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Der Weg von Sonne und Meer

Verfasst: Sonntag 20. März 2011, 03:37
von Karawyn
1. Eine Insel wie aus einem Traum

Der Küstenwind zauste dem neunjährigen Mädchen mit der bläulichen schimmernden Stammesbemalung durch das hüftlange, maronenfarbene Haar. Große, meerblaue Kinderaugen suchten den Horizont weit im Inneren des Meeres ab, durchkämmten die Weite der See, keinen Fleck auslassend, voller Hoffnungen und Wünsche. Karawyn liebte diese rauen, doch warmen Tage auf Laerdomn, der kleinen, südwestlichen Insel auf der der Stamm Llewean lebte. Auch wenn ihre Mutter liebevoll betonte, dass der aufbrausende, weltoffene Geist ihres Vaters das Haar erstrahlen ließ, nachdem doch sonst alle der Lleweani eher dunkle Lockenpracht am Kopf trugen, war dies einfach ihre Heimat.

Doch so unrecht hatte ihre Mutter Seryn nicht, denn während die anderen Mädchen in ihrem Alter aus den bunten Blumen der Insel gerne Kränze flochten oder die türkisen Meeresperlen zu Bändern verwebten, zog es Karawyn fort, ans Wasser, wo sie stundenlang verweilen, dem Meer lauschen und von fernen Landen träumen konnte, welche ihr Vater nun bestimmt besuchen würde. Manchmal, wenn der kleine sorglose Wirbelwind nicht gerade auf einer Palme saß oder vom Strand aus den vorbeisegelnden Wolken zusah, fand man sie mit den Jungen beim Tauchen nach Perlen aus den Tiefen der Lagune, die man nur mit einem Sprung von den Klippen erreichen konnte. Ihre Mutter würde es nicht gutheißen, aber sie erzählte ihr nie davon... um ihr keine Sorgen zu bereiten.
"Caer (=Vater)...", flüsterte das Mädchen jeden Tag in den Wind hinein und hoffte inständig, dass der Strom der Bö die Worte zu ihrem Vater trüge um ihn nach Hause zu führen. Es war etwas merkwürdig, dass ein kleines Mädchen nach einer Person, die sie nie kennen gelernt hatte, sehnen konnte, war Karawyns Vater doch ein Seemann, der die kleine Insel nur ein einziges Mal besucht hatte. Doch irgendwie wusste sie, dass er ein wunderbarer Mensch sein musste und so wünschte sie sich jeden Tag aufs Neue in der Ferne die Masten eines Schiffes zu erblicken, das ihren Vater zu ihr tragen sollte.

Karawyn blinzelte stutzig, als sich an jenem Tage tatsächlich der massige Schatten eines Dreimasters am Rand ihres Blickfeldes auf die Insel zuschob. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und sie konnte ihr plötzliches Glück kaum fassen. Mit beiden Armen wild winkend und rufend rannte das kleine Mädchen zu der flacheren Küstenstelle, um den Seefahrern zu zeigen, wo sie anlegen konnten. Ein Fehler, für den sie sich später schwere Vorwürfe machen sollte.


[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/200311034548_Unbenannt.jpg[/img]


Ein lauter, panischer Schrei ertönte aus der Rhuile (= Holzhütte für Gäste und Tafel für die höher gestellten Stammesmitglieder) und ließ sowohl Seryn, als auch ihre Tochter zusammenzucken. Karawyn zog am Ärmel des weiten Leinengewandes ihrer Mutter.
"Cirin (=Mutter), lass uns nachsehen, das klang nach Ilyees, der Frau des Häuptlings.", drängte die Kleine.
"Nein, hör mir gut zu, mein kleine Wynia (=Tochter), geh zurück zu unserer Hütte und komm erst wieder heraus, wenn ich dich rufe. Vorher machst du sie für niemanden auf, hast du verstanden? Für niemanden!"
Karawyn begriff nicht, warum ihre Mutter sie fortsenden und sich alleine der Gefahr stellen wollte, doch etwas in ihrer Stimme, ließ das Kind gehorchen... zumindest vorerst, ließ sie warten und verharren, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschte, als zu sehen, was da passierte… und wer die geheimnisvollen… Besucher… waren.

Die Stimmen draußen wuchsen zum Getöse. Manche lachten laut und gehässig, andere schrien voller Angst und Schmerz. Am schlimmsten fand Karawyn das hilflose Plärren der Kleinsten und fest presste sie sich die schmalen Hände auf die Ohren. Kein Laut hätte die plötzliche Stille durchdringen können, keiner außer einer einzigen Stimme, einer Stimme, deren Schrei sie bis ins Mark erschütterte. Wie vom Blitz getroffen zuckte das Mädchen zusammen und sprang auf - sie war sich sicher ihre Mutter schreien gehört zu haben. Der Schrei war keineswegs der Ruf nach dem Kinde und sie wusste, dass sie im Haus hätte bleiben müssen, doch die zitternde Angst in ihres Mutters Stimme erschütterte das Mädchen zutiefst und ließ alle Vorsicht schwinden. Karawyn riss die Türe auf, rannte auf den Dorfplatz und was sie dort erblickte, war schlimmer als alles Grauen, schlimmer als alles, was die kleine Meeresprinzessin je gesehen hatte:
Einige der Männer hatten ihre Hosen herabgelassen und drückten die schreienden, jungen Mädchen des Dorfes herab zu Boden. Weiter hinten lagen die Männer und Alten gefesselt bei den Bänken oder reglos im Sande zwischen den Palmen. Zwei bullige Kerle mit schmutzigem, strähnigem Haar hatten die kleineren Kinder gepackt und trugen sie in Richtung Schiff. Mit Tränen in den Augen entdeckte sie da auch ihre Mutter, welche wild mit einem hämisch grinsenden Seemann rang. Ohne weiter nachzudenken, trugen sie die Beine auf die grässliche Szenerie zu, doch noch ehe sie die Mutter erreichte, packte sie eine kräftige Hand mitten im Sprung und riss das Mädchen aus der Luft heraus in eine feste Umarmung. Karawyn schrie aus Leibeskräften.

"Naaa, wenn das nicht unser Empfangskomitee ist. Ein arg hübsches Ding, die Kleine.", ein fauliges, halb zahnloses Grinsen bleckte der Fremde ihr entgegen, wettergegerbt und pockennarbenverseucht. "Goldbraunes Haar für goldenen Preis... nicht so wie die anderen Wilden hier." Dabei schüttelte er das Mädchen, als wäre sie ein Sack Kartoffeln oder eine andere Ware, die zum Verkauf feilgeboten wird. Sein Atem, mit dem er ihr ins Gesicht atmete, stank faulig wie verrottetes Brot.
"Für dich krieg ich n ganzes Fass voll Fusel und best..."
Gleichzeitig mit dem plötzlichen Knall und den Tonscherben, welche nun über seinen Schädel kullerten, verstummte der grässlich stinkende Mund und der Kerl sackte zusammen, mit ihm auch das penetrante, sabbernde Lächeln. Doch Karawyn wurde von sanften, ihr allzu bekannten Armen aufgefangen. Vorsichtig setzte Seryn ihre Tochter ab und trat einen Schritt zurück, so dass ihr Blick auf das Antlitz des Kindes sah. Unendliche Trauer und Angst glommen in den braunen Augen auf, die Lippen, die Karawyns so ähnlich waren lächelten sacht, doch diese Angst betraf ihr Kind, ihr Leben, ihr Schicksal. Noch ehe die Kleine etwas sagen konnte, verwandelte sich die Angst in Verwunderung und Schmerz. Langsam blickten beide an Seryns schlanken Körper herab, durch dessen Mitte ein langer, blutbefleckter Säbel gedrungen war. Mit einem leisen Seufzen sank Seryn zu Boden, als das Licht aus den warmen und unendlich gütigen Augen verschwand und ihr Lächeln wie eine Blume verfiel.

