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Fußspuren im Irrgarten
Verfasst: Samstag 1. Oktober 2011, 16:45
von Hanna Radenbruck
Dies ist eigentlich keine richtige Geschichte, nicht einmal ausreichend oder adäquat, um sich "Kindermär" oder die Zeilen in einem poetischen Erguß zu nennen. Nichtsdestotrotz ist der Inhalt wahr und in all seinen endlosen Wiederholungen so alt wie die Zeit selbst...
Der Hauptcharakter des Ganzen ist ganz ohne Frage der Irrgarten, welchen jede Seele schon einmal oder mehrfach beschritten hat und manch eine ist so waghalsig tief in ihn vorgedrungen, dass sie noch heute die Verwirrungen und endlosen Heckenkreise abmarschiert, ohne je registrieren zu wollen, dass sie den Weg lediglich von einer Sackgasse in die nächste zurücklegt.
So facettenartig wie die Seelen und Gedanken darin, ist auch der Garten selbst. Mal kommt er in vollendeter Blütenpracht und gestutzten Heckenkunstwerken einem königlichen Park gleich und doch können sich nur wenige Schritt entfernt wahre Wucherranken über die Grünflächen erstrecken oder gar Pflanzen und Wege krüppelnd ersticken.
Im Zentrum des Gartens allerdings, so sagt man, erstreckt sich ein Feenbrunnen, klar und still wie ein Teich, schön und schauerlich zugleich - außerdem der einzig wahre Ausweg aus den Fängen des Gartens...
Wehe den jungen Seelen, welche in Nebelnetzen und Schlingranken gefangen bleiben, den Mut verlieren, einfach stehenbleiben oder nicht auf das Herz hören wollen und somit auf ewig durch den Irrgarten wandeln!
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Verfasst: Sonntag 2. Oktober 2011, 13:00
von Medren Haingrund
Nie zuvor hatte sich der Wald fremd angefühlt, nie verloren oder auch nur annähernd verunsichernd. Stets waren Stille und das leise Rascheln der ausladenden Zweige und Äste im sanften Wind Trost gewesen, wenn menschliche Worte sich ihm versagt hatten und doch umfing ihn die angenehme Kühle unter den Dächern der Schatten und Frieden spendenden Bäumen heute nicht wie sonst, das Gefühl, sicher zu sein, verweigerte sich ihm wie eine verstimmte Geliebte und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, als er rastlos wie ein Tier in den Wäldern nahe des Hains umherschlich, das Nadelkleid einer haushohen Tanne streifte und mit dem Fuß in einer wuchernden Wurzel hängen blieb, die ihn haltlos mit den Armen rudernd gen Boden schickte.
Gerne hätte er laut geflucht, doch die dunkle Nacht um ihn schien jeden Laut an sich zu erdrücken und so verließ seine Lippen, bis auf ein sehr leises schmerzhaftes Aufstöhnen, als sein Knie unsanft gegen einen großen Stein knallte, kein Wort. Wieder rappelte er sich auf und wandte den Blick nach links und rechts, fast als suche er nach einem Ausweg aus den ihn umschließenden Bäumen und Gebüschen. Doch auf beiden Seiten erwarteten ihn nur dichte Tannen und Fichten, Kiefern und Piniengehölze, deren Äste wie gierige Finger nach seinem fuchsroten Haar griffen um ihn an sich zu reißen. Sein Atem ging schneller und schneller, als hetzte ihn Bruder Wind persönlich durch die nächtlichen Länder und Auen, doch die Luft presste sich qualvoll in seine Lungen und das Blut rauschte wie ein Wasserfall in seinen Ohren…sein Körper wollte nicht weiter und dennoch konnte er seine müden Beine nicht zu einem Halt bewegen. Solange er weitereilte, solange konnten ihn die Gedanken, die wirren und verwirrenden, ihn lähmenden und einschüchternden Gedanken nicht einholen. Er fühlte sie an seinen Fersen kleben, immer gerade einen halben Schritt hinter ihm, bereit, sich auf ihn zu stürzen, wie ein Schatten, dem man nicht entfliehen kann.
