meinem Leidwesen schnell beendet, es ging recht unsanft auf das Gut des Züchters. Natürlich war klar, was anstand: Die Hochzeitsnacht. Ich versuchte nie daran zu denken. Ich wollte es nicht. Ich schaute aus der Kutsche und überlegte, einfach hinauszuspringen und wegzulaufen. Doch ich war Feige. Natürlich war ich das, ich war aus jetziger Sicht ein Kind. Und ein Kind muss tun, was sein Vater sagt.
Das Anwesen war riesig, an diesem grenzten die Koppel und ein großer Stall, aus welchem man einige Pferde hörte. Die Tür wurde von einer älteren Frau geöffnet, es war die Bedienstete des Züchters, die sich tief zur Begrüßung verbeugte.
Der Züchter hingegen verschwendete keine großen Worte und zerrte mich förmlich in die erste Etage, während ich noch aus dem letzten Blickwinkel von der Treppe sehen konnte, wie die Bedienstete die Sachen wegräumte, die dort hingeschmissen wurden.
Oben angekommen, es hätte nicht passender aussehen können, offenbarte sich mir ein altes Bett aus dunklem Holz, ich vermutete Eiche. Er deutete darauf, ich ging hin ohne ein Wort und setzte mich darauf.
Er fiel über mich wie ein Panther seine Beute, sein Gewicht quetschte mein Fleisch an die Knochen. Ich erspare euch die Details, welch Perversionen ihm durch den Kopf gingen. Es soll nicht euer Laster sein, mit denen ihr lebt. Wichtiger in dem Moment ist wohl, was ich dachte:
Ekel…ja, Ekel. Doch mehr, Wut und Zorn. So vieles, das ich verfluchen wollte. Die Wut breitete sich förmlich in mir aus, verdrängt die Furcht. Ich wollte weg, einfach nur weg von diesem Schwein. Ich schrie, während eine Träne mir die Wange hinabfloss, doch so sehr ich den Schmerz als dessen Körper auf meinen betitelte, war es ein inneres brennen, was sich durch meine Adern zog und mich aufschrien ließ. Die Wut entfachte ein Feuer in mir, dass all meine Sinne raubte, das mir den Wunsch nach verbranntem Fleisch brachte. Ich weiß nicht, wie genau ich es tat, doch es gab einen Knall, ein lautes poltern von einem, auf den Boden prallenden Körper und ein Aufschrei, als dieser sich erhob und in Flammen sich wieder auf den Boden warf und wälzte.
Ich rang nach Luft, die Angst, zu sterben, innerlich zu verbrennen, raubte mir nun die letzten Sinne.
Ich rollte mich zur Seite, fiel hart auf den Holzboden und keuchte und würgte, während meine trüben Augen auf den Feuerball starten, der sich in das Fleisch des Mannes brannte.
Er schüttelte den Kopf, ich wusste nicht, wo ich war, wie in einem Träume bewegte ich mich langsam gen der Tür, die vom Lärm aufgerissen wurde und ein Angstschrei nun die Symphonie der Geräusche erfüllte.
Die Bedienstete schrie auf, nahm eine Decke und warf Sie über den Züchter und presste Sie fest auf ihn, während er leblos liegen blieb. Dann erhob sich der Finger und deutete auf mich, die Augen mit Angst erfüllt, brüllte Sie etwas, Sie schrie so laut, dass es das ganze Dorf einfach wahrnehmen musste. Was genau, vermag ich nicht mehr zu sagen, doch ich kann nur mutmaßen, dass es so etwas wie „Verfluchte“ sein musste.
Meine Beine waren wie Wackelpudding, ich versuchte gerade stehen zu können, während aus meiner Lunge nur ein röcheln kam, nicht im Stande, ein Wort auszusprechen. Ich lief nach vorne, stieß den einen Tisch um und fiel wieder, doch sofort stand ich wieder auf. Die Bedienstete versuchte mich aufzuhalten, doch ich warf nur meinen Körper gegen Sie und presste Sie an die Wand, ehe ich durch die Türe die Treppen hinab förmlich fiel, die Haustüre aufriss und in die kalte Luft stieß. Es war eigentlich Wintersanfang, doch mein Körper glühte förmlich.