"Bist du des Wahnsinns? Die war doch erste Wahl... gute Ware. Viel verlorenes Gold!", schmetterte eine Stimme, während sich eine andere sofort rechtfertigte:
"Die Schlampe hatte doch ne Waffe, sonst wäre Milosch nich‘ so leicht zu Boden gegang’n wie ‘n nasser Sack toter Ratten.."
"Du Sohn einer schwachsinnigen, blinden Hündin!", erschall die Erste, "Das Weib hatte doch nichts weiter als einen Weinkrug über seinen Saufkopf gezunden. Der wacht schon wieder auf... aber sie nicht!"
Vielleicht war es dieses kaltschnäuzige vernichtende Urteil oder der starre, tote Blick ihrer Mutter, vielleicht auch das gleichmütige "Oh... naja, egal. Gibt ja genug davon.", welches der Säbelträger von sich gab, das Karawyns Feuer lichterloh entfachte und das kleine Mädchen mit einem Kriegsschrei auf den Mörder stürzen ließ. Doch noch ehe die erste Faust sich in dessen Gesicht bohren konnte, traf sie etwas hart am Hinterkopf und die Welt wurde schwarz… und kalt… und leer.

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2 Jahre später...

„Du wirst so lange üben, bis deine Bewegungen vollkommen sind.. es muss elegant aussehen, leicht wie der Flug einer Feder im Wind und schön wie die Wüstenblumen, die so selten sind und nur zur Regenzeit erblüh’n.“
Die schlanke Mädchengestalt nickte kaum merklich bevor sie die eine Handwieder über den Kopf führte und die Hüfte wie eine Palme im Lufthauch wiegen ließ, die nackten schlanken Füße sich rhytmisch bewegend, während die am Rand des Rockes befestigten Glöckchen klingelten.
„Eleganter… die einzelnen Figuren müssen viel weicher ineinander über gehen… nochmal!“ klang die schneidende Stimme erneut vom anderen Ende des Raumes.

Die Trommel pulsierte weder im nur kurz unterbrochenen Takt, fesselnd, beinahe wie der Schlag eines Herzens. Karawyn legte noch mehr Eleganz in ihren Tanz, die einzelnen Schritte so genau, wie nur irgendwie möglich, und diesmal wurde sie vorerst nicht unterbrochen. Leichtfüßig wie nie zuvor drehte sie sich, ließ die Locken fliegen und als sie die Augen schloss, war es beinahe wie auf Laerdomn, konnte sie die Sommerbrise in ihrem Nacken spüren, das Rauschen der wellen hören… sie wollte sich umdrehen um ihre Mutter anzulächeln, doch als sie die Augen öffnete, verklang die schöne Erinnerung und sie blickte in die beinahe schwarz glimmenden Kohlestückchen der einstmals schönen Haremsvorsteherin.
„Wenn du träumen kannst, kannst du auch noch mehr üben… Solange bis du den Tanz der sieben Schleier beherrscht!“ schnarrte sie Karawyn an.
Und so tanzte sie, bewegte sich, wie ihr geheißen, auch wenn sie keinen Sinn dahinter sah, diesen komplexen Tanz zu lernen, keine Veranlassung dazu sah, sich jeden Tag zu parfümieren oder die Abläufe der Massagen einzuüben.

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Nach der Entführung vor zwei Jahren lebte sie nun hier, auf diesem für sie namenlosen Eiland, das alle nur „Die Oase“ nannten. Zusammen mit den anderen, übrig gebliebenen Kindern, mit ihrer Cousine Illyeon und den wenigen jüngeren Mädchen hatte sie hier ein Zuhause gefunden. In den ersten einsamen Nächten, ganz alleine, hatte sie dort in den roten Samtkissen des verschlossenen Raumes gesessen, im Heiligtum des Harems und hatte bitterliche Tränen vergossen, doch als sie die Augen der anderen Kinder gesehen hatte, biss sie die Zähne zusammen, richtete die niedergeschlagene Seele auf und kämpfte… still wie das ruhige Wasser, das alles zerstören konnte, wenn es nur genug Zeit hatte.
An einem besonders schönen lauen Sommerabend dann erklang die Stimme der Haremsmutter durch die schleierverhangenen Gemächer
"Kara, der Tanzunterricht ist aus für heute zu Ende. Geh dich salben und dein Haar bürsten bis es glänzt und mach dich zurecht. Ein Gast des hohen Herren selbst ist hier für den du deine Kunstfertigkeit im Tanz beweisen sollst. Eil dich!", meckerte sie erneut und in Kara wuchs eine kleine Hoffnung. Vortanzen könnte Arbeit bedeuten, Arbeit bedeutete Geld und das wiederum vielleicht eines Tages die Freiheit für sie und die anderen Kinder. Zuversichtlich lächelte sie ihnen entgegen und spürte wie sie sich beruhigten… sie hatte Vertrauen in sie und das wollte sie nicht enttäuschen.

"Bis heute Abend...", flüsterte sie und warf das lange Haar über die Schulter, einen Blick auf die anderen zurückwerfend.
Wie Unrecht sollte sie auch diesmal haben!

Zurecht gemacht, in einem meerblauen, schulterfreiem Tanzkleid aus feinster Seide bestickt mit kleinen Wellenmotiven, das Haar in leichten Wellen über den Rücken fallend und einen hoffnungsvollen Glanz in den Augen, betrat sie den mit Kissen ausgelegten, großen Empfangsraum. Ein prasselndes Feuer im massigen Kamin erhitzte die große Halle und der schwere Duft von allerlei berauschendem Kraut schwebte durch die Luft. Ein Hüsteln unterdrückend bahnte Kara sich den Weg nach vorne zu dem großen Diwan, auf dem ihr Herr, Rahesh Chalim Ishtez thronte und mit einem wölfischen Lächeln einen schmerbäuchigen, reich gekleideten Herren umschmeichelte. Rahesh, ein gutaussehender, schlanker und hochgewachsener Mann war seit vielen Jahren Herr der Oase, des wohlgerühmten Harems auf den Meeren. Die weißen Strähnen zwischen den tiefschwarzen Haaren gaben ihm ein altehrwürdiges Aussehen, das bartlose Kinn machte es schwierig ihn auf ein genaues Alter festzulegen. Der dickbäuchige, der selbstverliebt auf einem Berg Kissen lag, starrte aus triefenden Schweinsäuglein zu der kleinen, herausgeputzten Gestalt, die vollen beinahe wulstigen Lippen hatten sich zu einem feisten Grinsen verzogen.
"Sssehr söööhn, wirklichh.", lispelte er und achtete nicht auf seine spuckende Aussprache.
"Wie alt chhhabt Ihr nochmal gesssagt?"

Rahesh bedachte Kara nur mit einem einzigen Blick, der fast so etwas wie Bedauern aussprach, ehe er sich galant wieder zu seinem Geschäftspartner wandte.

"Kara wird in ein paar Tagen zwölf."

Begeistert klatschte der Dicke mit seinen beringten Wurstfingerchen und sprach ein Urteil, dass Kara noch einmal tiefer herabzerren sollte:

"Wunderfffein, gekauft! Ssie ist doch noch überührt.. nichhhht?"

Rahesh verzog zwar leicht den Mund, in seinem Gesicht, das er von dem Gast für einen Moment abwandte, zeigte sich ein Anflug von Missbilligung, bevor er schließlich doch nickte und sich ein weiteres Lächeln abrang.

"Söööhn, söööhn. So mag ichh sssie am liebssten.", kicherte Minkhar und sein Doppelkinn wippte wie eine Schale Pudding umher, "Brennt ihr mein Sssiegel auf und safft sie dann nach Rahal um sssie sspärlicher einzukleiden. Aber wehe ihr nehmt dann nicht dasss ersste Schiff zzsu meiner Burg. Ich möchhhte das Ssspielzzseug nichht zzsu lange missssen."

Erschrocken, die Worte noch immer nicht recht verstehend, fuhr Kara, ihre Augen groß wie Unterteller und das schmale Gesicht voller Schock, herum, als zwei kräftige Wächter ihre schmalen Arme packten und sie zum einzigen Tisch in der Mitte des Raumes drängten. Man drückte sie, die nun empört aufschrie, bettelte und verzweifelt versuchte Raheshs Blick aufzufangen, mit Gewalt auf die Platte und in dem Moment, in dem sich ihr "Herr" gänzlich von ihr abwandte, hörte sie das Zischen im Rücken, gefolgt von einem erniedrigenden, sengenden Schmerz, als glühendes Metall ein Siegel auf ihre rechte Schulter brannte. Und wieder wurde die Welt um Karawyn ein Stückchen dunkler.

