Darna - Eine handvoll Stunden
Verfasst: Montag 26. Dezember 2005, 22:42
Folter in Versform
Mit schmerzverzerrtem Gesicht wurde er hinter seinem Peiniger hergeschleift, erbarmungslos in dessen Griff haengend. Der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch tapfer biss er die Zaehne zusammen und schrie nicht. Es gab kein Entrinnen, und bis zu einem gewissen Masse hatte Darna Mitleid mit ihm. Wie gerne waere sie selber diesem Ort entkommen, haette selber ihr Heil in der Flucht gesucht, doch es gab keine sichere Zuflucht, keine Hoffnung auf glueckliche Rueckkehr, nichts wuerde vergeben oder vergessen werden.
Der schraubzwingenartige Griff von Roderich loeste sich, und der halbwuechsige Kamerad wurde vom Lehrmeister in die kleine Ansammlung der Knappen des graeflichen Hofes gestossen. Erbost hob der Alte seine Stimme: "Basil, die naechste Woche werden die Pferdestaelle ueber deine nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit sicherlich hocherfreut sein. Und wenn dir der Sinn nochmal nach Versteckspielchen mit mir steht, dann sag gleich Bescheid, dass du den Knechten beim Schweine ausmisten zur Hand gehen moechtest, das erspart uns beiden diesen Firlefanz!"
Basil haette sich sicher gern sein ziemlich rotes Ohr gerieben, doch er wagte gerade keine Bewegung, die nicht ins Protokoll gehoerte und antwortete nur kleinlaut: "Ja, Meister Roderich." Der Knappe drehte auch nicht den Kopf, um Darna seinen giftigsten Blick zu schenken, zu dem er faehig war, doch er schwor sich insgeheim, dass sie den Verrat buessen wuerde. Und sie war die Einzige gewesen, an der er auf der Suche nach einem Versteck vorbeigekommen war und die nicht den Mumm hatte, Roderich anzuluegen. Sie musste ihn verpfiffen haben.
Darna indes stand derweil schon eigene Aengste aus. Sie hatte mitgekriegt, wie Gernot ueberzeugt bekundet hatte, dass er sich womoeglich mitten auf dem Platz vor Roderich uebergeben wuerde, wenn der Lehrmeister sie zum Uebungsobjekt der heutigen Lektion erklaeren wuerde: "Wenn ich den Kram auch noch vor Darna runterleiern muss, krieg ich augenblicklich das Kotzen, das schwoer ich!"
Es waere auch ihr selber ausserordentlich peinlich und unangenehm. Schon so war das Thema "Minnedienst" Gegenstand zahlreicher Spoetteleien, Peinlichkeiten und liess die Knappen sich eher gebaerden wie erfolglose Hofnarren denn irgendwas anderes.
Roderich hatte sich beruhigt und erhob seine Stimme:
"Ich hoffe, ihr habt euch meine Belehrungen letzte Woche wohlueberlegt zu Herzen genommen. Zeit genug hattet ihr."
Worte... ja, du liebe Guete... Romantik, Galanterie, lyrische Kunst, zarte Gefuehle... haette es Alternativen gegeben, haette Darna lieber in der Kueche das Fische ausnehmen uebernommen, statt heute hier im Kaminsaal an der Unterweisung teilnehmen zu muessen. Aber sie hatte wahrlich versucht, Roderichs Lehren zu verinnerlichen:
"Minnedienst ist eine Kunst, und ein Ritter zeichnet sich nicht alleine dadurch aus, dass er moeglichst gekonnt eine gegnerische Ruestung verbeulen kann, sondern dass ebenso seine Worte, weich wie Samt, das Herz einer Dame zu ruehren vermoegen. Oder denkt hier irgend jemand, der Ruf, ein ungehobelter Klotz zu sein, ohne jedes Feingefuehl, stuende einem Ritter wohl an? Die edelste Form der Galanterie ist der Minnedienst. Doch auch, solltet Ihr eurer Zukuenftigen den Hof machen wollen, werden euch schoene Worte gut zupass kommen. Es muss nicht immer ein Gedicht sein, doch in Verse geschmiedet kommt vielen Dingen eine tiefere Bedeutung zu, und ein holdes Ohr hoert solche Klaenge gern. Gesang? Noch besser, aber seid ihr kein Barde, lasst es lieber sein. Minnedienst bedeutet nicht, sich zum Hanswurst zu machen, also gebt acht auf das, was ihr tut.
