Die Symphonie der Vier
Verfasst: Freitag 22. Juli 2011, 16:06
~ Ouvertüre ~
Gedankenvoll saß die junge Frau mit den rostroten Haaren in ihrem Garten. Sie liebte diesen Ort, Stein und Moos und Gras und Baum erfüllten sie mit Zuversicht und Friedlichkeit. Mit der Fingerspitze strich sie über die unregelmäßige Oberfläche der Steinumgrenzung und schloss dabei die nebelblauen, starren Augen.
„Dies, mein Mädchen, ist mein Kabinett.“, erklang die Stimme ihrer Lehrmeisterin in ihrem Kopf, „Es enthält und behütet die vier Werkzeuge, die jede Schwester im Laufe ihrer Lebensspanne fertigt und bewahrt. So jung du bist an Jahren, soviel hast du in der Schwesternschaft bereits gelernt und selbst gelehrt. Es ist an der Zeit, dass du deine Werkzeuge findest, Maja.“ Die Schülerin kannte die Gegenstände bereits, sie hatte sich darüber vorlesen lassen und über manch einen bereits mit ihren Schwestern diskutiert.
Feuer, Erde, Wasser, Luft.
„Worauf muss ich dabei achten?“, erkundigte sie sich leise, während Vefa ihr Kabinett auf Majalins Schoss absetzte. Die Holzkiste fauchte. Die Schülerin erschrak, fuhr jedoch instinktiv mit den Fingerspitzen über den Deckel des Kabinetts, woraufhin die „Kiste“ sich beruhigte. Eigentlich dürfte dich nichts mehr überraschen bei Vefa. Umso spannender, dass es so ist..., dachte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Nun, worauf du achten musst? Auf nichts und auf alles! Bedenke, mein Mädchen, dass die vier Werkzeuge die Schwester ein Leben lang begleiten, sie werden zu einem Teil ihres Trägers und umgekehrt. In ihnen kannst du die Melodie der Schwester vernehmen, auf ihrer Oberfläche ihre Geschichte lesen und in ihrer Gestalt ihre Seele streifen. Die Werkzeuge sind so einzigartig wie ihre Träger und können dabei so unbemerkt sein wie ein Regentropfen im Meer. Wähle sie also weise, aber vor allem wähle sie mit deinem Gefühl und Herzen!“ Bedachtsam schob Majalin den Deckel des nun schnurrenden Kabinetts auf und ließ ihre Finger über die enthaltenen Werkzeuge streifen. Sie konnte die Bedeutung fühlen, sie umwob die Vier wie ein schimmernder Kokon. Majalin ahnte, dass Vefa ihr damit ein großes Geschenk machte, dass sie ihr ein Bruchstück ihrer Seele offenbarte und sie spürte dankbare Ehrfurcht in sich aufsteigen. Mit einem Lächeln auf den Lippen verschloss Majalin das Kabinett wieder und reichte es ihrer Lehrmeisterin zurück. Es war nicht nötig den Dank auszusprechen, so wie sie ihn in ihrem Inneren fühlte, würde er Vefa erreichen. „Nun, Maja, hast du schon einen Einfall?“, erkundigte sich die alte Frau mit einem Lächeln. „Keinen Einfall, ein Gefühl.“, gab die Jüngere zur Antwort. „Dann bist du auf dem rechten Weg, mein Mädchen.“
Mit einem inständigen Seufzer öffnete Majalin wieder ihre Augen. Vier Werkzeuge. Vier Scherben ihres Selbst in fassbarer Form. Sie wusste, dass die Gegenstände allein durch ihre Wahl zu dem Besonderen werden würden, aber dies war nicht der Pfad, den sie beschreiten wollte. Es verlangte ihr auch nicht nach Gold, Edelsteinen oder Seide, ihre Werkzeuge sollten bedeutend mehr Wert erlangen. Was hatte Vefa gesagt? Die Melodie vernehmen, die Geschichte lesen, die Seele streifen. Melodie, Geschichte, Seele. Herz, vergiss nicht das Herz. Augenblicklich wurde ihr klar, was es für Werkzeuge es sein, woher sie stammen mussten: Ihre Melodie, ihre Geschichte, ihre Seele und ihr Herz waren nicht von ihr gestaltet, sondern von Erlebnissen, Begegnungen, Gesprächen, von Freundlichkeit, Achtung und Verständnis, von Freundschaft, Vertrauen und von Liebe. Kurzum von Freunden, Vertrauten, von Lehrmeistern und Schülern, von Großen wie Kleinen gleichermaßen, von ihren Schwestern, von ihm. Sie würde ihrer Geschichte eine Stimme geben, nein, viele Stimmen. In ihrem Zusammenklang würde ein eigenes Werk daraus erwachsen, die Werkzeuge würden ihm nur den Körper geben. Eine Symphonie, Wohlklang.
Zufrieden erhob sie sich aus dem Gras und ging zum Haus hin. Sie würde einige Reisen unternehmen müssen, Gespräche führen, erklären und hoffen. Sie machte es sich wieder kompliziert, dessen war sie sich bewusst. Aber kein Weg ist zu weit für die makellose Symphonie. Majalin drückte die Tür auf, sie wurde bereits erwartet. Die Stimme ihres Herzens. Sie lächelte.
- Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltnen Abenteuer!
Heil den mildgewogenen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' ihr alle vier!
~ Johann Wolfgang von Goethe, „Faust“
Gedankenvoll saß die junge Frau mit den rostroten Haaren in ihrem Garten. Sie liebte diesen Ort, Stein und Moos und Gras und Baum erfüllten sie mit Zuversicht und Friedlichkeit. Mit der Fingerspitze strich sie über die unregelmäßige Oberfläche der Steinumgrenzung und schloss dabei die nebelblauen, starren Augen.
„Dies, mein Mädchen, ist mein Kabinett.“, erklang die Stimme ihrer Lehrmeisterin in ihrem Kopf, „Es enthält und behütet die vier Werkzeuge, die jede Schwester im Laufe ihrer Lebensspanne fertigt und bewahrt. So jung du bist an Jahren, soviel hast du in der Schwesternschaft bereits gelernt und selbst gelehrt. Es ist an der Zeit, dass du deine Werkzeuge findest, Maja.“ Die Schülerin kannte die Gegenstände bereits, sie hatte sich darüber vorlesen lassen und über manch einen bereits mit ihren Schwestern diskutiert.
Feuer, Erde, Wasser, Luft.
„Worauf muss ich dabei achten?“, erkundigte sie sich leise, während Vefa ihr Kabinett auf Majalins Schoss absetzte. Die Holzkiste fauchte. Die Schülerin erschrak, fuhr jedoch instinktiv mit den Fingerspitzen über den Deckel des Kabinetts, woraufhin die „Kiste“ sich beruhigte. Eigentlich dürfte dich nichts mehr überraschen bei Vefa. Umso spannender, dass es so ist..., dachte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Nun, worauf du achten musst? Auf nichts und auf alles! Bedenke, mein Mädchen, dass die vier Werkzeuge die Schwester ein Leben lang begleiten, sie werden zu einem Teil ihres Trägers und umgekehrt. In ihnen kannst du die Melodie der Schwester vernehmen, auf ihrer Oberfläche ihre Geschichte lesen und in ihrer Gestalt ihre Seele streifen. Die Werkzeuge sind so einzigartig wie ihre Träger und können dabei so unbemerkt sein wie ein Regentropfen im Meer. Wähle sie also weise, aber vor allem wähle sie mit deinem Gefühl und Herzen!“ Bedachtsam schob Majalin den Deckel des nun schnurrenden Kabinetts auf und ließ ihre Finger über die enthaltenen Werkzeuge streifen. Sie konnte die Bedeutung fühlen, sie umwob die Vier wie ein schimmernder Kokon. Majalin ahnte, dass Vefa ihr damit ein großes Geschenk machte, dass sie ihr ein Bruchstück ihrer Seele offenbarte und sie spürte dankbare Ehrfurcht in sich aufsteigen. Mit einem Lächeln auf den Lippen verschloss Majalin das Kabinett wieder und reichte es ihrer Lehrmeisterin zurück. Es war nicht nötig den Dank auszusprechen, so wie sie ihn in ihrem Inneren fühlte, würde er Vefa erreichen. „Nun, Maja, hast du schon einen Einfall?“, erkundigte sich die alte Frau mit einem Lächeln. „Keinen Einfall, ein Gefühl.“, gab die Jüngere zur Antwort. „Dann bist du auf dem rechten Weg, mein Mädchen.“
Mit einem inständigen Seufzer öffnete Majalin wieder ihre Augen. Vier Werkzeuge. Vier Scherben ihres Selbst in fassbarer Form. Sie wusste, dass die Gegenstände allein durch ihre Wahl zu dem Besonderen werden würden, aber dies war nicht der Pfad, den sie beschreiten wollte. Es verlangte ihr auch nicht nach Gold, Edelsteinen oder Seide, ihre Werkzeuge sollten bedeutend mehr Wert erlangen. Was hatte Vefa gesagt? Die Melodie vernehmen, die Geschichte lesen, die Seele streifen. Melodie, Geschichte, Seele. Herz, vergiss nicht das Herz. Augenblicklich wurde ihr klar, was es für Werkzeuge es sein, woher sie stammen mussten: Ihre Melodie, ihre Geschichte, ihre Seele und ihr Herz waren nicht von ihr gestaltet, sondern von Erlebnissen, Begegnungen, Gesprächen, von Freundlichkeit, Achtung und Verständnis, von Freundschaft, Vertrauen und von Liebe. Kurzum von Freunden, Vertrauten, von Lehrmeistern und Schülern, von Großen wie Kleinen gleichermaßen, von ihren Schwestern, von ihm. Sie würde ihrer Geschichte eine Stimme geben, nein, viele Stimmen. In ihrem Zusammenklang würde ein eigenes Werk daraus erwachsen, die Werkzeuge würden ihm nur den Körper geben. Eine Symphonie, Wohlklang.
Zufrieden erhob sie sich aus dem Gras und ging zum Haus hin. Sie würde einige Reisen unternehmen müssen, Gespräche führen, erklären und hoffen. Sie machte es sich wieder kompliziert, dessen war sie sich bewusst. Aber kein Weg ist zu weit für die makellose Symphonie. Majalin drückte die Tür auf, sie wurde bereits erwartet. Die Stimme ihres Herzens. Sie lächelte.