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Die nächsten Tage, vielleicht Wochen verschwanden in einem Meer aus Schmerzen, Fieber und Hitze, als glühten ihre Schultern noch immer unter dem heißen Metall nach. Sie glaubte Rahesh gehört zu haben, der ihr zugeflüstert habe, dass sie zumindest ein Leben ohne Hunger zu erwarten habe, wenn sie sich nicht dumm anstellte. Auch das geifernde Kichern des dicken Minkhars hatte sie mehr als einmal im Nacken gespürt. Als sie jedoch wieder etwas mehr zu sich kam und ihre Umgebung wahrnehmen konnte, war weder der Schmerbauch, noch Rahesh, noch die Insel mit den Kindern irgendwo zu erblicken. Sie befand sich auf einem Schiff und meinte sich düster daran zu erinnern, dass man von irgendeiner dunklen, großen Stadt aus den Segler betreten hatte, um zur Burg ihres neuen, widerwärtigen Besitzers zu gelangen.

Das erste Mal spürte sie Tränen in den Augen und die Verzweiflung und betrachtete stumm die feinen, silbrigen Kettenfesseln um Hände und Füße, welche ihr nur wenige, kleine Schritte erlaubten. Doch dann gewahrte sie einen einfachen Leinenbeutel, der neben ihrer Pritsche stand. Schniefend und wimmernd unter dem Schmerz der Bewegungen öffnete sie den Knoten, um nur im nächsten Moment gerührt zu seufzen. Im Inneren der Tasche befand sich nebst ihrer wenigen, belanglosen Habseligkeiten eine kleine Kette, deren Anhänger eine einzelne, meerblaue Perle war. Eine Perle, wie es sie nur auf Laerdomn gab. Jene Perle, die Karawyn selbst aus den Tiefen des Riffs vor Laerdomn hervorgeholt hatte, jenes Kleinod, das ihr geblieben war von der geliebten Heimat, von den unendlich blau-grünen Meeren von den weiten Sandstränden mit den hohen Palmen und der in den Weiten verlorenen Inseln, die einst ihr Zuhause war. Ein weiteres Mal in ihrem Leben, erwachte das seltsame Feuer...

"Heda, Mädchen. Was machste hier auf m Deck? Sollst doch unten bleiben, sonst kommste noch kränker an, als jetzt schon." Die Stimme des Matrosen, einem wettergegerbten alten Seebären, klang ehrlich besorgt und dennoch ließ sie sich nicht zurückdrängen, sondern spürte ihren alten Freund, den Wind, in den Haaren und blickte mit verträumten Augen zum Sprecher auf.
"Ich möchte doch nur das Meer sehen... noch ein einziges, letztes Mal." hauchte sie ihm entgegen und spürte förmlich wie dem Seebären das Herz aufging.
"S Meer, hm? Na gut, ist schon ne Pracht. Ich geb dir n paar Augenblicke, dann biste wieder unten, klar?"
Lächelnd trippelte sie ob der Fesseln gen Rehling und spürte die kleine Perle unter dem Tanzkleidchen, nahe des Herzens. Sie wusste, es war ihm Gegenüber nicht gerecht, er würde dafür seinen Kopf hinhalten müssen oder schlimm gefoltert werden, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Immer noch lächelnd stürzte sie sich über die Brüstung und versank in den eisigen, doch kühlenden Tiefen.

"Mann... Mädchen... Mädchen über Bord! Herrjeh, die Kleine wird mit den Fesseln ersaufen!" waren die Worte, die sie begleiteten und Kara tauchte unter und schwamm um ihr Leben.

Verfasst: Sonntag 20. März 2011, 03:40
von Karawyn
2. Die Ankunft in einem neuen Leben

Anney bugsierte Will durch die Türe des Schuppens und erwartete einen Protestruf, bekam jedoch eher ein erstauntes, ungläubiges Ächzen.

"Was haste denn, alter Spinner! Biste in n Mäusekack getret'n?", gluckste die burschikose Kleine und schob sich an dem Jungen vorbei.

"D... d.. da...", stammelte dieser, doch auch Anney hatte das "Problem" nun gesichtet.
Im Eck des Schuppens, nahe ihres Schemelthrons kauerte: Ein patschnasses, junges Mädchen in türkisfarbenen Stoff gewickelt, Hand- und Fußgelenke mit rotgeriebenen Striemen überzogen und das tropfende Haar hing teilweise in schiefen Strähnen am Kopf oder lag in dicken Büscheln um sie herum am Bretterboden.

"Was zum...", begann die Diebeskönigin und wollte zum Eindringling eilen, als jene plötzlich aufsprang und vor Schwäche mehr taumelnd als stehend ein schartiges Matrosenmesser vor sich hielt.

"Nur einen Schritt weiter und ich werde es benutzen.", fauchte sie trotz bebender Stimme und zittrigen Knien tapfer.

"Ah... ja... und du denkst nich, dass de vielleicht mit n bisschen Gegenwehr zu rechnen hast, wennste versuchst mich aus meinem Schupp'n zu werf'n?", polterte die Jüngere zurück um im nächsten Moment ihr eigenes Messerchen aus dem "Gürtel", nichts weiter als ein Stück gewöhnliche Schnur, zu ziehen.

"Macht doch keinen Blödsinn ihr Hennen...", begann Will mit bleicher Miene, doch vermutlich hätten sich besagte Kampfhennen in die Schlacht gestürzt, wäre nicht in diesem Moment die Türe aufgeworfen worden und hätte Anney der Länge nach auf die Nase purzeln lassen. Entwaffnet, die Haare übers Gesicht gebreitet und wütend drehte sie den Kopf, während das zitternde, nasse Mädchen verwundert den Blick hob.

Ein kleiner, sechsjähriger Junge spähte verschüchtert durch den Türspalt und bekam die Wut der Diebeskönigin sofort zu spüren.

"Leon, du bist so blöd wie n Schaf wuschelig!", zeterte sie benommen und achtete nicht einmal darauf, dass der Kleinere erschrocken zu wimmern begann.

Doch jemand anderes in dem Raum spürte das Leid eines "Kleineren" und fast wie eine Marionette an Fäden marschierte Kara, eine nasse Spur von Stoff hinter sich herziehend, durch den Raum um dem greinenden Kleinen beruhigend über den Kopf zu streicheln.

"Schhhhh... es wird alles gut.", sprach sie leise und wusste nicht, ob sie damit den Jungen oder sich selbst meinte.

Verfasst: Sonntag 20. März 2011, 03:56
von Karawyn
3. Der lange Weg des Vollmondes

Taumeln, wanken, zu Boden fallen.
Nicht aufgeben.
Sich wieder hochziehen und weiter…einfach weiter.
Die kleine zierliche Gestalt, die sich den Weg entlang zog, kämpfte, ihre Handflächen und –ballen bereits von Dreck und Blut der Straße überzogen. Hinter sich schleifte einen nassen, langen Stofflappen her, der sich in großen Teilen um ihren Unterkörper wickelte und der wohl einst Teil eines Kleides oder Rockes gewesen sein musste. Schmutzig war er, wohl einmal in einem sehr schönen blaugrün. Zwischen den Stoffstreifen waren bei manchen ihrer Bewegungen überschlanke, feingliedrige und leicht gebräunte Beine zu sehen, in denen sich der meerblaue nasse Sack verhedderte.

Ein schmales, feines Gesicht, zusammengepresste Lippen und Augen wie der weite Ozean, die kämpften, egal, wie aussichtslos ihre Lage auch zu sein schien. Ihr Blick suchte nach einem Menschen, irgendwen musste es hier in der Nähe des Hafens doch geben, der ihr helfen konnte und auch wollte.

Doch die alten grauen Häuser sahen sie durch die stumpfen Fenstergläser anklagend an. Der kalte Wind pfiff durch die Straßen und das Mädchen zitterte, als sie sich weiter voran zog.

Noch ein paar Meter.

Noch bis zum nächsten Straßenabsatz.

Sie kroch, robbte, schob sich immer weiter, Stein um Stein, bis zum nächstliegenden Häusereingang und senkte den Kopf auf ihre Arme, schlank und sehnig wie gespannte Bogensehnen und atmete tief durch. Die schmalen Handgelenke aufgescheuert vom langen Weg die Hafenstraße hinauf und von zu fest geschnürten Fesseln hakte sie ihre Finger in die morschen Holzbohlen, aus denen die Tür gezimmert worden war und zog den ausgemergelten Körper hoch.

