Der Weg von Sonne und Meer
Verfasst: Sonntag 20. März 2011, 03:37
1. Eine Insel wie aus einem Traum
Der Küstenwind zauste dem neunjährigen Mädchen mit der bläulichen schimmernden Stammesbemalung durch das hüftlange, maronenfarbene Haar. Große, meerblaue Kinderaugen suchten den Horizont weit im Inneren des Meeres ab, durchkämmten die Weite der See, keinen Fleck auslassend, voller Hoffnungen und Wünsche. Karawyn liebte diese rauen, doch warmen Tage auf Laerdomn, der kleinen, südwestlichen Insel auf der der Stamm Llewean lebte. Auch wenn ihre Mutter liebevoll betonte, dass der aufbrausende, weltoffene Geist ihres Vaters das Haar erstrahlen ließ, nachdem doch sonst alle der Lleweani eher dunkle Lockenpracht am Kopf trugen, war dies einfach ihre Heimat.
Doch so unrecht hatte ihre Mutter Seryn nicht, denn während die anderen Mädchen in ihrem Alter aus den bunten Blumen der Insel gerne Kränze flochten oder die türkisen Meeresperlen zu Bändern verwebten, zog es Karawyn fort, ans Wasser, wo sie stundenlang verweilen, dem Meer lauschen und von fernen Landen träumen konnte, welche ihr Vater nun bestimmt besuchen würde. Manchmal, wenn der kleine sorglose Wirbelwind nicht gerade auf einer Palme saß oder vom Strand aus den vorbeisegelnden Wolken zusah, fand man sie mit den Jungen beim Tauchen nach Perlen aus den Tiefen der Lagune, die man nur mit einem Sprung von den Klippen erreichen konnte. Ihre Mutter würde es nicht gutheißen, aber sie erzählte ihr nie davon... um ihr keine Sorgen zu bereiten.
"Caer (=Vater)...", flüsterte das Mädchen jeden Tag in den Wind hinein und hoffte inständig, dass der Strom der Bö die Worte zu ihrem Vater trüge um ihn nach Hause zu führen. Es war etwas merkwürdig, dass ein kleines Mädchen nach einer Person, die sie nie kennen gelernt hatte, sehnen konnte, war Karawyns Vater doch ein Seemann, der die kleine Insel nur ein einziges Mal besucht hatte. Doch irgendwie wusste sie, dass er ein wunderbarer Mensch sein musste und so wünschte sie sich jeden Tag aufs Neue in der Ferne die Masten eines Schiffes zu erblicken, das ihren Vater zu ihr tragen sollte.
Karawyn blinzelte stutzig, als sich an jenem Tage tatsächlich der massige Schatten eines Dreimasters am Rand ihres Blickfeldes auf die Insel zuschob. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie konnte ihr plötzliches Glück kaum fassen. Mit beiden Armen wild winkend und rufend rannte das kleine Mädchen zu der flacheren Küstenstelle, um den Seefahrern zu zeigen, wo sie anlegen konnten. Ein Fehler, für den sie sich später schwere Vorwürfe machen sollte.
[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/200311034548_Unbenannt.jpg[/img]
Ein lauter, panischer Schrei ertönte aus der Rhuile (= Holzhütte für Gäste und Tafel für die höher gestellten Stammesmitglieder) und ließ sowohl Seryn, als auch ihre Tochter zusammenzucken. Karawyn zog am Ärmel des weiten Leinengewandes ihrer Mutter.
"Cirin (=Mutter), lass uns nachsehen, das klang nach Ilyees, der Frau des Häuptlings.", drängte die Kleine.
"Nein, hör mir gut zu, mein kleine Wynia (=Tochter), geh zurück zu unserer Hütte und komm erst wieder heraus, wenn ich dich rufe. Vorher machst du sie für niemanden auf, hast du verstanden? Für niemanden!"
Karawyn begriff nicht, warum ihre Mutter sie fortsenden und sich alleine der Gefahr stellen wollte, doch etwas in ihrer Stimme, ließ das Kind gehorchen... zumindest vorerst, ließ sie warten und verharren, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschte, als zu sehen, was da passierte… und wer die geheimnisvollen… Besucher… waren.
