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Verschlungene Pfade

Verfasst: Sonntag 4. Dezember 2011, 01:21
von Nerys Thalmar
Der Wind riss an ihrem warmen Umhang wie auch an den langen schwarzen Strähnen, die immer wieder in ihr Gesicht reinpeitschten. Sie hatte es eh schon aufgegeben, sie zurück zu streichen. Stattdessen starrte sie nun schon ... wie lange genau? Lange genug jedenfalls ... raus aufs Meer, während sie auf den Planken eines kleinen Steges von Düstersee stand.
Könnte das ihre neue Heimat sein?

Die Sonne war gerade erst untergegangen, förmlich im Meer versunken und einzig ein Rest rötlich-goldenem Lichts blieb zurück, verfing sich in den Wolken und ließ das Meer für einen Moment brennen. Der Anblick fesselte Nerys, doch das war es nicht, was sie hier verharren ließ.

Gestern erst war sie in Rahal angekommen. Mit ihrer wenigen Habe hatte sie als eine der ersten das Schiff verlassen. Nur fort von dieser muffigen Gemeinschaftskabine, in der sie tagelang mit dreckigen Menschen, ihren Ausdünstungen, ihrem Sinn von "Humor" und anderen Unschönheiten des menschlichen Zusammenlebens ausharren musste. Sie war an sich kein sonderlich ausgeprägter Misantrop und doch drohte Nerys auf dem Schiff einer zu werden.
Das Hafengelände enttäuschte sie etwas. Rahal, eine Stadt der alatarischen Ordnung, wo Müßiggang nicht geduldet wird und jeder bestrebt ist, das Beste aus seinem Leben und das Leben in der Stadt zu machen. Die heruntergekommenen Buden im Hafengebiet sprachen jedoch eine andere Sprache. Nicht, dass ihr so ein Anblick unbekannt wäre, doch was sie immer über diese Stadt gelesen hatte, hatte ein anderes Bild vermittelt. Dann jedoch passierte sie das Hafentor und gelangte in die eigentliche Stadt. Ihre Schritte wurden langsamer, ihr Blick schweifte mehr umher - ja, das sah durchaus nach dem aus, was sie sich vorgestellt hatte und mehr noch erinnerte es sie an ihrer Heimat, die Stadt, in der sie bis vor wenigen Tagen noch unter der Obhut ihres Onkels gelebt und gearbeitet hatte.

Eine Weile war sie in Rahal umhergewandert, hatte sich die Gebäude angesehen und auch den Tempel von außen - noch jedoch wagte sie es nicht, ihn zu betreten. Noch immer steckte eine gewisse Vorsicht in ihrem Denken und Handeln, was diesen Glauben anging. Ihr Glaube? Die Zeit würde es wohl zeigen. Bücher allein waren es bisher, die sie auf den Weg geführt hatten und so sehr sie Bücher auch schätzte, vermochten sie nicht zur Gänze die Realität einzufangen.

Als sie sich soweit umgesehen hatte, verließ sie die Stadt durch das imposante Stadttor, welches die Form eines Pantherkopfes mit weit aufgerissenen Maul hatte. Gehöfte, weite Wiesen, weiter im Osten ein hohes Gebirge, im Westen das Meer und hier draußen wurde es immer ruhiger, je weiter sie sich von der Stadt entfernte. Kühl brauste so manches Mal eine Böe vom Meer heran und Nerys, die nicht die Zeit gehabt hatte, sich mehr Kleidung mitzunehmen, zog ihren Umhang enger um sich.

Bald jedoch sah sie in der Ferne etwas - ein höheres Gebäude, nicht weit vom Meer entfernt. Neugierig geworden richtete sie ihre Schritte auf das Gebäude und schon bald erkannte sie auch eine etwas niedrigere Mauer samt Wehrtürme. Ein kleiner Ort, noch immer zum alatarischen Gebiet gehörig offenbar. Als sie sich der Wehrburg näherte, kroch ein Gefühl in ihr hoch, was nur einen Moment unterbrochen wurde, da ein Herold bei ihrem Anblick ausrief, dass dies die Siedlung Düstersee sei und man den Herrn zu preisen hätte. Nur einen Moment hatte der Herold ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, dann jedoch ging Nerys rasch weiter zum Tor, hindurch ... und stockte. Bilder kamen in ihr hoch und mit ihnen ein Gefühl -

Heu, Stroh, Kinderlachen ...
Der Wehrgang einer kleinen, schlichten, aber trutzigen Burg, der Blick geht weit über Wiesen und dicht an dicht stehende Häuser, nicht wenige davon Bauernhöfe ...
Die Hand des Vaters, auf ihr liegen einige grüne Blätter ...
Bücher, Pergamentrollen, die hohe, dunkle Regale füllen, teils nur über eine verschiebbare Leiter erreichbar ...
Mutters Wärme und Duft ...


