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Ihr macht mich komplett - Stück für Stück: mein Kabinett

Verfasst: Montag 4. Juli 2011, 19:24
von Hanna Radenbruck
I – Wind Wind und das himmlisches Kind

Jüngst sah ich den Wind,
das himmlische Kind,
als ich träumend im Walde gelegen,
und hinter ihm schritt
mit trippelndem Tritt
sein Bruder, der Sommerregen.
(Arno Holz)


Man konnte beinahe kribbelnd auf der Haut fühlen wie sie anbrach, die besondere späte Stunde, in welcher das silbrige Mondlicht seinen Zauber wob und ihn wie ein hauchfeiner Schleier aus Glanz und Mystik, einem Spinnennetz gleich, über den Wald legte. Zu jeder anderer Zeit hätte dieses optische Wunder aus der Hand der Allmutter bizarr und vielleicht sogar befremdlich bis schlichtweg kitschig gewirkt, doch hier und jetzt war es genau das, was das Herz bewegte und den Atem vor Ergriffenheit stocken ließ. Es war einfach der richtige Moment und mit ihm sollte auch das passende Zeichen kommen, welches den feinen Wink gab, den Weg hingegen kannte sie selbst...

Noch lag Hanna auf dem weichen Moosbett und verfolgte das Zwinkern der Sterne weit über ihr, welches nur ab und an, wie das Glitzern ferner, glasklarer Diamanten, durch das raschelnde Blattwerk der alten Ulmen drang. Hier ruhte sie, träumte und ließ die Gedanken ganz bewusst kreisen, beobachtete deren Gang und schmunzelte über ihre eigenen, seltsamen Schlüsse. Vor allem aber merkte sie, wie nach und nach eine drückende, schwere Last von der sich stetig hebenden und senkenden Brust kullerte – mit jedem Atemzug fielen einige Steinchen des gewaltigen Sorgenberges. Das was hier in diesem Augenblick war zählte und während der Wald, der Erdenmutter lebendiger Kuss, sie tröstete und behutsam hielt, die Kinder Horteras' ihr zublinzelten und sie endlich wieder mit sich selbst ins Reine kam, traten andere die quälenden Gespinste in den Schatten. Hinter dessen schwarzen Vorhang, aus der Seele der jungen Frau gesperrt, verblieben sie nun, die Gedanken an die Untoten, welche sie vor wenigen Stunden erst vom eigenen Hüttchen verscheucht hatte, mitsamt ihren düsteren Herren und deren undurchsichtige Machenschaften; die Angst vor bevorstehenden Schlachten und etwaigen Kriegen, deren erste Spannung sich bereits einem Gewitter aus Stahl und Blut gleich entladen hatte; die Empfindungen von schwacher Trauer und Unsicherheit bezüglich mädchenhafter Herzensgeschichten; der kalte Kummer und die Sehnsucht nach einer fernen Schwester, von welcher jedes Lebenszeichen fehlte... alles musste vorerst weichen und sowohl Seele als auch Geist vorerst freigeben.
Den ersten Schritt hierzu hatte die Reinigung geboten und obwohl Hanna schnell fror und sich zwingen musste unbewegt in kalte Gewässer zu steigen, so gestand sie sich jedoch auch sehr offen ein, dass alleine der Anblick des nächtlichen Sees, in welchem der Mond wie mitsamt einem glitzernden Teppich aus weißem Licht zu baden schien, wahrlich reinigend war. Klar, ruhig und kühlend, so wie das tiefe Wasser selbst. Zudem erwartete sie danach die warme, fein gearbeitete Robe der Schwesternschaft und besagtes Bett aus Moos. Ein Grund mehr jeden Moment danach zu genießen und zu warten.

