Hackfresse
Verfasst: Dienstag 22. März 2011, 08:11
„He, Schlitzohr!“
„Ich hab gesagt, du sollst mich nicht so nennen.“
„Wieso denn nicht? Stimmt doch...“ Grinsen.
„Willst du gleich Schlitznase heißen?“ Knurren.
Es war ein ganz normaler Tag in Trenoval. Wie üblich saß Yaral draußen vor dem „Brauhof“ und hatte sich seine Ecke gesucht, wo er den Eingang ganz gut im Blick hatte, aber nicht jeder auf ihn, den Mann da hinten bei den Grünpflanzen, unbedingt achtete. Eine Absicht, die nicht immer klappte. Gerade zum Beispiel nervte Hanno ihn wieder. Yaral wusste nicht, warum, aber es war nur von kurzer Dauer gewesen, Ruhe vor Hanno zu haben, nachdem er ihn endlich mal erfolgreich dafür verprügelt hatte, weil Hanno ihn ständig „Hackfresse“ nannte. Das war nicht ganz einfach gewesen und drei Mal hatte Yaral sich vorher stattdessen Ärger mit Hannos Kumpeln eingefangen, die ihn meistens umschwirrten. Aber dann hatte er auch Hanno mal allein erwischt...
„Warum schließt du dich uns nicht an, Schlitzohr? Jemanden wie dich, der selbst vor uns keine Angst hat, können wir eigentlich gut gebrauchen, besser als dich nochmal das Kanalwasser vorkosten zu lassen.“
„Ich habe keine Lust, mich bei den Deppen einzureihen, die du dir als Speichellecker ausgesucht hast.“
„Na komm, du musst nicht alle an Thelbert messen...“ Hanno grinste. Das tat er auch nur, weil Thelbert gerade nicht da war.
„Sie sind alle so dumm, und du bist ihr Anführer...“
„Kumpel, sei vorsichtig.“ Hanno zeigte sich langsam doch gereizt. „Ich weiß nicht, ob dir Querkopf klar ist, wie nett ich eigentlich noch zu dir bin und...“
„Guten Abend, die Herren.“
Zwei Köpfe drehten sich kurz in Richtung der weiblichen Stimme, die die Welt um diese vier Worte verschönert hatte und irgendwie war der Streit plötzlich vergessen. Hallo... Die war neu in der Stadt, auf jeden Fall. Zwar war sie klein genug, dass man sie leicht hätte übersehen können, aber einmal angucken reichte, dass man dieses Bild von Frau nicht vergaß. Gleich würde sich Hanno an sie ran schmeißen. Yaral betrachtete sie länger und gab sich keinen Illusionen hin, wem die kleine Lady den Abend gehören würde – na gut, nach einer Lady sah sie in der Kleidung, die man schon eher als bunte Fetzen bezeichnen musste, nicht aus, aber der Inhalt war mehr als apart. Aber Yaral war kein Frauenheld. Hannos liebevolles „Hackfresse“ war fast genauso zutreffend gewesen wie „Schlitzohr.“
„Der Abend ist jetzt erst gut, hübsches Fräulein“, raspelte Hanno das erste Süßholz und Yaral stöhnte leise und dumpf, ihm wurde jetzt schon schlecht. „Kommst du von hier?“
„Blöde Frage“, konnte sich Yaral knurrig nicht zurückhalten und erntete von Hanno einen giftigen Blick. „Dein Freund ist ein ganz schlauer, hm?“, ließ sich das rothaarige Gift auf zwei Beinen vernehmen und brachte schon mit ihrer Stimme Yarals Blut und noch ganz andere Dinge in Wallung. „Äh...“ - alles klar, Hannos Verstand war auch schon längst ausgeschaltet. Yaral schluckte. Mit diesem Idioten wollte er jetzt ganz sicher nicht in einen Topf geworfen werden.
