Ihr macht mich komplett - Stück für Stück: mein Kabinett
Verfasst: Montag 4. Juli 2011, 19:24
I – Wind Wind und das himmlisches Kind
Jüngst sah ich den Wind,
das himmlische Kind,
als ich träumend im Walde gelegen,
und hinter ihm schritt
mit trippelndem Tritt
sein Bruder, der Sommerregen.
(Arno Holz)
Man konnte beinahe kribbelnd auf der Haut fühlen wie sie anbrach, die besondere späte Stunde, in welcher das silbrige Mondlicht seinen Zauber wob und ihn wie ein hauchfeiner Schleier aus Glanz und Mystik, einem Spinnennetz gleich, über den Wald legte. Zu jeder anderer Zeit hätte dieses optische Wunder aus der Hand der Allmutter bizarr und vielleicht sogar befremdlich bis schlichtweg kitschig gewirkt, doch hier und jetzt war es genau das, was das Herz bewegte und den Atem vor Ergriffenheit stocken ließ. Es war einfach der richtige Moment und mit ihm sollte auch das passende Zeichen kommen, welches den feinen Wink gab, den Weg hingegen kannte sie selbst...
Noch lag Hanna auf dem weichen Moosbett und verfolgte das Zwinkern der Sterne weit über ihr, welches nur ab und an, wie das Glitzern ferner, glasklarer Diamanten, durch das raschelnde Blattwerk der alten Ulmen drang. Hier ruhte sie, träumte und ließ die Gedanken ganz bewusst kreisen, beobachtete deren Gang und schmunzelte über ihre eigenen, seltsamen Schlüsse. Vor allem aber merkte sie, wie nach und nach eine drückende, schwere Last von der sich stetig hebenden und senkenden Brust kullerte – mit jedem Atemzug fielen einige Steinchen des gewaltigen Sorgenberges. Das was hier in diesem Augenblick war zählte und während der Wald, der Erdenmutter lebendiger Kuss, sie tröstete und behutsam hielt, die Kinder Horteras' ihr zublinzelten und sie endlich wieder mit sich selbst ins Reine kam, traten andere die quälenden Gespinste in den Schatten. Hinter dessen schwarzen Vorhang, aus der Seele der jungen Frau gesperrt, verblieben sie nun, die Gedanken an die Untoten, welche sie vor wenigen Stunden erst vom eigenen Hüttchen verscheucht hatte, mitsamt ihren düsteren Herren und deren undurchsichtige Machenschaften; die Angst vor bevorstehenden Schlachten und etwaigen Kriegen, deren erste Spannung sich bereits einem Gewitter aus Stahl und Blut gleich entladen hatte; die Empfindungen von schwacher Trauer und Unsicherheit bezüglich mädchenhafter Herzensgeschichten; der kalte Kummer und die Sehnsucht nach einer fernen Schwester, von welcher jedes Lebenszeichen fehlte... alles musste vorerst weichen und sowohl Seele als auch Geist vorerst freigeben.
Den ersten Schritt hierzu hatte die Reinigung geboten und obwohl Hanna schnell fror und sich zwingen musste unbewegt in kalte Gewässer zu steigen, so gestand sie sich jedoch auch sehr offen ein, dass alleine der Anblick des nächtlichen Sees, in welchem der Mond wie mitsamt einem glitzernden Teppich aus weißem Licht zu baden schien, wahrlich reinigend war. Klar, ruhig und kühlend, so wie das tiefe Wasser selbst. Zudem erwartete sie danach die warme, fein gearbeitete Robe der Schwesternschaft und besagtes Bett aus Moos. Ein Grund mehr jeden Moment danach zu genießen und zu warten.
Sie brauchte keine Bestätigung zu dieser Angelegenheit und wusste, dass sie die rechte Wahl getroffen hatte. Vefas Worte und auch Majalins anerkennendes Nicken wurden zwar mehr als gerne angenommen und doch wusste sie schon davor, was oder besser wen sie hier wählen musste.
