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Traumverse

Verfasst: Freitag 29. Juli 2011, 22:28
von Sarah Winter
I. Fremde Seele in neuer Heimat
Dritter Morgen nach der Ankunft auf Gerimor - Sumpfinsel am Tag der Mitte, den 27. Cirmiasum 254

Ruhig und schimmernd wiegt das Licht des Mondes an diesem Morgen auf den Wellen des Meeres an den Ufern der Sumpfinsel. Langsam und leise hebt sich der kühle Nachtwind in andere Bahnen ab und beginnt die Insel wie eine sanfte Umarmung, wieder in einen feinen Nebelschleier einzuhüllen. Alsbald würde ich die aufkommende Sommerwärme auf meinen baren Füßen verspüren, doch solange dem nicht so war, vergrub ich sie leicht im Sand. Die Sonne würde sich sicherlich bald wärmend am Horizont zeigen und das letzte Mondlicht gänzlich vertreiben. Es ist der schönste Sonnenaufgang für mich seit langem. Das Traumbildnisse zu wahren Ereignissen werden konnten, daran hatte ich nicht fest geglaubt, doch beständig trug ich still für mich den jetzigen Moment als Hoffnung in mir. Alles andere schien mir jedoch noch im Unklaren. Die Begegnung mit den Schwestern und dass ich ihnen soviel erzählte, und sie mir - obwohl wir uns fremd waren. Ich glaube meine Angst, dass sie mich für unnormal hielten, ob meiner Erzählungen, wurde nicht bestätigt. Im Gegenteil es schien als würden sie mir irgendwie alles was ich denke und fühle erklären können. Ist es nicht eigenartig?

Allein wie ich herfand. Ich war nie bereit für diese Reise. Bei meiner Abreise habe ich nicht geglaubt, das ich überhaupt irgendetwas finde. Und jetzt geht alles so schnell voran, dass ich fürchte es nimmt kein gutes Ende. Unsicherheit. Wie gerne würde ich sie einfach abschütteln.. und tatsächlich hier an diesem frühen Morgen und der Ruhe und, es mag vielleicht albern klingen - Geborgenheit, die ich hier verspüre, schwindet sie zunehmend. Ich fühle mich eigenartig heimisch, wie noch nie zuvor. Ich vermisse Pelle und erhoffe mir bald von ihm zu hören. Am liebsten hätte ich ihn wieder bei mir. Schon allein deshalb, damit er all das hier selbst mit eigenen Augen sehen könnte. Die Inselmaid. Mit mir darauf, ganz ohne Traum. Nachdenklich schaue ich mir den Sonnenaufgang an diesem Morgen an und lasse den Gedanken freien Lauf.

Entscheiden soll ich mich, etwas dass ich noch nie sehr gut konnte. Ich wäge gerne ab, bevor ich große Schritte wage, und meist ist dann bereits zuviel Zeit vergangen, sodass dann eine Entscheidung überflüssig wird. Mein Herz hat sich bereits entschieden. Abgesehen von den ersten Eindrücken und Ängsten dieser Begegnung, fühle ich mich unheimlich wohl hier. Doch für den Verstand reicht es noch nicht aus. Soviele Fragen sind noch offen. "...weil Du als eine solche Schwester geboren wurdest." - Was wird das hier werden? Schicksal von Geburt an. Warum dagegen wehren? Doch trotzdem ist alles fremd, ich war noch nie jemand mit großem Vertrauen. Alles geht so unheimlich gut voran. Fast jede Begegnung hier auf Gerimor war bisher her mehr als einfaches Geplänkel unter Fremden.

Die Begegnung mit der Schneiderin Karawyn in der Nacht als ich hier ankam, war die erste. Nur ihr Haus habe ich mir von aussen ansehen, und das Hausschild lesen wollen. Doch die Hunde fingen gleich zu bellen an und kurz darauf erschien die junge Frau im Garten. Nach einem kurzen Gespräch und ohne mich zu kennen, lud sie mich in ihr Haus ein, gab mir einiges an frischer Kleidung und erzählte mir ein wenig über die Lande. Ich sollte alsbald noch einmal bei ihr vorbeischauen und mich bedanken.

