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Nevyn Silberhand

Verfasst: Mittwoch 14. Dezember 2011, 12:20
von Viridian
"Erster" Teil

Wer seinem Herrn die Treue hält
und auch Temora wohlgefällt,
weil Ehre er und Demut kennt
und Hohen Mut sein Eigen nennt,
mit Starkem Arm die Schwachen schützt,
auf Mitgefühl sein Tun stets stützt;
wer stets erstrebt Gerechtigkeit,
das Knie gebeugt in Geistigkeit;
wer scharfer, wacher Sinne ist,
die guten Sitten nie vergisst,
wer tapfer immer Neues wagt
und auch bei größtem Leid nie klagt
und nie das Rechte Maß verliert,
sich selbst mit höchstem Streben ziert –
Bewundernd nennt ein jeder ihn
im ganzen Volk: den Paladin.

Aus dieser hohen Runde
erhielt ich jene Kunde
vom Helden Nevyn Silberhand,
der einst verteidigte dies Land.
Von ihm will ich euch singen,
um Kurzweil euch zu bringen.
Doch eh ich nun beginne,
gestattet, wenn ich sinne,
dass ihr zuvor erfahret,
wer diese Mär bewahret.
Wem diese Klänge Freude sind,
wie der laue Frühlingswind,
der Winters Macht bezwinget
und Lebens Kraft beschwinget,
der bitte für mich Armen,
Temora um Erbarmen.
Viridian bin ich genannt,
war selbst als Kämpfer einst bekannt.
Ich reiste lange durch die Welt,
war manchem Herren unterstellt.
Erfuhr dort viele Lieder -
nun gebe ich sie wieder.
Ich singe Adoran zum Lob,
das mich aus dem Dunkel hob.
So lauschet nun der Weise
in diesem festlich’ Kreise.

Einmal hat der kühne Held
sich Lady Darna zugesellt.
Man sah die beiden reiten
und sich dabei streiten.
"Ich sage Euch, der Ketzerort,
dieser Schandfleck, er muss fort!
Allerlei Halunken
vertreiben in Spelunken
in tumbem Rausch des Tages Zeit,
zu jedem bösen Tun bereit.
Ich will den Pfuhl nun säubern
von Ketzern und von Räubern.
Die ungehindert ein und aus
dort gehen in so manchem Haus.
Und heimlich Kra’Thor ehren,
dessen muss man sich erwehren!"
Lady Darna widersprach:
"Bester Sir, gemach, gemach,
Euer Wunsch scheint mir zu grimm,
nicht jeder dort ist gar so schlimm,
wie Eure Worte schildern.
Drum rate ich zu mildern,
schonenderen Weisen,
die auch die Herrin preisen.
Reinigt Ihr mit Feuer
auch jedes Ungeheuer,
bringt Ihr doch auch Verderben,
lasst Unschuldige sterben…"
"Von welcher Unschuld sprecht Ihr da?
Ein jeder Mensch, den ich dort sah,
verspottet dreist die Lehren,
verweigert das Verehren
der Herrin alles Lichten!
Wir müssen sie vernichten.
Und wohnte dort auch einer –
und ich weiß, dort ist keiner –
der nach dem rechten Glauben lebt
und dessen Herz zur Herrin strebt,
sie würde ihn verschonen
und damit ihn belohnen."
"Eure Worte sprecht Ihr kühl,
doch sage ich, ohn’ Mitgefühl
führt uns kein Tun zur Seligkeit.
Hohl ist die Gerechtigkeit,
die nicht auf sie sich gründet,
und stets in Leiden mündet.
Drum besser sie bekehren,
dass sie Temora ehren.
Wollt Ihr es nicht bedenken,
und ihnen Gnade schenken?"
Sir Nevyn sprach bedächtig:
"Fürwahr ziert Gnade prächtig
einen jeden Rittersmann."
Weiter sprach er aber dann:
"Doch schenkt sie Ihr dem Bösen
der sich nie will lösen,
von seinen finstren Banden,
kommt Gnade schnell zu Schanden!
Und darum bleibe ich dabei:
Vernichtung aller Ketzerei!
Nur reinigendes Feuer
bezwingt das Ungeheuer!"
"Das ist nicht ohne Wahrheit,
und dennoch fehlt hier Klarheit,
ob Gnade oder harte Hand,
der bessere Weg ist unbekannt.
Die Herrin muss entscheiden,
welcher von uns beiden
in dieser großen Frage
und dieser heiklen Lage
in Ihrem Sinne besser denkt.
Ob ich, die lieber Gnade schenkt,
ob Ihr, der alle Ketzer hasst
und Vorsicht hier den Vorzug lasst.
Drum lasst die Herrin richten,
den Streit für immer schlichten.
Ich verlange ein Duell
gleich morgen, wenn der Tag wird hell.
Wir kämpfen auf das Erste Blut."
Der Ritter hieß die Forderung gut.

