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[Q] Alte Narben.

Verfasst: Sonntag 16. Oktober 2011, 15:00
von Gast
»Wahrhaftigkeit - Die Lehren des Lebens I.

Wir beziehen die Wahrheit aus unserer Weisheit der Worte, ob gesprochen oder geschrieben. Sie lenken uns in eine ganz bestimmte Denkrichtung. Wir schöpfen Weisheit auch aus dem Brunnen der Natur und beginnen sie zu fühlen. Wir beziehen unsere Weisheit aus der Handlung der Menschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen. Wir beginnen sie zu beobachten und von ihnen zu lernen. All unsere Erfahrungen und Gegebenheiten im Laufe unseres Lebens bringen uns ein Stück näher an eine der unendlichen Wahrheiten. Wahrhaftigkeit findet sich in all den einzelnen Umständen jedoch nicht wieder. Jeder sieht seine eigenen Wahrheiten und alles was uns umgibt, wird von jedem Wesen anders wahrgenommen.

Die Summe aus dem Gesamtbild unserer Erlebnisse ergibt wieder eine ganz andere Wahrheit, bis das nächste Wort, die nächste Tat, oder einfach der nächste Augenblick, die Wahrheit erneut verändert. Die Summe dessen, was wir also erlebt haben, macht uns und unser Leben für den Moment aus. Die erlebte Wahrheit lässt uns an all die Dinge glauben oder zweifeln. Weisheit beziehen wir letztendlich aus uns selbst und Wahrhaftigkeit erreichen wir, wenn wir alles hinterfragen. Wenn wir offen mehr erleben und erfahren möchten.«


Während Yasme die geschriebenen Zeilen in einem ihrer Bücher las, fiel ihr Blick wie von allein auf ihre linke Hand. Der beständige Schmerz tief darin warf recht viele Fragen auf. Woher kam der Schmerz? Hatten die besorgten Gesichter ihrer Schwestern mehr zu bedeuten? Sollte sie tiefer graben, um zu erfahren, was all dies bedeutet? Wie würden die Antworten auf all diese Dinge sie verändern? Wäre es nicht besser all dies einfach ruhen zu lassen, mit der Hoffnung auf alleinige Besserung? Alleine die Gedanken daran vermehrten zunehmend ihre aufkeimende Angst. Sie konnte sich all dies noch nicht erklären. Warum spielten ihre Instinkte ihr einen solchen Streich, sobald es um eigene Belange ging? Gefühltes wurde gleich unterdrückt, Gedanken gleich wieder verschoben, und doch blieb ein Gefühl, das ihr sagte, dass da etwas deutlich nicht in Ordnung war. Sich etwas fremd anfühlte.

Wahrheitsfindung also, doch Yasme fühlte sich nicht bereit. Gern hätte sie die Schmerzen nicht mehr, die sie schon seit Wochenläufen täglich begleiten und gern würde sie mehr über sich und ihre Vergangenheit erfahren. Dies allein war doch der Grund ihrer Anreise hier her. Doch umso mehr sie erfahren wollte, desto mehr sträubte sich etwas in ihr. Die Gedanken wurden wirr, wenn sie versuchte darüber nachzudenken. Bildnisse ihrer Träume verflüchtigen sich rasch und waren niemals greifbar. Nicht greifbar .. - wie kann ein Erlebnis, an das sie sich nicht erinnern konnte, Schmerz verursachen? Und warum vermehrte er sich, wenn sie versuchte sich den Erinnerungen zu stellen?

Seit Yasme Gerimor betreten hatte, wirkten viele neue Eindrücke auf sie ein. Sie wünschte sich, dass die bisherigen Hindernisse das Gute nicht in den Schatten stellen würden. Ihre Gabe veränderte in ihr sovieles und auch da hatte sie ein wenig das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Was das war, konnte sie bisher nicht genau definieren. Es fühlte sich einfach nicht richtig an und eine unheilvolle Angst war jedesmal dabei, die sie sich nicht erklären konnte. Sie war neugierig auf all die Dinge, wie den Unterricht, die Elemente und die Rituale. Ihre Vernunft sagte ihr, dass sie da keine Angst zu haben brauchte und eigentlich auch nicht hatte. Die Neugierde überwiegte dabei. Also was machte ihr solch eine Furcht in stillen Momenten nach diesen Erlebnissen?

Yasme versuchte all die Unsicherheiten, Ängste und Schmerzen, nach aussen hin zu verbergen. Sie wollte nicht wieder als jemand auffallen, der auf andere eigenartig wirkte. Wenn sie allein war, und die Hand erneut stärker schmerzte, mischte sich oft auch Wut hinzu. Dann schlug sie ihre Hand gegen irgendetwas anderes, um Schmerz mit Schmerz zu betäuben. Waren andere dabei, schob sie ihre schmerzende Hand in die Manteltasche oder schob sie unter ihr Bein, sobald sie saß. Allein ihren Schwestern konnte sie nichts vormachen.

Majalin salbte am gestrigen Abend ihre Hand ein und wollte ihr erklären, dass es eine Möglichkeit gäbe, den Ursachen des Schmerzes und den fehlenden Erinnerungen auf den Grund zu gehen. Noch bevor Yasme antworten konnte, wurde alles unerklärbar eigenartig. Erst löste sich der Schmerz in ihrer Hand und sie wurde sogar angenehm warm. Einige Momente später kam der Schmerz jäh zurück, noch um einiges stärker als zuvor. Als reiche dies nicht, begann auch ihre Narbe an ihrer Schläfe zu schmerzen, sodaß ihr fast schwindelig wurde. Neben den Schmerzen spürte Yasme wieder diese unheilvolle nicht erklärbare Angst, die der einer Bedrohung glich. Einen Moment lang nahm sie auch ihre Schwestern nicht mehr wahr. Sie sah einfach garnichts. Schwärze, obwohl sie wusste, dass sie bei Bewusstsein war. Fast fühlte es sich an, als würde sie wieder Schlafwandeln und bald aufwachen. Wie ein dunkler Nebel, der ihren Geist umhüllt und ihr die Sicht auf das Wesentliche nehmen möchte. Als die Schmerzen vorbei waren, wich die Angst dem Schamgefühl. Majalin war ganz ruhig geblieben, nur Hanna sah besorgt und blasser aus als zuvor. Sie hatte einfach zu wenig Schlaf, versuchte Yasme den Schwestern noch zu erklären, um dem für sie peinlichen Moment, nicht allzuviel Gewicht bei zu messen. Unausgesprochenes lag im Raum, doch Yasme fragte nicht nach. Sie war dankbar, dass der Moment wieder vorbei war.

Die Fragen, die sich seit dem letzten Abend mehrfach in ihre Gedanken schlichen, formulierten sich deutlich: Was würde passieren, wenn sie sich nicht damit auseinandersetzte? Was käme nach dem Schmerz? Was wäre, wenn ihre Angst einen berechtigten Grund hätte? Wäre das alles noch aufzufangen?- Jedesmal wenn diese Fragen in ihren Gedanken auftauchten, wurden sie von etwas beiseite geschoben, das unheilvoller war, als etwaige Antworten darauf: zunehmende Angst. - Yasme kannte sich selbst so nicht, sie wollte immer alles erfahren. Ihre Neugierde war bisher eines ihrer herausragendsten Eigenschaften. Angst hatte sie sonst selten davon abgehalten, Dinge erleben und erfahren zu wollen. Hier war es deutlich anders, und sie wusste keine Erklärung dafür. Ihre Instinkte, auf die sie sich sonst verlassen konnte, waren zu wirr bei dieser Angelegenheit. Gefühle und Gedanken waren nicht im Einklang. All diese Gedanken und Gefühle überforderten sie zunehmend. Also begann Yasme alles erst einmal wieder von sich zu schieben. Sie las weiter die Zeilen in dem Buch, um sich abzulenken und platzierte den wohlduftenden Kräuterbeutel höher neben ihrem Kopf, um dessen beruhigenden Duft einzuatmen. Die Sorgen wichen langsam und ihr Gemüt beruhigte sich allmählich wieder. Die Gedanken und Fragen schoben sich wenige Momente später wieder gänzlich in den Hintergrund. Vielleicht war das am gestrigen Abend auch nur eine Ausnahme, und der Schmerz würde nicht schlimmer werden. Vielleicht hatte sie Glück, und all das Ungewöhnliche in ihrem Leben würde sich doch noch von allein auflösen.

Verfasst: Montag 17. Oktober 2011, 16:19
von Hanna Radenbruck
"Es ist an der Zeit..."

Da war sie wieder, die kleine, dreiste, innere Stimme, die bohrte und lockte, schmeichelnd versuchte sie zu überreden, das Experiment weiter zu führen. Wie weit? Wohin? Bis in die gefährliche Region? Bis die simplen Grenzen überschritten waren?
Nicht doch, jene galten eh als verschwommen, nicht klar gezeichnet und schon der nächste, winzige Schritt konnte im Schlimmstfall ein großer Sprung in die falsche Richtung sein. Tja und Gefahr... wer meinte auch nur im Ansatz mit dem Tod oder seinem sanften Bruder zu spielen, der war doch schon mittendrin.

"Es ist an der Zeit..."

Halt die Klappe!
Dann wiederum hatten die bisherigen Forschungsreihen spannende und unerwartete Ergebnisse geliefert. Der ganze Gegenstand lag ihr durch und durch, floss in den Adern und pumpte so rauschend durch den Körper. Wie die Elemente in ihr wohnten, so machte auch dieser Teil Hanna zu dem was sie war, schwang in ihren Schritten mit und klang sanft in jedem Abschiedsgruß ihrerseits nach:

"Möge die Mutter dir klare, bunte Träume schenken..." - ... wie mir!

Ja, das war ein Teil ihres Weges und so deutlich wie die Träume selbst, sah sie diesen vor sich. Schon immer waren sie bei ihr und im Laufe der Zeit in der Schwesternschaft inniger geworden, doch hatte sie es erst realisiert, als der Traumzauber ihr den Vater deutlicher enthüllte und sie sanft aber mit Nachdruck ihrer Bestimmung und Arulius in die Hände trieb - oder andersrum? Gleichwohl, seitdem hatte sie nicht nur ihren Vater gefunden, sondern war sich der enormen Kraft bewusst.
Wandeln darin musste sie lernen, Veränderungen ausprobieren und Sachen testen, die sie im Wachzustand nie gewagt hätte. Seit einigen Wochen allerdings hatte sie sich nicht weiter hinein getraut und auch wenn die lockendend Gedanken nie ganz schweigen wollten, hatte sie nie auch nur in Erwägung gezogen ihnen nachzugeben. Jetzt allerdings...

"Es ist an der Zeit..."

... jetzt konnte es sogar helfen, denn es ging um mehr als die naive Neugierde einer jungen Frau, jetzt ging es um eine Schwester - um Yasme.
Sie hatten es alle gespürt und allein die Tatsache, dass Hanna die Sorge in Caras Blicken, Majas bewußt ruhigen Worten, Caras raschem Hinweis, Majas beunruhigten Zügen und all den kleinen Andeutungen von beiden entdecken konnte, machte ihr Herz flattrig, das Bauchgefühl mulmig.