Das Getuschel machte sich breite, Stimmen drangen aus dem Wald heraus, die Lichter und Lampen entzündeten sich in der Nachbarschaft, jeder von den Schreien geweckt worden. Und ich wusste, was mir blühte. Menschen, die das Lied erkennen konnten, bewusst oder unbewusst, sind in Neu-Tonia nicht erwünscht…den Erben der Opfer vom Angriffe und dem Durst der Unterjochung der Arkorither.
So lief ich, in die Nacht hinein, solange, bis meine Beine auf Sand an einem Strand zusammen sackten und ich erschöpft anfing, zu schlafen. Ich erreichte das Meer, was viele Stundenmärsche vom Dorf entfernt war.
Nun war ich eine Ausgestoßene. Nie könne ich zurück gehen und die Dinge erklären, die Geschehen sind. Woher auch? Ich wusste es selbst nicht einmal.
Ich lief den Strand entlang, bis ich auf eine Klippe traf, an welchen Fischerbooten verharrten. Die Mannen dort hatten gerade Landgang, wie es schien, während die Netze von ihnen ausgeworfen waren und Fischerkörbe auf dem Wasser trieben. Ich trat näher, meine Haut war voller Schürfungen, etwas Blut lief meine Lippe hinab. Mein Brautkleid, war zerrissen und nicht mehr als Fetzen.
Es wäre närrisch gewesen, würde man meine Mutter reden hören, zu fremden Seemännern zu gehen…doch hatte ich eine Wahl?
Ich sackte vor ihnen geschwächt auf den Knien, ich hatte lange kein Essen mehr zu mir genommen, und spürte nur noch, wie 2 Hände meinen Körper empor heben, der Wellengang des Wasser unter mir schaukelte und ich dann auf ein Bett gelegt wurde. Wissen die Götter, wie lange ich schlief, aber als ich die Augen öffnete, blickte ich in das bärtige Gesicht eines ergrauten, alten Mannes, dessen Lächeln mir jegliche Angst direkt nahm.
Der Kapitän behütete mich in seiner Kajüte, er sagte mir, was geschah und das ich nun auf dem Meer seie.
Ihr Schiffsalchemist hat mich untersucht und mir Medizin gegeben, die meine Wunden heilen sollten.
Auf die Frage hin, woher ich komme, wo ich lebe und ob Sie mich nach Hause bringen sollten, entgegnete ich nur, dass ich kein Heim besitze. Mein betrübtes Gesicht verriet wohl dem Kapitän, dass man lieber nicht nachfragen sollte und so bot er mir an, auf dem Schiff zu verweilen und ein wenig mit anzupacken. Es gäbe wohl auch eine Fracht aus verschiedenen Tieren, die zu Märkten auf den Kontinenten gebracht werden und ich könne mich um Sie kümmern, sie füttern und ihre Ställe säubern. Nicht gerade die schönste Aufgabe, aber es lenkte mich ab.
Unter all den Geschöpfen, die dort in ihren Käfigen und Ställen hausten, viel mir ein roter Fuchs auf. Er war verängstigt und als ich das erste Mal in den Käfig griff, biss er mich direkt. Doch wer könnte es ihm verübeln, dachte ich mir…weggerissen von seiner Umgebung, eingesperrt in diesen Käfig. Immer, wenn ich nicht bei ihm war, wenn ich auf das offene Meer blickte, dachte ich an den Fuchs und vor allem daran, wie ähnlich wir uns waren.
Scheu, vorsichtig, ängstlich…doch wenn es sein muss, kratzbürstig und bissig. Ja, so war ich wohl nun auch…beseelt von Angst und Misstrauen…doch innerlich gestärkt und bereit, jeden meine Zähne zu zeigen, der mir Leid zutun würde.
