Medren Haingrund- Kind des Flusses
Verfasst: Sonntag 10. April 2011, 01:04
1. Der Weg in ein neues Leben
Still und stumm lag der Wald in all seiner Pracht. Hohe, majestätische Birkenkronen spendeten dem ausgetrockneten Boden und den Tieren Schatten und vergönnten ihnen eine Pause von der hellen Sommersonne des Nachmittags. Ein leises Vogelzwitschern unterbrach nur für einige Sekunden die Stille, in der sich Kellan Ährenloh, Müller des kleinen Dorfes am Rande des Hains, an einem großen Baum niedergelassen lag, den Strohhut übers Gesicht gezogen und döste. Nichts störte ihn an seinem freien Tag, seine Frau, Elspeth, besuchte ihre Schwester und er genoss es, einfach mal untätig zu sein, die Seele baumeln zu lassen.
Beinahe wäre er in dieser friedvollen Idylle eingenickt, als von irgendwoher das Geschrei eines Babys an sein Ohr drang. Fordernd klang das Weinen des kleinen Menschlein und auch irgendwie… als fehle ihm etwas Entscheidendes. Nun war Kellan ein Bär von einem Mann, gesegnet mit einem breiten Kreuz, Händen wie Wagenrädern und vielen Muskeln von der Arbeit, aber er hatte ein Herz aus Gold und als das Schreien sich nicht beruhigen wollte, schob er den Strohhut aus dem Gesicht, drückte sich am Stamm nach oben und machte sich auf die Suche nach der kleinen Gestalt, die da so schrie.
Weit musste er nicht gehen. Nach einigen hundert Metern sah er, in die Vertiefung eines alten Baumes gelehnt, ein Bündel Stoff, aus dem zwei kleine Fäustchen und ein Kopf herausblickten. Daneben stand ein langer, knorriger Wanderstab mit ein paar schönen Schnitzereien.
Kellan sah sich um, doch konnte er niemanden sehen oder hören.
Daher machte er einige Schritte auf das kleine Wesen zu, hob es samt des blauen, weichen Tuches auf seine Arme und sprach behutsam mit dunkler, leicht brummiger Stimme auf ihn ein.
„Schon gut, schon gut… es ist gar nicht so schlimm.“
Beim Klang der freundlichen Stimme beruhigte sich das Kind relativ schnell und Kellan sah wieder von dem kleinen Gesicht auf, sein Blick suchte den Wald ab, doch noch immer war niemand in Sicht.
„Hmm…“, murmelte er in die rotbraunen Locken seines langen Bartes, „wo sind denn nur deine Eltern geblieben… dich einfach hier hinzulegen… hmm.“
Sanft strich er mit der großen Hand über die hellroten Löckchen und das Kleine gluckste zufrieden und wohlig.
Kellan seufzte, er wusste, dass er jetzt nicht einfach gehen konnte; stattdessen ließ er sich an den Baum
gelehnt nieder, zog den Kleinen, nun nicht mehr schreienden sondern inzwischen friedlich schlafenden Wurm
in eine bequemere Lage und wartete, mit den Augen den Waldrand durchkämmend.
Die Sonne tanzte weiter auf ihrem Lauf um die Welt, doch auch nach Stunden, als die Dämmerung einsetzte, war noch immer niemand zu sehen.
Kellan wurde immer ratloser. Er konnte ja nicht einfach das Kind hierlassen aber mitnehmen? Er überlegte hin und her, murmelte vor sich hin und ging ein paar Schritte auf und ab, aber schließlich wollte er nicht mehr warten. Wer auch immer die Eltern dieses Kindes waren, sie schienen nicht zu kommen und die Nächte wurden zu kalt für ein kleines Baby. Daher ergriff er den Wanderstab, wickelte das Würmchen in seine blaue Decke ein und machte sich durch den Hain zurück zu seinem und Elspeths Zuhause in der Mühle auf. Sie würde schon eine Idee haben und vielleicht wusste ja sie, welche der Frauen kürzlich entbunden hatten und zu wem der kleine rothaarige Fratz gehören mochte.
Ein einfache Melodie pfeifend schritt er durch die Bäume hindurch, vorbei an seinem Ruheplatz bis hin zum Waldrand. Als er hinaustrat, ging die Sonne schon in der Ferne unter.
An der Mühle angekommen, wartete Elspeth bereits auf ihn. Ihre großen, braunen Augen sahen ihn aus der Entfernung sehnsuchtsvoll an, das immer freundliche, runde Gesicht von kurzen braunen Locken umrahmt, leuchtete im aufkommenden Licht des Vollmonds.
„Kellan, wo warst du denn… ich hab mir solche Sorgen gemacht… du warst nicht hier als ich von Frederike wiederkam…“, sie stutzte, ihre Augen auf das seltsame Bündel gerichtet.
„Was ist das denn?“
Kellan berichtete ihr von seinem Fund, er zeigte ihr den Stab und fragte sie aus, doch auch sie wusste nichts von einem Neugeborenen in den letzten Wochen.
In den folgenden Tagen fragten sie im Dorf und auch in der gesamten Umgebung, aber niemand wusste, woher der kleine Junge stammte, den das Müllerehepaar liebevoll Medren getauft hatte.
Und so, nach einer erfolglosen Suche, behielten sie den hübschen kleinen Mann als ein Geschenk der Mutter, der Göttin Eluive, und nannten ihn Medren. So, wie sie ihren eigenen Sohn genannt hätten, wenn Elspeth hätte Kinder bekommen können.
Medren Ährenloh…
„Medren… komm rein, das Essen ist fertig.“, erklang die weiche Stimme Elspeth Ährenlohs aus dem Fenster der Mühlenküche. Die gutherzige, ewig freundlich lächelnde Müllerin steckte den Kopf hinaus und suchte den Anblick ihres Sohnes, doch draußen stand nur der Hüne Kellan, ihr Mann, und einige Bauern aus der Umgebung, die sich einige Kornreste zu Mehl malen lassen wollten.