In des Morgens erstem Lichte
trafen sie sich zum Gerichte
auf der Feste höchster Zinne.
Wer das Duell gewinne,
mit der Herrin Segen,
sollt’ von Rechtes wegen
sein eignes Werk verrichten,
der Andere verzichten.
Umstanden von den Knappen
mit strahlend hellen Wappen,
betraten sie sodann das Feld.
Aug’ in Aug’ nun Held und Held
nach rechter Art mit Schild und Schwert
und starkem Panzer wohl bewehrt.
Sie hießen alle Zeugen
das Knie mit ihnen beugen.
Damit Temora käme,
den Richterstuhl einnähme
und ihren Willen tue kund,
durch dieses Kampfes erste Wund’.
Dann hoben sie die Schilde
und in des Morgens Milde
mischte sich der Schlachtgesang,
weil Stahl mit Macht auf Stahl jetzt drang.
Mit festem Stand und sichrem Tritt,
mit schnellem Arm und flinkem Schritt,
kämpften beide Ritter.
Gleich den Blitzen im Gewitter
zuckten ihre Klingen
unter des Alders Schwingen.
Der Kampf, er wallte hin und her,
allein der beiden Helden Wehr,
ließ nicht die kleinste Lücke.
Sie fochten ohne Tücke
viele stille Stunden lang
und einzig ihrer Schwerter Klang
war weithin noch zu hören.
Nichts konnt’ die Tapfren stören,
die ohne Rast und Unterlass,
verbissen, aber ohne Hass,
miteinander fochten,
so gut sie es vermochten.
Die Herrin sah’s, die Herrin schwieg,
noch schenkte keinem sie den Sieg.
Als könnt sie nicht entscheiden,
wer von diesen beiden
den bessren Glaubenspfad beschritt,
blieb weiter aus ein blut’ger Schnitt.
Dem Mittag bald der Morgen wich,
der Zweikampf tobte fürchterlich.
Da stolperte der Paladin,
schon kam die Lady über ihn,
das Schwert zum Streich erhoben,
da schrie am Himmel droben
ein Adler, der hier Kreise zog,
den ganzen Tag wohl dort schon flog.
Die Paladina blickte empor,
wobei sie kurz ihr Ziel verlor.
Sir Nevyn nutzte seine Zeit
er hob den Schild zur Abwehr bereit.
So traf der Hieb auch nicht sein Ziel,
weil es Temora nicht gefiel.
War dies der Göttin Richterwort?
Das fragten sich die Knappen dort.
Doch jeder Recke wusste,
dass Blut entscheiden musste.
So fassten sie sich frischen Mut,
entfachten neu die Kampfeswut,
und im grellen Sonnenschein
drangen sie aufeinander ein.
Der Mittag ging, der Abend kam
und keinem ward der Schwertarm lahm.
Da sah die Lady ins Abendlicht
drum sah sie Nevyns Angriff nicht.

Die Knappen unter Schweigen
ihre Häupter neigen.
Es scheint, als schweigt das ganze Land.
Die Lady wischt mit einer Hand
über ihre Wange,
betrachtet still und lange
das feuchte Blut, das an ihr klebt.
Als sie dann Haupt und Stimme hebt,
ist aller Aug’ auf sie gewandt.
Sie spricht zu Nevyn Silberhand:
"Mich deucht, Ihr seid der Sieger,
fürwahr ein rechter Krieger.
Temora hat Euch erkoren,
drum habe ich verloren.
Ich werde Euch begleiten,
wollt Ihr nach Bajard reiten."

So entschied die Schildmaid
der beiden Paladine Streit.
Ich habe lang gesungen,
nun ist das Lied verklungen.