„Na sieht man doch, dass... du zu Ragalfs Banner gehörst, die gerade vor der Stadt kampieren.“
Das Fräulein schaute fast ein geschnappt. „Ach sehe ich etwa aus wie so ein heruntergekommenes Söldnerluder?“
Diesmal war es an Yaral, zu grinsen: „Nein, aber so gefährlich. Und sicher nur für bestes Gold zu haben.“ Plötzlich wurde er knallrot. Scheiße, jetzt hatte er selber was selten dämliches gesagt! Das war doch keine Hure, mann! Naja, vielleicht doch, aber...
Ihm fiel ein Stein vom Herzen bis irgendwo runter in die Hose, als sie lachte. „Ich wäre auch erstmal mit einem Wein zufrieden...“
Noch nie war eine Frau, noch dazu so ein … Feger... einfach nett zu ihm gewesen. Irgendwo war ihm klar, dass sie das wohl nur tat, weil er ihr das Beste an Getränken spendierte, was im Brauhof zu finden war, auch wenn das sein Budget deutlich überzog, aber es war ihm egal. Heute würde sie nicht merken, dass sie bloß dem Sohn eines Kleinkrämers gegenüber saß, während Hannos Vater wenigstens der Stadtwache angehörte. Er hatte sich mit „Kryss“ als ihrem Namen nicht zufrieden gegeben, auch wenn der wohl so gut zu ihr passte wie Schlitzohr zu ihm. Ob „Imagina“ ihr richtiger war, oder nur eine weitere Lüge? „Auf jeden Fall sehr phantasieanregend...“ - Himmel, was am liebsten seine Absichten mit ihr gewesen wären, musste drei Meilen gegen den Wind stinken, aber es schien ihr egal zu sein; vermutlich war sie es gewohnt. Sie schien die Unterhaltung mit ihm zu mögen, auch wenn die zu zwei Dritteln daraus bestand, über die Dämlichkeiten eines Gutteils der Bevölkerung her zu ziehen. Im letzten Drittel machte er ihr aber auch Komplimente, die sie gar nicht mal schlecht zu finden schien.
Der Tag drohte am Abend und so einige Gläser Wein später ein weiteres Mal verdorben zu werden, als zum Brauhof ein Schrank an Kerl kam, der dem Söldnerhaufen bei Stadtbelagerungen vermutlich als Ramme diente. „Hier steckst du!“, grölte die Stimme über die vor der Taverne stehenden Tische, „Ziehst du so einem feinen Pinkel schon wieder das Gold aus der Tasche und lässt deine Leute vor leeren Töpfen stehen?“
„Wenigstens habe ich dann mal Gesellschaft mit Manieren, Barluf und nein: 'Manieren' ist nichts zu essen!“, fauchte Imagina zurück.
„Willst du wieder Schläge, Miststück?“
„Wieder?“, fuhr es Yaral durch den Kopf, „Das klingt nach Routine.“ Seine Haltung hatte sich zwischen zwei Sekunden völlig versteift und ohne zu atmen folgte er dem verbalen Schlagabtausch. Kryss ließ sich nicht klein kriegen: „Und willst du dich mit dem Gedanken anfreunden, eines Morgens deine Familienplanung an den Nagel neben deinem besten Stück zu hängen, Barluf?“
„Ich zeig dir gleich, was ich von Familienplanung halte und fang bei dir damit an!“, bölkte der Söldner zurück und stemmte eine Hand an die Hüfte. Sein Blick ging zu Yaral, der immer noch wie starr vor Schreck daneben saß. „Du da, Hanswurst... verpiss dich.“
Ein hektischer Blick zu Imagina – die mit geöffneten vollen Lippen und einem bitteren Zug in der Miene wusste, dass er weichen würde. Was wäre ihm auch übrig geblieben? In Yaral kochte die Wut hoch und mischte sich mit dem Schreck, während er sich rückwärts und in geduckter Haltung vom Stuhl schob.