Es gibt verschiedene Arten, den Worten eine persoenliche Note zu geben. Komplimente sind immer gut, setzt Wesensarten und Eigenheiten, die ihr an ihr seht und erlebt, mit Dingen gleich, die fuer euch selber grosse Bedeutung haben, die schoen sind, dann seid ihr gut beraten. Beschreibt in blumigen und detailreichen Worten, wie sie aussieht und nehmt es dabei mit der Wahrheit nicht allzu genau.
In der Minne geht es zudem oft darum, die Unerreichbarkeit der Dame zu betonen, sie zu erhoehen, zu verherrlichen, euch zu 'erniedrigen'. Malt euch aus, was ihr fuer sie alles tun wuerdet, was euch sonst nie in den Sinn kaeme, was unmoeglich ist oder was euch sonst ein Greul waere. Die Herzensdame will davon ueberzeugt werden, dass sie das Wichtigste fuer euch ist."
Darna hatte seinem langen Vortrag zugehoert und sich redlich bemueht, alles Wichtige zu behalten, besonders, was man also eben so sagen konnte.
Roderich musterte die kleine Ansammlung und fuhr fort:
"Fuer heute hat sich in ihrer Guete die holde Dame Elianore bereiterklaert, sich eure Vortraege zu Gemuete zu fuehren. Ihr wird schlussendlich auch die Beurteilung obliegen, was an euren Bemuehungen noch verbesserungswuerdig waere." Zum ersten Mal heute zeigte sich der alte Roderich etwas umgaenglicher und laechelte: "Und keine Sorge - es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen."
Die Dame Elianore... an sich eine gute Wahl, denn sie war eine ansehnliche Kammerfrau der Burgherrin, aber alt genug, dass niemand auf den Gedanken gekommen waere, dass irgendwas an diesen "Uebungen" ernst sein koennte. Zudem war sie vermaehlt. Trotzdem, den Knappen war nachvollziehbarerweise jede weitere Person unbehaglich, die dieses womoegliche Fiasko miterleben koennte. Zu allem Ueberfluss trat aus dem Nebenzimmer mit ihr auch noch ihr Gatte ein und nahm nach einer kurzen Begruessung ebenso im Kaminzimmer Platz.
"Basil, du darfst als Erster der Dame deine Referrenz erweisen."
Hatte er es nicht geahnt?
Die Dame bemuehte sich redlich, ihre schon jetzt vorhandene Erheiterung zu verbergen, als der fuenfzehnjaehrige Knappe etwas wackelig wirkende Schritte in ihre Richtung vollfuehrte und im Strammstehen den Mund aufmachte - da fuhr schon Roderich dazwischen: "Ach, eine Begruessung hat sie nicht verdient? Wo sind deine Manieren, Basil?"
Der Knappe wurde schlagartig ziemlich bleich. Auweh, das ganze Programm... er fing sich rasch und brachte wenigstens die in Fleisch und Blut uebergegangene Verneigung sauber zuwege. Nun laechelte Elianore auch deutlich charmanter, als Basil dabei seine Stimme wiederfand: "Erlaubt Eurem untertaenigsten Diener, Euch seine Aufwartung zu machen, werte Dame Elianore."
Er ergriff sacht die ihm dargebotene Hand und imitierte recht gekonnt einen Handkuss, ehe er sich wieder gaenzlich gerade aufrichtete und ein scheues, noch sichtlich verunsichertes Laecheln zustande brachte, als Elianore ihm entgegensaeuselte:
"Die Erlaubnis sei nur zu gerne gewaehrt, junger Herr. Viel zu lange musste ich Eure schoene Stimme und Eure umschmeichelnde Hoeflichkeit missen." Erwartungsvoll sah sie ihn an und Basil schwieg ein paar Momente so verzweifelt wie ein Fisch an Land, ehe aus seinem Mund einige Verse hervorstolperten, die er Elianore entgegenschmiss:
Du meine Seele, du mein Herz,
du meine Wonne, du... mein..", er stockte, suchte nach dem richtigen Wort, "Scherz,
du meine... Welt, in der ich strebe,
mein Himmel du, da rein schweb... aeh, da rein ich schwebe,
o du mein Grab, in das hinab
ich ewig meinen Hummer gab!
..."
Mit etwas unglaeubig geweitetem Blick hoerte Elianore ihm zu, ihr Gatte presste bei den letzten Worten die Hand vor den Mund und Roderich polterte los: "Basil! Wenn du schon meinst, Buecher zurate ziehen zu muessen, dann lern wenigstens vorher richtig lesen, goetterverdammt!
Es heisst 'Kummer', nicht 'Hummer'!"
