Aus dem Leben einer Taugenichte
Verfasst: Freitag 23. Dezember 2011, 16:16
1. Kapitel: Willardy Ohnenamen
Sachte schmiegte sich das kleine aber feine Städtchen in Küstennähe an den Weinwasser, so der Name des sich malerisch windenden und sanft rauschenden Flusses, welcher als eine Art flüssige Grenze zum Nachbarlehen Dunkelbrunn und der jetzigen Grafschaft Wetterot zu betrachten war. An Sommertagen wie diesem schien der wolkenlose Himmel ein Stück seines blauen Bandes dem munteren Gewässer zu schenken und der Weinwasser dankte die Gabe, indem er die Sonnenstrahlen wie unzählige, winzige Diamanten auf seinen Fluten brechen und sie für alle glitzern und funkeln ließ. Eine solche Idylle steckte an und so wird es wohl kaum absonderlich klingen, wenn ich nun berichte, dass auch das Grasland, welches sich in breiten, nur teils bewirtschafteten Streifen bis hin zu den Morkhanwiesen im hohen Norden streckte, sich gerade in der Flussnähe besonders saftig und prächtig entwickelte. Irgendwie wirkte in dieser wunderbaren Gegend eh alles so, als habe man einen unsichtbaren Zauber darum gewoben. Oh, sicherlich war nicht alles eitel Sonnenschein und es wird wohl auch Not und Elend zuhauf gegeben haben, doch blieben meine jungen Augen blind dafür, hatte ich doch bisher eben nur diese sommerlich süßen Sonnentage des Lebens mitbekommen und wusste dabei nicht einmal wie gut es mir wirklich ging.
Mein Name ist Willardy, doch die meisten nennen mich auch heute noch einfach nur Will, ganz genau wie damals. Das klingt nun nicht gerade weiblich und ebenso nicht die Bohne melodiös, erinnert es doch eher an einen trotzigen Bengel mit getrocknetem Rotz über der Schnute aber dann wiederum war schon damals abzusehen, dass ich nicht gerade die besten Aussichten haben würde einmal eine adrette junge Dame oder ein echter Augenschmaus zu werden und was sich damals bereits abzeichnete, hat sich bis heute bewahrheitet, doch gibt es Schlimmeres und es würde auch einen ganz anderen Blickwinkel auf meine Erzählung werfen.
Hier aber möchte ich meine Geschichte mit den Einzelheiten untermalen, die für meine jetzige Situation in gewisser Weise verantwortlich sind, oder aber massiv dazu beigetragen haben, dass ich heute an dem Punkt im Leben stehe, wo ich eben nun angelangt bin – und glaubt mir, es gibt nur wenig verwirrendere Lebenslagen!
Aber schon schweife ich ab, eine meiner Lieblingsgefahren, wenn man Mutter Oberin Elyana glauben darf und Hochgeboren von Weinhoch ebenso. Letztere ist in gewisser Weise die Frau, die mir das Leben mit Augen bar jeglicher Not, inmitten der Idylle des Landes beschert hat und dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Ja, in Weinhoch selbst, dem gemütlichen Städtchen, deren Winzer und Bierbrauer dem Namen alle Ehre bereiten, wo Kaufmänner und Wandernde gerne eine längere Reiseunterbrechung machen und die einfachen Bürger immerhin ordentlich und moralisch sind, wurde ich groß und erlebte eine Kindheit, wie sie mir eigentlich gar nicht zustand.
Die Umstände hierzu waren allerdings weniger sagenhaft und beginnen eher wie eine böse Mär, bei welcher mein ein ungleich düsteres Ende erwarten müsste... um genau zu sein, beginnen sie für mich mit dem Antlitz meiner Mutter Leyona.
Ich kann mich nicht einmal mehr an den Nachnamen meiner Mutter erinnern, denn ich war noch keine vier Jahre alt, als sie mich verließ und dies nicht, weil ihr Lebenslicht erlosch oder zu erlöschen drohte. Allerdings erinnere ich mich gut an ihr Gesicht und wann immer ich selber eine dunkle Fensterscheibe, die Brunnwasseroberfläche oder ein anderes spiegelndes Objekt, welches mir meine eigene Züge zeigt, sehe, so erblicke ich tief darin ihr wunderschönes Antlitz und stelle wieder einmal fest, wie ähnlich und im selben Moment grundverschieden wir beide allein der Optik halber sind – oder waren. Ja, ich bin mir nicht sicher ob sie noch lebt, diese Frau, die ich innerlich immer noch Mutter nenne und auf der anderen Seite bin ich mir sehr sicher, dass ich aber nicht losziehen werde, um es herauszufinden, ob sie noch am Leben ist. Leyona wählte es ganz bewusst so, dass sich unsere beiden Pfade trennten und sie blickte nie zurück, warum also sollte ich es...?