Natürlich versuchte sie die innere Unruhe zu besänftigen und erzählte dieser eine Menge logischer Gegenpunkte, um sie abzuschwächen, wie
- erst einmal stand Wichtigeres an, wie das wunderbare Band zweier Seelen...
- sowieso war sie, Hanna, doch eh viel zu rasch in Sorge wie eine alte Glucke und schreckhaft, ganz wie eine Haselmaus eben
- es konnte andere Ursachen haben - eine Krankheit zum Beispiel, reines Muskelzittern und Krampfanfälle

Besonders der letzte Aspekt war bis vor wenigen Tagen noch so einleuchtend, bis ES wieder im Lied zu spüren war und diesmal, so glaubte sie fast, hatte es nicht nur seinen Unmut an Yasme ausgelassen und die junge Frau mit Schmerzen gequält, sondern sich plötzlich Majalin zugewandt und jene still... hm, betrachtet?
Lauernd, jagend, fremd, störend - ganz und gar nicht so gewebt wie eine Art 'Krankheit'. Doch war ES zu rasch wieder fort, verkroch sich zu flink, um es ganz zu ergreifen. Zurück ließ es eine leise aufstöhnende Yasme, eine Majalin, die ihre Gedanken weise erst einmal für sich behielt und eine hell aufgeregte Hanna, die es schaffte sich die Finger (im wahrsten Sinne des Wortes) an ihrer Neugierde zu verbrennen.
Wäre es also so sinnvoll dieser wieder nachzugeben?
Vermutlich nicht, doch welche andere Möglichkeit hatte sie gerade parat? Yasmes Schlaf war einer der Knackpunkte und die Traumebene Hannas neues Spielgebiet, was lag also näher, wenn nicht die alten Forschungen darin und daran? Vielleicht konnte sie so wenigstens erfahren, was oder gar wer ES denn war...

"Es ist an der Zeit..."

"Ja", hörte sie sich nun selbst flüstern, "... der Preis ist ansonsten zu hoch!"

Verfasst: Freitag 21. Oktober 2011, 22:06
von FM Medea
Nur ein heiseres Hauchen ... ein Krächzen, der dunkle Sud köchelte vor sich hin und langsam erhob sich ein zäher Nebelschleier. Nur widerwillig schien der Nebel empor zu steigen und verblasste dann - vom Wind hinfort getragen um sein Ziel zu suchen.

Ruhe, Ruhe, keine Fragen, keine Arglist, klein die Plagen...

Wisperte es immer und immer wieder bis dieser eigenartige Nebel im Schutze der Nacht sein Ziel fand ...

Yasme

Keine Spur blieb ansonsten zurück... nun galt es erst einmal neue Kraft zu sammeln.

Verfasst: Samstag 22. Oktober 2011, 15:56
von Majalin Mareaux
  • Und immer mehr die Schatten sich erhellen,
    Wie Morgennebel vor der Sonne flieh’n;
    Dem Born des Ostens kann nur Licht entquellen!
    Seht nach Gerimor den Fluches-Herold zieh’n,
    Wo tief im heil’gen Hain die Donnereiche
    Weitschattend breitet ihrer Blätter Grün.
    ~ Frei nach Ludwig Bechstein.
Narben der Vergangenheit, offensichtlich oder verborgen. Ein jeder trug sie auf seiner Haut oder tief in sich und stets erinnerten sie an vergangenen Schmerz. Bisweilen juckten sie, bisweilen brachen sie auf und wurden wieder ins Bewusstsein gespült – so wie nun bei Yasme, ihrer Schwester.
Wie so oft in den vergangenen Wochenläufen schweiften Majalins Gedanken neuerlich zu dem überdeckten Schmerz Yasmes. Noch konnte sie den genauen Grund dafür nicht fassen, doch er saß sehr tief in ihr. So tief, dass er nicht einmal die Schwelle zu dem klaren Bewusstsein ihrer Schwester überschreiten konnte. Und dennoch war er da, zupfend, reißend, zerrend – raubte Yasme die Ruhe und den Mut, den Schlaf und die Zuversicht. Woher rührte diese Düsternis in dem Mädchen, welches verdiente frei von solchen Schatten zu sein? War Yasme überhaupt bereit und stark genug sich ihrer eigenen Dunkelheit zu stellen? Majalin hatte keine Wahl, sie würde die Schwester nicht drängen. Solange diese keine eigene unbrechbare Willensstärke entwickelte für ihre Freiheit zu kämpfen, wäre die Schlacht verloren, ehe sie begonnen hatte.

Es war ein lauer Abend im Spätherbst gewesen, als Majalin zum ersten Mal Yasmes Hand untersucht hatte. Deutlich spürte sie die fremde Melodie, die mit der Narbe verknüpft worden war – schon vor langer, langer Zeit. „Yasme, ich glaube, das hängt alles zusammen, Lameriast, die Eiche, die Narbe, vielleicht auch deine Mutter.“ „Mir macht das zuviel Angst, ich kann da nicht hin.“, erwiderte die Angesprochene mit unsicherer Stimme. Während Majalin neuerlich mit den Fingerspitzen über die Narbe fuhr, meinte sie leise: „Die Narbe hier… Ist nicht nur eine Narbe. Es hängen noch einzelne Töne der Melodie darin. Sie ist entstanden, während das Lied verändert wurde.“ Deutlich spürte Majalin die Verwirrung in der Melodie Yasmes, als diese leise murmelte: „Das verstehe ich nicht.“ „Sie ist entstanden, um eine Veränderung des Liedes auszurichten – auf dich. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck, Yasme. Die Krämpfe scheinen mir ein Schrei deines Unterbewusstseins zu sein die Ursache zu suchen, um nach all den Jahren endlich zu verstehen.“ Angst schien die Jüngere zu umfassen, klammerte sich wie eine kalte Hand um ihr Herz und mit sanfter, ruhiger Stimme bot Majalin an: „Wenn du möchtest, begleite ich dich.“ „Ich wollt mir aber Zeit geben.“, flüsterte Yasme gedämpft. Beruhigend fuhr ihr Majalin über die Hand: „Wir alle haben Angst vor irgendwas, Yasme. Aber irgendwann können wir nicht mehr davor davonlaufen. Entweder wir verlieren uns darin oder wir gehen stärker daraus hervor. Vielleicht musst du einfach von der Klippe springen?“ „Vermutlich. Darüber nachdenken bringt nichts…“, lenkte sie schließlich ein, doch Majalin konnte ihre Furcht vor dem Unbekannten, vor dem, was sie vielleicht entdecken könnte, deutlich in ihrer Melodie vernehmen – wie ein Nebel, welcher sich verschleiernd über eine Aue legte und alle Töne verblassen ließ. „Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg in der Sache, denke ich. Das einzig Falsche ist es gar keinen zu beschreiten.“, erinnerte sie Majalin und schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln.

Seither waren viele Wochen vergangen. Seit dem Angriff gegen Yasme hatte sich ihre Gemütslage nunmehr verschlechtert. Wie Majalin vor wenigen Tagen festgestellt hatte, war es ihr mittlerweile kaum mehr möglich die Schmerzen und Krämpfe in Yasmes Hand zu lindern. Die fremden Klänge wurden mächtiger, mutiger, fordernder, ebenso wie Yasmes Stärke verblasste. Hanna hatte es am eigenen Leib erfahren, als sie versucht hatte die fremde Melodie zu erkunden und hatte sich die Finger verbrannt. Majalin beobachtete, spürte die Bedrohung stärker werden. Es lag nicht in ihrer Hand. Doch bei jeder Begegnung mit Yasme richtete sie ihren unausgesprochenen Beistand auf sie, ihre Aufforderung, ihre Bitte:

Yasme, ich bin an deiner Seite, wir sind an deiner Seite für alle Zeiten und gegen alle Widerstände. Finde deinen Mut, stelle dich gegen deine Schatten! Lehne dich auf, weigere dich deiner Schwäche nachzugeben, sei stark, gib nicht nach! Mach deinen Willen hart und unbrechbar, heb das Schwert auf und kämpfe! Und wir werden dir beistehen und helfen, an deiner Seite streiten bis zum bitteren Ende. Niemand kann uns überwinden! Aber du musst den ersten Schritt gehen…

Verfasst: Montag 24. Oktober 2011, 21:40
von Hanna Radenbruck
Mag nicht aufstehen.
Kalt?
Nein, es ist eher klamm.
Moos?
Grün, nass, dämpft Geräusche.
Welt?
Liegt verschleiert, wabernd.
Gestalten?
Sie schweben, ununterbrochen.
Öffnung?
Zwischen den Welten, genau jetzt.
Geister?
Sie wandeln hier.
Angst?
Nein, Kind, nur Trauer.
Trauer?
Luftabringend, herzdrückend.
Seufzen?
Dadurch wird es nicht anders.
Aufwachen?
Mag nicht mehr aufstehen...

...Stillstand.


Sie irrte umher, tief in den Verschlingungen, den feinen, doch Geist benetzenden, umworrenen Geweben namens Traum. Es war nun längst ein Leichtes sich ihrer Selbst im Traumzustand bewußt zu werden. Zumindest dieses eine Netz konnte sie von sich streifen und die Traumebene wurde ein stückweit klarer. Ja, da war sie oder wenigstens ihr Geist, während der Körper ganz woanders, in dem Bereich den man Realität nannte, noch schlief. Selig und meist unbewegt, bis auf jene kleinen Tritte und Zuckmomente, die die Nacht einem abverlangte, in ihrem Bett in der Kräuterstube am Radenbruckschen Weiler, in Gerimor... sooo fern.

Munter sah sie sich um, wusste dass zu einem Teil ihre eigenen Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen diesen Raum, in welchem sie sich nun befand, formten und doch war es mehr, größer und weiter als sie je hätte erahnen können. Schlieren und Schleier, Nebel und andere Traumgebilde schwebten im Moment in den dunklen, atemraubend schönen Farben der Nacht langsam, doch weniger träge als mit lauernde Vorsicht umher. Ein wenig so, als halten sie -genau wie der Geist der jungen Frau- eben just in diesem Moment den Atem an und lauschten erwartungsvoll dem, was da kommen wolle.

Kurz noch gönnte sie sich diesen Luxus und bewunderte lächelnd diesen unwirkliche Zauber, der sie irgendwie an die Weiten der Sternennächte am Himmel erinnerte. Dann jedoch besann sie sich ihrer Aufgabe und nahm Platz. Es war an der Zeit in sich hinein zu horchen, dem Lied die ersten Schritte strauchelnd ob der Traumveränderung entgegen zu gehen. Schwer, unsagbar schwer war es und sie fand sich bald in einer ähnlichen Situation wie ganz zu Beginn ihres Pfades bei den Schwestern:
sie kam nicht recht weiter ohne Anleitung.
Als kämpfe sie gegen eine Blockade, welche ihr den ansonsten so natürlichen Gang in das Lied verweigerte oder als wisse sie nicht mehr wie sie überhaupt diesen Weg beschreiten könne...
Angst drang in ihr auf und würzte die eh schon schweren Bedingungen ungemein. Sie wusste, es drohte zu entgleiten und dann saß sie in einem Alptraum, fern von dem, was sie erreichen musste - um Yasmes Willen.