Doch die nächste Wurzel, die Medren in seinem Eilen übersah, ließ ihn eine unsanfte Begegnung mit dem struppigen Geäst auf dem Boden machen, als er Hals über Kopf in eine Gruppe aus dornigen Büschen stürzte, die ihm die Luft aus den Lungen schlugen. Die Dunkelheit umfing ihn ungnädig und spuckte ihn unsanft wieder aus, als das Pulsieren seiner aufgeschrappten Knie und der große Erd- oder Wurzelklumpens, den er im Mund hatte in sein Bewusstsein drangen und er entledigte sich zumindest von letzterem. Im Versuch sich aufzurichten vernahm er ein leises Ratschen, als der Riss, den die Büsche im Fall in seinen Mantel gerissen hatte nachgab. Schlimmer aber war, dass er, über der Erde kauernd, fühlte, wie ihn die Sorgen und qualvollen Bilder einholten, über ihn schwappten wie das Wasser eines kalten Bergsees auf gewärmter Sonnenhaut. Schmerzvoll sog er einen Atemzug Luft ein, als sich die Erinnerungen der letzten Stunden in seinen Kopf drängten.
… das weiche Gefühl weiblicher Haut unter seinen Fingerspitzen…
…das warme Pulsieren ihres Blutes, süß und einlullend…
…die Panik, als das Wissen in sein Bewusstsein, benebelt von später Stunde und traurig- süßer Musik, sackte…
Was bei Mutters allumfassendem Licht hatte er sich nur dabei gedacht?
Welcher Teufel hatte ihn geritten, die Hand nach Hanna auszustrecken und die vorwitzige neugierige Haarsträhne, die sich von hinter ihrem Ohr befreit hatte, wieder aus dem Gesicht zu streichen, liebevoll… wie… wie es ihm nicht zustand…
Medren schlug mit der Hand auf das tote Stück Gebüsch vor ihm und fluchte nun doch verzweifelt…
Sie war nichts für ihn…
Er durfte sich nicht gestatten, dem kleinen Funken Hoffnung, der immer wieder in ihm aufglomm und sich zu einem Feuer zu entfachen drohte, nachzugeben, er musste es löschen, begraben unter Wasser und einer dicken Schicht Erde…stattdessen nährte er es und der warme Wind in ihm ließ es aufflackern, als gäbe es noch Hoffnung…
Dabei wusste er doch, dass sie sich damals gegen ihn und für seinen Bruder entschieden hatte, sie hatte nun mal keine solchen Gefühle für ihn…und er hatte das akzeptiert.
Er hatte sich fest vorgenommen, ihr ein guter Freund zu sein, ein Bruder, eine Stütze, aber nicht mehr… nur Freunde…doch das Wort schmeckte gallebitter in seinem Mund, als er es sich wie ein Mantra immer wieder selbst zuflüsterte.
Eine Weile lang hatte es tatsächlich funktioniert, er hatte sie mit ihm gesehen, mit seinem Bruder Diomedes, hatte sich über ihr Glück, ihr Lächeln gefreut und sich, wie für Freunde üblich zurückgehalten und ihnen ihr Lachen und ihre Küsse gegönnt. Aber mit der Zeit war der Tropfen Sorge zu einem nimmerruhenden Pochen geworden, als sein Bruder immer seltener zu ihr gegangen war, seine Wege vermutlich die einsamen Wachens und Grübelns gewesen waren, während er sowohl Hain als auch Hannas Gesellschaft zu meiden wusste, vielleicht unbewusst, vielleicht aber auch in der Absicht, sich und den anderen einen Abschied leichter zu machen. Welche Absicht nun auch immer hinter seinem Fernbleiben verborgen lag, sie änderte nichts daran, dass Hanna, auch wenn sie es nicht zugab, wie aus allen Wolken gerissen wurde, den Partner vermisste und einen Pfeiler der Sicherheit verloren hatte, den der Verlust seines Bruders ihr genommen hatte.
Mit dem Versprechen an sich selbst, ihr ein Freund zu sein, hatte er ihr die Hand entgegengestreckt, hatte sie gehalten, wenn sie traurig war, hatte sie nach der Weihungszeremonie für die Atame nach Hause getragen, als ihre Kräfte sie verließen und sein qualvoll schlagendes Herz beruhigt, wenn ihre Augen vor Freude wie kleine Sonnen aufleuchteten. Sicher, er spürte, wie sich seine eigene Klinge ins Fleisch schnitt, doch er konnte nicht, wollte nicht aufhören, in ihrer Nähe zu sein. Das flirrende tanzende Grün ihrer Essenz kostete er wie teuren, ihm unbezahlbaren, Wein während sie nachts schlief und er am Küchentisch wachend lauschte und er badete im Sonnenschein ihres ruhigen liebenswerten Wesens, wann immer er sich die Freiheit gestatten konnte ohne dass sie etwas davon bemerkte.
