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Aus dem Leben einer Taugenichte

Verfasst: Freitag 23. Dezember 2011, 16:16
von Willardy Weidenkatz
1. Kapitel: Willardy Ohnenamen

Sachte schmiegte sich das kleine aber feine Städtchen in Küstennähe an den Weinwasser, so der Name des sich malerisch windenden und sanft rauschenden Flusses, welcher als eine Art flüssige Grenze zum Nachbarlehen Dunkelbrunn und der jetzigen Grafschaft Wetterot zu betrachten war. An Sommertagen wie diesem schien der wolkenlose Himmel ein Stück seines blauen Bandes dem munteren Gewässer zu schenken und der Weinwasser dankte die Gabe, indem er die Sonnenstrahlen wie unzählige, winzige Diamanten auf seinen Fluten brechen und sie für alle glitzern und funkeln ließ. Eine solche Idylle steckte an und so wird es wohl kaum absonderlich klingen, wenn ich nun berichte, dass auch das Grasland, welches sich in breiten, nur teils bewirtschafteten Streifen bis hin zu den Morkhanwiesen im hohen Norden streckte, sich gerade in der Flussnähe besonders saftig und prächtig entwickelte. Irgendwie wirkte in dieser wunderbaren Gegend eh alles so, als habe man einen unsichtbaren Zauber darum gewoben. Oh, sicherlich war nicht alles eitel Sonnenschein und es wird wohl auch Not und Elend zuhauf gegeben haben, doch blieben meine jungen Augen blind dafür, hatte ich doch bisher eben nur diese sommerlich süßen Sonnentage des Lebens mitbekommen und wusste dabei nicht einmal wie gut es mir wirklich ging.
Mein Name ist Willardy, doch die meisten nennen mich auch heute noch einfach nur Will, ganz genau wie damals. Das klingt nun nicht gerade weiblich und ebenso nicht die Bohne melodiös, erinnert es doch eher an einen trotzigen Bengel mit getrocknetem Rotz über der Schnute aber dann wiederum war schon damals abzusehen, dass ich nicht gerade die besten Aussichten haben würde einmal eine adrette junge Dame oder ein echter Augenschmaus zu werden und was sich damals bereits abzeichnete, hat sich bis heute bewahrheitet, doch gibt es Schlimmeres und es würde auch einen ganz anderen Blickwinkel auf meine Erzählung werfen.
Hier aber möchte ich meine Geschichte mit den Einzelheiten untermalen, die für meine jetzige Situation in gewisser Weise verantwortlich sind, oder aber massiv dazu beigetragen haben, dass ich heute an dem Punkt im Leben stehe, wo ich eben nun angelangt bin – und glaubt mir, es gibt nur wenig verwirrendere Lebenslagen!

Aber schon schweife ich ab, eine meiner Lieblingsgefahren, wenn man Mutter Oberin Elyana glauben darf und Hochgeboren von Weinhoch ebenso. Letztere ist in gewisser Weise die Frau, die mir das Leben mit Augen bar jeglicher Not, inmitten der Idylle des Landes beschert hat und dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Ja, in Weinhoch selbst, dem gemütlichen Städtchen, deren Winzer und Bierbrauer dem Namen alle Ehre bereiten, wo Kaufmänner und Wandernde gerne eine längere Reiseunterbrechung machen und die einfachen Bürger immerhin ordentlich und moralisch sind, wurde ich groß und erlebte eine Kindheit, wie sie mir eigentlich gar nicht zustand.
Die Umstände hierzu waren allerdings weniger sagenhaft und beginnen eher wie eine böse Mär, bei welcher mein ein ungleich düsteres Ende erwarten müsste... um genau zu sein, beginnen sie für mich mit dem Antlitz meiner Mutter Leyona.

Ich kann mich nicht einmal mehr an den Nachnamen meiner Mutter erinnern, denn ich war noch keine vier Jahre alt, als sie mich verließ und dies nicht, weil ihr Lebenslicht erlosch oder zu erlöschen drohte. Allerdings erinnere ich mich gut an ihr Gesicht und wann immer ich selber eine dunkle Fensterscheibe, die Brunnwasseroberfläche oder ein anderes spiegelndes Objekt, welches mir meine eigene Züge zeigt, sehe, so erblicke ich tief darin ihr wunderschönes Antlitz und stelle wieder einmal fest, wie ähnlich und im selben Moment grundverschieden wir beide allein der Optik halber sind – oder waren. Ja, ich bin mir nicht sicher ob sie noch lebt, diese Frau, die ich innerlich immer noch Mutter nenne und auf der anderen Seite bin ich mir sehr sicher, dass ich aber nicht losziehen werde, um es herauszufinden, ob sie noch am Leben ist. Leyona wählte es ganz bewusst so, dass sich unsere beiden Pfade trennten und sie blickte nie zurück, warum also sollte ich es...?
Sicher, das klingt nun als würde ich ihr zürnen und ich gestehe, dass ich wirklich enttäuscht bin, was ihre Mutterrolle in meinem Leben betrifft, doch böse bin ich ihr nicht. Vielleicht, weil ich den Grund ihres Abschieds kenne und weiß, warum sie mich loswerden wollte. Vielleicht, weil dieser Grund auch heute noch tief in mir drin an meiner Seele nagt und wer weiß schon genau, wie sehr er dann sie getroffen hat?