Yasme...
Hatte sie doch in etwa Hannas Alter, so kam sie ihr manchmal immernoch wie eine kleine Schwester vor. Tapfer hatte sie sich in diese Welt gestürzt und klagte nicht so sehr, wie Hanna damals selbst, doch kämpfte sie dennoch mit den gleichen Unsicherheiten - und mehr, sooo viel mehr!

Sie brauchte die Hilfe ihrer anderen Schwestern und Hanna hegte Hoffnungen einen Weg nun gefunden zu haben, selbst wenn dieser gerade durch alles Mögliche an Geröll versperrt schien...
In diesem Moment spürte sie Yasmes Klang plötzlich kurz, fern war er und doch in der gleichen Ebene. Ja, sie hörte und was sie zu hören bekam, weckte Entsetzen. Irgendetwas stimmte nicht! Aufgeschreckt und panisch versuchte sie der Melodie zu folgen, sie zu erreichen. Doch... vergebens, er schien entschwunden und damit kehrte die drückende Stille für qualvolle Momente zurück.

Bis der Schrei durch die Traumebene gellte und Hanna mit einem Ruck hellwach und weit aufgerissenen Augen im Bett saß. Die Schlafstätte neben ihr war leer und aus der Küche drang Medrens erschrockener Aufruf:
"Yasme!"

Sie eilte...!

Verfasst: Dienstag 25. Oktober 2011, 01:21
von Gast
Traumsequenzen - Im Labyrinth I.

Mit einem Lächeln im Gesicht war sie gerade eingeschlafen. Der Tag der Zeremonie war der schönste seit langem für die junge Frau gewesen. Yasme hatte den Abend nach der Trauung noch mit Hanna und Medren verbracht und sich mit den beiden in längere Gespräche vertieft. Sie empfand den ganzen Tag über keine Sorgen, keine Ängste, keine Schmerzen und alles war einfach, alles war angenehm. Noch während sie in die Traumwelt sank, dachte sie an all die schönen Erlebnisse, Gespräche und Augenblicke. Nur wenige Momente bedurfte es und Yasme fiel durch die Erschöpfung in einen tieferen Schlaf. Traumbildnisse vermischten sich langsam mit Gefühlen und Gedanken und liessen ihr die Ereignisse des Tages und die gesprochenen Worte noch einmal vor Augen führen. Dann wurden die Gedanken auf die Zukunft gelenkt. Wie so oft, vermischten sich verschiedene Traumbildnisse mit den Dingen die vor ihr lagen, und dem was in naher Zukunft sein könnte. So sah sie Hanna und Larel und Medren in prachtvoller Natur. Alle begannen ein Spiel, ganz so wie Medren es ihr im Gespräch am Abend vor dem Schlafengehen, ein wenig erklärt hatte. Sie spielten alle ein wenig mit den Elementen. Jeder formte die persönlich bevorzugten Elemente neu, bündelte sie und überbrachte sie einem anderen. Das Spiel ging eine ganze Weile heiter und munter weiter. Alle lachten und hatten viel Freude dabei.

Noch keine zwei Stundenläufe schlief die junge Frau in dem Bett neben ihrer Schwester Hanna, als ein leicht zunehmender Schmerz begann, die Traumsequenzen zu stören. Weiterhin liefen die vier Naturmagier, im Traum der jungen Frau, durch die Natur, lachten, formten und bündelten Elemente, spielten damit, um zu lernen und zu lachen. Yasme lief gerade vor Larel davon, der mit den Klängen des Windes viel vertrauter war als sie selbst. Und sie begann noch ein wenig schneller zu laufen, sah immer wieder hoch in die Luft oder hinter sich und versuchte den Wirbelwind Larel abzuhängen oder auf einen der anderen zu lenken. Die Natur veränderte sich allmählich. Es wurde ein wenig stürmischer, dunkler und die Bäume und Sträucher näherten sich immer mehr einander an. Wenige Augenblicke später hatte Yasme Larel abgehängt, sie wusste nicht wie, aber sie spürte, daß sie nun allein war. Noch immer lachend ging sie weiter den Weg voran, bemerkte nicht, daß sie längst ein Labyrinth von unvorstellbarem Ausmaß betreten hatte.

An einigen Weggabelungen waren Schilder mit wenigen Zeilen angebracht, wie kleine Hinweise von eigenen Gedankenfetzen, die ihr selbst nur zu gut bekannt waren. Yasme schenkte ihnen weniger Beachtung und lief weiter, in dem Versuch, Hanna zu finden. Während sie lief, veränderte sich die Umgebung und die Atmosphäre des Traumes weiterhin. Es wurde düsterer, die Luft schwüler und die ganze Natur fremdartiger. Yasme ging weiter bis zur nächsten Weggabelung, blieb dort stehen und sah sich nach einem geeigneten Weg um. Als sie gerade darüber nachdenken wollte, warum sie schon so lange allein war, hob sich ihre linke Hand wie von selbst und deutete in den Norden. Yasme hob den Blick in diese Richtung an und machte weiter entfernt etwas Glänzendes aus, das sie von ihrem Standort nicht gleich erkennen konnte, aber deutlich ihre Neugierde wachrief. Bevor sie weiter ging, rief Yasme kurz in die Richtung aus der sie kam, daß sie weiter nach Norden gehen werde. Eine Antwort wartete sie garnicht erst ab und ging neugierig auf das Glitzern zu.

Es war ein weiteres Schild, recht prachtvoll anzuschauen, spiralförmig und mit den feinsten Buchstaben verfasst, die Yasme je gesehen hatte. Das Schild hing an einer Donnereiche, glänzte in schillernden Farben, wirkte lebendig und schien auf sie gewartet zu haben. Yasme beugte sich vor und begann die Inschrift zu lesen:


"Namenloses Rätsel des Seins, in dieser Zeit,
enthüllt heimlich sein winterlich, vergehendes Gemüt.
Was wohl tut, ist nicht immer Glückseligkeit,
und was Dich schmerzt, nicht immer Leid.
So beginne zu suchen, und zu finden,
und erkenne, was Dich freut und an Dir zehrt.
In schier ungreifbarem Bestehen,
gefangen in Freud und Qual,
liegt diese Ewigkeit verborgen."


Yasme las die Zeilen zweimal, dachte einen flüchtigen Moment darüber nach, doch hielt sie weiterhin alles für ein Spiel. Als nächstes wollte sie nach dem Schild greifen, als wäre dies die Belohnung und das Ziel des ganzen Spiels gewesen. Kurz nach dem sie das Schild berührte, verlor es all seinen Glanz und wandelte sich in feine dunkle Partikel, die sich erst bedrohlich wirkend, ihrem Gesicht näherten, sie beobachteten, ehe sie sich gänzlich auflösten. Beunruhigende Stille kehrte ein. Oder hatte Yasme zuvor einfach nicht mehr auf die Geräusche in ihrer unmittelbaren Umgebung geachtet? Ihre Instinkte schlugen Alarm und ihre Sinne wurden wachsamer. Wo war Hanna, Medren und Larel hin und wie lange hatte sie sie schon nicht mehr gesehen? Dann hörte sie ein nicht definierbares Geräusch, wie ein flüsternder unverständlicher Kehllaut. Es wirkte so, als wäre es aus einem der direkten Nebengänge gekommen. Yasme bekam es mit der Angst zutun, versuchte aber dennoch so ruhig wie möglich zu bleiben. Das Geräusch kam näher und mit den Geräuschen kam ein fauliger sumpfiger Waldduft hinzu, der ihr das Atmen erschwerte. Der Geruch weckte Erinnerungen und Ängste in ihr, die sie sich nicht erklären konnte. Bevor sie einen weiteren klaren Gedanken fassen konnte, begann sie wieder zu laufen, rascher, in die Richtung aus der sie kam, um die anderen zu finden.

Nur wenige schrittweit lief sie nach Süden, als der Schmerz in ihrer linken Hand warnend pochte und unerträglich wurde. Sie verbiss sich einen Schmerzensschrei und lief weiter. Der Weg wurde immer schwieriger und sah inzwischen ganz anders aus als zuvor. Die Natur um sie herum war wilder geworden, hohe breite Bäume, weicher müffiger Waldboden, viele Sträucher, hohe Wurzeln, schwüle Luft und wenig Licht. Alles wirkte recht lebendig und die Bewegungen all der Dinge die sie sah, bewegten sich im gleichen Rhythmus, als würde der Wald langsam ein- und ausatmen. Mit dem Schmerz in der Hand, fiel es ihr schwer, die Geschwindigkeit beim Laufen zu halten. Ab und an hielt sie gänzlich an, versuchte in der stickigen Luft tiefere Atemzüge zu nehmen, die meistens in einem Keuchen endeten. Die Geräusche näherten sich weiterhin. Einmal als Yasme sich umdrehte, glaubte sie, sie könnte hinter sich ein dunkles Augenpaar ausmachen, das sie beobachtete. Davon abgelenkt, stolperte sie im Traum über eine der Wurzeln, fiel zu Boden und stürzte auf die Knie. Die Präsenz ihrer Angst stieg aufs Äusserste. Alles um sie herum wurde dunkler, die Luft noch feuchter und wärmer, sodaß es ihr immer schwerer fiel, ausreichend Atemluft zu erlangen. Das alles war schon lange kein Spiel mehr und einiges von dem was sie sah, kam ihr irgendwie mit düsterer Vorahnung vertraut vor. Richtig einordnen konnte sie all dies dennoch nicht. Kämpfte sie hier um ihr Leben? Langsam erhob sie sich wieder, rang nach Luft und ignorierte den neuen Schmerz in ihrem Knie. Dem ersten Instinkt, weiter flüchten zu wollen, folgend, drehte sie sich wieder in die Richtung um, in der sie zuletzt ihre Freunde gesehen hatte. Yasme versuchte sich angestrengt an all die Wege zu erinnern. Warum hatte sie auch die ganzen Schilder zuvor nicht beachtet?