Sicher, das klingt nun als würde ich ihr zürnen und ich gestehe, dass ich wirklich enttäuscht bin, was ihre Mutterrolle in meinem Leben betrifft, doch böse bin ich ihr nicht. Vielleicht, weil ich den Grund ihres Abschieds kenne und weiß, warum sie mich loswerden wollte. Vielleicht, weil dieser Grund auch heute noch tief in mir drin an meiner Seele nagt und wer weiß schon genau, wie sehr er dann sie getroffen hat?
„Es liegt nicht an dir, Kind...“, hatte sie müde und ein wenig seufzend geraunt, während sie ihren alten Wanderrucksack packte. Bürsten waren darin noch zuhauf zu finden und ihre Borsten drückten sich innerlich gegen das abgewetzte, brüchige Leder. Bürstenbinderin war meine Mutter gewesen und ihre Mutter vor ihr und vermutlich hätte auch ich dieses Handwerk erlernt oder aber wäre zusammen mit ihr endlich in das Haus meines Vaters gezogen. Prächtig sollte es ein, wie die Häuser der Prinzen aus all den alten Mären und es war genauso wunderbar geheimnisvoll wie mein Vater selbst, das Phantom. Ich selber habe ihn nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und selbst da nur im Halbschlaf, so kurz und knapp, dass ich kaum mehr irgendetwas von ihm weiß. Schön war er, so glaube ich mich zu erinnern, doch könnte das auch daran liegen, dass meine Mutter mir stets von ihm vorgeschwärmt und auch eigentlich nur über ihn und das wundervolle Haus gesprochen hatte, in welchem sie die Herrin dann wäre. Er war sowieso das einzige Gesprächsthema, welches sie wählte, wenn sie denn einmal mit mir sprach. Die meiste Zeit saß ich alleine in dem Zimmer über der etwas abgelegenen Taverne, das sie gemietet hatte oder aber die immer beschäftigte Wirtin schickte ab und an die Tochter der Köchin um nach mir zu sehen. Leyona musste ihre Bürsten am Markt verkaufen, um uns beide zu ernähren und manchmal, so denke ich nun im Nachhinein, hat sie noch ein wenig mehr verkauft, wenn ich alleine bedenke, dass der Wirt selber nie kam, um unsere Miete einzusacken, wohl aber des Nachts nicht gerade selten an der Türe klopfte, um Hilfe bei einer kalbenden Kuh zu erbitten. So oft wie er sie da mitten zur Schlafstunde abholte, müsste eigentlich der Stall vor lauter Kälber aus allen Nähten geplatzt sein. Verübeln kann ich es ihnen aber beiden nun auch nicht, denn wir brauchten das Geld und meine Mutter war wirklich atemraubend schön. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe wie das meine und oft sagte sie mir lachend, dass ihre feurigen Locken überhaupt der eigentliche Grund waren, warum mein Vater sie, eine einfache Bürstenbinderin, gebettet hatte und ihr weiblicher, schlanker Leib taten wohl das Übrige. Ihre Augen aber glichen den meinen nicht, denn sie funkelten in einem dunklen Braunton, beinahe wie warme Kohleglut, wohingegen meine Iris von kobaltblauer Farbe ist. Das Blau an sich, habe ich wohl von meinem Vater, nur sind seine Seelenspiegel ungleich hell und eisig.
Auch dies erfuhr ich in jener Nacht, als wir packten, um wegzugehen... oder auch nur ich.