„Da siehst du es: der da weiß, wann man lieber die Klappe hält, das solltest du dir mal von ihm abgucken.“
„Der da hat mehr Grips in der Birne, als du dir je abgucken könntest.“
Yaral presste die Zähne zusammen. Was half ihm aller Verstand gegen so einen Knochenbrecher? Barluf bewegte sich auf Imagina zu, die einfach nur stur sitzen blieb und riss sie unsanft hoch, dass der Wein auf dem Tisch umkippte, während Yaral mit ein paar Metern Sicherheitsabstand verharrte.
Er sah dem teuren Wein nach, der sich fast zähflüssig über die Tischplatte auszubreiten schien, zäh wie Blut, jede einzelne Kräuselung der sich wellenartig ausbreitenden Flüssigkeit mit atemberaubender Klarheit erkennbar... - Moment, was war hier los? Sein Blick wanderte zurück und nahm irritiert wahr, wie die Welt um ihn herum seltsam verschwommen wirkte, und gleichzeitig so tief blicken ließ, wie nie. Er sah Barluf irgendwie... anders. Dünne Schlieren, die am ehesten noch mit „grau“ beschrieben hätte, wenn man von Farben überhaupt reden konnte, wanderten wellenartig in diese Masse an Körper, verwirbelten dort, vergingen in unglaublichen Verästelungen und kehrten letztlich wieder zurück. Fasziniert sah Yaral diesem Spiel zu und vergaß darüber die Zeit, die auch überhaupt keine Rolle mehr zu spielen schien. „Ich muss stockbesoffen sein“, ging ihm im Hinterstübchen ein Gedanke durch den Kopf. Er sah Barlufs Finger an Imaginas Arm, eine rote Fläche schwachen Glühens, die sich dort ausbreitete. „Das ist sein Druck. Er tut ihr weh. Dreckskerl.“ Er sah erneut zum Kopf Barlufs und versuchte diese grauen Wirbel nochmal zu erfassen. „Das ist Atem, nicht?“
Er wusste nicht, wie er das machte, aber er schob die rote Fläche schwachen Glühens in die seltsame Röhre, die Barluffs Hals darstellen musste – oder erschuf er sie dort neu? - und hemmte damit seinen Atemstrom, schaute mit geweiteten Augen zu, wie die grauen Schlieren ein mal darauf zuströmten, kreisten, zurück flossen, weil sie kaum durch kamen. Ein mal. Zwei mal. Drei...
Verständnislos und mit Schreck beobachtete Imagina, wie Barluf scheinbar wütend nach Luft schnappte – und sich immer seltsamer aufführte. Röchelnd, in einem misslingenden Versuch, zu husten, ließ er sie los und griff sich mit beiden Händen an den Hals. Aber warum sollte es sie eigentlich interessieren, was da gerade passierte? Sie trat ihm mit ihrer Stiefelspitze gehörig vor's Schienbein und flüchtete.
Keuchend blieb sie ein paar Straßenzüge weiter hinter einer der nächstbesten Ecken stehen. Scheiße, das würde Ärger geben. Wieder Ärger. Aber besser, als von Barluf... noch während sie sich fragte, ob er da in der Taverne verrecken würde oder sie das selber nachholen musste, dafür zu sorgen, hörte sie ein Rufen, laut genug und doch mit Furcht, gehört zu werden:
„Imagina?“
Es war Yaral.