Sie brauchte keine Bestätigung zu dieser Angelegenheit und wusste, dass sie die rechte Wahl getroffen hatte. Vefas Worte und auch Majalins anerkennendes Nicken wurden zwar mehr als gerne angenommen und doch wusste sie schon davor, was oder besser wen sie hier wählen musste.
„Es sollen Gegenstände sein, die euch etwas bedeuten. Sie sollen euch helfen und einen Herzenswert haben. Seht das Kabinett als eine Art persönliche Schatzkiste.“

Vefas Erklärung hatte sie fein lächeln lassen, denn was für den einen Plunder war, konnte des anderen größter Schatz sein und wo viele güldenen Wert erblickten, erkannten manche wiederum nur einen Haufen Metallplättchen. Persönlich also, Schätze sowieso...
„Dann müsste ich euch alle in mein Kabinett sperren...“

Was bei den Schwestern für Amüsement und Gelächter gesorgt hatte, war im Grunde der Kern von dem, was Hanna an wahrem Wert überhaupt bereit war zu akzeptieren: Familie, Freundschaft, Liebe – all jene Wesen, welche sie überhaupt erst zu dem machten, was sie, Hanna, ausmachte. All jene, die sie komplett machten, sollten irgendwo einen Platz in ihrem Kabinett bekommen und so zog Vefas Auftrag vielleicht eine längere Phase der Grübelei mit sich, doch nicht im Bezug auf das „was“, sondern vielmehr das „wie“. Wie teilte man die einem wertvollen Leute zu nur vier kleinen Gegenständen und womit konnte man das Wunderwerk vollbringen, deren immensen Wert durch diese vier auszudrücken. Manch einer hätte sich nun seufzend an die Stirn gefasst und sich gewundert welch tumbe Frage da in Hannas Kopf umher schwirren konnte, war die Antwort doch vermeintlich einfach: sollte sie die Kabinettsstücke aus Diamant, Ebenholz und Kristallglas fertigen lassen, mit Gold und Juwelen besetzen und schönstem Verzierungswerk verfeinern lassen. Das war doch wirklich einfach... ja und nein, denn wer den materiellen Wert nicht schätzt und eine höchst emotionale Sicht der Dinge hat, der verbindet wenig mit derlei schönem aber schnödem Prunk.

So dauerte Hannas Überlegung an, bis sie eines Abends die letzten Kisten in ihre etwas windschiefe Kräuterhütte räumte und merkte, wie ihr Tränen in den Augen standen, als sie eine recht schäbig und alt aussehende Schatulle behutsam in das sauber gewischte Regal stellte. Die letzten Gegenstände eines sehr unfreiwilligen Erbes und gerade in dem Moment gegeben, als sie einander zu vertrauen begannen und kennengelernt hatten. Er hatte über ihre „Beichte“ damals gelächelt, hatte kein schlechtes Wort über ihre Ausbildung auf der oftmals verrucht geltenden Sumpfinsel verloren und nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als sie sich mit trotzigem Stolz dazu bekannte, diesen Weg bewusst gewählt zu haben, obwohl er doch ein Ordensmann gewesen war. Nein, er war sogar so weit gegangen ihr Mut zuzusprechen und das Werk der „Sumpfheilerinnen“ zu loben, obwohl sie tief in seinen Augen neben all dem weltlichen Schmerz erkannte, dass er ahnte oder vielleicht sogar wusste, was sie war.
„Du gehst deinen Weg auf Pfaden der Natur, also mit Eluives Segen.“
Solche Worte aus seinem Mund hatten ihr gezeigt wo genau ihr Platz innerhalb der Schwesternschaft war und dafür alleine hätte sie ihn umarmen wollen. Doch dann war der Spaziergang gekommen und mit ihm... der seltsame Windsturm über dem Wasser, welcher ihn sanft mit sich nahm, ohne mehr als den alten Strohhut zurück zu lassen.
Hanna schluckte bei der Erinnerung, denn obwohl sie durch all das Lu den Waldelfen kennen und schätzen gelernt hatte, bedeutete jener schicksalhafte Tag doch wieder ein Verlust in ihrem Leben. Als die Tränen zu kullern begannen, wollte sie die Schatulle endgültig von sich schieben und hob den Kopf, von Trauer ergriffen, um dem notdürftig geflicktem Portrait ihrer Mutter einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Es war das einzige Bildnis der Verstorbenen, welches Wieland und Amalia gerade noch halbwegs rechtzeitig vor Jakobs Zerstörungswut retten konnten, als dieser erfuhr, dass Hanna und Magda Arulius' und nicht seine Töchter waren.
Doch als ihr Blick auf das Gemälde traf, blinzelte Hanna irritiert, war ihr doch für einen Moment so, als hätte das Augenmerk der Mutter nicht auf ihr, sondern auf dem Kästchen in ihren Händen gelegen. Noch während sie den Tränenschleier mit dem Ärmel vom Antlitz wischte, schob sie den Deckel der Schatulle auf und stockte vollkommen benommen.
Auf altem abgewetzten Samt ruhte ein schmuckloser, doch fein gearbeiteter Dolch. Der helle graublaue Schimmer, welcher ihn umfing, ließ auf ein gutes, doch ebenso nicht weiter auffälliges Material schließen: Coelium. Man hatte sich die Mühe gemacht und den Griff sehr sauber mit einem etwa halmbreiten Lederband umwickelt und Knüpfknoten hinein geflochten, um ein etwaiges Abrutschen zu verhindern – und trotz seiner simplen Machart oder gerade deshalb wirkte die kleine Waffe Hanna seltsam vertraut.Die einzige Art Zierde war eine Symbolgravur im Knauf, welche eine Art Wirbel aus drei ineinander gezogenen Halbmonden darstellte.

