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Nachtwache

Verfasst: Montag 5. Dezember 2011, 12:36
von Laaila Nala
Damit hatte sie nicht gerechnet. Als die Festländerin erzählte, was passiert war, hatte sie ein Vorahnung, aber sie hatte nicht einmal im Ansatz in Erwägung ziehen wollen, wer überfallen und verletzt wurde. Sie hatte ein ungutes Gefühl, immerhin suchte sie den halben Tag nach ihm um sich zu bedanken. Ihr Unterbewusstsein signalisierte ihr, dass sie sich Sorgen machen sollte und den Menekanern folgen sollte. Und ihr Unterbewusstsein hatte sie nicht getrübt.

Sie war sich nicht sicher, wer sich unter dem Helm verbarg. Ihr tiefstes Inneres dafür umso mehr. Schon als der Menekaner wie ein Schluck Wasser in der Kurve in das Haus des Statthalters gebracht wurde dämmerte es ihr. Und die leise Vorahnung ließ ihren Magen rebellieren. Sie bekam Gänsehaut, ihr wurde heiß und kalt und innerlich betete sie vorab, daß es nicht Ghaazi war. Aber ihre Gebete wurden in dem Fall nicht erhört. Während der Versorgung durfte sie nicht im Raum bleiben, immerhin war sie noch jungfräulich und sollte sich eher schämen, einen Gedanken daran verschwendet zu haben, zu helfen. Nackte Haut war tabu und das wusste sie.

„Es ist Ghaazi“, die Worte vernahm sie in dem Moment, als sie Maryam helfen wollte Essen und Trinken hier her zu schaffen. Laailas Welt brach innerlich zusammen und sie konnte sich nicht bewegen. Gestern Abend noch saß sie mit ihm bei einem Mokka am Tisch und sie unterhielten sich lange. Und ja, sie mochte ihn. Nicht so, wie man jemanden mochteund dann irgendwann vor dem Traualtar stand. Nein. Er war für sie wie ein Bruder, mit dem sie über alles reden konnte. Vermutlich hatten die umstehenden Menekanerinnen ihre Sorge und ihr Verhalten auch vollkommen falsch interpretiert, aber im Moment war ihr das ziemlich egal. In diesem einen Moment wünschte sie sich so sehnlichst, daß es ihm bald wieder gut gehen würde. Während er weiter versorgt wurde, wartete sie im Vorraum. Sie kaute auf ihren Lippen bis sie bluteten und verkrampfte ihre Hände zu Fäusten, um die Taubheit ihres Körpers willensstark zu ignorieren. Maryam war mittlerweile auch wieder zurückgekehrt. Laaila nahm Platz auf der Bank und zappelte nervös hin und her. Kein positives Zappeln, wie man es etwa vor einer Hochzeit gewöhnt war. Es war Angst. Die pure Angst, Ghaazi zu verlieren bevor sie ihm danken konnte und bevor er seinen Wunsch erfüllen konnte. Innerlich begann sie wieder zu beten bis die erlösende Nachricht kam, daß es ihm gut ging. Als es um die Frage ging, wer die Nachtwache übernehmen sollte, meldete sich Laaila ohne mit der Wimper zu zucken. Es war selbstverständlich für sie. Und so trat sie ihre Nachtwache auch an.

Ihre Beine fühlten sich an wie Stein, schwer und kaum zu bewegen. Die Treppenstufen hinab waren eine halbe Weltreise und ihre Gedanken überschlugen sich. Er sah friedlich aus wie er dort lag auf der Liege. Als würde ihm nichts fehlen. Bis zum Hals war er mit dem Laken zugedeckt und Laaila zog die Wasserschüssel und das zerfetzte Tuch zu sich. Es war ein amüsantes Bild, denn genau so saß eine Mutter neben dem Bett ihres Sohnes, um ihn gesund zu pflegen. Immer wieder tupfte sie ihm die Stirn ab und zog das Laken unter sein Kinn, sobald es sich nur einen Zentimeter bewegt hatte. Sie wurde müde und nickte für Sekunden weg. Nur, um dann wieder aufzuschrecken und schnell nach ihm zu sehen. Sie fühlte sich außerordentlich schlecht; hatte allerdings keinerlei Ahnung warum sie so fühlte. Sie wollte weinen, aber sie konnte nicht. Sie wollte schreien, aber sie verkniff es sich um ihn nicht zu wecken. Sie wollte um sich treten, aber es war kein Lethar in der Nähe, der ihre Wut auffangen konnte. Sie wollte sich in die Arme ihres Vaters schmiegen, aber den hatte sie noch nicht gefunden. Also blieb ihr nur eines: Sie musste das Beste aus der Situation machen. Aber was war das Beste für ihn und für sie? So viele Ziele hatte er und sie wusste aus dem letzten Gespräch, daß er ein Kämpfer war. Sie sprach sogar immer wieder leise mit ihm. „Du musst an sie glauben, dann wird alles wieder gut. Dein Glaube ist stark, ich weiß das.“ und eigentlich wusste sie auch, daß er es schaffen würde. „Ich bin da. Und ich werde da bleiben bis du deine Augen aufschlägst. Erst dann verlasse ich den Raum, damit du frei jeglichen Blickes deinen Leib bekleiden kannst.“
Tatsächlich blieb sie da. Sie verließ ihn nur dann kurz, wenn der Durst sie überkam und selbst den wusste sie zu verdrängen. Manchmal verließ sie den Raum, um sich die Beine zu vertreten; eilte jedoch umgehend zurück, als sie ihn keuchen oder stöhnen hörte. Die Nacht war arbeitsreich und brachte nicht viel Schlaf. Aber das war sie ihm schuldig.