Am Tag darauf begegnete ich der Bäuerin Nanielle vor Bajard und auch sie lud mich nach einem Gespräch in ihr Haus ein, gab mir Unterkunft in ihrem Keller für ein wenig Arbeit. Einfach so. Ich bin wirklich dankbar, denn ich brauchte mir für den Moment, keine Sorgen mehr zu machen, alsbald eine Unterkunft zu finden. Die ersten Tage nach der Reise haben mich auch ziemlich geschlaucht, jetzt geht es inzwischen wieder besser. Das alles ist auch nicht so arg, trotzdem bin ich froh, nicht mehr auf einem Schiff zu sein und reisen zu müssen. Mir gefällt es hier auf dem Hof, allein die Tiere mag ich sehr gern. Natürlich kann ich hier nicht für immer bleiben, auch wenn Nanielle sagt, das dies so ersteinmal in Ordnung für sie sei und sie sich darüber freut das ich bei ihr bin. Ich mag ihre freundlich, erfrischende Art, sie erinnert mich an Falryn und schafft es auch immer, einem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. So vertrauensseelig sind hier viele, irgendwie ist das ansteckend.

Ich bin ja selbst sonst viel vorsichtiger. In Erlwald oder in den anderen Städten, hätte ich bei niemand Fremden einfach Quartier bezogen. Aber da war das auch nicht notwendig .. ich hatte Pelle und er sorgte immer gut für uns. Ich denke viel an ihn, ich glaube es ist einfach die Ungewissheit die an mir nagt. Ich würde unheimlich gern wissen ob es ihm gut geht. Soviele Mondläufe ist er jetzt fort und vielleicht hätte ich ihn doch mehr suchen sollen. Ich hoffe Falryn findet mehr heraus und schreibt mir bald. Oder er selbst. Ansonsten habe ich noch mit einem Menekaner namens Wahid Ifrey .. (da war noch mehr Name vorhanden - frag ich nochmal nach) in seinem Laden in Berchgard gesprochen. Er ist recht nett, und kann vorallem gut handeln. Das hat mich beeindruckt. Die junge Frau mit der er um das weisse Gold handelte, tat mir allerdings leid. Und mit ein wenig Raffinesse - eigentlich einer kleinen Unwahrheit, aber dies gibt man ja nur ungern zu, konnte ich es gerade noch hinbiegen, ihr beim Handel zu helfen.

Als weiteres wäre da noch Bryan Raufels. Ich hab' mich noch nicht entschieden ob ich ihn mag oder nicht. Er ist ein wenig frech, das gefällt mir schon und erinnert mich ein wenig an Pelle - auch wenn er sich beim ersten Mal auf meine Kosten lustig gemacht hatte. Ich glaube dennoch, dass Bryan ein gutes Herz hat, denn entschuldigen kann er sich und er will soviel bewegen und hat recht viele Pläne. Ich habe ihm aufrichtig Glück dabei gewünscht, sicher braucht Gerimor mehr Ideen wie seine, aber vorallem Leute die ihn bei seinen Vorstellungen unterstützen. Vorhin hab ich ihn allein gelassen mit einem anderen Krieger namens Garrett. Das Gespräch konnten die beiden so sicher besser weiter führen, als jemanden dabei zu haben, der von den politischen Verhältnissen von Gerimor und Umgebung fast keine Ahnung hat. Ich höre mir das zwar an, aber ich fühle mich noch nicht wie ein Teil dieser Lande und einmischen werde ich mich nicht. Ich mache mir lieber mein eigenes Bild von allem. Wenn ich an die Letharen denke, die ich sah, und vor denen mich fast alle gewarnt haben, bekomme ich schon Angst, aber neugierig bleib ich trotzdem. Vorsichtig sein heisst ja nicht das ich meine Augen verschliesse!

Ich schweife ab, wie ein schneller Windhauch von einem Gedanken zum anderen. Eigentlich sitze ich hier weil ich mich entscheiden möchte. Darüber nachdenken möchte, ob es in Ordnung ist, einfach so zu vertrauen. Die Sonne ist bereits aufgegangen und erfüllt mich mit wohliger Wärme. Am liebsten würd ich hier einfach sitzen bleiben, auf ewig. Eigentlich kann ich das tun, wenn ich mich dafür entscheide. Aber ich glaube ich sollte mich doch erst noch einmal erkundigen, was da genau alles auf mich zukommt und was es bedeutet eine Schwester zu sein.