Als Hanna da die Augen aufriss, geschah alles auf einmal.
Vor ihrem inneren Auge vollzogen sich erneut die Bilder seines Abschieds, sie spürte die Kraft die dem plötzlichen Windwirbel innewohnte wieder und sah sein befreites Lächeln auf den Lippen, als er sich diesem mit ausgebreiteten Armen öffnete. Sätze drehten sich nicht minder wild in ihrem Kopfe, Sätze an welche sie sich nun wieder erinnert und sie jetzt erst begriff.
„Sorge dich nicht, Kind, ich kenne das Werk der Sumpfheilerinnen und halte es für gut. Einst waren wir vertraut.“
„Ihr glaubst ich war schon immer ein trockener Kirchenmann, was? Nein, einst war das anders...“
„Hanna, wollt Ihr mich noch begleiten? Ich möchte ein wenig spazieren gehen... ich fühle, es ist Zeit Nachhause zu gehen.“
„Geh ins Wasser, schütze dich. Mir wird der Wind nichts anhaben. Ich... habe mich nach ihm... gesehnt...“

Sie wurde erst vom Klappern des Fensterladens aus den Gedanken gerissen. Erneut war es der Wind, welcher so in ihr Bewusstsein drang. Nachdem sie diesen geschlossen hatte, realisierte sie, dass der Dolch noch immer in ihrer Hand lag. Ein gutes Gewicht, vertraut eben und allein die Berührung schenkte ihr neuen Mut. Als sie zum Bild der Mutter sah, war ihr beinahe als würde ihr jene mehr als sonst entgegen lächeln. Da stand der Entschluss fest.

Noch immer lag sie still am Waldrand, unweit der Abschiedsstelle, im Moos.
Die Linke fuhr sanft über den weichen, duftigen Untergrund, während in der Rechten das metallene Kleinod lag, auf dessen Oberfläche sich das Sternenlicht verheißungsvoll brach. Es war der rechte Ort, die richtige Zeit und der einzige Dolch, der je eine derartige Bindung zwischen Hanna und all jenen geliebten Wesen, die sie im hier und jetzt verloren hatte, herstellen konnte.
Ja, sie war sich ihrer Wahl sicher und musste nun einfach warten auf den letzten, wichtigen Segen.

Ein feines Lächeln umspielte die Lippen, als wenige Momente später der Lufthauch über ihre Wangen strich. Er war da, der zarte Bote, welcher der Urgewalt' Herold war und mit einem letzten Blick gen Sternenhimmel dankte sie für den Beistand jener, deren Licht ebenso fern und himmliche brannte. Dann stand sie auf und ging lautlos dem Schössling am See entgegen, welcher aus dem Samenkorn Freiheit und Hoffnung des Baum des Lichtes geboren war.
Es galt eine Weihe zu vollziehen...