„Es sollen Gegenstände sein, die euch etwas bedeuten. Sie sollen euch helfen und einen Herzenswert haben. Seht das Kabinett als eine Art persönliche Schatzkiste.“
Vefas Erklärung hatte sie fein lächeln lassen, denn was für den einen Plunder war, konnte des anderen größter Schatz sein und wo viele güldenen Wert erblickten, erkannten manche wiederum nur einen Haufen Metallplättchen. Persönlich also, Schätze sowieso...
„Dann müsste ich euch alle in mein Kabinett sperren...“
Was bei den Schwestern für Amüsement und Gelächter gesorgt hatte, war im Grunde der Kern von dem, was Hanna an wahrem Wert überhaupt bereit war zu akzeptieren: Familie, Freundschaft, Liebe – all jene Wesen, welche sie überhaupt erst zu dem machten, was sie, Hanna, ausmachte. All jene, die sie komplett machten, sollten irgendwo einen Platz in ihrem Kabinett bekommen und so zog Vefas Auftrag vielleicht eine längere Phase der Grübelei mit sich, doch nicht im Bezug auf das „was“, sondern vielmehr das „wie“. Wie teilte man die einem wertvollen Leute zu nur vier kleinen Gegenständen und womit konnte man das Wunderwerk vollbringen, deren immensen Wert durch diese vier auszudrücken. Manch einer hätte sich nun seufzend an die Stirn gefasst und sich gewundert welch tumbe Frage da in Hannas Kopf umher schwirren konnte, war die Antwort doch vermeintlich einfach: sollte sie die Kabinettsstücke aus Diamant, Ebenholz und Kristallglas fertigen lassen, mit Gold und Juwelen besetzen und schönstem Verzierungswerk verfeinern lassen. Das war doch wirklich einfach... ja und nein, denn wer den materiellen Wert nicht schätzt und eine höchst emotionale Sicht der Dinge hat, der verbindet wenig mit derlei schönem aber schnödem Prunk.
So dauerte Hannas Überlegung an, bis sie eines Abends die letzten Kisten in ihre etwas windschiefe Kräuterhütte räumte und merkte, wie ihr Tränen in den Augen standen, als sie eine recht schäbig und alt aussehende Schatulle behutsam in das sauber gewischte Regal stellte. Die letzten Gegenstände eines sehr unfreiwilligen Erbes und gerade in dem Moment gegeben, als sie einander zu vertrauen begannen und kennengelernt hatten. Er hatte über ihre „Beichte“ damals gelächelt, hatte kein schlechtes Wort über ihre Ausbildung auf der oftmals verrucht geltenden Sumpfinsel verloren und nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als sie sich mit trotzigem Stolz dazu bekannte, diesen Weg bewusst gewählt zu haben, obwohl er doch ein Ordensmann gewesen war. Nein, er war sogar so weit gegangen ihr Mut zuzusprechen und das Werk der „Sumpfheilerinnen“ zu loben, obwohl sie tief in seinen Augen neben all dem weltlichen Schmerz erkannte, dass er ahnte oder vielleicht sogar wusste, was sie war.
„Du gehst deinen Weg auf Pfaden der Natur, also mit Eluives Segen.“
Solche Worte aus seinem Mund hatten ihr gezeigt wo genau ihr Platz innerhalb der Schwesternschaft war und dafür alleine hätte sie ihn umarmen wollen. Doch dann war der Spaziergang gekommen und mit ihm... der seltsame Windsturm über dem Wasser, welcher ihn sanft mit sich nahm, ohne mehr als den alten Strohhut zurück zu lassen.
Hanna schluckte bei der Erinnerung, denn obwohl sie durch all das Lu den Waldelfen kennen und schätzen gelernt hatte, bedeutete jener schicksalhafte Tag doch wieder ein Verlust in ihrem Leben. Als die Tränen zu kullern begannen, wollte sie die Schatulle endgültig von sich schieben und hob den Kopf, von Trauer ergriffen, um dem notdürftig geflicktem Portrait ihrer Mutter einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Es war das einzige Bildnis der Verstorbenen, welches Wieland und Amalia gerade noch halbwegs rechtzeitig vor Jakobs Zerstörungswut retten konnten, als dieser erfuhr, dass Hanna und Magda Arulius' und nicht seine Töchter waren.