Als er auf passender Höhe war, schnellte sie vor, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich in die Gasse. „Warst du das?“, zischte sie ihn erst wütend an. Der junge Mann, der trotz seines nicht gerade einnehmenden Äußeren sich so großzügig und irgendwie charmant gezeigt hatte, warf hilflos die Arme in die Luft: „Ich weiß es nicht. Ich... Ich... Ich glaube schon.“
„Ist er tot?“
„Glaub nicht... Weiß ich nicht.“ Er sah selber von der Aufregung noch schwer keuchend zur Seite. „Er ist zu Boden gegangen, aber als der erste der anderen Gäste 'he!' rief, bin ich nur noch gerannt... Scheiße.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
Solche Momente waren kritisch – es konnte im nächsten Moment gut sein, dass Yaral für das alles ihr die Schuld gab, und so ließ Imagina nochmal ihren Charme spielen und rückte anschmiegsam etwas näher. „Das war sehr mutig von dir, dich mit Barluf anzulegen, und in dir scheinen ja ungeahnte Kräfte zu schlummern, mein Held...“
Ungeahnte Kräfte? Seine Knie wurden von jeder Art von Kraft gerade verlassen! Himmel, was für ein Weib... er wusste hinterher nicht mehr, wie es passierte, vielleicht lag es auch am Alkohol, aber zwischen einigen leeren Kisten und halb vollen Säcken Viehfutter noch eine abgelegene Ecke weiter weckte sie noch ganz andere ungeahnte Kräfte in ihm.
Es folgten zwei Tage des Versteck Spielens und der Flucht, denn die Söldner, angeführt vom leider genesenen Barluf, begannen die Stadt nach diesem „Würgezauberer“ abzusuchen und es brauchte auch nicht viel Phantasie, sich auszumalen, was Imagina drohte.
„Ich muss weg. Wir müssen weg.“
„Wo hin?“
„Ich weiß nicht – weg. Irgend … wo hin, wo ich auch mehr über diese Kraft erfahren kann. Ich glaube, das ist so was, was Magiere benutzen.“
„Magiere?“ Magiere pflegten meist reich zu sein, wenn sie zaubern konnten. Und mächtig...
Irgendwie teilten sie beide die selben Gedanken, nur mit leicht unterschiedlichen Intentionen und Zielen, als sie sich auf ein unbestimmtes Bündnis einließen, um beide fort zu kommen, weg, bis zu einer Insel namens Gerimor, auf der es sogar gleich mehrere Schulen für Zauberer geben sollte...
„Ich hab gesagt, du sollst mich nicht so nennen.“
„Wieso denn nicht? Stimmt doch...“ Grinsen.
„Willst du gleich Schlitznase heißen?“ Knurren.
Es war ein ganz normaler Tag in Trenoval. Wie üblich saß Yaral draußen vor dem „Brauhof“ und hatte sich seine Ecke gesucht, wo er den Eingang ganz gut im Blick hatte, aber nicht jeder auf ihn, den Mann da hinten bei den Grünpflanzen, unbedingt achtete. Eine Absicht, die nicht immer klappte. Gerade zum Beispiel nervte Hanno ihn wieder. Yaral wusste nicht, warum, aber es war nur von kurzer Dauer gewesen, Ruhe vor Hanno zu haben, nachdem er ihn endlich mal erfolgreich dafür verprügelt hatte, weil Hanno ihn ständig „Hackfresse“ nannte. Das war nicht ganz einfach gewesen und drei Mal hatte Yaral sich vorher stattdessen Ärger mit Hannos Kumpeln eingefangen, die ihn meistens umschwirrten. Aber dann hatte er auch Hanno mal allein erwischt...
„Warum schließt du dich uns nicht an, Schlitzohr? Jemanden wie dich, der selbst vor uns keine Angst hat, können wir eigentlich gut gebrauchen, besser als dich nochmal das Kanalwasser vorkosten zu lassen.“
„Ich habe keine Lust, mich bei den Deppen einzureihen, die du dir als Speichellecker ausgesucht hast.“
„Na komm, du musst nicht alle an Thelbert messen...“ Hanno grinste. Das tat er auch nur, weil Thelbert gerade nicht da war.