Ein dumpfes Ausatmen, ein Husten und ein unsicheres Taumeln später hatte sie sich aufgerichtet, lehnte gegen den Türrahmen und suchte nach einer Möglichkeit, weiter voranzukommen. Sich an der vom Sonnenlicht ausgeblichenen Häuserwand entlangtastend kam sie nur langsam vorwärts, musste wieder anhalten, weil sie über die zerfetzten Rocküberreste stolperte und die Lumpen sich um ihre geschundenen Knöchel wickelten.
Ihre zitternden Finger zerrten an dem nassen unwilligen Stoff, zogen und versuchten sich davon zu befreien, als die die Holzbretter, gegen die sie gelehnt stand, nachgaben.

Mit einem erschrockenen Stöhnen stürzte sie rückwärts in das dunkle Gemäuer, einige Ratten stoben auseinander, als sie in ihr ruhiges Schlafplätzchen einfiel, und fauchten sie mit schmutzigen Zähnen und tiefschwarzen Augen aus den dunklen Ecken an, in die sie geflohen waren.
Die Kleine starrte mit großen erschrockenen Augen um sich und folgte dann dem ersten Reflex, der sie durchzuckte.
Flucht!
Nur weg!

Sie packte die ozeanblauen Stoffmengen und stolperte, rannte, floh einfach aus diesem Haus, ließ die Straße hinter sich und wankte um Häuserecken und an leeren Fenstern vorbei, bis sie vor einem der Eingänge zum stehen kam.
Schwer stützte sie sich gegen das morsche, fasrige Holz, das ob ihrer Berührung knarzte.
Und doch erschien ihr dieses Haus weniger feindselig als all die anderen. Mit ihrem ganzen Gewicht drückte sie die Türe auf und erblickte, zwischen den herumliegenden Tauen, Flaschen und Netzen einen kleinen Holzschemel, beinahe wie einen Thron, der in ihrer Misere alte Erinnerungen wach rief.

Dunkle weise Augen unter buschigen ergrauten Augenbrauen, ein ewiges Schmunzeln, das sie wie ein warmer Wind umfing und große, von der Arbeit knotige Hände, die sie hielten, ihr das Schwimmen beibrachten und sie durch die Luft wirbelten.

„Caer-tharag (=Großvater)“ flüsterte die Stimme des Mädchens und ihr Körper kämpfte sich vorwärts zu dem Holzstuhl, der sie so sehr an den Lieblingsplatz ihres Großvaters vor der Hütte erinnerte, von dem aus er mit ihr das Meer beobachtet hatte.

Neben den zusammengenagelten Holzbohlen brach sie dann endgültig zusammen. Ungeweinte Tränen der Schuld und das Verlusts, aber auch der Angst um eine unsichere Zukunft rannen über die schmalen Wangen.
„Cirin (=Mutter)“
Was würde passieren?
Gab es ein Morgen?


****************

Es gab einen Morgen, es gab viele Tage danach, ein Leben, Freunde… doch davon konnte die kleine verzweifelte Karawyn an diesem Tag nichts wissen.

****************

Kälte….eine Kälte, die ihr bis in die Knochen kroch, die lähmte und ihre Muskeln versteifen ließ.
Der Schnee war tiefer als die Jahre zuvor und ihre Hosen gaben dem kalten Nass mehr Angriffsfläche, als es ihr lieb war. Sie schob sich die inzwischen rückenlangen Locken unter die zerschlissene Mütze und zog den mottenzerfressenen Mantel, den sie aus gefundenen Reststücken zusammengeflickt hatte, um ihre dünnen Arme. Der Hunger zehrte an ihren Kräften, er gab der Kälte noch mehr Macht über sie.

Mit gesenktem Kopf stapfte sie durch die vom Schnee leuchtenden Gassen, presste die Hand, die den Mantel hielt in ihren protestierenden Magen und hoffte, dass Anney und Will mehr Glück gehabt hatten als sie.
Irgendwie würde sie noch ein wenig durchhalten, aber…

Es gab ja Leon, den kleinen, das Nesthäkchen.

Karawyn lächelte. Er erinnerte sie an ihre eigenen längst verlorenen Geschwister und sie musste sich eingestehen, dass sie ihn an ihrer statt verwöhnt hatte, wenn ihre kargen Mittel es hergaben.
Mit einem Schmunzeln auf den Lippen klopfte sie an die Holzbohlen ihres Schuppens, als Erkennungszeichen für die übrigen Mitglieder ihrer kleinen Familie.

Im Schuppen war es still.

Karawyn pfiff leise durch die Zähne, aber keine Reaktion.
Angst beschlich sie. Hatte man sie verraten? Hatte sich irgendein „Erwachsener“ plötzlich berufen gefühlt, die armen obdachlosen Kinder in ein Waisenhaus zu stecken?

Sie sah sich genau um, prüfte die kleinen fallen, die Will geschickt gelegt hatte, um sie rechtzeitig vor Eindringlingen zu warnen, doch keiner der Mechanismen war ausgelöst worden. Schließlich ging sie in die Knie, um zum Schlafplatz zu gelangen und stockte.
Irgendwas fühlte sich nicht richtig an.

Sie konnte die namenlose Kälte, die sich in ihr breit machte, nicht benennen, aber das nagende Gefühl ließ sie nicht los. Mit mehr Eile als notwendig krabbelte sie unter den letzten Netzen hindurch und wollte gerade nach Leon rufen, als sie den kindlichen zusammengekrümmten Körper am Boden liegen sah.

Leon….

Aber vielleicht irrte sie ja.
Karawyn hastete vorwärts und griff nach dem leblosen Körper um ihn zu schütteln.
„Mach keinen Quatsch…“, doch ihr blieben die Worte im Halse stecken. der kleine Kopf drehte sich ihr entgegen, Schaum floss aus seinem Mund und die Augen waren in den Hinterkopf zurückgerollt.
„Leon…bitte…leon…!“ schluchzte sie.
Sie schüttelte ihn, zog ihn an sich und weinte und zeterte, doch alles Leben war aus dem Jungen entwichen. Als sie ihn ein weiteres Mal zu rütteln begann, fiel ein Stück modriges, ungesund aussehendes Brot aus seiner Hand.

„Nein….“

Karawyn hörte sich und Anney, wie sie immer wieder wiederholten: „ Leon, das kannste nich essen, da ist Gift dran. Selbst die Ratten sind zu schlau dafür.“

Und er hatte es versprochen…so sehr.
Als sie von draußen Schritte hörte, das altbekannte Klopfzeichen und den Pfiff, erhob sie sich, wie von Fäden gezogen. Sie hob den kleinen Körper, blau von der Kälte, mit sich in die Höhe und hielt ihn umklammert, hielt ihn, als gäbe es keinen Morgen. Und als sie Anney und Will vor sich stehen sah, ihr weinen hörte, wurde es in Karawyn einfach nur still.

Wie damals.

Wie nach dem Verlust ihrer Mutter.

Nur eine kleine Stimme fragte im Hintergrund ihres Kopfes: Darf es eine Morgen geben?

***************

Doch egal, wie grausam die Situation erschien, auch am nächsten Tag ging die Sonne auf, der Schnee fiel und die Leute lebten weiter wie bisher.
Nur die drei nicht.
Sie begruben Leon und gingen getrennte Wege.

***************

Der Klang von Glocken und Schellen durchbrach die Stille des gemütlichen Schrankraumes. Ein warmes Feuer prasselte im Kamin, um das sich einige Männer und Frauen des Dorfes versammelt hatten. Grobe einfache Gestalten in abgewetzte Kleidung gehüllt, mit schwieligen Händen und ehrlichen Augen, die ihren Feierabend nach einem langen Arbeitstag mit einem Schluck dunklen Bier begrüßen wollten.

Einer der Männer, der Pferdehändler Keenan, hob den Kopf, um dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Sein Blick blieb an der beschlagenen Tür hinterm Tresen hängen, wo der Tavernenbesitzer und Wirt Eh’layan ibn Kha’zaray , ein dunkelhäutiger Mann von den fernen Inseln, mit dem Rücken zum Schankraum stand und mit leiser Stimme gestikulierte. Hinter ihm konnte Keenan eine junge weibliche Person in auffallend bunter Kleidung ausmachen, die seinen Worten lauschte.