Alle bis auf Basil, Darna und Roderich lachten los, der Meister war aber noch nicht fertig und liess nur wenige Momente Zeit dazu.
"Desweiteren", fuhr er streng fort, "erinner ich mich deutlich, dass ich sagte, man solle am besten davon absehen, Liebesgedichte anderer Menschen derartig zu gebrauchen, es sei denn, man kann ueberzeugend bekunden, dass nichts anderes besser die eigenen Gefuehle wiedergeben koenne. Eine bodenlose Schande, gaebe man sie auch noch als eigene Werke aus!"
Roderich verneigte sich Richtung Elianore: "Verzeiht diese Toelpelei, werte Dame." Sie nickte guetig, noch immer sichtlich amuesiert. Roderich ueberlegte. Wie brachte er jetzt rasch wieder Disziplin in diesen Haufen? Die Knappen Gernot und Sigiswart grinsten noch immer breit, waehrend Basil sich in die Reihe zurueck trollte und leise murrte: "Das sah aber wirklich wie ein 'H' aus."
Darna. Darna konnte jede noch so alberne Stimmung ersticken.
Tief durchatmend wandte er sich an Elianores Gatten: "Werter Herr von Dreybuch?"
Der Mann nickte bereits, seine Gemahlin stand auf und schmunzelnd tauschten sie die Plaetze. Danach bemuehte der Herr sich um eine gelassene Miene, und Roderich drehte sich wieder zu den Knappen: "Zu einer Farce wollen wir das Ganze hier nicht verkommen lassen. Darna, wirst du Herrn Ansgar von Dreybuch also deine Aufwartung machen?"
Die Knappin nickte ernst. Ein guter Teil ihrer Aufregung und Sorge hatte sich mit Basils Patzer gelegt, denn sie war sich sicher, dass sie es besser machen wuerde. Sie hatte sich etwas Eigenes ueberlegt und sich bemueht, sehr genau den Ratschlaegen des Lehrmeisters nachzukommen. So schritt sie mit einem "Sehr wohl, Meister Roderich" forsch voran und verneigte sich hoeflich vor Ansgar.
"Werter Herr Ansgar... zuviel der Ehre ist es fuer meine Person, Euch hier auch nur gegenueberstehen zu duerfen. Ein unvergesslicher Moment jeder Lidschlag lang, den ich vor Euch verweilen darf."
Roderich schoepfte Hoffnung, im selben Moment, wo Frau Elianore ueberrascht die Lippen schuerzte und Ansgar ein Laecheln zeigte, das damals gut gewesen sein mochte, um das Herz seiner Zukuenftigen selbst zu brechen. Die Worte waren gut gewaehlt. Vielleicht wuerde sie ihre Haltung noch etwas lockern, die mal wieder eher an den Exerzierplatz denn an ein vertrauliches Gespraech gemahnte, die Haende in distanzierter Geste auf dem Ruecken verschraenkt. Vielleicht wuerde sie auch noch einen besseren Tonfall finden, nicht diese Redeart, die man sonst nur hoerte, wenn ein General seinem Feldherrn Bericht ueber die neusten Truppenbewegungen des Feindes erstattete...
Ansgars Stimme mochte vielleicht hilfreich sein, die ihre etwas eingestaubte Galanterie und Sanftheit rasch wiedererlernte:
"So wird Euer Gedaechtnis hervorragend sein muessen, liebe Dame, denn nur zu gerne sehe ich Euch in meiner Naehe weilen und lausche Euren verlockenden Worten."
Gernot verkniff sich bei 'liebe Dame' einen bissigen Kommentar - es achtete gerade auch niemand auf ihn.
"Als ich den Sonnenaufgang erwartete, mein morgendliches Gebet an die Herrin Temora zu richten, da dachte ich stattdessen an den Moment, in dem ich vor Euch stehen wuerde. Keinen Schlaf fand ich mehr und Worte auch nicht, etwas zu beschreiben, von dem ich keine Vorstellung hegte. Nun erblicke ich Euch und wieder drohe ich, um jedes Wort verlegen zu sein, denn nichts will mir auf Anhieb einfallen, das im Vergleich Eurer Gestalt gerecht werden koennte."
Sie hatte sich die Worte muehsam zurechtgelegt, um eigentlich nur Zeit zu gewinnen. Wie haette sie sich Beschreibungen fuer jemanden ausdenken sollen, von dem sie nicht einmal gewusst haette, wer es sein wuerde? Luegen kam einfach nicht in Frage.