Doch als ihr Blick auf das Gemälde traf, blinzelte Hanna irritiert, war ihr doch für einen Moment so, als hätte das Augenmerk der Mutter nicht auf ihr, sondern auf dem Kästchen in ihren Händen gelegen. Noch während sie den Tränenschleier mit dem Ärmel vom Antlitz wischte, schob sie den Deckel der Schatulle auf und stockte vollkommen benommen.
Auf altem abgewetzten Samt ruhte ein schmuckloser, doch fein gearbeiteter Dolch. Der helle graublaue Schimmer, welcher ihn umfing, ließ auf ein gutes, doch ebenso nicht weiter auffälliges Material schließen: Coelium. Man hatte sich die Mühe gemacht und den Griff sehr sauber mit einem etwa halmbreiten Lederband umwickelt und Knüpfknoten hinein geflochten, um ein etwaiges Abrutschen zu verhindern – und trotz seiner simplen Machart oder gerade deshalb wirkte die kleine Waffe Hanna seltsam vertraut.Die einzige Art Zierde war eine Symbolgravur im Knauf, welche eine Art Wirbel aus drei ineinander gezogenen Halbmonden darstellte.
Als Hanna da die Augen aufriss, geschah alles auf einmal.
Vor ihrem inneren Auge vollzogen sich erneut die Bilder seines Abschieds, sie spürte die Kraft die dem plötzlichen Windwirbel innewohnte wieder und sah sein befreites Lächeln auf den Lippen, als er sich diesem mit ausgebreiteten Armen öffnete. Sätze drehten sich nicht minder wild in ihrem Kopfe, Sätze an welche sie sich nun wieder erinnert und sie jetzt erst begriff.
„Sorge dich nicht, Kind, ich kenne das Werk der Sumpfheilerinnen und halte es für gut. Einst waren wir vertraut.“
„Ihr glaubst ich war schon immer ein trockener Kirchenmann, was? Nein, einst war das anders...“
„Hanna, wollt Ihr mich noch begleiten? Ich möchte ein wenig spazieren gehen... ich fühle, es ist Zeit Nachhause zu gehen.“
„Geh ins Wasser, schütze dich. Mir wird der Wind nichts anhaben. Ich... habe mich nach ihm... gesehnt...“
Sie wurde erst vom Klappern des Fensterladens aus den Gedanken gerissen. Erneut war es der Wind, welcher so in ihr Bewusstsein drang. Nachdem sie diesen geschlossen hatte, realisierte sie, dass der Dolch noch immer in ihrer Hand lag. Ein gutes Gewicht, vertraut eben und allein die Berührung schenkte ihr neuen Mut. Als sie zum Bild der Mutter sah, war ihr beinahe als würde ihr jene mehr als sonst entgegen lächeln. Da stand der Entschluss fest.
Noch immer lag sie still am Waldrand, unweit der Abschiedsstelle, im Moos.
Die Linke fuhr sanft über den weichen, duftigen Untergrund, während in der Rechten das metallene Kleinod lag, auf dessen Oberfläche sich das Sternenlicht verheißungsvoll brach. Es war der rechte Ort, die richtige Zeit und der einzige Dolch, der je eine derartige Bindung zwischen Hanna und all jenen geliebten Wesen, die sie im hier und jetzt verloren hatte, herstellen konnte.
Ja, sie war sich ihrer Wahl sicher und musste nun einfach warten auf den letzten, wichtigen Segen.
Ein feines Lächeln umspielte die Lippen, als wenige Momente später der Lufthauch über ihre Wangen strich. Er war da, der zarte Bote, welcher der Urgewalt' Herold war und mit einem letzten Blick gen Sternenhimmel dankte sie für den Beistand jener, deren Licht ebenso fern und himmliche brannte. Dann stand sie auf und ging lautlos dem Schössling am See entgegen, welcher aus dem Samenkorn Freiheit und Hoffnung des Baum des Lichtes geboren war.