Verfasst: Freitag 29. Juli 2011, 22:34
von Sarah Winter
II. Begegnungen und Entscheidungen
Vierter Tag nach der Ankunft auf Gerimor, Uhrzeit ungewiss - im Keller vom Herbergenhof - am Tag des Donners, den 28. Cirmiasum 254

Irgendein Geräusch hatte mich soeben geweckt. Einmal wach, bleib ich wach. Darum habe ich gleich meine Laterne angezündet, liege aber noch im Bett und schreibe ein wenig. Richtig wach fühle ich mich allerdings noch nicht. Ich habe hier unten mit dem wenigen Licht, und der Müdigkeit noch etwas Mühe ordentlich zu schreiben aber ich versuche es trotzdem. Mir ist unheimlich warm. Ich weiss nicht woran es liegt. Eigentlich ist der Keller trotz des Sommers recht kühl. Meine Hand schmerzt und ich glaube, mir ist das Bier aus der Taverne nicht so gut bekommen. Vielleicht vermischen sich auch wieder Gefühle mit weltlichem? Einfach nicht darüber nachdenken! Ich habe gestern eigentlich einen guten Tag gehabt. Nein, ich hatte einen guten Tag! Und ich habe ziemlich fest geschlafen. Das erste Mal, ein tieferer Schlaf seit ich hier ankam. Trotzdem fühl ich mich nicht ausgeruht. Gestern ist arg viel passiert, sodaß ich gar nicht weiss, was ich zuerst erzählen kann. Fangen wir mal mit den guten Dingen an. Das ist immer das Beste. Ich habe Arbeit gefunden in Bajard, um ein wenig Gold zu verdienen. Eigentlich ist es nicht so wenig, ich glaub soviel Lohn in einer Woche habe ich noch nirgends bekommen. Ich hatte diesen Schreinerladen von Lis Berah betreten, weil mir meine Instrumente fehlen. Hätte nicht gedacht, das mir von all den Dingen die ich zurücklassen musste, jene als erstes fehlen.

Jedenfalls ging ich gestern deshalb in den Schreinerladen am Hafen in Bajard und fragte nach. Die Schreinerin Lis und ich kamen gleiche ins Gespräch und es freute mich unheimlich, das die Instrumente nicht allzuviel kosteten. So wollte ich sogar gleich eine Laute und eine kleine Handharfe mitnehmen. Die Harfe ist wirklich hübsch. Ich kann sie zwar noch nicht so gut spielen wie eine Laute, aber jetzt kann ich ausreichend üben. Und auch die Laute gefällt mir sehr gut. Sie ist handlich, aus gutem Holz und sie hat samt ihres schlicht gewölbten Bauches sowie ihren neuen Saiten einen wundervollen Klang. Doch zurück zu Lis Berah. Sie erzählte mir, dass sie viel Arbeit habe. Gut, dass erzählen alle Handwerker, doch stellen sie nicht immer gleich wen ein. Bei ihr war es anders. Sie hatte gleich soviel Arbeit, dass sie mir sofort erzählte, dass sie sich über eine Verkaufshilfe freuen würde und was jene alles zutun habe.

Die Aushilfe sollte lediglich Kunden bedienen, Bestellungen aufnehmen und Waren herausgeben. Zwar hatte ich keine Ahnung von Möbeln, Holzkram .. und Holzarten und alldem, doch ich bot an, ihr ein wenig zu helfen. Handelsgeschäfte sind mir vertraut und ich mag diese Arbeitweise von allen am liebsten. Ferner brauchte ich diese Verdienstmöglichkeit, da meine Münzen von den Fischereiaufträgen langsam zur Neige gingen - weil ich mir das Nötigste von allem gekauft habe. Ja, Instrumente gehören auch dazu! Lediglich einige Male in der Woche sollte ich den Laden öffnen und die Kunden bedienen und das alles für einen guten Wochenlohn. Selbst das Trinkgold darf ich zukünftig behalten. Zudem ist es auch ein guter Einstieg, falls ich hier im Laufe der Zeit wieder eigene Handelsgeschäfte betreiben möchte. Selbst wenn nicht, so würde ich durch dieses Tagewerk zumindest ein paar Leute mehr kennenlernen.