Bevor sie einen weiteren Schritt gehen konnte, hielt sie abrupt etwas an den Schultern fest. Bilderfluten, die sich sofort wieder verflüchtigten und neue bildeten, schossen durch ihren Geist und liessen ihre Angst noch mehr wachsen. Sie hörte sich weiter entfernt weinen und sagen, daß sie fort müssten, daß sie Angst habe und daß Es ihnen wehtun würde. Sie wollte weiterhin flüchten, kam aber irgendwie nicht voran, als würde sie immer noch etwas festhalten. Jemand sprach sanfte, beruhigende Worte zu ihr, die sie jedoch nicht erreichten. Als sie nachfragen wollte, was die Stimme ihr da sagte, hörte sie wieder die fremdartigen Kehllaute, dieses Mal in direkter Nähe. Bedrohlich und rasend kamen die Geräusche näher, vermischten sich mit ihren eigenen Gedanken und Yasme fiel in einen tiefen Schlaf des Vergessens. Ohne Träume, einige Stundenläufe lang, bis fast zum nächsten Morgen.

Verfasst: Dienstag 25. Oktober 2011, 18:10
von Cara DelMur
Die Sorge um Yasme war stets gegenwärtig, auch wenn sie oftmals hinter einem Lächeln versteckt wurde. Und das es ihren Schwestern ebenso ging, musste sie nicht fragen. Was hatte die junge Frau nicht alles ertragen müssen in den letzten Wochen und beinahe hätte es sie ihr Leben gekostet. Sie war so tapfer gewesen, nach dem Angriff im Hafen Berchgards. Sie hatte sich nicht verkrochen, nein, sie war, trotz allem und gerade eben darum, an den Ort des Schreckens zurück gekehrt und hatte sich ihrer Angst gestellt. Gerne wäre Cara dabei an ihrer Seite gewesen oder hätte eine ihrer Schwestern an Yasme‘s Seite gewusst. Sie hätten sie auffangen können, wäre sie gestrauchelt . Aber sie war nicht gestrauchelt. Tapfere junge Frau. Cara war so stolz auf sie.


Aber da gab es noch etwas anderes. Eine Angst die tief in Yasme verwurzelt war und sich nun mit Gewalt hervor hob. Was immer der Auslöser dafür gewesen sein mochte, die junge Frau quälte sich mit Schmerzen, welche sich nicht nur in den Krämpfen ihrer Hand spiegelten. Der Schlaf hätte Yasme ein Freund sein sollen und sein Geschenk frische Kräfte für den nächsten Tag. Doch stattdessen, mochte sich Cara garnicht vorstellen, was alles geschehen konnte, wenn Yasme im Schlaf auf nächtlichen Wegen wandelte, so beruhigte es sie zu wissen, das Yasme im Haus der Schwestern schlief, denn der auf Besucher abschreckende Sumpf war ihr Freund und es gab viele wachsame Augen dort.


Viele Tage waren inzwischen vergangen, seit Cara Yasmes Hand gehalten und beruhigend Wärme auf jene gelegt hatte und Yasme ihr in diesem ruhigen, vertrauten Augenblick ein wenig Einblick gewährt hatte, in ihre wunde Seele. Viel hatte sie nicht erfahren, jedoch war Lameriast der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen und.... ihre Mutter. Die übereilte Flucht als Majalin von der bevorstehenen Hochzeit auf eben jener Insel sprach war deshalb wenig überraschend. Konnte man das Unglück einer Schwester mit dem Glück der Anderen aufwägen? Sie war unendlich dankbar, das Vefa ihr diese Sorge nehmen konnte.


Sie wusste, es nutzte nichts einen Menschen zu etwas zu drängen. Man konnte guten Rat erteilen, aber der Zeitpunkt für Taten musste aus Yasme selbst erwachsen. Und wenn es soweit war, würden sie für sie da sein. Bis dahin hiess es mehr zu erfahren. Und wie lange würde Yasme noch stand halten können? War hier noch etwas anderes zu Gange?


Die Schwestern mussten reden.

Verfasst: Dienstag 25. Oktober 2011, 23:34
von Medren Haingrund
Der Schlaf, der ihn sonst selig in seine Arme schloss und in so mancher Nacht die wunderbarsten buntesten Träume mit sich trug, wollte ihn nicht haben, das war Medren nach erfolglosen zwei zermürbenden Stunden nun klargeworden. Vielleicht war es sein Herz, dass in der nach Kräutern aller Art duftenden Stube eine Spur schneller schlug als sonst oder sein Atem, der getrieben von Bruder Wind durch ihn raste, doch alles in allem hielten sie den dunklen Mantel des Schlummers von ihm ab und missgönnten ihm jene Momente, in denen er vergangene Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen ließ, sich wie ein Kind an ihrem Spiel ergötzte und wie die Erschafferin selbst nach seinen Wünschen die Bilder veränderte. Doch nichts sollte es in der heutigen Nacht werden und so drehte er sich auf seinem Schlaflager, einer einfachen ausgebreiteten Strohmatte in Hannas Küche, unzählige Male hin und her und öffnete schließlich kurz die Augen um zu der von Dunkelheit verschluckten Decke empor zu sehen.

Wenn schon nicht im Land der Träume, dann würde er eben so versuchen, einige Eindrücke zurück unter die sich nun wieder schließenden Augenlider zu holen.

Erst vor wenigen Stundenläufen hatte er noch mit Hanna und Yasme am Tisch der kleinen Küche gesessen, in der beinahe zu jeder Tageszeit ein Kessel Wasser für Tee brodelte. Wunderbare Worte von Majas Hochzeit, ihrem Kleid und einem überwältigten, in manchen Momenten sogar sprachlosen Lucien hallten als Erinnerung ihrer Selbst durch die Stille und er konnte sich eines gequälten Lächelns nicht erwehren. Während Yasme noch im hellen blau-grau des Brautjungfernkleides auf dem Stuhl saß und ein, an ihr in den letzten Wochen so seltenes, in sich versichertes, Lächeln auf den Lippen trug, hatte Hanna zu seinem Bedauern bereits wieder in eines der einfacheren Kleider gewechselt, die sie so gern trug und die ihr zweifelsohne standen. Medren verzog die Lippen und musste sich an diesem Moment des Gedankens zugestehen, dass sie für ihn auch in den unförmigen Mehlsäcken seines Vaters noch die Wunderbarste war.

Als er gerade wieder zu den Bildern des Abends zurückkehren wollte, vernahm er aus dem hinter den Vorhängen verborgenen Zimmer Geräusche, das leise Rascheln der Bettdecken und dann ein dumpfes Geräusch, als jemand oder etwas mit einem großen schweren Gegenstand zusammenstieß. Schneller als er sich selbst zugetraut hätte, war er wieder auf den Beinen, achtete nicht auf die fehlenden Schuhe, da ihm die Angst, dass die Untoten ihren Weg erneut ins Haus gefunden haben könnten, wie der Griff einer übergroßen Hand die Luft abdrückte. Sein einziger Gedanke galt den beiden Frauen, als er durch den im Nachtwind wehenden Stoff stürzte, nur um die Tür zum Garten geöffnet vorzufinden. Ein Blick zu den Betten und im Raum umher ließ ihn einen Teil der Sorge vergessen. Hannas Gestalt lag noch immer selig ruhend und in Decken gehüllt dort, wo sie der Schlaf in seine Welt geholt hatte, das leide Geräusch des strömenden Atems als stumme Zeugen ihres Schlafes.

Wieder drangen leise Laute an sein Ohr, diesmal von draußen und er folgte ihnen, sah hinaus und in den von nur wenig Mondlicht erhellten Garten, an dessen hölzernem Zaun eine junge Frau stand, eingewickelt in ihren Mantel und panisch an den Holzlatten zerrte, als versuche sie zu entkommen.

„Yasme…?“ Unglauben und Besorgnis erklangen in seiner Stimme.

Als schien ihn die Rothaarige entweder zu ignorieren oder nicht zu bemerken tastete sie sich weiter rüttelnd vorwärts, murmelte leise und ängstlich, während Wortfetzen gen Medren durch die Luft hallten, doch er vermochte sie nicht alle zu fangen. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, legte er ihr eine Hand auf die Schulter, drehte sie zu sich und erschrak, denn kein Funke des Erkennens lag in ihren Augen. Nur Furcht und das tiefe Bedürfnis nach Flucht, wie in den Pupillen eines gejagten Tieres, das seinem, den sicheren Tod bringenden, Jäger gegenübersteht.

„Yasme… wo willst du denn hin?“ fragte er, möglichst leise und besänftigend.

„Wir müssen hier weg, es wird uns finden und uns weh tun…“
, immer wieder flehte ihre Stimme, völlig von Sinnen, sich wehrend, wollte davon stürmen in die kalte dunkle Nacht, doch Medren hielt sie weiter, wisperte, murmelte, beruhigte sie mit Worten, bis er, verzweifelt, nach dem Einzigen griff, das ihm stets ruhige und friedvolle Gedanken beschert hatte. Das leise Plätschern seiner selbst schwoll an, fröhlich und hell, schimmernd wie ein Bach in der Frühlingssonne und mit dem klaren Geschmack einer kühlenden Bergquelle, die den langen Weg aus den Tiefen der Erde hinter sich gebracht hat. Jene Melodie lockte er wie ein Flötenspieler die Tiere und in ihr erklang eine alte Weise, die ihm schon seine Mutter vorgesungen hatte.

Mit vielem hätte er gerechnet, doch nicht mit jener dunklen, nicht greifbaren Essenz, die aus den Tiefen Yasmes aufstieg, sich ihm entgegenstellte und ihn verhöhnte, verlachte, als wäre alles, was er bewirkte, nur das Haschen nach Wolkenfetzen. Warnend rauschte und toste es in ihm auf, er warf dem Schatten die Drohung und zugleich Warnung entgegen und forderte ihn auf zu verschwinden, doch die Melodie hatte nur Hohn für ihn übrig. Als er die Hände nach ihr ausstreckte, um sie genauer zu befühlen, war es jedoch, als wäre sie nie dagewesen. In sich fiel sie zusammen, wurde davon gesogen und plötzlich herrschte wieder Stille.

In diesem Moment sackte Yasme in sich zusammen…

Gerade noch streckte er geistesgegenwärtig die Arme aus, da fiel die schmale Frauengestalt wie ein gelöstes Gewicht haltlos gegen ihn und riss sie beinahe beide von den Füssen. Behutsam hob er ihre Beine an, bettete den sich im gnadenvollen Mondlicht flammend rot leuchtenden Schopf an seine Schulter und trug sie zurück zu jenem Bett, in dem auch er schon so manche Nacht geschlummert hatte.

Im Zimmer erwartete ihn die nervös flirrende grüne frisch wie junge Baumtriebe schmeckende Präsens, die eine deutliche Angst in sich vernehmen ließ und ein Paar in der Dunkelheit fragender Augen, die auf ihm und der Frau in seinen Armen ruhten. Zu gerne hätte er in diesem Augenblick etwas gesagt, die besorgniserregende Situation mit Witz und Schlagfertigkeit aufgelockert, doch die Worte kamen nie in den Momenten, in denen er sie gebraucht hätte. Und so legte er die tief und fest schlafende Yasme nur auf die leere Matratze, zog ihr die Stiefel aus und deckte sie sorgsam mit der wärmenden Wolldecke zu.