„Hast du Medren gesehen?“, fragte sie, doch auch Kellan konnte nur den Kopf schütteln und mit den Achseln zucken. „Nein… aber wahrscheinlich ist er, sobald er seine Arbeit erledigt hatte, wieder zum See aufgebrochen. Du weißt doch, dass es ihm dort am besten gefällt.“
Einer der Bauern, ein alter Mann namens Borgan, den Elspeth schon aus ihrer Kindheit kannte, sah sie mit einem freundlichen Lächeln um die runzligen Augen und einem Grinsen auf dem zahnlosen Mund an:
„Mach dir keine Sorg’n… hat mir noch nie Streiche gespielt wie die anderen Lausejungen. Is `n feiner Kerl.“ Dabei zwinkerte er ihr gutmütig zu.
„Lass ihn ruhig zum See.“, ertönte Kellans Stimme da direkt neben Elspeths Ohr und sie sah ihren bärtigen Mann an. „Er macht keine Dummheiten.“
Zeitgleich schien die Sonne hinab auf ein verstecktes Plätzchen am malerischen See Telosch.
Mitten im Schilf, versteckt zwischen Gräsern und einigen Wasserlilien, saß ein junger Mann, die schmalen hellen Füße ins Wasser des Flusses gereckt, einen Halm zwischen den Lippen und den Blick der braungrünen Augen zum Himmel gerichtet.
Er träumte mit offenen Augen und wachem Herzen von der weiten Welt….nicht dass er mit dem Leben seiner Eltern unzufrieden gewesen wäre, das konnte er sicher nicht sagen, aber es gab etwas…etwas Wichtiges, das ihm fehlte, auch wenn er nicht wusste, was es war.
Langsam setzte er sich auf, formte mit den Händen eine Schale, schöpfte Wasser, klares vom Fluss gebrachtes Wasser, aus dem See und trank in ruhigen Schlucken davon. Er war nicht wie die anderen, früh war Medren das klar geworden. Die restlichen Kinder des Dorfes, die jüngeren wie die älteren, mieden ihn nicht und auch wenn sie immer freundlich zu ihm waren, so merkte er doch, dass Gespräche zu verstummen schienen, wenn er den Raum betrat, dass Blicke und Gesten reservierter wurden und dass es ein Geheimnis seine Person betreffend zu geben schien, über das niemand sprechen wollte.
Seine schmalen feingliedrigen Finger, noch nass vom Wasser, strichen ein paar wirre lange Strähnen kupferroten, beinahe feurigen Haares aus dem Gesicht.
Als Kind hatte er noch versucht, das Geheimnis zu lüften, hatte hinter Türen, unter Tischen und an Fenstern versteckt zu lauschen begonnen und war dabei doch nicht schlauer geworden. Dann, als ihm die Heimlichtuerei zu viel wurde, war er an einem Abend ins Zimmer seiner Eltern geplatzt und hatte dabei fast den kleinen Schrein für die Göttin Eluive umgerissen.
Leidenschaftlich hatte der kleine, beinahe rotgoldene, schlaksige Junge gebeten, gebettelt und gefordert, doch die Eltern hatten ihm nichts sagen können oder wollen.
Daraufhin hatte Medren resigniert, hatte das Verhalten der anderen als nicht zu ändern hingenommen und sich in sich selbst zurückgezogen, immer fleißig, immer freundlich aber den Menschen gegenüber verschlossen.
An einem besonderen Festtag, an dem das ganze Dorf auf den Beinen war, hatte er zufällig den Weg hinab zum Wasser genommen und in der Mitte des Sees die beinahe hinter hohem Schilfgras versteckte Insel gefunden, die voller alter Bäume in leuchtenden Grün stand.
Er baute sich aus Holzstämmen ein kleines Floß und ruderte hinüber…
Und dort fand er die Ruhe, die er zwischen den Menschen nicht gefunden hatte.
Medren zog aus seiner Tasche eine kleine hölzerne Flöte, die er sich aus den Ästen einer vom Blitz getroffenen Weide geschnitzt hatte und blies hinein. Ein feiner melodischer Ton durchdrang die Weite des Sees und lies eine Schar Tauben nervös in die Luft abheben. Ein blasser Finger verschloss das nächste Loch und der Ton wurde ein wenig tiefer.
Als Medren schmunzelte, wackelte die Höhe des Tons und sein Spiel klang wie ein helles freundliches Lachen. Sogleich konzentrierte er sich wieder, ließ die Klänge mal schnell, mal langsam an Höhe gewinnen und mal in die Tiefen sinken, bis sich ein Lied daraus ergab, fließend wie der lebensspendende Fluss.
Auf dem See, den er von seinem Platz im Schilf nur teilweise überblicken konnte, bewegte sich nichts, er lag in andächtiger Stille im Spiel des feuerhaarigen Jungen, als wage er es nicht sich zu regen.
Doch plötzlich nahm Medren im Augenwinkel eine Bewegung wahr, ein helles Schimmern unter der Wasseroberfläche, das seine Aufmerksamkeit erregte. Er wandte seine Augen zu dem silbrigen Schein, doch er konnte nichts erkennen, wagte es nicht sich zu regen.
Daher streckte er sich und verließ seinen Sitzplatz am Wasser, bewegte sich vorsichtig durch die mannshohen Schilfpflanzen, tastete mit den nackten Füßen über die nassen, glitschigen Steine und hielt sich mit den Armen die vom Wasser angezogenen Mücken vom Leib.
Einige Meter konnte er sich problemlos vorantasten, doch dann wurde das Wasser tiefer und die schmale Gestalt musste sich mit weit mehr Kraft vorantasten. Eine umgefallene alte morsche Weide versperrte ihm den Weg.
An ihr vorbei konnte er nicht gelangen, die Bäume auf der Insel standen an dieser Stelle zu dicht und der See war ohne sein Floß, das er zurückgelassen hatte, zu tief. Medren seufzte.