Als der erste Regentropfen auf seine Nasenspitzte platschte, zog sich sein Bewusstsein aus der schmerzhaften Welt der Erinnerungen und Wünsche zurück. Er hatte versucht wie ein gejagtes Wildtier zu entkommen doch die Gedanken waren wie gut trainierte Bluthunde, die ihn nicht entkommen ließen, sobald sie Blut geleckt hatten. Leise stöhnend drückte er sich in die Höhe, während ein Rest Erde von den nun verdreckten Hosen rieselte. Langsam hob er seine Hände und starrte auf sie herab, betrachtete die schmalen aber kräftigen Finger, die früher seinem Vater geholfen hatten, das Korn in die Mühle zu heben und während er dem wunderbaren Bild aus seiner Kindheit folgte, schlich sich die Erinnerung an eine weiche Wange ein, vorbei an Zweifeln, Ängsten und der Gewissheit, dass sie sich eben nicht für ihn entschieden hatte, egal wie sehr er sich in seinem Gedanken hin- und her wandte. Bald bemerkte er, dass er die Hand, die ihn in seine missliche Lage gebracht hatte, anstarrte, während das Kitzeln der nachhallenden Berührung seinem wunden Geist die Anwesenheit der liebgewonnen Frauengestalt suggerierte, und er fluchte erneut und erhob sich nun endgültig.
Er wusste doch, dass sie vergeben war, selbst wenn sein Bruder nicht anwesend war. Wer konnte schon sagen, ob er nicht morgen durch die Tür des kleinen Hexenhauses hereingeschneit kam um seine lang vermisste Liebste in die Arme zu schließen? Und was wäre er dann für ein Bruder, wenn Diomedes sie beide Arm in Arm finden würde? Er konnte doch nicht, nein durfte nicht…durfte seinen Bruder nicht so hintergehen, indem er sehnsuchtvoll die Frau anhimmelte und umgarnte, die sich in Diomedes verliebt hatte.
Doch… wenn der Standpunkt so eindeutig war, warum hatte ihn sein benebelter Verstand dann betrogen, warum hatte er dann die Fingerspitzen in ihre Richtung gestreckt, das seidige nach Kräutern duftende Blond der Strähne wie eine Umarmung um die Hand geschlungen und die rosige Haut für den Bruchteil eines Augenblicks berührt?
Der Fuchskopf schüttelte sich, die inzwischen nassen Haare schlugen wie fingerdicke Ranken um sein Gesicht und nahmen ihm für einen Moment die klare Sicht, während sich die Beine wieder in Bewegung setzten, ihn vorwärts trugen, ihn durch den Irrgarten leiteten, bis er an den in der Dunkelheit verborgenen klingenden und im Lied singenden Dornbusch stieß, der ihn als das, was er war, erkannte und ihm den verborgenen Pfad hinein in den Druidenhain öffnete, so dass das Kind des Wassers hindurch wanken konnte. Denn mehr war der Gang seines Körpers nicht mehr, Unsicherheit und Angst sprachen aus den tapsenden Schritten vorbei an dem kleinen See, auf dessen glatter Oberfläche sich der Mond spiegelte und ihn mitleidig belächelte. Am Ufer entlang hielt die ihm entgegen ströhmende Kraft des Hains ihn noch aufrecht, bevor er auf dem Holzboden seines Hauses in sich zusammensank, die Arme um die angezogenen Knie zog und regungslos liegenblieb, gefangen in der sich überkreuzenden und wiederholenden Gedankenschleife aus Liebe und Schuld, die ihn durch rastlose Träume jagte und hetzte, ihm mit wehenden Lefzen folgte und ihm keinen Moment der Ruhe gönnte. Ständig gaukelte sie ihm das Bild zweier traurig abweisender Augen vor, die sich von ihm abwandten, um einem dunklen Haarschopf hinaus in die Fremde zu folgen, während er den beiden nacheilte. .. ihnen wie ein Hund nachlief und sie doch nicht einholen konnte.
„Hanna…“ flüsterte seine Stimme voller Verzweiflung, doch das Haus antwortete nicht, die Melodien von Feuer und Wasser, Erde und Wind flossen fast sorgenvoll um den jungen Behüter des Hains.
