Vom feigen Schneiderlein
Verfasst: Sonntag 20. März 2011, 17:06
Jappsend von der Rennerei stützte sich Lorn mit den Händen vornübergebeugt an den Knien ab und keuchte fiepsig ein "Scheiß Rahaler", während er sich mühte, den Schrecken los zu werden. "Warum immer ich...?"
Gehetzt sah er sich um, auch wenn er nicht wirklich glaubte, dass der Gerüstete ihm folgen würde, ging noch einige Meter weiter in den Wald und ließ sich im Sichtschutz der Bäume auf einen umgestürzten Stamm fallen.
Sowas... nicht, dass in diesen Höhlen, in denen man die Hand so gut wie nicht vor Augen sah, es nicht schlimm genug war, auf eigene Faust Menschenfresser zu jagen, um letztlich einige Taler zu sparen, nein... menschliche Schritte waren dabei eigentlich schlimmer als selbst die knöchernen Varianten weiter oben. "Du machst dir doch eigentlich in die Beinkleider, egal vor was", fuhr ihm ein mürrischer Gedanke durch den Sinn. Egal. Die Sorge war berechtigt gewesen.
Nicht, dass das "Dem All-Einen zum Gruße" ihn störte - das hörte er nun wahrlich oft genug, kam eben vor, wenn man im Hafenviertel Rahals sein Dasein fristete. Nein, das Gespräch, das sich entsponnen hatte, fügte sich nahtlos in weitere bisherige Erfahrungen mit den Bewohnern Rahals ein.
Vermutlich sah der Rahaler diese dunklen Tunnel wohl als sein Revier an. Lorn hatte sich nun wirklich höflich bemüht... - gut, vermutlich wieder viel zu eingeschüchtert... "Harch, du lässt dir aber das 'Opfer' auch jedes mal auf der Stirn stehen!", klang es wieder mürrisch, doch diesmal widersprach er sich selbst: "Was bin ich denn wohl sonst in ein paar Stücken Rehleder mit - oho! - einer ganzen Hose und Armlingen aus Ogerhaut?! Na? Richtig! Opfer!"
Ja, und fast wär er wohl noch viel mehr Opfer gewesen, ausgeplündert, und das da unten! Wenn... wenn der Mann nicht sogar... noch was ganz anderes gemeint hatte...
"Hm... meint Ihr denn, dass Ihr stört?", war letztlich eine der mehreren Fangfragen, die eine ganz und gar ungute Richtung nahmen.
"Weiß nicht?", hatte er verunsichert zurück gefragt, "Wollt Ihr das Leder?"
Das Lachen des Kriegers diente dank seines Klanges nicht dazu, die Lage zu entspannen. "Meint Ihr, ob ich selbst welches jagen möchte... oder ob ich Eures möchte?"
Nein, das war eine wirklich ganz und gar nicht gute Richtung! Lorn schluckte: "Äh... äh... ährsteres"
Er konnte kaum was sehen, es war viel zu dunkel hier unten, aber wenn er sich nicht täuschte, dann bewegte sich an diesem noch schwärzeren Schatten als der restlichen Dunkelheit hier unten eine Hand an der Waffe. Nicht gut. Gar nicht gut.
"Und... was macht Euch so sicher, dass es nicht zweiteres sei?"
Der Versuch einer vorsichtigen... naja, Gegenwehr konnte man es nicht nennen... Korrektur? "Also, was ich meine... und wonach.. Ihr fragtet, war... ersteres."
"Ah... nun... und was wenn ich sagen würde, dass aber letzteres zutreffen sollte?"
Ob der Krieger wirklich nur das Leder meinte, das Lorn am Leibe trug? Oder sollte es ihm hier weit schmerzlicher im übertragenen Sinne ans Leder gehen? "Ich muss hier weg...", dachte er verängstigt, "was stehst du hier, bis er dir diesen Säbel über- und deine Haut ab zieht?"
"Dann...", erwiderte Lorn bedächtig und ließ eine Kunstpause, als müsse er sehr sorgfältig die nächsten Worte überlegen - zu mehr sollte es aber nicht kommen.