Es war einige Mondläufe nach meinem dritten Geburtstag. Mutter hatte schon am frühen Abend, als gerade die ersten Sterne über dem Dorf, dessen Namen mir auch nicht mehr einfallen mag und in welchem wir lebten, das Zimmer über der Taverne verlassen und war aufgeregt wie ein Kind in der Nacht der kleinen Geschenke tiefer in die Stadt marschiert. Ich hatte mir vorgenommen auf sie zu warten, denn ihre Nervosität war auf mich übergesprungen wie ein frecher Funke im Kamin, doch zählte ich beinahe noch als Kleinkind und so wurde ich doch mit den späteren Stunden immer müder, bis ich schließlich noch auf meinem Schemel am kleinen Ecktisch einschlief. Ich erwachte erst, als die Stimmen um mich herum schon ein wenig lauter waren und selbst dann war es irgendwie so, als habe mich etwas in mollige Wolldecken gepackt, so schläfrig und tranig fühlte ich mich. Ich hob also kaum den Kopf und brachte die schweren Lider nur blinzelnd auf, als ich fühlte, wie mich jemand recht sanft anhob. Ach, hätte ich damals nur geahnt, was ich heute so genau weiß – ich wäre mit einem Schlag hellwach gewesen. So aber wunderte ich mich nur milde darüber, dass meine verschwommene Sicht, vom Schlaf in den Augen gar nicht zu sprechen, mir ein männliches Gesicht zeigte, dessen eisfarbene Augen nachdenklich und ein wenig betrübt zu mir herabsahen. Noch als ich für mich bemerkte, dass das Haar, welches seine Züge umrahmte, sehr hell zu sein schien, war ich bereits wieder eingeschlafen und wurde Stunden später von meiner bereits packenden Mutter geweckt. Auch sie wirkte enttäuscht und gab sich noch wortkarger als sonst.
„Wir werden gehen... pack dein Zeug. Ich will noch vor dem Morgengrauen hier raus sein.“
„Warum?“, wagte ich in meiner kindlichen Unschuld verwirrt zu fragen und hörte sie schwer schlucken. „Dein Vater will nicht, dass wir beide zu ihm ziehen...“ Diesmal war mein weiteres 'Warum' wohl schon spürbar, denn sie legte mit diesem Seufzen auf den Lippen die Erklärung gleich hinten an.
„Es liegt nicht an dir, Kind... es ist deine Haarfarbe.“
~*~
Die Aussage konnte ich damals mit meinem jungen Verstand unmöglich verstehen und auch heute bin ich mir nicht ganz sicher, dass ich recht begriffen habe, was sie mir damit sagen wollte – außer, dass mein Haar wohl verachtenswert ist. Später, im Kinderhaus „Hochgesang“ und der Obhut der Mutter Oberin habe ich mehrfach versucht mit das Rostrot mittels irgendwelcher Krämertinkturen zu übertünchen, doch der einzige Erfolg, den ich damit jemals erzielte war ein seltsamer Grünton, welcher dann auch nur etwa drei Wochenläufe hielt, ehe die alte Farbe wieder die Oberhand gewann. Zuletzt war es so weit, dass Mutter Oberin und Dallda, die Lehrmagd, welche mich unter ihre Fittiche genommen hatte, mir beide versicherten es wäre nunmal der Wille der Allmutter, dass ich rostrotes Haar am Haupt hätte und die Grünstich-Eskapade wäre eine Strafe ihrer lichten Tochter, damit ich mein frevelhaftes, eitles Gehabe doch ablegen möge.
Eitel... ja, so nannten sie es, dabei hatte ich längst keinen Grund mehr eitel zu sein. Dieser war mit dem Abschied von meiner Mutter in den inneren Brunnen getaucht und dort ersoffen. Noch heute sehe ich sie die Straße entlang gehen und sich kein einziges Mal umdrehen, während ich hinter dem Tor stand, nach ihr brüllte und meine Hände durch das Gitter streckte, als könne ich sie irgendwie noch berühren. Unbeirrt war sie gegangen, leichten Schrittes, als habe sie sich von einer ungeheuerlichen Last befreit – von mir. Irgendwie wagte ich mich sogar zu erinnern, dass ich damals die Hitze in meiner Stirn zum ersten Mal verspürte und auch das ferne Summen habe ich da vernommen. Doch gut, darauf komme ich ja später noch zu sprechen... bleiben wir erst einmal bei der Bemerkung, dass meine Mutter einfach so „von mir ging“.