Doch es schien gut zu klappen, jedenfalls wirkte Herr von Dreybuch recht beeindruckt. Zur Minne schien es also auch zu gehoeren, viele Worte um nichts machen zu koennen. Gernot hatte oft genug bekundet, dass sie das ausgezeichnet beherrschte. Sorgsam studierte sie sein Gesicht, seine Haltung, Haare, Augen, um zum beschreibenden Teil uebergehen zu koennen:
"Doch nun sitzt Ihr leibhaftig vor mir, in der Haltung so edel und geschmeidig, stolz und gelassen zugleich, wie der Kuechenkater Maunzer, wenn er vom Fisch etwas erhalten durfte und sattgefressen ist."
Er sass tatsaechlich so, auch wenn Darna sich gleich darauf innerlich fragte, ob es nett war, ihr Gegenueber mit dem altbekannten Kuechenschmarotzer der Burg zu vergleichen. Aber wenn das Tier zufrieden war, sass er wirklich in sehr majestaetischer Pose, als seien die Raeumlichkeiten allein sein Reich. Sie versuchte, die Mimik des Herrn Ansgar zu deuten, doch das fiel gerade schwer. Sie entschloss sich, einen hoffentlich vertuschenden Schwenk zu etwas Edlerem zu machen, man sollte ja an Dingen vergleichen, die man selber auch schoen und wertvoll fand:
"Eure Haare sind so edel braun wie die vom Streitross seiner graeflichen Hoheit, die ergrauten Ecken so weiss wie des Rosses Blesse und Eure Augen strahlen wie des Grafen bestens polierte Prunkruestung."
Angesichts der Reaktion wurde sie doch etwas unsicher. Was hatte die Roete in seinem Gesicht zu bedeuten und der Umstand, dass er die Luft anzuhalten schien? Es war vermutlich nicht das Erroeten wie bei einer Dame, wenn sie sich geschmeichelt fuehlte, oder? Ausserdem starrte er sie so seltsam an. Zorn? Hinter ihr hoerte sie unidentifizierbare gedaempfte Geraeusche, doch sie wandte nicht den Blick von ihrem Gegenueber, das waere unhoeflich gewesen.
Was wuerde sie denn fuer ihn tun? Dabei sollte man es mit der Wahrheit auch nicht allzu genau nehmen, es durften ruhig nahezu oder gar gaenzlich unmoegliche Dinge sein, die man nicht gerne tat oder dergleichen... Sie war allerdings ueber ihre eigene Stimme erschreckt, die irgendwie einen seltsam kraechzigen Klang gewonnen hatte, das Ganze wurde ihr immer peinlicher. Am Besten rasch beenden:
"Fuer Euch wuerde ich den ganzen Tag den Hof fegen oder sogar Sauerkraut und Stachelbeermarmelade essen. Ich wuerde fuer Euch glatt die Stiefel von Gernot putzen, wenn Ihr mir nur ein Laecheln schen..."
Ihr wehte schallendes Gelaechter entgegen.
Nie wieder. Nie, nie wieder. Wie konnte Minne nur eine ritterliche Kunst sein, wenn es das verlogene Gedresche hohler Phrasen war? Wenn selbst Meister Roderich sie dafuer auslachte, wo sie nur die Wahrheit sagte? Er wuerde spaeter noch mit ihr darueber reden, hatte er muehsam herausgebracht und sie rasch nach draussen geschickt. Sie hatte das Gelaechter noch drei Flure weiter gehoert. Gernot hatte wieder etwas, worueber er wochenlang herziehen konnte, sie hatte sich bis auf die Knochen blamiert.
Sie schloss die brennenden Augen. Nein, sollte es ihr in Zukunft lieber egal sein, wenn sie von eben dieser Kunst nichts verstand. Wenn andere darueber herumlogen, dass sie Sterne vom Himmel holen wuerden und dergleichen Schwachsinn mehr, dann war das in Ordnung, ja?
"Scheiss Minnedienst. Nie wieder", brach es aus ihr heraus und sie suchte hinter dem Heuschober eine Ecke, wo sie allein sein konnte, bis die Allgegenwaertigkeit des Hofes sie wieder daran erinnern wuerde, dass es fuer einen Knappen eine solche Flucht nicht gab, denn sie kaeme einem Aufgeben gleich. "Nicht fuer diesen Mist..." Sie wurde es aushalten, alles Gespoett legte sich nach einer Weile, wenn sie tat, als wuerde es sie nicht interessieren. Das immerhin wusste sie.