[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Windnacht.jpg[/img]

Verfasst: Mittwoch 7. Dezember 2011, 11:19
von Hanna Radenbruck
II - Feuer, Mond und Sterne

Kohlestücke in der Nacht.
Kohlestücke auf der Hand.
Kohlestücke an des Stabesspitze.

Schimmern, funkeln
im trübfahlen Licht der Laterne
wie Abermillionen, winzige Sterne

Rote Flammen in der Nacht.
Rote Flammen an den Händen.
Rote Flammen fließen langsam in den Körper hinab.

Ein Funken bildet sich und springt-
über bis er das Seelenzentrum trifft.
Er rauscht hinweg, lässt Glut zurück-
wie der letzte Kuss von einem Lippenstift.
(aus eig. Feder)


In der Stille des Diesseits, gezeichnet von der unbewegten Starre der ewigen (Schein-)Ruhe, griff eine Hand, unbewusst und kaum merklich, an den Stab der an der rechten Seite lag und Finger für Finger schlossen sich sanft drum herum.
Der Geist kämpfte seinen eigenen Kampf, weit entfernt vom weltlichen Sein und doch auf bizarre Art und Weise nah, so nah ohne wirklich berühren zu können - deshalb tat es der Körper in dieser einzigen, vorsichtigen Geste und stumm schöpfte er dadurch Kraft und Zuversicht, ohne den Grund dafür zu erahnen. So sind oft Gesten der kleinen Kinder, unbewusst und naiv oder gar vollends instinktiv auf der Suche nach Schutz und Wohlbefinden.
Sie, die Träumerin, fand ihr Seelenheil in der Berührung zum vertrauten Stab, kaum mehr als ein hölzern Ast, um den sich rankengleich eine schwärzliche Winde hineingebrannt nach oben bis zur feinen Spitze zog.
Ein nett anzusehendes Spielzeug und doch so viel mehr...

"Wirst du mir ein Werk deiner Kunst schenken?"
Sie hatte so förmlich gefragt und daher wohl ganz natürlich den schwachen Spott und das Amüsement der Zwillingsschwester abbekommen. Magda warf den Kopf lachend in den Nacken und schüttelte ihn leicht, dass die langen braunblonden Locken mit dem feinen Kupferhauch im Feuerschein regelrecht zu glühen schienen. Kleine Äste und altes Blattwerk war in der ein oder anderen Strähne zu finden, doch scherte sich das Waldkind nicht weiter um derartige Schönheitsfehler - vielmehr waren jene ein Teil ihres Wesens und ihrer selbst.
"Also soll ich dir etwas schnitzen, hm? Seit wann hast du Interesse an einem Bogen oder an der Vielfalt der Pfeile und deren Wirkungsweisen?"

Hatte sie nicht, doch wie erklärte man einem Zwilling, den man von Herzen liebte, dass das Gegenstück noch weitere Schwestern hatte, Seelenschwestern, zwar nicht mit Blut, doch einem älteren Bund verknüpft und das jene in der "milden Gabe", um welche sie nun bitten würde, mehr sahen als eben einen einfachen Holzstab?
Einfach den Mund auf und rundheraus damit!
Zwar hoben sich Magdas Brauen mit jedem weiteren Satz, den ihre Schwester Hanna an sie trug, noch etwas weiter nach oben, als wollen jene den Haaransatz berühren, doch fragte sie nicht nach.
Nein, Magdas Wesen, auf welches Hanna im Stillen schon gebaut hatte, bewog das Waldmädchen lediglich, sich vielleicht den ein oder anderen Gedanken selbst zu machen, doch hinterfragte sie das Tun ihrer Zwillingsschwester nicht, sondern lauschte einfach nur und legte schließlich, als Hanna geendet hatte, beide Hände sanft und beruhigend auf die Schultern der Schwester.
"Hannerl... ich muss es nicht verstehen, ja? Aber wenn es dir etwas nützt, so geb ich dir gern, was du möchtest und schnitz dir einen Stab, der sich auch sehen lassen kann!"
Mit dem Strahlen in ihren Augen besiegelte sie das Versprechen und nur wenige Tage später lag der feine Eichenholzstab, ein sauber geschnitzes und noch eher schmuckloses, blankes Werkzeug auf Hannas Kissen in der Kräuterstubenhütte. Ja, blank - innerlich und äußerlich, beides galt es zu verändern!

