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Ein Leben, eine Laute und zwei Lieder

Verfasst: Dienstag 13. September 2011, 17:57
von Eenja Siluvaine
"Ich hörte er war wieder betrunken und...."
"... hat sich wohl vergessen, als...."
"... ist unglücklich gefallen"

Worte. Vom Wind getragen weht ihr Klang durch die Gassen, legen sich flüsternd in die Ohren oder werden unter den Stiefeln der Umhereilenden zertreten. Sie sind frei, fast schwerelos, streiften einen sanft wie der Flügelschlag eines Schmetterlings und doch können sie die Last eines ganzen Lebens mit sich tragen.

So sprich und ich werde den Klang deiner Worte wiegen.






Im Alter von drei Sommern

Das Tuscheln der Schaulustigen erfüllte die Luft, wie das Brummen eines Bienenschwarms. Der warme Sommertag war beinahe vollständig verklungen und die untergehende Sonne tauchte das Land in ein Wechselspiel aus orangen und roten Farbtönen. Wo sonst noch reges Treiben um diese Zeit in der winzigen Siedlung herrschte, war es nun still geworden. Nicht etwa weil der wohlverdiente Feierabend eingeleutet wurde, stattdessen war der alte Olliv wie eine Furie über den Platz gerannt und schrie nach Hilfe und Heiler.
Nun standen sie hier vor dem kleinen Haus am Rande ihrer Siedlung, die Arbeit viel zu früh niedergelegt und starrten neugierig auf die alte brüchige Holztür, hinter der ein lautstarker Streit tobte.
Erst als die Nacht ihren kühlen dunklen Schleier über das Land legte, verklangen die Stimmen im Inneren und der ansässige Heilkundige durchschritt die Tür, in seinen Armen ein großes Bündel aus fleckigen Leinen. Hälse reckten sich, Köpfe steckten sich zusammen und Augenpaare starrten ungeduldig umher, in der Hoffnung etwas interessantes zu erhaschen. Nur einem war die blutige Haarsträhne zwischen den Tüchern nicht entgangen, die Gerüchteküche brodelte.








Frühjahrsbeginn

Sie war die Tochter eines einfachen Holfällers, in einer einfachen kleinen Siedlung, mit einem einfachen Leben, in einem einfachen kleinen Haus.
Vielleicht hätte es wirklich so kommen können, in einem anderen Leben, wo die Sterne günstiger standen und Schicksale andere Wege gingen. In diesem jedoch wurde ein Leben ausgehaucht, wo ein Neues begann und eine Seele zeriss in der Trauer um den Verlust.
Unser Leben ist wie eine Straße, jeder Schritt voran führt uns durch Schlaglöcher, lässt uns über Steine klettern und an Weggabeln neue Richtungen einlenken. Andere wandeln neben uns her, um uns irgendwann wieder zu verlassen und wir drehen uns oft um, halten Ausschau nach all den Dingen, die wir unterwegs zurück gelassen haben und fragen uns, was noch kommen mag. Manche Hindernisse mochten wir mit Leichtigkeit umrunden, andere jedoch drängten uns vom Weg ab und so manch tapfere Seele verlor sich in der Dunkelheit.
Manch einer für immer.
Dort, wo die Schritte des einfachen Holfällers vom Weg abkamen, überwanden kleine, unsichere Füße einen Stein, geformt aus Trauer, Angst und Verzweiflung und beschritten eine Straße, in eine steinige dunkle Zukunft.



Der Heilkundige war aus der Nachbarsiedlung zurück gekehrt, neugierige Blicke folgten ihm auf dem Weg zum Haus am Ende der Siedlung, kritisch wurde das kleine Ding an seiner Seite begutachtet, dessen Schritte so seltsam ungeschickt wirkten. Kaum war die Tür geschlossen polterten Stimmen, dumpf wie das Donnern eines Gewitters, nach draußen. Einen halben Tag verbrachten neugiere Augen und Ohren damit sich dem Haus zu nähern, viele glaubten etwas zu hören, kaum einer sprach Wahres.







Der fünfte Sommer

Kleine Hände griffen nach dem maroden Holz des Gartenzaunes, und zogen sich daran nach oben. Die funkelnden Augen spähten neugierig über das Grundstück, es dauerte eine Weile, bis sie fanden, was sie suchten. Mit einem Ruck verschwand der kleine Blondschopf hinter der Umzäunung und tauchte einige Schritte weiter wieder auf.
"He, du!" Er gab sich mühe leise zu sprechen und spähte immer wieder am Zaun entlang zur Straße, die direkt am Haus vorbei führte, während er auf eine Reaktion wartete. Als jene ausblieb, spitzte der kleine Junge nachdenklich die Lippen, ließ den Zaun wieder los und begutachtete die alten Holzlatten.
Knarrend bewegte sich ein loses Brett, das den Weg in den Garten frei gab und seine Schritte führten ihn zielstrebig zum Stamm der alten Eiche, die hinter dem Haus emporragte. Mit kindlicher Sorglosigkeit setzte er sich dem kleinen dunkelhaarigen Mädchen gegenüber, das ihre Stirn auf den angezogenen Knien ruhen ließ und ihm immer noch keine Reaktion beimessen wollte.
"Mein Name ist Liam." Er beugte sich leicht nach vorne und beobachtete sie abwartend. "Ich habe gehört du bist blind." Wieder legte er eine Pause ein und wartete auf eine Antwort. "Wie ist das, wenn man blind ist?"
Der Kopf des Mädchens begann sich zu heben, die Augen waren nur einen Spalt weit geöffnet und richteten sich auf einen Punkt weit hinter ihm. Für einen kurzen unbehaglichen Moment fühlte er sich davon durchbohrt.
"Dunkel" war die schlichte, leise Antwort, bevor sie die Arme um ihre Beine schlang und das Kinn auf dem rechten Knie abstützte. Aus irgend einem Grund kam ihm der Gedanke, dass ihr Gesichtsausdruck genervt wirkte, er konnte sich nur nicht vorstellen, warum.
"Ich bin Liam"
"Ich weiß"
Wieder wartete er einige Sekunden geduldig darauf, ob sie die Antwort vielleicht noch ausweiten wollte, als jedoch nichts kam, änderte er die Taktik. Geschickt kreuzte er die Beine zum Schneidersitz und zog sich die kleine Laute in den Schoß, die er sich über den Rücken gehängt hatte.
"Magst du Musik?"