Es galt eine Weihe zu vollziehen...
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Windnacht.jpg[/img]
Jüngst sah ich den Wind,
das himmlische Kind,
als ich träumend im Walde gelegen,
und hinter ihm schritt
mit trippelndem Tritt
sein Bruder, der Sommerregen.
(Arno Holz)
Man konnte beinahe kribbelnd auf der Haut fühlen wie sie anbrach, die besondere späte Stunde, in welcher das silbrige Mondlicht seinen Zauber wob und ihn wie ein hauchfeiner Schleier aus Glanz und Mystik, einem Spinnennetz gleich, über den Wald legte. Zu jeder anderer Zeit hätte dieses optische Wunder aus der Hand der Allmutter bizarr und vielleicht sogar befremdlich bis schlichtweg kitschig gewirkt, doch hier und jetzt war es genau das, was das Herz bewegte und den Atem vor Ergriffenheit stocken ließ. Es war einfach der richtige Moment und mit ihm sollte auch das passende Zeichen kommen, welches den feinen Wink gab, den Weg hingegen kannte sie selbst...
Noch lag Hanna auf dem weichen Moosbett und verfolgte das Zwinkern der Sterne weit über ihr, welches nur ab und an, wie das Glitzern ferner, glasklarer Diamanten, durch das raschelnde Blattwerk der alten Ulmen drang. Hier ruhte sie, träumte und ließ die Gedanken ganz bewusst kreisen, beobachtete deren Gang und schmunzelte über ihre eigenen, seltsamen Schlüsse. Vor allem aber merkte sie, wie nach und nach eine drückende, schwere Last von der sich stetig hebenden und senkenden Brust kullerte – mit jedem Atemzug fielen einige Steinchen des gewaltigen Sorgenberges. Das was hier in diesem Augenblick war zählte und während der Wald, der Erdenmutter lebendiger Kuss, sie tröstete und behutsam hielt, die Kinder Horteras' ihr zublinzelten und sie endlich wieder mit sich selbst ins Reine kam, traten andere die quälenden Gespinste in den Schatten. Hinter dessen schwarzen Vorhang, aus der Seele der jungen Frau gesperrt, verblieben sie nun, die Gedanken an die Untoten, welche sie vor wenigen Stunden erst vom eigenen Hüttchen verscheucht hatte, mitsamt ihren düsteren Herren und deren undurchsichtige Machenschaften; die Angst vor bevorstehenden Schlachten und etwaigen Kriegen, deren erste Spannung sich bereits einem Gewitter aus Stahl und Blut gleich entladen hatte; die Empfindungen von schwacher Trauer und Unsicherheit bezüglich mädchenhafter Herzensgeschichten; der kalte Kummer und die Sehnsucht nach einer fernen Schwester, von welcher jedes Lebenszeichen fehlte... alles musste vorerst weichen und sowohl Seele als auch Geist vorerst freigeben.
Den ersten Schritt hierzu hatte die Reinigung geboten und obwohl Hanna schnell fror und sich zwingen musste unbewegt in kalte Gewässer zu steigen, so gestand sie sich jedoch auch sehr offen ein, dass alleine der Anblick des nächtlichen Sees, in welchem der Mond wie mitsamt einem glitzernden Teppich aus weißem Licht zu baden schien, wahrlich reinigend war. Klar, ruhig und kühlend, so wie das tiefe Wasser selbst. Zudem erwartete sie danach die warme, fein gearbeitete Robe der Schwesternschaft und besagtes Bett aus Moos. Ein Grund mehr jeden Moment danach zu genießen und zu warten.
Sie brauchte keine Bestätigung zu dieser Angelegenheit und wusste, dass sie die rechte Wahl getroffen hatte. Vefas Worte und auch Majalins anerkennendes Nicken wurden zwar mehr als gerne angenommen und doch wusste sie schon davor, was oder besser wen sie hier wählen musste.