Die Schreinerin und ich verstanden uns auf Anhieb ganz gut, und Lis erklärte mir im Laufe des ersten Tages recht viel. Selbst die Holzsorten kenne ich nun beim Namen oder weiss, wie es dann verarbeitet ausssieht. Ich hoffe ich kann mir das alles merken! Gestern Abend hatte ich dann gleich den Laden geöffnet, mit ihrer Unterstützung und natürlich auch samt ihrer aufmerksamen Beobachtung. Ein Kunde wurde erwartet gegen zehn Uhr am Abend, weil er seine Waren abholen wollte. Und das waren wirklich viele .. und schwer waren sie auch. Ich glaube das erklärt auch die Schmerzen am heutigen Tage. Es ist aber noch erträglich und ich werde mich sicher daran gewöhnen. So große Regalseiten oder allgemein Holz wiegt schon eine ganze Menge und ich bin das ehrlich gesagt nicht so sehr gewohnt, solch große Sachen oder viele schwere Kisten herum zu tragen. Erst habe ich ihm nur all die Kisten und Bretter rübergereicht, also dem Kunden - und gehofft man merkt mir nicht an, dass es mir zu schwer ist. Später sollte ich dann, weil der Kunde ein Trinkgold gab, auch helfen, die bestellten Waren zum Bankgebäude zu tragen. Hab' ich natürlich gemacht, war schliesslich mein erster Arbeitsabend und ich wollt einen guten Eindruck hinterlassen.

Dieser erste Kunde war ein Magier. Sogar der Magier, von dem Nanielle dauernd mit einem seeligem Lächeln im Gesicht spricht. Also hab ich ihn auch einmal gesehen und kann mir ein besseres Bild machen, um wen es sich eigentlich handelt. Er wirkt wirklich sehr freundlich, genauso wie sie sagte. Nachdem ich ihm auch die letzte Kiste mit den Brettern für den Schreibtisch gab, machte er eine kleine Bemerkung. Er sagte, dass ich mich von nun an wohl an schwere Arbeit gewöhnen musste. Ich dachte nur.. Oh, HIlfe - er hat gemerkt das mir die Kisten zu schwer waren! Aber dann meinte ich nur, dass ich das schon hinbekomme und lächelte hinzu. Muss ich ja auch hinbekommen und werd ich auch! Einfach dran glauben. Die Arbeit wird schwieriger, aber ich hatte schon schlimmere Tagewerke überstanden bei anderen Leuten, die alles andere als nett waren. Und Lis ist wirklich nett, zuvorkommend und erklärt alles mit Geduld und Ruhe. Gestern hab' ich dann schon ein paar Münzen verdient und ausserdem hat Lis mir die Instrumente geschenkt. Ich werd' mir einen ruhigen Platz suchen, damit ich wieder ein wenig spielen üben kann. Wenn ich denn noch Zeit für all das finde? Zum Glück haben wir Sommer und die Tage sind länger. Auch wenn ich kaum schlafe und die Nächte ebenfalls mehr an der Luft bin, als hier im Keller. Ich finde diesen Keller auch erdrückend als Schlafplatz, ein Umstand, bei dem ich länger brauche, um mich daran zu gewöhnen.

Da fällt mir ein, dass Nanielle gestern auch einen guten Tag hatte, was mich wirklich freut. Sie hat sich die ganze Zeit eine richtige Aushilfe für ihren Hof gewünscht. Also jemanden der sich zumindest ein wenig auskennt. Und erst hatte sie die Hoffnung, dass ich diejenige sein könnte. Aber ich kenne mich nur mit den Tieren aus, mit allem anderen so gut wie gar nicht. Kochen kann ich zwar, aber verkaufen lässt sich das wohl eher nicht. Gestern kam jemand zu Besuch und ich glaube sie wird bald hier am Hof anfangen zu arbeiten. Ryah ist ihr Name, sie ist schon ein wenig älter als Nanielle und ich. Ich glaube sie freut sich auch über diesen neuen Arbeitsplatz, jedennfalls war sie recht neugierig und wirkte zunehmend zufriedener als Nanielle ihr alles erklärte. Bald wird sie wiederkommen, um Einzelheiten zu klären. Ich hatte dann gleich angeboten den Keller für Ryah zu räumen, aber Nanielle sagte wir könnten auch beide dort unten nächtigen. Platz wäre genug. Ja, dem ist auch so .. aber ich hab' noch nie groß mit anderen in einem Raum geschlafen ausser Pelle .. da können sie noch so freundlich sein. Herjeh. Ich kling wie ein Angsthase. Bryan bot mir an, wenn alle Stricke reissen, könnte ich bei ihm schlafen. Ich bedankte mich freundlich für das Angebot. Vorstellen kann ich mir das allerdings auch nicht. Bei diesen Dingen denke ich erneut an Pelle. Wie sehr ich ihn vermisse oder was er zu all den Erlebnissen hier sagen würde. Aber ersteinmal erzähle ich weiter, denn ich habe gestern noch einiges mehr erlebt. Erst einmal erzähle ich das Unschöne, damit am Ende noch etwas schönes zu erzählen bleibt:

Da war so ein Kerl. Saremus. Den Namen erfuhr ich allerdings erst viel später. Die Nacht war bereits fortgeschritten und ich wollte die Kutsche nach Berchgard nehmen. Vor der Kutsche standen einige Leute und so fragte ich erst, ob sie allesamt auf die Kutsche warten würden. Saremus stand da, mit einer Frau an seiner Seite. Ich dachte erst, er bräuchte Hilfe. Jedenfalls meinte die Dame an seiner Seite, er wäre angetrunken und würde wanken und sich kaum auf den Beinen halten können. Ich drehte die Laterne an, und sah in seine Richtung, da kam er auch schon auf mich zugewankt und ich wollte ihm erst einen Arm hinhalten um ihn zu stützen.

Doch was tat der Kerl? Wollte mich beklauen! Er griff in meine Taschen, erwischte aber die mit dem Dolch zuerst und schnitt sich in die Hand. Ich schubste ihn fort und er flog hin. Blut. Er leckte über seine blutende Hand, und begann mit mir zu schimpfen. Doch ich sah nur auf das Blut und wie er es ableckte. Wirklich widerlich. Mir wurde gleich schlecht. Aber wütend war ich auch. Saremus schimpfte weiter, meinte ich sei Schuld daran, das er nun blutet. Ich gab ihm irgendwelch' patzige Antworten, beschimpfte ihn wohl auch. Die Übelkeit nahm weiter zu. Langsam drohte der Schwindel einzutreten. Die Frau stützte mich einen Moment, doch ich war nicht in der Lage mich so wieder unter Kontrolle zu bekommen. Langsam und wohl auch wankend ging ich zurück nach Bajard, zum Glück hat mich niemand aufgehalten. Ich ging direkt zur Taverne und kaufte mir einen Krug Bier. Das schmeckte zwar nicht, aber der Alkohol darin half, dass es mir wieder etwas besser ging. Doch umso besser es mir ging, desto wütender wurde ich wieder. Eigentlich auf mich selbst muss ich zugeben. Wegen der eigenen Blödheit auf solch einen profanen Trick reinzufallen. Ich dachte nur noch an diesen Kerl, und wollte wieder zurück gehen. Was ich dann leider auch tat. Ich sage bewusst leider, weil mein Verhalten an diesem gestrigen Abend wirklich.. alles andere als gut war.

Als ich wieder bei der Kutschenstation eintraf, standen da noch mehr Leute als zuvor. Unter anderem auch der Krieger Garrett, mit dem sich Bryan in der Vornacht auf dem Dach des Bankgebäudes unterhalten hatte. Dann waren da noch ein paar Damen, die mir allesamt unbekannt waren. Und wer war natürlich mitten drin: Saremus. Die Wut bei seinem Anblick war kein bisschen verraucht und wurde noch geschürt, als er das gleiche, dass er bei mir versucht hatte, in diesem Augenblick bei einer anderen Dame tat. Ich sagte wieder irgendetwas und sah zu, wie er der Frau irgendwelche kleinen Phiolen entwendete.