„Es liegt nicht an dir, Kind...“, hatte sie müde und ein wenig seufzend geraunt, während sie ihren alten Wanderrucksack packte. Bürsten waren darin noch zuhauf zu finden und ihre Borsten drückten sich innerlich gegen das abgewetzte, brüchige Leder. Bürstenbinderin war meine Mutter gewesen und ihre Mutter vor ihr und vermutlich hätte auch ich dieses Handwerk erlernt oder aber wäre zusammen mit ihr endlich in das Haus meines Vaters gezogen. Prächtig sollte es ein, wie die Häuser der Prinzen aus all den alten Mären und es war genauso wunderbar geheimnisvoll wie mein Vater selbst, das Phantom. Ich selber habe ihn nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und selbst da nur im Halbschlaf, so kurz und knapp, dass ich kaum mehr irgendetwas von ihm weiß. Schön war er, so glaube ich mich zu erinnern, doch könnte das auch daran liegen, dass meine Mutter mir stets von ihm vorgeschwärmt und auch eigentlich nur über ihn und das wundervolle Haus gesprochen hatte, in welchem sie die Herrin dann wäre. Er war sowieso das einzige Gesprächsthema, welches sie wählte, wenn sie denn einmal mit mir sprach. Die meiste Zeit saß ich alleine in dem Zimmer über der etwas abgelegenen Taverne, das sie gemietet hatte oder aber die immer beschäftigte Wirtin schickte ab und an die Tochter der Köchin um nach mir zu sehen. Leyona musste ihre Bürsten am Markt verkaufen, um uns beide zu ernähren und manchmal, so denke ich nun im Nachhinein, hat sie noch ein wenig mehr verkauft, wenn ich alleine bedenke, dass der Wirt selber nie kam, um unsere Miete einzusacken, wohl aber des Nachts nicht gerade selten an der Türe klopfte, um Hilfe bei einer kalbenden Kuh zu erbitten. So oft wie er sie da mitten zur Schlafstunde abholte, müsste eigentlich der Stall vor lauter Kälber aus allen Nähten geplatzt sein. Verübeln kann ich es ihnen aber beiden nun auch nicht, denn wir brauchten das Geld und meine Mutter war wirklich atemraubend schön. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe wie das meine und oft sagte sie mir lachend, dass ihre feurigen Locken überhaupt der eigentliche Grund waren, warum mein Vater sie, eine einfache Bürstenbinderin, gebettet hatte und ihr weiblicher, schlanker Leib taten wohl das Übrige. Ihre Augen aber glichen den meinen nicht, denn sie funkelten in einem dunklen Braunton, beinahe wie warme Kohleglut, wohingegen meine Iris von kobaltblauer Farbe ist. Das Blau an sich, habe ich wohl von meinem Vater, nur sind seine Seelenspiegel ungleich hell und eisig.
Auch dies erfuhr ich in jener Nacht, als wir packten, um wegzugehen... oder auch nur ich.

Es war einige Mondläufe nach meinem dritten Geburtstag. Mutter hatte schon am frühen Abend, als gerade die ersten Sterne über dem Dorf, dessen Namen mir auch nicht mehr einfallen mag und in welchem wir lebten, das Zimmer über der Taverne verlassen und war aufgeregt wie ein Kind in der Nacht der kleinen Geschenke tiefer in die Stadt marschiert. Ich hatte mir vorgenommen auf sie zu warten, denn ihre Nervosität war auf mich übergesprungen wie ein frecher Funke im Kamin, doch zählte ich beinahe noch als Kleinkind und so wurde ich doch mit den späteren Stunden immer müder, bis ich schließlich noch auf meinem Schemel am kleinen Ecktisch einschlief. Ich erwachte erst, als die Stimmen um mich herum schon ein wenig lauter waren und selbst dann war es irgendwie so, als habe mich etwas in mollige Wolldecken gepackt, so schläfrig und tranig fühlte ich mich. Ich hob also kaum den Kopf und brachte die schweren Lider nur blinzelnd auf, als ich fühlte, wie mich jemand recht sanft anhob. Ach, hätte ich damals nur geahnt, was ich heute so genau weiß – ich wäre mit einem Schlag hellwach gewesen. So aber wunderte ich mich nur milde darüber, dass meine verschwommene Sicht, vom Schlaf in den Augen gar nicht zu sprechen, mir ein männliches Gesicht zeigte, dessen eisfarbene Augen nachdenklich und ein wenig betrübt zu mir herabsahen. Noch als ich für mich bemerkte, dass das Haar, welches seine Züge umrahmte, sehr hell zu sein schien, war ich bereits wieder eingeschlafen und wurde Stunden später von meiner bereits packenden Mutter geweckt. Auch sie wirkte enttäuscht und gab sich noch wortkarger als sonst.

„Wir werden gehen... pack dein Zeug. Ich will noch vor dem Morgengrauen hier raus sein.“
„Warum?“, wagte ich in meiner kindlichen Unschuld verwirrt zu fragen und hörte sie schwer schlucken. „Dein Vater will nicht, dass wir beide zu ihm ziehen...“ Diesmal war mein weiteres 'Warum' wohl schon spürbar, denn sie legte mit diesem Seufzen auf den Lippen die Erklärung gleich hinten an.
„Es liegt nicht an dir, Kind... es ist deine Haarfarbe.“

~*~

Die Aussage konnte ich damals mit meinem jungen Verstand unmöglich verstehen und auch heute bin ich mir nicht ganz sicher, dass ich recht begriffen habe, was sie mir damit sagen wollte – außer, dass mein Haar wohl verachtenswert ist. Später, im Kinderhaus „Hochgesang“ und der Obhut der Mutter Oberin habe ich mehrfach versucht mit das Rostrot mittels irgendwelcher Krämertinkturen zu übertünchen, doch der einzige Erfolg, den ich damit jemals erzielte war ein seltsamer Grünton, welcher dann auch nur etwa drei Wochenläufe hielt, ehe die alte Farbe wieder die Oberhand gewann. Zuletzt war es so weit, dass Mutter Oberin und Dallda, die Lehrmagd, welche mich unter ihre Fittiche genommen hatte, mir beide versicherten es wäre nunmal der Wille der Allmutter, dass ich rostrotes Haar am Haupt hätte und die Grünstich-Eskapade wäre eine Strafe ihrer lichten Tochter, damit ich mein frevelhaftes, eitles Gehabe doch ablegen möge.
Eitel... ja, so nannten sie es, dabei hatte ich längst keinen Grund mehr eitel zu sein. Dieser war mit dem Abschied von meiner Mutter in den inneren Brunnen getaucht und dort ersoffen. Noch heute sehe ich sie die Straße entlang gehen und sich kein einziges Mal umdrehen, während ich hinter dem Tor stand, nach ihr brüllte und meine Hände durch das Gitter streckte, als könne ich sie irgendwie noch berühren. Unbeirrt war sie gegangen, leichten Schrittes, als habe sie sich von einer ungeheuerlichen Last befreit – von mir. Irgendwie wagte ich mich sogar zu erinnern, dass ich damals die Hitze in meiner Stirn zum ersten Mal verspürte und auch das ferne Summen habe ich da vernommen. Doch gut, darauf komme ich ja später noch zu sprechen... bleiben wir erst einmal bei der Bemerkung, dass meine Mutter einfach so „von mir ging“.