Die Zeit verging, ich war sicher schon einige Mondläufe auf dem Schiff und lernte nach und nach die Besatzung kennen. Die rauen, brutalen Seebären fand man hier nicht. Es war mehr wie eine Familie. Jeder packte mit an und jeder kümmerte sich um den anderen. Sicher, wurde auch ab und an gestritten und ein grober Ton angeschlagen, doch es war immer herzlichst.
Keiner wollte dem anderen Leid zufügen und sie herzlichst Sie waren, so nahmen Sie auch mich auf. Sie akzeptierten meine Verschwiegenheit und bohrten nicht in meiner Vergangenheit. Es war ihnen egal, was ich erlebte oder gar tat, sie sagten, auf dem Meer sind wie alle gleich und es zählt nur, was wir nun tun werden.
Am meisten habe ich aber wohl mit dem Schiffsalchemisten geredet. Er war sehr gebildet und hatte einen fast unerschöpflichen Quell Wissens. Doch meine Vermutung, er könne in das Lied einwirken, stellten sich als falsch heraus.
Und dennoch, glaube ich, ahnte er etwas von dem Fluch, der mir auferlegt wurde. Seit jener Nacht, habe ich versucht es zu verdrängen, denn verstehen konnte ich es nicht.
Und jetzt, im Nachhinein, fallen mir einige Fragen ein, die der Alchemist mir stellte, die mir da komisch vorkamen, ihm aber ein zufriedenes Nicken beschenkten. Allen voran, welche Farbe ich wohl wäre.
Ich dachte mir, was für eine selten dämliche Frage, doch er bestand darauf, dass ich mir darüber einmal Gedanken machen sollte, welche Farbe ich wäre und wieso ich mir diese aussuchte.
So überlegte ich viel, oft, wenn ich mit dem Fuchs spielte und ihn fütterte. Er ist zwar noch vorsichtig, aber er beginnt wohl, mir zu vertrauen.
Rot war er, leuchtend rot…wäre dies eine Farbe für mich? Doch Rot steht oft für Hitze, Feuer und Blut, aber auch für Herz und Liebe. Nein, Rot wäre es nicht, selbst wenn es das Feuer war, was in mir loderte.
Dann schaute ich auf das Meer und den Himmel hinaus und dachte an Blau…für eben jene beiden Elemente…Wasser…und Luft…es wäre das Symbol für Freiheit…eine, die ich sicher habe…doch immer mit Angst verbunden…nein, es wäre auch nicht die Freiheit.
Dann schaute ich auf die Holzplanken, massives, dunkles, braunes Holz…Braun…als Farbe für Erde, für Festigkeit und Beständigkeit. Für Schutz…doch nein, auch das traf nicht zu.
Es gab so viele Farben, soviel, was man mit denen deuten konnte und als der Alchemist mich fragte, ob ich eine Farbe nun wüsste, schoss es mir in den Kopf: Schwarz.
Die Antwort schien ihn ein wenig zu verwundern, doch man konnte die Neugierde förmlich aus ihm lesen, warum ich diese Farbe wählte. Sicher, denken einige Menschen, es ist das Synonym für die Dunkelheit, für das Böse, für die schwarze Leere im Inneren des gewissenlosen Menschen. Doch dies traf nicht bei mir zu.
„Es ist die einzige Farbe, die immer bestehen bleibt. Wenn die Nacht und die Dunkelheit entschwinden, können alle anderen Farben schwarz werden. Doch nie wirst du wirklich aus Schwarz ein Rot machen können. Und…es ist wie der ewige Schutz, der Schatten, die Nacht, welche alles in sich verschlingt und verbirgt. So bin ich, schwarz…aber nicht weil ich es will, sondern weil ich es brauche. Ich brauche diesen Schutz um mich herum, damit niemand aus mir ein Rot oder ein Gelb macht. Ich werde immer dominieren.“
Der Alchemist nickte nur, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Ob ihn die Antwort überrascht hat oder gar wirklich erfreut, fand ich nie heraus. Aber es war eine Erkenntnis für mich selber.