"Wirst du mir Zutritt zum Hain geben?"
Denn dort glühten am Feuerplatz die Flammen und Kohlen, welche ihr Vater so gelobt hatte und diesem, der doch das Feuer sein Element nannte, wollte sie nahe sein, wenn der Stab den Segen des temperamentvollen Erdbruders erhalten möge.
Arulius, mein Vater, vielleicht war es deine Zuneigung und dein verständnisvolles Wesen, welche mir stets halfen die Kluft zum Element Feuer zu überwinden und es mir näher brachten, als es mit dem Wind und der Luft je der Fall gewesen war.
Vielleicht war es ja wirklich der Vater und dessen Liebe zu seinen Töchtern, die ihr die Brücke spannten, doch war es Medren, der ihr zusagte den Hain zu öffnen.
Wieder einmal... wieder einmal der Bruder auf den ich mich verlasse... Gedanken, nehmt einen anderen Lauf!
Es fiel nicht schwer dieses eine mal die Gedanken zurück zu den Schwestern zu lenken, denn in der Weihenacht war das Feuerkind bei ihr und selbst in ihren dunklen Augen spiegelten sich neben dem Mond und der Sterne ferner Punkte die Flammen ihrer Leidenschaft und Funken des Lebens. Cara...

"Wirst du mir eine Strähne deiner Rabenlocken schenken?"
Diese letzte Frage war die seltsamste und heiligste der Drei, denn sie spürte längst, wie es das Feuer selbst war, welches ihr diese eingab und so seinen Segen auch nur mit der Gabe der Schwester, welche ihm Kind und hohes Gut war, zuteilen würde. Doch war das Bangen um deren Antwort fehl am Platz, schon glimmten die Funken der Pupille liebevoll und warmherzig, im wahrsten Sinne des Wortes.
"Oh Hanna, wenn es nicht mehr als eine Strähne ist..."
Und sie ließ zu, dass der Athame jene von ihr nahm.
Kaum noch recht bewusst ihrer Handlungen, wickelte Hanna jene Strähne um das Eichenstäbchen und begann innerlich zu brennen. Ohne Schmerz und ohne Angst, fern dem Tode, sondern so lebendig wie kaum zuvor. Feuer ist Leben, Feuer ist Wärme, Feuer ist ein Teil des Kreises, den es nicht zu durchbrechen gilt!
Hanna brannte und hörte nicht, wie sie Worte des Dankes und der Anrufung herausschrie, sah die Gesichter der Mitwirkenden nicht, schmeckte den brandigen Hauch auf den Lippen nicht - erwachte erst aus dem Rausch der Glut, als der strafende, feine Schmerz in ihre Fingerspitzen stach. Das Feuer hatte seinen Funken wie einen fruchtbaren Samen auf den Stab in ihren Händen springen lassen und statt die Locke daran einfach nur zu verbrennen, hatte sie sich in das Holz geschmort, um auf ewig das gemeinsame Werk zu zieren.
Atemlos und mit großen Augen starrte Hanna dem vollendeten Stab entgegen und meinte noch irgendwo in der Ferne Worte, nicht von menschlichen Zungen gesprochen, belustigt zu vernehmen:

"Das ist dafür, dass du an meinem Beistand und Segen je gezweifelt hast..."


... war es da verwunderlich, dass sie nun nicht mehr zweifeln wollte und selbst im Traum noch nach jener Zuversicht wie ein Kind nach der Mutter Rockzipfel griff? Nein!