*******
(verschandelter Teil des Gedichtes: "Du meine Seele" von Friedrich Rueckert)
Mit schmerzverzerrtem Gesicht wurde er hinter seinem Peiniger hergeschleift, erbarmungslos in dessen Griff haengend. Der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch tapfer biss er die Zaehne zusammen und schrie nicht. Es gab kein Entrinnen, und bis zu einem gewissen Masse hatte Darna Mitleid mit ihm. Wie gerne waere sie selber diesem Ort entkommen, haette selber ihr Heil in der Flucht gesucht, doch es gab keine sichere Zuflucht, keine Hoffnung auf glueckliche Rueckkehr, nichts wuerde vergeben oder vergessen werden.
Der schraubzwingenartige Griff von Roderich loeste sich, und der halbwuechsige Kamerad wurde vom Lehrmeister in die kleine Ansammlung der Knappen des graeflichen Hofes gestossen. Erbost hob der Alte seine Stimme: "Basil, die naechste Woche werden die Pferdestaelle ueber deine nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit sicherlich hocherfreut sein. Und wenn dir der Sinn nochmal nach Versteckspielchen mit mir steht, dann sag gleich Bescheid, dass du den Knechten beim Schweine ausmisten zur Hand gehen moechtest, das erspart uns beiden diesen Firlefanz!"
Basil haette sich sicher gern sein ziemlich rotes Ohr gerieben, doch er wagte gerade keine Bewegung, die nicht ins Protokoll gehoerte und antwortete nur kleinlaut: "Ja, Meister Roderich." Der Knappe drehte auch nicht den Kopf, um Darna seinen giftigsten Blick zu schenken, zu dem er faehig war, doch er schwor sich insgeheim, dass sie den Verrat buessen wuerde. Und sie war die Einzige gewesen, an der er auf der Suche nach einem Versteck vorbeigekommen war und die nicht den Mumm hatte, Roderich anzuluegen. Sie musste ihn verpfiffen haben.
Darna indes stand derweil schon eigene Aengste aus. Sie hatte mitgekriegt, wie Gernot ueberzeugt bekundet hatte, dass er sich womoeglich mitten auf dem Platz vor Roderich uebergeben wuerde, wenn der Lehrmeister sie zum Uebungsobjekt der heutigen Lektion erklaeren wuerde: "Wenn ich den Kram auch noch vor Darna runterleiern muss, krieg ich augenblicklich das Kotzen, das schwoer ich!"
Es waere auch ihr selber ausserordentlich peinlich und unangenehm. Schon so war das Thema "Minnedienst" Gegenstand zahlreicher Spoetteleien, Peinlichkeiten und liess die Knappen sich eher gebaerden wie erfolglose Hofnarren denn irgendwas anderes.
Roderich hatte sich beruhigt und erhob seine Stimme:
"Ich hoffe, ihr habt euch meine Belehrungen letzte Woche wohlueberlegt zu Herzen genommen. Zeit genug hattet ihr."
Worte... ja, du liebe Guete... Romantik, Galanterie, lyrische Kunst, zarte Gefuehle... haette es Alternativen gegeben, haette Darna lieber in der Kueche das Fische ausnehmen uebernommen, statt heute hier im Kaminsaal an der Unterweisung teilnehmen zu muessen. Aber sie hatte wahrlich versucht, Roderichs Lehren zu verinnerlichen:
"Minnedienst ist eine Kunst, und ein Ritter zeichnet sich nicht alleine dadurch aus, dass er moeglichst gekonnt eine gegnerische Ruestung verbeulen kann, sondern dass ebenso seine Worte, weich wie Samt, das Herz einer Dame zu ruehren vermoegen. Oder denkt hier irgend jemand, der Ruf, ein ungehobelter Klotz zu sein, ohne jedes Feingefuehl, stuende einem Ritter wohl an? Die edelste Form der Galanterie ist der Minnedienst. Doch auch, solltet Ihr eurer Zukuenftigen den Hof machen wollen, werden euch schoene Worte gut zupass kommen. Es muss nicht immer ein Gedicht sein, doch in Verse geschmiedet kommt vielen Dingen eine tiefere Bedeutung zu, und ein holdes Ohr hoert solche Klaenge gern. Gesang? Noch besser, aber seid ihr kein Barde, lasst es lieber sein. Minnedienst bedeutet nicht, sich zum Hanswurst zu machen, also gebt acht auf das, was ihr tut.