Nach einiger Zeit erreichten wir wieder einmal das Festland und der Kapitän nahm mich vor dem Anlegen zur Seite und blickte auf mich betrübt hinab. Diese Stimmung herrschte schon seit einigen Tagen auf dem Schiff, entgangen war es mir nicht.
So sprach er, fast in väterlichem Tone, auf mich herab, es wird nun Zeit für mich zu gehen. Ich schüttelte den Kopf, ich wollte nicht, doch er erklärte mir die Situation:
„Die See ist nichts für so ein zartes Mädchen wie dich. Du bist noch jung, du musst herausfinden, wer du bist und was du sein willst. Du musst dein eigenes Leben leben. Doch sage ich dir, solltest du merken, dass das Leben auf See für dich von den Göttern vorherbestimmt ist, komme wieder.“
Die Blicke der Mannschaft waren ebenso trüb, ich ging zu jedem einzelnen und verabschiedete mich. Ich wusste, wenn der Kapitän etwas sagte, dann wurde es auch gemacht. Diskutieren war zwecklos. So erhielt ich vom Koch noch ein wenig Proviant, vom Steuermann zusammengelegt mit den anderen ein wenig Gold, vom Schiffschneider einen Umhang und ein einfaches, doch schönes Kleid und vom Alchemisten, wieder eine dieser merkwürdigen Fragen. Er hielt mir 3 Gegenstände hin, einen Stab, ein altes Buch und ein Schwert. Er sagte mir, ich solle mir eines aussuchen, was ich mitnehmen sollte.
Das Buch spiegelte den Quell des Wissens wieder. Es lehrte die Menschen und Vererbte die Vergangenheit. Ohne Sie, würden wir uns nur auf Erzählungen stützen, nicht aber auf Fakten.
Der Stab schien die Stütze zu sein. Er spiegelte in meinen Augen das gebrechliche Wesen des Menschen wieder, wenn Sie ihn bei sich trugen und verletzlich die Welt bereisten.
Doch ich nahm das Schwert. Es hatte 2 Seiten, und beide waren scharf und konnten verletzen. Sie spiegelte schön meine Seite wieder. Ja, das empfand ich, ich war ein Schwert. Bedrohlich, angriffslustig und dennoch, konnte es auch zum Schutze benutzt werden. Die Klinge als letztes Mittel für die Schlacht. Zwei Seiten und im Falle der Not, würde ich auch auf dieses Mittel setzen und mich vor allem, was mir Leid zufügen will, anwenden.
Also ging ich meinen letzten Gang über die Planke auf die festen Steinböden der Stadt. Der Kapitän nahm mich einmal verabschiedend in den Arm, ehe der 2. Mart mit einem Käfig kam und ihn mir in die Hand drückte: Der Fuchs blickte sich unsicher um, doch er drückte sich an die Käfigseite, an welcher ich stand.
Der Kapitän lächelte, erklärte nur knapp, sie haben einst den Fuchs in einem Wald, nur wenige Stundenläufe von der Stadt im Norden gefangen. Es wäre an der Zeit, dass mein treuester Freund nun auch, seine Freiheit finden kann.
Die Stadt, in welcher ich mich von meinen Seefreunden verabschiedete, war imposant. Selbst wenn Sie nur als Kleinstadt galt, sah ich so riesige Bauten aus massivem Stein nicht.
Ich schleppte mein wenig Hab und Gut und ging direkt an die Tormauer gen Norden Richtung des Waldes. Als spüre der Fuchs, wo er ist, schien er aufgeregt hin und herzugehen.
Ich ging tiefer hinein, bis jeglicher, von Menschen erzeugten Lärms verblasste und ich eine ruhige Lichtung fand. Völlig hysterisch wanderte der Fuchs und ich spürte förmlich, dass dies seine Heimat war.