[img]http://smashingusa.com/wp-content/uploads/2010/07/Flames-from-the-Mallory-Swamp-fire-light-up-the-night-sky.jpg[/img]

Verfasst: Dienstag 27. Dezember 2011, 14:09
von Hanna Radenbruck
III - Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise

Offne Wasser, offne Wasser!
Sehnsucht, – bange, winterlange, –
Wird nun gar zum heftigen Drange.
Blaut ein Streifchen kaum im Sunde,
Dehnt zum Monat sich die Stunde.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sonne lächelt, nascht vom Eise
Schamlos bald nach Prasserweise.
Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde
Trotzig härtet's neu die Rinde.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sturm muß her! – er kommt, der Wandrer,
Bringt herauf vom Sommer andrer
Freie Wogen, starke Wellen, –
Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.

Offne Wasser, offne Wasser!
Wieder Luft und Berg sich spiegelt,
Schiffen ist die Bahn entriegelt:
Botschaft braust herein von draußen –
Kampffroh steuern wir nach außen.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sonnengluten, kühlem Regen
Jauchzt die Erde nun entgegen:
Seele tönet mit und zittert –
Neugeschaffen, kraftumwittert.
(Björnstjerne Björnson)



Guter Rat muss nicht immer teuer sein!
Ganz im Gegenteil, denn manchmal schleicht er sich geradezu an einen heran und war dabei die ganze, liebe, lange Zeit schon längst zum Greifen nahe. Nun aber muss er schleichen, schmiegt sich an den Suchenden und sollte dieser, ganz wie im Falle der lieben Hanna, blind genug sein, um ihn dann immernoch nicht wahr zu nehmen, dann wird er anfangen zu pieksen, zu schütteln und letztendlich hat ein gesunder Tritt schon so manchen wirren Träumer wieder zur Räson gebracht. So brauchte es also erst einmal einen solchen, kräftigen Tritt, ehe unsere etwas ungewöhnliche "Heldin" Hanna realisierte, dass sie nicht im trüben forschen musste, sondern auch die die dritte Annäherung an eines der vier Elemente schon lange vollzogen und das letzte Handeln in gewisser Weise glas- pardon wasserklar vor ihr lag, wie ein kleiner vereister See... oder ein größerer Teich? Ja, zumindest ein ganz solcher wie sie ihn liebte und kannte, dieses feine, kleine stehende Gewässer vor ihrer Türe:
der Radenbrucksche Weilerweiher

Nun, bevor es gänzlich verwirrend wird, möchte ich ein klein wenig ausufern und noch für die nächsten Momente erst einmal trockenen Boden unter der Füßen bewahren, ehe es mit einem Schwung tiefer ins kalte Nass geht, denn ganz von alleine kam sie nicht, die Idee eben ohne irgendwen und nur für sich diesen wunderbaren, wenn auch simpel anmutenden Kelch aus Ton zu weihen. Vielleicht sollte man tatsächlich dann erst einmal den Fokus auf diesen Gegenstand des aufkeimenden Interesse lenken, den Tonkelch an und für sich, denn auch dieser war zunächst einmal nicht aus ihren eigenen Händen geschaffen - zumindest beim letzten der vier Werkzeuge, dem Pentakel oder Schale... Scheibe sollte es anders sein, doch dies ist dann wiederum auch eine ganz andere Geschichte und wird hier ausgeklammert.