Es gibt verschiedene Arten, den Worten eine persoenliche Note zu geben. Komplimente sind immer gut, setzt Wesensarten und Eigenheiten, die ihr an ihr seht und erlebt, mit Dingen gleich, die fuer euch selber grosse Bedeutung haben, die schoen sind, dann seid ihr gut beraten. Beschreibt in blumigen und detailreichen Worten, wie sie aussieht und nehmt es dabei mit der Wahrheit nicht allzu genau.
In der Minne geht es zudem oft darum, die Unerreichbarkeit der Dame zu betonen, sie zu erhoehen, zu verherrlichen, euch zu 'erniedrigen'. Malt euch aus, was ihr fuer sie alles tun wuerdet, was euch sonst nie in den Sinn kaeme, was unmoeglich ist oder was euch sonst ein Greul waere. Die Herzensdame will davon ueberzeugt werden, dass sie das Wichtigste fuer euch ist."
Darna hatte seinem langen Vortrag zugehoert und sich redlich bemueht, alles Wichtige zu behalten, besonders, was man also eben so sagen konnte.
Roderich musterte die kleine Ansammlung und fuhr fort:
"Fuer heute hat sich in ihrer Guete die holde Dame Elianore bereiterklaert, sich eure Vortraege zu Gemuete zu fuehren. Ihr wird schlussendlich auch die Beurteilung obliegen, was an euren Bemuehungen noch verbesserungswuerdig waere." Zum ersten Mal heute zeigte sich der alte Roderich etwas umgaenglicher und laechelte: "Und keine Sorge - es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen."
Die Dame Elianore... an sich eine gute Wahl, denn sie war eine ansehnliche Kammerfrau der Burgherrin, aber alt genug, dass niemand auf den Gedanken gekommen waere, dass irgendwas an diesen "Uebungen" ernst sein koennte. Zudem war sie vermaehlt. Trotzdem, den Knappen war nachvollziehbarerweise jede weitere Person unbehaglich, die dieses womoegliche Fiasko miterleben koennte. Zu allem Ueberfluss trat aus dem Nebenzimmer mit ihr auch noch ihr Gatte ein und nahm nach einer kurzen Begruessung ebenso im Kaminzimmer Platz.
"Basil, du darfst als Erster der Dame deine Referrenz erweisen."
Hatte er es nicht geahnt?
Die Dame bemuehte sich redlich, ihre schon jetzt vorhandene Erheiterung zu verbergen, als der fuenfzehnjaehrige Knappe etwas wackelig wirkende Schritte in ihre Richtung vollfuehrte und im Strammstehen den Mund aufmachte - da fuhr schon Roderich dazwischen: "Ach, eine Begruessung hat sie nicht verdient? Wo sind deine Manieren, Basil?"
Der Knappe wurde schlagartig ziemlich bleich. Auweh, das ganze Programm... er fing sich rasch und brachte wenigstens die in Fleisch und Blut uebergegangene Verneigung sauber zuwege. Nun laechelte Elianore auch deutlich charmanter, als Basil dabei seine Stimme wiederfand: "Erlaubt Eurem untertaenigsten Diener, Euch seine Aufwartung zu machen, werte Dame Elianore."
Er ergriff sacht die ihm dargebotene Hand und imitierte recht gekonnt einen Handkuss, ehe er sich wieder gaenzlich gerade aufrichtete und ein scheues, noch sichtlich verunsichertes Laecheln zustande brachte, als Elianore ihm entgegensaeuselte:
"Die Erlaubnis sei nur zu gerne gewaehrt, junger Herr. Viel zu lange musste ich Eure schoene Stimme und Eure umschmeichelnde Hoeflichkeit missen." Erwartungsvoll sah sie ihn an und Basil schwieg ein paar Momente so verzweifelt wie ein Fisch an Land, ehe aus seinem Mund einige Verse hervorstolperten, die er Elianore entgegenschmiss:
Du meine Seele, du mein Herz,
du meine Wonne, du... mein..", er stockte, suchte nach dem richtigen Wort, "Scherz,
du meine... Welt, in der ich strebe,
mein Himmel du, da rein schweb... aeh, da rein ich schwebe,
o du mein Grab, in das hinab
ich ewig meinen Hummer gab!
..."
Mit etwas unglaeubig geweitetem Blick hoerte Elianore ihm zu, ihr Gatte presste bei den letzten Worten die Hand vor den Mund und Roderich polterte los: "Basil! Wenn du schon meinst, Buecher zurate ziehen zu muessen, dann lern wenigstens vorher richtig lesen, goetterverdammt!
Es heisst 'Kummer', nicht 'Hummer'!"