Mit ihr ging auch mein Nachname, denn keine der Damen, welche das Haus für heranwachsende, junge Fräulein ohne Familie führte, nannte ihn je und ich glaube, richtig wusste ihn nur die Mutter Oberin, die an jenem Abschiedstag schwer von meiner Mutter beschwatzt wurde, dass man sich meiner annehmen müsse und dabei irgendwelche Lügenmären von ihrem gefährlichen Leben mit einem wilden Appell an die Tugend des Hauses (Barmherzigkeit) und der milden Gnade der lichten Herrin mischte, bis sie nachgaben. Haus „Hochgesang“ wurde mit einem kleinen Teil des Vermögens der alten Freiin, letzte ihres Geschlechts und obendrein letzte Adelige von Weinhoch, da das winzige Lehen mit ihrem Tod erneut einfach in die Grafschaft Wetterrot übergehen würde, gegründet und lebte auch davon. Sinn dahinter war, dass die alte Dame, der ich so viel zu verdanken und sie doch nur viermal in meinem Leben bisher zu Gesicht bekommen habe, nicht ertragen konnte, dass in ihrer geliebten Stadt junge Mädchen in der Gosse landeten, weil sie zu Waisen geworden waren. Sie gab den insgesamt siebzehn bis später sogar einundzwanzig kleinen oder größeren Fräulein des Hauses somit nicht nur ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und zu Trinken, sondern sorgte auch dafür, dass jeder von uns eine grundlegende Bildung zuteil wurde. Ich für meinen Teil bin und bleibe ein Klotz was handwerkliches Geschick betrifft und nicht selten warf ich meine ungleichmäßig gesponnene Garnrolle oder schief bestickte Tüchlein auf den Boden, denn interessiert hat mich all der Damenkrempel nie wirklich, doch immerhin konnte ich in anderen Bereichen glänzen.
Jede Geschichtsstunde verfolgte ich mit Hocheifer und konnte schon mit knapp fünf Jahren flüssig und sauber lesen – tja und dies tat ich wann immer ich ein Buch, ein Pergament oder sonst irgendeinen Wisch mit Lettern darauf in die Hände bekam. Ach und das Schönste daran: man ließ mich lächelnd und kopfschüttelnd gewähren ohne je einen Versuch zu unternehmen mein handwerkliches Ungeschick mit einem Leseverbot auszubügeln. Ich durfte so sein wie ich eben noch heute ein wenig bin. Die fröhliche, etwas närrische Will Ohnenamen aus Weinhoch.

Verfasst: Dienstag 27. Dezember 2011, 14:40
von Willardy Weidenkatz
2. Kapitel: Willardy Hopfener

Vermutlich würde ich auch heute noch dort wohnen, mich des Lebens freuen und nun, immerhin bald ganze siebzehn Jahresläufe alt, selber die jungen Mädchen unterrichten. Sicherlich würde ich ihnen ein wenig mehr Geschichte beibringen und sie zum Schreiben animieren, auch zur Träumerei aber keine Handwerkskunst predigen. Ich hätte den Finger ja nun immer noch nicht krumm machen müssen und selbst wenn ich ein wenig naiver und dümmer durchs Leben gehen würde, so wünschte ich mir dennoch nur kurze Zeit später bald jede Nacht, dass ich Weinhoch nie verlassen hätte. Ach, moment, dazu müsste ich wohl erst einmal voranstellen, dass ich besser nie Dallda zum Weinfest bis nach Rothschein begleitet hätte. Ah und ich sehe schon, ich werde erneut ein wenig verbal ausufern müssen...

Rothschein war ganz früher, bevor Perlensang es zu einem solch kometenhaften Aufstieg, dank dem günstig gelegenen, belebten Hafen an der ewigen Sommersee geschafft hatte, die alte Hauptstadt der Grafschaft gewesen und selbst heute noch kann sie sich damit rühmen sehr geschichtsträchtig und imposant zu sein. Da sie noch dazu die kunstvolleren Gebäude - im Vergleich zu Weinhoch - hat und weiter im Landesinnere, nahe am Lehen Buchenbuehl und somit sehr zentral, liegt, ist es sinnvoll das alljährliche Weinfest dort abzuhalten, selbst wenn die meisten Winzer ihre Hänge in der Nähe Weinhochs, oder zumindest weiter im Süden an den Flussseiten des Weinwassers, haben. Mit der Maischersaufgabe und der Bierbraukunst ist es da etwas anderes, denn da verteilen sich die bekannten Brauereien quer übers Land, bis hoch in den Norden am Hang der Gebirge, die denn Beginn der Baronie Wolfenfels kennzeichnen. Doch wäre es nun ein Braufest gewesen, welches da in Rothschein die Schaulustigen lockte, so hätten wir beide sicherlich nicht den beachtlichen Weg angetreten aber Wein war und ist so eng mit der Geschichte meiner Heimatstadt verbunden, dass Dallda und einige andere Damen jedes Jahr das Fest besuchten und als ich nun in jenem Jahr endlich fünfzehn geworden war, da hatten sie mir erlaubt mit ihnen zu gehen.