Er würde wohl klettern müssen, um zur anderen Seite zu gelangen.
Mit der linken Hand griff er also nach einem großen, in den Himmel ragenden Ast, prüfte, ob dieser ihm genug Halt geben konnte und zog sich dann auf den Stamm hinauf. Mit der leichten und glitschigen Algenschicht an der Oberfläche hatte er jedoch nicht gerechnet. seine Füße rutschten und schlidderten und nach einigem Schwanken verlor er den Halt. In einem verzweifelten Versuch klammerten sich seine Finger am Ast fest, aber ein leises Knacken im morschen Geäst später brach das Holz, das dem Gewicht nicht stand hielt und Medren stürzte ins Wasser hinab.
Mit dem Kopf unter Wasser paddelte er hilflos und stieß dabei mit dem Kopf gegen einen größeren Stein, auf den die Weide gestürzt war. Vor seinen hellen grünen Augen wurde es dunkel.
Es dauerte einige Momente, bis das Bewusstsein um das nasse Element um ihn herum wieder bis in Medrens Verstand vordrang und sich der schmale Körper zu regen begann.
Mit einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck griff er an seinen Hinterkopf, betastete die sich bildende Beule und stöhnte bei der Berührung leicht auf. Als er die Augen öffnete, verschwamm die Umgebung und das Licht zwischen den Schilfhalmen flirrte in golden und silbern.
Und aus den sich wiegenden Halmen blickten ihn zwei große Wasserblaue Augen an, ein feingeschnittenes Gesicht mit einem kleinen, besorgten Mund lächelte ihm zu.
Medren schüttelte irritiert seinen Kopf und büßte dafür mit stechenden Kopfschmerzen. Was gaukelte ihm da sein Verstand vor? Fest drückte er die Augen zusammen, rieb sich mit den Händen energischer als notwendig übers Gesicht und strich sich die nassen roten Haare aus dem Gesicht, wartend, dass der Schmerz sich auflöste.
Dann öffnete er erneut die Augen.
Das Gesicht, schön wie vom Himmel gestiegen, war verschwunden. Erleichtert atmete Medren auf, denn die leise Befürchtung, sich den Kopf übel angestoßen zu haben, hatte sich nun doch nicht bestätigt. Ein wenig musste er schmunzeln, als sich zwei weiße feingliedrige Arme von hinten um ihn legten.
Medrens Augen wurden groß vor Schreck, er versuchte still zu halten, um die fremde Gestalt nicht zu vertreiben. Da erklang an seinem Ohr eine glockenhelle weibliche Stimme, gezeichnet von einem fremdländischen Akzent: „Beweg dich nicht zu schnell…du hast dir denn Kopf angeschlagen.“
Medren wagte kaum zu atmen, während sich die Arme um ihn legten und ihn zurückzogen, bis er sich an einen weiblichen zarten Körper gelehnt fühlte.
„Dein Kopf ist aufgeschlagen und ich habe dich aus dem Wasser gezogen, Rotschopf. Ich hoffe, du hast nicht zu viel Flusswasser eingeatmet.“
Medren nickte und schüttelte gleichzeitig vorsichtig den Kopf. Da vernahm er hinter sich ein Lachen, wie das Klingeln eines Glöckchens
„Dein Feuerhaar kitzelt mich, junger Marder.“
Nun traute er sich doch und wandte den Kopf zurück.
Silbrig blaue Augen und ein wohlbekanntes Lächeln… die schöne Frau sah ihn mit einem, bis in sein Innerstes dringenden, Blick an.
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„Wer bist du?“ flüsterte Medren mit geröteten Wangen.
„Ich?“ Sie lachte wieder ihr helles Glöckchenlachen. „In deiner Sprache würdet ihr mich wohl Rincair nennen…“
„In…in meiner Sprache? Wer…was…bist du?“ Sein Blick glitt schüchtern entlang an dem hellen Hals, die schlanke Taille hinab zu zwei mondgleichen Beinen…doch bis auf die besondere Schönheit der Frau konnte er noch nichts Ungewöhnliches ausmachen.
„Ich bin eine Bewahrerin des Liedes, ein Kind des ewig fließenden Wassers…Du und die Deinen würden mich wohl Nymphe nennen.“
Medren wollte über die Absurdität der Situation lachen, wollte einfach die Augen wieder schließen und aus dem dennoch nicht unangenehmen Traum aufwachen, aber die Kiesel unter seinen Oberschenkeln, die sich schmerzhaft in die Haut drückten, ließen ihn ahnen, wohl doch in keinem Tagtraum zu sein.
Hinter ihm erhob sich Rincair langsam und hielt ihm die Hand hin. Vorsichtig fischte Medren mit einer Hand nach dem störenden Kiesel, der überraschend glatt und kühl in seiner Hand lag bevor er sich aufhelfen ließ und ihrem langsamen Schritt folgte.
„Ich bin dem Lied deines Instruments gefolgt…die Klänge haben mich angelockt und ich musste ihnen einfach folgen.“ Der Kupferhaarige nickte leicht.
„Es war als hätten sich seine Töne in das große Liede der Mutter eingeflochten, weißt du…“ die hellhaarige Nymphe sah ihn an.
Medren war so fasziniert von ihren wunderbar wasserblauen Augen und bemerkte einen Stein nicht. Sein Fuß verhedderte sich und er wäre wohl gestolpert, wenn sie ihn nicht aufgehalten hätte. Rincair kicherte leise, dem Plätschern eines Wasserfalls nicht unähnlich, und ergriff seine Hand.
„Komm…ich werde dir etwas zeigen!“
Über umgefallene Bäume, durch eng beieinander stehenden Stämmen und entlang einiger kleinerer Tümpel führte der Weg, den beide schweigen entlangwanderten, bis sie zu einem kleineren Arm des Flusses kamen.