Alle bis auf Basil, Darna und Roderich lachten los, der Meister war aber noch nicht fertig und liess nur wenige Momente Zeit dazu.
"Desweiteren", fuhr er streng fort, "erinner ich mich deutlich, dass ich sagte, man solle am besten davon absehen, Liebesgedichte anderer Menschen derartig zu gebrauchen, es sei denn, man kann ueberzeugend bekunden, dass nichts anderes besser die eigenen Gefuehle wiedergeben koenne. Eine bodenlose Schande, gaebe man sie auch noch als eigene Werke aus!"
Roderich verneigte sich Richtung Elianore: "Verzeiht diese Toelpelei, werte Dame." Sie nickte guetig, noch immer sichtlich amuesiert. Roderich ueberlegte. Wie brachte er jetzt rasch wieder Disziplin in diesen Haufen? Die Knappen Gernot und Sigiswart grinsten noch immer breit, waehrend Basil sich in die Reihe zurueck trollte und leise murrte: "Das sah aber wirklich wie ein 'H' aus."
Darna. Darna konnte jede noch so alberne Stimmung ersticken.
Tief durchatmend wandte er sich an Elianores Gatten: "Werter Herr von Dreybuch?"
Der Mann nickte bereits, seine Gemahlin stand auf und schmunzelnd tauschten sie die Plaetze. Danach bemuehte der Herr sich um eine gelassene Miene, und Roderich drehte sich wieder zu den Knappen: "Zu einer Farce wollen wir das Ganze hier nicht verkommen lassen. Darna, wirst du Herrn Ansgar von Dreybuch also deine Aufwartung machen?"
Die Knappin nickte ernst. Ein guter Teil ihrer Aufregung und Sorge hatte sich mit Basils Patzer gelegt, denn sie war sich sicher, dass sie es besser machen wuerde. Sie hatte sich etwas Eigenes ueberlegt und sich bemueht, sehr genau den Ratschlaegen des Lehrmeisters nachzukommen. So schritt sie mit einem "Sehr wohl, Meister Roderich" forsch voran und verneigte sich hoeflich vor Ansgar.
"Werter Herr Ansgar... zuviel der Ehre ist es fuer meine Person, Euch hier auch nur gegenueberstehen zu duerfen. Ein unvergesslicher Moment jeder Lidschlag lang, den ich vor Euch verweilen darf."
Roderich schoepfte Hoffnung, im selben Moment, wo Frau Elianore ueberrascht die Lippen schuerzte und Ansgar ein Laecheln zeigte, das damals gut gewesen sein mochte, um das Herz seiner Zukuenftigen selbst zu brechen. Die Worte waren gut gewaehlt. Vielleicht wuerde sie ihre Haltung noch etwas lockern, die mal wieder eher an den Exerzierplatz denn an ein vertrauliches Gespraech gemahnte, die Haende in distanzierter Geste auf dem Ruecken verschraenkt. Vielleicht wuerde sie auch noch einen besseren Tonfall finden, nicht diese Redeart, die man sonst nur hoerte, wenn ein General seinem Feldherrn Bericht ueber die neusten Truppenbewegungen des Feindes erstattete...
Ansgars Stimme mochte vielleicht hilfreich sein, die ihre etwas eingestaubte Galanterie und Sanftheit rasch wiedererlernte:
"So wird Euer Gedaechtnis hervorragend sein muessen, liebe Dame, denn nur zu gerne sehe ich Euch in meiner Naehe weilen und lausche Euren verlockenden Worten."
Gernot verkniff sich bei 'liebe Dame' einen bissigen Kommentar - es achtete gerade auch niemand auf ihn.
"Als ich den Sonnenaufgang erwartete, mein morgendliches Gebet an die Herrin Temora zu richten, da dachte ich stattdessen an den Moment, in dem ich vor Euch stehen wuerde. Keinen Schlaf fand ich mehr und Worte auch nicht, etwas zu beschreiben, von dem ich keine Vorstellung hegte. Nun erblicke ich Euch und wieder drohe ich, um jedes Wort verlegen zu sein, denn nichts will mir auf Anhieb einfallen, das im Vergleich Eurer Gestalt gerecht werden koennte."
Sie hatte sich die Worte muehsam zurechtgelegt, um eigentlich nur Zeit zu gewinnen. Wie haette sie sich Beschreibungen fuer jemanden ausdenken sollen, von dem sie nicht einmal gewusst haette, wer es sein wuerde? Luegen kam einfach nicht in Frage.