Hach, was war ich aufgedreht und glücklich.
Man sollte vielleicht dazu bemerken, dass ich zwar nie innerhalb der Mauern des „Haus Hochgesang“ verspottet oder gehänselt wurde, doch habe ich die manchmal richtig boshaften Spitznamen dann eben beim Einkauf am Wochenmarkt vernommen und letztendlich war ich ja auch nicht so dumm oder blind, dass ich nicht selber bemerkte, dass ich mich keinesfalls so prächtig zur blühenden Schönheit entwickelte, wie viele andere Mädchen in meinem Alter. Sicherlich, es gab schon auch solche die schlechter dran waren – Simareen mit ihrem stark pockennarbigen Gesicht, Jalinna, deren Nase vollends krumm war und ein dickes Muttermal direkt über ihrer Lippe prangte oder aber Thyris, die einen ganz kahlen Kopf hatte – doch ließ sich nicht leugnen, dass ich eben nicht gerade eine wahre „Dame“ optisch war... ähem, bin.
Das liegt weniger an den schiefen, etwas spitzeren Ohren, die zum Glück nur selten aus meinem Wust an Haar, wie zu kurze Eselohren oder winzige Hasenlöffel, hervorspitzen und vielleicht auch nicht daran, dass jeweils zwei meiner Schneidezähne pro Kiefer gemeint haben sie müssen sich schief übereinander schieben. Mit meinen wenigen Narben im Gesicht kann ich leben, mit der geringen Körpergröße eigentlich auf und dass das letzte Glied meiner mittleren Finger ebenfalls ein bisschen schiefer steht fällt nicht weiter auf aber wenn man dann noch bemängelt, dass ich kein zartes Geschöpf, sondern reichlich normal aber dafür nicht ausladend genug, um das heiße Attribut "kurvenreich" zu bekommen, gebaut bin, kommt man in den Bereich der Kategorie „reizlos bis zu belächeln“ und genau da halte ich mich auch heute noch. Nicht hässlich aber auch nicht hübsch, bestenfalls „niedlich“, wenn man denn Kobolde mag, denn jenen Geschöpfen sehe ich wohl leider recht ähnlich... und dann bin ich auch noch mit dieser Haarfarbe verflucht, die mir den eigenen Vater vergrault hat – aber ich schweife schon wieder ab!

Halten wir also fest, dass ich ein junges Mädchen in der vollen Reife aber eben sicherlich kein begehrenswertes Fräulein war, als ich zusammen mit Dallda und einigen Anderen die Reise nach Rothschein antrat und vielleicht sollte man auch noch irgendwo vermerken, dass die ersten meiner Freundinnen nun nach und nach verheiratet wurden, wann immer man eine passable Partie und einen braven Mann gefunden hatte, der die gut ausgebildeten Mädchen versorgen konnte und wollte. Ich stand bei solchen Gesprächen freilich nie im Mittelpunkt aus den gerade genannten Gründen und ja, das nahm ich zwar hin, doch nagte es eben innerlich massiv an mir. Welches junge Mädchen träumt denn nicht wenigstens davon einen guten Mann zu ehelichen, der sie gerne zur Braut nehmen würde? Ich zumindest damals schon und vielleicht sah man's mir an, wenn man auf so etwas achtete. Es ist nun wiederum nicht so, als hätte ich mich in Rothschein auch nur irgendeinem Mann an den Hals geworfen oder anbiedernd verhalten, doch schickte ich eben verstohlen längere Blicke den jungen Herrschaften hinterher, welche am Fest tätig waren und heute denke ich, dass er mich auch schon länger beobachtet hatte und ganz genau wusste, was in meinem dummen, naiven Kopf aber auch Herz vor sich ging.
"Er" trug und trägt auch heute noch den Namen Veith Hopfener und er sollte mein Ehemann werden, den ich beinahe schneller wieder verlor als ich ihn gew... fand.

~*~

Dallda hatte sich ganz und gar nicht so verhalten, wie ich es von der vernünftigen Lehrmagd im besten Jungfernalter kannte. Nicht so besonnen, kein Stücklein ruhig oder gar zögerlich. Es war ein wenig so, als wären ihre Scheu und Nachdenklichkeit mit jeder Meile, die zwischen uns und Weinhoch lag, mehr und mehr abgebröckelt und spätestens als sie das siebte Glas Wein an diesem Abend verköstigte, war Dallda die artige Magd des Hauses Hochgesang verschwunden und Dallda, das freche, ältere Fräulein aus Weinhoch hatte ihren Platz eingenommen, um ausgelassen mit alten Bekannten aus Rothschein zu schnattern. Ich, die zum alten Ego Dalldas wie ein Stück Inventar gehörte, wurde wohl bewusst ein wenig vergessen und mir wiederum war es nur Recht. Die Weintänze hatten nun pünktlich zum Sonnenuntergang, der die Hänge scheinbar in ein Meer aus rotorangenem Weinfeuer tauchte, begonnen und ich wusste, dass mich keiner der hübschen Winzersburschen auffordern würde. Ich war fehl am Platz und ein wenig betrübt über jene Erkenntnis, beschloss ich durch das nahegelegene Weinfeld zu schlendern, um mich selber in meinen Gedanken zu verlieren. Er hatte mich schon vorher entdeckt, das gestand er später irgendwann... zunächst, als wäre er mir aus blinder Liebe gefolgt und zuletzt kühl berechnend und so kam es dass ich nur scheinbar zufällig in den jungen Manne rannte. Seine Entschuldigungsbeteuerungen rührten mich, doch war es die Tatsache dass er nicht nur sehr schön anzusehen war, sondern mich selbst mit einer mir unbekannten Wärme und Milde entgegensah, was mich so sehr verwirrte und vollbrachte, dass mir binnen weniger Lidschläge vollkommen schwindelig war. Wie so oft zuvor, wenn ich anfing mich von Gefühlen berauschen zu lassen und kaum mehr einen klaren Kopf behalten konnte, stieg mir die seltsame Hitze seitlich in die Schläfen und spannte sich über die ganze Stirn hinweg. Eine nicht unangenehme, doch unbekannte Glut, als würde man ein Feuerlein wecken und nicht so quälend ermattend wie des Fiebers Flammenzungen. Es rauschte in meinen Ohren und mit dem seligen Rauschen begann das Summen, als würden abertausende winzige Stimmchen mitten in meinem Gehörgang ein zartes Lied anmurmeln. Ich registrierte benommen, dass er anfing mir tatsächlich Komplimente zu machen und meine „herbstfarbene Haarpracht“ bewunderte!
Vielleicht war genau das, was vollends zu viel für mein Empfinden war, der Chor der Ohrstimmen wollte loslegen, meine Sicht verschwamm und noch während er erschrocken fragte, ob denn alles in Ordnung mit mir wäre, begann ich zu straucheln und stieß gänzlich dumpf und matt in ihn. Doch statt Spott und einem ablehnenden Schubs erntete ich dafür körperliche Nähe, denn schon fand ich mich in seinen Armen wieder und obwohl ich beteuerte, dass alles in bester Ordnung sei, ja sogar begann schwächlich rebellierend gegen seine Brust zu trommeln, hob er mich wortlos hoch und trug mich zurück zum Fest. Momente in denen ich mich eher fühlte, als würde ich auf Wolken schweben statt über einen Acker getragen zu werden. Augenblicke in denen seine dunkelbraunen Rehaugen mich anstrahlten, die letzten Sonnenstrahlen sein dennoch weizenfarbenes Haar leuchten ließ und er mir seinen Namen zwinkernd verriet: Veith... Veith Hopfener... Veith Hopfener aus Rothschein – aufstrebender Braumeister der alten Kunst – jedes Wort von seinen Lippen wurde vom Chor der kleinen Tausenden summend und triumphierend empfangen.
Ich merkte nicht einmal, dass ich auf seine Fragen antwortete, als wäre ich in Hypnose.
„Willardy der Name... Will sagen die Meisten. A... aus Weinhoch. N... nein nein, da leb... leb ich im Haus Hochgesang für junge Fräulein. Bin... bin eigentlich fertig mit der Lehre aber keine große Handwerkskünstlerin. Ja, sicher... ein Eheweib wollt' ich dennoch gern mal werden.“