Ungewöhnlich häufig kamen diesen Sommer Fässer, Karren und kleine Tiere vom Weg ab, rollten oder rannten über das Säuferanwesen und wurden schnellstens mit weit offenen und suchenden Augen wieder eingesammelt. Ein Raunen ging durch die Straßen, legte sich in die Ohren, um erneut den Mündern zu entfleuchen. Man munkelte von Lautenspiel und Kinderlachen, das immer häufiger im nächtlichen Schutz der Dunkelheit erklang.







Der achte Sommer

Leises Klopfen von Holz auf Erde begleitete den Sommer durch die Straßen. Wo es erklang, schien die Zeit still zu stehen, die Geräusche von Arbeit verklangen bis es vorbei gezogen war und Augenpaare verfolgten starr den Weg, den sich die kleinen Kinderfüße bahnten. Unnachgiebig und doch erfolglos tauchte das junge Ding, beinahe täglich, im Zentrum der Siedlung, auf, doch nur selten schaffte sie es, mit Vorräten in den kleinen Händen haltend, den Weg nach Hause zu beschreiten.
Füße änderten schnell die Richtung, wenn sie ihren Weg kreuzten, Augen sahen weg und Ohren wurden in ihrer Nähe taub. Man mied sie wie Hühner einen tollwütigen Fuchs, zu verlockend war die Aussicht, sie könnte sich durch Missachtung wieder im Haus verstecken.







Der zehnte Sommer

Man gewöhnte sich nicht an den Anblick, dennoch nahm man den unnachgiebigen Freiheitsdrang des kleinen Balgs stillschweigend hin. Ein weitaus schwerwiegenderes Problem erschütterte die moralischen Grundfesten der kleinen Siedlung, misstrauisch wurde jeder Schritt des jungen Blondschopfes beobachtet, der ihr oft wie ein zweiter Schatten zu folgen schien. Beinahe panisch stierten besorgte Augenpaare umher, wenn er ihres Blickes entschwand.
Heitere Musik erhob sich hinter den Häusern, vermischte sich mit sorglosem Kichern und verleitete besorgte Väter dazu, ihre Töchter eilig ins Haus zu schaffen.

Verfasst: Dienstag 13. September 2011, 18:00
von Eenja Siluvaine
Der dreizehnte Sommer

Ein herzhaftes Gähnen erfüllte den kleinen Schlafraum, das von einem murrigen Quietschen abgelöst wurde, während sie die müden Gliedmaßen streckte. Noch schlaftrunken schwang sie die Beine aus ihrem Nachtlager und torkelte durch den kleinen Raum. Zwei Schritte.... halbe Drehung... drei Schritte vorwärts..... Ihre ausgestreckte Hand strich über den Fensterrahmen, tastete sich zu dem kleinen Haken, der es verschloss und riß es mit einem schnellen Ruck auf. Die alten Scharniere kreischten wie ein gepeinigtes Tier in ihren Ohren und hinterließen dort ein unangenehmes leises Pfeifen. Seufzend lehnte sie die Arme auf die Fensterbank und atmete die nächtliche Luft tief ein, die sich wie ein kühler Schleier angenehm auf ihr Gesicht legte. In dem winzigen Zimmer unter dem Dach konnte es doch ganz schön stickig warm werden.
"Ich hasse dich." sie gähnte es mehr, als dass sie es sprach und es klang auch nicht sonderlich ernst gemeint.
"Oho, harte Worte für solch sanftmütige Maid." Der knorrige dicke Ast der alten Eiche gab ein klagendes Knarren von sich, als er sich zum Fenster vorbeugte und ihr eine Kuss auf die Stirn drückte. "Du verletzt mich zu tiefst."
Ihr entging keineswegs der schelmische Unterton in der theatralischen Entbrüstung, der ihr ein kleines verschlafenes Lächeln auf die Lippen zauberte.
"Möchte die junge Schönheit mich nicht hinein bitten?" sie enthielt sich einer Antwort darauf und rollte nur geistig mit den Augen, als sie sich rückwärts vom Fenster entfernte um ihm Platz zu schaffen. Flink und beinahe geräuschlos kletterte er durch die marode Öffnung und setzte sich auf die alten knarzenden Bodendielen.
"Das war aber eine sehr kurze Reise." sie setzte sich ihm gegenüber und wandte ihm abwartend das Gesicht zu. Im Normalfall dauerten seine Ausflüge bis zu zwei Wochen, wenn er jedoch nach drei Tagen wieder auftauchte war das meist kein gutes Zeichen.
"Oh, ja" für einen Moment glaubte sie soetwas wie Verlegenheit in seinem Tonfall ausmachen zu können. "Scheinbar hat sich in den umliegenden Dörfern nicht nur mein musikalisches Talent herumgesprochen. Du glaubst gar nicht, wieviele Väter bereits den Knüppel schwangen, als ich den ersten Akkord auf der Laute zum besten gab.... Was gibt es da bitte zu kichern?"
"Gar nichts." Sie konnte vor Lachen kaum sprechen und hielt sich beide Hände vor den Mund, um die Lautstärke zu dämpfen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder einigermaßen fing. "Vielleicht solltest du dich lieber an Mädchen halten, die keine Väter mehr haben."
"Hm?"
"Du zählst gerade einmal siebzehn Sommer und hast wahrscheinlich mehr Narben davongetragen, als ein alter Kriegsheld...."
"Ein interessanter Vergleich." unterbrach er sie nachdenklich. "Ich glaube jedoch nicht, dass ein Kriegsheld jemals die Schmach erfuhr von einer Blinden mit einem Stock niedergestreckt worden zu sein."
"Das war nur ein unglücklicher Treffer!"
"Ein wohl sehr gezielter, wirkungsvoller, unglücklicher Treffer." hielt er belustigt dagegen und fing sich ein neckendes Lächeln ein.
"Verdient hattest du es trotzdem."
"Diese Ansicht kann ich nicht wirklich teilen." gab er lachend zurück. "Sag mal ist dein alter Herr gar nicht im Haus?"
"Doch, warum? Willst du ihm einen Besuch abstatten?"
"Nein, ich wundere mich nur, warum du mich nicht alle drei Sätze lang anzischst, ich soll leise sein."
"Oh" nun war es an ihr verlegen zu klingen. "Also... äääähh... in den letzten Tagen war ich ein paar mal im Nachbarort. Regelmäßiger Anstandsbesuch, blaue Flecken zählen... du weist schon."
"Mhm" der angespannte Klang dieses leisen Lautes war für sie sonderbar, vorallem weil er solch einen Tonfall selten anschlug. Ein sanftes Kribbeln machte sich in ihrer Magengegend breit, sie fühlte regelrecht, wie er sie anstarrte und die aufkeimende Stille war erdrückend. Sie entschloss sich, abzulenken.
"Ich sagte ihm, ich würde derzeit schlecht schlafen und er erklärte mir, welche Kräuter ich dafür verwenden soll."
"Ahja... und das hat er dir so abgekauft?" erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass sich die erdrückende Spannung im Raum langsam zu legen begann.
"Seine genauen Worte waren ' Ein kleiner Löffel davon unters Essen gemischt reicht für eine ruhige Nacht, wenn er stark betrunken ist, dann gebe ihm lieber etwas weniger', also denke ich... nein."