Mit ihr ging auch mein Nachname, denn keine der Damen, welche das Haus für heranwachsende, junge Fräulein ohne Familie führte, nannte ihn je und ich glaube, richtig wusste ihn nur die Mutter Oberin, die an jenem Abschiedstag schwer von meiner Mutter beschwatzt wurde, dass man sich meiner annehmen müsse und dabei irgendwelche Lügenmären von ihrem gefährlichen Leben mit einem wilden Appell an die Tugend des Hauses (Barmherzigkeit) und der milden Gnade der lichten Herrin mischte, bis sie nachgaben. Haus „Hochgesang“ wurde mit einem kleinen Teil des Vermögens der alten Freiin, letzte ihres Geschlechts und obendrein letzte Adelige von Weinhoch, da das winzige Lehen mit ihrem Tod erneut einfach in die Grafschaft Wetterrot übergehen würde, gegründet und lebte auch davon. Sinn dahinter war, dass die alte Dame, der ich so viel zu verdanken und sie doch nur viermal in meinem Leben bisher zu Gesicht bekommen habe, nicht ertragen konnte, dass in ihrer geliebten Stadt junge Mädchen in der Gosse landeten, weil sie zu Waisen geworden waren. Sie gab den insgesamt siebzehn bis später sogar einundzwanzig kleinen oder größeren Fräulein des Hauses somit nicht nur ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und zu Trinken, sondern sorgte auch dafür, dass jeder von uns eine grundlegende Bildung zuteil wurde. Ich für meinen Teil bin und bleibe ein Klotz was handwerkliches Geschick betrifft und nicht selten warf ich meine ungleichmäßig gesponnene Garnrolle oder schief bestickte Tüchlein auf den Boden, denn interessiert hat mich all der Damenkrempel nie wirklich, doch immerhin konnte ich in anderen Bereichen glänzen.
Jede Geschichtsstunde verfolgte ich mit Hocheifer und konnte schon mit knapp fünf Jahren flüssig und sauber lesen – tja und dies tat ich wann immer ich ein Buch, ein Pergament oder sonst irgendeinen Wisch mit Lettern darauf in die Hände bekam. Ach und das Schönste daran: man ließ mich lächelnd und kopfschüttelnd gewähren ohne je einen Versuch zu unternehmen mein handwerkliches Ungeschick mit einem Leseverbot auszubügeln. Ich durfte so sein wie ich eben noch heute ein wenig bin. Die fröhliche, etwas närrische Will Ohnenamen aus Weinhoch.
Sachte schmiegte sich das kleine aber feine Städtchen in Küstennähe an den Weinwasser, so der Name des sich malerisch windenden und sanft rauschenden Flusses, welcher als eine Art flüssige Grenze zum Nachbarlehen Dunkelbrunn und der jetzigen Grafschaft Wetterot zu betrachten war. An Sommertagen wie diesem schien der wolkenlose Himmel ein Stück seines blauen Bandes dem munteren Gewässer zu schenken und der Weinwasser dankte die Gabe, indem er die Sonnenstrahlen wie unzählige, winzige Diamanten auf seinen Fluten brechen und sie für alle glitzern und funkeln ließ. Eine solche Idylle steckte an und so wird es wohl kaum absonderlich klingen, wenn ich nun berichte, dass auch das Grasland, welches sich in breiten, nur teils bewirtschafteten Streifen bis hin zu den Morkhanwiesen im hohen Norden streckte, sich gerade in der Flussnähe besonders saftig und prächtig entwickelte. Irgendwie wirkte in dieser wunderbaren Gegend eh alles so, als habe man einen unsichtbaren Zauber darum gewoben. Oh, sicherlich war nicht alles eitel Sonnenschein und es wird wohl auch Not und Elend zuhauf gegeben haben, doch blieben meine jungen Augen blind dafür, hatte ich doch bisher eben nur diese sommerlich süßen Sonnentage des Lebens mitbekommen und wusste dabei nicht einmal wie gut es mir wirklich ging.
Mein Name ist Willardy, doch die meisten nennen mich auch heute noch einfach nur Will, ganz genau wie damals. Das klingt nun nicht gerade weiblich und ebenso nicht die Bohne melodiös, erinnert es doch eher an einen trotzigen Bengel mit getrocknetem Rotz über der Schnute aber dann wiederum war schon damals abzusehen, dass ich nicht gerade die besten Aussichten haben würde einmal eine adrette junge Dame oder ein echter Augenschmaus zu werden und was sich damals bereits abzeichnete, hat sich bis heute bewahrheitet, doch gibt es Schlimmeres und es würde auch einen ganz anderen Blickwinkel auf meine Erzählung werfen.