„Was ist geschehen…?“ fragte Hannas bange Stimme, die in der Stille distanzierter wirkte als sonst. Ohne über Folgen und mögliche Gerüchte nachzudenken ließ er sich am Ende ihres Bettes nieder, zog die nackten eiskalten Füße an den Körper und begann mit gedämpfter Stimme zu erzählen… von Yasmes Worten, von der versuchten Flucht und von dem dunklen, höhnenden Schatten.

Verfasst: Freitag 28. Oktober 2011, 19:21
von Cara DelMur
Cara’s Gedanken kehrten zurück zum gestrigen Abend. Sie hatte sich mit der Schüssel voller Edel- und Halbedelsteine, welche in einem Pflanzen-Wasserspiegel lagen, zu Yasme gesellt. Ganz locker hatten sie über die Steine geredet, denn Cara wollte einen davon für ihren Stab auswählen und war sich noch etwas unschlüssig auf welchen die Wahl fallen sollte.
Im Verlauf des Gesprächs hatte Yasme ihr schliesslich ihren ganz eigenen Beutel gezeigt. Er duftete selbst nach diesen langen Jahren, die sie ihn nun ständig bei sich trug noch immer einnehmend. Eine alte Frau habe ihr den Beutel gegeben. Sie sprachen eine Weile über die alte Frau und wie der Beutel schliesslich zu Yasme gelangte und in Cara regte sich der schwache Verdacht, ob diese wohlmeinende alte Frau nicht auch eine Schwester gewesen sei. Beiläufig warf sie dann noch einen Blick in den Beutel und zunächst dachte sie sich dann auch nichts weiter dabei. Kräuter und Steine eben.
Doch je mehr Yasme von ihrer Vergangenheit preis geben wollte, desto schlimmer wurde es. Der Schmerz kehrte zurück, Yasmes Hand verkrampfte sich immer heftiger und als Cara jene mit ihrer Wärme zu lockern versuchte, nahm sie es schliesslich wahr. Eine fremde Präsenz, ein fremder Klang, der in Yasmes Hand lauerte? Konnte das sein? Unmöglich! Wie ein schwerer Riegel schob sich, immer wenn Yasme ihrer Vergangenheit nachspüren wollte, etwas vor diese Türe. Wollte sie Yasme beschützen, wollte sie etwas verborgen halten?
Als Caras Blick wieder auf die Schüssel mit den Steinen fiel, blitzte kurz die Erinnerung des Kristalls, in Yasmes Beutel vor ihrem inneren Auge auf. Steine hatten Schwingungen und Kristalle…. Sie musste sich den Kristall einfach nochmal ansehen. Was dann geschah… nun die Ereignisse schienen sich zu überschlagen… sobald der Kristall auf Caras Handfläche lag......und während Cara noch über Seelensplitter und die heile diamantene Seele Tristan‘s nachdachte, vermehrten sich die fremden Melodien, griffen nach dem Kristall, griffen nach Yasme, mit dem schmerzverzerrten Schrei Yasmes, offenbarte sich Cara für den Bruchteil eines Wimpernschlages das wahre Antlitz des Kristalls, der Kristall wurde ihr aus der Hand gerissen, zurück in den Beutel, welcher eigenständig zurück zu Yasme kehrte, welche sich, hilflos und vom Schmerz übermannt, auf den Kissen krümmte. Die fremden Töne griffen nach Yasme und so wie sich roter Wolkenhimmel bei einer Feuerbrunst erhebt, so erhob sich Cara lodernd, wallend im Schöpfungslied, bei dem Versuch sich schützend um die Klänge ihrer Schwester zu legen, ungeachtet ihrer selbst, da griffen die fremden Klänge für diesen winzigen Moment auch nach Cara, sie erfuhr den Schmerz, teilte den Schmerz, den Yasme immer wieder aufs Neue erleben musste.
Dann war es vorbei. Der Angriff war vorüber. Die unbekannten Töne, in denen keinerlei Disharmonie nachschwang und deren Wesen von wilder spielerischer und rasender Kraft getragen war, bewegten sich noch, lauerten noch, reizten Cara, als wollten sie sie herausfordern, ehe sie sich schliesslich verflüchtigten.


Lamerist, Yasmes Mutter, die alte Frau, der Beutel, der Kristall des schimmernden Herzens, der Schmerz, das nächtliche Schlafwandeln, all jenes waren Teile eine Puzzles, die zusammen gesetzt werden mussten.... sofern Yasme dafür bereit war.

"Der Schmerz, Yasme, ist nicht zwangsweise Böse. Selbst wenn er uns kein Freund sein kann, so kann er uns doch eine Lektion lehren....."

Verfasst: Samstag 29. Oktober 2011, 16:33
von Gast
Verflechtungen I.

»...wenn das innere Band zwischen Körper und Seele Risse trägt, wird deutlich, wie sehr die psychische und physische Entität miteinander verwoben ist. Wenn diese Verbindung über Jahresläufe gestört wird, wie schwer wird dann zu erkennen sein, dass diese Risse das eigene Gleichgewicht zunehmend bedrohen? Wie liesse sich feststellen, welchen Ursprung dies nahm?

Ist es vielleicht nicht auch möglich, daß unser Geist und unser Körper immer wieder versuchen wird, eine gesamtheitliche Verbindung zu finden? In Träumen, Gedankenbildern, in schmerzlich schwachen Momenten, in all den unerklärlichen Augenblicken, die uns vor Augen geführt werden? Sind es nicht die Erinnerungen und Träume, die uns einen Großteil unseres Weges deuten? Und wie kämen wir voran, würden wir unseren Körper nicht durch unsere Instinkte und Sinne leiten lassen? Während unseres Lebens wird durch die Gewöhnung des Miteinanders beider Phänomene, also zwischen Geist und Körper, eine unzerstörbare Verbindung geschaffen. Eine Verbundenheit, die auch Risse und Gefahren zu umgehen weiss. Diese Verbindung wird es sein, die uns unseren weiteren Weg verdeutlichen möchte. Auch wenn dies auf absonderliche Art und Weise erfolgt, und nicht auf direktem Wege über unsere eigene innere Mitte.«


- Aus "Quintessenz des Lebens, zwischen Körper und Seele." - eine Abhandlung geschrieben von einer Schwester im Jahre 231.

"Der Schmerz, Yasme, ist nicht zwangsweise Böse. Selbst wenn er uns kein Freund sein kann, so kann er uns doch eine Lektion lehren..."

Immer wieder vernahm Yasme die Worte der Schwester in ihren Gedanken, liessen sie einen Moment in all ihrem Tun innehalten. Es entstand ein einnehmendes Gefühl, gleichsam mit den aufkommenden Gedanken, dass irgendetwas wesentliches vergessen wurde. Etwas war für den Bruchteil eines Augenblickes in ihren Erinnerungen aufgetaucht, als ihre Schwester diese Worte zu ihr gesprochen hatte. Ein Bildnis aus einer Erinnerung oder einem Traum vielleicht? Diese Worte kamen ihr auf vertraute Weise bekannt vor. Sie glaubte, dass es eine noch frische Erinnerung sein müsste, die sie eigentlich noch nicht vergessen haben durfte.

Yasme konnt den Schmerz noch nachfühlen, der sie an diesem Abend jäh überwältigte. Doch viel mehr spürte sie die Angst noch deutlich nach. Wieder ein Überlebenskampf? Oder nur durcheinander gebrachte Gefühle, die noch Nachwirkungen waren durch den Überfall? Yasme hatte sich damit auseinander gesetzt, ging immer wieder nach Berchgard oder sprach mit Cara darüber. Dabei hatte sie zwar auch Angst verspürt, doch wurde sie zunehmend weniger. Und jetzt geschahen wieder solche irrsinnigen Dinge, wie einfache Gespräche, die Schmerzen auslösen sollten?

All die Veränderungen und unerklärlichen Momente waren mittlerweile zu groß für ihr Fassungsvermögen. Sie fühlte sich erdrückt, bedroht, ängstlich, durcheinander und hatte doch eigentlich gar keinen Grund dazu. Seltsamerweise drang jedoch die Erkenntnis, welche Bedeutung dies alles für sie hatte, noch nicht gänzlich zu ihr durch. Noch immer versuchte sie sich einzureden, dass es einfach nur an den neuen Umständen und zahlreichen Erlebnissen lag. Sie versuchte die Angst beiseite zu schieben, die Schmerzen zu ignorieren, das Schlafwandeln hinzunehmen. Versuchte nicht daran zu denken, wie wirr sich das alles anfühlte. Sie versuchte sich weiterhin aufrecht zu halten. Versuchte sich einzureden, dass alles schon irgendwie wieder werden würde. All diese Versuche wurden von einem Gefühl gelenkt, welches sie sich bisher nicht getraut hatte genauer zu definieren: Angst vor einer wirklichen Gefahr.


"Es wird uns wehtun" - hatte Yasme an diesem Abend im schwächsten Moment zu Cara gesagt. Obwohl sie in diesem Augenblick recht überwältigt von Schmerz und Angst war, blieben ihr dieses Mal ihre eigenen Worte und das dazu aufkeimende Gefühl, deutlich in Erinnerung. Sie hatte in diesem Moment nicht nur Angst um sich selbst. Yasme wurde schwindelig, wenn sie zuviel darüber nachdachte, oder die Schmerzen begannen, oder ihre Angst wurde zu groß. Alles war nicht wirklich greifbar. Auch ein Schamgefühl löste all dies in ihr aus. Je mehr sie versuchte unauffällig und normal zu sein, desto mehr zog sie diesen unkontrollierbaren Irrsinn an. Darüber nachzudenken fiel ihr unheimlich schwer. Ihre eigene Sicht wurde immer wieder getrübt, oder sie wurde von den Ereignissen oder Gefühlen überrannt. Cara hatte sie bei den Händen genommen, ernst angeblickt und ihr versprochen, dass es einen Weg gäbe, um all die Geschehnisse zu erklären und zu bewältigen. Yasme legte all ihre Hoffnung auf die Worte ihrer Schwester. Ein weiteres Gefühl blieb dabei mit bitterem Nachgeschmack an ihr haften: Die Angst, in eine ernsthafte Gefahr zu laufen und dabei andere mitzureissen.

Verfasst: Samstag 5. November 2011, 13:47
von Gast
Kunde einer Waldfee

"..und irgendwann spürst Du in einem kleinen Bereich Deiner Seele einen leisen Windhauch, als ob eine gute Fee einmal ihre Flügel hebt, und unvermutet weißt Du, das kleine Wesen hat an Dich gedacht."

»Erst später, nachdem ein Opfer gebracht ist, und wenn alles vorüber ist, wenn das Dahinscheiden geschehen ist, das Losreissen aus dem Diesseits in die andere Welt vollzogen wurde, erst dann folgt das brennende Weh, das nicht ablässt von uns, weder am Tag noch in der Nacht, und langsam Herz und Leib verzehrt, bis der eigene Kampf beginnt.«

"es... ist so nah...."