Der fünfzehnte Sommer

Der Himmel färbte sich bereits Rot, als seine Schritte ihn hinter das kleine Haus am Rande der Siedlung führten. Er war gerade von einem seiner tagelangen Raubzüge, wie Eenja es so gerne neckisch schimpfte, zurückgekehrt und wie immer führte sein erster Weg nicht nach Hause zu seinen Großeltern. Bewaffnet mit einem freudigen Lächeln und einer neuen Kompositon, mit der er sein langes Fehlen entschuldigen wollte, zwängte er sich durch den lückenhaften Holzzaun und sah sie im Garten sitzen. Grinsend stellte er fest, dass die kleinen Tomatenpflanzen, an denen sie unglücklich herumzupfte, schon wieder heillos eingegangen waren. Er zog seinen Hut vor so viel Beharrlichkeit, dennoch war es jedes Jahr das selbe tragische Spiel, mit dem kleinen Gemüsebeet, ihr fehlte einfach das Händchen dazu und die nötige Einsicht, um es endlich aufzugeben.
Sie hatte ihn wie immer bereits am Holzzaun bemerkt und neigte ihm leicht den Kopf zu, doch ihr Gesichtsausdruck wischte ihm die Freude aus dem Gesicht und ließ ihn langsamer werden. Nicht das übliche, begeisterte Lächeln begrüßte ihn, stattdessen wirkte sie überrascht, vielleicht sogar ein wenig verstört. Erstaunt über diese ungewohnte Reaktion näherte er sich eilig, kniete sich neben sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Das ungute Gefühl, das sich in seinem Magen breit gemacht hatte, bestätigte sich beim Anblick der dunkel verfärbten Wange.
Ihre Hände griffen nach seinem Arm und hielten sich schon einmal vorsorglich daran fest, um ihn notfalls am Aufspringen zu hindern.
"Es war ein Versehen."
"Ein Versehen...." sein bohrender, wütender Blick war beinahe spürbar, wie ein unangenehmes Kribbeln. "Was für ein Versehen? Du bist versehentlich nicht ausgewichen? Er hat dich nur versehentlich mit der Faust gestriffen? WAS?!"
Seelenruhig lehnte sie den Kopf an seine Schulter und wartete geduldig ab, bis sich die Muskeln seines Armes langsam wieder entspannten und der Atem sich verlangsamte. Es kam ihr wie eine kleine Ewigkeit vor.
"Er hat mich dabei ertappt, wie ich ihm das Schlafmittel in sein Essen gerührt habe."
"Mhm..." Er klang immer noch angespannt, aber auch ein wenig überrascht und machte sich gedanken darüber, ob er gelegentlich nicht doch schlechter Umgang für sie war. "Und das soll heißen?"
"Das heißt, er hat jetzt neben seinem Sessel eine neue Flasche Kräuterschnaps stehen, die ihm Abends beim Einschlafen helfen wird."


Des Nachts wurde jemand zufällig Zeuge einer lauten Auseinandersetzung, die Tür wurde aufgerissen und ein dunkelhaariger Schemen stürzte die Treppe hinab. Ob sich das Mädchen das blaue Auge nun vor oder nach dem Fall zugezogen hatte, wusste man nicht. Man war nur zum Pilze sammeln in der Nähe des Hauses gewesen und entschied sich lieber weg zu sehen. Es ging einen ja schließlich nichts an.

Verfasst: Dienstag 13. September 2011, 18:04
von Eenja Siluvaine
"Gibt es Tage an denen die Dunkelheit dunkler ist, als an anderen?"
"Nein, sie fühlt sich nur manchmal sehr leer an."

Einsamkeit. Die einen suchen sie, andere versuchen ihr verzweifelt zu entfliehen. Man fühlt sich verwaist ohne allein zu sein. Philosophen färben sie sich schön, verbinden sie mit der Ruhe einer dunklen Nacht und sprechen von malerischer Schönheit, ungeachtet ihrer Schattenseite, die sich in einer Seele festkrallte und große Fetzen daraus herausbiß. Sie war in wirklichkeit nicht mehr als ein Wort, keine Nacht jemals friedlich und die Welt stand niemals still. Und am Ende hatte man immer noch sich selbst.

Lass mich zurück in der Dunkelheit, denn sie wird immer mein treuester Begleiter sein.