Hier aber möchte ich meine Geschichte mit den Einzelheiten untermalen, die für meine jetzige Situation in gewisser Weise verantwortlich sind, oder aber massiv dazu beigetragen haben, dass ich heute an dem Punkt im Leben stehe, wo ich eben nun angelangt bin – und glaubt mir, es gibt nur wenig verwirrendere Lebenslagen!
Aber schon schweife ich ab, eine meiner Lieblingsgefahren, wenn man Mutter Oberin Elyana glauben darf und Hochgeboren von Weinhoch ebenso. Letztere ist in gewisser Weise die Frau, die mir das Leben mit Augen bar jeglicher Not, inmitten der Idylle des Landes beschert hat und dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Ja, in Weinhoch selbst, dem gemütlichen Städtchen, deren Winzer und Bierbrauer dem Namen alle Ehre bereiten, wo Kaufmänner und Wandernde gerne eine längere Reiseunterbrechung machen und die einfachen Bürger immerhin ordentlich und moralisch sind, wurde ich groß und erlebte eine Kindheit, wie sie mir eigentlich gar nicht zustand.
Die Umstände hierzu waren allerdings weniger sagenhaft und beginnen eher wie eine böse Mär, bei welcher mein ein ungleich düsteres Ende erwarten müsste... um genau zu sein, beginnen sie für mich mit dem Antlitz meiner Mutter Leyona.
Ich kann mich nicht einmal mehr an den Nachnamen meiner Mutter erinnern, denn ich war noch keine vier Jahre alt, als sie mich verließ und dies nicht, weil ihr Lebenslicht erlosch oder zu erlöschen drohte. Allerdings erinnere ich mich gut an ihr Gesicht und wann immer ich selber eine dunkle Fensterscheibe, die Brunnwasseroberfläche oder ein anderes spiegelndes Objekt, welches mir meine eigene Züge zeigt, sehe, so erblicke ich tief darin ihr wunderschönes Antlitz und stelle wieder einmal fest, wie ähnlich und im selben Moment grundverschieden wir beide allein der Optik halber sind – oder waren. Ja, ich bin mir nicht sicher ob sie noch lebt, diese Frau, die ich innerlich immer noch Mutter nenne und auf der anderen Seite bin ich mir sehr sicher, dass ich aber nicht losziehen werde, um es herauszufinden, ob sie noch am Leben ist. Leyona wählte es ganz bewusst so, dass sich unsere beiden Pfade trennten und sie blickte nie zurück, warum also sollte ich es...?
Sicher, das klingt nun als würde ich ihr zürnen und ich gestehe, dass ich wirklich enttäuscht bin, was ihre Mutterrolle in meinem Leben betrifft, doch böse bin ich ihr nicht. Vielleicht, weil ich den Grund ihres Abschieds kenne und weiß, warum sie mich loswerden wollte. Vielleicht, weil dieser Grund auch heute noch tief in mir drin an meiner Seele nagt und wer weiß schon genau, wie sehr er dann sie getroffen hat?