Die Stimmen draußen wuchsen zum Getöse. Manche lachten laut und gehässig, andere schrien voller Angst und Schmerz. Am schlimmsten fand Karawyn das hilflose Plärren der Kleinsten und fest presste sie sich die schmalen Hände auf die Ohren. Kein Laut hätte die plötzliche Stille durchdringen können, keiner außer einer einzigen Stimme, einer Stimme, deren Schrei sie bis ins Mark erschütterte. Wie vom Blitz getroffen zuckte das Mädchen zusammen und sprang auf - sie war sich sicher ihre Mutter schreien gehört zu haben. Der Schrei war keineswegs der Ruf nach dem Kinde und sie wusste, dass sie im Haus hätte bleiben müssen, doch die zitternde Angst in ihres Mutters Stimme erschütterte das Mädchen zutiefst und ließ alle Vorsicht schwinden. Karawyn riss die Türe auf, rannte auf den Dorfplatz und was sie dort erblickte, war schlimmer als alles Grauen, schlimmer als alles, was die kleine Meeresprinzessin je gesehen hatte:
Einige der Männer hatten ihre Hosen herabgelassen und drückten die schreienden, jungen Mädchen des Dorfes herab zu Boden. Weiter hinten lagen die Männer und Alten gefesselt bei den Bänken oder reglos im Sande zwischen den Palmen. Zwei bullige Kerle mit schmutzigem, strähnigem Haar hatten die kleineren Kinder gepackt und trugen sie in Richtung Schiff. Mit Tränen in den Augen entdeckte sie da auch ihre Mutter, welche wild mit einem hämisch grinsenden Seemann rang. Ohne weiter nachzudenken, trugen sie die Beine auf die grässliche Szenerie zu, doch noch ehe sie die Mutter erreichte, packte sie eine kräftige Hand mitten im Sprung und riss das Mädchen aus der Luft heraus in eine feste Umarmung. Karawyn schrie aus Leibeskräften.
"Naaa, wenn das nicht unser Empfangskomitee ist. Ein arg hübsches Ding, die Kleine.", ein fauliges, halb zahnloses Grinsen bleckte der Fremde ihr entgegen, wettergegerbt und pockennarbenverseucht. "Goldbraunes Haar für goldenen Preis... nicht so wie die anderen Wilden hier." Dabei schüttelte er das Mädchen, als wäre sie ein Sack Kartoffeln oder eine andere Ware, die zum Verkauf feilgeboten wird. Sein Atem, mit dem er ihr ins Gesicht atmete, stank faulig wie verrottetes Brot.
"Für dich krieg ich n ganzes Fass voll Fusel und best..."
Gleichzeitig mit dem plötzlichen Knall und den Tonscherben, welche nun über seinen Schädel kullerten, verstummte der grässlich stinkende Mund und der Kerl sackte zusammen, mit ihm auch das penetrante, sabbernde Lächeln. Doch Karawyn wurde von sanften, ihr allzu bekannten Armen aufgefangen. Vorsichtig setzte Seryn ihre Tochter ab und trat einen Schritt zurück, so dass ihr Blick auf das Antlitz des Kindes sah. Unendliche Trauer und Angst glommen in den braunen Augen auf, die Lippen, die Karawyns so ähnlich waren lächelten sacht, doch diese Angst betraf ihr Kind, ihr Leben, ihr Schicksal. Noch ehe die Kleine etwas sagen konnte, verwandelte sich die Angst in Verwunderung und Schmerz. Langsam blickten beide an Seryns schlanken Körper herab, durch dessen Mitte ein langer, blutbefleckter Säbel gedrungen war. Mit einem leisen Seufzen sank Seryn zu Boden, als das Licht aus den warmen und unendlich gütigen Augen verschwand und ihr Lächeln wie eine Blume verfiel.
"Bist du des Wahnsinns? Die war doch erste Wahl... gute Ware. Viel verlorenes Gold!", schmetterte eine Stimme, während sich eine andere sofort rechtfertigte:
"Die Schlampe hatte doch ne Waffe, sonst wäre Milosch nich‘ so leicht zu Boden gegang’n wie ‘n nasser Sack toter Ratten.."
"Du Sohn einer schwachsinnigen, blinden Hündin!", erschall die Erste, "Das Weib hatte doch nichts weiter als einen Weinkrug über seinen Saufkopf gezunden. Der wacht schon wieder auf... aber sie nicht!"
Vielleicht war es dieses kaltschnäuzige vernichtende Urteil oder der starre, tote Blick ihrer Mutter, vielleicht auch das gleichmütige "Oh... naja, egal. Gibt ja genug davon.", welches der Säbelträger von sich gab, das Karawyns Feuer lichterloh entfachte und das kleine Mädchen mit einem Kriegsschrei auf den Mörder stürzen ließ. Doch noch ehe die erste Faust sich in dessen Gesicht bohren konnte, traf sie etwas hart am Hinterkopf und die Welt wurde schwarz… und kalt… und leer.
-------------------------------
2 Jahre später...
„Du wirst so lange üben, bis deine Bewegungen vollkommen sind.. es muss elegant aussehen, leicht wie der Flug einer Feder im Wind und schön wie die Wüstenblumen, die so selten sind und nur zur Regenzeit erblüh’n.“
Die schlanke Mädchengestalt nickte kaum merklich bevor sie die eine Handwieder über den Kopf führte und die Hüfte wie eine Palme im Lufthauch wiegen ließ, die nackten schlanken Füße sich rhytmisch bewegend, während die am Rand des Rockes befestigten Glöckchen klingelten.
„Eleganter… die einzelnen Figuren müssen viel weicher ineinander über gehen… nochmal!“ klang die schneidende Stimme erneut vom anderen Ende des Raumes.