In der Falle!
Da ich gerade nach Dalldas Standpauke (immerhin war es alles andere als fein bei einem jungen, unbekannten Mann auf den Armen zu sitzen und umhergetragen zu werden) nicht glaubte ihn so schnell wiederzusehen, dachte ich es wäre einer meiner Tagträume, als er eines Nachmittags vor dem Tore des Hauses stand, eben just jenem Gittertor, welches mich von meiner Mutter vor über zehn Jahren fern gehalten hatte, und lächelnd zu mir hochsah.
Es sollte nicht der letzte Besuch bleiben und obwohl wir uns zunächst nur am Tor unterhielten bis das Eis meinerseits ganz gebrochen war, blieb diese Szene Dallda ein Dorn im Auge. Ach, gute Dallda, ich denke sie hatte ihn schon damals durchschaut, doch ich blindes Kind erkannte nicht, welch rasches und einfaches Spiel der junge Mann, dem so bald mein ganzes Herz zuflog, mit mir trieb. Perfide, klug und allen voran grausam aber erahnte ich nicht einmal den leisesten Hauch und schlimmer noch, ich begann mich mit Dallda zu streiten, warf ihr an den Kopf sie wolle mein Glück nicht erkennen, als sie mich wegen dem Herrenbesuch zu ermahnen begann. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an die Mutter Oberin und jene verbat mir die Unterredungen mit Veith, ließ aber zu, dass ich ihn davon in Kenntnis zu setzen habe und es kam, wie es kommen musste.
Trotzig versprach ich ihm, dass mich nichts daran hindern werde ihn weiterhin zu sehen und er setzte in genau dem rechten Moment, als ohnmächtige Wut und Verzweiflung in mit wüteten, zum letzten Streich an. Sanft ergriff er mit der Linken meine Hand und zog sie durchs Gitter an seine Brust, die Rechte legte sich unter mein Kinn und zwang mich so in seine dunklen Augen zu blicken, in welchen ich nicht nur mich, sondern wohl auch den Verstand verlor, denn als er seinen eigenen einfachen Silberring vom Ringfinger zog und ihn über den Mittleren der meinen strich (selbst da war er mir noch ein wenig zu groß) und mich fragte, ob ich denn mit ihm gehen und ihn ehelichen wolle, da antwortete ich mit einem gehauchten „Ja“. Ein törichtes Versprechen, welches er sanft mit meinem allerersten Kuss besiegelte.

Keine vierzehn Tage später nannte man mich Willardy Hopfener aus Rothschein, Weiblein vom Veith, der damit endlich das Erbe seines Vaters antreten konnte, ganz wie es in dessen Testament gestanden hatte: nur mit einem Eheweib an seiner Seite.
Zwar rührte er mich in der Zeit unserer Ehe nie an, nicht einmal des Nachts, doch geküsst hatte er mich an der Hochzeit noch drei weitere Mal und mir einen endlich passenden, güldenen Ring geschenkt, als Zeichen des Bundes. Irgendwie merkte ich aber schon am Freudentag, dass seine Küsse weniger sinnlich als vielmehr pflichtbewusst waren und der zauberhafte Chor sang kein weiteres Lied für uns beide.

Verfasst: Mittwoch 11. Januar 2012, 19:28
von Willardy Weidenkatz
3. Kapitel: Willardy Weidenkatz