„Es liegt nicht an dir, Kind...“, hatte sie müde und ein wenig seufzend geraunt, während sie ihren alten Wanderrucksack packte. Bürsten waren darin noch zuhauf zu finden und ihre Borsten drückten sich innerlich gegen das abgewetzte, brüchige Leder. Bürstenbinderin war meine Mutter gewesen und ihre Mutter vor ihr und vermutlich hätte auch ich dieses Handwerk erlernt oder aber wäre zusammen mit ihr endlich in das Haus meines Vaters gezogen. Prächtig sollte es ein, wie die Häuser der Prinzen aus all den alten Mären und es war genauso wunderbar geheimnisvoll wie mein Vater selbst, das Phantom. Ich selber habe ihn nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und selbst da nur im Halbschlaf, so kurz und knapp, dass ich kaum mehr irgendetwas von ihm weiß. Schön war er, so glaube ich mich zu erinnern, doch könnte das auch daran liegen, dass meine Mutter mir stets von ihm vorgeschwärmt und auch eigentlich nur über ihn und das wundervolle Haus gesprochen hatte, in welchem sie die Herrin dann wäre. Er war sowieso das einzige Gesprächsthema, welches sie wählte, wenn sie denn einmal mit mir sprach. Die meiste Zeit saß ich alleine in dem Zimmer über der etwas abgelegenen Taverne, das sie gemietet hatte oder aber die immer beschäftigte Wirtin schickte ab und an die Tochter der Köchin um nach mir zu sehen. Leyona musste ihre Bürsten am Markt verkaufen, um uns beide zu ernähren und manchmal, so denke ich nun im Nachhinein, hat sie noch ein wenig mehr verkauft, wenn ich alleine bedenke, dass der Wirt selber nie kam, um unsere Miete einzusacken, wohl aber des Nachts nicht gerade selten an der Türe klopfte, um Hilfe bei einer kalbenden Kuh zu erbitten. So oft wie er sie da mitten zur Schlafstunde abholte, müsste eigentlich der Stall vor lauter Kälber aus allen Nähten geplatzt sein. Verübeln kann ich es ihnen aber beiden nun auch nicht, denn wir brauchten das Geld und meine Mutter war wirklich atemraubend schön. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe wie das meine und oft sagte sie mir lachend, dass ihre feurigen Locken überhaupt der eigentliche Grund waren, warum mein Vater sie, eine einfache Bürstenbinderin, gebettet hatte und ihr weiblicher, schlanker Leib taten wohl das Übrige. Ihre Augen aber glichen den meinen nicht, denn sie funkelten in einem dunklen Braunton, beinahe wie warme Kohleglut, wohingegen meine Iris von kobaltblauer Farbe ist. Das Blau an sich, habe ich wohl von meinem Vater, nur sind seine Seelenspiegel ungleich hell und eisig.
Auch dies erfuhr ich in jener Nacht, als wir packten, um wegzugehen... oder auch nur ich.
Es war einige Mondläufe nach meinem dritten Geburtstag. Mutter hatte schon am frühen Abend, als gerade die ersten Sterne über dem Dorf, dessen Namen mir auch nicht mehr einfallen mag und in welchem wir lebten, das Zimmer über der Taverne verlassen und war aufgeregt wie ein Kind in der Nacht der kleinen Geschenke tiefer in die Stadt marschiert. Ich hatte mir vorgenommen auf sie zu warten, denn ihre Nervosität war auf mich übergesprungen wie ein frecher Funke im Kamin, doch zählte ich beinahe noch als Kleinkind und so wurde ich doch mit den späteren Stunden immer müder, bis ich schließlich noch auf meinem Schemel am kleinen Ecktisch einschlief. Ich erwachte erst, als die Stimmen um mich herum schon ein wenig lauter waren und selbst dann war es irgendwie so, als habe mich etwas in mollige Wolldecken gepackt, so schläfrig und tranig fühlte ich mich. Ich hob also kaum den Kopf und brachte die schweren Lider nur blinzelnd auf, als ich fühlte, wie mich jemand recht sanft anhob. Ach, hätte ich damals nur geahnt, was ich heute so genau weiß – ich wäre mit einem Schlag hellwach gewesen. So aber wunderte ich mich nur milde darüber, dass meine verschwommene Sicht, vom Schlaf in den Augen gar nicht zu sprechen, mir ein männliches Gesicht zeigte, dessen eisfarbene Augen nachdenklich und ein wenig betrübt zu mir herabsahen. Noch als ich für mich bemerkte, dass das Haar, welches seine Züge umrahmte, sehr hell zu sein schien, war ich bereits wieder eingeschlafen und wurde Stunden später von meiner bereits packenden Mutter geweckt. Auch sie wirkte enttäuscht und gab sich noch wortkarger als sonst.
„Wir werden gehen... pack dein Zeug. Ich will noch vor dem Morgengrauen hier raus sein.“
„Warum?“, wagte ich in meiner kindlichen Unschuld verwirrt zu fragen und hörte sie schwer schlucken. „Dein Vater will nicht, dass wir beide zu ihm ziehen...“ Diesmal war mein weiteres 'Warum' wohl schon spürbar, denn sie legte mit diesem Seufzen auf den Lippen die Erklärung gleich hinten an.