„Es sollen Gegenstände sein, die euch etwas bedeuten. Sie sollen euch helfen und einen Herzenswert haben. Seht das Kabinett als eine Art persönliche Schatzkiste.“
Vefas Erklärung hatte sie fein lächeln lassen, denn was für den einen Plunder war, konnte des anderen größter Schatz sein und wo viele güldenen Wert erblickten, erkannten manche wiederum nur einen Haufen Metallplättchen. Persönlich also, Schätze sowieso...
„Dann müsste ich euch alle in mein Kabinett sperren...“
Was bei den Schwestern für Amüsement und Gelächter gesorgt hatte, war im Grunde der Kern von dem, was Hanna an wahrem Wert überhaupt bereit war zu akzeptieren: Familie, Freundschaft, Liebe – all jene Wesen, welche sie überhaupt erst zu dem machten, was sie, Hanna, ausmachte. All jene, die sie komplett machten, sollten irgendwo einen Platz in ihrem Kabinett bekommen und so zog Vefas Auftrag vielleicht eine längere Phase der Grübelei mit sich, doch nicht im Bezug auf das „was“, sondern vielmehr das „wie“. Wie teilte man die einem wertvollen Leute zu nur vier kleinen Gegenständen und womit konnte man das Wunderwerk vollbringen, deren immensen Wert durch diese vier auszudrücken. Manch einer hätte sich nun seufzend an die Stirn gefasst und sich gewundert welch tumbe Frage da in Hannas Kopf umher schwirren konnte, war die Antwort doch vermeintlich einfach: sollte sie die Kabinettsstücke aus Diamant, Ebenholz und Kristallglas fertigen lassen, mit Gold und Juwelen besetzen und schönstem Verzierungswerk verfeinern lassen. Das war doch wirklich einfach... ja und nein, denn wer den materiellen Wert nicht schätzt und eine höchst emotionale Sicht der Dinge hat, der verbindet wenig mit derlei schönem aber schnödem Prunk.
So dauerte Hannas Überlegung an, bis sie eines Abends die letzten Kisten in ihre etwas windschiefe Kräuterhütte räumte und merkte, wie ihr Tränen in den Augen standen, als sie eine recht schäbig und alt aussehende Schatulle behutsam in das sauber gewischte Regal stellte. Die letzten Gegenstände eines sehr unfreiwilligen Erbes und gerade in dem Moment gegeben, als sie einander zu vertrauen begannen und kennengelernt hatten. Er hatte über ihre „Beichte“ damals gelächelt, hatte kein schlechtes Wort über ihre Ausbildung auf der oftmals verrucht geltenden Sumpfinsel verloren und nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als sie sich mit trotzigem Stolz dazu bekannte, diesen Weg bewusst gewählt zu haben, obwohl er doch ein Ordensmann gewesen war. Nein, er war sogar so weit gegangen ihr Mut zuzusprechen und das Werk der „Sumpfheilerinnen“ zu loben, obwohl sie tief in seinen Augen neben all dem weltlichen Schmerz erkannte, dass er ahnte oder vielleicht sogar wusste, was sie war.
„Du gehst deinen Weg auf Pfaden der Natur, also mit Eluives Segen.“
Solche Worte aus seinem Mund hatten ihr gezeigt wo genau ihr Platz innerhalb der Schwesternschaft war und dafür alleine hätte sie ihn umarmen wollen. Doch dann war der Spaziergang gekommen und mit ihm... der seltsame Windsturm über dem Wasser, welcher ihn sanft mit sich nahm, ohne mehr als den alten Strohhut zurück zu lassen.
Hanna schluckte bei der Erinnerung, denn obwohl sie durch all das Lu den Waldelfen kennen und schätzen gelernt hatte, bedeutete jener schicksalhafte Tag doch wieder ein Verlust in ihrem Leben. Als die Tränen zu kullern begannen, wollte sie die Schatulle endgültig von sich schieben und hob den Kopf, von Trauer ergriffen, um dem notdürftig geflicktem Portrait ihrer Mutter einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Es war das einzige Bildnis der Verstorbenen, welches Wieland und Amalia gerade noch halbwegs rechtzeitig vor Jakobs Zerstörungswut retten konnten, als dieser erfuhr, dass Hanna und Magda Arulius' und nicht seine Töchter waren.