„Du musst dich nicht um die Musik kümmern, Karawyn,“ ertönte Eh’layans tiefe wohlklingende Stimme. „Mahmed wird dich auf der Flöte begleiten und ich werde die Trommel schlagen.“

Das Mädchen nickte und die langen maronenbraunen Locken bewegten sich leicht. Ihre Hände hielten kleine Schellen, mit denen sie ihren Tanz zu begleiten gedachten. Eh’layan umarmte sie kurz und trat dann zur Seite.
„Und nun bring ihnen eine wenig Freude, kleine Meeresperle!“

Karawyn trat nach draußen auf den leer geräumten Platz neben der Feuerstelle, Mohmed, Eh’layans Bruder, und der großgewachsene Tavernenbesitzer ließen sich auf ledernen Sitzkissen in ihrer Nähe nieder.

Dann begann Mahmeds Flöte ein Lied zu singen, ein Lied von Sonne und Meer, von tosenden Wellen auf denen die weiße Gischt wie eine verschleierte Frau tanzte und eine Melodie von Freiheit für jedermann. Die Augen der Bauern und Landfrauen wurden weich und träumerisch, doch gerade als sich Trauer und Trostlosigkeit in ihre Herzen schleichen wollten, begann die Trommel ihren mitreißenden Rhythmus, erzählte von der guten getanen Arbeit des Tages und von der Kraft, die in jedem wohnte.

Keenans Fuß begann fast wie von selbst im Takt mitzuwippen und die anderen schlossen sich ihm nach und nach an, klatschten begeistert in die Hand, bis Flöten- und Trommelspiel ihren Höhepunkt erreicht hatten.
Auf diesen Moment hatte Karawyn gewartet.

In einer eleganten Bewegung drehte sie sich und ließ die Schellen erklingen. Ihre Füße folgten kleinen Schritten eines unbekannten Tanzes, ihre Arme und ihr Gesicht erzählten die Geschichte einer langen Reise, zeigten den Anwesenden eine Insel, die längst verschwunden lag in einem großen Meer.
Ihr ozeanfarbener Rock bedeckte sie und ließ ihren Unterleib wie den Fischschwanz einer der sagenhaften Nixen wirken, von denen Mahmed bereits erzählt hatte. Die zierlichen Arme waren mit blauen Zeichen einer fremden Sprache bemalt, Schriften aus einer anderen Welt, von weiter weg, als die Bauern und Handwerker je ihre Gedanken ausgestreckt hatten, bevor das schlanke seltsame Mädchen in ihrem Dorf aufgetaucht war.

Keenan pfiff und johlte. Jeden Abend kam er hierher und immer wieder zeigte die kleine einen neuen Tanz. Er bewunderte sie, doch ihm war sie als Frau noch ein wenig zu dünn…und zu jung.

Die Türe öffnete sich und herein trat eine, in einen gut sitzenden Mantel gehüllte ältere Frau, die schließlich den um den Kopf gewickelten Schal abnahm. Khyrdra, Schneiderin und ehemalige Kürschnerin, trat durch die sitzenden und stehen Menschen auf Keenan zu und lächelte.
„Siehst du dir wieder den kleinen Vogel an?“ Ihre graublauen Augen waren von allerlei winzigen Lachfalten umgeben und zwinkerten ihm freundlich zu. Gerade setzte Karawyn zu einer letzten Drehung an, Trommel und Flöte erstarben und sie sank in eine Verbeugung.

Johlen und Applaus folgten, Karawyn lächelte, während ihr ein feiner Rinnsal Schweiß über die Stirn lief, und sie drängelte sich an Leuten vorbei zum Tresen, blieb neben Keenan und Khyrdra stehen und ließ sich einen großen Krug Flüssigkeit geben. „Haste gut gemacht, kleine Dame.“ Keenan klopfte ihr auf die Schulter und reichte ihr eine Münze. Karawyn nahm sie dankend an und verstaute sie in den Tiefen ihres Kleides.
Als Khyrdras Blick den sehnigen Körper der Tänzerin betrachtete, blieb sie an einem Riss im Rock hängen, der mit kleinen Stichen zwar ungeübt aber doch ordentlich geflickt war. Ohne darüber nachzudenken griff ihre Hand nach der Stelle und hielt sie hoch um sie zu mustern. Karawyn hielt in ihrer Bewegung inne.

„Hast du das genäht?“ Khyrdras Stimme klang warm und herzlich. Kara nickte. „Du hast Talent! Vielleicht solltest du das zu deinem Beruf machen. tanzen kannst du schließlich nicht dein Leben lang.“
Karawyn blickte in die Augen der alten Schneiderin und in diesem Moment war es ihr, als hätte das Schicksal eine neue Tür für sie geöffnet. Konnte das die Chance auf eine sichere Zukunft sein?

********************

Sie ging bei Khyrdra in die Lehre und tanzte in Eh’layans Taverne, bis dieser mit Mahmed in seine Heimat zurückging. Und als die alte Dame starb, machte sich Karawyn auf in ihre alte Heimat.
Auf den Weg zu Anney und Will, ihrer Familie.
Und als Anney sie an einem Kaminabend mit der Idee konfrontierte, das Nachtvolk zu gründen, sagte sie zu.
Denn wenn das Schicksal einem eine solche Türe öffnet, sollte man nicht zu lange warten und überleben…das hatte Karawyn gelernt.


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Abends am Feuer singen wir leise
Spiegeln die Sterne tief sich im See
Abends am Feuer rufen die Stimmen
Seltsame Stimmen weit aus der Nacht
Weit ist die Heimat, weit und verloren
Vor uns liegt dunkel und einsam der Weg

Abends am Feuer fragen wir leise
Wohin geht eigentlich unsere Fahrt
Abends am Feuer sterben die Stimmen
Schweigende Freunde inmitten der Nacht
Aber wir reichen still uns die Hände
Wie es auch sei, wir wagen die Fahrt

Verfasst: Montag 21. März 2011, 02:48
von Karawyn
4. Reise in die Ferne oder warum der Vollmond Heimweh verspürte


Heller, beinahe schon unerträglicher, Sonnenschein sah auf das kleine Schiff hinab. Ein Zweimaster, grade größer als eine Nussschale, der mit seinen bunten Segeln auf dem Meer dahinglitt, den Wellen trotzend.
Hoch oben im Krähennest hatte sich eine junge Frau niedergelassen, ließ den Blick schweifen. Das Wasser leuchtete heute beinahe so schön wie zuhause…ihrem alten Zuhause. Jetzt, nach all den vielen Reisen lebte sie in dem kleinen Fischerdorf Bajard, war Teil einer neuen Familie, nicht verbunden durch Blut… aber ihnen so nah als wäre sie es.

Doch nun hatte sie alle für eine Woche hinter sich gelassen, denn ein besonderes Ereignis stand bevor… man wurde ja nicht jeden Tag…Patentante. Karawyn schmunzelt weich bei dem Gedanken an das kleine, wohl noch ungeborene Wesen, das irgendwo hinterm Horizont schon darauf wartete von ihr mit auf die Welt geholt zu werden. Lange hatte sie über dem Namen gebrütet, hatte überlegt und war sogar in der Bibliothek gesessen und hatte Bücher gewälzt… und doch nichts gefunden, bis es ihr förmlich ins Gesicht gesprungen war. Almandina… wie der Edelstein, der Almandin, der hell im Licht der Sonne leuchtete.

Sie hob das Fernrohr, das ihr der Matrose überlassen hatte als sie freiwillig seinen Posten übernommen hatte und ließ den Blick den Horizont entlang wandern. Allzu lange sollte die Fahrt nicht dauern und bisher war alles ruhig, kein Sturm, genug Wind in den sonnengelben Segeln, keine Piraten… alles in allem eine schnelle Fahrt, die sie unglaublich genoss.

Die Tage vor der Abfahrt waren wunderbar gewesen… sie hatte viel Zeit mit Lucien verbracht… und auch wenn sie ihn Bruder vor all den anderen nannte, so war sie sich nicht mehr sicher, was da in ihr vorging.

Warum schlug ihr Herz so schnell, wenn er sie im Arm hielt?