So setzte ich den Käfig hinab und öffnete das Tor. Natürlich blieb der Fuchs misstrauisch, ehe er schnuppernd vorsichtig eine Pfote auf das Grün setzte, den Kopf weit nach vorne gesteckt. Dann die zweite, bis er langsam hinaus ging und dann ein wenig schneller gen das andere Ende der Lichtung trabte. Er stoppte, blickte einmal zu mir, den Kopf erhoben und für eine Sekunde, schien es, als würde er sich von mir verabschieden, gar, zögernd, mich zu verlassen. So hob ich die Hand und lächelte ihm zu, ehe er sein Kopf senkte und dann weiter ging, bis er in den Schatten der Bäume entschwand.
Es war irgendwie ein schönes Gefühl, ein Leben, das nun gelebt wird und ich sinnierte einige Zeit an dieser Lichtung.
Vor allem plagte mich eine Frage: Die Götter.
Der Fuchs galt als Sinnbild für einen, doch kann man die Götter für Leid hassen, wenn Sie doch soviel wunderbares geschaffen hatten?
Und konnte man Sie verfluchen für ihren Zwist, wenn es immer Zwei Seiten der Medaille gibt?
Ich dachte an meine Heimat, an diese aufgebrachten Menschen, die mich verfluchten. Waren Sie im Recht? Bin ich ein Monster, das gehängt werden müsse? Oder sind Sie nur naiv?
Der Krieg unter den Menschen beruft sich auf ihren Glauben, diesen Glauben erlangen Sie durch ihre Lehrungen als Kinder oder vielleicht durch die Not, die Sie erfahren mussten.
Selber habe ich aber nie mich gefragt, glaube ich an die Götter? Doch das, was geschehen ist, was ich tat mit dem Züchter…war ein Wunder. Es half mir in der Not und führte mich zum Strand, zu den Seemännern, zu dieser Lichtung. Doch die Frage ist, welchem Gott mag ich dafür danken, dass dies geschah? War es Eluive selbst? Oder war es Alatar?
Ich wusste nur, ich glaube an die Götter. Ob ich aber bereit bin, für Sie zu sterben, mag die andere Frage sein. Ich weiß um ihre Existenz, das wäre närrisch zu leugnen, doch ich muss wissen, wem ich meinen Glauben und meine Aufopferung geben mag.
Nun war ich hier also, an diesem Ort. Ich nahm mir ein Zimmer in der Herberge und habe dann nach Arbeit gesucht.
Fische ausweiden war nicht ganz so meine Profession, aber ein Aushang, dass in der ansässigen Taverne eine Schenkmaid gesucht wurde, ließ mich aufschauen.
So stellte ich mich der ruppigen, älteren Dame vor. Was das Alter anbelangte, log ich und Sie gab mir zumindest die Chance auf einen Probearbeitsabend…sogar bezahlt.
So ließ ich mich von den anderen Damen einweisen und verteilte auch schon die ersten Krüge mit Bier.
Es war ein heruntergekommenes Lokal, die Mannen, die dort versauerten, waren meist Seemänner oder Wachhabende der Miliz. Es wurde viel gelacht, viel gepöbelt, aber zumindest, das man muss der Tavernenbesitzerin lassen, hatte Sie die Trunkenbolde soweit im Griff, dass Sie ihre Hände von uns Schenkdamen wegließen.
Und so ergab es sich, dass auch in der ersten Nacht eine Schlägerei zwischen einem Seemann und einem Bauer statt fand vor den Türen.
Diese Gewalt, diese Aggressionen. Früher verstand ich nicht, wie Menschen sich so etwas gegenseitig antun konnten. Doch heute, weiß ich, hebt er sich hervor, weil 2 Menschen etwas unterschiedliches Denken. Sei es ihr Beruf, sei es ihre Religion und ihr Glaube oder sei es nur der Pegel ihres Alkoholwertes im Körper.