Nerys wurde es schwer ums Herz. Was war es? Trauer um etwas, was sie zu früh verloren hatte? Sehnsucht nach diesem Gefühl von Heimat? Oder einfach nur ein schwacher Moment, Nostalgie?
Letzteres wollte sie sich einreden, aber während sie langsam weiterging und den Ort betrachtete, war ihr klar, dass es nicht einfach Nostalgie war. Sie hatte als Kind etwas verloren und nun das Gefühl, etwas Ähnliches wiedergefunden zu haben.
Die letzten Schritte führten sie zu einem Steg, wo Nerys stehen blieb und den Blick nach Westen in Richtung der untergehenden Sonne richtete.

Hier soll es beginnen.

Verfasst: Freitag 9. Dezember 2011, 01:45
von Nerys Thalmar
Weit ging der Blick hinweg über vom Schnee bedeckten Wiesen, die wie ruhend unter einer Decke dazuliegen schienen. In der Ferne konnte man einen lichten Wald ausmachen, weiter weg, hinter diesigen Schleiern fast verborgen, ein Gebirge. Nerys war kein sonderlich sentimentaler Mensch, aber an diesem Anblick konnte sie sich kaum satt sehen.

Was den Ausblick anging, so hatte sie unzweifelhaft das beste Zimmer der Wehrburg. Eine kleine Kammer zwar, ähnlich groß wie jene, die sie in der Bibliothek Leuchtenburgs bewohnt hatte, doch die Größe spielte kaum eine Rolle, wenn man den Großteil seiner Zeit eh außer Haus verbringen würde. Lediglich für Momente der Ruhe, so wie jetzt, war es ideal.
Noch dazu hatte sie es geschafft - vorerst zumindest. Zum einen musste sie sich nun beweisen und die Aufgaben des Ahads zu seiner Zufriedenheit erledigen. Zum anderen sich in diese Gemeinschaft einleben und zuletzt stand noch das Urteil des Sekretärs und Diplomaten aus. Dennoch war ihr erstmal ein Dach über den Kopf sicher und sie blieb damit vorerst in Düstersee, bis die Entscheidung gefällt war.

Die Aufgaben jedoch gestalteten sich gänzlich anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Als erstes hatte sie Ked'harra, Frau Virr, einen Herrn namens Xontor und einen namens Braun nach Rahal begleitet, um dort aus der Höhle der Letharen allerhand Steine zu holen, die für die Wehrburg gedacht waren. Es war keine Arbeit, die ihr lag, dennoch bemühte sie sich, diese klaglos zu erledigen und letztlich war es auch nicht viel anders, als das Schleppen von zig großen Büchern, nur dass jene grundsätzlich handlicher waren. Entschädigt wurde sie jedoch mit einem Blick in diese eigentümliche Höhle. Zu gerne wäre sie noch etwas länger geblieben, um mehr über diesen Ort und das Volk der Letharen zu erfahren, aber dafür war in dem Moment keine Zeit.

Die andere Aufgabe, die sie von Ahad Drugar bekommen hatte, bereitete ihr allerdings mehr Probleme, als das Schleppen von Steinen. Letzteres war eine rein körperliche Arbeit, die jeder mehr oder weniger gut ausführen konnte. Aber seine Aufgabe setzte etwas anderes voraus.
Geschenke - ausgerechnet Geschenke sollte sie besorgen.
Das letzte Mal, dass man ihr ein Geschenk gemacht hatte, war während ihrer Kindheit und es waren gewiss ihre Eltern gewesen. Erinnern konnte sie sich nicht mehr daran, aber dass es Geschenke zu ihrem Geburtstag und dem Fest der Geschenke gegeben hatte, wusste sie durchaus noch. Ihr Onkel wiederum, bei dem sie unterkam, um zu lernen und zu arbeiten, hielt nicht viel von diesen sentimentalen Dingen. Sie bekam eine gewisse Menge Geld in jedem Monat und davon konnte sie sich das kaufen, was sie wollte, ausgenommen Nahrung, die sie in der Bibliothek erhielt.