Warum waren diese drei Male, die er sie geküsst hatte, nicht wie die Küsse, die Will oder Luca ihr als Kind sicher mal gegeben hatten?

Und warum freute sie sich nur so schrecklich darauf sein Gesicht zu sehen, wenn er ihr Geschenk, das sie ihm von der Reise mitbringen wollte, in den Händen hielt?


Ein wenig zweifelte sie an sich selbst. Gerade erst hatte sie sich mit der Yannick-Geschichte abgefunden. Es hatte weh getan, dass er wohl nicht wollte… aus welchen Gründen nun auch immer. Und vielleicht war es auch nur Einsamkeit…die sie in Luciens Armen Ruhe finden ließ. Ruhe während sie da in seinen Armen schlief… beinahe jede Nacht. Es gab schon eine Menge Gerüchte, aber die hatte es ja auch schon gegeben, während er noch mit Neyla zusammen gewesen war.

Und nun?

Gedankenverloren schob sie die von der Seeluft noch mehr aus der Form gebrachten Locken aus dem sich leicht bräunenden Gesicht.

Konnte es sein, dass sie mehr für ihn fühlte?

Das war nicht gut… er war nach all dem Ärger und dem Schmerz mit Neyla ganz weit davon entfernt über so etwas auch nur nachzudenken und sie wollte nichts sagen… sie fühlte sich zu feige, was wenn auch er nichts anderes in ihr sah als den hübschen Körper der sich gut im Bett neben dem Eigenen macht?

Ach Unsinn! schalt sie sich in Gedanken selbst. Das ist Lucien… hätt er nur das gewollt, dann hätte er das sicher auch an anderer Stelle haben können.

Wieder sah sie übers Meer, die Hände ums Fernrohr gelegt, es aber auf den eigenen Oberschenkeln abgelegt haltend. Vielleicht kamen sie doch nicht so gut voran, wie sie dachte…weit und breit kein Land in Sicht, obwohl die Sonne hoch genug stand. Vielleicht hatte der Kapitän die Karten falsch gelesen und sie nicht zu der Insel auf der Mahmed und Eh‘layan gebracht und sie würde nun die Geburt verpassen. Karawyn presste die Lippen aufeinander und nahm nun doch den Blick durch die gefasste und geschliffene Linse in Kauf, drehte sich in die Richtung, in die sie der Wind bließ und musste beinahe lachen. Da… in der Ferne konnte sie sie sehen, dort, wie eine Perle, die darauf wartete wahrgenommen zu werden, lag das Eiland.

„Land in Sicht!“ rief sie nach unten zu den arbeitenden Seebären und konnte die Erleichterung förmlich spüren, die ihr von ihnen entgegentrieb. Sie freuten sich auf Schatten und einen Wein oder Rum in der Taverne, denn zurück würde die Fahrt heute nicht mehr gehen, dafür war zu wenig Zeit.

Die wenigen Seemeilen waren schneller vergangen und die Takelage hinab sprang sie mehr, als das sie kletterte, um schnell ihre Tasche und die Geschenke zusammenzuraffen, bevor sie, kaum dass sie die Anker festgemacht hatten schon auf dem Steg stand und mit leuchtenden Augen und wehenden Haaren Mahmed entgegen spurtete.
„Kleine Meerperle…“ rief dieser, ein kleiner Mann, etwas untersetzt, aber mit einem stets die Mundwinkel umspielenden Lächeln und fing sie in ihrem Flug auf. „Du weißt gar nicht, wie unglaublich schön es ist dich wieder zu sehn… Du bist seit dem letzten Mal noch gewachsen…“ Anerkennung lag in seinem Blick, der an ihr entlangfuhr, prüfend aber ohne die stille Frage nach mehr. „Du bist wohl nun eine echte Dame geworden.“ Ohne es zu wollen röteten sich Karas Wangen. Das war ein furchtbar nettes Kompliment, das er ihr machte, wo er doch ebenfalls schon verlobt oder gar verheiratet sein musste und sicher richtige Damen kannte.

Die beiden Kamele, mit denen er sie abholte waren schnell beladen und auch der Weg durch eine kleine Wüste kam ihr nicht lang vor, den Mahmed erzählte ihr von all jenen Familienmitgliedern, die zur Geburt von Eh’layans Tochter von fern und nah angereist waren, nur um die kleine Prinzessin zu begrüßen. Als die Zelte in der Entfernung auftauchten, war es ihr, als habe sie sich gerade erst auf den Rücken des Kamels hochgezogen.

Lange bis in die Nacht hinein speiste sie mit der Familie, lachte über Geschichten, lauschte der fähigen Bardin mit der schönen Stimme und fühlte den Bauch der werdenden Mutter, die ein hübsches junges Ding war, kaum älter als sie selbst, mit Augen schwarz wie die Nacht und Haaren bis zur Taille, in feine Zöpfe geflochten, die mit bunten Bändern durchwebt waren. In einem ruhigen Moment trat Eh’layan neben sie. den Brief, in dem sie ihn um das besondere Geschenk für Lucien gebeten hatte, war bereits vor ihr angekommen und er wollte ihr nun die begonnene Arbeit in der Schmiede zeigen, die nicht weit in einem der Zelte lag.

Drei Dolche, lang und schlank, leicht genug und doch ausgewogen und einmalig, wie es sonst kaum ein Schmied fertigen konnte… so sollten sie sein. Und schon die Rohlinge versprachen Kunstwerke zu werden. Das Metall schimmerte bläulich im Mondlicht und im Griff war bereits der Bereich zu erkennen, den einst ein nachtblauer Stein, ein tropfenförmiger Azurit, zieren sollte. Karawyn legte die Hand um den Griff und verglich aus der Erinnerung mit Luciens Händen… er würde sie halten können, als hätte es nie etwas anderes gegeben für ihn, als wären sie nur für ihn gemacht gewesen, wie ein Paar Handschuhe…. als hätte Eh’layan ihn selbst abgemessen.
Zufrieden nickte sie. Diese Schätze waren die Bezahlung, die der Schmied gefordert hatte, durchaus wert… denn das, was er als Gegenleistung gefordert hatte, war kein Gold, kein zurechtgeschneiderter Stoff, nichts dergleichen. Er wollte einen Tanz, einen bestimmten Tanz, den sie bisher für kein lebend Aug getanzt hatte.
Den Tanz der sieben Schleier.
Es war ein fürstlicher Preis für fürstliche Dolche… doch sie waren es ihr wert.

Einige Tage beobachtete sie, wie die Klingen ihre endgültige Form annahmen, wie die schimmernden Steine das Ende krönten und wie Eh’layan das ebenso nachtblaue Leder, das sie selbst gefärbt hatte, in Riemen schnitt und um den Griff legte, um das Halten angenehm zu machen. Sie selbst bezog die hölzerne Schachtel mit dem Leder, in das Sterne einpunziert waren und ihre Hände schlugen den Innenraum mit dem weichen blauen Stoff aus, der die Klingen schützte und verhinderte, dass sie gegeneinander schlugen.
Als sie am dritten Tag vollendet waren, nickte der Meisterschmied zufrieden.

Nun war es Zeit zu bezahlen….

Am Abend nun, als alle anderen am Tisch saßen und speisten, saß Karawyn in einem abseits gelegenen Zelt und fuhr mit dem Kohlestift ein letztes Mal unter ihren Augen entlang, bürstete über die Locken und steckte die weißen Schleier fest. Sorgfältig tupfte sie die parfümierte Creme auf die Innenseite der Handgelenke, auf die schlanken Hals und an die Ohrläppchen, glättete den münzenbehangenen Gürtel und überprüfte den Sitz der vielen Röcke, sieben an der Zahl, die, wie beim Tanz der sieben Schleier üblich, einer nach dem anderen fallen musste.
Als von draußen ein Glöckchen erklang, wusste sie, dass es nun kein Zurück gab.