Meine Wut wurde zunehmend größer, eigentlich hätte ich Mitleid mit ihm haben sollen oder nur ein müdes Lächeln für die Situation. Ich sollte lernen mich in solchen Momenten besser zu beherrschen, auch wenn Pelle das vermutlich lustig gefunden hätte. Aber in solch' Situationen kam ich bisher nicht allzuoft, und wenn auch selten allein - oder wenn doch mal allein, dann bin ich rascher fortgegangen. Hätte ich gestern auch tun sollen. Aber ich nahm stattdessen einen großen Apfel, einer von den roten, saftigen aber härteren Exemplaren, aus einen meiner Beutel. Mit Schwung warf ich ihn in die Richtung von Saremus. Und traf. Der Apfel prallte direkt an seinem Kopf ab, sodaß sein Hut flog und er erneut wankte. Gut, dieser Treffer hätte mir reichen können - und ich hätte dann einfach gehen sollen. Hab' ich aber leider nicht.
Ich blieb an Ort und Stelle und schob flink die freie Hand zurück in die Taschen und tat so, als wäre nichts gewesen.

Garrett ging auf Saremus zu, nahm den Apfel, säuberte ihn ein wenig und begann ihn zu essen. Es sah aus als täte er dies mit Genuss und auch ein wenig provozierend, aber da ich ihn nicht kenne weiss ich das nicht genau. Fast hätte ich darüber gelacht, wäre da nicht die Wut gewesen die leider nicht so schnell verrauchte, wie sie aufgetaucht war. Doch ein wenig Grinsen darüber musste ich dann doch. Die Situation war schon recht eigenartig. Vermutlich wäre dann auch nichts weiter passiert, wäre im nächsten Augenblick nicht auch noch Majalin aufgetaucht. Sie kam genau aus entgegengesetzter Richtung zu mir, sodaß sie fast auf Saremus zulief. Ich hielt diesen Mann zwar nicht für urgefährlich, sonst wäre ich wohl doch eher geflüchtet, aber dennoch für unberechenbar. Darum ging ich gleich auf Majalin zu, um sie vor jenem zu schützen. Ob das im Endeffekt nötig ist, sie zu schützen - weiss ich nicht, aber instinktiv tat ich das. Und natürlich kam Saremus auf sie zu. Ich stellte mich dazwischen. Gerade eben noch, und schubste ihn erneut fort.

Das ging eine ganze Weile so. Doch, ich tat noch schlimmeres. Irgendwie total albern und beschämend, wenn ich heute darüber nachdenke. Durch Majalin erfuhr ich seinen Namen und trotz des .. Gerangels blieb sie recht ruhig. Im Gegensatz zu mir. Es gab einiges an Hin und Her. Ich verpasste ihm sogar eine, was wohl die Schmerzen in meiner Hand erklärt. Auch trat ich mehrfach nach ihm, wenn er wieder etwas versuchte, oder Majalin mit Steinen bewarf. Dann lag er am Boden und jammerte und ich sagte unschöne Dinge zu ihm. Und er zu mir. Erinnert mich ein wenig an eine Balgerei zwischen Kindern .. - der Untschied ist nur, das Majalin mir leise klar machte, dass dieser Mann gefährlicher zu sein schien als ich annahm. Sie zog mich nach einer Weile zurück zu sich, versuchte mich in meiner Wut zu bremsen und nahm mich ein Stück mit sich. In der Zwischenzeit waren die meisten Leute gegangen - ein Glück, so hatte nicht jeder mein Verhalten in dieser Nacht mitbekommen. Ich hoffe Saremus hat mich ebenfalls vergessen, oder erinnert sich zumindest nicht mehr so genau, an mein Äussers. An die Situation, wird er sich ja allein ob der Schmerzen die er haben wird, erinnern.

Dies war die Erklärung zur Situation im Groben. Ich habe mich falsch verhalten, denke ich. Pelle hätte mich angefeuert, gelacht und sich vermutlich auch nicht eingemischt, wenn er mich so gesehen hätte. Aber wäre er dabei gewesen, hätte ich vermutlich wie zumeist gar nichts machen müssen und ihm die Situation überlassen. Ein bisschen Wut kam vielleicht auch daher. Er sollte hier sein. Bei mir. Mir fehlen die Gespräche und das Vertrauen. Und obwohl er nur wenige Jahre älter ist als ich, hat er mich immer vor Allem beschützt. Mir fehlt die Sicherheit, dass jemand da ist wenn ich in Not gerate. Saremus ist ihm ein wenig ähnlich. Ich glaub sie sind im gleichen Alter ungefähr und Pelle mag auch so Scherze, auch wenn er sich dabei wohl weniger blöd anstellt. Noch wenige Mondläufe und er ist schon fast einen Jahreslauf verschwunden. Einfach so. Meine Suche war vergebens und jetzt bin ich einfach hier her gereist, aus eigenem Verlangen etwas für mich zutun. Egoistisch. Das ist sonst nicht meine Art. Und die Ungewissheit, was mit ihm sein könnte nagt an mir. Das nimmt mir immer ein Stück meines Glücks, auch wenn ich das überspiele und versuche nicht daran zu denken.

