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Es ist an der Zeit

Verfasst: Freitag 9. Dezember 2011, 11:13
von Lairja Scherenbrueck
"Wie lange hast du schon in Vollmondnächten, bei Sturmflut in die Brandung brüllen woll'n
Wie Sänger alter Zeit mit ihren Stimmen den Sturm herausgefordert haben soll'n
Nun würgen dich die Böen und stoßen dir deinen Schrei tief in den Hals zurück
Und reißen ihn dir wieder aus dem Rachen, zerfetzen ihn im nächsten Augenblick."




Die Schultern hochgezogen, den Kragen hochgeschlagen, die Hände tief in den Taschen des Mantels vergraben, stand sie unten am Meer und machte eher den Eindruck eines Häuflein Elends, als den einer verträumten Beobachterin des Wellenspiels. Unaufhörlich liefen ihr die Tränen über die von Wind und Kälte geröteten Wangen und ihr Blick war auf einen Punkt irgendwo weit in der Ferne gerichtet.

So viele Wünsche, Sehnsüchte, Träume und so viel Schmerz. Bis auf den Schmerz war nichts geblieben. Dafür war dieses quälende Gefühl der Einsamkeit und der Hilflosigkeit, das sich Tag für Tag etwas mehr breit machte, dazu gekommen.

Sie hatte es schon lange gespürt, das es ihn fort zog, das ihn nichts mehr richtig hält im Dorf, von dem sie beide geglaubt hatten oder unverbesserlich immer wieder hofften, es würde ihnen die Heimat sein, nach der sie sich gesehnt hatten. Einen festen Platz an dem sie bleiben konnten, eine Aufgabe, ein Weiterkommen. Es war doch nicht viel das sie wollten, nur das man sie mit dem selben Respekt, der gleichen Aufrichtigkeit behandelte, die sie andern auch entgegen brachten, das man sie als das anerkannte, was sie waren. Menschen, die auch ein Recht darauf hatten, so zu leben, wie es ihren Vorstellungen entsprach, so, das man sich immer noch im Spiegel ansehen konnte, ohne sich für das Gesicht das einem entgegen blickte, schämen zu müssen.
Aber es blieb immer nur bei der trügerischen Hoffnung, sobald sie sich wieder aufgerappelt hatten, stand schon der Nächste vor dem Tor, weil wieder einmal einem der mächtigen Reiche einfiel, das es Bajard und die dort lebenden Bürger noch gibt und man etwas Erfolg einheimsen könnte, um den eigenen abblätternden Glanz wieder aufzupolieren. Es war so viel einfacher, ein kleines, fast wehrloses Dorf zu überfallen, als sich dem wirklichen Feind zu stellen. Dann begann alles wieder von vorne, Bedrohungen, Demütigungen, um Hilfe betteln, die einem nur noch widerwillig oder gar nicht mehr gewährt wurde und endete darin, das sie das Dorf wieder einmal verlassen mussten.

Sie wusste, das er nur wegen ihr blieb und an jedem neuen Tag wurde es ihr schmerzlich bewusst. Es frass ihn auf. Alles für das sie ihn immer so sehr bewundert hat, seine Ruhe, seine Stärke, wie er Dinge immer noch ganz ruhig betrachtete, während sie selbst schon schimpfte wie ein Rohrspatz, war einer Stille gewichen. Der sonst so wache Blick seiner Augen, war matt und grau, wenn er sie ansah. Es brach ihr jedes Mal aufs neue das Herz. Nur wegen ihr quälte er sich, weil sie immer noch nicht ganz bereit war zu gehen. Auch wenn sie sagte, wir gehen zusammen, er spürte es, das da noch immer ein winziges Fünkchen Hoffnung in ihr war, das an eine bessere Zeit hier im Dorf glaubte. Daran das ihre Tochter hier unbeschwert aufwachsen könnte.

Sie stritten nicht miteinander, nein es waren die vielen kleinen Dinge, die ihr immer so wichtig waren, die auch ohne Worte sagten, wir sind füreinander da. Schleichend, anfangs unbemerkt, verschwanden diese kleinen Gesten, Blicke und machten einer bedrückenden Stille Platz.
Nicht mehr lange, sie beide und alles was sie hatten würde völlig an diesem Dorf zerbrechen.

Und jetzt kam zu dem Allem auch noch dieser unselige Sturz vom Dach dazu. Seit knapp einem Wochenlauf konnte er nur liegen, der rechte Arm gebrochen und bandagiert, der Fuss dick geschwollen und an Laufen oder Auftreten war gar nicht zu denken.
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"Es gibt nirgends einen Platz für uns" Immer wieder hallten seine Worte in ihren Gedanken wider und fröstelnd zog sie den Mantel enger um sich, aber es half nichts gegen die Kälte, die in ihr hoch kroch. Es musste doch einen Platz geben, an dem das Wort das man gab, noch etwas wert war, wo man aufrecht gehen konnte und nicht in ständiger Angst leben muss, das man wieder fort gejagt wurde, wo Respekt und Ehrlichkeit nicht nur leere Worthülsen waren. Sie war müde, so unendlich müde und sie war es leid, diese falschen Versprechungen, die Lügen. Nur er, er war immer ehrlich zu ihr gewesen, er hatte sie nie belogen, ihr etwas versprochen, das er nicht halten konnte. Es war Zeit, das sie ihm etwas davon zurück gab.
Sie wusste nicht, wie lange sie schon dort stand, wie oft sie noch dort am Meer stehen würde, noch weniger, aber sie wusste, es war Zeit ins Haus zu gehen, zumindest dort wurde sie noch gebraucht. Dort warteten ihr Mann und ihre Tochter auf sie.