„Sie sind alle so dumm, und du bist ihr Anführer...“
„Kumpel, sei vorsichtig.“ Hanno zeigte sich langsam doch gereizt. „Ich weiß nicht, ob dir Querkopf klar ist, wie nett ich eigentlich noch zu dir bin und...“
„Guten Abend, die Herren.“
Zwei Köpfe drehten sich kurz in Richtung der weiblichen Stimme, die die Welt um diese vier Worte verschönert hatte und irgendwie war der Streit plötzlich vergessen. Hallo... Die war neu in der Stadt, auf jeden Fall. Zwar war sie klein genug, dass man sie leicht hätte übersehen können, aber einmal angucken reichte, dass man dieses Bild von Frau nicht vergaß. Gleich würde sich Hanno an sie ran schmeißen. Yaral betrachtete sie länger und gab sich keinen Illusionen hin, wem die kleine Lady den Abend gehören würde – na gut, nach einer Lady sah sie in der Kleidung, die man schon eher als bunte Fetzen bezeichnen musste, nicht aus, aber der Inhalt war mehr als apart. Aber Yaral war kein Frauenheld. Hannos liebevolles „Hackfresse“ war fast genauso zutreffend gewesen wie „Schlitzohr.“
„Der Abend ist jetzt erst gut, hübsches Fräulein“, raspelte Hanno das erste Süßholz und Yaral stöhnte leise und dumpf, ihm wurde jetzt schon schlecht. „Kommst du von hier?“
„Blöde Frage“, konnte sich Yaral knurrig nicht zurückhalten und erntete von Hanno einen giftigen Blick. „Dein Freund ist ein ganz schlauer, hm?“, ließ sich das rothaarige Gift auf zwei Beinen vernehmen und brachte schon mit ihrer Stimme Yarals Blut und noch ganz andere Dinge in Wallung. „Äh...“ - alles klar, Hannos Verstand war auch schon längst ausgeschaltet. Yaral schluckte. Mit diesem Idioten wollte er jetzt ganz sicher nicht in einen Topf geworfen werden.
„Na sieht man doch, dass... du zu Ragalfs Banner gehörst, die gerade vor der Stadt kampieren.“
Das Fräulein schaute fast ein geschnappt. „Ach sehe ich etwa aus wie so ein heruntergekommenes Söldnerluder?“
Diesmal war es an Yaral, zu grinsen: „Nein, aber so gefährlich. Und sicher nur für bestes Gold zu haben.“ Plötzlich wurde er knallrot. Scheiße, jetzt hatte er selber was selten dämliches gesagt! Das war doch keine Hure, mann! Naja, vielleicht doch, aber...
Ihm fiel ein Stein vom Herzen bis irgendwo runter in die Hose, als sie lachte. „Ich wäre auch erstmal mit einem Wein zufrieden...“
Noch nie war eine Frau, noch dazu so ein … Feger... einfach nett zu ihm gewesen. Irgendwo war ihm klar, dass sie das wohl nur tat, weil er ihr das Beste an Getränken spendierte, was im Brauhof zu finden war, auch wenn das sein Budget deutlich überzog, aber es war ihm egal. Heute würde sie nicht merken, dass sie bloß dem Sohn eines Kleinkrämers gegenüber saß, während Hannos Vater wenigstens der Stadtwache angehörte. Er hatte sich mit „Kryss“ als ihrem Namen nicht zufrieden gegeben, auch wenn der wohl so gut zu ihr passte wie Schlitzohr zu ihm. Ob „Imagina“ ihr richtiger war, oder nur eine weitere Lüge? „Auf jeden Fall sehr phantasieanregend...“ - Himmel, was am liebsten seine Absichten mit ihr gewesen wären, musste drei Meilen gegen den Wind stinken, aber es schien ihr egal zu sein; vermutlich war sie es gewohnt. Sie schien die Unterhaltung mit ihm zu mögen, auch wenn die zu zwei Dritteln daraus bestand, über die Dämlichkeiten eines Gutteils der Bevölkerung her zu ziehen. Im letzten Drittel machte er ihr aber auch Komplimente, die sie gar nicht mal schlecht zu finden schien.