Die Trommel pulsierte weder im nur kurz unterbrochenen Takt, fesselnd, beinahe wie der Schlag eines Herzens. Karawyn legte noch mehr Eleganz in ihren Tanz, die einzelnen Schritte so genau, wie nur irgendwie möglich, und diesmal wurde sie vorerst nicht unterbrochen. Leichtfüßig wie nie zuvor drehte sie sich, ließ die Locken fliegen und als sie die Augen schloss, war es beinahe wie auf Laerdomn, konnte sie die Sommerbrise in ihrem Nacken spüren, das Rauschen der wellen hören… sie wollte sich umdrehen um ihre Mutter anzulächeln, doch als sie die Augen öffnete, verklang die schöne Erinnerung und sie blickte in die beinahe schwarz glimmenden Kohlestückchen der einstmals schönen Haremsvorsteherin.
„Wenn du träumen kannst, kannst du auch noch mehr üben… Solange bis du den Tanz der sieben Schleier beherrscht!“ schnarrte sie Karawyn an.
Und so tanzte sie, bewegte sich, wie ihr geheißen, auch wenn sie keinen Sinn dahinter sah, diesen komplexen Tanz zu lernen, keine Veranlassung dazu sah, sich jeden Tag zu parfümieren oder die Abläufe der Massagen einzuüben.
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Nach der Entführung vor zwei Jahren lebte sie nun hier, auf diesem für sie namenlosen Eiland, das alle nur „Die Oase“ nannten. Zusammen mit den anderen, übrig gebliebenen Kindern, mit ihrer Cousine Illyeon und den wenigen jüngeren Mädchen hatte sie hier ein Zuhause gefunden. In den ersten einsamen Nächten, ganz alleine, hatte sie dort in den roten Samtkissen des verschlossenen Raumes gesessen, im Heiligtum des Harems und hatte bitterliche Tränen vergossen, doch als sie die Augen der anderen Kinder gesehen hatte, biss sie die Zähne zusammen, richtete die niedergeschlagene Seele auf und kämpfte… still wie das ruhige Wasser, das alles zerstören konnte, wenn es nur genug Zeit hatte.
An einem besonders schönen lauen Sommerabend dann erklang die Stimme der Haremsmutter durch die schleierverhangenen Gemächer
"Kara, der Tanzunterricht ist aus für heute zu Ende. Geh dich salben und dein Haar bürsten bis es glänzt und mach dich zurecht. Ein Gast des hohen Herren selbst ist hier für den du deine Kunstfertigkeit im Tanz beweisen sollst. Eil dich!", meckerte sie erneut und in Kara wuchs eine kleine Hoffnung. Vortanzen könnte Arbeit bedeuten, Arbeit bedeutete Geld und das wiederum vielleicht eines Tages die Freiheit für sie und die anderen Kinder. Zuversichtlich lächelte sie ihnen entgegen und spürte wie sie sich beruhigten… sie hatte Vertrauen in sie und das wollte sie nicht enttäuschen.
"Bis heute Abend...", flüsterte sie und warf das lange Haar über die Schulter, einen Blick auf die anderen zurückwerfend.
Wie Unrecht sollte sie auch diesmal haben!
Zurecht gemacht, in einem meerblauen, schulterfreiem Tanzkleid aus feinster Seide bestickt mit kleinen Wellenmotiven, das Haar in leichten Wellen über den Rücken fallend und einen hoffnungsvollen Glanz in den Augen, betrat sie den mit Kissen ausgelegten, großen Empfangsraum. Ein prasselndes Feuer im massigen Kamin erhitzte die große Halle und der schwere Duft von allerlei berauschendem Kraut schwebte durch die Luft. Ein Hüsteln unterdrückend bahnte Kara sich den Weg nach vorne zu dem großen Diwan, auf dem ihr Herr, Rahesh Chalim Ishtez thronte und mit einem wölfischen Lächeln einen schmerbäuchigen, reich gekleideten Herren umschmeichelte. Rahesh, ein gutaussehender, schlanker und hochgewachsener Mann war seit vielen Jahren Herr der Oase, des wohlgerühmten Harems auf den Meeren. Die weißen Strähnen zwischen den tiefschwarzen Haaren gaben ihm ein altehrwürdiges Aussehen, das bartlose Kinn machte es schwierig ihn auf ein genaues Alter festzulegen. Der dickbäuchige, der selbstverliebt auf einem Berg Kissen lag, starrte aus triefenden Schweinsäuglein zu der kleinen, herausgeputzten Gestalt, die vollen beinahe wulstigen Lippen hatten sich zu einem feisten Grinsen verzogen.
"Sssehr söööhn, wirklichh.", lispelte er und achtete nicht auf seine spuckende Aussprache.
"Wie alt chhhabt Ihr nochmal gesssagt?"
Rahesh bedachte Kara nur mit einem einzigen Blick, der fast so etwas wie Bedauern aussprach, ehe er sich galant wieder zu seinem Geschäftspartner wandte.
"Kara wird in ein paar Tagen zwölf."
Begeistert klatschte der Dicke mit seinen beringten Wurstfingerchen und sprach ein Urteil, dass Kara noch einmal tiefer herabzerren sollte:
"Wunderfffein, gekauft! Ssie ist doch noch überührt.. nichhhht?"