Rincair stoppte und in Gedanken versunken lief Medren gegen sie. Er entschuldigte sich leise, doch sie zeigte wortlos auf einen hölzernen Damm, um den eine Biberfamilie geschäftig tätig war, neue äste herbeischaffte und ihr Zuhause auf den Winter vorbereitete.
Schweigend beobachteten die beiden die nimmermüden fleißigen Gesellen, doch eines der Jungen, viel kleiner als seine Geschwister, war es, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es schien darum kämpfen zu müssen, mit den anderen Schritt zu halten, seine kleinen Tatzen strauchelten und er konnte sich kaum aufrecht halten.
„Was ist mit ihm?“ flüsterte Medren möglichst leise.
Rincairs blaue Augen waren ernst, als sie sich zu ihm drehte.
„Kannst du es nicht hören…?“ Sie legte die Hand an ihr Ohr und lauschte andächtig.
Medren versuchte es ihr gleich zu tun, doch er hörte nichts, außer dem rauschen des Windes und dem Plätschern des Baches.
„Sein Lied, seine Melodie als Teil des Ganzen ist verstimmt…sie wird immer leiser.“ ertönte Rincairs Stimme.
„Kannst du ihm nicht helfen?“
Rincair schüttelte den Kopf. „ich helfe Flüssen und Seen, manchmal auch den Bäumen, aber ihm kann ich nicht helfen!...“ Sie neigte den Kopf nachdenklich zur Seite und betrachtete ihn kurz mit ihren durchdringenden Augen. „Aber vielleicht….vielleicht kannst du es ja.“
Ihr Blick war tief in ihm, traf seine Seele mit ihrem Blau und in ihm begann etwas zu klingen, ein leises Summen eines ihm noch unbekannten Tones, der sich in ihm wob wie das Netz einer Spinne, silbrig und klar. Mit seinem anschwellen, verformte sich der Ton und die Melodie, die sich daraus ergab machte plötzlich Sinn, auf eine verwirrende, beruhigende aber auch beängstigende Weise war er ihm vertrauter als alles zuvor.
Sein Blick sah den Ton beinahe, als er zu dem Bieberjungen blickte und auch dort ein leises Klingen vernahm, wenn auch schief und viel zu leise. Wie von selbst, ohne nachzudenken, ergriff er die hölzerne Flöte an seinem Gürtel und begann zu spielen…erst leise, dann immer voller folgten die Noten seinen Fingern. das Lied in ihm verflocht er mit dem des Biebers, ließ es lauter werden, wo seine Melodie zu leise klang und die Disharmonien verschwanden…mit jedem Bruchteil seines Liedes.
Wie lange das so ging, wusste er nicht, er vernahm nichts mehr von der Welt in seinem Kokon aus Spinnenseide und Lied, doch irgendwann wurde hm klar, dass er alles getan hatte, was ihm möglich war.
Medren blickte auf, sah in die liebenswerten blauen Augen die ihn anlächelten. der kleine Bieber schien wieder so gesund wie eh und je…beinahe wie seine Geschwister.
„Du hast ihm geholfen…mein feuerhaariger Marder.“
Er nickte und folgte ihr wortlos, zurück durch das Gestrüpp, über die toten Bäume, zurück zum kleinen Platz am Wasser, an dem er aufgewacht war.
Und während er lief überkam ihn eine plötzliche Müdigkeit, eine vollkommene Erschöpfung, ein mattes Gefühl, dass sich über seine Glieder legte. Zu müde um weiter zu gehen setzte er sich und Rincair zog seinen Kopf behutsam auf ihren Schoss, auf das duftende Kleid aus Wolken und Wasser und er schlief sofort ein.
„Medren…? Medren…Junge, oh bitte wach doch auf!“ Die Stimme seiner Mutter weckte ihn aus einer angenehmen Dunkelheit, zusammen mit einigen vorwitzigen Strahlen Sonnenlichts, die sich ihren Weg durch seine Lieder bahnten. Er blinzelte und rieb sich die Augen.
In diesem Moment fiel ihm auch schon seine weinende Mutter Elspeth in die Arme. „Oh Junge…du bist wieder wach…“
Medren wusste nicht, wie ihm geschah, doch in den folgenden Stunden erzählten ihm Kellan und Elspeth, wie er im Wasser treibend mit einer riesigen Beule am Hinterkopf gefunden worden war. Er erfuhr, dass Albrecht, der Schreiner, ihn entdeckt und herausgezogen und sofort zu Kellan gebracht hatte. Und dort war er 3 Tage bewusstlos gelegen.
Medren lauschte der Geschichte mit einer Mischung aus Unglauben und Verwunderung, schwieg aber.
Konnte das alles nur ein Traum gewesen sein?
Er griff an seinem Bein entlang zu der Holzflöte, die noch immer in ihrer Tasche lag und ertastete dort etwas Hartes…den kleinen Kiesel, den er vom Boden aufgehoben und ohne nachzudenken in die Tasche gestopft hatte…und darauf war ein kleines Zeichen… kaum zu erkennen, aber für ihn sicher da. seine Bedeutung kannte er nicht, aber er beschloss, den Vorfall geheim zu halten und Rincair zu fragen, wenn er sie jemals wieder sehen würde.
Ab da suchte er wieder und wieder nach der Nymphe, so ihm Zeit blieb, er ging durch die Wälder, durchstreifte die Bäume auf seiner Insel und erforschte den Rand des gesamten Sees, manchmal, wenn er alleine war, rief er sogar ihren Namen, doch sie blieb unauffindbar….es zeigte sich kein noch so kleines silbriges Schimmern im Wasser.
Als Medren volljährig wurde, gestanden ihm seine Eltern schließlich seine Herkunft…und zeigten ihm das blaue Tuch, das noch immer auf dem Schrein lag.
Und so sehr er seine Eltern liebte, denn für ihn würde es nie andere als sie geben, so wusste er doch, dass es das war, was ihn immer getrieben hatte. Mit Kellans und Elspeths Segen machte er sich auf den Weg, um etwas über seine leiblichen Eltern herauszufinden…
…und um Rincair wiederzusehen.