Kommen wir wieder zu den hoffentlich schöneren Dingen, die am gestrigen Tage geschehen sind. Ich begleitete Majalin in der letzten Nacht dann noch heim. Sie bot mir auch an, sie in ihre Heimstatt zu begleiten und einen Moment zu bleiben. Trotz der vorangeschrittenen Nachtzeit. Als erstes säuberte ich in ihrer Küche ein wenig meine Hände und kühlte mein Gesicht, ehe wir danach vor dem Kamin auf den Fellen platz nahmen und uns unterhielten. Um das Gespräch hatte ich sie bereits am frühen Abend gebeten, nachdem ich den Schreinerladen verlassen hatte und mich aufmachen wollte, etwas zu Abend zu essen. Nach der turbulenten Nacht brauchte ich einen Moment, um wieder etwas Ruhe zu finden und über die Fragen nachzudenken, die ich ihr stellen wollte. Ich stellte ihr die wichtigste Frage zu erst: Was es bedeutet eine Schwester zu sein und was für Aufgaben dies mit sich bringen würde. Lange erklärte mir Majalin in Ruhe einiges, erzählte mir die Geschichte über Paia und beantwortete auch meine darauffolgenden Fragen.

Einiges erklärte sie mir auch nur vage. Vermutlich weil ich mich noch immer nicht entschieden hatte, auch eine Schwester sein zu wollen. Doch umso mehr sie erzählte, desto mehr wollte ich erfahren. Und alles hörte sich irgendwie richtig an und zudem würde ich ein Teil einer Gemeinschaft sein. Keinen Weg mehr allein beschreiten müssen. Wer wünscht sich das nicht? Innerhalb des Gespräches, und als Majalin noch erzählte, fasste ich den Entschluss mich jetzt und hier in dieser Nacht zu entscheiden. Gut, mein Gemüt war noch etwas wirr und ich war noch nicht gänzlich beruhigt. Zudem fasse ich nie allzuschnell Vertrauen. - Doch mir fielen die Worte ein, die Bryan sagte, als ich ihm erklärte, dass ich vielleicht eine Ausbildung zur Heilerin in Aussicht hätte, doch da die Sache mit dem Blut und der Übelkeit und dem Schwindel wäre. Er sagte mir, dass ich es doch einfach versuchen könnte, dabei ehrlich bleiben sollte und von der Schwäche in diesem Fall erzählen könnte. Zudem glaubte er fest daran, das man dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Es wäre nur eine Gewöhnungssache. Ich weiss nicht ob er Recht hat damit. Mehr Blut sehen hat bisher jedenfalls nicht geholfen. Majalin erklärte mir gerade, dass die Schwestern eine Art der Verbundenheit haben untereinander. Dies erwähnte sie auch schon am ersten Tage unserer Begegnung und sie erklärte weiterhin, dass auch ich dies spüren würde, sobald ich mich dazu entscheiden würde eine Schwester sein zu wollen. Und während ihrer Erklärungen fasste ich den Entschluss mich hier und jetzt zu entscheiden. Warum nicht? Ich würde sowieso bleiben wollen, mein Herz hatte ich schon beim ersten Betreten der Insel für sie entschieden. Ich konnte es mir nicht einmal mehr vorstellen diese Insel nie wieder zu sehen.