Der sechzehnte Sommer

Zielstrebig bewegte er sich durch den kleinen Garten, erreichte die alte Eiche hinter dem Haus und lockerte den Gurt der Laute, die er sich auf den Rücken gezurrt hatte. Vorsichtig lehnte er sie an die Hauswand und erklomm mit flinken Bewegungen die dicken, knorrigen Äste, bis er das kleine, offene Fenster unter dem Dach erreichte.
"Bereit zum Aufbruch in neue Abenteuer?" Die Stimme des Heranwachsenden hatte seine kindliche Höhe beinahe vollständig verloren und erklang als warme dunkle Tönung, leise durch das winzige Zimmer. Fast augenblicklich steckte sich ein dunkelhaariger Kopf durch die Öffnung zu ihm nach draußen.
"Jederzeit." Vorsichtig kletterte sie aus dem Fenster und ließ sich geduldig beim Abstieg helfen, der ihr eigentlich kaum noch Mühe zu bereiten schien. Wenn man einen Baum oft genug hinunterfiel, merkte man sich irgendwann, wo man hintreten sollte. Ihr Weg führte die beiden weit hinter das Haus, sie umrundeten die Siedlung mit gebührenden Abstand und mieden den direkten Verlauf der Straße.
Ihre Reise endete in einer kleinen dunklen Gasse hinter der Taverne eines kleinen Dorfes, weit abseits der bekannten Umgebung.
"Selbes Spiel wie immer." Mit spitzen Fingern zupfte er ihr ein paar Haarsträhnen aus dem geflochtenen Zopf, während sie ihren Aufgabenbereich noch einmal durchgingen. "Ich ködere den Wirt..."
"...ich sorge für die Getränke..."
"...ich unterhalte die Anwesenden..."
"...ich sammle die Spenden ein..."
"...ich bezirze die Wir... AU!" Eine kleine Faust schlug sehr gezielt gegen Liams Oberarm.
"Ich laufe heute sicher nicht schon wieder alleine nach Hause, während du dich durchs Feld jagen lässt." Bestimmt packte sie ihn an der Hand, überging das leise Maulen in ihrem Rücken mit einem amüsierten Schmunzeln und zog ihn aus der Gasse. Die Taverne war gut besucht, lautes Grölen und der Gestank von Bier, ungewaschenen Arbeitern und einigen Dingen, die ihr den Ekel ins Gesicht zeichneten, erfüllten den großen Raum. Der Wirt stellte keinerlei Problem dar, schien sogar erfreut über die Aussicht auf ein wenig Unterhaltung und drückte ihnen mit strahlendem, geröteten Gesicht einen Krug Bier in die Hand. Die Stimmung war ausgelassen, Becher leerten sich zügig, während Wein, Weib und Gesang besungen wurde. Gelegentlich übernahm sie einen Part in der ein oder anderen Weise und feuerte nebenbei die Tische zum mitsingen an, während die kleinen Pausen dazu genutzt wurden, ein paar locker sitzende Münzen einzusammeln. Erst als die Müdigkeit in den frühen Morgenstunden schon sehr an ihnen zu zerren begann, schnallte sich Liam die Laute wieder auf den Rücken und sie setzten zum Abschied zu einer letzten Geschichte an. Es war eine düstere Erzählung in der ein dunkler Schatten mit glühenden Augen ein junges Mädchen durch die Nacht trieb um ihr die Seele zu entreißen. Während sie geschickt den Part des ängstlichen Mädchens erzählte, erklang Liams Stimme dunkel und nervenzerrend aus der Sicht es Jägers und beschwor angespanntes Schweigen unter den Gästen.
"...sein Atem hallte keuchend durch die kleine dunkle Gasse, während er sich an den angstvollen Schreien ergötzte."
"Ihre Schreie verklangen ungehört in der Nacht, mit dem Rücken presste sie sich an die kalte Mauer und starrte in die blutdürstigen Augen des Wesens, die ihr keinen schnellen Tod versprachen."
"Eine schwarze Hand hob sich, ein Finger richtete sich auf sie und seine Stimme erklang wie das Echo gequälter Seelen, die ihre kalte Umarmung um ihren Körper schlang. D..." die Tür der Taverne fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss und die Herzschläge der Anwesenden setzten für einige Sekunden aus. Köpfe wanden sich mit großen Augen dem Eingang zu und starrten dem Neuankömmling entgegen, der einen Finger auf Liam richtete.
"DU!"
"Das finde ich jetzt unheimlich." Eenja wirkte noch immer wie in der Bewegung erstarrt.
"Öhm..."
"DUUUUUU!" der aufgebrachte Mann machte den ersten Schritt ins Innere des Raumes.
"Lass mich raten, ihr kennt euch?"
"Ich glaube, es wird Zeit zu gehen."
"Dachte ich mir doch." Ihre linke Hand verschwand in einem Täschchen an ihrem Gürtel und griff sich eine Hand voll aus der heutigen Ausbeute. Münzen flogen durch den Raum, prallten vom Boden und den Tischen ab und sprangen umher. "Die letzte Runde geht auf uns, greift zu! Wo ist das nächste Fenster?"
Lachend legte er ihr einen Arm um die Hüfte, zog sie schleunigst zum hintersten Fenster des großen Schankraumes und hob sie mit den Füßen voran durch die kleine Öffnung, bevor er selbst mit einem federnden Sprung hindurch hechtete. Hinter ihnen erklangen noch die krachenden Geräusche von umfallenden Stühlen und herumwankenden Betrunkenen, die sich um die herumliegenden Münzen stritten. Er griff ihre Hand und führte sie schnellen Schrittes durch die kleinen Gassen und Schleichwege aus dem Dorf hinaus, erst als sie auf dem freien Feld durch das dritte Schlagloch strauchelte verlangsamte er das Tempo und blieb schließlich stehen.


Die Nächte waren unruhig, brachten brave Bürger um den Schlaf und trieben sie ruhelos durch die dunklen Straßen. Ein gefährliches Raubtier machte die umliegenden Dörfer unsicher und bedrohte die Unschuld, tugendhafter Mädchen, die sich von einem scharmanten Lächeln in die Falle locken ließen. Wärend die Herde versuchte ihre Jungtiere zu schützen, weitete der Jäger sein Revier aus und machte sich auf die Suche nach leichterer Beute.