Still und stumm lag der Wald in all seiner Pracht. Hohe, majestätische Birkenkronen spendeten dem ausgetrockneten Boden und den Tieren Schatten und vergönnten ihnen eine Pause von der hellen Sommersonne des Nachmittags. Ein leises Vogelzwitschern unterbrach nur für einige Sekunden die Stille, in der sich Kellan Ährenloh, Müller des kleinen Dorfes am Rande des Hains, an einem großen Baum niedergelassen lag, den Strohhut übers Gesicht gezogen und döste. Nichts störte ihn an seinem freien Tag, seine Frau, Elspeth, besuchte ihre Schwester und er genoss es, einfach mal untätig zu sein, die Seele baumeln zu lassen.
Beinahe wäre er in dieser friedvollen Idylle eingenickt, als von irgendwoher das Geschrei eines Babys an sein Ohr drang. Fordernd klang das Weinen des kleinen Menschlein und auch irgendwie… als fehle ihm etwas Entscheidendes. Nun war Kellan ein Bär von einem Mann, gesegnet mit einem breiten Kreuz, Händen wie Wagenrädern und vielen Muskeln von der Arbeit, aber er hatte ein Herz aus Gold und als das Schreien sich nicht beruhigen wollte, schob er den Strohhut aus dem Gesicht, drückte sich am Stamm nach oben und machte sich auf die Suche nach der kleinen Gestalt, die da so schrie.
Weit musste er nicht gehen. Nach einigen hundert Metern sah er, in die Vertiefung eines alten Baumes gelehnt, ein Bündel Stoff, aus dem zwei kleine Fäustchen und ein Kopf herausblickten. Daneben stand ein langer, knorriger Wanderstab mit ein paar schönen Schnitzereien.
Kellan sah sich um, doch konnte er niemanden sehen oder hören.
Daher machte er einige Schritte auf das kleine Wesen zu, hob es samt des blauen, weichen Tuches auf seine Arme und sprach behutsam mit dunkler, leicht brummiger Stimme auf ihn ein.
„Schon gut, schon gut… es ist gar nicht so schlimm.“
Beim Klang der freundlichen Stimme beruhigte sich das Kind relativ schnell und Kellan sah wieder von dem kleinen Gesicht auf, sein Blick suchte den Wald ab, doch noch immer war niemand in Sicht.
„Hmm…“, murmelte er in die rotbraunen Locken seines langen Bartes, „wo sind denn nur deine Eltern geblieben… dich einfach hier hinzulegen… hmm.“
Sanft strich er mit der großen Hand über die hellroten Löckchen und das Kleine gluckste zufrieden und wohlig.
Kellan seufzte, er wusste, dass er jetzt nicht einfach gehen konnte; stattdessen ließ er sich an den Baum
gelehnt nieder, zog den Kleinen, nun nicht mehr schreienden sondern inzwischen friedlich schlafenden Wurm
in eine bequemere Lage und wartete, mit den Augen den Waldrand durchkämmend.
Die Sonne tanzte weiter auf ihrem Lauf um die Welt, doch auch nach Stunden, als die Dämmerung einsetzte, war noch immer niemand zu sehen.
Kellan wurde immer ratloser. Er konnte ja nicht einfach das Kind hierlassen aber mitnehmen? Er überlegte hin und her, murmelte vor sich hin und ging ein paar Schritte auf und ab, aber schließlich wollte er nicht mehr warten. Wer auch immer die Eltern dieses Kindes waren, sie schienen nicht zu kommen und die Nächte wurden zu kalt für ein kleines Baby. Daher ergriff er den Wanderstab, wickelte das Würmchen in seine blaue Decke ein und machte sich durch den Hain zurück zu seinem und Elspeths Zuhause in der Mühle auf. Sie würde schon eine Idee haben und vielleicht wusste ja sie, welche der Frauen kürzlich entbunden hatten und zu wem der kleine rothaarige Fratz gehören mochte.
Ein einfache Melodie pfeifend schritt er durch die Bäume hindurch, vorbei an seinem Ruheplatz bis hin zum Waldrand. Als er hinaustrat, ging die Sonne schon in der Ferne unter.
An der Mühle angekommen, wartete Elspeth bereits auf ihn. Ihre großen, braunen Augen sahen ihn aus der Entfernung sehnsuchtsvoll an, das immer freundliche, runde Gesicht von kurzen braunen Locken umrahmt, leuchtete im aufkommenden Licht des Vollmonds.
„Kellan, wo warst du denn… ich hab mir solche Sorgen gemacht… du warst nicht hier als ich von Frederike wiederkam…“, sie stutzte, ihre Augen auf das seltsame Bündel gerichtet.
„Was ist das denn?“
Kellan berichtete ihr von seinem Fund, er zeigte ihr den Stab und fragte sie aus, doch auch sie wusste nichts von einem Neugeborenen in den letzten Wochen.
In den folgenden Tagen fragten sie im Dorf und auch in der gesamten Umgebung, aber niemand wusste, woher der kleine Junge stammte, den das Müllerehepaar liebevoll Medren getauft hatte.
Und so, nach einer erfolglosen Suche, behielten sie den hübschen kleinen Mann als ein Geschenk der Mutter, der Göttin Eluive, und nannten ihn Medren. So, wie sie ihren eigenen Sohn genannt hätten, wenn Elspeth hätte Kinder bekommen können.
Medren Ährenloh…
„Medren… komm rein, das Essen ist fertig.“, erklang die weiche Stimme Elspeth Ährenlohs aus dem Fenster der Mühlenküche. Die gutherzige, ewig freundlich lächelnde Müllerin steckte den Kopf hinaus und suchte den Anblick ihres Sohnes, doch draußen stand nur der Hüne Kellan, ihr Mann, und einige Bauern aus der Umgebung, die sich einige Kornreste zu Mehl malen lassen wollten.