Der Rahaler konnte tatsächlich bloß noch dem feigen Schneiderlein nach sehen, wie der plötzlich die Beine in die Hand nahm, sich seitlich an dem Krieger mit möglichst viel Abstand vorbei duckte und rannte, was er konnte, panisch darauf achtend, bei seinem Glück nicht auch noch einen Felsen im Weg zu übersehen und lang hinzuschlagen oder sich gar am nächsten Stalagmiten aufzuspießen. Die Skelette klapperten im Luftzug des an ihnen vorbei rauschenden Laienschützen.
Und nun saß er hier. "Toll. Ganz toll."
Lorn zog den Helm ab und pfefferte ihn lustlos auf den Boden, hockte auf dem Stamm und ließ die Schultern hängen. "Diese Stadt wird noch mein Grab." Hatte es ihn zuerst noch angelockt, dass in Rahal wenigstens nicht wie in Bajard Wölfe und andere wilde Tiere frei über die Wege liefen und dass man im Hafenviertel scheinbar als einziges in allen Ortschaften nicht nach einem Bürgerbrief fragte, wenn man ein Dach über dem Kopf wollte, so schien absehbar, dass die Schwierigkeiten ganz woanders lagen.
Rahal war verhasst, und es war schon eine Nervenzerreißprobe gewesen, sich auf Menek'Ur in blumigsten Worten anzuhören, was man dort mit Rahalern anstellte... hinter einer Echse hergezogen die Gassen längs zu Tode geschleift, ersäuft, in die Schlangengrube geworfen, oder was nicht noch alles... brr! Lorn hatte nicht dabei den Eindruck gehabt, dass es die interessierte, ob er nur aus Not im Hafenviertel wohnte oder nicht. Immerhin hakten sie nicht weiter nach, als er einigermaßen glaubwürdig stammelte, in der "schlummernden Jungfrau" von Bajard zu wohnen.
Im Hafenviertel war er aber auch nicht sicher.
Eine dieser Letharen hatte ihm schon nur mässig durch die Blume gedroht, ihn zu töten, wenn er nicht ihren Ansprüchen gemäß - wie auch immer diese Ansprüche aussehen sollten - ein paar Halstücher nähte. Halstücher! Wegen einem fehlerhaften Halstuch umgebracht! Das fehlte noch.
"Und da dachte ich, wegen verdorbenen Tuches vom Eigner halb tot geschlagen zu werden, sei... naja, so kann's gehen. Ich glaube, das nennt man vom Regen in die Traufe." Seufzen.
Und dann seine neue... Stammkundin. So schien es. Ritterin Alatars. Hauptmann der rahaler Garde. Warum um aller Götter willen hatte die sich ins Hafenviertel verirrt? "Haben die keine Schneider in der Stadt?" Doch, hatten sie, eine war gleich vor dem Tor, wenn man vom Hafen zum Markt wollte, aber.. wer wusste schon, was diese Menschen trieb.
Und statt wilder Tiere auf den Straßen waren durch die Gassen des Hafenviertels riesige Krakenviecher gekrochen und hätten fast sein Schaf gefressen. Tagelang hatte er hinter vernagelten Fenstern und Türen gehaust. Dann war gar in der Stadt so ein feuriges Flattervieh ein paar Tage lang gewesen, zum Glück hatte man das umgehen können...
Seine Gedanken schweiften zurück zu Ritterin Swynedd, wie sie beim ersten Besuch sein Kinn gepackt und sein Gesicht studiert hatte, wie man ein Insekt eingehend betrachtete. Die Botschaft dahinter war unmißverständlich: "Ich hab mir dein Gesicht gemerkt."
Inzwischen war es so weit gediehen, dass sie ihn wegen irgend eines Auftrages unter vier Augen sprechen wollte, und die Angst wuchs, dass er eines Tages versagen würde, irgendwo einen Fehler machen, und wegen ein paar falsch gesetzter Stiche... er wollte sich lieber nicht ausmalen, was dann passieren würde und tat es trotzdem.