Als der Morgen seine ersten Strahlen durch die großen, die ganze Wand einnehmenden, Fenster sandte, erwachte der in sich verknotete und verschlungene Körper nur langsam aus seiner Starre. Weit hatten ihn seine Gedanken nicht gebracht, doch er hatte sich entschlossen, jemanden um Hilfe zu bitten… es gab nur zwei Personen, die genug Abstand aufwiesen und seine Lage verstehen konnten, ohne dass sie ihn gleich verurteilten.
Lange Zeit hatte er überlegt, wen er fragen sollte und sich bedauernd gegen seine Brüder entschieden. Aylen war im Moment meist unterwegs, Larel war von Liebesdingen weiter entfernt als er selbst und Arulius war Hannas Vater, kam also auch nicht in Frage…zu Xardrias und dem jungen Aremion hatte er einfach noch nicht den Bezug gefunden, um ihnen so etwas anzuvertrauen, auch wenn er sie mochte.
Also blieb nur jemand übrig, der ihm schon mehrmals einen guten Rat gegeben hatte, daher griff er nach Feder, Tinte und einem Stück Papier und schrieb in seiner weich fließenden Schrift:
„Grüß dich Vater,
ich schreibe dir, weil der Sohn, den du anstatt seines leiblichen Vaters bei dir aufgenommen hast, der größte Ochse westlich des Mühlenbachs ist. Ich habe Gefühle für eine Frau, die so wunderbar ist wie… wie nichts, das ich vorher je gesehen habe, aber sie ist nicht für mich bestimmt. Sie liebt einen anderen, einen mir lieben Freund, und hat ihn sich als Partner erwählt. Doch nun ist er seit einigen Mondläufen verschwunden, wortlos, und ich bin ihr als Freund so nah, dass ich manchmal nicht mehr weiß, was ich tun soll. Ich helfe bei Sorgen, lausche ihrem Lachen, ich wache manche Tage und Nächte über ihr Haus und kenne ihre Familie und Schwestern, die ihr wichtig wie kaum etwas anderes sind… Doch ich habe mich heute dabei ertappt, wie ich ihr Haar gedankenverloren aus dem Gesicht strich, als wäre es mein Recht…als dürfe ich mir das erlauben.
Was soll ich also tun?
Verrate ich nicht den, der mir stets ein guter Freund war, wenn ich nach dem strebe, was ihm angehört?
Bitte hilf mir, denn ich weiß nicht mehr was ich tun soll…
Dein Sohn Medren Ährenloh, der vom Haingrund“
Sein Vater würde ihm die Gedanken sicher ausreden können, mit Vernunft und den guten Argumenten, die ihm selbst gerade fehlten…
Verfasst: Donnerstag 13. Oktober 2011, 00:50
von Medren Haingrund
Der Geschmack von Verrat
Hätten seine Wurzeln sich nicht vor vielen Mondläufen mit dem tiefen Frieden und den Bäumen um ihn herum verwurzelt, hätte seine Seele nicht gerade hier die rastlosen Flügel ausgebreitet und wäre es nicht gerade dieses Fleckchen Erde, verborgen im tiefen Hain der Druiden gewesen, das er nun Zuhause nannte, dann hätte er einige der Sachen, die er besaß, zu einem Bündel geschnürt und wäre wieder aufgebrochen… hätte sich auf eine rastlose Wanderschaft begeben um zu verschwinden.
Das Schlimmste, was er sich hatte ausmalen können, war eingetreten.
Das Schlimmste einerseits und doch zugleich etwas, das ihn von Herzen freute, ihm ein warmes Gefühl der Zufriedenheit im Magen aufsteigen ließ, so sehr es ihm auch den Boden unter den Füßen nahm. So musste es sich anfühlen, wenn man einen Schritt zu weit über den Abhang an einer Klippe trat, und vom Sog dann in die Tiefe gerissen wurde, hinabstürzend, frei fallend, wie ein Vogel im Flug und dennoch immer mit dem nagenden Gedanken des Aufpralls im Hinterkopf. So sehr es sich Medren wünschte, er konnte nichts gegen die einander widersprechenden Gefühle von Freude und Schmerz, die sich stetig abwechselten und so unvorhersehbar kamen wie Regen an einem Sommertag, tun, während er den Zettel des kleinen Vogels mit der Hand fest umschlossen hielt bis das Papier leise knisterte.