„Hast du Medren gesehen?“, fragte sie, doch auch Kellan konnte nur den Kopf schütteln und mit den Achseln zucken. „Nein… aber wahrscheinlich ist er, sobald er seine Arbeit erledigt hatte, wieder zum See aufgebrochen. Du weißt doch, dass es ihm dort am besten gefällt.“
Einer der Bauern, ein alter Mann namens Borgan, den Elspeth schon aus ihrer Kindheit kannte, sah sie mit einem freundlichen Lächeln um die runzligen Augen und einem Grinsen auf dem zahnlosen Mund an:
„Mach dir keine Sorg’n… hat mir noch nie Streiche gespielt wie die anderen Lausejungen. Is `n feiner Kerl.“ Dabei zwinkerte er ihr gutmütig zu.
„Lass ihn ruhig zum See.“, ertönte Kellans Stimme da direkt neben Elspeths Ohr und sie sah ihren bärtigen Mann an. „Er macht keine Dummheiten.“
Zeitgleich schien die Sonne hinab auf ein verstecktes Plätzchen am malerischen See Telosch.
Mitten im Schilf, versteckt zwischen Gräsern und einigen Wasserlilien, saß ein junger Mann, die schmalen hellen Füße ins Wasser des Flusses gereckt, einen Halm zwischen den Lippen und den Blick der braungrünen Augen zum Himmel gerichtet.
Er träumte mit offenen Augen und wachem Herzen von der weiten Welt….nicht dass er mit dem Leben seiner Eltern unzufrieden gewesen wäre, das konnte er sicher nicht sagen, aber es gab etwas…etwas Wichtiges, das ihm fehlte, auch wenn er nicht wusste, was es war.
Langsam setzte er sich auf, formte mit den Händen eine Schale, schöpfte Wasser, klares vom Fluss gebrachtes Wasser, aus dem See und trank in ruhigen Schlucken davon. Er war nicht wie die anderen, früh war Medren das klar geworden. Die restlichen Kinder des Dorfes, die jüngeren wie die älteren, mieden ihn nicht und auch wenn sie immer freundlich zu ihm waren, so merkte er doch, dass Gespräche zu verstummen schienen, wenn er den Raum betrat, dass Blicke und Gesten reservierter wurden und dass es ein Geheimnis seine Person betreffend zu geben schien, über das niemand sprechen wollte.
Seine schmalen feingliedrigen Finger, noch nass vom Wasser, strichen ein paar wirre lange Strähnen kupferroten, beinahe feurigen Haares aus dem Gesicht.
Als Kind hatte er noch versucht, das Geheimnis zu lüften, hatte hinter Türen, unter Tischen und an Fenstern versteckt zu lauschen begonnen und war dabei doch nicht schlauer geworden. Dann, als ihm die Heimlichtuerei zu viel wurde, war er an einem Abend ins Zimmer seiner Eltern geplatzt und hatte dabei fast den kleinen Schrein für die Göttin Eluive umgerissen.
Leidenschaftlich hatte der kleine, beinahe rotgoldene, schlaksige Junge gebeten, gebettelt und gefordert, doch die Eltern hatten ihm nichts sagen können oder wollen.
Daraufhin hatte Medren resigniert, hatte das Verhalten der anderen als nicht zu ändern hingenommen und sich in sich selbst zurückgezogen, immer fleißig, immer freundlich aber den Menschen gegenüber verschlossen.
An einem besonderen Festtag, an dem das ganze Dorf auf den Beinen war, hatte er zufällig den Weg hinab zum Wasser genommen und in der Mitte des Sees die beinahe hinter hohem Schilfgras versteckte Insel gefunden, die voller alter Bäume in leuchtenden Grün stand.
Er baute sich aus Holzstämmen ein kleines Floß und ruderte hinüber…
Und dort fand er die Ruhe, die er zwischen den Menschen nicht gefunden hatte.
Medren zog aus seiner Tasche eine kleine hölzerne Flöte, die er sich aus den Ästen einer vom Blitz getroffenen Weide geschnitzt hatte und blies hinein. Ein feiner melodischer Ton durchdrang die Weite des Sees und lies eine Schar Tauben nervös in die Luft abheben. Ein blasser Finger verschloss das nächste Loch und der Ton wurde ein wenig tiefer.
Als Medren schmunzelte, wackelte die Höhe des Tons und sein Spiel klang wie ein helles freundliches Lachen. Sogleich konzentrierte er sich wieder, ließ die Klänge mal schnell, mal langsam an Höhe gewinnen und mal in die Tiefen sinken, bis sich ein Lied daraus ergab, fließend wie der lebensspendende Fluss.
Auf dem See, den er von seinem Platz im Schilf nur teilweise überblicken konnte, bewegte sich nichts, er lag in andächtiger Stille im Spiel des feuerhaarigen Jungen, als wage er es nicht sich zu regen.
Doch plötzlich nahm Medren im Augenwinkel eine Bewegung wahr, ein helles Schimmern unter der Wasseroberfläche, das seine Aufmerksamkeit erregte. Er wandte seine Augen zu dem silbrigen Schein, doch er konnte nichts erkennen, wagte es nicht sich zu regen.
Daher streckte er sich und verließ seinen Sitzplatz am Wasser, bewegte sich vorsichtig durch die mannshohen Schilfpflanzen, tastete mit den nackten Füßen über die nassen, glitschigen Steine und hielt sich mit den Armen die vom Wasser angezogenen Mücken vom Leib.
Einige Meter konnte er sich problemlos vorantasten, doch dann wurde das Wasser tiefer und die schmale Gestalt musste sich mit weit mehr Kraft vorantasten. Eine umgefallene alte morsche Weide versperrte ihm den Weg.
An ihr vorbei konnte er nicht gelangen, die Bäume auf der Insel standen an dieser Stelle zu dicht und der See war ohne sein Floß, das er zurückgelassen hatte, zu tief. Medren seufzte.
Er würde wohl klettern müssen, um zur anderen Seite zu gelangen.