Doch es schien gut zu klappen, jedenfalls wirkte Herr von Dreybuch recht beeindruckt. Zur Minne schien es also auch zu gehoeren, viele Worte um nichts machen zu koennen. Gernot hatte oft genug bekundet, dass sie das ausgezeichnet beherrschte. Sorgsam studierte sie sein Gesicht, seine Haltung, Haare, Augen, um zum beschreibenden Teil uebergehen zu koennen:
"Doch nun sitzt Ihr leibhaftig vor mir, in der Haltung so edel und geschmeidig, stolz und gelassen zugleich, wie der Kuechenkater Maunzer, wenn er vom Fisch etwas erhalten durfte und sattgefressen ist."
Er sass tatsaechlich so, auch wenn Darna sich gleich darauf innerlich fragte, ob es nett war, ihr Gegenueber mit dem altbekannten Kuechenschmarotzer der Burg zu vergleichen. Aber wenn das Tier zufrieden war, sass er wirklich in sehr majestaetischer Pose, als seien die Raeumlichkeiten allein sein Reich. Sie versuchte, die Mimik des Herrn Ansgar zu deuten, doch das fiel gerade schwer. Sie entschloss sich, einen hoffentlich vertuschenden Schwenk zu etwas Edlerem zu machen, man sollte ja an Dingen vergleichen, die man selber auch schoen und wertvoll fand:
"Eure Haare sind so edel braun wie die vom Streitross seiner graeflichen Hoheit, die ergrauten Ecken so weiss wie des Rosses Blesse und Eure Augen strahlen wie des Grafen bestens polierte Prunkruestung."
Angesichts der Reaktion wurde sie doch etwas unsicher. Was hatte die Roete in seinem Gesicht zu bedeuten und der Umstand, dass er die Luft anzuhalten schien? Es war vermutlich nicht das Erroeten wie bei einer Dame, wenn sie sich geschmeichelt fuehlte, oder? Ausserdem starrte er sie so seltsam an. Zorn? Hinter ihr hoerte sie unidentifizierbare gedaempfte Geraeusche, doch sie wandte nicht den Blick von ihrem Gegenueber, das waere unhoeflich gewesen.
Was wuerde sie denn fuer ihn tun? Dabei sollte man es mit der Wahrheit auch nicht allzu genau nehmen, es durften ruhig nahezu oder gar gaenzlich unmoegliche Dinge sein, die man nicht gerne tat oder dergleichen... Sie war allerdings ueber ihre eigene Stimme erschreckt, die irgendwie einen seltsam kraechzigen Klang gewonnen hatte, das Ganze wurde ihr immer peinlicher. Am Besten rasch beenden:
"Fuer Euch wuerde ich den ganzen Tag den Hof fegen oder sogar Sauerkraut und Stachelbeermarmelade essen. Ich wuerde fuer Euch glatt die Stiefel von Gernot putzen, wenn Ihr mir nur ein Laecheln schen..."
Ihr wehte schallendes Gelaechter entgegen.
Nie wieder. Nie, nie wieder. Wie konnte Minne nur eine ritterliche Kunst sein, wenn es das verlogene Gedresche hohler Phrasen war? Wenn selbst Meister Roderich sie dafuer auslachte, wo sie nur die Wahrheit sagte? Er wuerde spaeter noch mit ihr darueber reden, hatte er muehsam herausgebracht und sie rasch nach draussen geschickt. Sie hatte das Gelaechter noch drei Flure weiter gehoert. Gernot hatte wieder etwas, worueber er wochenlang herziehen konnte, sie hatte sich bis auf die Knochen blamiert.
Sie schloss die brennenden Augen. Nein, sollte es ihr in Zukunft lieber egal sein, wenn sie von eben dieser Kunst nichts verstand. Wenn andere darueber herumlogen, dass sie Sterne vom Himmel holen wuerden und dergleichen Schwachsinn mehr, dann war das in Ordnung, ja?
"Scheiss Minnedienst. Nie wieder", brach es aus ihr heraus und sie suchte hinter dem Heuschober eine Ecke, wo sie allein sein konnte, bis die Allgegenwaertigkeit des Hofes sie wieder daran erinnern wuerde, dass es fuer einen Knappen eine solche Flucht nicht gab, denn sie kaeme einem Aufgeben gleich. "Nicht fuer diesen Mist..." Sie wurde es aushalten, alles Gespoett legte sich nach einer Weile, wenn sie tat, als wuerde es sie nicht interessieren. Das immerhin wusste sie.
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(verschandelter Teil des Gedichtes: "Du meine Seele" von Friedrich Rueckert)