Der Athame war ein altes Erbe und stand für all jene, die sie verloren hatte und welche dennoch stets im Geiste und der Seele bei ihr wohnten. Anders bildete der Stab, welchen sie dank Caras Beistand nun stolz mit sich führte, das Werkzeug jener, die im Hier und Jetzt noch an ihrer Seite waren und nicht zuletzt baute er die Brücke zu ihrer Familie, hatte ihn doch Magda geschnitzt und ihr feierlich überreicht. Das Pentakel, so war ihr von Anbeginn der Aufgabe klar, würde die Seelenschwesternschaft zu all jenen mit welchen sie nun zusammen lernte, bilden - allen voran Majalin, stellte diese feine Holzscheibe doch symbolisch die Kraft des Elements, welches sie beide erwählt hatt, der so innig geliebten Erde, dar. Sie selber hatte die Staffelung von bekannt zu unbekannt umgedreht und mit dem Element begonnen, welches Vefa ihnen zur ersten Aufgabe machte: Luft oder Wind... und just jenes war ihr sehr fremd, weshalb es alles andere als schlecht war so lange und ausführlich an dieses heran zu gehen und sich ihm zu nähern - Bruder Wind wurde zu einem guten Freund. Schon etwas einfacher tat sie sich mit dem Feuer, doch die oft zögerliche Vorsicht hatte auch jenes frech aus ihr herausgetrieben und sie musste lernen, dass mit dem bleibenden Respekt keine Furcht vor dem temperamentvollen Element einhergehen musste.
Blieb nun Wasser, dem sie aufgrund einer Person alleine, schon vom Herzen her näher war - und diese Person war es auch, welche ihr mit einem nett gemeinten Geschenk das erste Auge öffnete.

"Schau, also das ist... das ist nun vielleicht nicht schön aber... ich habe mir alle Mühe gegeben und ich dachte... dachte...", da stand er wieder einmal mitten in der Küche, die im Grunde ihm genauso gehörte wie ihr, hatte er doch einen Großteil seines Vermögens gespendet, damit dieses Kräuterhüttchen überhaupt stehen konnte. Linkisch und verlegen, wie eh und je, rieb er sich mal kurz am Hinterkopf und konnte ihrem verwunderten Blick nicht lange standhalten, ohne dass die Röte, welche die fuchsroten Strähnen bald an Intensität schlagen konnte, in seine Wangen schoss. Dies kannte sie und immer wieder zauberte es ein amüsiertes aber auch sichtlich gerührtes, warmes Lächeln auf ihre Züge. Doch diesmal war noch etwas Ungewohntes dabei, denn wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, sich Hinterkopf, Kinn oder Nasenspitze zu reiben, dann wies er, anbietend und offen, immer wieder auf den Fokus des Gesprächs hin: ein kleiner Tonkelch, nur minimal schief geraten, fest und ohne Henkel oder Schnickschnack, dafür jedoch mit bläulicher Farbe überzogen, dem ein oder anderen Wellenbogen und kleinen Muschelkämmen verziert. Ganz offensichtlich mit Mühe und Liebe von Hand gearbeitet und noch viel offensichtlicher handelte es sich dabei um seine, nun eher vage deutenden Hände.
"Also das ist so... naja, weil ich doch gerade an meinem Pentakel arbeite und da hab ich mit dem anderen Teil vom Ton... es sollte hübscher werden, Hanna aber es kommt von Herzen!"

Da war es raus, endlich hatte er es über die Lippen gebracht und ihr Schmunzeln überzog das ganze Gesicht, wurde zum Strahlen, denn sie verstand seine Geste und mit wenigen Schritten ging sie auf ihn zu, schloss ihn in die Arme - wenn auch nur kurz, denn mehr wäre seltsam geworden und versicherte ihm alsdann mit leuchtenden Augen selig:
"Und gerne nehme ich dieses wunderbare Geschenk an, denn es soll mein Kelch werden, denn ich zur Weihe tragen und welcher in meinem Kabinett einen besonderen Platz bekommen soll!"
Freudig erzählte sie ihm dann auch noch, dass damit der Kelch für ihre Freundschaft zu den Brüdern des Waldes stehen sollte, waren unter diesen doch so viele, die ihr sehr am Herzen lagen.
Doch dass sie mit seltsamer Verblüffung innerlich feststellte, dass der Tonkelch, gebunden aus Erde, geformt mit Wasser, ganz zuerst durch eben diese beiden Elemente entstehen musste, ehe Feuer und Wind ihr Übriges taten, sagte sie ihm nicht. Diese bizarre, plötzliche Feststellung behielt sie für sich alleine und alleine sollte auch die Weihe stattfinden, da sie alleine am Schrein der Allmutter kniete, als es geschah...