Der achzehnte Sommer

Der Klang von Musik und freudigem Lachen erhob sich aus der Siedlung und drang bis in den kleinen Hintergarten an ihr Ohr. Für einen Moment überraschte sie dieser Umstand, andererseits war ihre Informationsquelle, die sie unentwegt auf dem Laufenden hielt, bereits seit Fünf Tagen wieder auf Streifzug. Dennoch kam es ihr seltsam vor, dass er bei einem fremden Barden in seinem Revier noch nicht wie eine wilde Furie das Dorf gestürmt hatte.
Mit einem leichten Schulterzucken verwarf sie die Gedanken wieder und widmete sich einer kleinen Tomatenstaude, deren Blätter zwischen ihren Fingern mit einem leisen Knistern zerbröselten. Auch dieses Jahr war wieder nichts zu retten, seufzend schnippte sie gegen den vertrockneten Stengel. Zwischen das Rascheln verdörrten Blätter mischte sich ein klopfendes Geräusch. Es wurde lauter, sie identifizierte es als Schritte, die sich in rasender Geschwindigkeit dem kleinen Anwesen näherten.
Liam hatte es eilig, nahm sich nicht einmal die Zeit, sich eine Lücke zu suchen, durch die er hindurchschlupfen konnte, sondern griff einfach nach einer der maroden alten Latten und sprang darüber hinweg. Als seine Füße auf der anderen Seite wieder Boden faßten, ertönte ein unheilvolles Knarren in seinem Rücken und ein großer Teil des Zaunes krachte in sich zusammen.
"Oh..." Ein lautes Lachen begrüßte ihn und zauberte ihm ein verlegenes Lächeln ins Gesicht. "Entschuldige."
Sie winkte nur ab und rang um Atemluft, während er sie auf die Beine zog.
"Was verschafft mir die... was tust du da?" Sorgfältig klopfte er ihr den Staub aus den Rock und begann ihre Kleidung zurecht zu zupfen, was sich doch als ziemlich schwierig erwies, wenn man sich nebenbei durch zwei sehr flinke Hände kämpfen musste und sich Schläge gegen die Schulter einfing. Lachend packte er sie am Handgelenk, ließ sie eine halbe Drehung vollführen und zog ihr mit geschickten Fingern das Band aus den Haaren, das den geflochtenen Zopf am Ende zusammenhielt.
"So, jetzt kannst du dich wieder sehen lassen." Es brauchte genau drei schnelle Handgriffe und eine halbe Drehung, dann fand sich eine völlig perplexe Eenja huckepack auf seinem Rücken wieder. "Gut fest halten."
Mit einem Affenzahn schoß er am Haus vorbei, hinaus auf die Straße und schüttelte sie kräftig durch. So musste es sich wohl anfühlen, wenn man versuchte ein wildes Pferd einzureiten und dieser Vergleich war so dämlich und treffend zugleich, dass sie darüber lachen musste. Zu ihrem Leidwesen nahm er dies jedoch scheinbar als Ansporn, noch ein gutes Stück schneller zu laufen.


Eine große Hochzeit wurde gefeiert und die kleine Siedlung platzte förmlich aus allen Nähten, während Vater und Sohn ein Duett zum besten gaben um für Unterhaltung zu sorgen. Fremde, Freunde und Familie waren angereist um die freudige Zeit mit zu erleben, selbst ein ungebetener Gast tauchte unfreiwillig durch die Menge. Der Bardenjunge rief zum letzten Tanz, viele enttäuschte Mädchengesichter sahen ihm nach, als er sich dem unsicheren kleinen Ding zuwand, das er hinter sich herzog.
Viele schlossen sich dem ungleichen Paar an, wiegten sich zu der langsamen Melodie und stimmten in ein leises Summen ein, bis niemand mehr still zu stehen schien. Für einen kurzen Moment schien die Welt um sie herum eine andere zu sein, sorgenfrei, ohne Zweifel und losgelöst, dann verklang der letzte Ton in der Dunkelheit.

Verfasst: Dienstag 13. September 2011, 18:06
von Eenja Siluvaine
"Müsstest du nicht gerade irgendeinen wehenden Rock betören?"
"Oh, das habe ich heute schon hinter mir. Ihr Vater kann verdammt schnell laufen."

Nähe. Nur ein Wort, sichtbarer Zustand und unerfassbares Gefühl. Wärme, Bewegungen, Geräusche, Gerüche. Körperspannungen erzeugen ein kribbeln auf der Haut, wie die gewaltigen Blitze eines Sommergewitters ertastet sie die Wahrnehmung des anderen.

Komm näher und ich werde dich erfassen.






Nahe dem Aufbruch

Eine warme Nacht bettete die Welt in einem dunklen, friedlich anmutenden Schleier und verdrängte mit den letzten Sonnenstrahlen die Erinnerung eines hektischen Tages. Wo sich vor wenigen Stunden noch geschäftiges Leben auf den Straßen und Feldern tummelte, schlich jetzt die Ruhe umher, zuckte gelegentlich beim Klang der letzten Rastlosen zusammen und dehnte sich, wie eine warme Daunendecke, wieder aus.
Die Erde gab noch immer, die über den Tag gespeicherte, Wärme ab, die ihr durch die Kleidung kroch und sich angenehm auf die Haut legte. Jede Bewegung ließ die Grashalme unter ihrem Leib rascheln, wie ein leiser Protest gegenüber dieses unliebsamen Gewichtes, das sie zu Boden drückte und dem mühseligen Versuch sich erneut dem Himmel entgegen zu strecken.
Tief atmete sie den Duft der langsam abkühlenden Sommernacht ein und rollte sich unruhig auf die Seite. Ein seltsames Gefühl wühlte sich wie ein kleines Tier durch ihre Eingeweide, kroch ihr kratzend und beißend bis in die Fingerspitzen, ohne dass sie einen Grund dafür benennen konnte. Nachdenklich starrten ihre trüben Augen ins Nichts einer endlosen Dunkelheit, während ihre Gedanken zu kreisen begannen. Sie fühlte sich seltsam, der ganze Tag kam ihr sonderbar unwirklich vor, als hätte sie ihn nur geträumt. Die Erinnerung daran wirkte lückenhaft und durcheinander, wie ein zusammen gefallenes Gebilde aus Holzklötzchen, das sich nicht mehr richtig zusammen setzen ließ. Erinnerungsfetzen schossen durch ihren Kopf und waren, kaum erfasst, wieder in den Tiefen verschwunden.