Sie tanzte und tanzte, für jeden Schleier eine Stunde…vom Nachtblauen über alle bunten Farben hin bis zum letzten, dem Weißen. Als nur noch dieser eine übrig war, ging die Sonne am fernen Horizont auf und ließ ihr Licht von hinten an ihr vorbei strahlen. Gerade als der letzte Schleier fallen sollte, erhob sich Eh’layan und hob eine Hand.
„Ich kann es nicht annehmen…Kara… das… das ist ein besonderer Tanz, der mir nicht gebührt. ich hätte ihn nicht verlangen dürfen.“ Die kleine, von der Sonne gebräunte Tänzerin war überrascht… er wollte nicht?
„Aber die Dolche“, entfuhr es ihr, bevor sie ihn aus den großen hell strahlenden Augen ansah.
„Die hast du dir längst verdient, kleine Meeresblume… nimm sie und schenk sie dem, der dir wichtig ist.“ Eh’layan’s Lächeln war warm, seine dunklen Augen funkelten, als er ihr den geschlossenen Kasten entgegenhielt. „Nimm sie und hab viel Freude daran.“
Als Kara die Dolche in ihre Arme schloss, drehte sich ihr alter Freund weg und ging, die helle Sonne seinen roten Kaftan bescheinen lassend. Zurück blieb Kara… vollkommen erschöpft, aber so glücklich wie nie zuvor.

Am Abend war es dann endlich soweit. Die Geburt begann. Und obwohl sie die erste für die junge Mutter war, verlief sie ruhig und ohne Probleme… Kara stand mit großen Augen neben dem Bett und empfing die kleine schreiende Schönheit. Sie gelobte, sie aufzunehmen, wenn ihren Eltern ein Unglück geschehen sollte und sie versprach, für sie wie eine zweite Mutter zu sein. Dann legte man ihr Almandina in die Arme und sie badete den kleinen Körper, während das Mäuschen begeistert gluckste, sicher gehalten im warmen Wasser. Als sie dem Mädchen die traditionelle erste Kleidung umlegte und der Mutter feierlich übergab, sah sie all die Familienmitglieder, die um das junge Glück standen, sah wie Mahmed, den Bruder umarmte, vernahm die freudigen Rufe der anderen Frauen, die sich um Mutter und Kind scharten und in ihrem Herzen fühlte sie plötzlich einen Stich.
Sie hatte alle hier gern und mehr als einmal hatte man ihr angeboten doch zu bleiben, doch als Eh’layan plötzlich seiner Schwester auf die Schulter klopfte, konnte sie nicht umhin sich vorzustellen, was jetzt wohl Anney und Will machten… wie es Leonard ging, welcher Wind wohl Yannick umher wehte und ob unter einer wirren Decke weißer Haare wohl ein kleiner Gedanke an sie seine Runden drehte.
Sie vermisste die anderen schrecklich.
Und sie wollte zurück.
Im Scherz hatte sie zu Lucien gesagt, er solle nur mal sehen, ob sie zurückkäme… aber er wusste sicher, dass sie die Anderen niemals aufgeben konnte. Und schließlich war er es gewesen, der vor der Rothaarigen gesagt hatte, sie wäre viel zu überbesorgt… als wäre es nicht Sorgen wert, wenn man drei Mal in einer Woche verletzt wurde und dem Tod ins Auge blickte.

In einer stillen Minute gestand sie Eh’layan, wie es ihr ging und er verstand, wie er meist verstand. Am nächsten Morgen fuhr dann ihr Schiff ab, mit einer selig lächelnden Karawyn im Ausguck, den Dolchen, einer selbstgezeichneten Karte von Laerdomn, einem mit Rezepten gefülltem Kochbuch und einem großen Vorrat an Pfefferminzlikör und –sirup in der Tasche. An alle hatte sie gedacht, hatte für alle etwas wunderbares gefunden… und nun konnte sie nicht erwarten nach Hause zu kommen.

Zu ihrer Familie.

Zum Nachtvolk.

Verfasst: Dienstag 22. März 2011, 02:19
von Karawyn
5. Warum Heimkehr nicht immer nachhause kommen heißt

Da stand sie nun… auf dem Steg, auf dem sie schon so oft gesessen hatte, auf dem sie sich mit einer wütenden Seeschlange angelegt hatte, die gekommen war um ihrem Lied zu lauschen und mit Apfelwein dafür beworfen worden war. .. auf dem Steg, der für sie Heimkehr bedeutete.. auf dem ein lauer Frühling sie umwehte, wo sie in den letzten Tagen von Sommersonne geküsst worden war. Von dem wunderbaren Schein des Südens…

Ein leises Seufzen entkam ihrer Kehle, als sie auf die Schiffskombüse zusteuerte… denn wenn sie eines auf der Reise hierher bekommen hatte, dann Hunger auf etwas anderes als Dörrobst und feuchtes Brot. Auf einen Wein… vielleicht eine süße Nixe. Doch die Kombüse war leer… keine vertrauten Gesichter, kein Lachen, keine Plaudereien. Karawyn seufzte erneut und öffnete die kleine Tür hinter die Theke, nahm sich eine Flasche Wein und ein wenig frisches Brot und kalten Braten und warf dem dürren Hans ein paar Münzen zu.
Sich setzend machte sie sich hungrig über das Essen her. Was machte es schon aus… irgendwo waren die Anderen sicher, sie konnte es kaum erwarten, sie zu sehen. Als sich die Tür öffnete, hob sie den Blick… aber welch Wunder, die Person, die eintrat war eine jener, die sie nicht hier zu treffen gedacht hatte…. Neyla…

Verwundert war sie, vor allem, als sie ihr sagte, was sie beschäftigte… welche Gefühle sie noch für Lucien hegte… und wie sie nun, da die Zeit ins Land gegangen war, über all das Vergangene dachte. Ein wenig Mitleid hatte sie für Neyla, konnte ihren Schmerz fühlen und doch… wenn sie an das kalkweiße Gesicht Luciens dachte, als Imera Katuri die toten Überreste des kleinen Wesens gebracht hatte, um dem Körper die letzte Ehre zu erweisen… da hatte ein Teil ihrer selbst sie verachtet… denn etwas so wunderbares wie das kleine Sternenkind war tot, unwiederbringlich… zurück zu den Sternen, aus denen es einst geboren worden war. Sie hatte den lautlosen Schrei aus seiner Kehle gehört, als er sie nach draußen gebeten hatte, hatte Tränen um ihn vergossen und sich die Haare gerauft, doch nichts hatte es leichter gemacht ihn zu sehen.
Als sie sich schließlich wieder auf den Weg nach Hause machte, fand sie Lucien schließlich doch … am Eingang von Bajard… doch Freude über ihre Rückkehr sah in Karawyns Vorstellung anders aus. Kaum ein Blick, der sie würdigte, kein freundliches Wort… keine Umarmung… nichts. Da saß er wieder mit der Rothaarigen, deren Name Majalin war, wenn sie sich recht erinnerte.

Ein schaler Geschmack überzog die Innenseite ihres Mundes. Hatte sie einen Fehler gemacht? War Lucien vielleicht doch froh sie endlich los geworden zu sein? Einen Schritt trat sie zurück und lächelte höflich, Stille auf ihrem Gesicht… und noch mehr davon in ihrem Inneren. Es fühlte sich an wie das eisige Wasser, in das sie gefallen war, als sie vor Rahal vom Schiff gesprungen war… doch nichts in ihr erinnerte an die Erleichterung, entkommen zu sein. Stattdessen fragte sie sich, warum sie zurückgekommen war.

Anney war nicht aufzufinden, Will noch immer auf Reisen… Tulena war mit ihrem neuen Ehemann beschäftigt und Leonard war irgendwo unterwegs… tja… und Yannick… ihn hatte sie nicht gefunden, aber sie wollte auch nicht die Betten sämtlicher Tavernen absuchen. Nur die Schafe in ihrem Garten hießen sie mit ihren kleinen weichen Mäulchen willkommen und forderten Apfelschnitze.

Aber die Leere in ihrem Haus war nach den wunderbaren Tagen zu viel.

Das kleine Zimmer zu eng.

Der Keller mit zu vielen Erinnerungen besetzt.

Die Nacht verbrachte sie lieber draußen… zusammen mit den Sternen. Wenn sich schon sonst kaum jemand freute, so würde sie wenigstens die hellen Himmelspunkte genießen… hier draußen, nur eingehüllt in den dünnen Mantel der Nacht.


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Verfasst: Sonntag 1. Mai 2011, 00:05
von Karawyn
6. Feuer über Bajard

Stille… Schwärze… und überall Feuer.