Yasme kannte diese Worte, hatte sie immer irgendwie im Hinterkopf gehabt. Sie waren jedoch nie greifbar gewesen. Noch immer war sie erschöpft von den Schmerzen und Ängsten die noch einige Momente zuvor an ihr gezehrt hatten, doch das Flüstern liess sie inne halten und lauschen.


"es ist so nah so nah.... es ist hinter uns ... so nah"
"nicht mehr lange.... nicht mehr lange...."


Wut schob ihre Angst beiseite. Sie hatte genug an diesem Tag ertragen müssen.
"Was nicht mehr lange!" rief sie wutentbrannt einfach hoch in den Himmel, als sie das Flüstern erneut vernahm. Antworten verlangte sie, jetzt, nach diesen schmerzvollen Momenten die sie vor anderen erleben musste, und noch immer nachfühlen konnte.

"es... ist so nah...."


Die Wut legte sich wieder und schenkte ihrer Angst neuen Raum, als Yasme das kleine Wesen im Wald erblickte. Ein Flügel der Waldfee war schwarz, angesengt und nur noch ein kläglicher Rest von der einstigen schimmernden Pracht. Kauernd hockte es an den Wurzeln einer dunklen Eiche und murmelte leise Worte.


"greift schon nach mir... dunkel und kalt kommts auch zu dir"


Yasme fühlte sich irgendwie mit diesem Wesen und diesen Worten verbunden und wieder konnte sie sich die die arge Präsenz ihrer Angst nicht erklären. Noch mehr erschrak Yasme als das kleine, sonst so bezaubernd wirkende Wesen auf sie deutete und mahnend sprach:


"Du musst dich stellen.... musst Mut beweisen..... musst den Kampf aufnehmen..... geh auf Reisen
versteck dich nicht.... es wird dich finden.... wie mich wird es auch Dich dann schinden."

"ihr dürft nicht zagen, müsst die Kräfte vereinen.... ansonsten gibt es Ausweg keinen.."

"es ist... zu nah..."


Die Verbindung die sie zu diesem Wesen spürte, die Worte die Yasme vernahm, und ihre eigenen Erinnerungen, fügten sich langsam zu einer Erkenntnis zusammen. Das Wesen litt wie sie, aus dem gleichen Grund. Der gleiche Ursprung war der Auslöser. Nur wusste die Waldfee mehr als sie selbst, also versuchte Yasme weitere Antworten zu erhalten.


"es jagt uns, wird euch jagen.... es frisst und frisst und wird nie satt..
"nicht viel das wir wissen.... die quelle ist fern.... und doch folgt es uns wohin wir auch gehen.."

"Wer einmal entdeckt.. den lässt es nicht los.."


Yasme verstand die Worte. Sie lenkten die Erkenntnisse in die richtigen Bahnen und sie wusste erstmalig, dass sie den richtigen Weg zur Lösung erdacht hatten. Sie mussten kämpfen. Und so versprach sie dem kleinen Wesen, dass sie kämpfen würde. Eisiger Wind schlich sich langsam an den Baumwipfeln herab, es blieb keine Zeit mehr.


"ich wurde gesandt um euch zu warnen.... es war meine Wahl und nun ists geschehen...
in Ruhe und Frieden kann ich wieder gehen..."


Es blieb keine Zeit mehr.. der kühle Wind nahm zu, der Wald wurde dunkler und Yasme ahnte, was geschehen würde. Ein letztes mal bat sie die Waldfee um ihr Wissen und sah gleichzeitig fragend und flehend Cara an, ob sie dem Wesen nicht doch irgendwie helfen konnten.


"doch seid euch gewiss.... dem Kampf stellt ihr euch nicht allein
die Geister der Wälder.... mein Volk und mein Blut,

sie können euch leiten, sie können euch führen..."


Eisige Kälte schlich bedrohlich herab, immer weiter auf das Wesen zu. Für einen Moment verlor sich Yasme's Blick in den Augen der Waldfee, als diese grünlich aufschimmerten und ihr unendlich weite Wälder von atemberaubender Schönheit präsentierten.


"Der Kreis... schließt sich.."


Yasme wollte es nicht zu lassen. Sie wollte nicht, dass das kleine Wesen von der eisigen Kälte ergriffen wird, und jetzt und hier seinen Tod fand. Sie wollte dazwischen gehen, es aufhalten, doch Cara hielt sie fest. Sie wusste sie konnten nichts mehr für die Waldfee tun. Der Wind sank herab, griff nach dem kleinen Wesen und löschte seine Kraft und sein Lebenslied aus.


"Wir können ihr nicht mehr helfen...lassen wir ihr Tun nicht umsonst gewesen sein..."


Die Worte ihrer Schwester Cara, und der Griff an ihrer Hand liessen Yasme weiterhin aufrecht stehen bleiben, trotz der Erschöpfung durch die vielen Ereignisse des Abends. Still weinend, sah sie wie kleine winzige Flammen den leblosen Körper der Fee umhüllten und wie das winzige Lächeln, das geblieben war, sich zu einem kleinen Haufen Asche kristallisierte.


"Es .. ist an der Zeit .."

Verfasst: Sonntag 6. November 2011, 00:31
von Cara DelMur
Jetzt hatte es sie also doch gepackt und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Sie war überzeugt davon gewesen, der Beutel mit dem Kristall würde Yasme beschützen. Eingeflüstert von der dunklen Präsenz. In Gedanken bedankte sie sich noch einmal bei ihrer Schwester Majalin, die ihr einmal mehr den Kopf gewaschen hatte und diesmal nicht nur im übertragenen Sinne. Was hätte Schlimmes geschehen können, hätte Majalin es nicht erkannt. Sie hatte ihrem Gespür vertraut, wie sie immer einander vertrauten, und sich der Reinigung unterzogen. Ein Bund der nur stärker werden konnte.
Und sie war so stolz auf Yasme, jetzt war sie wirklich bereit, bereit zu kämpfen. Für sich selbst! Nocheinmal fröstelte es sie kurz, als sie an den kalten Wind dachte, der über sie alle hinweg gestrichen war und wie sie diesem „Etwas“ den Kampf angesagt hatten. Bleierne Müdigkeit überkam sie, sie gähnte. Es gab noch viel zu tun, noch immer wusste Yasme nichts von den fremden Klängen in ihrem Körper, noch hielten sie geheim, dass der Kristall wie der Baum im Sturm den Blitz, das Dunkle anzog. Es wurde Zeit das Hanna wieder heim kehrte, sie brauchten sie. Und dann stand noch die Reise aus, auf die Insel, Lameriast, die Donnereiche musste aufgesucht werden, die Asche der Waldfee ihrem Volk übergegeben werden. Verbündete. Sie brauchte Schlaf. Morgen würde ein neuer Tag anbrechen. Mit wirbelnden Gedanken schlief sie ein.

Verfasst: Montag 7. November 2011, 17:25
von Hanna Radenbruck
Pitsch, Patsch, Platschel...Dröpp!
Normalerweise mochte sie den Regen, sah ihn in den meisten Fällen sogar als Segen und mochte, wenn er im Lenz oder gar heißem Sommer die Felder küsste und sich in seiner lindernden Kühle sanft auf die überhitzte Haut legte. Ja, er war ihr meist ein guter Kamerad und neckender Wegbegleiter gewesen und erinnerte sie an eine Melodie, die ihr vertraut und guter Freund war, doch nun...
Seit zwei Tagen hatte es ununterbrochen geregnet und natürlich hatten sie alle gutes Recht ihr den eigenen Sturkopf mit etwas Enttäuschung vorzuführen, denn eigentlich hatte sie versprochen auch nach der Geburt die Zeit bis zum Wiegenfest abzuwarten und jenes noch im Kreise der Familie zu feiern. Zur Mitte der nächsten Woche war die Feier geplant und sie hätte dann bequem mit Wieland zusammen den Heimweg antreten können, doch stattdessen ließ sie diesen verwirrt und ihre Base, glückliche Mutter eines kerngesunden, rotwangigen Mädchens, milde gekränkt zurück.
Nein, niemand hatte ihr laute Vorwürfe gemacht und obwohl vorsichtig nachgebort wurde, warum sie es denn so eilig habe und ob sie nicht doch noch etwas warten wolle, hatte niemand versucht ihr die verfrühte Abreise wirklich auszureden oder gar zu verbieten. Nur in ihren Augen war das Bedauern und Unverständnis zu sehen - doch wie konnten sie Hanna auch verstehen. Keiner in der fröhlichen Runde wurde Nacht für Nacht von diesen wirren, schüttelnden Alpträumen gepackt, welche sich wie der Nachtmahr selbst auf die Brust zu setzen schienen und langsam die Luft abdrückten.

Wenn sie kamen dann verlor sie all die bisher gewonnene Macht in der Ebene, welche sie eigentlich gerne mit Hingabe Traumwelt nannte und wurde stattdessen zum Spielball einer anderen Kraft. Wie eine Lumpenpuppe von einem wirren Strudel in den nächsten geworfen, kräftig hinabgetaucht, als wäre sie ein ungewolltes Kätzchen, das man ertränken wolle und noch während sie dann nach Luft jappste und keuchte prasselten Bilder, Berührungen, Geräusche, Emotionen oder auch Gerüche wie der Tusch eines irren Trommlers auf sie ein.
Seinen solistischen Höhepunkt hatte besagter Trommler wohl aber in der letzten Nacht gefunden und nur ungern erinnerte sie sich an die letzten Momente in den kochenden Fängen des Alptraumes zurück.

ZACK!
Sie sah eine zarte Gestalt, welche panisch davonrannte, die Hände vors Gesicht geschlagen, als wolle sie sich schützen und ihre roten Locken fluteten einem Meer aus Blut gleich im garstigen, dumpfen Alpdruck-Licht.
Majalin?...nein - Tulena? Oder nein nein... Yasme?! Doch Maja?
Da war die Gestalt schon verwunden und das Prasseln hämmerte erbarmungslos weiter.
ZACK!
Ein dumpfes, fast drohendes Grollen drang von irgendwo her. Kurz war ihr als würde sich dieses zu Caras warmer Stimme verändern, doch ehe sie nach der Schwester rufen konnte, entglitt die Veränderung ein weiteres Mal. Der dumpfe Ton schien sich binnen der Bruchteile weniger Lidschläge vollends nach oben zu schrauben, bis Wogen aus schrillen Schreien an ihr Ohr drangen. Angstschreie - Todesschreie!
ZACK!
Während sich etwas würgend und quetschend um sie legte war da dieses pappige Gefühl im Mund. Es verklebte ihr die Lippen, als wolle es nicht zulassen, dass auch nur ein einziger Ruf nach außen drang. Abschnürend kordelte die Dunkelheit das Bündel Hanna fester zusammen und jene stellte entgeistert fest, dass die warme, pappige Flüssigkeit im Mund mehr und mehr an Geschmack gewann und langsam tiefer in den Rachen zu rinnen schien.
Süßlich ein wenig und doch mit diesem unleugbar metallenem Echo. Ein bisschen so, als habe man wie ein neugieriges Kind zu lange auf einer Kupfermünze umhergelutscht.
Ihre Augen weiteten sich entsetzt, als sie erkannte was da nun plötzlich so rege wie ein frisch angestochenes Weinfaß in kleinen Sturzbächen ihre Kehle hinabrann und ihr jegliche Luft dorthin verschloss: BLUT


Mit einem erstickten Keuchen war sie dann erwacht, vollends in der eigenen Wolldecke verfangen und die Zähne so fest auf die Unterlippe gepresst, dass ein dünnes Rinnsal des eigenen Lebenssafts seinen Weg zur Zunge gefunden hatte. Bei jener letzten Nacht brauchte sie beinahe eine Stunde um wieder ganz im Diesseits anzukommen und selbst dann zitterte sie noch immer wie ein tattriges Mütterchen und hörte den eigenen Zähnen beim Klappern zu.