Konnte er überhaupt noch weg? Er hatte von einem Häuschen irgendwo draußen geträumt, aber was, wenn man ihn fände?
Trübsinnig starrte er vor sich hin. "Warum immer ich?", jammerte er leise.
Gehetzt sah er sich um, auch wenn er nicht wirklich glaubte, dass der Gerüstete ihm folgen würde, ging noch einige Meter weiter in den Wald und ließ sich im Sichtschutz der Bäume auf einen umgestürzten Stamm fallen.
Sowas... nicht, dass in diesen Höhlen, in denen man die Hand so gut wie nicht vor Augen sah, es nicht schlimm genug war, auf eigene Faust Menschenfresser zu jagen, um letztlich einige Taler zu sparen, nein... menschliche Schritte waren dabei eigentlich schlimmer als selbst die knöchernen Varianten weiter oben. "Du machst dir doch eigentlich in die Beinkleider, egal vor was", fuhr ihm ein mürrischer Gedanke durch den Sinn. Egal. Die Sorge war berechtigt gewesen.
Nicht, dass das "Dem All-Einen zum Gruße" ihn störte - das hörte er nun wahrlich oft genug, kam eben vor, wenn man im Hafenviertel Rahals sein Dasein fristete. Nein, das Gespräch, das sich entsponnen hatte, fügte sich nahtlos in weitere bisherige Erfahrungen mit den Bewohnern Rahals ein.
Vermutlich sah der Rahaler diese dunklen Tunnel wohl als sein Revier an. Lorn hatte sich nun wirklich höflich bemüht... - gut, vermutlich wieder viel zu eingeschüchtert... "Harch, du lässt dir aber das 'Opfer' auch jedes mal auf der Stirn stehen!", klang es wieder mürrisch, doch diesmal widersprach er sich selbst: "Was bin ich denn wohl sonst in ein paar Stücken Rehleder mit - oho! - einer ganzen Hose und Armlingen aus Ogerhaut?! Na? Richtig! Opfer!"
Ja, und fast wär er wohl noch viel mehr Opfer gewesen, ausgeplündert, und das da unten! Wenn... wenn der Mann nicht sogar... noch was ganz anderes gemeint hatte...
"Hm... meint Ihr denn, dass Ihr stört?", war letztlich eine der mehreren Fangfragen, die eine ganz und gar ungute Richtung nahmen.
"Weiß nicht?", hatte er verunsichert zurück gefragt, "Wollt Ihr das Leder?"
Das Lachen des Kriegers diente dank seines Klanges nicht dazu, die Lage zu entspannen. "Meint Ihr, ob ich selbst welches jagen möchte... oder ob ich Eures möchte?"
Nein, das war eine wirklich ganz und gar nicht gute Richtung! Lorn schluckte: "Äh... äh... ährsteres"
Er konnte kaum was sehen, es war viel zu dunkel hier unten, aber wenn er sich nicht täuschte, dann bewegte sich an diesem noch schwärzeren Schatten als der restlichen Dunkelheit hier unten eine Hand an der Waffe. Nicht gut. Gar nicht gut.
"Und... was macht Euch so sicher, dass es nicht zweiteres sei?"
Der Versuch einer vorsichtigen... naja, Gegenwehr konnte man es nicht nennen... Korrektur? "Also, was ich meine... und wonach.. Ihr fragtet, war... ersteres."
"Ah... nun... und was wenn ich sagen würde, dass aber letzteres zutreffen sollte?"
Ob der Krieger wirklich nur das Leder meinte, das Lorn am Leibe trug? Oder sollte es ihm hier weit schmerzlicher im übertragenen Sinne ans Leder gehen? "Ich muss hier weg...", dachte er verängstigt, "was stehst du hier, bis er dir diesen Säbel über- und deine Haut ab zieht?"
"Dann...", erwiderte Lorn bedächtig und ließ eine Kunstpause, als müsse er sehr sorgfältig die nächsten Worte überlegen - zu mehr sollte es aber nicht kommen.