Überhaupt war ihr Onkel Caelor stets ein kühl-intelligenter Mensch gewesen. Sie hatte ihn schon immer in gewisser Weise dafür bewundert, wie er mit seinem Geist umzugehen wusste. Als Kind hatte sie das Gefühl gehabt, er wüsste alles - als Erwachsene wurde ihr klar, dass er in gewisser Weise tatsächlich alles wusste, wenngleich es weniger das war, was einem Bibliothekar üblicherweise zustand. Er war kein schlechter Mensch, denn bisweilen war das, was er wusste für die eine oder andere "Partei" von Nutzen und somit für diese gut. Was ihn jedoch von ihren Eltern unterschied, war eben sein kühles, rationales Verhalten ihr gegenüber.

Wer weiß, was aus ihr geworden wäre, wenn sie mit mehr Liebe aufgewachsen wäre. Erwiesenermaßen gewöhnen sich Lebewesen, so auch Menschen, an etwas, was ihnen genehm erscheint, werden weicher, verwöhnter und empfindlich, bis es ihnen fehlt. Dann hungern und gieren sie nach dem, was sie liebgewonnen hatten. Sie wäre so geworden, wie all die Frauen, denen sie nicht selten begegnet war und es immer noch wieder tat, wie sie kürzlich feststellte - hungernd nach Anerkennung, Lob, aber eben vor allem nach Liebe, meistens von einem Mann. Nicht selten beobachtete Nerys gerade diese Frauen, studierte ihre Stimme, ihr Verhalten, ihr ganzes Gebaren - als wären es ihr fremde Tiere.
Und dann wieder widerte es sie an, als wenn tief in ihr sich etwas gegen diese Welt mit all seinen Liebenden sträubte.

Nun, eines hatten diese Liebenden und Geliebten ihr voraus - sie würden wissen, was man für Geschenke macht.

Verfasst: Sonntag 18. Dezember 2011, 02:21
von Nerys Thalmar
Müde ließ sich Nerys auf ihr Bett fallen, nachdem sie die Kerze ausgepustet hatte, die ihrer Kammer noch etwas Licht gab, dann blickte sie im fahlen Mondschein auf zur hölzernen Decke und ließ ihren Gedanken freien Lauf, den Tag teils Revue passieren.

Dass Dylan ihr misstraute, war ihr von Anfang an klar gewesen. Übelnehmen konnte sie es ihm allerdings nicht unbedingt. Wäre ihr Onkel misstrauischer gewesen, wäre sie vermutlich jetzt nicht hier, sondern immer noch in der Bibliothek Leuchtenburgs. Es war also schon richtig so, auch wenn sie sich im Stillen fragte, ob es noch weitere Gründe hatte, dass er so reagierte. Es mochte vielleicht am Posten liegen, an der Korrespondenz, die ihr in die Händen fallen konnte, sicher. Aber vielleicht war da auch seine Sorge, sie könne ihn wirklich ersetzen?
Sie müsste lügen, wenn sie sagen würde, das würde sie nie und nimmer wollen. Es war nicht so, dass sie es unbedingt anstrebte, aber würde man es ihr anbieten, würde sie sicher nicht aus falscher Bescheidenheit oder einem Anflug von Nächstenliebe darauf verzichten und das war auch der Grund, warum sie den anderen Zankapfel nicht unbedingt aufgeben wollte. Kampflos den imaginären Schwanz einziehen? Nein. Davon ab tat er es offenbar, was sie etwas wunderte, doch sie ließ es sich nicht anmerken, als er es erwähnte. Das Letzte, was ihr nun half, war ein Bekenntnis, dass sie an der Tür des Büros gelauscht hatte, als er und Ahad Drugar in dem Raum miteinander sprachen.
Dafür tat sich nun eine andere Möglichkeit auf, ihre Loyalität zu beweisen. Es fehlte nur noch die Kleidung, dann konnte sie beginnen. Sie musste allerdings darauf achten, nicht zu lange fort zu bleiben - auch das könnte wieder Misstrauen erregen und jegliche Mühe wäre damit wieder zunichte gemacht, vor allem, wenn sie keinen Erfolg haben sollte - eine unbequeme Vorstellung, aber Nerys war noch zu fremd hier, um die Nadel im Heuhaufen ohne fremde Hilfe und ohne Aufsehen zu erregen zu finden.

Ihre Augenlider wurden schwerer und fielen ihr allmählich zu. Ein letzter Gedanke noch - 'Du wirst dich am Ende entschuldigen müssen, Dylan Sgian.'