Doch als ihr Blick auf das Gemälde traf, blinzelte Hanna irritiert, war ihr doch für einen Moment so, als hätte das Augenmerk der Mutter nicht auf ihr, sondern auf dem Kästchen in ihren Händen gelegen. Noch während sie den Tränenschleier mit dem Ärmel vom Antlitz wischte, schob sie den Deckel der Schatulle auf und stockte vollkommen benommen.
Auf altem abgewetzten Samt ruhte ein schmuckloser, doch fein gearbeiteter Dolch. Der helle graublaue Schimmer, welcher ihn umfing, ließ auf ein gutes, doch ebenso nicht weiter auffälliges Material schließen: Coelium. Man hatte sich die Mühe gemacht und den Griff sehr sauber mit einem etwa halmbreiten Lederband umwickelt und Knüpfknoten hinein geflochten, um ein etwaiges Abrutschen zu verhindern – und trotz seiner simplen Machart oder gerade deshalb wirkte die kleine Waffe Hanna seltsam vertraut.Die einzige Art Zierde war eine Symbolgravur im Knauf, welche eine Art Wirbel aus drei ineinander gezogenen Halbmonden darstellte.
Als Hanna da die Augen aufriss, geschah alles auf einmal.
Vor ihrem inneren Auge vollzogen sich erneut die Bilder seines Abschieds, sie spürte die Kraft die dem plötzlichen Windwirbel innewohnte wieder und sah sein befreites Lächeln auf den Lippen, als er sich diesem mit ausgebreiteten Armen öffnete. Sätze drehten sich nicht minder wild in ihrem Kopfe, Sätze an welche sie sich nun wieder erinnert und sie jetzt erst begriff.
„Sorge dich nicht, Kind, ich kenne das Werk der Sumpfheilerinnen und halte es für gut. Einst waren wir vertraut.“
„Ihr glaubst ich war schon immer ein trockener Kirchenmann, was? Nein, einst war das anders...“
„Hanna, wollt Ihr mich noch begleiten? Ich möchte ein wenig spazieren gehen... ich fühle, es ist Zeit Nachhause zu gehen.“
„Geh ins Wasser, schütze dich. Mir wird der Wind nichts anhaben. Ich... habe mich nach ihm... gesehnt...“
Sie wurde erst vom Klappern des Fensterladens aus den Gedanken gerissen. Erneut war es der Wind, welcher so in ihr Bewusstsein drang. Nachdem sie diesen geschlossen hatte, realisierte sie, dass der Dolch noch immer in ihrer Hand lag. Ein gutes Gewicht, vertraut eben und allein die Berührung schenkte ihr neuen Mut. Als sie zum Bild der Mutter sah, war ihr beinahe als würde ihr jene mehr als sonst entgegen lächeln. Da stand der Entschluss fest.
Noch immer lag sie still am Waldrand, unweit der Abschiedsstelle, im Moos.
Die Linke fuhr sanft über den weichen, duftigen Untergrund, während in der Rechten das metallene Kleinod lag, auf dessen Oberfläche sich das Sternenlicht verheißungsvoll brach. Es war der rechte Ort, die richtige Zeit und der einzige Dolch, der je eine derartige Bindung zwischen Hanna und all jenen geliebten Wesen, die sie im hier und jetzt verloren hatte, herstellen konnte.
Ja, sie war sich ihrer Wahl sicher und musste nun einfach warten auf den letzten, wichtigen Segen.
Ein feines Lächeln umspielte die Lippen, als wenige Momente später der Lufthauch über ihre Wangen strich. Er war da, der zarte Bote, welcher der Urgewalt' Herold war und mit einem letzten Blick gen Sternenhimmel dankte sie für den Beistand jener, deren Licht ebenso fern und himmliche brannte. Dann stand sie auf und ging lautlos dem Schössling am See entgegen, welcher aus dem Samenkorn Freiheit und Hoffnung des Baum des Lichtes geboren war.
Es galt eine Weihe zu vollziehen...
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Windnacht.jpg[/img]