Mit der linken Hand griff er also nach einem großen, in den Himmel ragenden Ast, prüfte, ob dieser ihm genug Halt geben konnte und zog sich dann auf den Stamm hinauf. Mit der leichten und glitschigen Algenschicht an der Oberfläche hatte er jedoch nicht gerechnet. seine Füße rutschten und schlidderten und nach einigem Schwanken verlor er den Halt. In einem verzweifelten Versuch klammerten sich seine Finger am Ast fest, aber ein leises Knacken im morschen Geäst später brach das Holz, das dem Gewicht nicht stand hielt und Medren stürzte ins Wasser hinab.
Mit dem Kopf unter Wasser paddelte er hilflos und stieß dabei mit dem Kopf gegen einen größeren Stein, auf den die Weide gestürzt war. Vor seinen hellen grünen Augen wurde es dunkel.
Es dauerte einige Momente, bis das Bewusstsein um das nasse Element um ihn herum wieder bis in Medrens Verstand vordrang und sich der schmale Körper zu regen begann.
Mit einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck griff er an seinen Hinterkopf, betastete die sich bildende Beule und stöhnte bei der Berührung leicht auf. Als er die Augen öffnete, verschwamm die Umgebung und das Licht zwischen den Schilfhalmen flirrte in golden und silbern.
Und aus den sich wiegenden Halmen blickten ihn zwei große Wasserblaue Augen an, ein feingeschnittenes Gesicht mit einem kleinen, besorgten Mund lächelte ihm zu.
Medren schüttelte irritiert seinen Kopf und büßte dafür mit stechenden Kopfschmerzen. Was gaukelte ihm da sein Verstand vor? Fest drückte er die Augen zusammen, rieb sich mit den Händen energischer als notwendig übers Gesicht und strich sich die nassen roten Haare aus dem Gesicht, wartend, dass der Schmerz sich auflöste.
Dann öffnete er erneut die Augen.
Das Gesicht, schön wie vom Himmel gestiegen, war verschwunden. Erleichtert atmete Medren auf, denn die leise Befürchtung, sich den Kopf übel angestoßen zu haben, hatte sich nun doch nicht bestätigt. Ein wenig musste er schmunzeln, als sich zwei weiße feingliedrige Arme von hinten um ihn legten.
Medrens Augen wurden groß vor Schreck, er versuchte still zu halten, um die fremde Gestalt nicht zu vertreiben. Da erklang an seinem Ohr eine glockenhelle weibliche Stimme, gezeichnet von einem fremdländischen Akzent: „Beweg dich nicht zu schnell…du hast dir denn Kopf angeschlagen.“
Medren wagte kaum zu atmen, während sich die Arme um ihn legten und ihn zurückzogen, bis er sich an einen weiblichen zarten Körper gelehnt fühlte.
„Dein Kopf ist aufgeschlagen und ich habe dich aus dem Wasser gezogen, Rotschopf. Ich hoffe, du hast nicht zu viel Flusswasser eingeatmet.“
Medren nickte und schüttelte gleichzeitig vorsichtig den Kopf. Da vernahm er hinter sich ein Lachen, wie das Klingeln eines Glöckchens
„Dein Feuerhaar kitzelt mich, junger Marder.“
Nun traute er sich doch und wandte den Kopf zurück.
Silbrig blaue Augen und ein wohlbekanntes Lächeln… die schöne Frau sah ihn mit einem, bis in sein Innerstes dringenden, Blick an.
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„Wer bist du?“ flüsterte Medren mit geröteten Wangen.
„Ich?“ Sie lachte wieder ihr helles Glöckchenlachen. „In deiner Sprache würdet ihr mich wohl Rincair nennen…“
„In…in meiner Sprache? Wer…was…bist du?“ Sein Blick glitt schüchtern entlang an dem hellen Hals, die schlanke Taille hinab zu zwei mondgleichen Beinen…doch bis auf die besondere Schönheit der Frau konnte er noch nichts Ungewöhnliches ausmachen.
„Ich bin eine Bewahrerin des Liedes, ein Kind des ewig fließenden Wassers…Du und die Deinen würden mich wohl Nymphe nennen.“
Medren wollte über die Absurdität der Situation lachen, wollte einfach die Augen wieder schließen und aus dem dennoch nicht unangenehmen Traum aufwachen, aber die Kiesel unter seinen Oberschenkeln, die sich schmerzhaft in die Haut drückten, ließen ihn ahnen, wohl doch in keinem Tagtraum zu sein.
Hinter ihm erhob sich Rincair langsam und hielt ihm die Hand hin. Vorsichtig fischte Medren mit einer Hand nach dem störenden Kiesel, der überraschend glatt und kühl in seiner Hand lag bevor er sich aufhelfen ließ und ihrem langsamen Schritt folgte.
„Ich bin dem Lied deines Instruments gefolgt…die Klänge haben mich angelockt und ich musste ihnen einfach folgen.“ Der Kupferhaarige nickte leicht.
„Es war als hätten sich seine Töne in das große Liede der Mutter eingeflochten, weißt du…“ die hellhaarige Nymphe sah ihn an.
Medren war so fasziniert von ihren wunderbar wasserblauen Augen und bemerkte einen Stein nicht. Sein Fuß verhedderte sich und er wäre wohl gestolpert, wenn sie ihn nicht aufgehalten hätte. Rincair kicherte leise, dem Plätschern eines Wasserfalls nicht unähnlich, und ergriff seine Hand.
„Komm…ich werde dir etwas zeigen!“
Über umgefallene Bäume, durch eng beieinander stehenden Stämmen und entlang einiger kleinerer Tümpel führte der Weg, den beide schweigen entlangwanderten, bis sie zu einem kleineren Arm des Flusses kamen.
Rincair stoppte und in Gedanken versunken lief Medren gegen sie. Er entschuldigte sich leise, doch sie zeigte wortlos auf einen hölzernen Damm, um den eine Biberfamilie geschäftig tätig war, neue äste herbeischaffte und ihr Zuhause auf den Winter vorbereitete.