Verfasst: Sonntag 18. Dezember 2011, 13:42
von Nachtwind
Gerechter Zorn. Das war es wohl, was ich am ehesten empfand.
Ich frage mich immer noch, was ihn geritten hatte, solch eine Entscheidung nach so kurzer Zeit noch dazu in der Form kundzutun. Wenn es nicht gerade zur Folge gehabt hätte, dass ich irgendwen in ein schlechtes Licht gerückt hätte, was dem Allgemeinen schadete, wäre ich vermutlich aufgesprungen und hätte ihn angebrüllt. Nun, ich habe es auf einige Tage später verschieben müssen, gebracht hatte es letztlich nichts als ein müdes Gähnen meines Gegenübers. Also fasste ich selbst einen Entschluss. Es musste aussehen, als gäbe ich auf. Nun, sollten sie es allesamt glauben.
Sollte sie es vor allem denken. Aber eines war gewiss: Sie brauchte die Gnade aller Götter, sollte sie sich auch nur einen falschen Schritt wagen zu gehen. Damit hatte er nicht erreicht, dass mein Misstrauen schrumpfte, sondern noch in einem erheblichen Maße wuchs. Da es offenbar für ihn keine Option war das gesamte Aufgabenfeld abzugeben, blieb mir bedauernswerterweise nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, aber ich würde dafür sorgen, dass sie an dem, was sie bekam ersticken konnte, wenn sie nur den Finger falsch krümmte. Soviel stand fest.

Ein kleiner sehr egoistisch veranlagter Teil freute sich sogar irgendwie über die Abgabe der Arbeit. Es bedeutete für mich mehr Zeit für anderes, für persönlich Wichtigeres. Aber keinen Augenblick später war da wieder die Wut, die mich bei der Hand nahm. Die kleine Schnepfe hatte noch nichts geleistet, das diesen Vertrauensvorschuss in so ein einem Ausmaß überhaupt verdiente. Nur ein kleiner Fehltritt, die Götter mochten es geben. Nur ein klitzekleiner!
Das Einzige, was ich ihr anrechnen konnte, war die Tatsache sich behaupten zu können gegenüber meiner überaus schlechten Laune. Der Schlagabtausch hatte gewiss was für sich und hielt sich auf einem gewissen Niveau. Sie derart aus der Reserve herauszubekommen wie das Gör vom Bauernhof würde weit mehr Aufwand bedeuten. Das war gut. Gut für die, auf die sie noch traf, gut für die Aufgaben, die sie bekommen sollte.
Was das anbelangte, war sie bestimmt weit mehr geeignet für das Kommende, wäre da nicht die Tatsache, dass sie eine kleine Schnepfe aus dem alumenischen Reich war und garantiert nur dazu hier war, um zu spionieren. Dass unser Brötchengeber das nicht sehen wollte, war mir ein Rätsel. Vielleicht aber verließ er sich auch mittlerweile dahingehend schon zu sehr auf all seine Untergebenen, dass wir das schon rausfänden. Ach was, auf mich.. die Eitelkeit konnte ich mir wohl mittlerweile getrost leisten.

Zeit meine kleine Nachbarin aufzuscheuchen. Mal sehen, was sie rausfinden konnte.
Mal sehen, was meine bessere Hälfte herausfand. Oh, das würde auch noch ein feines Schauspiel geben – zumindest hoffte ich das. Wenn die zwei sich verbündeten, sah ich indes aber verdammt alt aus, soviel war sicher.

Verfasst: Sonntag 1. Januar 2012, 17:59
von Nerys Thalmar
Ha-Ha-HA-HA-PSCHRT!!

Das war es, was man die letzten Tage meist nur aus Nerys' Raum hören konnte, anfangs sogar noch bis in das Stockwerk darunter. Eine heftige Erkältung mit allen unschönen Begleiterscheinungen hatte sie erwischt und nach einem Blick in den Spiegel, einer kurzen Nachricht für Dylan, verschwand sie in ihrem Raum und blieb dort die meiste Zeit, anfangs vor allem schlafend.