„Diomedes ist zurückgekehrt…“
Geschriebene Worte hallten durch seinen Kopf, eine verschlungene Anklage aus Buchstaben, die sich in seinem Verstand in Laute wandelten, ihn umrundeten und umtanzten, als wollten sie ihn verhöhnen. Er überlegte, zu gehen und einen anderen Bruder zu bitten, Diomedes abzuholen, doch die anderen Druiden waren wohl ausgeflogen und er fühlte sich dazu viel zu schuldig…
Schuldig, weil sein Verstand bis gerade gehofft, dass es einen Weg gab, wie er sie, das wunderbare Flirren, von sich überzeugen konnte, von sich als Bruder und Freund, aber auch von etwas, das darüber hinausging…
…etwas, das er nicht wagte auszusprechen.
Und nun würde er es niemals wagen…
Denn Diomedes war zurück, zurück von seiner Reise und zurück, um seinen Platz an Hannas Seite einzunehmen. Er hatte sich wie ein Narr benommen, weil er einer Mär nachgerannt war, ein Luftschloss gebaut hatte, fest davon überzeugt, die Bausteine dafür noch aus den weiten Wolken schneiden zu können. Doch die Mär war wie ein Spiegel in der Hand eines unvorsichtigen leichtsinnigen Kindes zerbrochen und seine Scherben spiegelten nun in tristen Farben seine aus ihm herauswabernden Gedanken und Gefühle wieder, die er nicht kontrollieren konnte.
Spitz und scharf, gerade so, dass sie die äußere Hülle seiner Seele nicht gleich in Fetzen gerissen hatten, spürte er ihre Präsenz, während seine Beine ihn im abendlichen Regen zwischen den Bäumen hindurch führten, jeder Schritt schmerzhaft aber nicht tödlich. Er wusste, dass die Kerze dessen, was er mit Hanna in Zweisamkeit verbracht hatte, im Windsturm von Diomedes Ankunft verloschen war und ihr kleines flackerndes Flämmchen ihm nicht mehr als Licht der Hoffnung den Pfad erhellte.
„ Vielleicht…“, flüsterte eine leise hinterlistige Stimme, die sich direkt aus dem Scherbenhaufen erhob, „… solltest du tatsächlich gehen, denn nun bist du nicht mehr von Nöten. Wer braucht schon deine Schulter, deine Kraft ihn zu tragen, wenn er die Arme eines über alles geliebten Menschen hat…?“
Die Worte trafen ihn hart, er presste die Lippen aufeinander, bis sie nur mehr zwei weißen Strichen glichen und ballte die Fäuste, um tief durchzuatmen.
„Sieh doch, du Narr… was hat es dir gebracht, dein kleines armseliges Leben mit ihr teilen zu wollen…nur leere Hände und den bitteren Geschmack von Verrat auf deiner Zunge…!“
Kalkweiss, wie die Wände der Häuser seines Heimatdorfes, erblichen seine Wangen und beherrscht versuchte er, durch noch tiefere Atemzüge die Stimme in ihm zu vertreiben, er scheuchte sie wie lästiges Federvieh, trieb sie, wie Kühe am Vorabend des Winters in ihre Ställe gebracht werden und führte sie an der Leine fort wie einen störrischen Maulesel, doch immer wieder schlüpfte sie wie eine Schlange in seinen ungeschützten Geist, um ihn mit Worten zu zermürben.
„ Willst du nicht einsehn… du warst nichts weiter als ein billiger Ersatz für die Zeit, in der dein Bruder nicht hier war… warst nicht mehr…“
Wut… das Gefühl grenzenlosen Zornes waberte wie Nebel aus seinen tiefsten Tiefen hinauf… doch nicht etwa, um der Stimme recht zu geben, sondern um ihr mit einem lauten Zischen und Brodeln den Mund zu verbieten. Wie konnte die Stimme es wagen…? Wie konnte sie Hanna nur für so gering erachten…? „ Ich war nie…nur… ein Ersatz…!“ flüsterten die bleichen Lippen erst leise, dann mit jeder Wiederholung lauter hinaus in den ihn wie ein Vorhang umgebenden Regenschleier. „Niemals…“
Die Stimme in ihm lachte freudlos und bitter: „Doch was bist du denn für sie? Abgewiesen hat sie dich, wollte dich nunmal nicht… und was machst du…?“
Was hatte er getan?
Er hatte viele Stunden mit ihr verbracht, hatte ihre Leben, ihre Freude und ihr Leid geteilt und einmal…nur ein einziges Mal… die Erinnerung traf ihn so unerwartet wie ein Blitzschlag.