Schweigend beobachteten die beiden die nimmermüden fleißigen Gesellen, doch eines der Jungen, viel kleiner als seine Geschwister, war es, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es schien darum kämpfen zu müssen, mit den anderen Schritt zu halten, seine kleinen Tatzen strauchelten und er konnte sich kaum aufrecht halten.
„Was ist mit ihm?“ flüsterte Medren möglichst leise.
Rincairs blaue Augen waren ernst, als sie sich zu ihm drehte.
„Kannst du es nicht hören…?“ Sie legte die Hand an ihr Ohr und lauschte andächtig.
Medren versuchte es ihr gleich zu tun, doch er hörte nichts, außer dem rauschen des Windes und dem Plätschern des Baches.
„Sein Lied, seine Melodie als Teil des Ganzen ist verstimmt…sie wird immer leiser.“ ertönte Rincairs Stimme.
„Kannst du ihm nicht helfen?“
Rincair schüttelte den Kopf. „ich helfe Flüssen und Seen, manchmal auch den Bäumen, aber ihm kann ich nicht helfen!...“ Sie neigte den Kopf nachdenklich zur Seite und betrachtete ihn kurz mit ihren durchdringenden Augen. „Aber vielleicht….vielleicht kannst du es ja.“
Ihr Blick war tief in ihm, traf seine Seele mit ihrem Blau und in ihm begann etwas zu klingen, ein leises Summen eines ihm noch unbekannten Tones, der sich in ihm wob wie das Netz einer Spinne, silbrig und klar. Mit seinem anschwellen, verformte sich der Ton und die Melodie, die sich daraus ergab machte plötzlich Sinn, auf eine verwirrende, beruhigende aber auch beängstigende Weise war er ihm vertrauter als alles zuvor.
Sein Blick sah den Ton beinahe, als er zu dem Bieberjungen blickte und auch dort ein leises Klingen vernahm, wenn auch schief und viel zu leise. Wie von selbst, ohne nachzudenken, ergriff er die hölzerne Flöte an seinem Gürtel und begann zu spielen…erst leise, dann immer voller folgten die Noten seinen Fingern. das Lied in ihm verflocht er mit dem des Biebers, ließ es lauter werden, wo seine Melodie zu leise klang und die Disharmonien verschwanden…mit jedem Bruchteil seines Liedes.
Wie lange das so ging, wusste er nicht, er vernahm nichts mehr von der Welt in seinem Kokon aus Spinnenseide und Lied, doch irgendwann wurde hm klar, dass er alles getan hatte, was ihm möglich war.
Medren blickte auf, sah in die liebenswerten blauen Augen die ihn anlächelten. der kleine Bieber schien wieder so gesund wie eh und je…beinahe wie seine Geschwister.
„Du hast ihm geholfen…mein feuerhaariger Marder.“
Er nickte und folgte ihr wortlos, zurück durch das Gestrüpp, über die toten Bäume, zurück zum kleinen Platz am Wasser, an dem er aufgewacht war.
Und während er lief überkam ihn eine plötzliche Müdigkeit, eine vollkommene Erschöpfung, ein mattes Gefühl, dass sich über seine Glieder legte. Zu müde um weiter zu gehen setzte er sich und Rincair zog seinen Kopf behutsam auf ihren Schoss, auf das duftende Kleid aus Wolken und Wasser und er schlief sofort ein.
„Medren…? Medren…Junge, oh bitte wach doch auf!“ Die Stimme seiner Mutter weckte ihn aus einer angenehmen Dunkelheit, zusammen mit einigen vorwitzigen Strahlen Sonnenlichts, die sich ihren Weg durch seine Lieder bahnten. Er blinzelte und rieb sich die Augen.
In diesem Moment fiel ihm auch schon seine weinende Mutter Elspeth in die Arme. „Oh Junge…du bist wieder wach…“
Medren wusste nicht, wie ihm geschah, doch in den folgenden Stunden erzählten ihm Kellan und Elspeth, wie er im Wasser treibend mit einer riesigen Beule am Hinterkopf gefunden worden war. Er erfuhr, dass Albrecht, der Schreiner, ihn entdeckt und herausgezogen und sofort zu Kellan gebracht hatte. Und dort war er 3 Tage bewusstlos gelegen.
Medren lauschte der Geschichte mit einer Mischung aus Unglauben und Verwunderung, schwieg aber.
Konnte das alles nur ein Traum gewesen sein?
Er griff an seinem Bein entlang zu der Holzflöte, die noch immer in ihrer Tasche lag und ertastete dort etwas Hartes…den kleinen Kiesel, den er vom Boden aufgehoben und ohne nachzudenken in die Tasche gestopft hatte…und darauf war ein kleines Zeichen… kaum zu erkennen, aber für ihn sicher da. seine Bedeutung kannte er nicht, aber er beschloss, den Vorfall geheim zu halten und Rincair zu fragen, wenn er sie jemals wieder sehen würde.
Ab da suchte er wieder und wieder nach der Nymphe, so ihm Zeit blieb, er ging durch die Wälder, durchstreifte die Bäume auf seiner Insel und erforschte den Rand des gesamten Sees, manchmal, wenn er alleine war, rief er sogar ihren Namen, doch sie blieb unauffindbar….es zeigte sich kein noch so kleines silbriges Schimmern im Wasser.
Als Medren volljährig wurde, gestanden ihm seine Eltern schließlich seine Herkunft…und zeigten ihm das blaue Tuch, das noch immer auf dem Schrein lag.
Und so sehr er seine Eltern liebte, denn für ihn würde es nie andere als sie geben, so wusste er doch, dass es das war, was ihn immer getrieben hatte. Mit Kellans und Elspeths Segen machte er sich auf den Weg, um etwas über seine leiblichen Eltern herauszufinden…
…und um Rincair wiederzusehen.