Ein Gefühl, als wolle man sie bei lebendigem Leibe verbrennen. ..
Ihre Arme und der Oberkörper schmerzten, brannten, hatten das unbekannte Feuer berührt und waren versengt worden… als nun ein letzter lodernder Schlag sie in den Rücken traf, senkte sich die gnädige Umarmung der Nacht über sie. Ohnmacht kam über die schlanke Tänzerin wie ein gnädiger Engel und holte sie aus der sie umgebenden flammenden Welt.

Dort, hinter dem Holzhaus, gleich bei den Ställen, fiel sie einfach zu Boden, wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte, fiel, die Kleidung nur noch zu Resten verschmort, die an der von Sonnenlicht geküssten Haut festklebten, fiel… die leuchtenden blauen Augen hinter brandblasenüberdeckter Haut verborgen.
Die schlanken Hände, die so manche Geschichte von fernen Plätzen erzählt hatten, lagen nun verkrampft und geschunden vom heißen Dampf, der durch die Straßen wehte, unter Karawyn begraben…
Mitten in all der Glut, dem umherwandernden Vulkangeist, der all die Seinen gerufen hatte um mit ihm den Moment seiner Befreiung zu feiern, in mitten all der Kämpfe um das eigene Leben, sank sie nieder und ließ sich in das sie willig aufnehmende Dunkel gleiten, das seine Arme um sie breitete wie eine Mutter um ihr verlorenes Kind.

Vergangenes tat sich vor ihr auf, als könne sie es erneut aus der Sicht einer anderen Person erleben. Sie hörte, wie sie sich mit Lucien ausgesprochen hatte, draußen, an ihrem Gartenteich…atmete im Inneren erleichtert auf, denn nun wusste sie, das alles nur ein Missverständnis gewesen war… das sie beide verletzt waren ohne Grund, denn er hatte gedacht, sie würde wirklich nicht zurückkommen und sie hatte nur einen Scherz gemacht.

Als hätte sie ihre Lieben zurücklassen können…

Sie fühlte einen Anflug von Freiheit in den Tiefen ihrer sie umgebenden Dunkelheit… die Geräusche der Außenwelt drangen nicht mehr an ihr inneres Ohr und beinahe war ihr, als umwalle sie eine sich immer weiter ausdehnende Kälte… als…
Als plötzlich wieder Schmerz in ihr Bewusstsein vordrang… zwei sie umschlingende Arme, die über die rohe verbrannte und wunde Haut schrappten und sie aus dem sanften Kokon der Nacht entrissen.
Eine vertraute Stimme rief ihren Namen…
Zuerst klang es wie ein Flüstern, das an die seidene Wand ihrer Selbst pochte, dann mit etwas Kraft, bis sie sich in die Luft gehoben fühlte, unfähig zu reagieren, unfähig sich zu äußern oder verständlich zu machen…
Und als der Schmerz sie wieder überrollte, erkannte sie die Besorgnis in der männlichen Stimme: Lucien…

Lucien… der Freund

Lucien… den großen Bruderersatz

Lucien… der nun vergeben war… der für sie nie mehr sein würde, als ein wichtiges Familienmitglied… des Nachtvolks.

Sie konnte hören, dass er sprach… doch wie durch eine Wand plätscherndes Wassers waren die Worte verzerrt und verwaschen, gingen unter in einer Woge brennender schmerzen, als er sie bewegte, sie zu tragen schien.
Sie wollte ihm danken, dass er sie nicht einfach hier liegen ließ… aber sie entglitt erneut, als sie ihre Vertraute, die tiefschwarze Nacht, in ihre Arme nahm und schlafen schickte.

Bei ihr fühlte sie Sicherheit, aber auch Schmerz, als geübte Hände den Rest der zerstörten Kleidung von der Haut zogen und schnitten.
Ein merkwürdiger Geruch, der sich in ihrem Bewusstsein ausbreitete, ließ sie noch tiefer sinken in das Nachtblau, dass sie umfangen hielt… ihre kleine Welt in Indigo und Lampenschwarz, in Königsblau und schillerndem Meergrün bot ihr Schutz vor der feurigen Welt da draußen.
Wunderbare Stille… einlullende Klänge des Meeres… leises Rauschen der Wellen ihrer Heimat…

Geborgenheit und Wärme…

Und doch…

Sie wollte zurück…

Zurück zu dem kleinen Haus in Bajard..

Zurück zu den Freunden…

Zurück zu ihrer Familie…

Denn noch war es nicht an der Zeit zu den Sternen zu gehen.

Wie durch Watte kämpfte sie sich ihren Weg zurück an die Oberfläche des Sees, der sie gehalten hatte, sah in ein Paar blauer orientierungsloser Augen der Heilerin und fühlte die warme Brise von draußen, die über die verbrannte Haut strich.
Erst erkannte sie nichts in ihrer Umgebung, die noch verschwommen lag, doch bald nahmen die Konturen immer mehr zu.
„Wir können nicht hier bleiben… Das Holzhaus ist nicht sicher genug. Wir müssen zu mir in den Steinkeller.“, hörte sie Luciens Stimme von der Tür rufen und darauf eine leise Entgegnung Majas… der Frau die sie ins Leben zurückgebracht hatte. Doch sie konnte nicht… konnte doch nicht mit ihnen gehen. Sie musste zurück zu ihrem eigenen Zuhause und es vor dem Abbrennen retten, war es doch das Einzige, das sie besaß.
In ihrer Verzweiflung versuchte sie zu protestieren… ein leises Stöhnen, nicht mehr.
Doch Majas kleine, zierliche Hand strich ihr über den Kopf: „Schh… keine Sorge…“
Die Angst in ihr verstummte nicht, doch… irgendwo in ihrem Unterbewusstsein hallte ein Bild vor ihrem inneren Auge, ein Bild von sich selbst…sie hatte die Tiere in den Keller gebracht und dir Treppe mit einem Stuhl verbarrikadiert, um sie vor dem sengenden Wind zu schützen.

„Wir müssen sie wegbringen, Maja… ich trage sie.“

Mit geschlossenen Augen konnte sie den Ausdruck auf Majas Gesicht nicht sehen, doch vernahm sie die Sorge als sie verneinte… als sie ihm erklärte, sie zu tragen würde ihr durch die bloße Berührung seiner Hände Schmerzen zufügen. Das Drängen in Luciens Stimme wurde mehr und mehr, als ein lautes Grollen draußen über den Himmel zog und so drückte sich Karawyn eben selbst mit aller Kraft hoch, sie ließ sich helfen eine ihr zu weite schwarze Robe überzuziehen. Als der dunkle grobe Stoff über die noch unverbundene verbrannte Haut gezogen wurde, unterdrückte sie das Bedürfnis zu schreien.

Majas Stab war ihre Hilfe, auf die sie sich stützte, mit dem sie sich hinter den beiden anderen her zog. Lucien als sehendes Auge immer ein oder zwei Schritt voraus.

Karawyn war nie zuvor ein Fußmarsch so weit vorgekommen, noch nie zuvor hatte sie sich so sehr gewünscht aufzugeben, doch sie biss die Zähne zusammen und gaukelte sich immer neue kleine Zwischenziele vor…

… nur noch bis zum Apfelbaum…

…nur noch bis zum Zaun der Taverne…

… nur noch die wenigen Schritte zum verwaisten Stand der Schneiderin…

Doch dann war sie endlich da. Unendlich langsam quälte sich ihr Körper die Treppen nach unten… gefolgt von Maja…und brach schließlich vor dem Kamin zusammen.
Die vielen Bandagen, die sie umwickelten, merkte sie dank Majas Creme nicht mehr so sehr und irgendwie schaffte sie es sogar, Majas eigene Verletzung zu verbinden… Sie wollten Lucien gegenüber darüber schweigen.. doch das waren nur Worte, wie Kara schon am nächsten Tag erfahren sollte.

Jetzt ging es nur darum wieder gesund zu werden…wieder tanzen zu können… und die mit Brandblasen übersäten Finger verheilen zu lassen. Das leise Flackern des Feuers und ein weiches Kissen nahmen Karawyn den letzten Rest Kraft und sie entsank in einen langen traumlosen Schlaf, auf dem Fell vor Luciens Kamin.
Dort würde sie bleiben… einige Tage… bis sie wieder zurück nach Hause konnte.