Rahesh verzog zwar leicht den Mund, in seinem Gesicht, das er von dem Gast für einen Moment abwandte, zeigte sich ein Anflug von Missbilligung, bevor er schließlich doch nickte und sich ein weiteres Lächeln abrang.
"Söööhn, söööhn. So mag ichh sssie am liebssten.", kicherte Minkhar und sein Doppelkinn wippte wie eine Schale Pudding umher, "Brennt ihr mein Sssiegel auf und safft sie dann nach Rahal um sssie sspärlicher einzukleiden. Aber wehe ihr nehmt dann nicht dasss ersste Schiff zzsu meiner Burg. Ich möchhhte das Ssspielzzseug nichht zzsu lange missssen."
Erschrocken, die Worte noch immer nicht recht verstehend, fuhr Kara, ihre Augen groß wie Unterteller und das schmale Gesicht voller Schock, herum, als zwei kräftige Wächter ihre schmalen Arme packten und sie zum einzigen Tisch in der Mitte des Raumes drängten. Man drückte sie, die nun empört aufschrie, bettelte und verzweifelt versuchte Raheshs Blick aufzufangen, mit Gewalt auf die Platte und in dem Moment, in dem sich ihr "Herr" gänzlich von ihr abwandte, hörte sie das Zischen im Rücken, gefolgt von einem erniedrigenden, sengenden Schmerz, als glühendes Metall ein Siegel auf ihre rechte Schulter brannte. Und wieder wurde die Welt um Karawyn ein Stückchen dunkler.
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Die nächsten Tage, vielleicht Wochen verschwanden in einem Meer aus Schmerzen, Fieber und Hitze, als glühten ihre Schultern noch immer unter dem heißen Metall nach. Sie glaubte Rahesh gehört zu haben, der ihr zugeflüstert habe, dass sie zumindest ein Leben ohne Hunger zu erwarten habe, wenn sie sich nicht dumm anstellte. Auch das geifernde Kichern des dicken Minkhars hatte sie mehr als einmal im Nacken gespürt. Als sie jedoch wieder etwas mehr zu sich kam und ihre Umgebung wahrnehmen konnte, war weder der Schmerbauch, noch Rahesh, noch die Insel mit den Kindern irgendwo zu erblicken. Sie befand sich auf einem Schiff und meinte sich düster daran zu erinnern, dass man von irgendeiner dunklen, großen Stadt aus den Segler betreten hatte, um zur Burg ihres neuen, widerwärtigen Besitzers zu gelangen.
Das erste Mal spürte sie Tränen in den Augen und die Verzweiflung und betrachtete stumm die feinen, silbrigen Kettenfesseln um Hände und Füße, welche ihr nur wenige, kleine Schritte erlaubten. Doch dann gewahrte sie einen einfachen Leinenbeutel, der neben ihrer Pritsche stand. Schniefend und wimmernd unter dem Schmerz der Bewegungen öffnete sie den Knoten, um nur im nächsten Moment gerührt zu seufzen. Im Inneren der Tasche befand sich nebst ihrer wenigen, belanglosen Habseligkeiten eine kleine Kette, deren Anhänger eine einzelne, meerblaue Perle war. Eine Perle, wie es sie nur auf Laerdomn gab. Jene Perle, die Karawyn selbst aus den Tiefen des Riffs vor Laerdomn hervorgeholt hatte, jenes Kleinod, das ihr geblieben war von der geliebten Heimat, von den unendlich blau-grünen Meeren von den weiten Sandstränden mit den hohen Palmen und der in den Weiten verlorenen Inseln, die einst ihr Zuhause war. Ein weiteres Mal in ihrem Leben, erwachte das seltsame Feuer...
"Heda, Mädchen. Was machste hier auf m Deck? Sollst doch unten bleiben, sonst kommste noch kränker an, als jetzt schon." Die Stimme des Matrosen, einem wettergegerbten alten Seebären, klang ehrlich besorgt und dennoch ließ sie sich nicht zurückdrängen, sondern spürte ihren alten Freund, den Wind, in den Haaren und blickte mit verträumten Augen zum Sprecher auf.
"Ich möchte doch nur das Meer sehen... noch ein einziges, letztes Mal." hauchte sie ihm entgegen und spürte förmlich wie dem Seebären das Herz aufging.
"S Meer, hm? Na gut, ist schon ne Pracht. Ich geb dir n paar Augenblicke, dann biste wieder unten, klar?"
Lächelnd trippelte sie ob der Fesseln gen Rehling und spürte die kleine Perle unter dem Tanzkleidchen, nahe des Herzens. Sie wusste, es war ihm Gegenüber nicht gerecht, er würde dafür seinen Kopf hinhalten müssen oder schlimm gefoltert werden, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Immer noch lächelnd stürzte sie sich über die Brüstung und versank in den eisigen, doch kühlenden Tiefen.
"Mann... Mädchen... Mädchen über Bord! Herrjeh, die Kleine wird mit den Fesseln ersaufen!" waren die Worte, die sie begleiteten und Kara tauchte unter und schwamm um ihr Leben.