Ja, sie hatte die Runde verlassen müssen und nein, sie konnte keine weitere Nacht unter dem Dach der arglos feiernden Blutsverwandten bleiben, wenn anderswo irgendetwas ihrer Seelenfamilie auflauerte oder sie vielleicht gar längst bedrohte. Es war unmöglich mittlerweile vollends aus den Träumen zu lesen - dafür brauchte es vermutlich zusätzliche Mittel und Wege, die ihr aber nur in dem eigenen, kleinen Labor zur Verfügung standen und jenes war nun einmal ebenfalls in Gerimor... Zeit zurück zu kehren, sich mit den anderen zu besprechen und weitere Schritte einzuleiten.

Ach wenn der verdammte Wagen doch nur nicht so unendlich langsam durch den Regenmatsch schleichen und schunkeln würde!

Pitsch, Patsch, Plidings... Blöpp!

Verfasst: Montag 5. Dezember 2011, 11:41
von Hanna Radenbruck
Einer alten Wiegenmär entnommen:

Es waren einst der Brüder zwei
die sich hingaben endloser Träumerei
in dieser Ewigkeit bleiben die Namen bekannt
einer Schlaf und der andere Tod genannt...


~+~

Sechster Wochenabend...

Schmerzende Erinnerung oder Erinnerung an Schmerzen?
Vielleicht ein wenig beides in einem und obwohl sie ansonsten eher zu einer Schmerzverdrängung neigte und all das, was ihr und vor allem ihrem Körper nicht taugte prächtig herabwischen und von sich schieben konnte, so blieb jeder kleine Moment des erlebten Grauens in den Kopf gebrannt.
Eine unsichtbare Hand streckte sich aus, eine Berührung so tief in ihrer Essenz und der Seele selbst - etwas, das an Yasme seinen bösen Willen ausübte, den dunklen Einfluss in sie pumpte und drohte die liebe Schwester zu erdrücken... nein, zu erwürgen, ja das war es:
eine eiskalte, unmenschliche und nicht sichtbare Hand, deren Spinnenfinger sich um das Lied schlangen und langsam zudrückten, bis die Funken quälend nach und nach erloschen.
Es machte dem Ding Spaß jenes Spiel auf die Spitze zu treiben. Berechnende Mordlust, höhnende Bosheit und irgendwie langte dem "Etwas" all die Pein immernoch nicht, es wollte mehr, griff noch weiter, forscht unbeirrt, ließ nicht weder ablenken noch irritieren, lachte über Drohungen und teilte vor allem gewaltig aus.
Ja, da waren die Schmerzen...

Ein Brennen in jeder Faser ihres Körüers, ein seltsamer Stich, der durch sie glitt und dabei kalt statt reinigend heiß, wie die glühende Wucht des Feuers, war. Jener Stich traf sie beißend, als sie sich dagegen stellte und das unselige Ding anhalten wollte, als sie es auf frischer Tat ertappte. Yasme wollte reden, wollte geheimes verkünden und sich selber wehren. Als habe es dies gerochen, kam es angeschlittert, wie eine Alptraumnatter und versprühte das Gift rasch in Yasmes Körper - ungesehen, ungehört doch dafür spürbar...schmerzlich spürbar.
In dem Moment, in welchem die schmale Gestalt Yasmes sich krümmte und die Hand, welche sie zuvor beinahe gefühllos in eisiges Wasser getunkt hatte, wieder zu krampfen begann, erwachte Hannas Rage und die Wut ließ sie überkochen, zu schnell handeln.
Doch was erdreistete sich das dunkle Etwas, welches nun auch als Mörder feenhaften Lebens galt, so grausig nach einer ihrer Schwestern zu greifen? Die sonst so stille, sanfte Hanna mauserte sich zu einer Furie im Lied und flehte die Elemente um Beistand, als sie sich blindlings in den Kampf stürzte... ein Kampf, den sie alleine nie gewinnen konnte.

Dumm ist bekanntlich der, der Dummes tut und hier wäre es angebracht gewesen einen kühlen Kopf zu behalten, um dieser Kälte richtig zu begegnen, doch zu spät!
Es brach nicht nur über die überrumpelte Hanna so stechend und giftig herein, es ließ auch Yasme nicht los, sondern bohrte tiefer und irgendwo entfernt realisierte sie noch Medren und dessen gellenden Aufschrei im Lied, als er versuchte die beiden Schwestern zu schützen.
Doch es gewann diesen ersten Kampf und vielleicht hätten die drei Kinder der Naturmagie noch mehr verloren, wäre nicht im Diesseits Arensis und Wolf an ihrer Seite gestanden und hätte nicht irgendwer plötzlich den Namen der Allmutter ausgeprochen. Als wäre dies ein Signal, ein ferner Ruf und silbrig leuchtender Hinweis, begann Hanna erneut die Elemente zu rufen und... zu beten.
Vermutlich war sie nicht die einzige und mit einem Male flaute der eigene Schmerz ab, während Yasme ohnmächtig herabsank und Wolf über ihr stand, die Bratpfanne noch in der Hand.
Sie saßen stumm später am Feuer, wärmten sich in Eluives Gnade und der Elementare Beistand, doch war der Schmerz auch vergangen, so konnte Hanna ihn nicht vergessen.

-- Und das spürt Yasme täglich, dauerhaft, quälend! --

Jener Gedanke und bitterer Beigeschmack zur Erinnerung an den dunken Abend schob sie sanft, doch unnachgiebig in die letzte Verzweiflungstat. Oh, diesmal war sie wahrlich besser durchdacht und gut überlegt, dennoch aber fernab von ungefährlich und sicher.
Dann wiederum... wer war schon sicher? Scheinbar sie alle nicht mehr und wer einer Schwester so schadete, schmerzte ihnen allen - dies ging sogar bis weit über die Schwesternschaft hinaus.

Ja, es schien der rechte Weg zu sein und nach vier Tagen Grüblerei hatte sie sich selbst überzeugt, am fünften besorgte sie die Utensilien. Ein Kissen fürs Haupt, eine einfache Schlafmatte, keine Schwesternrobe, sondern einen einfacheren Kittel, wohl aber die erdgefüllte Tonschale, die rote Kerze, ihre Weihrauchschale und einen Kelch voll des Teichwassers, selbst wenn damit der kleine, geheime Schrein der Muttergöttin schrecklich leer wirkte.
Vier Himmelsrichtungen, vier Elemente - ich brauche euch!
Hinzu kam der Athame an die rechte Seite der Matte und der simpel geschnitzte Stab an die Linke.
Schwestern, Brüder, Lebende, Tote...all jene, die in meinem Herzen auf ewig wohnen - ich brauche euch!

... fehlte nur noch das Gemisch.
Sie hatte schon getrickst, hatte Teile davon in den Pfeifentabak gemischt, da sie jene nicht trinken wollte, wiederum andere waren in kleinen, getrockneten Teilen im Weihrauch enthalten, doch der große Teil war, versetzt mit einer beachtlichen Menge Nachtschatten zu einem Sud geköchelt. Eine einzige Tasse davon nur, genug um ein Kind damit umzubringen und einem Hünen mehreren Stunden das Bewusstsein zu rauben. Sie lag dazwischen und hoffte auf ein Ergebnis... dazwischen.
Immer wieder warf sie einen Blick auf die Tasse, welche ihr am Rand des Brautheke im Alchemiekeller zu winken schien und schaudernd riss sie sich ein weiteres mal davon blicklich los.

Tag sechs war es nun, sie hatte alles vorbereitet, sich gereinigt - äußerlich und innerlich durch die Meditation am nunmehr kahlen Schrein. Ihre Gebete waren bei jenen, die sie liebte und dennoch fand sie keine Ruhe, spürte nasse Schneeflocken an der Wange und den Wind des neuen Mondes in den Haaren. Mehr aus einer Eingabe heraus schnitt sie einen Zweig der Misteln aus den Wirrungen der kahlen, alten Ulmenäste und dann, als alles gesagt und gedacht war, hatte sie den Gang zum Keller vollendet. Magdas Blick war eindringlich gewesen. Er bedeutete:
"Willst du das denn wirklich tun?"
Hanna ignorierte ihn. Sie wusste, dass ihr Zwilling nicht genau verstand oder verstehen wollte, was sie da tat und doch die Beweggründe im Ansatz nachvollziehen konnte.
"Eine Schwester beschützt die Andere!"
Ja, das Argument zog und so behütete sie nun Hannas... Hülle? Ruhe? Schlaf? Zumindest würde niemand stören oder den Raum betreten, nicht einmal (so die Anweisung) sollte Tumult im Inneren herrschen.

Bereit?
Nie, doch es ist die rechte Zeit.
Der Rauch des Pfeifentabaks löste die Spannung und weitete das Bewusstsein. Sie mochte keine Rauschmittel, doch diesmal war die Nutzung ähnlich dienlich wie der Pilzbrei zur Befragung des Spiegels.
Mit geweiteten Pupillen, halb schon im Lied tänzelnd, griff sie nach der unheilvollen Tasse, schritt mit jener, als handle es sich um einen heiligen Kelch in den Kreis, zur Schlafmatte und setzte sich inmitten der Utensilien. Die Kerze flackerte ängstlich, der Weihrauch schien sie streichelnd zu benetzen und gleich vielen Tränen glitzerte das Wasser im Kelch. Nur die Erde blieb ruhig, ihr präsent - entschlossen?
Ein letztes Mal vergewisserte sie sich, dass Athame und Stab in ihrer Nähe, quasi griffbereit, lagen, obwohl ihr Körper doch lange gar nichts machen würde. Das Herz begann ihr zu klopfen und sie drückte den Mistelzweig fest an die Brust - doduum, doduum...
Bereit?
Nein, nie!
Sie legte den Becher an die Lippen und schmeckte zunächst nur kalten Ton, dann der würzige Kräuterhauch und die bittere Note Nachtschatten - dodoom, dodoom...
Gallig und schmierend rann es die Kehle herab, als Hanna den Becher leerte und von sich stieß - doduum, doduum...
Er rollte aus dem Kreis und im selben Moment, legte sie sich nieder, schloß die Augen und drückte den Zweig ein letztes Mal.
Duuum! Duuum! Duum!
Dumm? Egal - bereit!