Der Tag drohte am Abend und so einige Gläser Wein später ein weiteres Mal verdorben zu werden, als zum Brauhof ein Schrank an Kerl kam, der dem Söldnerhaufen bei Stadtbelagerungen vermutlich als Ramme diente. „Hier steckst du!“, grölte die Stimme über die vor der Taverne stehenden Tische, „Ziehst du so einem feinen Pinkel schon wieder das Gold aus der Tasche und lässt deine Leute vor leeren Töpfen stehen?“
„Wenigstens habe ich dann mal Gesellschaft mit Manieren, Barluf und nein: 'Manieren' ist nichts zu essen!“, fauchte Imagina zurück.
„Willst du wieder Schläge, Miststück?“
„Wieder?“, fuhr es Yaral durch den Kopf, „Das klingt nach Routine.“ Seine Haltung hatte sich zwischen zwei Sekunden völlig versteift und ohne zu atmen folgte er dem verbalen Schlagabtausch. Kryss ließ sich nicht klein kriegen: „Und willst du dich mit dem Gedanken anfreunden, eines Morgens deine Familienplanung an den Nagel neben deinem besten Stück zu hängen, Barluf?“
„Ich zeig dir gleich, was ich von Familienplanung halte und fang bei dir damit an!“, bölkte der Söldner zurück und stemmte eine Hand an die Hüfte. Sein Blick ging zu Yaral, der immer noch wie starr vor Schreck daneben saß. „Du da, Hanswurst... verpiss dich.“
Ein hektischer Blick zu Imagina – die mit geöffneten vollen Lippen und einem bitteren Zug in der Miene wusste, dass er weichen würde. Was wäre ihm auch übrig geblieben? In Yaral kochte die Wut hoch und mischte sich mit dem Schreck, während er sich rückwärts und in geduckter Haltung vom Stuhl schob.
„Da siehst du es: der da weiß, wann man lieber die Klappe hält, das solltest du dir mal von ihm abgucken.“
„Der da hat mehr Grips in der Birne, als du dir je abgucken könntest.“
Yaral presste die Zähne zusammen. Was half ihm aller Verstand gegen so einen Knochenbrecher? Barluf bewegte sich auf Imagina zu, die einfach nur stur sitzen blieb und riss sie unsanft hoch, dass der Wein auf dem Tisch umkippte, während Yaral mit ein paar Metern Sicherheitsabstand verharrte.
Er sah dem teuren Wein nach, der sich fast zähflüssig über die Tischplatte auszubreiten schien, zäh wie Blut, jede einzelne Kräuselung der sich wellenartig ausbreitenden Flüssigkeit mit atemberaubender Klarheit erkennbar... - Moment, was war hier los? Sein Blick wanderte zurück und nahm irritiert wahr, wie die Welt um ihn herum seltsam verschwommen wirkte, und gleichzeitig so tief blicken ließ, wie nie. Er sah Barluf irgendwie... anders. Dünne Schlieren, die am ehesten noch mit „grau“ beschrieben hätte, wenn man von Farben überhaupt reden konnte, wanderten wellenartig in diese Masse an Körper, verwirbelten dort, vergingen in unglaublichen Verästelungen und kehrten letztlich wieder zurück. Fasziniert sah Yaral diesem Spiel zu und vergaß darüber die Zeit, die auch überhaupt keine Rolle mehr zu spielen schien. „Ich muss stockbesoffen sein“, ging ihm im Hinterstübchen ein Gedanke durch den Kopf. Er sah Barlufs Finger an Imaginas Arm, eine rote Fläche schwachen Glühens, die sich dort ausbreitete. „Das ist sein Druck. Er tut ihr weh. Dreckskerl.“ Er sah erneut zum Kopf Barlufs und versuchte diese grauen Wirbel nochmal zu erfassen. „Das ist Atem, nicht?“
Er wusste nicht, wie er das machte, aber er schob die rote Fläche schwachen Glühens in die seltsame Röhre, die Barluffs Hals darstellen musste – oder erschuf er sie dort neu? - und hemmte damit seinen Atemstrom, schaute mit geweiteten Augen zu, wie die grauen Schlieren ein mal darauf zuströmten, kreisten, zurück flossen, weil sie kaum durch kamen. Ein mal. Zwei mal. Drei...