Genau konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wann, an welchem Tag, es gewesen sein musste, nur eines wusste er, die Stunden waren lang und arbeitsam gewesen und am Ende, als die Nacht über dem kleinen Weiler hereingebrochen war, hatte sie ihn gebeten zu bleiben. Irgendetwas, für ihn noch Namenloses, hatte sie wohl beunruhigt und die sonst so vertrauten Schatten der Bäume um ihr Haus waren plötzlich dunkler und hatten sich irgendwie besorgniserregend angefühlt. Sie hatte vor ihm gestanden, ein wenig unsicher und haltsuchend und so war er geblieben, hatte die beiden Efeubetten aneinandergeschoben und mit leisem beruhigenden Tonfall gemurmelt, dass er Acht geben würde. Erleichtert hatte sich Hanna auf ihrer Seite wie eine Haselmaus zusammengerollt und als ihr ruhiges, gleichmäßiges Atmen ihm verriet, dass der Schlaf sie in sein Reich geholt hatte, hatte er seinen Arm um sie gelegt, sie gehalten, behutsam um sie nicht zu wecken… Und Hanna, hatte aus tiefster Seele gelächelt, als wäre es nur dieser eine Platz, an dem sie gerade eben hatte sein wollen.
„ Hast du etwa gedacht, nur weil der, den sie liebt, weg ist und du dir eine Nacht mit ihr in deinen Armen wie ein zweitklassiger Dieb gestohlen hast, würde sie nun doch erkennen, wie wichtig du bist?“ Medren schluckte hart und das erste Mal hatte er nichts, was er der hinterlistigen Stimme entgegen schleudern konnte. Er hatte es ja schließlich tatsächlich gehofft, auch wenn er wusste, dass Hanna zumindest von der einen Nacht nichts mitbekommen hatte und nun war das Gefühl in seinem Herzen, auf seiner Zunge bitterer denn je zuvor.
Denn er hatte einen Bruder verraten… und er hatte Hanna, die ihm in allen Lebenssituationen immer eine liebe Freundin gewesen war, manchmal fast wie eine Schwester, die er nie gehabt hatte, hintergangen, indem er gehofft hatte, dass sie Gefühle für ihn entwickelte, die es nun mal nicht geben sollte. „Du Narr…“, flüsterte es in ihm, „du hättest es vernünftig anstellen sollen… nicht nur halbherzig wie ein keuscher Betbruder, der nie mehr als seine eigene Betkanzel gesehen hat… hättest sie…“ Alles in seinem Inneren schrie… wallte gegen die Worte auf, toste und rauschte, gluckste und plätscherte vor Wut auf die Stimme.
Und tatsächlich… unter dem wilden Gebahren in ihm ließ die anklagende, sich über ihn lustig machende Stimme von ihm ab, verstummte für einen Moment. Wieder hob Medren den Zettel mit der Handschrift Luciens in die Höhe, um ihn anzustarren und plötzlich schauderte es ihm bei dem Gedanken, in welchem Zustand sein Bruder schweben musste, wenn er und Maja ihm an Diomedes statt schrieben…In welcher Lage musste er sich befinden, um ihm nicht selbst im Lied eine Botschaft zu schicken?
Wieder ballte sich die Faust bis seine Fingernägel halbmondförmige Abdrücke im weichen Fleisch der Handballen hinterließen und jeder Muskel versteifte sich aus Angst und Schulgefühlen. Er musste gehen, musste ihn abholen, um sich zu vergewissern, was ihn davon abgehalten hatte, zurück zu ihm, seinen Brüdern… und zurück zu Hanna zu kommen. Gedankenverloren schob er den Zettel in eine der Taschen seines weiten Mantels und ließ seine Schritte ihn durch die Wälder hin zum Haus am Abgang führen.
Die nächste Stunde verlor sich in seiner Erinnerung. Er hatte gewartet, hatte voller Verwunderung und auch dem leisen nagenden Gefühl von Wut festgestellt, dass sein Bruder Diomedes nur durch einen verletzten Knöchel festgehalten wurde und so hatte er ihn, auf Majas Befehl, auf dem eigenen Rücken getragen, ohne große Worte zu verlieren. Nur ein Moment flammte in seinen Gedanken immer wieder auf… ein Wort, unbedarft ausgesprochen, so hoffte er zumindest. „Fußabtreter…“ so nachlässig und in einem für Lucien wohl witzig gemeinten Zustand und doch traf es ihn in den Magen… Das sahen sie also in ihm? Er schüttelte den Gedanken ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und verließ eilends das Haus der beiden.