Meine schleichende, erdrückende Befürchtung wurde mit jedem Tag mehr Realität. Da stimmte nicht nur „irgendetwas“ nicht, die ganze Ehe war eine aufgesetzte und sehr offen durchschaubare Farce... nun, wenn man sie denn eben durchschauen wollte. Ich hingegen wollte ganz und gar nicht sehen und hätte mir, wenn es denn etwas genutzt hätte, die Augen auch noch feste zugehalten, doch begannen wir beide zu leiden und er, wohl in der Hoffnung mir das verzweifelt-sehnsüchtige Grinsen aus dem Gesicht zu wischen, sorgte dafür, dass ich den Grund seiner plötzlich mehr und mehr ablehnenden, unterkühlten Haltung kennenlernte.
Um genau zu sein, begann dieser „Grund“ irgendwann in unserem gemeinsamen Hof ein und aus zu spazieren, wie es ihm und ihr (ohja, IHR!) beliebte. Ihr Name war Hollissa, des alten, reichen Tuchhändler Ronbyrt Wallinger insgesamt drittes Weib. So jung noch, dass sie eher sein Enkelkind statt Ehefrau sein konnte, doch hatte ihr Vater sie gewissermaßen an den ausgefuchsten Händler beim Glücksspiel verloren. Das heißt, Ronbyrt bot ihm großzügig an die erdrückende Schuldenlast zu tilgen, so er denn dann das junge Töchterlein heiraten könne und schweren Herzens willigte Hollissas Vater ein. Dass sie sich heimlich Veith, der Mann den ich nun meinen Ehemann nannte, versprochen hatte, wusste keiner und die beiden hielten es nun erst recht geheim, denn ansonsten hätte Ronbyrt trotz der Tatsache, dass sein Hahn mehr im Wind wehte, als dass er noch stand, darauf gepocht dass sein Weiblein Haus und Hof zu hüten habe. So jedoch ließ er sie ziehen, als wäre ihm gleich in welche Betten sie kroch, solange er die Namen ihrer Geliebten nicht kannte. Auf dieser „Liste“ aber stand auch nur ein einziger Name und dieser lautete Veith Hopfener, dem sie auf ähnliche Weise wie ich ganz und gar verfallen war... diesem Lump.
Vermutlich liegt es daran, dass unsere Gefühle zu diesem egoistischen Mann so ähnlich waren und die Tatsache, dass er auch sie hatte leiden lassen, um seiner eigener Wünsche willen, die mich auch heute noch keinen Groll gegen das hübsche Mädchen mit den weißblonden Korkenzieherlocken und dem stets etwas traurig-verlegenem Lächeln empfinden lassen. An ihn hingegen denke ich mit einer hässlichen Mischung aus bittersüßem Verlustschmerz und tiefer Abscheu, hätte er doch einfach warten können, bis der alte Ronbyrt den letzten Atemzug machte, um seine junge Witwe, die Veith so über alles liebte, endlich zu ehelichen... aber nein, es ging dem Herrn nicht schnell genug.
Sein eigener Vater war im letzten Jahr verschieden und hatte (vermutlich weil sein feiner Sohn schon zu jüngeren Zeiten ein Wendehals und Hurenbock gewesen war) eine saubere Eheschließung als Bedingung für die Übernahme des großen Gutshof und der Brauerei genannt. Nachdem Hollissa, die er wohl begehrte und vielleicht sogar ein wenig liebte, nun den Bund mit Ronbyrt Wallinger vollziehen musste, brauchte er schnell Ersatz. Jemand, der ihn und seine Weibergeschichten nicht kannte, jemand von außerhalb der nicht so schnell über das Gerücht zwischen ihm und Hollissa erfahren würde und jemand der dumm oder verzweifelt genug war, ihm binnen kürzester Zeit ein Eheversprechen zu geben und dennoch einen blütenreinen Hintergrund hatte – jemanden wie mich eben.

Doch nun, da er bekommen hatte, wonach seine geldliche Gier verlangte, war ich nicht länger erwünscht, denn seine Leidenschaft stillte er an Hollissa, während er dazu überging durch mich hindurch zu sehen. Dennoch blieb ich da, unübersehbar trotz der geringeren Größe. Ich weiß nicht genau, was mich bewegt hat beinahe ein halbes Jahr mit ihm (und in gewisser Weise auch Hollissa) unter einem Dach zu verbringen, doch fürchte ich es war die schon bald verzweifelte Hoffnung, dass wir uns schon alle noch an einander gewöhnen würden. Vielleicht, so sagte ich mir, müsste er mich ja auch nicht unbedingt lieben, es würde ja schon langen, wenn er mich denn leiden und respektieren würde... außerdem liebte ich ihn doch für uns beide!
Genau dieses Denken und mein unterwürfiges, doch stets aufgesetzt-fröhliches Gemüt widerten ihn nur noch mehr an und ich entfremdete ihn mir schließlich gänzlich – er wurde zuerst wortkarg, dann plötzlich gehässig und zuletzt grob, in Worten aber auch Taten.
Als er mir eines Tages so wild nach dem Kopf schlug, dass ich mich weinend fallen ließ, die Hände vors Gesicht riss und am Boden zusammenkauerte, um ihm kaum Angriffsfläche zu bieten, sprudelten die Fragen aus dem Inneren unter heftigem Schluchzen heraus:

„Warum? Wa... warum tust du das? Wa... was hab ich dir denn get... an? Wie...so liebst du mich n... nicht mehr?“ Und endlich erhielt ich die Antwort, die mir die letzte Illusion raubte, mehrfach tödlich in mein Herz stach und alte Wunden aufriss, doch mich ebenso wachrüttelte und dafür sorgte, dass ich klar sehen konnte, wer da vor mir stand.

„Wie dämlich bist du eigentlich“, begann seine „Liebesrede“ und mit diesen Worten sollte es auch in mir drin beginnen. Ich sage „es“, weil ich nicht genau weiß was es war -Donnerknispel! Ich bin mir nicht einmal sicher ob die ganze Sache denn überhaupt vollkommen real und nicht doch ein Hirngespinst ist!- , doch kann und werde ich versuchen nach allen mir verfügbaren Worten haschend zu greifen, um zu beschreiben wie in etwa „es“ sich denn anfühlte.
Mit seinem ersten Satz verstummte ich augenblicklich, so sehr schienen seine Worte vor Gehässigkeit und Abscheu zu triefen. Mit meiner äußerlichen Stille wurde es auch in mit still, doch nicht wirklich mundtot, als vielmehr gefährlich lauernd leise, als würde „es“ ihm drohen, dass er den Mund zu halten habe und besser nicht weitersprechen möge. Zu schade, dass er „es“ nicht hören konnte, denn nun setzte er zum nächsten Schlag an:

„Wann hast du denn das letzte Mal in den Spiegel geblickt, hm? Weißt du eigentlich wie du aussiehst, Will?“ Da war sie wieder, die Hitze in meinen Schläfen und diesmal warf irgendwer sehr schnell sehr viele Kohlen in das kleine Feuerchen, denn es begann mehr und mehr anzufachen. Er indes, der all dies nicht sah, hörte oder spürte, kam gerade erst so richtig in Fahrt.
„Will... Will... allein der Name sagt so viel, du dummes Stück. Was meinst du, warum sie dich wie einen rotzigen Burschen benennen obwohl man doch sieht, dass du ein Weib bist? Was denkst du denn, hm?“
Nachdem er nun auch in einen lauernden Ton fiel, krampfte sich mein Magen zusammen, doch „es“ ahnte, dass er nun lostösen würde und spannte sich hingegen an, als würde auch da irgendetwas gleich herausbrechen. In meinen Schläfen wurde die Hitze seltsam knisternd, in etwa so als wenn ein Feinschmied hauchdünnen Draht immer näher an die Glut halten und einfach ignorieren würde, dass dieser sich langsam immer greller schmelzend verfärbt. Der Chor setzte in meinen Ohren wieder ein, diesmal sangen alle Stimmen einen einzigen Ton und begann jenen zuerst langsam, dann aber erschreckend bald schneller immer weiter in die Höhe zu schrauben und was er an Höhe erklomm gewann er auch an Lautstärke dazu.
Unter all dem komischen Druck, dem mein Geist noch immer verzweifelt stand hielt, hatte ich Mühe meine Konzentration zu wahren. Es begann vor meinen Augen zu flirren und zu flimmern und ich meinte nach und nach immer deutlicher funkelnde Schlieren zu sehen, die meine Sicht überlagerten wie ein allumfassendes Spinnennetz. Heftig begann ich zu blinzeln, den Kopf zu schütteln und zu ächzen. Veith aber sah dies wohl eher als eine Art Widerstand gegen seine boshaften Phrasen und ehe ich recht reagieren konnte, hatte er mit der Rechten fest in mein Haar gegriffen und riss mich, vor Schmerz und Schrecken aufbrüllend, daran hoch.

„Los, holen wir's nach und schauen in den Spiegel... komm, sieh her verdammt!“
Ich jaulte noch immer vor Schmerz, denn nun hatte er mich quer durch den Flur bis in den Waschraum gezerrt und soweit angehoben, dass ich doch wieder stehen musste, wenn ich nicht mehrere Büschel Haar aus der Kopfhaut gerissen haben wollte. Wimmernd, doch folgsam sperrte ich die Augen auf und versuchte, nun durch ein ganzes Spinnennetzmeer und Tränenblindheit hindurch artig mein Spiegelbild zu erkennen. Der Chor schrillte derweil schon in unangenehm hoher Tonlage und Veiths Stimme schaffte es allein durch die darin offene, unverhohlene Abneigung diesen noch zu übertönen.
„Segelohren wie ein Eselsgetier, ein Gebiss wie ein verkrüppelter Zwerggaul, die gesamte Fratze wie ein bescheuerter Koboldwicht...“ mit jedem Wort gellte der Chor weiter und entsetzt stellte ich fest, dass er Recht hatte! Recht! Glimmend spürte ich die Drähte durchschmoren und alles in mir in Brand setzen, während das Spinnennetz mehr und mehr von meinen eigenen Zügen im Spiegel preis gab und ich merkte wie meine Augen sich weiteten, als ich das Grauen nun Stück für Stück offen sah!

- Ja, meine Ohren waren lang, so lang, schienen zu wachsen und grünliches Fell prangte in dicken Büscheln an den Spitzen. Meine Zähne waren vollends schief und spitz, als hätte ich sie gegen dickere Nadeln getauscht, mir jedoch wahllos in den Kiefer geschlagen. Noch während das Grinsen meines abscheulichen Spiegelbildes breiter wurde, realisierte ich, dass meine Nase breiter und knollig war, die Haut etwas fleckiger schien und ebenfalls in einem giftigen, grässlichen Grünton schimmerte. Tief in dem räudigen Gesicht verborgen glitzerten aber meine bläulichen Augen und nun glomm ein dunkles, böses Feuer darin, ganz so als wäre es von unheiliger Natur. Kobold... KOBOLD! Ich war tatsächlich ein abscheulicher Kobold und dieser grinste mich höhnend an, während meine Kopf schmerzlich verbrannte und der Chor einen letzten unmenschliche Schrei ausstieß, in den ich einfiel:
„Untiiiiiiieeeer!“

Lachend stieß mich Veith wieder von sich und schüttelte die blonden Locken lasziv, während ich matt merkte, dass ich am ganzen Körper wie Espenlaub zitterte. Mir wurde schwummrig und vermutlich hätte ich in meiner Hysterie ganz durchgedreht. Entweder, so vermute ich, hätte mein Verstand einen Überschlag gemacht und mich weit fernab jeglicher Realität geschossen, will sagen ich wäre verrückt geworden oder aber ich wäre zumindest für die nächsten Stunden zu einem heillos schluchzenden Häufchen Elend verkommen. Nichts von beidem aber sollte geschehen, denn der feine „Herr“ tat sich und mir den Gefallen mein am Boden zerstörtes, verwirrtes Ego noch einmal zu treten.
„Im Übrigen hab ich gelogen... ich kann rote Haare nicht ausstehen – hätt' dich schon allein wegen denen nicht genommen!“
Und das war der Moment in dem wieder alles schlagartig zu einer bizarren-gefassten Ruhe umschlug, ich mich wortlos aufrappelte, ihm eine einzige Backpfeife gab und dann zusah dass ich so schnell wie möglich aus dem Haus kam, ehe dieser überraschende Moment verklungen und er mich grün- und blau prügeln würde. Ich begann zu rennen, als ich an die Hausschwelle kam und ihn toben hörte. Erst spät in der Nacht schlich ich in das Gebäude zurück, packte meine sieben Sachen und nahm auch die beiden Ringe, welche er mir vermacht hatte, mit in die neue Freiheit.
Doch obwohl ich nun langsam davon überzeugt war, dass es mein zerrissener Geist im Ausnahmezustand gewesen war, welcher mir dieses grauenvolle Monstrum als Spiegelbild gezeigt hatte, hielt ich mich lange ganz bewusst von spiegelnden Oberflächen fern.