Verständnislos und mit Schreck beobachtete Imagina, wie Barluf scheinbar wütend nach Luft schnappte – und sich immer seltsamer aufführte. Röchelnd, in einem misslingenden Versuch, zu husten, ließ er sie los und griff sich mit beiden Händen an den Hals. Aber warum sollte es sie eigentlich interessieren, was da gerade passierte? Sie trat ihm mit ihrer Stiefelspitze gehörig vor's Schienbein und flüchtete.
Keuchend blieb sie ein paar Straßenzüge weiter hinter einer der nächstbesten Ecken stehen. Scheiße, das würde Ärger geben. Wieder Ärger. Aber besser, als von Barluf... noch während sie sich fragte, ob er da in der Taverne verrecken würde oder sie das selber nachholen musste, dafür zu sorgen, hörte sie ein Rufen, laut genug und doch mit Furcht, gehört zu werden:
„Imagina?“
Es war Yaral.
Als er auf passender Höhe war, schnellte sie vor, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich in die Gasse. „Warst du das?“, zischte sie ihn erst wütend an. Der junge Mann, der trotz seines nicht gerade einnehmenden Äußeren sich so großzügig und irgendwie charmant gezeigt hatte, warf hilflos die Arme in die Luft: „Ich weiß es nicht. Ich... Ich... Ich glaube schon.“
„Ist er tot?“
„Glaub nicht... Weiß ich nicht.“ Er sah selber von der Aufregung noch schwer keuchend zur Seite. „Er ist zu Boden gegangen, aber als der erste der anderen Gäste 'he!' rief, bin ich nur noch gerannt... Scheiße.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
Solche Momente waren kritisch – es konnte im nächsten Moment gut sein, dass Yaral für das alles ihr die Schuld gab, und so ließ Imagina nochmal ihren Charme spielen und rückte anschmiegsam etwas näher. „Das war sehr mutig von dir, dich mit Barluf anzulegen, und in dir scheinen ja ungeahnte Kräfte zu schlummern, mein Held...“
Ungeahnte Kräfte? Seine Knie wurden von jeder Art von Kraft gerade verlassen! Himmel, was für ein Weib... er wusste hinterher nicht mehr, wie es passierte, vielleicht lag es auch am Alkohol, aber zwischen einigen leeren Kisten und halb vollen Säcken Viehfutter noch eine abgelegene Ecke weiter weckte sie noch ganz andere ungeahnte Kräfte in ihm.
Es folgten zwei Tage des Versteck Spielens und der Flucht, denn die Söldner, angeführt vom leider genesenen Barluf, begannen die Stadt nach diesem „Würgezauberer“ abzusuchen und es brauchte auch nicht viel Phantasie, sich auszumalen, was Imagina drohte.
„Ich muss weg. Wir müssen weg.“
„Wo hin?“
„Ich weiß nicht – weg. Irgend … wo hin, wo ich auch mehr über diese Kraft erfahren kann. Ich glaube, das ist so was, was Magiere benutzen.“
„Magiere?“ Magiere pflegten meist reich zu sein, wenn sie zaubern konnten. Und mächtig...
Irgendwie teilten sie beide die selben Gedanken, nur mit leicht unterschiedlichen Intentionen und Zielen, als sie sich auf ein unbestimmtes Bündnis einließen, um beide fort zu kommen, weg, bis zu einer Insel namens Gerimor, auf der es sogar gleich mehrere Schulen für Zauberer geben sollte...