Der Atem stockte zuerst, das Herz wurde sehr viel später langsamer und der Puls nicht mehr recht spürbar. Die Wanderung begann, tief und unrüttelbar im Traumgewebe. Auf der Schwelle, inmitten zweier Brüder, denen sie die Hände reichte.

...in dieser Ewigkeit bleiben die Namen bekannt
einer Schlaf und der andere Tod genannt...


~*~

Siebter Wochenabend...

Ein Ritual wogt im vollen Gange. Hanna fehlt...

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Verfasst: Montag 5. Dezember 2011, 19:52
von Lucien de Mareaux
Wenn Unheil droht

Es kribbelte schon den ganzen Tag den Rücken herauf, aber eine Erklärung hatte ich dafür nicht, dieses Gefühl, dass in Kürze noch irgendwas passieren würde. Das Gespräch, dass wir vorher geführt hatten, sorgte zwar für eine gewisse Beruhigung der Vorahnung, aber die wurde sehr schnell ausgeräumt, als draußen ein aufgeregtes Quieken erklang und kurz darauf etwas an der Türe kratzte. Die kleine verlotterte fette Ratte hatte irgendwas bei sich. Wussten die Mächte, was Majalin darin sah oder durch diese komische Murmel erfuhr.
Ich versorgte Quiek – so zerfressen wie die aussah vom Pelz her, hätte ich sie ja anders genannt – mit einem oder zwei Stückchen Käse. Nicht, dass sie das brauchte, aber es zeigte sich wohl, dass es sinnvoll gewesen war, die Rüstung anzulegen und dieser blöden Vorahnung zu vertrauen, die sich in meiner Magengrube eingenistet hatte. Irgendwas stimmte nicht. Also griff ich mir Umhang, Schild und Waffe und wir verließen wenig später das Haus.
Die Führung übernahm meine Frau, immerhin wusste sie auch wo es hingehen sollte.

Der Empfang bereitete mir schon ein mulmiges Gefühl, was gewiss daran lag, dass wieder einmal Dinge um mich herum geschahen, die ich entweder nur bedingt oder gar nicht verstand. Es schlug uns ein Nebel entgegen zu Beginn des Aufstiegs am Bergpass, dass ich nichts mehr sah und nur mühsam vorankam. Und das bei der verdammten Glätte und dem trügerisch weichen Schnee, der überall lag.
Als wir oben ankamen, trafen wir bereits einige der Druiden an, ebenso auch Yasme, die mitten unter ihnen stand. Allesamt wirkten sie etwas ratlos, wussten nur, dass etwas zu tun war, aber nicht was – also waren sie in etwa genauso schlau wie wir auch. Der Umstand sollte aber nicht lange anhalten. Schon recht bald bekamen sie ihre Aufgabe zu erfüllen. Yasme, ihr Beutel, der Kristall, was auch immer da für Mächte halt am Werk waren. Meine Informationen dazu waren recht spärlich – aber vermutlich damit auch nicht besser oder schlechter, als die der anderen.
Wieder zeigte sich die Gewalttätigkeit hinter diesem seltsamen Zauber, als Majalin den Beutel nur berührte. Sie zuckte heftig zusammen unter dem Schmerz, den das Ding austeilte. Mein Versuch das Stück abzuschneiden gelang, ich bekam auch nichts zu spüren dafür. Berühren war für mich also tatsächlich sogar möglich. Ich trat den Beutel fort, als er fiel und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass es verschwand und sich direkt wieder an Yasmes Gurt materialisierte.
Wenn ich mich nicht schon unwohl gefühlt hätte in mitten all der Mächte, die hier wirkten und werkelten, jetzt wäre es spätestens soweit gewesen, dass es mir Übelkeit bereitete. Gleichzeitig ahnte ich, dass die noch viel schlimmer werden würde. Wie sehr schätzte ich doch Gegner, denen ich handfest gegenübertreten und ihnen aufs Maul hauen konnte. Wie sehr würde ich sie nach diesem Tag erst schätzen!

Es gab einiges Durcheinander, viel Wut und Verärgerung zwischen den Anwesenden. Cara war mittlerweile ebenso eingetroffen. Was da genau vor sich ging, bekam ich nicht einmal so wirklich mit. Dafür ging es zum einen viel zu schnell und zum anderen wurde vermutlich im Lied herumgespielt dabei. Plötzlich krachte es gewaltig, einige Blitze gingen nieder und ich bekam nur noch mit, wie Aylen richtig wütend wurde aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht verstand. Genauso wenig war mir klar, woher das plötzliche Gewitter über uns hereinbrach – oder gar warum. In jedem Fall zerrte es an meinen Nerven und das nicht wenig. Ich hasste Dinge, die ich nicht begriff und vor allem nicht unter Kontrolle haben konnte. So etwas sorgte regelmäßig für ein unruhiges Jucken knapp unter der Haut meiner linken Handfläche.
Dieses Jucken tauchte auch in dem Moment wieder auf, aber meine Frau bekam das Ganze dann binnen kurzer Frist schnell in den Griff und brachte wieder Ruhe in die ganze Gruppe hinein. Gut, ich erntete für den Versuch sie zu unterstützen dabei von Medren einen finsteren Blick. Vermutlich wäre ich umgefallen, wenn Blicke bereits töten könnten, aber darum kümmerte ich mich nicht. Hier ging anderes vor, dem ich meine ganze Aufmerksamkeit widmen wollte. Es gab Dinge, die waren erst zu einer anderen Zeit wichtig, aber gewiss nicht in diesem Augenblick.
Wie auch immer sie es zustande brachte, aber es stellten sich alle auf, irgend einen Sinn hatte es bestimmt, wie meine Frau sie den Himmelsrichtungen zuwies, auch wenn ich davon nichts verstand. Mich bat sie nur etwas zurückzutreten, was ich auch unmittelbar tat. Was ich mir ins Gedächtnis rief: Laufe nicht an ihr vorbei in den inneren Kreis, dann störst du die Mächte, Lucien.

Als sie die Elemente gerufen hatten, waren selbst für mich die entfesselten Mächte spürbar und steigerten mein allgemeines Unbehagen noch um ein gutes Stück. Bisweilen verfolgte mich das Hirngespinst kaum noch Luft zu bekommen, obschon diese genauso hinzu gerufen worden war.
Meine eigene Anspannung wuchs unangenehm, obschon ich versuchte ruhig zu bleiben, aber je länger das Ganze dauerte, desto ungeduldiger wurde ich, vor allem deshalb, weil ich nach wie vor im Grunde zur Untätigkeit verdammt war. Das lag mir gar nicht.
Plötzlich veränderte sich etwas. Hoffnungsfroh, dass ich bestimmt etwas zu tun bekam, einen Gegner, der handfest und angreifbar war, sah ich mich aufmerksam und wachsam um. Natürlich war ich in erster Linie hier für Majalins Sicherheit, für den Funken ebenso. Sicher sollte ich froh sein, wenn es gar nicht erst etwas gab, gegen das ich – wir – ankämpfen musste, das gab es aber. Ich konnte es nur nicht sehen.
Finsternis brach über uns herein, wie ein wütender Sturm, Eiseskälte – als wäre der Wintereinbruch nicht genug, fielen die Temperaturen noch weiter hinab und ließen mich nicht mehr nur frösteln. Ich fror wie ein Schneider – wie man so schön sagt – und verwünschte im Stillen diese vermaledeite Welt mit ihren Winkel- und Schachzügen, die mir verborgen blieben.
Völlig unvorbereitet darauf schlug und kratzte etwas gegen meinen Schild und warf sich mit einem Gewicht dagegen, dass ich fast den Halt verlor. Nur zu sehen vermochte ich auf der anderen Seite dessen nichts. Da war einfach gar nichts! Mit aller Kraft stemmte ich mich dagegen, stach blindlings mit dem Dolch in die Richtung, wo der Druck am stärksten war, so gut es ging, aber das bewirkte nichts und schon bald blieb mir nichts anderes übrig, als sogar den zweiten Arm zur Hilfe zu nehmen, um dem Druck standhalten zu können. Ein Blick zu Majalin verriet mir ebenso wenig, mit was wir es zu tun hatten.
Irgendwann begannen meine Füße zurückzurutschen in dem festgetretenen Schnee, auf dem sich durch die Kälte schon Eiskristalle bildeten, die bei weitem nicht mehr soviel Standfestigkeit versprachen. Ein Stück weit wurde ich zurückgedrängt, dann schaffte ich es meinen Stiefel wieder zu verkanten und dagegen zu halten. Was auch immer die anderen taten, aber irgendwann schwand der Druck. Ich bekam mit, wie das, was Yasme festhielt – denn das war das Übel, das uns da gerade heimgesucht hatte – endlich losließ. Mit diesem ging die Finsternis, die klirrende Kälte, die Schatten oder Unsichtbaren oder… ja, was auch immer gegen meinen Schild angegangen war. Ich sah einige zusammensacken und sich in den Schnee setzen, Yasme völlig verblüfft, neben der nach wie vor Cara stand, denn sie war in der Mitte des Ganzen geblieben um die Gebundene zu stützen und unterstützen.
Meine Frau wirkte erschöpft, ich fühlte mich gerädert und ein wenig unzufrieden mit mir selbst, aber dafür umso zufriedener mit ihr – Stolz, jede Menge, empfand ich für sie. Der wurde allerdings etwas abgedämpft bei der Aussicht auf die kommenden Tage, wie sich alsbald herausstellen sollte.
Die Verbindung zwischen Yasme und diesem seltsamen Beutel war getrennt worden, der Inhalt des Beutels warf Fragen auf. Von irgendwoher kam die Gewissheit auf, dass der nächste Schritt auf jeden Fall mehr Kampfkraft brauchen würde. Das spülte den Stolz in den Hintergrund und rief tiefe Sorge hervor, vor allem um sie und unseren Funken. Wenn ihr da etwas zustieß, würde ich mir niemals verzeihen können, soviel stand fest.
Nichts desto trotz verkniff ich es mir, sie davon abhalten zu wollen mitzugehen. Ich wusste nur zu gut, dass sie dem niemals zustimmen würde – und davon abgesehen war es eine Gelegenheit für sie das zu sein, was sie war, das zu geben, was sie geben konnte und vor allem endlich dem Haus zu entfliehen.

Die Frage, die blieb: Wen nahmen wir mit? Wer würde nicht verraten, was er zu sehen bekam unter Umständen? Wem konnten die Frauen vor allem vertrauen? Fanden sich genug?
Ich allein war dem gewiss nicht gewachsen, nach allem was ich schon jetzt erfahren hatte, was da auf uns zukommen mochte. Sicherlich waren es bislang nur Vermutungen, aber die Aussicht darauf, dass es sich bewahrheiten könnte, sorgte für Magenverstimmungen.