Nein, sie hatte einfach zu furchtbar ausgesehen, um so den Raum zu verlassen. Die Nase gerötet, die Augen etwas glänzend anfangs und jegliche Schminke unterließ sie ebenso, während sie das Bett hütete. Nur dann, wenn man eben mal hinaus musste, suchte sie nach einer Möglichkeit, ihr "wahres" Gesicht nicht zeigen zu müssen. Die Erkältung, der Grund für die Maskenlosigkeit, sorgte aber auch zugleich für eine Ausrede, dass sie ihr Gesicht schon wieder bedeckte - ein dünnes Tuch vor Mund und Nase (ein Muttermal, was darüber hervorlugte, wurde allerdings noch überpinselt), um - natürlich! - eine Ansteckung der anderen im Hause, vor allem der armen Kinder (jaja, notfalls heuchelte man Sorge um die Kleinen eben vor), zu vermeiden. Nicht zu vergessen der dicke Schal um den Hals und eine Kapuze auf dem Kopf - sie wollte nicht auskühlen und eigentlich war das nicht mal gelogen.

Aber nun ließ die Erkältung nach, die Haut vor allem um der Nase herum wurde gepflegt und nach einem der vielen Blicke in ihren kleinen Handspiegel entschied Nerys, dass sie sich nun endlich wieder hinaus wagen konnte.

Verfasst: Mittwoch 4. Januar 2012, 22:37
von Nerys Thalmar
Gefühle zu zeigen ist so, als würdest du dem Mörder, der mit gezücktem Dolch vor dir steht, den blanken Hals entgegenstrecken. Verstecke sie unter einer Maske der Neutralität.

Sie konnte ihren Onkel förmlich vor sich sehen - die hohe, schlanke Gestalt, immer etwas steif, strahlte dabei aber eine gewisse Würde aus. Das kurze, schwarze Haar, die hellgrauen Augen, die jeden zu durchbohren schienen, als durchleuchtete er jeden Menschen genauestens. Ihr Vorbild, unzweifelhaft, auch wenn er immer eine gewisse Kälte ausstrahlte und wenig Herzlichkeit in den zwei Jahrzehnten, die sie unter ihm gelernt hatte, gezeigt hatte. Nerys hatte jedoch feststellen müssen, dass man allzu leicht manche Lektionen vergaß, wenn der Mentor nicht mehr wachsam hinter einem stand.

So hatte sie sich kürzlich für ihre Verhältnisse doch zu sehr gehen lassen - Dylan Sgian ausgerechnet hatte es gesehen, wie sie reagiert hatte. Zwar hatte sie sich halbwegs im Griff behalten und nicht nach dem "Warum" zur Entscheidung des Ahads gefragt - im Beisein der Arkoritherin und Ahads Crain ein Faux Pas, der zu einem Gesichtsverlust Ahads Drugar hätte führen können, hätte es doch den Anschein gehabt, dass jener seine Untergebenen nicht ausreichend im Griff hatte - doch die unangenehme Überraschung hatte man ihr vermutlich schon angesehen.
Dylan Sgian - er hatte gewonnen. Auch wenn es stimmen mochte und er seine Finger nicht im Spiel gehabt hatte, so war er dennoch auf seine Weise als "Sieger" hervorgegangen. Eigentlich war es das sogar, was sie störte. Nicht dieser Posten. Der war ... nett. Aber es ging mehr um diesen kleinen Wettbewerb und der war nun verloren. Hinzu kam auch noch seine Anweisung, dass jedwede Post durch seine Hand wandern sollte. Das Misstrauen ließ nicht nach.

Und doch war jedweder Zorn schon bald wieder verraucht, als sie von ihm fort genug war, insbesondere als sie mit Xontor gesprochen hatte - auch über den Grund ihres Ärgers. Nerys war schon überrascht, dass auch er Dylan nicht allzu weit zu trauen schien. Für einen Moment dachte sie daran, dass man so einen Umstand doch ausnutzen könne ... doch die Konsequenzen hatte sie rasch vor Augen. Xontor ausnutzen? Nein. Sie mochte ihn auf ihre Weise.

So entschied Nerys, es weiterhin einfach hinzunehmen, dass sie und Dylan einfach nicht auf einen Nenner kamen. Wobei das auch nicht ganz stimmte - manchmal gab es Momente, da war er ihr ungeheuerlich sympathisch. Also eine Art Sympathie, die ihr selber etwas unheimlich war. Zum Glück dauerte es nicht lange an - ein Kommentar von ihm, sein ekelhaft-zufriedener Gesichtsausdruck, wenn er "gewann" und schon war jegliche Sympathie wieder fort und die altbekannten Verhältnisse waren so, wie man sie nun schon langsam kannte. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

Fraglich, wie diese Zusammenarbeit weitergehen würde. Normalerweise konnte Nerys recht leicht aus einer gegenwärtigen Situation mögliche Szenarien erkennen, aber in diesem Fall war es schwer zu sagen, wohin all dies führen würde.