Der Rahaler konnte tatsächlich bloß noch dem feigen Schneiderlein nach sehen, wie der plötzlich die Beine in die Hand nahm, sich seitlich an dem Krieger mit möglichst viel Abstand vorbei duckte und rannte, was er konnte, panisch darauf achtend, bei seinem Glück nicht auch noch einen Felsen im Weg zu übersehen und lang hinzuschlagen oder sich gar am nächsten Stalagmiten aufzuspießen. Die Skelette klapperten im Luftzug des an ihnen vorbei rauschenden Laienschützen.
Und nun saß er hier. "Toll. Ganz toll."
Lorn zog den Helm ab und pfefferte ihn lustlos auf den Boden, hockte auf dem Stamm und ließ die Schultern hängen. "Diese Stadt wird noch mein Grab." Hatte es ihn zuerst noch angelockt, dass in Rahal wenigstens nicht wie in Bajard Wölfe und andere wilde Tiere frei über die Wege liefen und dass man im Hafenviertel scheinbar als einziges in allen Ortschaften nicht nach einem Bürgerbrief fragte, wenn man ein Dach über dem Kopf wollte, so schien absehbar, dass die Schwierigkeiten ganz woanders lagen.
Rahal war verhasst, und es war schon eine Nervenzerreißprobe gewesen, sich auf Menek'Ur in blumigsten Worten anzuhören, was man dort mit Rahalern anstellte... hinter einer Echse hergezogen die Gassen längs zu Tode geschleift, ersäuft, in die Schlangengrube geworfen, oder was nicht noch alles... brr! Lorn hatte nicht dabei den Eindruck gehabt, dass es die interessierte, ob er nur aus Not im Hafenviertel wohnte oder nicht. Immerhin hakten sie nicht weiter nach, als er einigermaßen glaubwürdig stammelte, in der "schlummernden Jungfrau" von Bajard zu wohnen.
Im Hafenviertel war er aber auch nicht sicher.
Eine dieser Letharen hatte ihm schon nur mässig durch die Blume gedroht, ihn zu töten, wenn er nicht ihren Ansprüchen gemäß - wie auch immer diese Ansprüche aussehen sollten - ein paar Halstücher nähte. Halstücher! Wegen einem fehlerhaften Halstuch umgebracht! Das fehlte noch.
"Und da dachte ich, wegen verdorbenen Tuches vom Eigner halb tot geschlagen zu werden, sei... naja, so kann's gehen. Ich glaube, das nennt man vom Regen in die Traufe." Seufzen.
Und dann seine neue... Stammkundin. So schien es. Ritterin Alatars. Hauptmann der rahaler Garde. Warum um aller Götter willen hatte die sich ins Hafenviertel verirrt? "Haben die keine Schneider in der Stadt?" Doch, hatten sie, eine war gleich vor dem Tor, wenn man vom Hafen zum Markt wollte, aber.. wer wusste schon, was diese Menschen trieb.
Und statt wilder Tiere auf den Straßen waren durch die Gassen des Hafenviertels riesige Krakenviecher gekrochen und hätten fast sein Schaf gefressen. Tagelang hatte er hinter vernagelten Fenstern und Türen gehaust. Dann war gar in der Stadt so ein feuriges Flattervieh ein paar Tage lang gewesen, zum Glück hatte man das umgehen können...
Seine Gedanken schweiften zurück zu Ritterin Swynedd, wie sie beim ersten Besuch sein Kinn gepackt und sein Gesicht studiert hatte, wie man ein Insekt eingehend betrachtete. Die Botschaft dahinter war unmißverständlich: "Ich hab mir dein Gesicht gemerkt."
Inzwischen war es so weit gediehen, dass sie ihn wegen irgend eines Auftrages unter vier Augen sprechen wollte, und die Angst wuchs, dass er eines Tages versagen würde, irgendwo einen Fehler machen, und wegen ein paar falsch gesetzter Stiche... er wollte sich lieber nicht ausmalen, was dann passieren würde und tat es trotzdem.
Konnte er überhaupt noch weg? Er hatte von einem Häuschen irgendwo draußen geträumt, aber was, wenn man ihn fände?
Trübsinnig starrte er vor sich hin. "Warum immer ich?", jammerte er leise.