Ich selber dachte oft an jene Nacht, in welcher ich den Pferdezüchter in eine Fackel verwandelte. Mag es unbewusst gewesen sein, gewollt war es, dass ich ihm Gewalt antue zu meinem eigenen Schutz.
Und ich weiß, ich würde es wieder tun. Sinnlose Gewalt ist für mich Tabu. Menschen zu unterdrücken aus reinem Spaß, liegt mir nicht. Doch um meinen Willen oder meinen Glauben standfest zu machen, das wusste ich, war ich bereit, auch Gewalt anzuwenden.
Die Tavernenbesitzerin schien von mir angetan zu sein. Zumindest bot Sie mir eine Anstellung an. Sicher, ich müsse als junges Ding noch viel lernen, aber Sie glaubt, ich könne es packen.
So arbeitete ich also als Tavernendame und verdiente mir genug Gold, um Leben und Essen zu können.
Mit der Zeit lernte ich auch die Stammgäste und ihre Macken kennen. Im Grunde, waren Sie trotz ihrer schroffen und teils gewalttätigen Art liebe Menschen…mit Freunden und Familien.
Daher war ich umso mehr erstaunt, als ein alter Mann mit Stab das Etablissement betrat und eine Ziegenmilch bestellte, sich an einen der kleinen, runden Tische in die Ecke setzte und genüsslich eine Pfeife rauchte. Dabei eine lange, dunkle Robe mit feinen Verzierungen tragend und die Kapuze über den Kopf gezogen.
Als ich ihn seine Ziegenmilch an den Tisch brachte, nickte er knapp und deutete auf seinen Stuhl ihm Gegenüber.
Ich schaute hinter mich, ich war eigentlich auf Arbeit und man verbat uns, uns an die Tische der Gäste zu setzen. Doch irgendetwas an diesen alten Mann faszinierte mich. Irgendeine Stimme im Kopf rief mir zu, ich müsse mich setzen.
So tat ich es, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Tavernenbesitzerin nicht am Tresen stand.
Er paffte noch einige Male an der Pfeife, ehe er sich leicht vorbeugte und mit alter, doch freundlicher Stimme mich fragte, wenn ich 3 Wünsche frei hätte, was ich mir wünschen würde.
Ich schaute ihn mit weiten Augen an. Ich war verwirrt und ehe ich antworten konnte, kam eine andere der Schankmaids zu mir, stieß mich an und warnte mich vor der wiederkommenden Besitzerin.
Ich griff mein Tablett und machte mich weiter an die Arbeit, doch die ganze Nacht noch beobachtete ich den alten Mann, während seine Frage mir durch den Kopf hallte.
Was würde ich mir wünschen?
Es gab so vieles…doch am Ende der Nacht hatte ich wohl eine klare Vorstellung:
1) Macht! Nie wieder will ich Schutzlos sein gegen irgendjemanden. Nein, ich will das, was ich unbewusst tat, auch bewusst tun können. Es lernen, mit dem Fluch, wie es andere nannten, als Segen zu leben.
2) Ein Ziel. Nicht mehr diese Ziellosigkeit im Leben. Sondern etwas vor Augen haben, das es zu erreichen gibt. Ein höheres Ziel, dass meinem Leben einen Sinn gibt.
3) Ein Zuhause. Einen Ort, an dem ich mich wohl und geborgen und unter Meinesgleichen befinde. Ein Schutzpatron, an dem ich immer wiederkommen kann und ein beständiges Objekt einer Gemeinschaft befinde.
Ich musste lächeln in der Nacht im Bette, mit dieser Frage, hat der alte Mann unbewusst mir meinen Pfad aufgezeigt. Ich wusste nun, wo es hingehen sollte…nun musste ich nur noch die Schritte dafür gehen.
Doch wie sollte man den Weg gehen, wenn man nur die grobe Richtung kannte? Also beschloss ich, erst einmal weiter zu arbeiten und mir Gold anzusparen für eine längere Reise. Wie viel genau, war mir nicht bewusst, irgendwann würde ich vielleicht merken, dass ich genug hätte.