Zurück im Hain erzählte Diomedes Arulius und ihm dann von der schrecklichen Irrfahrt, von Gefangenschaft und Fesseln, von Piraten und der lange Zeit notwendigen Verwandlung in eine Ratte, die ihn hatte überleben und im rechten Moment fliehen lassen. Und mit jedem Wort drang der giftige, glasig schimmernde Dorn ein Stück tiefer, stieß ihn das Gefühl von Verrat noch saurer auf. Wie hatte er nur glauben können, Diomedes würde Hanna ohne Grund so lang alleine lassen… Was für ein Freund war er gewesen?
Medren’s Seele weinte leise, als er den schlafenden Diomedes in seinem Haus zurückließ und er nahm das fallende Damoklesschwert wehrlos hin, als die Stimme seines Bruders im Schlaf Hannas Namen flüsterte. Der Gedanke, Fortzugehn, lullte ihn warm und willkommend ein, betäubte den eisigen Schmerz, als sich ihm eine wettergegerbte Hand auf die Schulter legte und ihn hielt.
Verfasst: Mittwoch 1. Februar 2012, 10:38
von Hanna Radenbruck
Es liegt Schnee im Irrgarten.
All die Wege, all die Verzweigungen, die Entscheidungen liegen unter einer gnädigen Schicht aus Eis und weißer Flockenunschuld - wie bequem. Wie simpel doch auch sich nun tiefer in die Arbeit zu werfen, denn es steht eine Menge an. Umbauten am Weiler, stetig die wetterfesten Felder inspizieren, eines davon immer frei von Frost halten. Die Wintersaat war schon seit bald drei Mondläufen schlummernd in der Erde, doch mit viel Mühe, Zeit und Pflege wuchs selbst jetzt noch, dem Frost und der Kälte zum Trotze, das ein oder andere Pflänzchen.
Mühe, Arbeit, Pflege und Zeit, die von ihr nicht erwartet wurde und doch stürzte Hanna sich regelrecht hinein. Sie war ein Bauernkind, richtig aber kein Vollblutbäuerlein wie Tulena, Wieland, Amalia und dennoch klebte sie jetzt besonders an den Rockzipfeln dieser. Sicherlich, die Küchenarbeit war ihr nie ein Gräuel gewesen, doch nun ging sie so weit, dass sie ihrer lieben Tante schon an deren Herd auflauerte und darum bat mit dieser Teekräuter zu trocknen, Fladen zu backen und die letzten Winteräpfel einzumachen. Zuerst hatte Amalia gelacht und zugestimmt, dann sich gewundert und zuletzt geseufzt, doch ließ sie ihre Nichte gewähren ohne zu fragen. Hanna würde sich schon melden, wenn sie reden wollte und solange sie nicht dazu bereit war, würde Amalia sicherlich nicht drängen. Sie erinnerte sich an den schmerzlichen Gesichtsausdruck, als sie im Sommer nach dem jungen Manne, der einst zu Besuch gewesen war, der freundliche Herr mit den dunklen Haaren, gefragt hatte. Erst im Herbst war Hanna dazu mit der Sprache herausgerückt und hatte leise, beim Birnenkompott kochen, seitlich zu Amalia geraunt, dass sie sich entschlossen hatte diese Verbindung zu kappen.
Die liebevolle Tante schwieg wieder und doch konnte sie nicht ganz alles begreifen. Er war wohl auf Reisen gewesen und lange hatte niemand ein Lebenszeichen von ihm vernommen. Nachdem es beinahe ein halbes Jahr Bangen war und die schlimmsten Vorstellungen sich in blanke Wahrheit verwandeln wollten, da tauchte er wieder auf und obwohl Amalia bei dieser Erzählung die warme Erleichterung in Hannas Stimme hörte, so wich der Schmerz nicht aus dem Ton. Grund dafür war, zumindest laut Hanna, die nicht vorhandene Bereitschaft sich derart zu binden und das Erkennen, dass es nicht die Art lodernde Herzensmusik der Liebenden war, die Hanna vernahm, sondern eher die sanfte Hingabe und Zuneigung zu einem Bruder. Darüber wunderte sich Amalia nicht, war ihr doch gleich aufgefallen wie ähnlich der Herr Hannas einst geliebtem Vetter Oswald optisch war - zum Glück auch nur optisch...
So lauteten also Hannas rational geleiteten Gründe.