...seine Haut ist schon...
... zu lange im Wasser...
...jede Hilfe zu spät...


Die schlanken Finger ihrer rechten Hand griffen sich ein Büschel Gras und krallten sich darin ein. Das drängende Gefühl sich irgendwo festhalten zu müssen überschwemmte sie regelrecht, aus Angst, der Boden, auf dem sie lag, könnte sonst unter ihr verschwinden.
Das Zirpen der Grillen drang an ihre Ohren, erhob sich zu einem leisen Lied, als wollten sie die letzten, müden Tagesseelen in den Schlaf wiegen und vermischten sich mit dem weichen Saitenspiel einer wohlgestimmten Laute. Es dauerte einen langen Moment, bis sie die Klänge richtig einordnen konnte, dennoch verspürte sie keine Erleichterung, oder gar den Drang den Griff zu lockern und blieb wie versteinert liegen.
"Du bist schon wieder zurück?" Sie hatte ihn nicht kommen gehört, schob es jedoch auf das Chaos, das sie scheinbar zu sehr beschäftigt hatte.
"Mhm." Sie erkannte seine Stimme, auch wenn sie nicht mehr als ein heiseres Flüstern war und die gespielte Melodie seines Instrumentes kaum zu übertönen vermochte, das mit jedem Laut dieses seltsame Gefühl in ihr weiter schürte. Sie kannte dieses Lied, schon so oft hatte er es hier, auf dieser Wiese, des Nachts erklingen lassen, während ihre Seelen auf Wanderschaft gingen und sich eine andere Welt erträumten. Doch obwohl es von geübten Fingern und ohne falsch gesetzte Töne erklang, hallte die Melodie disharmonisch in ihrem Kopf wieder und raubte ihr das Zeitgefühl. Sie konnte nicht mehr bestimmen, wie lange sie nun schon dort lag und dem Lautenspiel lauschte. Tage, Wochen, nur ein paar Momente? Ein pulsierender Schmerz breitete sich in ihrem Kopf aus.
"Du wirkst betrübt..." der Klang ihrer eigenen Worte drangen wie durch Watte an ihr Ohr, alles fühlte sich unecht und verzerrt an und bittere Übelkeit kroch ihr die Kehle hoch. Die Welt verstummte schlagartig, alles Leben um sie herum, schien plötzlich verschwunden zu sein. Nur seine wütende Stimme wehte durch die Dunkelheit und umschloss sie wie ein heißer Schwelbrand.
"Lass los Eenja, du weißt ja nicht, was du da tust!"
Mit einem erschrockenen Keuchen riß sie die Augen auf und fand sich in einer Flut aus Gerüchen und Geräuschen wieder. Lautes Vogelgezwitscher vermischte sich mit dem Summen der Bienen, weit entfernt rollte ein Karren über die alte staubige Straße zur Siedlung und kämpfte sich krachend durch die Schlaglöcher. Die heiße Mitagssonne brannte ihr auf die Haut und wurde von ihrem dunklen Haar regelrecht aufgesaugt. Sie fühlte sich verwirrt und orientierungslos, es brauchte einige Zeit, bis sie sich wieder besann, wo sie sich überhaupt befand.
Irritiert öffnete sie ihre Hand, die sich immer noch in dem Grasbüschel einkrallte, der beißende Geruch schwelender Grashalme stieg ihr in die Nase und ein brennender Schmerz zog sich über ihre Fingerspitzen.


Ein Trauerzug durchschritt die kleine Siedlung und erwies einem jungen Mann die letzte Ehre. Hinter den verschleierten Gesichtern versteckte sich unsichtbare Erleichterung, die sich wie ein Laubfeuer ausbreitete. Moral und Sitte waren wieder eingekehrt, der Jäger war tot und die Herde lächelte der unverhofften Ruhe entgegen.
Des Nachts wurden die Grabstätten weitläufig gemieden, man erzählte kleinen Kindern von einem Schatten, der in der Dunkelheit durch die Gräber schlich und ihre Seele stehlen würde, wenn sie zu spät nach Hause kamen.
Der Schatten kam jede Nacht, setzte sich vor sein Grab und blieb bis zum ersten Sonnenstrahl, während seine blinden Augen in die Dunkelheit starrten.








"Ein Rennen. Die Blinde gegen den betrunkenen alten Mann. Wer, denkst du, wird gewinnen?"
"Gebt nun eure Wetten ab. Es könnte spannend werden."

Schritte. Dumpf wie ein Schlag und doch auch weich wie eine Feder. Sie bringen die Erde zum Beben, Grashalme biegen sich knisternd und Stöcke brechen unter ihrer Berührung. Machtvoll, stolz und unbeholfen finden sie ihren Weg und lassen Stein und Staub für dich Tanzen.

Nun lauf, dein Weg wird sich mir offenbaren.