Der Küstenwind zauste dem neunjährigen Mädchen mit der bläulichen schimmernden Stammesbemalung durch das hüftlange, maronenfarbene Haar. Große, meerblaue Kinderaugen suchten den Horizont weit im Inneren des Meeres ab, durchkämmten die Weite der See, keinen Fleck auslassend, voller Hoffnungen und Wünsche. Karawyn liebte diese rauen, doch warmen Tage auf Laerdomn, der kleinen, südwestlichen Insel auf der der Stamm Llewean lebte. Auch wenn ihre Mutter liebevoll betonte, dass der aufbrausende, weltoffene Geist ihres Vaters das Haar erstrahlen ließ, nachdem doch sonst alle der Lleweani eher dunkle Lockenpracht am Kopf trugen, war dies einfach ihre Heimat.
Doch so unrecht hatte ihre Mutter Seryn nicht, denn während die anderen Mädchen in ihrem Alter aus den bunten Blumen der Insel gerne Kränze flochten oder die türkisen Meeresperlen zu Bändern verwebten, zog es Karawyn fort, ans Wasser, wo sie stundenlang verweilen, dem Meer lauschen und von fernen Landen träumen konnte, welche ihr Vater nun bestimmt besuchen würde. Manchmal, wenn der kleine sorglose Wirbelwind nicht gerade auf einer Palme saß oder vom Strand aus den vorbeisegelnden Wolken zusah, fand man sie mit den Jungen beim Tauchen nach Perlen aus den Tiefen der Lagune, die man nur mit einem Sprung von den Klippen erreichen konnte. Ihre Mutter würde es nicht gutheißen, aber sie erzählte ihr nie davon... um ihr keine Sorgen zu bereiten.
"Caer (=Vater)...", flüsterte das Mädchen jeden Tag in den Wind hinein und hoffte inständig, dass der Strom der Bö die Worte zu ihrem Vater trüge um ihn nach Hause zu führen. Es war etwas merkwürdig, dass ein kleines Mädchen nach einer Person, die sie nie kennen gelernt hatte, sehnen konnte, war Karawyns Vater doch ein Seemann, der die kleine Insel nur ein einziges Mal besucht hatte. Doch irgendwie wusste sie, dass er ein wunderbarer Mensch sein musste und so wünschte sie sich jeden Tag aufs Neue in der Ferne die Masten eines Schiffes zu erblicken, das ihren Vater zu ihr tragen sollte.
Karawyn blinzelte stutzig, als sich an jenem Tage tatsächlich der massige Schatten eines Dreimasters am Rand ihres Blickfeldes auf die Insel zuschob. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie konnte ihr plötzliches Glück kaum fassen. Mit beiden Armen wild winkend und rufend rannte das kleine Mädchen zu der flacheren Küstenstelle, um den Seefahrern zu zeigen, wo sie anlegen konnten. Ein Fehler, für den sie sich später schwere Vorwürfe machen sollte.
[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/200311034548_Unbenannt.jpg[/img]
Ein lauter, panischer Schrei ertönte aus der Rhuile (= Holzhütte für Gäste und Tafel für die höher gestellten Stammesmitglieder) und ließ sowohl Seryn, als auch ihre Tochter zusammenzucken. Karawyn zog am Ärmel des weiten Leinengewandes ihrer Mutter.
"Cirin (=Mutter), lass uns nachsehen, das klang nach Ilyees, der Frau des Häuptlings.", drängte die Kleine.
"Nein, hör mir gut zu, mein kleine Wynia (=Tochter), geh zurück zu unserer Hütte und komm erst wieder heraus, wenn ich dich rufe. Vorher machst du sie für niemanden auf, hast du verstanden? Für niemanden!"
Karawyn begriff nicht, warum ihre Mutter sie fortsenden und sich alleine der Gefahr stellen wollte, doch etwas in ihrer Stimme, ließ das Kind gehorchen... zumindest vorerst, ließ sie warten und verharren, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschte, als zu sehen, was da passierte… und wer die geheimnisvollen… Besucher… waren.