„Es liegt nicht an dir, Kind... es ist deine Haarfarbe.“
~*~
Die Aussage konnte ich damals mit meinem jungen Verstand unmöglich verstehen und auch heute bin ich mir nicht ganz sicher, dass ich recht begriffen habe, was sie mir damit sagen wollte – außer, dass mein Haar wohl verachtenswert ist. Später, im Kinderhaus „Hochgesang“ und der Obhut der Mutter Oberin habe ich mehrfach versucht mit das Rostrot mittels irgendwelcher Krämertinkturen zu übertünchen, doch der einzige Erfolg, den ich damit jemals erzielte war ein seltsamer Grünton, welcher dann auch nur etwa drei Wochenläufe hielt, ehe die alte Farbe wieder die Oberhand gewann. Zuletzt war es so weit, dass Mutter Oberin und Dallda, die Lehrmagd, welche mich unter ihre Fittiche genommen hatte, mir beide versicherten es wäre nunmal der Wille der Allmutter, dass ich rostrotes Haar am Haupt hätte und die Grünstich-Eskapade wäre eine Strafe ihrer lichten Tochter, damit ich mein frevelhaftes, eitles Gehabe doch ablegen möge.
Eitel... ja, so nannten sie es, dabei hatte ich längst keinen Grund mehr eitel zu sein. Dieser war mit dem Abschied von meiner Mutter in den inneren Brunnen getaucht und dort ersoffen. Noch heute sehe ich sie die Straße entlang gehen und sich kein einziges Mal umdrehen, während ich hinter dem Tor stand, nach ihr brüllte und meine Hände durch das Gitter streckte, als könne ich sie irgendwie noch berühren. Unbeirrt war sie gegangen, leichten Schrittes, als habe sie sich von einer ungeheuerlichen Last befreit – von mir. Irgendwie wagte ich mich sogar zu erinnern, dass ich damals die Hitze in meiner Stirn zum ersten Mal verspürte und auch das ferne Summen habe ich da vernommen. Doch gut, darauf komme ich ja später noch zu sprechen... bleiben wir erst einmal bei der Bemerkung, dass meine Mutter einfach so „von mir ging“.
Mit ihr ging auch mein Nachname, denn keine der Damen, welche das Haus für heranwachsende, junge Fräulein ohne Familie führte, nannte ihn je und ich glaube, richtig wusste ihn nur die Mutter Oberin, die an jenem Abschiedstag schwer von meiner Mutter beschwatzt wurde, dass man sich meiner annehmen müsse und dabei irgendwelche Lügenmären von ihrem gefährlichen Leben mit einem wilden Appell an die Tugend des Hauses (Barmherzigkeit) und der milden Gnade der lichten Herrin mischte, bis sie nachgaben. Haus „Hochgesang“ wurde mit einem kleinen Teil des Vermögens der alten Freiin, letzte ihres Geschlechts und obendrein letzte Adelige von Weinhoch, da das winzige Lehen mit ihrem Tod erneut einfach in die Grafschaft Wetterrot übergehen würde, gegründet und lebte auch davon. Sinn dahinter war, dass die alte Dame, der ich so viel zu verdanken und sie doch nur viermal in meinem Leben bisher zu Gesicht bekommen habe, nicht ertragen konnte, dass in ihrer geliebten Stadt junge Mädchen in der Gosse landeten, weil sie zu Waisen geworden waren. Sie gab den insgesamt siebzehn bis später sogar einundzwanzig kleinen oder größeren Fräulein des Hauses somit nicht nur ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und zu Trinken, sondern sorgte auch dafür, dass jeder von uns eine grundlegende Bildung zuteil wurde. Ich für meinen Teil bin und bleibe ein Klotz was handwerkliches Geschick betrifft und nicht selten warf ich meine ungleichmäßig gesponnene Garnrolle oder schief bestickte Tüchlein auf den Boden, denn interessiert hat mich all der Damenkrempel nie wirklich, doch immerhin konnte ich in anderen Bereichen glänzen.
Jede Geschichtsstunde verfolgte ich mit Hocheifer und konnte schon mit knapp fünf Jahren flüssig und sauber lesen – tja und dies tat ich wann immer ich ein Buch, ein Pergament oder sonst irgendeinen Wisch mit Lettern darauf in die Hände bekam. Ach und das Schönste daran: man ließ mich lächelnd und kopfschüttelnd gewähren ohne je einen Versuch zu unternehmen mein handwerkliches Ungeschick mit einem Leseverbot auszubügeln. Ich durfte so sein wie ich eben noch heute ein wenig bin. Die fröhliche, etwas närrische Will Ohnenamen aus Weinhoch.