Aufbruch
Ein Lebensweg ändert seine Richtung

Kleine Zehen gruben sich unsicher in den Staub, während sie den Weg vor sich mißtrauisch begutachtete, der in eine dunkle Höhle und eine ungewisse Zukunft mündete, selbst der Blick nach hinten eröffnete ihr nur ein schwarzes, klaffendes Loch, als würde dort ein wichtiges Stück ihre Lebens fehlen. Ein kleines Tier setzte sich neben sie, sie senkte den Blick und beide starrten sich lange Zeit schweigend an.
Es besaß keinen wirklichen Körper, stattdessen bestand seine Form aus Angst, Zweifel und Dunkelheit, ein stiller Begleiter, der ihr auf ihrem Lebensweg bereits folgte, seit sie sich zurück erinnern konnte. Es war ein Teil ihres Lebens geworden, schwebte meist nur als kleiner schlafender Schatten neben ihr her und öffnete die Augen nur, wenn es Nahrung zum wachsen fand, die sie ihm selbst vorwarf. Sie hatte es oft gefüttert, unbewusst, bis es groß genug wurde, sie an Weggabelungen vorbei zu zerren und ihr die Wahl für eine andere Zukunft abnahm.
Auch heute öffnete es das formlose Maul und verbiss sich in ihrem Ärmel um sie zum weitergehen zu bewegen, doch dieses Mal rührte sie sich nicht. Mit einem kräftigen Ruck schüttelte sie das kleine Tier ab und kehrte ihm den Rücken zu. Ein kleiner Fuß hob sich über den Rand des Weges hinweg und trat in die Dunkelheit, wo er den Boden berührte, lichtete sich die Schärze und gab eine neue Straße frei.
Manchmal reichte es nicht, auf eine Weggabelung im Leben zu hoffen, man musste seine Zukunft selbst bestimmen, um neue Wege beschreiten zu können. Das kleine Tier starrte ihr eine Weile nach, Widerstand war es nicht gewöhnt, dann rollte es sich zusammen und schwebte dem kleinen Mädchen hinterher. Die Augen hielt es diesesmal weit offen.



[img]http://www.tuomas-holopainen.com/main/media/kunena/attachments/legacy/images/Magic_Getaway.JPG[/img]

Verfasst: Sonntag 15. Januar 2012, 15:41
von Eenja Siluvaine
Ein warmer Schimmer, ein heller Schein
Dringt sanft aus jedem Fenster
Doch ich steh´ noch immer draußen allein
Und mich jagen die Gespenster



Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen, auch wenn sich kaum etwas zu verändert haben schien, doch kaum war für sie bereits ein Umstand der sie leise zum Fluchen brachte. Ein Zaun schob sich in den Weg, die Straße machte eine neue Biegung, die täglichen Spuren der Karren brachten die Übergänge in das angrenzende Feld zum verschwimmen.
Das leise stetige Klopfen eines Stabes durchzog die Stille des Dorfes, ein dunkler Schemen schob sich durch die Nacht zwischen den Häusern auf den Dorfplatz zu und trotz der späten Abendstunde erklangen noch Stimmen, gedämpft durch die Fenster der kleinen Hütten. Glückliche Stimmen... hier und dort leises Lachen... der Schatten hielt inne und lauschte eine Weile dem familiären Treiben, das sich, sicher versteckt hinter den warmen Mauern, tummelte, dann setzte er seine Schritte fort, bahnte sich einen Weg durch die verschneiten Marktstände und umrundete herumliegende Fässer und Kisten. Von anständigem säubern hatten sie hier ja noch nie viel gehalten.... aber welche königliche Hoheit sollte sich auch schon herablassen seinen Weg durch das Dorf führen zu lassen? Zumindest das Empfangskomitee hatte sich nicht lumpen lassen und fand sich nur wenige Häuser weiter auf der Straße mit gesträubtem Fell ein und erfüllten die Luft mit unheilvollem, tiefen Grollen. Die Schritte hielten inne, der Kopf legte sich nachdenklich schief, während die beiden wolfartigen Köter sich vor ihr aufbauten. Krallen schabten über den Boden als sie zum ersten Schritt ansetzten, Schnee knisterte leise, wo sich Gewicht auf ihn verlagerte, der dunkle Schemen hielt vollkommen still.
Ja, es hatte sich kaum etwas verändert, selbst der Zaun des alten Olliv schien noch immer nicht anständig repariert worden zu sein und seine verfluchten Köter die nächtliche Freiheit zu genießen... sie konnte diese Tiere schon früher nicht ausstehen und dieses aggressive Knurren weckte doch so manch vergrabene Erinnerung, aber zumindest konnte sie daraus schließen, dass er noch lebte.

Zu dumm auch...




Warte, nicht mehr lange, ist der Winter noch so kalt
Wenn sie mich nur nicht fangen, halte aus! Ich komme bald
Und hinter mir her heult mit grausamen Stimmen der Wind
Nur du und ich wissen ganz genau, dass es in Wirklichkeit Wölfe sind



Eine Weile wog sie den Schlüssel nur nachdenklich in der Hand.
Sollte sie? Sollte sie nicht? Was wollte sie überhaupt hier? Mit ihm die Jahreswende verbringen? Hatte er überhaupt bemerkt dass sie weg war?
Es führte wohl kein Weg darum herum, der Weg zurück zum Nachbarort war weit und ihre Beine von der Kälte schon taub, dazu würde dem kleinen Überraschungsgast im Dorf niemand ein Dach über den Kopf gewähren. Dass sie wieder hier war würde Olliv wohl als erstes bemerken, wenn er sich mit dem Erheben der ersten Sonnenstrahlen auf die Suche nach seinen Hunden machen würde, es waren nicht die ersten, die einen fünf Schritt tiefen Schlafplatz in seinem Garten fanden.
Ein tiefes Ausatmen, dann streckte sie die Hand aus, um nach dem Schloss zu tasten, doch die Tür gab keinen Widerstand unter der leichten Berührung. Die Angeln protestierten lautstark, kreischten wie gequälte Tiere durch die Nacht und hinterließen ein dumpfes Klingeln in ihren Ohren. Bedrückende Stille begrüßte sie aus dem Inneren, kein warmer Hauch geriet in Bewegung um sie willkommen zu heißen, kein leises Knistern eines Feuers zeugte von der Anwesenheit seines Bewohners. Ein Fuß überwand die Schwelle, zögernd setzte er sich im Inneren ab und die alten Balken begannen zu flüstern...




Dies ist ein altes Haus. Viele Generationen haben darin gelebt und viele von ihnen haben hier ihren Tod gefunden. Man sagt das ein Teil von ihnen im Haus zurückbleibt und sich so eine Seele in den Wänden einwebt...