Die Stimmen draußen wuchsen zum Getöse. Manche lachten laut und gehässig, andere schrien voller Angst und Schmerz. Am schlimmsten fand Karawyn das hilflose Plärren der Kleinsten und fest presste sie sich die schmalen Hände auf die Ohren. Kein Laut hätte die plötzliche Stille durchdringen können, keiner außer einer einzigen Stimme, einer Stimme, deren Schrei sie bis ins Mark erschütterte. Wie vom Blitz getroffen zuckte das Mädchen zusammen und sprang auf - sie war sich sicher ihre Mutter schreien gehört zu haben. Der Schrei war keineswegs der Ruf nach dem Kinde und sie wusste, dass sie im Haus hätte bleiben müssen, doch die zitternde Angst in ihres Mutters Stimme erschütterte das Mädchen zutiefst und ließ alle Vorsicht schwinden. Karawyn riss die Türe auf, rannte auf den Dorfplatz und was sie dort erblickte, war schlimmer als alles Grauen, schlimmer als alles, was die kleine Meeresprinzessin je gesehen hatte:
Einige der Männer hatten ihre Hosen herabgelassen und drückten die schreienden, jungen Mädchen des Dorfes herab zu Boden. Weiter hinten lagen die Männer und Alten gefesselt bei den Bänken oder reglos im Sande zwischen den Palmen. Zwei bullige Kerle mit schmutzigem, strähnigem Haar hatten die kleineren Kinder gepackt und trugen sie in Richtung Schiff. Mit Tränen in den Augen entdeckte sie da auch ihre Mutter, welche wild mit einem hämisch grinsenden Seemann rang. Ohne weiter nachzudenken, trugen sie die Beine auf die grässliche Szenerie zu, doch noch ehe sie die Mutter erreichte, packte sie eine kräftige Hand mitten im Sprung und riss das Mädchen aus der Luft heraus in eine feste Umarmung. Karawyn schrie aus Leibeskräften.
"Naaa, wenn das nicht unser Empfangskomitee ist. Ein arg hübsches Ding, die Kleine.", ein fauliges, halb zahnloses Grinsen bleckte der Fremde ihr entgegen, wettergegerbt und pockennarbenverseucht. "Goldbraunes Haar für goldenen Preis... nicht so wie die anderen Wilden hier." Dabei schüttelte er das Mädchen, als wäre sie ein Sack Kartoffeln oder eine andere Ware, die zum Verkauf feilgeboten wird. Sein Atem, mit dem er ihr ins Gesicht atmete, stank faulig wie verrottetes Brot.
"Für dich krieg ich n ganzes Fass voll Fusel und best..."
Gleichzeitig mit dem plötzlichen Knall und den Tonscherben, welche nun über seinen Schädel kullerten, verstummte der grässlich stinkende Mund und der Kerl sackte zusammen, mit ihm auch das penetrante, sabbernde Lächeln. Doch Karawyn wurde von sanften, ihr allzu bekannten Armen aufgefangen. Vorsichtig setzte Seryn ihre Tochter ab und trat einen Schritt zurück, so dass ihr Blick auf das Antlitz des Kindes sah. Unendliche Trauer und Angst glommen in den braunen Augen auf, die Lippen, die Karawyns so ähnlich waren lächelten sacht, doch diese Angst betraf ihr Kind, ihr Leben, ihr Schicksal. Noch ehe die Kleine etwas sagen konnte, verwandelte sich die Angst in Verwunderung und Schmerz. Langsam blickten beide an Seryns schlanken Körper herab, durch dessen Mitte ein langer, blutbefleckter Säbel gedrungen war. Mit einem leisen Seufzen sank Seryn zu Boden, als das Licht aus den warmen und unendlich gütigen Augen verschwand und ihr Lächeln wie eine Blume verfiel.
"Bist du des Wahnsinns? Die war doch erste Wahl... gute Ware. Viel verlorenes Gold!", schmetterte eine Stimme, während sich eine andere sofort rechtfertigte:
"Die Schlampe hatte doch ne Waffe, sonst wäre Milosch nich‘ so leicht zu Boden gegang’n wie ‘n nasser Sack toter Ratten.."
"Du Sohn einer schwachsinnigen, blinden Hündin!", erschall die Erste, "Das Weib hatte doch nichts weiter als einen Weinkrug über seinen Saufkopf gezunden. Der wacht schon wieder auf... aber sie nicht!"
Vielleicht war es dieses kaltschnäuzige vernichtende Urteil oder der starre, tote Blick ihrer Mutter, vielleicht auch das gleichmütige "Oh... naja, egal. Gibt ja genug davon.", welches der Säbelträger von sich gab, das Karawyns Feuer lichterloh entfachte und das kleine Mädchen mit einem Kriegsschrei auf den Mörder stürzen ließ. Doch noch ehe die erste Faust sich in dessen Gesicht bohren konnte, traf sie etwas hart am Hinterkopf und die Welt wurde schwarz… und kalt… und leer.
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2 Jahre später...
„Du wirst so lange üben, bis deine Bewegungen vollkommen sind.. es muss elegant aussehen, leicht wie der Flug einer Feder im Wind und schön wie die Wüstenblumen, die so selten sind und nur zur Regenzeit erblüh’n.“
Die schlanke Mädchengestalt nickte kaum merklich bevor sie die eine Handwieder über den Kopf führte und die Hüfte wie eine Palme im Lufthauch wiegen ließ, die nackten schlanken Füße sich rhytmisch bewegend, während die am Rand des Rockes befestigten Glöckchen klingelten.
„Eleganter… die einzelnen Figuren müssen viel weicher ineinander über gehen… nochmal!“ klang die schneidende Stimme erneut vom anderen Ende des Raumes.