~*~

Seit einem halben Jahr nun wohne und arbeite ich in Perlensang, für mich schon ein Ungetüm an Stadt, doch noch lange nichts gegen jene, welche im Nordosten, also in der Baronie, liegen. Dies habe ich mir sagen lassen, mehrfach! Denn so ziemlich alle der anderen Wäscherinnen mit welchen ich zusammen mein täglich Brot verdiene, träumen davon aus Wetterrot heraus zu kommen und in die großen, bedeutenden Städte zu ziehen, wo sie glauben etwas mehr Glück als hier zu haben.
Ach und ich stehe daneben und bin mir nicht sicher, ob ich sie milde belächeln oder eher beeindruckt sein soll, denn obwohl dies sicher nur eine weitere Illusion und äußerst unrealistische Hoffnung ist, so haben sie doch allesamt schon weit mehr erduldet und durchgemacht als ich, die hier steht und so lange keine Träume mehr spinnen und keine Luftschlösser mehr bauen wollte. Ach, wäre ich damal, kurz nach meiner Ankunft hier, nicht auf das Kind gestoßen, so hätte ich heute wieder keinen Nachnamen und noch immer würde ich es nicht wagen nach meinem Spiegelbild zu sehen, aus Angst die Bestätigung zu bekommen, dass ich wirklich ein grausiges Ungetüm wäre.
Ja, die Sache mit dem Kind war schon etwas Besonderes und in solchen Momenten bin ich mir wieder einmal sicher, dass die Lichte uns alle still beobachtet und doch Hoffnung schickt, wenn wir am Rande der Verzweiflung wandeln. Hoffnung in den seltsamsten Gestalten, bei mir in Form von reiner Unschuld und Güte...

Ich war schon seit vielen Stunden in der Stadt und hatte mich, erschlagen von der Größe und der Tatsache, dass ich es nicht wagte lange den Kopf zu heben, aus Angst man könne vor meiner Fratze zurückschrecken, vollkommen verlaufen. Doch in Perlensang führen alle Wege irgendwie immer zum riesenhaften Hafen und so stand auch ich irgendwann am Kai, lief ziellos umher und ließ zu, dass mich Passanten, Matrosen, Passagiere und Hafenarbeiter gleichermaßen umherscheuchten oder beiseite schoben. Irgendwann war dann auch die letzte Kraftreserve verbraucht und in einer nasskalten Ecke, zwischen den schimmeligen Überresten einiger Fässer und einer ausgedehnten, großen Regenwasserlache, ließ ich mich nieder, zog die Beine zusammenkauernd an und legte die Stirn auf die Knie. Ich muss ein jämmerliches, abgerissenes Bild abgegeben haben, denn ich glaube dass ich noch nicht lange so stumpf in dieser hässlichen Ecke saß und mich mehr und mehr emotional fallen ließ, als eine feine, helle Stimme an mein Ohr drang.

„Armes Mädchen, hast du Hunger?“
Erstaunt hob ich den Kopf und starrte in das runde Mondgesicht eines etwa siebenjährigen Knaben, dessen große Kinderaugen mich erwartungsvoll und warm ansahen. Zu spät fiel mir ein, dass ich ja vielleicht ein Ungeheuer wäre und fürchtete er würde davonrennen, denn schon sog er leise die Luft ein, doch während sich die Angst auf meinen Zügen ausbreitete, begann er zu lächeln.
„Du bist traurig, hm? Warte mal, da hab ich auch was aber mein Brot kannst du dennoch haben...“ und schon legte er die duftige Scheibe auf meine Knie, um selber in einem hübsch verzierten Leinenbeutel zu wühlen. Erleichtert jauchzte er auf und drückte mir kurz darauf schon einen Stock.. nein Ast, einen Weidenast in die Hand.
„Schau...“, begann er strahlend und erklärend, während der runde kleine Zeigefinger auf die seltsame Gabe wies, „... der ist voller Knospen und die öffnen sich bald, wenn du ihn in Wasser stellst. Dann kann man die Weidenkatzen sehen und die musste dann berühren und dir was wünschen. Die sind so fein! Ganz weich, warm und die trösten auch...Wunsch geht dann in Erfüllung versprochen.“
Er wollte noch etwas anfügen, wahrscheinlich aufgrund meines verständnislosen Blickes, doch rief irgendwer nicht allzu weit entfernt ein Wort, vielleicht einen Namen und der Junge machte einen Satz zurück. „Ich muss weiter, sonst macht sich Nanna Sorgen... aber glaub mir, es wirkt. Versprochen!“
Damit war er im Gedränge verschwunden und ließ mich verdattert zurück.
Erst viele Momente später begann ich mich ein wenig nach links zu strecken, sehr vorsichtig und unsicher, der Pfütze entgegen und als ich endlich so weit zur Seite gebeugt war, dass ich mich selber im Regenwasser entdeckte, da hatte sich schon der erste Weidenkatzen-Wunsch erfüllt, denn kein grässliches Monstrum, wohl aber ein hohlwangiges, müdes und recht verheultes Mädchen blickte mir unsicher entgegen.

Seither ist die Weidenkatz mit all ihrem Trost nicht nur mein Nachname geworden, sondern auch mein kleiner Ansporn langsam wieder aus mir heraus zu kommen, fort vom Schneckenhaus und wieder ganz in alter Marnier aufzutauen. Ich weiß auch schon, was als Nächstes auf dem Plan steht:
Goldring loswerden und gegen eine Schiffsreise tauschen, weit weg von hier, an ein Ufer wo mich niemand kennt und wo ich vielleicht doch Gewissheit über das „es“ bekommen könnte, welches eventuell in mir schlummert.
Oh, ich weiß – irgendwohin wo es eine verdammt große Bibliothek gibt!