Winterliche Kälte hatte den Regen in Schnee verwandelt und den warmen Boden in den oberen Schichten so gefroren, dass dieser sich keine Mühe gab, die feinen Flocken und Kristalle zu schmelzen, sondern sie stattdessen sammelte und zu einem prächtigen, reinen Teppich aus kaltem Flaum und glitzernder Pracht verwob. In dieses Gewand hatte sich die Welt gekleidet und obwohl Hanna eher zu den armen Bauernkindern gehörte, die schnell froren und dennoch ihre Arbeiten verrichten mussten, sah sie den Schnee gerne und freute sich, wenn er kleine zuckerähnliche Hauben auf ihr Fensterbrett oder die Zaunpfahle zauberte.
Sie gehörte nicht zu jenen, die dann den Besen hervorholten, um wie die wildgewordenen Derwische die Reisigborsten anzutreiben, damit ein matschiger Weg irgendwo im blütenzarten Weiß zu sehen war, sondern griff lieber nach den schwereren Stiefeln und dicken Jacken, um sich gut eingepackt, einen Weg durch das knirschende Weiß zu bahnen.
Einzig die kleine Städte zu Ehren der Allmutter Eluive, welche sie selber versteckt gebaut und von Herzen dieser gewidmet hatte, pflegte sie weiterhin und sah zu, dass frische Kerzen in windgeschützten Laternen brannten oder die Räucherschale frischen Kräuterduft verströmte. Dann klopfte sie ausnahmsweise auch die Matten davor frei von Schnee, ließ sich frötelnd nieder und versank in eine Art Zwiegespräch, weniger Gebet, mit der Mutter und den Elementen und schaffte es nun sehr oft - vielleicht ein neues Überbleibsel der Traumwandlerei - dabei in ganz andere Bereiche abzudriften, während nur der Körper noch stumm am Schrein blieb.
Es war eine solche tiefe Meditation, zu später Stunde in sternenklarer Winternacht, welche sie in die Gedanken um den Kelch führte und plötzlich, mit der tiefen Hingabe der sanften Schwester Wasser hinabzog, um das zweite Auge für eine andere Welt zu öffnen, eine Sicht der endlosen Weite, unergründlichen Tiefe und einer Urgewalt, die vom sanften Riesen zur schäumenden Wut selbst werden konnte. Hanna merkte nicht, dass sich ein feines Lächeln auf ihre Züge malte, denn sie erkannte innerlich die Nähe zwischen den beiden Elementarschwestern: Feuer und Wasser. Sanfter, ruhiger als die oftmals dreisten Brüder und doch ihnen verwandt, wenn es galt zu schützen, was der Mutter Schoß entsprang und den Kuss der Elemente als Segen trug.

Sie merkte nicht, dass sie wortlos sich irgendwann erhob, in das Haus ging und neben dem kleinen Kelch auch einen Wasserschlauch, gesammelte Muschelfragmente, Schifbinsenkörbe und allerhand vermeintlichen Tand mit sich ins Freie wieder trug. Sie spürte die Kälte der gefrorenen Wasseroberfläche nicht unter bloßen Füßen, als sie nur in bläulichen Roben bekleidet, über den Teich schritt und sah das glitzernde Eis nicht, welches rund um sie herum scheinbar still und andächtig beobachtend schwieg. Vor ihr breitete sich die Meerestiefe, das Flusslied und klare Rauschen der Gebirgsbäche aus und mit ihnen wob sich der Gesang des Regens, die sanfte Berührung der Schneeflocken und die Pracht des Eises zu einer einzigen, wunderbaren Sinfonie, in welche sie mitten hinein den Kelch hielt, den Mond und die Sterne als einzige Zeugen.

... jene alleine hätten am nächsten Morgen beantworten können, wie es denn sein konnte, dass der Radenbrucksche Weilerweiher am nächsten Tage gänzlich frei von Eis und für die wenigen Momente des ersten Morgenlichts noch von einem wundersamen Glanz durchzogen war.

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