Die Trommel pulsierte weder im nur kurz unterbrochenen Takt, fesselnd, beinahe wie der Schlag eines Herzens. Karawyn legte noch mehr Eleganz in ihren Tanz, die einzelnen Schritte so genau, wie nur irgendwie möglich, und diesmal wurde sie vorerst nicht unterbrochen. Leichtfüßig wie nie zuvor drehte sie sich, ließ die Locken fliegen und als sie die Augen schloss, war es beinahe wie auf Laerdomn, konnte sie die Sommerbrise in ihrem Nacken spüren, das Rauschen der wellen hören… sie wollte sich umdrehen um ihre Mutter anzulächeln, doch als sie die Augen öffnete, verklang die schöne Erinnerung und sie blickte in die beinahe schwarz glimmenden Kohlestückchen der einstmals schönen Haremsvorsteherin.
„Wenn du träumen kannst, kannst du auch noch mehr üben… Solange bis du den Tanz der sieben Schleier beherrscht!“ schnarrte sie Karawyn an.
Und so tanzte sie, bewegte sich, wie ihr geheißen, auch wenn sie keinen Sinn dahinter sah, diesen komplexen Tanz zu lernen, keine Veranlassung dazu sah, sich jeden Tag zu parfümieren oder die Abläufe der Massagen einzuüben.
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Nach der Entführung vor zwei Jahren lebte sie nun hier, auf diesem für sie namenlosen Eiland, das alle nur „Die Oase“ nannten. Zusammen mit den anderen, übrig gebliebenen Kindern, mit ihrer Cousine Illyeon und den wenigen jüngeren Mädchen hatte sie hier ein Zuhause gefunden. In den ersten einsamen Nächten, ganz alleine, hatte sie dort in den roten Samtkissen des verschlossenen Raumes gesessen, im Heiligtum des Harems und hatte bitterliche Tränen vergossen, doch als sie die Augen der anderen Kinder gesehen hatte, biss sie die Zähne zusammen, richtete die niedergeschlagene Seele auf und kämpfte… still wie das ruhige Wasser, das alles zerstören konnte, wenn es nur genug Zeit hatte.
An einem besonders schönen lauen Sommerabend dann erklang die Stimme der Haremsmutter durch die schleierverhangenen Gemächer
"Kara, der Tanzunterricht ist aus für heute zu Ende. Geh dich salben und dein Haar bürsten bis es glänzt und mach dich zurecht. Ein Gast des hohen Herren selbst ist hier für den du deine Kunstfertigkeit im Tanz beweisen sollst. Eil dich!", meckerte sie erneut und in Kara wuchs eine kleine Hoffnung. Vortanzen könnte Arbeit bedeuten, Arbeit bedeutete Geld und das wiederum vielleicht eines Tages die Freiheit für sie und die anderen Kinder. Zuversichtlich lächelte sie ihnen entgegen und spürte wie sie sich beruhigten… sie hatte Vertrauen in sie und das wollte sie nicht enttäuschen.
"Bis heute Abend...", flüsterte sie und warf das lange Haar über die Schulter, einen Blick auf die anderen zurückwerfend.
Wie Unrecht sollte sie auch diesmal haben!
Zurecht gemacht, in einem meerblauen, schulterfreiem Tanzkleid aus feinster Seide bestickt mit kleinen Wellenmotiven, das Haar in leichten Wellen über den Rücken fallend und einen hoffnungsvollen Glanz in den Augen, betrat sie den mit Kissen ausgelegten, großen Empfangsraum. Ein prasselndes Feuer im massigen Kamin erhitzte die große Halle und der schwere Duft von allerlei berauschendem Kraut schwebte durch die Luft. Ein Hüsteln unterdrückend bahnte Kara sich den Weg nach vorne zu dem großen Diwan, auf dem ihr Herr, Rahesh Chalim Ishtez thronte und mit einem wölfischen Lächeln einen schmerbäuchigen, reich gekleideten Herren umschmeichelte. Rahesh, ein gutaussehender, schlanker und hochgewachsener Mann war seit vielen Jahren Herr der Oase, des wohlgerühmten Harems auf den Meeren. Die weißen Strähnen zwischen den tiefschwarzen Haaren gaben ihm ein altehrwürdiges Aussehen, das bartlose Kinn machte es schwierig ihn auf ein genaues Alter festzulegen. Der dickbäuchige, der selbstverliebt auf einem Berg Kissen lag, starrte aus triefenden Schweinsäuglein zu der kleinen, herausgeputzten Gestalt, die vollen beinahe wulstigen Lippen hatten sich zu einem feisten Grinsen verzogen.
"Sssehr söööhn, wirklichh.", lispelte er und achtete nicht auf seine spuckende Aussprache.
"Wie alt chhhabt Ihr nochmal gesssagt?"
Rahesh bedachte Kara nur mit einem einzigen Blick, der fast so etwas wie Bedauern aussprach, ehe er sich galant wieder zu seinem Geschäftspartner wandte.
"Kara wird in ein paar Tagen zwölf."
Begeistert klatschte der Dicke mit seinen beringten Wurstfingerchen und sprach ein Urteil, dass Kara noch einmal tiefer herabzerren sollte:
"Wunderfffein, gekauft! Ssie ist doch noch überührt.. nichhhht?"