Majalin war gerade dabei zu erklären, das ich mit den Grundlagen von allem beginnen sollte, als ich sie unterbrach um ihr meine Entscheidung mitzuteilen und sagte: Ich möchte eine Schwester sein. - Lächelnd nahm Majalin diese Entscheidung auf und auch ich fühlte mich, als hätte es keinen besseren Zeitpunkt gegeben, um dies zu entscheiden. Von dem Problem mit dem Blut sagte ich dann aber irgendwie doch noch nichts. Der Moment war einfach nicht passend. Das muss ich dann wohl noch irgendwie nachholen. Majalin sagte mir ich könnte die Schwestern nicht enttäuschen, sie wären nur eine Hilfe zu dem was jetzt schon in mir stecken würde. Da bin ich gespannt. Eine Lehrmeisterin namens Vefa wird mich alsbald aufsuchen. Das macht mir doch ein wenig Angst, bestimmt gibts trotzdem hohe Erwartungen .. oder ich weiss auch nicht. Ich hoffe ich verstehe das alles irgendwie, und schaffe gleichsam die Arbeit und finde mich überall zurecht.

Bei diesen Gedanken muss ich gleich wieder an Pelle denken. Jetzt, da es endlich passiert, und etwas, dass ich mir immer gewünscht habe zum greifen Nahe ist, ist er nicht bei mir und kann nicht Teil haben an meinem Glück. Er ist der Einzige dem ich das Insellied vorgesungen hab'. Ich hoffe ich höre bald von ihm und er sieht sie mit eigenen Augen - so wie ich es tat. Vermutlich würde er dann nicht mehr so besorgt schauen, wenn ich von der Insel spreche. Nachher werd ich Falryn den ersten Brief schreiben, vielleicht hat sie schon mehr in Erfahrung bringen können.

Wahid irgendwasdazwischen Ifrey, der Menekaner der den Laden in Berchgard führt, hat mir am gestrigen Vormittag noch meinen Ring repariert. Er war wieder etwas angerissen, von den nächtlichen Traum-Wanderungen und an einer Seite recht scharfkantig. Irgendwo muss ich hängengeblieben sein, darum hab ich ihn eine Weile nur an dem Lederband getragen, statt am Finger. Herr Ifrey hat ihn repariert und frisch poliert, selbst der Onyx darauf glänzt jetzt wieder wie neu. Er versteht sein Handwerk gut und er wollte auch nichts für seine gelungene Arbeit haben. Das hat mich erst ein wenig überrascht und darum hab' ich ihm dann einfach etwas von dem alten Rum geschenkt. Er ist ein wirklich freundlicher Mann und deshalb bin ich noch eine Weile dort geblieben und hab mich mit ihm unterhalten. Er macht meist auch nur Andeutungen wenn es um politische Dinge geht. Dazu kann ich selbst derweil auch eh noch nicht soviel sagen. Er erzählt ganz gern Dinge über die Insel Menekur. Ich würde mir die Insel wirklich gern einmal ansehen, aber derzeit habe ich von Schiffsreisen die Nase voll. Vielleicht gehe ich Herrn Ifrey heute, wenn ich Zeit finde, noch einmal besuchen. Jetzt nehm ich mir erst einmal die Laute zur Hand und such mir neben einem kleinen Frühstück noch einen ruhigen Ort an frischer Luft, zum wach werden und nachdenken und warte neben der Arbeit und den Gedanken an Pelle, gespannt auf meine neue Schwester und Lehrmeisterin Vefa.

Kleiner direkter Nachtrag: Ich weiss warum meine Hand mehr schmerzt als gestern. Ich bin wohl wieder während ich schlief umhergelaufen oder anderes. Eines der Regale ist auch leicht beschädigt. Ich hoffe ich kann es reparieren, bevor Nanielle das sieht. Ansonsten muss ich Lis mal fragen.

Nachtrag zwei in der Nacht kurz vorm nächsten Sonnenaufgang: Sitze jetzt hier und versuch mal mit der rechten Hand zu schreiben, da ich meine linke Hand mit einem feuchten Tuch kühle. Klappt nicht ganz so gut aber ich kann's lesen. War ein ruhiger schöner Tag. Ich war ein wenig in den Wäldern und in Berchgard, aber da war niemand zugegen. Dann noch auf der Insel und bei Lis. Dort hab' ich mir die neue Warenliste mit den Preisen durchgesehen. Bis vorhin war ich noch in der Taverne, war ganz lustig. Hab' ein wenig Laute gespielt und Garett hat gesungen. Lani hab ich noch kennengelernt, aber nicht allzugut. Beide waren total betrunken und ich wusste das Lani ihn besiegt. Versuche jetzt noch ein wenig zu schlafen, dann kann ich nachher arbeiten.