Logisch, verständlich und durchaus richtig aber sie vergaß und verleugnete bewußt die Gegenkomponente zum Verstand: das Herz - und sie, Amalia Radenbruck, musste sich schon sehr täuschen, wenn darin nicht ein weiterer Grund seit einer halben Ewigkeit schlummerte... denn dass Medren, fester Bestandteil Hannas Lebens und ihr "bester Freund", in dem ganzen Durcheinander nicht doch eine große Rolle spielte, war wohl allen Beteiligten klar. Selbst (oder gerade?) ein/e Blinde(r) konnte das von weitem erkennen aber Hanna schloss die Augen.
Amalia konnte nicht wissen wie weit dieses "Wegsehen" ging und hätte vermutlich doch missbilligend den Kopf geschüttelt, wenn sie auch nur erahnt hätte wie Litanei-artig Hanna ihr eigenes Credo zur Gesamtsituation innerlich herunterleierte, nur um sich dem Offensichtlichen nicht zu stellen.
"Da waren keine Gefühle mehr - sie konnte nichts mehr empfinden und sie war besser dran ohne den amourösen Tamtam. Wer brauchte diese Art Liebe? Sie nicht! Es langte doch die Familie, die Seelenschwestern, Freunde... besonders die Besten."
GROBER UNFUG!
... doch für den Moment war da Schnee im Irrgarten und so sah man sich nicht gezwungen Entscheidungen zu treffen.
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If love was a word, I don’t understand...
the simplest sound, with four letters.
Whatever it was, I’m over it now.
With every day it gets better - gets better?
[Marlon Roudette - New Age]
[img]http://www.edelomahony.com/wp-content/uploads/2011/07/frozen-heart.jpg[/img]
Verfasst: Freitag 2. März 2012, 19:02
von Hanna Radenbruck
Und dann kam er, nein war irgendwo schon immer da.
Tief unter einer dicken Schicht Eis, Schnee und Frost begraben.
Schlummernd unter einer Decke aus selbstgewebter Kälte, eine Mauer der Liebe willen? Ein Schutzschild, welches irgendwo doch nur vor genau dieser verbergen und schützen sollte und vor den Schmerzen, welche sie bisher gebracht hatte...
Love is a shield to hide behind...
Doch nie war er ganz verschwunden, hatte nur geruht und gewartet.
Auf die ersten Sonnenstrahlen, welche die brüchige Mauer irgendwann doch durchdringen würden und ihn wecken, im ersten Grün seiner Selbst, im ersten Feld, welches seine Zeit und seine Gefühle erwachen lassen würde:
Frühling!
Love is a field to grow inside...
"Ich habe mich in dich verliebt!"
...and when I sometimes close my eyes my mind starts spinning around!
Die erste Reaktion war das leugnen, sich dumm stellen und nicht auf das hören wollen, zumindest ein Teil ihrer Selbst, während der Andere doch seit einer gefühlten Ewigkeit auf diese Wort hoffte und sie sein Seelenheil bedeuteten. Ein Riss in der Mauer - und er war gewaltig.
Vielleicht wäre sie unter anderen Umständen in heller Panik geflohen, hätte sich versteckt und irgendwo den Mauerriss gekittet, mit neuem Frost, neuer Kälte und Schnee. Doch Frühling war unaufhaltsam - und zudem empfand sie nur eines noch neben der Müdigkeit des wirren, doch wunderbaren Tages: Liebe.
War es doch das reine Bild jener starken Emotion, welches sich so fest in ihren Geist gebrannt hatte und sie, stille Betrachterin, auf immerdar bewegen würde.
Love is a baby in a mother's arms...
Brauchte es noch Worte?
Brauchte es denn noch ihre Zustimmung?
Brauchte es irgendeine Geste?
In diesem kurzen Moment langte die Zweisamkeit und die wenigen Geräusch, die einander von der Gegenwärtigkeit des anderen Herzen erzählten. Von Zuneigung, Hingabe, Wärme!
Love is your breath which makes me warm...
"Gib mir ein wenig Zeit, bitte. Ich brauche sie, um in mich zu gehen."
...and when I sometimes close my eyes my mind starts spinning around!
LÜGNERIN!
Das Licht hatte getroffen, der Schnee begann zu schmelzen und Farben erwachten neu. Sie brauchte keine Zeit, keinen Moment, keinen Lidschlag.
Er kam ohne ihre Bedenken und ging tiefer ins Herz und in die Seele, als sie es selber je vermocht hätte.
Frühlingserwachen im Irrgarten!
[img]http://farm3.static.flickr.com/2410/2308885229_98bf821a28.jpg[/img]
[lyrics: Carmouflage - Love is a shield]