Rahesh verzog zwar leicht den Mund, in seinem Gesicht, das er von dem Gast für einen Moment abwandte, zeigte sich ein Anflug von Missbilligung, bevor er schließlich doch nickte und sich ein weiteres Lächeln abrang.
"Söööhn, söööhn. So mag ichh sssie am liebssten.", kicherte Minkhar und sein Doppelkinn wippte wie eine Schale Pudding umher, "Brennt ihr mein Sssiegel auf und safft sie dann nach Rahal um sssie sspärlicher einzukleiden. Aber wehe ihr nehmt dann nicht dasss ersste Schiff zzsu meiner Burg. Ich möchhhte das Ssspielzzseug nichht zzsu lange missssen."
Erschrocken, die Worte noch immer nicht recht verstehend, fuhr Kara, ihre Augen groß wie Unterteller und das schmale Gesicht voller Schock, herum, als zwei kräftige Wächter ihre schmalen Arme packten und sie zum einzigen Tisch in der Mitte des Raumes drängten. Man drückte sie, die nun empört aufschrie, bettelte und verzweifelt versuchte Raheshs Blick aufzufangen, mit Gewalt auf die Platte und in dem Moment, in dem sich ihr "Herr" gänzlich von ihr abwandte, hörte sie das Zischen im Rücken, gefolgt von einem erniedrigenden, sengenden Schmerz, als glühendes Metall ein Siegel auf ihre rechte Schulter brannte. Und wieder wurde die Welt um Karawyn ein Stückchen dunkler.
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Die nächsten Tage, vielleicht Wochen verschwanden in einem Meer aus Schmerzen, Fieber und Hitze, als glühten ihre Schultern noch immer unter dem heißen Metall nach. Sie glaubte Rahesh gehört zu haben, der ihr zugeflüstert habe, dass sie zumindest ein Leben ohne Hunger zu erwarten habe, wenn sie sich nicht dumm anstellte. Auch das geifernde Kichern des dicken Minkhars hatte sie mehr als einmal im Nacken gespürt. Als sie jedoch wieder etwas mehr zu sich kam und ihre Umgebung wahrnehmen konnte, war weder der Schmerbauch, noch Rahesh, noch die Insel mit den Kindern irgendwo zu erblicken. Sie befand sich auf einem Schiff und meinte sich düster daran zu erinnern, dass man von irgendeiner dunklen, großen Stadt aus den Segler betreten hatte, um zur Burg ihres neuen, widerwärtigen Besitzers zu gelangen.
Das erste Mal spürte sie Tränen in den Augen und die Verzweiflung und betrachtete stumm die feinen, silbrigen Kettenfesseln um Hände und Füße, welche ihr nur wenige, kleine Schritte erlaubten. Doch dann gewahrte sie einen einfachen Leinenbeutel, der neben ihrer Pritsche stand. Schniefend und wimmernd unter dem Schmerz der Bewegungen öffnete sie den Knoten, um nur im nächsten Moment gerührt zu seufzen. Im Inneren der Tasche befand sich nebst ihrer wenigen, belanglosen Habseligkeiten eine kleine Kette, deren Anhänger eine einzelne, meerblaue Perle war. Eine Perle, wie es sie nur auf Laerdomn gab. Jene Perle, die Karawyn selbst aus den Tiefen des Riffs vor Laerdomn hervorgeholt hatte, jenes Kleinod, das ihr geblieben war von der geliebten Heimat, von den unendlich blau-grünen Meeren von den weiten Sandstränden mit den hohen Palmen und der in den Weiten verlorenen Inseln, die einst ihr Zuhause war. Ein weiteres Mal in ihrem Leben, erwachte das seltsame Feuer...
"Heda, Mädchen. Was machste hier auf m Deck? Sollst doch unten bleiben, sonst kommste noch kränker an, als jetzt schon." Die Stimme des Matrosen, einem wettergegerbten alten Seebären, klang ehrlich besorgt und dennoch ließ sie sich nicht zurückdrängen, sondern spürte ihren alten Freund, den Wind, in den Haaren und blickte mit verträumten Augen zum Sprecher auf.
"Ich möchte doch nur das Meer sehen... noch ein einziges, letztes Mal." hauchte sie ihm entgegen und spürte förmlich wie dem Seebären das Herz aufging.
"S Meer, hm? Na gut, ist schon ne Pracht. Ich geb dir n paar Augenblicke, dann biste wieder unten, klar?"
Lächelnd trippelte sie ob der Fesseln gen Rehling und spürte die kleine Perle unter dem Tanzkleidchen, nahe des Herzens. Sie wusste, es war ihm Gegenüber nicht gerecht, er würde dafür seinen Kopf hinhalten müssen oder schlimm gefoltert werden, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Immer noch lächelnd stürzte sie sich über die Brüstung und versank in den eisigen, doch kühlenden Tiefen.
"Mann... Mädchen... Mädchen über Bord! Herrjeh, die Kleine wird mit den Fesseln ersaufen!" waren die Worte, die sie begleiteten und Kara tauchte unter und schwamm um ihr Leben.