Zielstrebigkeit und Engagement, das waren immer meine größten Stärken. Den Willen zu etwas haben und daran zu arbeiten, egal wie schweißtreibend es auch sein müsste. Ja, das pflegte mir immer meine Mutter ein, mit ihrem warmen lächeln.
Während mein Vater mich immer als manipulatives Biest beschimpfte, zwar mit einem leichten lachen, aber unrecht hatte er nicht. Ich wusste, wie ich das von den Menschen kriege, was ich wollte. Ich hörte ihnen zu und fand ihre Begierden und Wünsche heraus, nur um dann darauf einzugehen. Und wenn das nicht half, fand man sicher immer irgendein Druckmittel.
Doch während ich so an meine Stärken dachte, wurden mir auch meine Schwächen bewusst. Vorrangig stand da wohl nun die Angst vor menschlichen Kontakt…nein…misstrauen im Vordergrund. Vor allem Männern gegenüber. Sicher, ich bezirzte und belächelte unsere Gäste und lachte auch mal über ihre Witze…doch es waren Floskeln für ein hohes Trinkgold. Generell, habe ich allerlei private Gespräche und näheren Kontakt vermieden. Und nur bei sehr wenigen Mannen, die wirklich jeden Tag ein und aus gingen und mit denen ich viel sprach, zumindest so etwas wie eine Freundschaft aufgebaut.
Die weitere Schwäche wäre wohl mein mangelndes Selbstvertrauen. Sicher, ich war zielstrebig, doch weiter unsicher.
Was wäre, wenn ich diesen Fluch nie kontrollieren könnte?
Wenn es niemand gäbe, der mich ausbilden würde?
Wenn ich gar nicht die Stärke zu so etwas besitze?
Definitiv Punkte, an welchen ich bei Zeiten arbeiten sollte.
Irgendwann, ich hatte schon eine Truhe voll Gold bei mir stehen, traf ich wieder auf den alten Mann vor den Toren der Stadt.
Ruhig saß er, wieder an seiner Pfeife ziehend, auf einem Baumstamm und starrte ins Leere.
Ich freute mich irgendwie, ihn zu treffen und gesellte mich zu ihm. Erst schwiegen wir, ehe er dann die Pfeife absetzte und begann ruhig zu sprechen.
Er sagte, ich sei ein „besonderes Mädchen“ und sollte mir gut überlegen, was ich nun tun würde.
Ich war erst verwirrt, doch schien der alte Mann mehr zu wissen, als ich glauben wollte.
Dieses Geheimnis, was mich umgab, ließ mich wieder wie einen scheuen Fuchs wirken, doch ehe ich nachfragen konnte, sprach er schon weiter.
„Viele Akademien bilden diesen Segen aus, jede mit anderen Zielen und Wertschätzungen. Einige verfolgen Horteras Weg des Wissens, andere wiederum leben nach strengen Regeln ihrer Gottheit und andere…“, er stoppte und sah mich mit diesem Blicke an, als wüsste er, was ich dachte.
Ja, andere strebten nach Kraft und Macht. Und das wollte ich auch. Diese Gabe wurde mir zum Teil gereicht in meiner größten, wehrlosen Not. Und ich sollte Sie einsetzen, dass war mir klar.
Ich will lernen, Sie zu nutzen, sie zu gebrauchen und damit jedem, der mir feindlich Gesinnt ist, niederzustrecken. Und ich will diesen Drang teilen mit Menschen, die mich führen, lehren und leiten und in mir hervorheben, wozu ich alles im Stande sein könnte.
Und so sprach der alte Mann, nachdem er abermals an seiner Pfeife zog:
„…andere, deren Macht ihr Ziel und Streben ist. So solltest du nach Rahal reisen und dort die Aufsuchen, auf das Sie dich aufnehmen und lehren würden.“
Innerlich bebte ich vor Aufregung und wusste nun, was mein Ziel war: Rahal.