Märchen und Aberglaube waren in kleinen abgelegenen Dörfern ein willkommener Gast und woran man als Kind noch fest glaubte, hielt man später für eine hübsche Geschichte, die man seinem eigenen Nachwuchs eines Tages vor dem Kaminfeuer erzählte um den Tod der Großeltern nicht so erschreckend wirken zu lassen. Wer würde schon damit rechnen eines Tages allein in solch einem Haus zu sitzen, und dem Rumohren des alten Gebälks lauschen zu müssen, wo vorher nicht einmal ein leises Knarzen zu vernehmen war.
"Dummer alter Mann... was hast du dir dabei nur gedacht?" die leise geflüsterten Worte schafften es kaum das Knistern des Feuers zu übertönen und vermischten sich mit dem dröhnenden aufbäumen eines Balkens in der Wand. Der harte Boden drückte sich beinahe schmerzhaft durch das abgenutzte Fell gegen ihre Schulterblätter, der trübe Blick war nachdenklich auf die Decke des Raumes gerichtet, direkt über ihr das alte Zimmer, das sie einst bewohnte. Sollte er seinen Willen doch bekommen und die Aussicht genießen solange er konnte, sie würde morgen wieder abreisen... warum hatte sie überhaupt erst ausgepackt?
Ein leises Klopfen ließ die marode Haustür erzittern... beinahe Augenblicklich schien das Haus zu verstummen.

Man erzählt sich viele Gesichten über alte Häuser, viele glauben wenn man eine Nacht allein darin verbringt könne man hören, wie es einem zuflüstert, andere halten es nur für die Wechselwirkung von altem Holz, das dem Wetter entgegen arbeitet, doch fraglich war es, wo all die Geräusche plötzlich verblieben, wenn das Haus Besuch erhielt.

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Verfasst: Samstag 3. März 2012, 23:31
von Eenja Siluvaine
"Nenne mir deinen sehnlichsten Wunsch."

"Mein sehnlichster... ich... will..."


Ich will wissen, warum das kleine Tier in meinem Rücken nicht mehr schlafen will
Ich will den Namen des Raubtieres kennen, das ihn in die Nacht flüstert
Ich will mit dem Dämon tanzen
Ich will hören, wie ein Drache singt
Ich will erfahren wovon die Wölfe träumen
Ich will wissen wovor ein Rabe angst hat
Ich will vergessen, wer ich war
Ich will zurück, was ich verlor
Ich will die Welt erfassen
Ich will alles...
Ein Wunsch konnte sich erfüllen, doch würde damit zur gleichen Zeit die Hoffnung sterben und die Gier weiter ungestillt bleiben.







Wahre Lügen


Menschen sind nützlich, solange sie funktionieren wie es ihnen angedacht ist. Wenn man diesen Gedanken im Kopf verfolgte, wurde das Wort 'Zuneigung' zu etwas, das viele Facetten besitzt. Man funktioniert innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen um Freunde nicht zu Feinden werden zu lassen, man passt sich Regeln und Rängen an, um die Ordnung nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, man lächelt seinen Gegenüber an um den Schein zu wahren. Ehrlichkeit war eine hinderliche Tugend, die solch gläserne Konstrukte wie eine Beziehung einen Steinschlag erleiden ließen, doch war der Umstand, sich die Welt schön zu Lügen am Ende nicht auch eine Wahrheit, wenn man nur genug daran zu glauben wagte? Nichts ist, wie es sein sollte, denn nichts ist, wie es scheint. In dieser Welt lügt man, wenn man Wahrheit spricht, denn einer Lüge wird der Vorzug gegeben um sie mit Freuden als Wahrheit anzusehen.

Zwei kleine Hände drückten sich auf die polierte Oberfläche des Kommodenspiegels, der ihr genau so viel verriet wie eine Unterhaltung mit einem Taubstummen, trotz allem wollte sie ihn im Zimmer haben... um Verwirrung zu stiften... den Schein zu wahren... Normalität vorzuheucheln... das Objekt war eine Lüge, genau wie das Bild des Menschen, der sich darin spiegelte. Nicht mehr als eine hübsche, glänzende Oberfläche, die sich in jedem Augenpaar anders brach und hundertfach aufs Neue entstellt wurde...
...doch hinter all diesen Scherben des eigenen Abbildes war man am Ende auch gut versteckt.

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Um in dieser Welt also zu funktionieren ließ man eine Lüge in den Ansichten eines anderen zur Wahrheit werden und benötigte damit nicht mehr als ein paar einfache Worte, die in ihrer Aussage jedoch so dreist waren, dass selbst ein notorischer Lügner entsetzt die Hände vor den Mund geschlagen hätte.
"Ihr seht heute wirklich bezaubernd aus."
Ja, so einfach konnte es sein. Nicht nur dass es ihr völlig egal war, wie ihr Gegenüber gerade aussah, so hätte sie das Wissen über das fehlende Augenlicht schon überführen müssen. Stattdessen wurden die Worte mit Entzücken aufgenommen und man bot ihr Kuchen an, was sie doch ein wenig fassungslos aus der Wäsche gucken ließ. Vielleicht wollten die meisten Menschen gar nicht wissen, wie die Wahrheit wirklich klang und Jene zu umgehen, vermied vermutlich den ein oder anderen, der sich dann sprichwörtlich hängen lies... vielleicht auch bildlich in der Besenkammer...
Es war interessant zu Beobachten, jedoch war es noch viel interessanter zwischen all diesen Menschen eine Ausnahme zu finden, die nicht in dieses Schema passte und wer hätte es gedacht... sie waren zahlreich, sie waren gleichgesinnt und von unschätzbarem Wert.






"Du kennst die Regeln des Spiels, du kennst sie flüchtig"

"Und wenn ich gar nicht interessiert bin?"

"Behaupte nur, ich hätte dich dazu gezwungen! Auch, wenn die Wahrheit brennt und sticht."



Manchmal können diese Verrückten Dinge eine Seele töten, doch lassen sie den Schmerz schwinden, während jedes noch so kleine Quentchen Verstand dabei langsam verloren geht.
Du siehst also, hier gibt es kein wirkliches Ende, es ist nur ein weiterer Neubeginn... komm raus zum spielen